Losing me, losing you

von TheWInd
GeschichteDrama, Tragödie / P18 Slash
HIM
17.05.2020
28.05.2020
13
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23.05.2020 1.500
 
Ville war sichtlich froh darüber, dass Linde sie von der Klinik noch nach Hause gefahren hatte, doch auch während der Fahrt hatten sie kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt. Linde hatte ihm auch beim aussteigen aus dem Wagen geholfen, dann jedoch hatten sie nur wieder  schweigend nebeneinander gestanden. Die beiden Männer hatten sich nur kurz angesehen und Ville hatte gemerkt, dass der Gitarrist noch immer merklich verunsichert wie auch besorgt um ihn war. Doch er hatte ihm einfach nicht sagen können, was er gerade dachte oder fühlte, er selbst war einfach noch immer zu sehr durcheinander gewesen. Und auch beschämt. Schrecklich beschämt sogar, dass er den Blick gesenkt hatte. Ihm tat das alles wahnsinnig leid, denn er hatte wirklich nicht vorgehabt eine Überdosis zu nehmen oder Linde oder sonst wem Probleme zu machen. Nein wirklich nicht. Aber ihm das sagen konnte er irgendwie auch nicht. Die Scham überwog, sie erdrückte ihn fast. Auch die Schmerzen waren wieder stärker geworden, dass er die Zähne immer wieder aufeinander presste und angestrengt Luft holte.
„Linde ich...“
Der blonde Mann hatte nur leicht den Kopf geschüttelt, dann war er ohne ein weiteres Wort in seinen alten Wagen gestiegen und war davon gefahren. Ville hatte dem Freund lange Zeit nachgesehen, und noch immer kämpfte er mit seiner Wut, seinen Selbstzweifeln und auch mit seiner Scham, denn das, was heute Vormittag alles passiert war, hätte nicht passieren dürfen. Niemals hätten sie sich wegen den scheiß Tabletten derart in die Haare kriegen dürfen. Aber nun war es zu spät und er konnte es nicht mehr ändern. Er konnte nur hoffen, dass Linde ihm irgendwann seine ganzen Fehler würde verzeihen können.
Er fühlte sich schlecht. Richtig schlecht sogar.
Ville seufzte auf. So langsam begriff er, warum Linde derart ausgeflippt war und sich solche Sorgen um ihn gemacht hatte. Ja, vielleicht hatte Linde auch tatsächlich geglaubt, dass er eine Überdosis genommen hatte...
Tiefe Verzweiflung machte sich in ihm breit, denn er hatte ihn derbe enttäuscht. Er hatte ihn angelogen und er war nur deshalb so ausgeflippt, da Linde ihm die Tabletten nicht hatte geben wollen. Aber Linde hatte ihm bloß helfen wollen...
Vielleicht würde er ihn später nochmals anrufen. Oder aber ihn auch erst einmal in Ruhe lassen, schließlich steckte er mitten in den Aufnahmen zu seinem neuen Album... Ville war sich noch immer nicht sicher und seufzte auf. Er hatte keine Ahnung, ob er es in seinem Leben jemals wieder  schaffen würde ein Album aufzunehmen. All das schien auf einmal wie in weite Ferne gerückt. Unmöglich geworden, bei all den Problemen und Schlagzeilen, die sein Leben nun beherrschten. Er wusste ja nicht mal, ob die Agents überhaupt noch etwas mit ihm zu tun haben wollten...
Es war bitter.
Lange Zeit starrte der dunkelhaarige Frontmann vor sich hin. Seine Atemzüge klangen noch immer angestrengt. Er stand alleine im dunklen, ruhigen Flur seiner Wohnung. Christel war in die Küche gegangen um Kaffee zu kochen und sich kurz auszuruhen, doch er fühlte sich auch jetzt noch wie gelähmt. Sein Kopf schwirrte, er zitterte noch immer etwas und er war sichtlich mitgenommen. Von dem Schock heute Vormittag, den Schmerzen wie auch den starken Medikamenten, die er in der Klinik bekommen hatte.
Er wusste, dass er trotz allem noch großes Glück gehabt hatte.
Nach einiger Zeit ging er langsam durch den Flur. Die Stille ringsum tat ihm gut, sie fühlte sich vertraut an, fast schon hatte sie eine heilende Wirkung auf ihn. Er war maßlos erschöpft, müde und er fühlte sich wie überfahren. Die Schmerzen waren im Moment auszuhalten, aber es stimmte, er konnte sich kaum richtig bewegen oder tief Luft holen.
Er war einfach nur heilfroh, dass er wieder zuhause war und nicht noch hatte operiert werden müssen. Das wäre ein absoluter Alptraum gewesen. Er hasste Krankenhäuser, er konnte sie nicht ausstehen. Er fühlte sich noch immer wie traumatisiert als er langsam und vorsichtig zur Coach hinüber ging und sich setzte. Jeder Atemzug schmerzte, und auch jetzt fror und zitterte er noch immer.
Christel kam wenig später zu ihm hinüber und stellte die dampfende Kaffeetasse neben ihm ab. Sie deckte ihn zu und schob ihm ein Kissen hin, sodass er es bequem hatte. Dankbar sah er sie an, aber auch ihre Miene hatte sich verändert.
„Darling ich...“
Seine Freundin setzte sich schließlich zu ihm und griff nach seiner Hand. Lange Zeit hielt sie ihn fest und strich mit ihren Fingern immer wieder über seine warme, vertraute Haut und seine Handinnenfläche. „Ich...“
„Sag es mir einfach, Darling. Bitte.“
Sie sah ihn an. „Musst du wirklich eine Therapie machen?“
Der Fronter seufzte schwer auf. „Uhh ich... ich weiß es nicht. Vielleicht... ich... ich habe Angst.“
„Wovor?“
Er sah sie an. „Dass ich nachher als verrückt gelte.“
„Was? Warum das?“
„Weil ich in einer Klinik war...“
„Ville. Wenn du dieses Trauma nicht alleine bewältigen kannst, dann solltest du dir vielleicht doch Hilfe holen. Es kann doch nicht so weitergehen, dass du nur noch Tabletten nimmst und einfach hoffst, dass es irgendwann einmal besser werden könnte, mm? Ich weiß wie schwer das alles für dich sein muss, ehrlich, aber... ich... ich will dir helfen, aber ich weiß einfach nicht wie. Ich sehe, dass du unter all dem schrecklich leidest, dass es dich fertig macht, aber ich habe das Gefühl, als ob ich da nichts machen könnte...“
Er strich über ihre Hand. „Bin ich denn anders geworden?“
Sie sahen sich an. Ihr Blick war offen, aber auch noch immer besorgt. „Ja, Vil. Du hast dich verändert. Du bist so voller Unruhe, so panisch und kopflos, du zitterst ständig, du redest manchmal wirr, so als ob du nur mit dir selbst reden würdest, du bist unkonzentriert... ich will doch auch, dass du es zurück auf die Bühne schaffst...“
„Uhh Darling. Das werde ich auch. Es braucht einfach etwas Zeit, bis alles verheilt ist.“
Sie sah ihn an, sie presste kurz die Lippen aufeinander, dann sagte sie ihm die Wahrheit. „Aber nicht so, Ville. So wirst du keinen einzigen Gig durchstehen können.“
Er nickte traurig. „Dann denkst du das wirklich, mm? Über mich?“
„Es tut mir leid, ja. Ich...“
Beide verfielen in tiefes, seltsames, angespanntes Schweigen. Er atmete schwer und versuchte die Schmerzen irgendwie auszuhalten, aber seine Gedanken rasten. Was, wenn er doch psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen sollte? Aber dann galt er wirklich als verrückt, und dann würde sicherlich niemand mehr mit ihm arbeiten wollen und er hätte womöglich die letzten Chancen, die er noch hatte, verspielt.
Aber er merkte auch, dass er gegen seine Dämonen fast nicht mehr ankam. Und auch er hatte die Veränderungen wahrgenommen. Er hatte es kaum geschafft in all der Zeit einen einzigen Song fertig zu bekommen, geschweige denn einen guten Riff oder einen Refrain. Nichts von all dem hatte er geschafft. Er würde scheitern... und dann würden alle über ihn lachen.
„Ville?“
„Mm?“
„Ich will dir helfen, aber nicht zu irgendetwas drängen, was du selbst nicht möchtest. Aber das, was du erlebt hast, war heftig. Und wenn du es nicht verarbeiten kannst, dann...
„Doch, das werde ich! Vielleicht wird auch der Prozess etwas ändern können., wenn ich weiß, dass sie es wirklich waren und... dass sie eine Strafe dafür bekommen.“
Beide sahen sich an. „Ja, wenn er denn stattfindet. Wirst du denn nun zur Polizei gehen?“
Er sah auf. „Ja. Ja ich denke dass ich das tun werde.“
Christel zog eine Augenbraue hoch.
„Und wann? Wann wirst du es tun, Ville? Du hast zu viel Angst davor, oder?“
Er begann wieder zu zittern, dann schniefte er sogar kurz und pustete in seinen heißen Kaffee, ohne jedoch davon zu trinken. „Ja. Ich habe Angst. Ich habe eine scheiß Angst, dass das alles nicht bringen wird, dass die Kerle sich Jonne schnappen und ihm etwas antun... dass am Ende einfach alles im Arsch ist. Und ich versagt habe. Davor habe ich wirklich Angst.“
Sie hielt seine Hand fest. „Das wird nicht passieren, Ville.“
„Und warum nicht? Was macht dich da so sicher? Ich habe doch bis jetzt auch so fast alles versaut...“
„Nein. Das ist nicht wahr.“ Sie sah ihn an. „Du bist noch immer wundervoll, voller Talent und Ideen, du musst es nur endlich wieder zulassen. Und den Schrecken, die Hilflosigkeit und deine Angst überwinden, und deshalb finde ich, dass du eine Therapie machen solltest. Ich kann da für dich anrufen.“
„Was?“ er war entsetzt und wäre aufgesprungen, wäre er dazu in der Lage gewesen. „Es ging immer um Jonne, dass er Hilfe braucht, nicht aber um mich... ich...“
„Beruhige dich! Es geht hier nur um dich. Um deine psychische Gesundheit, Ville. Überleg es dir. Bitte. Wir alle wollen dir helfen... Niemand will dir schaden.“
„Und was... wenn die Therapie nichts bringt oder ich länger dort bleiben muss? In der geschlossenen vielleicht sogar? Und ich wirklich verrückt bin?“
„Ich liebe dich, Ville. Und ich will nur, dass es dir wieder besser geht. Und du musst von den Tabletten los kommen. Du musst, wenn du wirklich wieder zurück auf eine Bühne möchtest. Überlege es dir. Es liegt ganz alleine bei dir.“
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