Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ein Brief

OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Palermo / Martín
18.05.2020
18.05.2020
1
1.080
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
18.05.2020 1.080
 
Palermo, 10. April 2018


Lieber Andrés, ich…

Andrés, ich…

Ich vermisse…

Ich weiß nicht, was ich schreiben sollen. Ich habe mir seit Monaten, seit diesem einen schrecklichen Moment, nichts mehr gewünscht, als einfach nur mit dir reden zu können. Aber jetzt fällt mir nichts ein. Dabei rede ich ja nicht mehr wirklich mit dir. Dieser Brief wird niemals abgeschickt werden. Ich werde ihn wahrscheinlich verbrennen, damit das hier niemand finden kann.
Ich will nicht, dass irgendjemand das hier liest. Es ist nur für dich bestimmt.
Du bist der einzige, der das hier vielleicht verstehen kann.


Ich habe immer gedacht, dass du dein Versprechen noch einmal wahrmachst. Dass du noch einmal zu mir zurückkommst. Ich habe auf dich gewartet, bis… Bis vor einem Jahr.
Ich wollte dich wiedersehen, um jeden Preis. Ich wollte es so sehr. Der gepackte Koffer steht immer noch in meinem Schrank, ich bringe es nicht über mich, ihn auszuräumen. Aber du hast mir gesagt, dass du mich nicht wiedersehen willst. Und ich kann nicht anders als dir zu gehorchen. Ich habe noch nie anders gekonnt. Aber was erzähle ich dir hier eigentlich?
In dem Moment, in dem du mich fortgeschickt hast, hast du gewusst, dass ich nicht versuchen würde, etwas dagegen zu tun. Warum hast du das getan?
Du liebst mich nicht, das hast du mir ja mehr als deutlich gemacht. Aber das hätte ja auch nicht sein müssen, um mir zu erlauben, dich zu lieben. Dich zu retten.
Warum hast du mir das nicht erlaubt? Warum hast du mir nicht erlaubt, mein Leben für deins zu geben? Warum hast du die Kugeln abbekommen, die in meiner Brust stecken sollten? Warum hast du mir diesen Moment nicht gegönnt? Warum, Andrés?
Ich wäre gestorben, und ich hätte es mit einem Lächeln getan. Das hast du gewusst, als du mich zurückgelassen hast. Du hast mir damals gesagt, du würdest mich aus Liebe verlassen. Aus Brüderlichkeit.
Du hast dich damals schon für mich geopfert, indem du mir das Herz gebrochen hast. Du hast mich verstoßen, um mich zu retten. Ich hasse dich dafür. Du hast mir nicht eine Chance gegeben. Und weißt du, was das schlimmste ist?
Es war vergebens.

Dachtest du, dass ich über dich hinwegkommen würde? Dachtest du, dass ich stark genug dafür wäre, diese Ketten zu sprengen, die mich an dich binden? Mein Freund, du hast dich geirrt. Du hast einen schrecklichen Fehler gemacht.
Da, in der Königlichen Münze, da bin ich gestorben. Dein letzter Atemzug, das war meine sterbende Seele, dein letzter Herzschlag, das war eine letzte Liebkosung.
Wenn ich in den Spiegel sehe, dann sehe ich einem Toten ins Gesicht. Einem Toten, den ich nicht kenne. Er sagt, dass er Martín Berrotte heißt, aber ich glaube ihm nicht. Martín Berrotte liegt neben dir in einem anonymen Grab, irgendwo in Spanien.
Aber ich bin noch hier.

Jeden Tag, jeden einzelnen Tag halte ich mir die Waffe an den Kopf, direkt an die Schläfe. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, einfach abzudrücken. Alles vorbei, mit einem Schlag. Aber selbst das hast du mir versaut. Bis du es mir erlaubst, werde ich dich nicht wiedersehen.
Und so öffne ich die Augen und lege jeden Tag die Waffe wieder beiseite.
Du lässt mich nicht sterben und ich lasse mich nicht leben. Weil ich es ganz einfach nicht kann.
Ich kann nicht ohne dich leben. Ich kann nicht ohne mein Leben leben. Ich kann nicht leben ohne meine Seele.
Ich vegetiere nur noch, als würde ich auf irgendetwas warten, von dem ich doch eigentlich weiß, dass es nicht kommt.

Du wirst dein Versprechen nicht mehr einhalten. Wir werden uns niemals wiedersehen.
Und weißt du, was ich tun werde?
Ich werde weitermachen wie bisher. Ich werde alles versuchen, um deinem Opfer einen Sinn zu geben. Nur eine Sache kannst du nicht von mir erwarten: Ich kann dich nicht hinter mir lassen.
Zehn Jahre lang hab ich dich geliebt, was schreibe ich da? Ich liebe dich immer noch, ich kann damit nicht aufhören, selbst wenn ich es wollte. Aber ich will es nicht einmal. Ich brauche den Schmerz, ich lebe nur noch für ihn. Er ist alles was mich noch zusammenhält.

Was tue ich hier?

Was schreibe ich hier?

Es ist nur ein dummer Brief, ein beschissenes Blatt Papier. Ich rede nicht mit dir, du wirst das hier niemals lesen. Ich brauche einfach nur irgendetwas, das den Schmerz erträglich macht. Ich brauche ihn, aber er frisst mich auf, brennt mich von ihnen aus, brennt alles Menschliche aus mir heraus. Du hast mir gesagt, ich soll weiterziehen und meine Wunden lecken. Ich bin nur noch ein Tier mit eiternden Wunden, das sich in seiner Höhle verkriecht.
Andrés.

Ich…

Ich will das alles nicht mehr.

Diese Trauer, diese Wut, diese ganze Dunkelheit in mir drin, ich will sie einfach nicht mehr spüren. Bitte, erlaub mir, mich endlich von allem abzuwenden. Andrés, du hast es mir versprochen. Wir sehen uns wieder.
Ich vergrabe meinen Kopf in den Armen und lasse die Tränen in meinen Ärmel sickern. Mein Körper zittert, meine Lippen beben. Ich erinnere mich noch daran, wie sich deine Lippen drauf angefühlt haben. Und schon ist es noch mehr Schmerz, der durch mich pulsiert.


Ich habe dich im Fernsehen gesehen, wie du mit den Journalisten geredet hast. Ich habe es nicht geschafft, es wir zu Ende anzusehen. Ich wollte, aber ich habe es nicht ausgehalten. Es tut mir leid, wahrscheinlich denkst du jetzt, dass alles was ich vorher gesagt habe, einfach nur hohle Phrasen waren.
Aber ich habe es nicht ertragen, dass das letzte Bild, das ich von dir habe, die Inszenierung für eine fremde Kamera sein soll. Ich habe dich dort auf dem Bildschirm gesehen und gewusst, dass es das letzte Mal sein wird.

Andrés, ich brauche dich. Bitte lass mich zu dir. Du musst mich nicht lieben, ich habe zehn Jahre gewusst, dass du das nicht tust. Ich will nichts mehr, als einfach wieder zurück zu dem, was wir hatten. Ich will wieder zurück an deine Seite, in die Zeit bevor diese ganze Scheiße passiert ist.
Erinnerst du dich noch an diese Zeit?
Wir waren jung, wir brannten an beiden Enden, uns gehörte die Welt. Lass uns doch wieder so sein. Ich komme zu dir und wir können wieder jung sein. Wir ziehen nach Buenos Aires, in eine Wohnung im Viertel Palermo. Und dann kann ich dich lieben, bis zum Ende der Ewigkeit. Wer weiß, vielleicht liebst du mich irgendwann zurück.



Andrés, ich liebe dich.



Martín
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast