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FBI-Agent Shuichi Akai – der Aufstieg und Fall des besten Ermittlers

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
James Black Jodie Saintemillion / Starling OC (Own Character) Shuichi Akai
16.05.2020
24.04.2022
29
72.196
4
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17.05.2021 4.537
 
Shuichi hustete, drehte sich um und versuchte sich aufzurichten. Er war am Verdursten. Mit brennenden Muskeln stand er auf und stütze sich kurz an der Wand ab. Seine Umgebung drehte sich kurz. ‚Wo bin ich‘, fragte er sich, während er nach und nach die Umgebung schärfer sehen konnte. Er schaute sich um und es fiel ihm ein, dass es Ryans Wohnung in New York war. Er ging leise in die Küche und holte eine Flasche Wasser heraus. Im Wohnzimmer schnarchte Simon laut. Auf dem Tisch standen noch ein paar Flaschen und Gläser sowie das Essen aus dem Restaurant. Mit der halb ausgetrunkenen Flasche ging er wieder in das Schlafzimmer und legte sich auf das Bett.
Langsam kam ihm die Erinnerung, wie sie den Rest des Abends verbracht hatten. Nach Shuichis Geschichte waren die beiden sprachlos und hatten sich irgendwann entschieden, noch mehr Essen zu bestellen, einpacken zu lassen und in Ryans Wohnung eine kleine Party zu machen. Das ursprüngliche Vorhaben, noch in irgendeinen Club zu gehen hatten sie über Bord geschmissen. Irgendwie war es Shuichi auch lieber. An Clubs war er wenig interessiert.
‚Dieser blöde Fall‘, dachte er und starrte die Decke an. Seit Oliver ihn nach Hause geschickt hatte, war er nicht wieder im Büro. Gegen Ende der Woche hatte er Shuichi angerufen und gesagt, er soll noch länger zuhause bleiben. Wie lange, hatte er nicht gesagt. Shuichi seufzte und drehte sich zur Seite. Kaum hatte er aufgehört, an diesen Fall zu denken, kam er wieder. Er schloss die Augen und versuchte wieder einzuschlafen, aber die Bilder von dem Tag kamen wieder.

„Hey! Tut mir leid, dass ich dich angerempelt habe“, sagte Shuichi zu seinem Kollegen neben dem Eingang im Innenhof, wo er immer rauchte. Als er ihn angerempelt hatte, war er auf den Weg dorthin. Offensichtlich ging bei ihm in einem Fall auch etwas schief, da er immer noch da stand und rauchte. Er war ein älterer Mann, der schon eine Halbglatze hatte. Er drehte sich zu Shuichi um, wandte den Kopf aber von ihm ab und blies den Rauch in die Luft.
„Schon gut“, sagte er, „So aufgeregt, wie du warst, scheint etwas schiefgegangen zu sein. Zigarette?“
„Ich rauche nicht. Sag mal hast du jemanden im Büro gesehen, bevor ich dich angerempelt hatte.“
Er zog an seiner Zigarette. Shuichi kam es vor, er würde einen besonders langen Zug nehmen. „Hätte ja sein, können, dass du anfangen willst. Ja, es waren ein paar FBI-Leute da, die ich vorher noch nie getroffen hatte“, sagte er endlich.
„Und was wollten die?“
„Wahrscheinlich wollten sie zu jemandem, der gerade nicht da war. Sie sind schnell wieder gegangen.“ Er zog wieder an der Zigarette. „Ein älterer Mann mit Brille, braunen Haaren und einem braunen Schnauzbart schien das Sagen zu haben. Er war in Begleitung eines schwarzen FBI-Agenten mit kurzen Dreadlocks.“ Er zog nochmal an der Zigarette, merkte aber, dass diese aufgeraucht war. „Sagt dir die Beschreibung etwas? Sie waren in der Nähe deines Platzes.“, sagte er, während er sich die nächste Zigarette anzündete.
‚Ach verdammt!‘ Shuichi fluchte innerlich. „Kennst du die Sicherheitsstufe SCI7?“, fragte er aber.
„SCI7? Noch nie davon gehört. SCI6 ist doch die höchste Sicherheitsstufe und die haben nur Leute wie Oliver und ein paar ausgewählte Special Agents.“, antwortete er zwischen ein paar kurzen Zügen von seiner Zigarette, die auch schon halb aufgeraucht war. Shuichi seufzte. Er bedankte sich und ging. Der Tag war gelaufen. Auf dem Weg zu seinem Wagen schrieb er noch an Simon und Ryan eine Nachricht. Vielleicht haben sie was davon gehört oder können es bis zum Wochenende herausfinden. In der Liste bemerkte er die letzte Nachricht von Dean. Wegen dem Fall hatte er nicht mehr daran gedacht und hatte ihn direkt vergessen. ‚Einen Whisky könnte ich jetzt auch gebrauchen‘, dachte er und ging nach oben.

„Kannst du mir sagen, was da draußen eben los war?“, hörte Shuichi Oliver durch seine offene Bürotür brüllen, als er das Großraumbüro betrat und zu seinem Platz ging. „Und hast du meine Notiz bekommen?“ Shuichi wandte sich Oliver zu und sah, dass er im Türrahmen stand und ihn in sein Büro winkte. Die Notiz mit dem Namen des Opfers war also von ihm. Er hatte keine andere Wahl und ging in sein Büro, in dem Oliver direkt die verglaste Tür schloss.
„Ein Verdächtiger, den ich gerade abgeführt hatte, hat sich vor den Bus gestürzt“, antwortete Shuichi. „Ich brauche die Sicherheitsstufe SCI7“, kam er direkt zur Sache. Oliver schaute ihn irritiert an.
„Was?“ Oliver ließ sich auf seinen Stuhl fallen. „SCI7 gibt es nicht.“
„Doch. Dorthin ist der Fall vorhin verschwunden.“
„Was heißt hier verschwunden. Seit wann verschwindet beim FBI etwas?!“ Shuichi zuckte nur mit den Achseln. Oliver schob die Maus etwas und der Bildschirm leuchtete auf. Er tippte was auf der Tastatur und seufzte genervt. „Was soll das jetzt?“, brummte er und wandte sich Shuichi zu. „Ich telefonier mal etwas herum. Und du… du bist erstmal vom Dienst suspendiert.“
„WAS?!“
„Du hast mich schon richtig verstanden, Agent Akai. Du fährst nach Hause und schläfst dich mal ordentlich aus.“ Oliver ignorierte, dass Shuichi Luft holte, um zu widersprechen. „Du bist der beste Agent hier und lasse dir deswegen einiges durchgehen und drücke ein Auge zu wo es nur geht. Aber diesmal ist dir innerhalb eines Tages mehr außer Kontrolle geraten als uns allen lieb ist. Oder war es nicht dein Verdächtiger, der lieber den Freitod wählte?“ Shuichi schluckte. Oliver wartete kurz eine Reaktion ab, die aber nicht kam. „Ich ruf dich an, sobald du wiederkommen kannst. Hast du mich verstanden?“
„Ja, Sir.“ Ohne noch weitere Ansagen abzuwarten, ging er zur Tür.

„Das ist doch nicht dein Ernst!“ Dean lachte und betrachtete den Plastikbecher mit Wackelpudding. „Ich wollte einen guten Whisky.“ Es war bereits Abend und Shuichi hatte zwei Becher Wackelpudding von einem Servierwagen, auf dem leere Tablets vom Abendessen aus den Zimmern eingesammelt wurden, mitgenommen. Sie waren noch verschlossen.
„Erst wenn du wieder gesund bist“, sagte Shuichi.
„Ich bin gesund!“ Akai betrachtete ihn genau. Seit dem Unfall bei der Verfolgungsjagt und der darauffolgenden Einlieferung hatte er ihn nicht gesehen, aber der Verband um den Arm und dem Kopf wurde entfernt. Ein paar Kratzer erinnerten noch daran. Lediglich sein rechtes Bein war noch eingegipst.
„Aber noch wurdest du nicht entlassen“, sagte Shuichi und wies mit dem Kinn und seiner freien Hand auf das Bett, auf dem Dean lag.
„Der Arzt hatte bisher keine Zeit dafür.“
„Wenn es nach dir ginge, wärst du noch am Tag deiner Einlieferung bereits entlassen.“
„Und du hast offensichtlich Gefallen an Berichte schreiben bekommen. Oder warum besuchst du mich erst heute?“ Shuichi holte eine kleine Flasche Whisky aus seiner Jackeninnentasche heraus. „Ah, da ist es ja.“, sagte Dean. „Du bist heute ernster als sonst, da habe ich schon angefangen, mich mit dem Wackelpudding zufriedenzugeben.“ Dean griff mit der linken Hand nach hinten, zog das Kissen unter sich heraus und warf es Shuichi entgegen. Es landete direkt an seinem Gesicht und fiel auf den Schoß, wo er es auffing. Dean holte bereits Plastikgläser aus dem Schränkchen neben dem Bett heraus und stellte sie darauf. „Und eingerostet bist du. Normalerweise hättest du dich nicht von einem Kissen treffen lassen. Ich hoffe, es gibt einen guten Grund dafür.“
„Ich habe einen neuen Fall bekommen…“ Shuichi warf das Kissen aufs Bett und öffnete die Flasche. Während er die Gläser füllte, platzierte Dean das Kissen wieder an den ursprünglichen Platz.
„Verstehe. Fälle sind wichtiger.“ Dean nahm ein Glas und lehnte sich in sein Kissen zurück. Shuichi hatte auch nicht erwartet, dass Dean ihm Vorwürfe machen würde. Er nahm das andere Glas und hob es zum Anstoßen.
„Auf die Fälle, die einem schneller wegrennen als man denkt“, sagte er und stieß einfach gegen Deans Glas und trank einen großen Schluck daraus.
„Auf die… Was meinst du?“
„Der Fall ist einfach weg. Und das hat jemand in der kurzen Zeit geschafft, in der ich mich über das Opfer kundig gemacht hatte.“ Nun nahm Dean ein paar Schlucke von dem Whisky.
„Hat die Abteilung für organisiertes Verbrechen den Fall mitgenommen wie beim letzten Mal?“, fragte er.
„Unwahrscheinlich. Außer sie nehmen die Fälle still und heimlich weg und sperren einem den Zugang mit SCI7. Hast du schon was davon gehört?“ Shuichi trank den Rest seines Whiskys weg.
„Die Sicherheitsstufen gehen doch nur bis sechs.“ Shuichi unterdrückte ein genervtes Seufzen. Dean trank noch einen großen Schluck. „Aber pass auf dich auf“, fügte Dean nach kurzem Schweigen hinzu, „wenn Fälle einfach so verschwinden, kann es nichts Gutes bedeuten.“
Shuichi nahm die Flasche und verteilte den Rest auf die beiden Gläser. Ein kleiner Rest blieb in der Flasche übrig, den Shuichi sich aus der Flasche reinkippte.
„Kein Grund, dich zu betrinken“, sagte Dean.
„Ich betrinke mich nicht, ich genieße meinen Urlaub“
Wortlos nahm Dean einen kleinen Schluck Whisky. Er seufzte, drehte sich zu ihm und lächelte. „Dann hast du ja Zeit, mich öfters zu besuchen.“ Shuichi schmunzelte.
„Nächstes Mal gibt es besseren Wackelpudding“, versuchte sich Shuichi an einem Scherz.

Scheinbar war Shuichi eingeschlafen. Er hörte irgendwelche Geräusche, als er aufwachte. Stimmen. Er rieb sich die Augen und trank die Wasserflasche aus, die er neben dem Bett stehen hatte. Mittlerweile erkannte er die Stimmen. Ryan und Simon waren aufgewacht und den Geräuschen nach machten sie Frühstück und räumten auf. Shuichi sah auf die Uhr. Bereits 2 Uhr nachmittags. Er schob die Decke zur Seite, stand auf und zog sich an.
„Haben wir dich geweckt?“, fragte Simon, der die Gläser in eine Geschirrspülmaschine räumte.
„Nein, ich bin schon lange wach“, antwortete Shuichi und wandte sich zu Ryan: „Kann ich dir helfen?“
„Schon gut. Nicht, dass das Spiegelei anbrennt,“, lachte Ryan. Also hatte Shuichi angefangen, die Flaschen aufzusammeln und sie in einen Wandschrank zu stellen, in dem Ryan sein Altglas sammelte. Wenn er schon nicht beim Kochen helfen konnte, dann zumindest beim Aufräumen und beim Tisch decken.
„Boah, warum müssen Wochenenden so kurz sein“, sagte Ryan beim Frühstück.
„Weil die Wochenenden nur aus vielleicht zwei Tagen bestehen und alles andere oft dreimal so lang?“, sagte Simon belustigt. Ryan und Shuichi lachten auf. Für einen kurzen Moment konnte Shuichi seine Sorgen vergessen. Er mochte die Treffen mit seinen Freunden. Da konnte er vergessen, dass er tagelang an dem Handy, von dem einen Tatverdächtigen gebastelt hatte. Nur ohne Erfolg. Nach einer Woche hatte es sich seltsam verhalten, bis es so heiß war, dass es schmolz. Es war nicht mehr zu gebrauchen. Er konnte vergessen, dass er nicht im Dienst war, was er mit Absicht seinen Freunden gegenüber verschwieg. Und er konnte vergessen, dass er gleich in seine Wohnung fahren würde, in der absolute Stille herrschte. Er mochte die Stille, aber seit er so viel Zeit darin verbrachte, war diese Stille fast unerträglich.
Selbst in der Zeit, in der er nach Washington DC fuhr, konnte er nur noch an seine leere Wohnung denken. Erstmal fuhr er zu seiner Wohnung und räumte auf. Wenigstens war der nächste Tag ein Wochentag, an dem er in einen Walmart fahren konnte und sich mit Fertigessen zudecken konnte.
Nachdem er irgendwann mittags mit den Einkäufen wieder in seiner Wohnung war, schrieb er eine Nachricht an Dean:
Hey. Was macht das krank sein? Oder bist du schon wieder raus?
Er legte das Handy auf eine Theke in seiner Wohnküche und räumte die Einkäufe ein. Als er fertig war, setzte er sich auf ein Sofa und klickte durch irgendwelche Fernsehsender. Als er am nächsten Tag aufwachte, hatte er eine Antwort von Dean:
Ich bin seit Dienstag aus dem Krankenhaus raus. Es ist nicht das gleiche ohne dich.
Shuichi las die Nachricht mehrfach. Immer und immer wieder, während der Fernseher irgendeine billige Reality-Serie von sich gab. Er schloss die Augen, während die Nachmittagsluft von draußen durch die offene Balkontür hereinwehte, fiel ihm eine Antwort ein:
Hat Oliver was über mich gesagt? Oder überhaupt irgendjemand?
Die Antwort kam erst am Abend.
Nein. Manche Agents fragen, wo du abgeblieben bist. Ich habe gesagt, du hast Urlaub und besuchst deine Familie.
‚Gut‘, dachte Shuichi, aber irgendetwas missfiel ihm an der Antwort. Er schaltete den Fernseher aus und stand auf, um sich Instantnudeln zu machen. Während er wartete, bis das Wasser kochte, goss er sich ein Glas Whisky ein. Mittlerweile trank er fast jeden Tag ein paar Gläser. Er trank einen großen Schluck daraus. Goss das kochende Wasser in eine Schüssel mit den Nudeln und legte ein Schneidebrett darauf. Einen Deckel hatte er nicht.
Er ging mit dem Glas Whisky auf den Balkon und merkte, dass die abendliche Herbstluft schon recht kühl war. Er atmete die frische, kühle Luft tief ein. Auf der Straße sah er einige Menschen entlanglaufen und Autos vorbeifahren. Wie immer war viel los. Er hatte früher nie darauf geachtet. Von seinem Balkon im zehnten Stock sahen sie wie viele Ameisen aus. Shuichi nahm einen Schluck Whisky und ging wieder rein. Nun schloss er auch die Balkontür.
Das Glas stellte er auf einem kleinen Tisch vor dem Sofa ab und ging zu der Küchentheke. Die Nudeln waren fertig. Er nahm sie und setze sich im Wohnzimmer auf das Sofa. Irgendwie war es ruhig. Er schaltete den Fernseher wieder ein. Shuichi warf die Fernbedienung neben sich auf das Sofa und aß erstmal seine Nudeln. Was auch immer auf diesem Sender lief.
Als er die Nudeln gegessen hatte, stellte er die Schüssel auf den Tisch und nahm das Whiskyglas. Dort war nicht mehr viel drin und er hatte es in einem Zug getrunken. Er schaltete sich durch eine Handvoll Kanäle, bis er seufzte und sich entschied, nachzufüllen.
Mit einem Glas randvoll mit Whisky schaltete er weiter durch die Kanäle im Fernsehen. ‚Wie können Amerikaner sich sowas nur anschauen‘, fragte er sich bereits zum x-ten Mal.
Irgendwann hatte er das Glas halb ausgetrunken und stellte es auf den Tisch, wo noch die leere Schüssel von den Instantnudeln stand. Er lag nun auf dem Sofa und schaltete durch die Kanäle. Irgendwann gab er es auf und legte die Fernbedienung auf den Tisch.

Stimmen. Jemand sprach. Shuichi zuckte und fand sich auf seinem Sofa im Wohnzimmer wieder. Die Stimmen kamen von dem Fernseher. Er war wohl irgendwann eingeschlafen. Er setzte sich auf, trank das Glas Whisky aus, schaltete den Fernseher aus und ging ins Schlafzimmer.

Kurz nach dem er aufwachte, griff er zu seinem Handy auf dem Nachttisch. Es war nicht da. Shuichi seufzte. Wo war es schon wieder? Er rieb sich die Augen, bis er nicht mehr verschwommen sah. Am Rande der dicken Vorhänge bemerkte er, dass die Sonne hell schien. Es war wohl schon später Vormittag. Er drehte sich um und zog die Decke über den Kopf.
Nach einer Weile stand er auf, weil die Blase drückte und er Durst hatte. Nach dem Toilettengang stand er in seiner Küche und trank ein großes Glas Leitungswasser. Sein Handy hatte er nun auch wiedergefunden. Es lag auf dem Tresen. Wann auch immer er es dort hingelegt hatte. Er wusste es nicht mehr.
Nachrichten hatte er keine bekommen und auch keine verpassten Anrufe waren da. Dafür bemerkte er bei einem Blick auf die Uhrzeit, dass er noch später aufgestanden war als davor. ‚Ach, was solls‘, dachte er sich und machte erstmal einen Kaffee.
Währenddessen stellte er das leere Whiskyglas in die Spüle und öffnete die Balkontür. Draußen schaute er sich kurz das Treiben auf der Straße an, bis der Kaffee fertig war.
Irgendwann klingelte das Telefon als Shuichi das Geschirr spülte. ‚Wer ruft denn da an?‘, wunderte er sich, weil es nicht sein Handy war, sondern das Festnetz. Dort rief so gut wie nie jemand an. ‚Soll doch auf den AB sprechen‘, seufzte Shuichi und spülte weiter. Das Telefon klingelte lange. So lange, dass er die wenigen Gläser und Schüsseln gespült hatte und sich die Hände abtrocknete. Endlich sprang der Anrufbeantwortet an.
„Mein lieber Sohn, Shuichi Akai!“, brüllte die vertraute Stimme seiner Mutter. ‚Was will sie denn?‘ Shuichi merkte, wie sein Herz bis zum Hals schlug und… wurden seine Knie etwa weich? „Was höre ich da über dich?! Du gammelst zuhause herum? Ich dachte, du willst unbedingt auf Verbrecherjagd gehen?“
‚Ach ja‘, fiel Shuichi ein, dass er vor ein paar Tagen noch mit seinem Bruder telefoniert hatte. Oder war es vor einer Woche? Oder mehr? Das wusste er nicht genau.
„Ja, nur beim FBI muss ich mich auch an Regeln halten“, sagte er mehr zu sich selbst als zu jemandem, der es hören könnte. Mary sprach einfach weiter:
„Und das erfahre ich nicht von dir, sondern über Ecken! So habe ich dich nicht erzogen, Junge! Geh gefälligst hin und regel das!“ Sie legte auf. Shuichi seufzte erleichtert und ließ sich mit der Kaffeetasse in der Hand auf sein Sofa fallen.
‚Zum Glück hat sie sich heute kurz gehalten‘, dachte Shuichi.
Seinen Kaffee hatte er schon längst ausgetrunken und machte sich einen Neuen. Während die Kaffeemaschine ratterte, löschte er die Nachricht von dem Anrufbeantworter. Nochmal anhören brauchte er das nicht.
‚Und was mach ich jetzt?‘, fragte er sich wie jeden Tag in letzter Zeit und nahm einen großen Schluck des frischen, heißen Kaffee. Er schaltete den Fernseher an und schaltete durch die Sender.

Die Tage vergingen weiter so. Ab und an meldete sich Dean bei ihm oder Shuichi bei Dean. Bis eines Tages jemand an seiner Tür klingelte. Im ersten Moment ging das an ihm vorbei. Müde drehte er sich um und schlief weiter. Lautes Klopfen. Shuichi schlief weiter. Es klopfe nochmal und diesmal wohl noch lauter. Direkt saß Shuichi auf dem Bett. Das Klopfen war kein Traum. ‚Wer könnte das sein? Der Paketbote? Unmöglich.‘ Er rieb sich die Augen im Gehen und öffnete einfach die Tür.
„Guten Mittag. Ich komme zu einem ungünstigen Zeitpunkt?“, sagte ein Mann mittleren Alters mit braunen Haaren und einem braunen Oberlippenbart. Shuichi entging trotz der Müdigkeit nicht, dass er ihn von oben bis unten musterte. Kein Wunder. Mehr als eine Boxershorts hatte er nicht an.
„Ähm…. Ich kaufe nichts“, antwortete er.
„Keine Sorge, ich bin kein Verkäufer“, sagte er und holte aus einer Innentasche seines grauen Sakkos ein FBI-Ausweis hervor. „James Black, FBI. Am besten, du ziehst dich an.“ James schaute ihn erwartungsvoll an. Er wirkte, als ob er hier nicht weggehen würde.
‚FBI?‘ Er spürte, wie es ihm gleichzeitig heiß und kalt wurde. Und denen machte er nur in Boxershorts und mit komplett zerzausten Haaren auf. „Mr. Black? Sind Sie von der Dienstaufsicht?“, fragte er dann.
„Nein. Wir sollten das besser nicht hier zwischen Tür und Angel bereden. Du solltest dich am besten vorher anziehen. Nenn mich ruhig James“, antwortete James. Shuichi schaute zu den Türen der Nachbarn rüber. Obwohl er schon seit zwei Jahren in dieser Wohnung lebte, kannte er keinen Einzigen der Nachbarn.
„Komm rein“, sagte er und ließ ihn in die Wohnung rein. Es hätte zu viel Aufsehen erregt, wenn er eine Zeit lang in diesem Zustand mit jemandem unterhielt. Er wies ihm ein Platz auf dem Sofa zu und nahm noch schnell das leere Whiskey-Glas mit, das er in der Spüle abstellte. Shuichi verschwand erstmal im Bad und wusch sich das Gesicht. ‚Passt schon‘, dachte er beim Anblick seines Gesichts im Spiegel. Nur seine Haare kämmte er sich zurecht. Seit sie eine gewisse Länge erreicht hatten und den halben Rücken bedeckten, waren sie oft verheddert und nicht mehr so leicht zu entwirren.
Als er aus dem Bad rauskam, sah er, dass James weiterhin im Wohnzimmer stand. Im Schlafzimmer nahm er sich die erstbeste Hose und Hemd aus dem Kleiderschrank heraus und zog sie an.
„Also James“, rief er noch aus dem Schlafzimmer durch die Wohnung. „Was willst du von mir?“
„Ich habe einiges über dich gehört“, sagte er, „Ich bin James Black. Ich leite eine spezielle Taskforce beim FBI und würde dich bitten, mit mir mitzukommen. Dann erkläre ich dir alles. Am besten, du nimmst dir auch ein paar Wechselsachen mit… zumindest für die nächsten paar Tage.“
„Warum sollte ich mitkommen wollen?“
„Antworten auf deinen letzten Fall.“ Shuichi hielt kurz inne und unterbrach, sich anzuziehen.
„Die kannst du mir auch hier sagen.“
„Nein. Man weiß nie, wer zuhört. Auch Wände haben Ohren.“
„Hier hört niemand zu“, antwortete Shuichi direkt. Er zog nun den Reisverschluss der Hose zu und kam angezogen aus dem Schlafzimmer. James lehnte nun an der Küchentheke und schaute ihn an.
„Sei dir da mal nicht so sicher. Es wurden schon die aufmerksamsten FBI-Agents abgehört, ohne dass sie es merkten“, sagte James, „Ich weiß, wonach du suchst und zum FBI gegangen bist. Wenn du siehst, woran die Task Force arbeitet, wirst du dich uns anschließen.“
‚Woher weiß er das?‘ Am liebsten hätte er zu seiner Waffe gegriffen und alle Informationen aus ihm herausgepresst. Hier und jetzt.
„Du wirst natürlich deinen Waffenschein, deine Dienstwaffen und die Marke zurückbekommen“, sagte James. „Du willst doch wieder ermitteln? Und solange du suspendiert bist, kannst du nicht mal eine private Waffe haben oder gar an gewisse Informationen kommen.“
Shuichi wollte etwas erwidern, ihm fiel aber nicht ein, was. Der einzige Ort, wo er an Informationen kam, waren nun mal die FBI Datenbanken. Auf die hatte er keinen Zugriff mehr. Und im Internet recherchieren konnte er nicht, da sein Laptop seit Monaten kaputt war und er einfach nicht dazu kam, es zu reparieren.
„Nur, wenn ich keine Berichte schreiben muss“, sagte er schließlich.
James lachte. „Das kriegen wir hin.“
„Gut, dann komme ich jetzt mit. Ich brauche nichts mitzunehmen“, sagte Shuichi und ging zur Wohnungstür, wo seine Jacke hing und die Wohnungsschlüssel lagen.
„Ich hätte auch die paar Minuten gewartet… wie du meinst“, sagte er und verließ mit Shuichi die Wohnung.

Über fünf Stunden dauerte die Fahrt bis nach New York, wie Shuichi es an einem Straßenschild flüchtig bemerkte. Währenddessen sagte dieser James nichts. Er saß nur stumm auf dem Beifahrersitz, während Shuichi auf dem Rücksitz saß und durch eine getönte Scheibe in die vorbeirennende Landschaft schaute. Der Fahrer schien sich nur auf die Straße zu konzentrieren.
„Was ist das für eine Taskforce?“, fragte Shuichi nach über einer Stunde. Im FBI-Wagen könnte er ruhig anfangen, etwas zu erzählen.
„Wir ermitteln gegen eine Organisation. Es ist eine weit verzweigte und international tätige Verbrecherorganisation. Deswegen sind Sie hier. Ihr letzter Fall hatte was mit dieser Organisation zu tun und ich habe gehört, sie sind der beste Ermittler dort.“
„Ja, mag sein“, sagte Shuichi. ‚Ach ja, der Fall wegen dem ich suspendiert wurde‘, fiel es ihm nun wieder ein. Also waren es keine Auftragsmörder, wie er angenommen hatte. „Ich nahm an, das seien Auftragsmörder“, sagte er.
„Nun ja, so kann man das auch sehen. Nur das hier ist etwas anders“, sagte James, „Irgendwie waren es schon Auftragsmörder, aber deren Auftraggeber sind nicht irgendwelche Leute, die ihre Feinde loswerden wollten. Und sie haben ihre Richtlinien. Niemand soll von der Organisation erfahren.“ Shuichi wurde aufmerksam. James sprach weiter: „Diese beiden Kerle gehören dieser Verbrecherorganisation an und hatten einen Geschäftsführer einer Sicherheits- und Ermittlungsagentur umgebracht, weil er einen Auftrag hatte, bei dem ein Mitarbeiter zufällig auf die Fährte der Organisation kam. Deswegen wurde das gesamte Unternehmen von ihm plattgemacht… ich kannte ihn, er war ein guter Freund von mir und Oliver.“
„Dann war das Ziel von dem einen…“, fing Shuichi an.
„Ja, Sie hatten das schon richtig erkannt. Er wollte sichergehen, dass sein Kollege möglichst bald nichts mehr sagen kann. Dafür hat er versucht, das Gebäude auszukundschaften. Als er erkannt hatte, dass es nicht so einfach sein würde, hatte er sich umgebracht. Vielleicht hattest du auch seinen Plan durchkreuzt. Das können wir jetzt nicht mehr herausfinden. So gesehen war ihm sein Partner dann doch egal.“
„Und wo ist er jetzt?“
„Hm?“ James wandte sich zu Shuichi um.
„Der Kerl aus Vernehmungsraum.“
„Den haben wir mitgenommen Seitdem sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis und wird von uns immer wieder verhört.“
Shuichi schaute aus dem Fenster und seufzte.
„Kann es sein, dass wir nach New York fahren?“, fragte er.
„Ja.“ Seine Vermutung, die er die ganze Zeit schon hatte, wurde bestätigt.
„Wie war es möglich, den Verdächtigen mitzunehmen und das Chaos auf der Straße so schnell zu beseitigen?“
„Wir waren bereits vor Ort und waren auf alles vorbereitet. Ich hatte seit dem Feuer von Howard Abbots Firma versucht, ihn zu erreichen, aber erfolglos. Ich kenne ihn schon lange und er hatte mich kurz vor seinem Tod kontaktiert.“
„Hm“, gab Shuichi von sich und schaute aus dem dunkel getönten Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. ‚Interessant, dass sie erst nach drei Wochen zu mir kommen‘, dachte er. Shuichi griff zum Handy.
„Du kannst es wieder wegstecken. Von der Taskforce darfst du niemandem etwas erzählen. Es gibt Gründe, warum sie geheim ist“, sagte James. Shuichi seufzte stumm. Sein Blick ging von dem Innenrückspiegel zu dem Außenrückspiegel des Wagens. Kurz überlegte er, etwas zu sagen, aber die Neugier auf diese Task Force siegte und er steckte das Handy wieder weg. Die restliche Fahrt sagte niemand etwas.

„Folge mir“, sagte James, nachdem der Fahrer in einer Tiefgarage geparkt hatte. Das Gebäude, in das sie reingefahren waren, kam ihm bekannt vor. Er war sich sicher, er war schon mal dort. Erst als sie beim Fahrstuhl saßen, fiel es ihm ein. Die New Yorker Abteilung für organisiertes Verbrechen, die ihre Büros gegenüber dem eigentlichen FBI-Gebäude hatte.
Entgegen seinen Erwartungen holte James einen Schlüssel heraus und stecke ihn in ein Schlüsselloch im Fahrstuhl. „Du bekommst ebenfalls so einen, wenn du unserem Team beitrittst“, sagte er nebenbei. Direkt wurde er Shuichi klar, dass es nicht dorthin gehen würde, als er erwartet hatte. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung und James sagte: „Alles, was du nun zu sehen bekommst, unterliegt strengster Geheimhaltung. Niemand weiß von der Task Force und soll es auch nicht.“
„Und wenn ich mich entscheide, nicht Teil dieser Taskforce zu sein, werde ich umgebracht“, versuchte Shuichi sich an einem Scherz.
„Ja, so in der Art.“ James klang todernst.
„Das ist doch ein schlechter Scherz?“
„Was das angeht, mache ich keine Scherze.“ Shuichi hob kurz beeindruckt die Augenbrauen. Ihm wurde klar, dass es bereits entschiedene Sache war, dass er nun Teil von James Team sein wird.
„Das ist also eine Black Side?“, merkte Shuichi an.
„So in etwa“, sagte James und die Fahrstuhltüren öffneten sich. Er führte ihn durch einen kurzen Flur in eine Art unterirdische Halle. Shuichi bemerkte in der Nähe einer Wand einen großen Tisch mit mehreren Computern. Ein paar kleine Büros mit Glastüren und einem großen Fenster ähnlich wie in dem Büro in Washington. Shuichi erkannte, dass an einem weiteren großen Tisch in der Mitte des Raums eine Gruppe von Leuten stand und etwas besprach, bis James sie unterbrach. „Meine Lieben. Wir haben ein neues Teammitglied“, sagte er und die Leute brachen ihr Gerede ab und wandten sich James zu. Shuichi erkannte unter den Leuten ein bekanntes Gesicht.
‚Wer was das nochmal?‘, überlegte er.
„Das ist Shuichi Akai“, sprach James weiter, „er ist ein hervorragender Ermittler und hatte bei seinem letzten Fall was mit der Organisation zu tun.“
Shuichi schaute sich nochmal die Gesichter der Leute an, bis er dieses eine Gesicht endlich zuordnen konnte. Er hatte ihn getroffen, als ihm der Fall englitten war.
„Hi“, sagten sie.
„Kennst du mich noch?“, fragte der eine und trat ein paar Schritte vor.
„Ja“, sagte Shuichi, „John Masen?“
„Jim Mason.“
„Gut“, sagte James, „wie ich sehe, kennt Ihr euch bereits. Dann kann Jim dir einen Überblick geben.“
Kurz wirkte Jim überrascht, fing sich aber wieder und sagte: „Ja, Sir.“
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