Reif für die Insel

von ruawei
GeschichteHumor, Romanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert Johannes Staller
19.05.2020
09.06.2020
11
10.120
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19.05.2020 935
 
Etwas Leichtes in schwerer Zeit!
Viel Spaß beim Lesen!


"Du bist so ein Depp!", keifte die Pathologin Doktor Anja Licht den Polizeiobermeister Franz Hubert an. "Ja, wer kriegt denn hier nix geklärt!", fauchte dieser zurück. "EINEN Fingerabdruck hab i ja gfúnden!", verteidigte sich Anja aufgebracht. "Den, der an fast jedem Beweisstück dran ist, das du ablieferst. Ansonsten ist das Taschentuch zwar zerknittert, aber frisch gewaschen. Und außerdem bin i no ned fertig!" Die beiden Ex-Ehepartner, die auch nach ihrer Scheidung von Berufs wegen zwangsläufig zusammenarbeiten mussten und sich dabei immer wieder kräftig in die Haare gerieten, standen sich in der Pathologie des Wolfratshauser Krankenhauses, Anjas Arbeitsplatz, gegenüber. Zwischen ihnen aufgebahrt - die Leiche, Anlass der eben geführten hitzigen Diskussion. Die beiden sahen sich noch einen Moment lang wütend an, dann drehte sich Hubert um, verließ wortlos den Raum und schmetterte die Türe hinter sich zu. "Blödmann!", rief ihm Anja noch nach. Frustriert setzte sie sich wieder vor ihr Mikroskop, um ihre Arbeit fortzusetzen. Sie blickte durch das Okular, doch die aufsteigenden Tränen ließen die winzigen Teilchen, die durch das Objektiv sichtbar wurden, vor ihren Augen verschwimmen. Warum musste es immer soweit kommen, dass sie sich dermaßen stritten, wenn sie sich trafen? Konnten sie nicht irgendwann wieder zu einem friedlichen respektvollen Miteinander finden, trotz der Scheidung? Sie hatten sich schließlich einmal geliebt - und ein bisschen tat es Anja immer noch!

Hubsi stürmte inzwischen wutentbrannt aus der Pathologie und ließ sich auf den Fahrersitz des Streifenwagens fallen, der frontal vor dem Eingang geparkt war. "Habt ihr euch wieder gezofft?", fragte ihn sein Kollege und Freund Johannes Staller vom Beifahrersitz aus und schüttelte den Kopf. Hubsi gab keine Antwort, startete nur finster vor sich hin blickend den Motor und fuhr mit quietschenden Reifen los.

"Jetz ham mir koan Verdächtigten mehr, bloß weil die bleede Henna ned in der Lage is, an dem Taschentuch irgendwelche Spuren festzustellen!", maulte er nach einer Weile. "Vielleicht hätt ja die Anja was gfunden, wennst ihr des Taschentuch früher geben hättst, bevorst ...", wollte Hansi ihre kompetente und hübsche Pathologin in Schutz nehmen, doch mit einem barschen "Halts Maul, Hans!" fuhr ihm Hubsi über den Mund.

Schweigend fuhren sie zum Café Rattlinger. Hansi kurbelte das Fenster herunter und rief in den Laden hinein: "Zwei Cappuccinos und zwei Leberkassemmeln, bitte!" Dann warf er der Inhaberin noch eine Kusshand zu.
Wenig später kam Sabrina Rattlinger mit einem Tablett mit zwei dampfenden Kaffeetassen und zwei Tellern zum Streifenwagen. "Ich bin fei kein Drive-In!", schimpfte sie, "das nächste Mal fahrt ihr zum McDonalds oder hebt euren Hintern hoch und kommt rein!"
"Geht ned!", erwiderte Hubsi mit finsterer Miene, "der Hans kann ned laufen. Er ist gestern glei auf drei Wespen gelatscht, als er sich inkognito und halbnackt unter die Badegäste am See gemischt hat."
"Welche Laus ist denn ihm heute über die Leber gelaufen?", fragte Sabrina neugierig an Hansi gewandt und deutete auf dessen Partner, während sie die Kaffeetassen ins Wageninnere reichte. "Er hat gestern a Beweisstück, a Taschentuch, in sei Hosntaschn gsteckt...", erläuterte Hansi missmutig, verärgert über die Tatsache, dass sich Sabrina nur für Hubsis Gemütszustand und nicht für sein eigenes Elend interessierte.
"... das der Täter, dem ich allein nachrennen musste, verlorn hat!", ergänzte Hubsi immer noch übellaunig. "Und? Hast ihn erwischt?", fragte Sabrina treuherzig. "Naa!", musste er mürrisch zugeben, "zu zweit wärs besser gegangen, aber der Herr hat sich ja mit ein paar flotten Bienen am Wasser vergnügen müssen - und danach mit drei Wespen!", erklärte er halb griesgrämig, halb hämisch.
"Des is ned wahr - ich hab ermittelt!", verteidigte sich Hansi aufbrausend, "ich hab einen Liegestuhl beschlagnahmt, auf dem der Täter vermutlich gesessen war ...!"
"... den ich allein zum Streifenwagen und später in die Pathologie schleppen musste!", fuhr Hubsi grimmig fort.
"Und dabei hat er vergessen, das Taschentuch abzugeben, und es abends mit seiner Dienst-Hosn mitgwaschen. Danach waren die Blutspuren natürlich weg und unser Verdächtigter ist es jetzt auch!", vollendete Hansi missvergnügt an Sabrina gewandt, während ihm Hubsi einen tödlich gemeinten Blick zuwarf. Die Cafebesitzerin lachte lauthals: "Mei der Weiße Riese ...!" Dann leierte sie feixend den Werbeslogan herunter: "... entfernt selbst hartnäckige Flecken wie Ei, Blut, Kakao!", bevor sie auch noch die Teller mit der Brotzeit übergab.

Als die beiden Dorfgendarmen später aufs Revier zurückkehrten, rief ihnen ihre junge Kollegin, Polizeimeisterin Sonja Wirth, die die Telefonzentrale am Empfang überwachte, zu: "Jungs, gute Nachrichten. Die Anja hat gerade angerufen. Sie hat extra auf ihre Mittagspause verzichtet und durchgearbeitet und hat tatsächlich noch minimale Spuren an dem Taschentuch feststellen können, die mit denen am Opfer übereinstimmen. Das heißt: Bingo! Ihr habt euren Mörder!"
"Da siehst, die Anja..." rief Hansi euphorisch und seine Augenbrauen hüpften begeistert. "Halt einfach des ...!", wollte Hubsi gerade ansetzen, doch nun war es Hansi, der ihm über den Mund fuhr: "Du bist wirklich a Depp!" Hubsi starrte ihn nur feindselig an.

Später allein daheim ließ sich Hubsi zufrieden in seinen Sessel fallen und öffnete eine Flasche Bier. Staller und er hatten wieder einmal in Nullkommanix einen Mord aufgeklärt. Da durfte man sich schon mit einem kühlen Weißbier belohnen! "Aber nur, weil die Anja mit ihrer Kompetenz und ihrer akribischen Arbeitsweise euch wieder aus der Patsche geholfen hat!", meldete sich plötzlich sein Gewissen. "Ja mei, des is ihr Job!", wiegelte sein Sturkopf ab.
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