Adler und Eiche

von trustno1
GeschichteDrama, Romanze / P18
17.05.2020
11.08.2020
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17.05.2020 2.577
 
Hallo

Ja, was soll ich sagen... ich wollte schon lange mal wieder was veröffentlichen. Aber von meinem Zeitmangel mal abgesehen ist mir das nach Anora leider alles andere als leicht gefallen.

Trotzdem gehe ich jetzt mal diesen Schritt und lade ein Kapitel einer neuen Geschichte hoch. Ich habe leider nicht mehr die Zeit wirklich jeden Tag ein Kapitel zu veröffentlichen, ich hoffe das ist Okay.

Aber hin und wieder will ich die Geschichte schon weiter schreiben, weil ich meine Lust am Schreiben durchaus wieder gefunden habe. Dieser Schritt ist jetzt einfach wichtig für mich und deswegen gehe ich ihn. Aber glaubt mir das es durchaus Überwindung gekostet hat, das nach so langer Zeit wieder zu tun.

Damit wollte ich mich noch bei euch bedanken, bei allen Treuen Leserinnen von Anora, euren vielen Mails und Reviews. Auch wenn ich nicht auf alle reagiert habe, habe ich alle gelesen und danke euch herzlich!
Übrigens wurden von der Seite Fanfiktion aus alle Mails gelöscht die Älter als ca. 2 Monate sind. Falls ihr mir also früher einmal geschrieben habt, habe ich diese Mail leider nicht mehr.

So, jetzt zu der neuen Geschichte. Sie spielt ebenfalls in Westdorn und vielleicht gibt es ja im laufe der Geschichte ein Wiedersehen mit bekannten Figuren?! Jedenfalls spielt sie nach Anora, also auch nach dem Ende das ich für Anora im Kopf hatte.
Ihr wisst ja vielleicht das meine ganzen Notizen zu Anora verloren gegangen sind, deswegen könnte es sein das ich hier und da vielleicht etwas vergesse. Vielleicht einen Namen oder einen Stammbaum... wenn euch so etwas auffällt, dann schreibt mir bitte eine Mail. Das wäre sehr nett von euch und dann werde ich das überarbeiten.

So, jetzt aber zu der Geschichte:

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Ich hob das Kinn und versuchte, so unnahbar und hart wie ein Fels zu wirken. Was reiner Selbstschutz war, denn dieser Tag hätte nicht schlimmer verlaufen können. Ich stand in meinem hellen Kleid hinter dem Stuhl meines Vater und war dazu verdammt, den Männern rund um den Tisch nur zuhören zu können. Ich wusste, ich durfte mich nicht einmischen. Es stand zu viel auf dem Spiel und so ließ ich es nur über mich ergehen.
Ich erinnerte mich an den Augenblick, kurz bevor die Versammlung begann, nahm mein Vater mich beiseite und sagte: „Ich hoffe, du verzeihst mir was heute passiert, mein Kind.“
Dabei waren diese Worte von ihm nicht nötig. Ich wusste, dass er das alles nicht gewollt hatte und dass er es verhindern würde, wenn er könnte. Aber zu viele Leben standen auf dem Spiel.
Nur langsam ließ ich meinen Blick über die Gesichter unserer Gäste fahren, wobei sie eigentlich nicht unsere Gäste waren, sondern unsere Eroberer. Die Familie Eichenstein war gefallen, der Krieg war vorbei und mein Haus, das Haus meines Vaters drohte unter zu gehen. Die letzten Jahre waren schwer für uns gewesen, für mich umso unerträglicher. Mein Mann war in den Krieg gezogen und nicht wieder zurückgekommen, dabei hatte er das Geld und die Männer meines Vaters mit sich gezerrt. Jetzt war unser edles altes Haus kurz vor dem Ruin, die Menschen begannen zu hungern, die Ernten waren schlecht und die Armee des Königs marschierte mit jedem Tag weiter auf unser Zuhause zu. Vor drei Tagen waren die Streitkräfte vor den Mauern von Mooswacht aufgetaucht und hatten ein Belagerungsring um uns gezogen.

Es gab keine Möglichkeit diese Schlacht zu gewinnen und so bat mein Vater die Kapitulation an. So kam es, dass die große Halle von Mooswacht voller fremder Bannerträger war, voller Soldaten mit den Händen an den Griffen ihrer Schwerter und voller edler Herren, die nun um den großen Tisch in der Mitte der Halle saßen und mit meinem Vater die Kapitulationsbedingungen verhandelten. Meinem Vater direkt gegenüber saß König Zorgas, seine Hände ruhten auf der Tischplatte, als würde ihm dieses Haus schon gehören und eigentlich waren die Kapitulationsverhandlungen nur eine Farce. Die Festung, die Stadt und das Land gehörten bereits ihm und die Revolution des Südens war gescheitert. Der Krieg war eigentlich schon seit über einem halben Jahr vorbei, da die größten Streitmächte des Südens zerschlagen waren, aber viele Adelshäuser, die aufseiten der Revolutionäre standen, hatten sich erst in den letzten Wochen dem König ergeben. Wir waren eine der letzten Familien des Südens, die ihre Banner noch hoch hielten. Aber nicht nur aus Stolz, sondern auch aus Selbstschutz. In diesem Krieg wurden viele Familien getötet, ganze Blutlinien wurden für immer vernichtet und mein Vater wusste, dass der König die einflussreichsten Familien des Landes brauchte, um es weiter kontrollieren zu können. Nur deswegen standen wir noch hier, nur deswegen lebten wir noch. Der König brauchte das Blut meiner Familie, um über den Süden zu herrschen. Nirgendwo in Westdorn war der Halt zwischen dem Volk und dem Adel so stark wie im Süden. Die Menschen des Südens waren von besonderem Schlag. Sie waren stolz, ungebrochen und folgten nur den Adelsfamilien, die echtes Südblut in den Adern hatten. Schon früher hatten Könige versucht, den Süden mit ihren eigenen Männern zu beherrschen, doch es kam immer zu Kämpfen und erbittertem Widerstand.

Mein Vater wusste, dass der König Angst hatte, dass der Süden sich noch einmal erheben würde, denn der vergangene Krieg hatte ihn viel Gold gekostet und Westdorn in tiefe Schulden gestürzt. Der Norden des Landes hatte sich aus dem Krieg größtenteils heraus gehalten und der König hatte Söldnertruppen anheuern müssen, um zu gewinnen. Dafür musste er die Goldreserven der Schatzkammer plündern und die Steuern erhöhen - als wären die Steuern nicht so schon hoch genug. Aber hätte der König das nicht getan, dann würde er jetzt nicht an der Tafel meiner Familie sitzen. Der König hatte also allen Grund, diese Kapitulation nicht mit dem Plündern der Stadt und der Ermordung meiner Familie zu beenden. Wobei das Wort Familie etwas übertrieben war, denn in Mooswacht lebten nur noch mein Vater und ich. Meine Schwestern waren schon vor Jahren nach ihren Vermählungen fortgegangen, zu ihren Männern, meine Mutter lebte nicht mehr und andere direkte Verwandte lebten nicht auf Mooswacht. Wir waren alleine und mein Vater war alt.

Ich blinzelte kurz, denn meine Gedanken schweiften ab. Ich wollte den Verhandlungen folgen, bei denen es eigentlich nur um Bedingungen des Königs ging, die unser Haus erfüllen sollte. Noch höhere Steuern, mehr materielle Abgaben, ein Teil seiner Söldner sollte in der Stadt stationiert werden und für Ordnung sorgen. Wir hatten mit all diesen Dingen gerechnet und auch wenn mein Vater die Lippen aufeinanderpressen musste, um dem König nicht zu widersprechen, nickte er bei jeder Forderung. Schließlich verlangte der König das, was mein Vater ebenfalls befürchtet hatte und weswegen er sich bei mir entschuldigt hatte. Ich wusste, was auf mich zu kam, aber es wirklich zu hören, lies meinen Körper erzittern, als wäre ich in eine eisige Brise gelaufen.
„Außerdem erwarte ich, dass eure verwitwete Tochter“, der König deutete kurz in meiner Richtung, blickte mich aber nicht an, „Sibylle, einen Mann meiner Wahl heiratet. Auf dass die Verbindung zwischen dem Süden und dem Rest von Westdorn bestärkt wird.“
Auch bei dieser Forderung nickte mein Vater, auch wenn das Nicken etwas auf sich warten ließ. Natürlich war uns klar, warum der König wollte, dass ich einen seiner Männer heiratete. Er hoffte, so mehr Kontrolle über unsere Familie und den Süden zu bekommen. Außerdem würden die Kinder die aus dieser Verbindung hervor gingen, nicht mehr nur das Blut des Süden in ihren Adern haben, sondern sich auch dem König verpflichtet fühlen.
„Sehr schön!“, rief König Zorgas, erhob sich von seinem Stuhl, ging halb um den Tisch herum und drehte sich dann zu seinen Männern um. „Nun ihr edlen Herren, gibt es Freiwillige?!“, rief er in die Halle hinein und lachte dann, während er wieder auf mich deutete.

Ich fühlte mich wie auf einer Auktion und eigentlich war es ja auch so, aber das Schlimmste war, dass nach der Aufforderung des Königs absolute Stille in der Halle ausbrach. Ich war eigentlich nicht besonders eingebildet und hatte auch nicht erwartet, dass gleich ein Kampf um mich ausbrechen würde. Schließlich war ich schon in meinen zwanzigern und einmal verheiratet gewesen. Aber niemand trat vor, nicht einmal die Herren aus den kleineren und ärmeren Adelsfamilien, für die so eine Heirat ein Aufstieg in der Adelshierarchie bedeutet hätte. Ich hatte mich noch nie so gedemütigt gefühlt, denn eine so schlechte Partie war ich wirklich nicht. Aber die Hoffnung, dass es somit gar nicht zu einer Hochzeit kommen würde, hatte ich nicht. Der König würde einfach jemanden bestimmen.

Es blieb immer noch ruhig und der König ließ die Arme wieder sinken.
„Nun, dann muss ich wohl jemanden benennen“, er legte die Hand grüblerisch an den Mund, sah die Edelleute auf seiner Seite des Tisches nacheinander an und überlegte. Dann festigte sich sein Blick.
„Lord Ulan, ihr habt euch die große Mühe gemacht, an meiner Seite zu reisen und das, obwohl euer Bein euch schon lange schmerzt“, rief der König aus und wies mit einladender Handbewegung auf einen alten Mann, der sich mit der linken Hand auf einen Gehstock stützte. Lord Ulan reagierte verzögert, anscheinend hat er nicht daran gedacht, dass diese Kapitulationsbedingung etwas mit ihm oder seiner Familie zu tun haben könnte. Dann sah er zum König und deutete eine Verbeugung an. „Auch hat eure Familie immer an meiner Seite gestanden ...“, fuhr der König fort, „... eurer zweiter Sohn, wie heißt er doch gleich?“
Lord Ulan räusperte sich und antwortete dann mit gealterter Stimme. „Tjelvar, mein König. Sein Name ist Tjelvar.“

König Zorgas nickte erfreut. „Dann verspreche ich, König Zorgas von Westdorn, die Hand von Sibylle von Eichenstein dem zweiten Sohn von Lord Ulan, Sir Tjelvar von Steinadler!“, rief er aus, hob feierlich die Hände, viele Männer im Saal klatschten oder jubelten, denn mit dieser Verbindung war der Krieg nun wirklich Geschichte.
Ich war bleich geworden und musste meine gesamte Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht auf die Knie zu sinken. Ich wusste, dass ich Opfer bringen musste, um mein Haus zu schützen. Ich wusste, dass es nicht leicht werden würde, aber ... Wäre ich alleine gewesen, hätte ich meine Tränen nicht zurückhalten können. Ich konnte nur noch einen Gedanken in meinem Kopf hören, „Nein, bitte keinen Steinadler!“, doch das Wort des Königs war Gesetz.

Niemand schien zu merken, wie ich mich fühlte, dass ich kurz vor einem Zusammenbruch war. Die Männer jubelten, der König reichte meinem Vater die Hand, so dass dieser sich langsam erhob, vor ihm nieder kniete und den königlichen Siegelring küsste. Ich hörte, wie durch einen dicken Nebelschleier hindurch, wie mein Vater den Treueschwur auf den König leistete und die Männer im Hintergrund wieder klatschten. Dann drehte der König sich wieder zu seinen Getreuen. „Zwei steinerne Familien vereint, möge diese Verbindung genauso alt und stark werden wie ihre Namen!“, rief er aus und lachte über seinen eigenen Spaß.

Einer der anwesenden Edelleute rief dann aus: „Wo ist Tjelvar?!“, andere stimmten in den Ruf ein und der König ließ seine Augen wieder suchend über die Gesichter schweifen. Ulan Steinadler drehte sich umständlich um, hob seine freie Hand und winkte einem Mann zu sich, der weiter hinten bei den Bannerträgern und Soldaten stand. Die halbe Halle richtete den Blick ebenfalls auf ihn und auch ich sah zu ihm.

Der Mann, auf den alle blickten, war von den normalen Soldaten kaum zu unterscheiden. Die meisten Edelleute trugen prunkvolle Rüstungen, die eigentlich eher für Schaulustige gedacht waren und nicht für einen echten Kampf. Tjelvar Steinadler trug eine Lederrüstung, die zwar von bester Qualität war, aber auch schon bessere Tage gehabt hatte. Er war etwas genauso groß wie die Soldaten um ihn herum, sein dunkelroter kurzer Bart schmückte das kantige Kinn und die rauen Lippen. Düstere Augen blickten unter den tiefen Augenbrauen hervor und betrachteten seinen Vater. Ich bemerkte, das auch Tjelvar nicht mit dieser Entscheidung gerechnet hatte, denn auch er brauchte einige Augenblick, um sich in Bewegung zu setzen und zu seinem Vater zu gehen. Dabei umklammerte die linke Hand seinen Schwertgriff und die rechte war zu einer Faust geballt.

Lord Ulan flüsterte seinem Sohn etwas in das Ohr, als sie sich erreichten, aber der versteinerte Gesichtsausdruck von Tjelvar ließ nicht vermuten, was er ihm sagte. Dann ging Tjelvar auf den König zu. Seine Gestalt war durch die Rüstung schwer einzuschätzen, aber er schien schlank, fast drahtig zu sein. Die Muskeln, die ich von vielen Rittern oder Soldaten kannte, schienen ihm zu fehlen, genau wie die breiten Schultern, die viele Schwertkämpfer durch lange harte Übungen bekamen.

Ich wusste, dass die Steinadlers keine großen Kämpfer waren, eher Feiglinge, die andere für sie kämpfen ließen. Sie waren auch erst seit drei Generationen im Adelsstand, auch wenn die Familie und ihr Name selber schon lange im Südosten des Landes einen großen Ruf genossen. Sie waren sehr wohlhabend und mittlerweile auch sehr einflussreich. Tjelvar wirkte auf mich wie ein Mann, der nur eine Rüstung und ein Schwert zum Schein trug, nicht um wirklich zu kämpfen. Aber die Tatsache, dass er eine einfache Lederrüstung trug und diese abgenutzt war, sprach wiederum dagegen. Wäre er ein Aufschneider, hätte er doch sicherlich eine Prunkrüstung getragen, so wie viele bei diesem Treffen, oder? Als Tjelvar den König erreichte, zog er sich die Haube des Kettenhemdes vom Kopf, das er unter der Lederrüstung trug und verbeugte sich vor seinem König. Seine Haare waren dunkelblond, mit rötlichen Strähnen. Das Kettenhemd hatte sie platt gedrückt, aber ich sah, dass er seine Haare hinter die Ohren gestrichen hatte und sie ihm trotzdem bis an den Hals fielen.
Der König zog Tjelvar wieder auf die Füße und wies ihn dann mit einer Handbewegung in meine Richtung.

Tjelvar kam mit entschlossenen Schritten auf mich zu und das erste Mal trafen sich unsere Blick. Vor diesem Tag hatten wir vom anderen vermutlich nicht einmal gewusst und jetzt waren wir durch den Beschluss des Königs verlobt. Es war merkwürdig einem Fremden gegenüber zu stehen und zu wissen, dass er mein Gemahl werden sollte. Bei Raslo, meinem verstorbenen Mann war das anders, wir hatten uns schon lange gekannt, bevor wir verheiratet wurden, und ich wusste nicht, wie ich mich jetzt verhalten sollte. Ich hatte die gesamte angelernte Etikette dazu in diesem Augenblick einfach vergessen. Also versuchte ich mich an einem leichten Lächeln. Vielleicht sah es verkrampft und unecht aus, jedenfalls machte Tjelvar nicht einmal den Versuch es zu erwidern. Jetzt, wo er näher kam, erkannte ich, dass seine Augen von einem düsteren Blau waren. Ja, düster war eine passende Beschreibung, denn kein Muskel in seinem Gesicht schien so etwas wie Freundlichkeit auch nur andeuten zu wollen. Seine Lippen schien er genauso aufeinander zu pressen wie ich die meinen und er öffnete sie auch nicht, um mich anzusprechen. Er begrüßte mich nicht, sah mir nur kurz in die Augen und stellte sich dann neben mich. Ich spürte, wie er mit seinen Lederhandschuhen meine Hand umschloss und roch Kettenöl, Schweiß, Erde und lange Tage auf dem Rücken eines Pferdes an ihm. Ich kannte diesen Geruch, wenn mein Mann einen langen Jagdausflug gemacht hatte, hatte er danach auch immer so gerochen und ich hatte es nie besonders gemocht und ihn in die Waschkammer gejagt, aber das jetzt wieder zu riechen ... an einem Fremden, der mich anscheinend genauso hasste wie unser Haus die Steinadlers ... Ein Fremder, mit dem ich das Bett teilen würde und dessen Kinder ich vielleicht kriegen würde ... War mir einfach nur schlecht.
Tjelvar hob seinen Arm mit meiner Hand empor, um den Männern in der Halle die Vereinigung der Familien zu symbolisieren, und ich hatte das Gefühl, als hätte sich die Welt gegen mich verschworen. Was hatte ich getan, um das zu verdienen?

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Korrektur von Liliace
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