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Von Schreibblockaden und dem Beginn neuer Geschichten

von Jessi1605
OneshotHumor, Freundschaft / P6 / Gen
16.05.2020
16.05.2020
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Ich war in diesem Raum mit dieser weißen Tür und er hatte mich inspiriert. Er war voller Ideen und Fantasien, schillernd bunt, voller Schicksale und Geschichten, unendlich groß. Er war gefüllt mit Personen, die ich schon kannte, die ich neu kennenlernte und welche, die ich noch nie gesehen hatte. Ich unterhielt mich viel, nahm so viel Inspiration auf, wie es nur ging. Ich war glücklich, ausgeglichen, wie neu geboren.
Einige Wochen und Monate kehrte ich dort ein und aus, schrieb alles auf, strickte Geschichten, lachte und erzählte mit den Personen, ermahnte sie und diskutierte mit ihnen, aber beobachtete sie auch, lernte ihr Verhalten kennen.
Und dann eines Tages passierte es: Ich verließ den Raum und schloss die Tür hinter mir. Die Realität leuchtete plötzlich gleißend hell hinein und lockte mich verführerisch nach draußen.

Es dauerte jedoch nur ein paar Monate, da suchte ich nach Wegen diese beiden Welten zu vereinen und ich klopfte an der Tür, doch niemand öffnete. Mein Klopfen wurde verzweifelter und irgendwann versuchte ich sogar schäbig wie ein Dieb das Schloss zu knacken. Natürlich scheiterte ich. Die Tür blieb hartnäckig verschlossen. Das gleißende Weiß grinste mich höhnisch an, während ich mich dabei erwischte, wie ich versuchte, durch das Schlüsselloch drinnen Gehör zu finden. Aber alles blieb still.
Wochenlang klopfte ich, trat sogar wütend nach ihr, warf meinen ganzen Körper gegen die Tür, stemmte mich gegen sie…Irgendwann gab ich es auf.
Ich lebte mein Leben ohne meine liebste Freizeitbeschäftigung, das Schreiben, dem Ventil, allen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ich vermisste es zu beobachten und das Weiß mit Schwarz zu füllen. Mit meinen Figuren zu kommunizieren, sie zu befragen, logische Konsequenzen heranzuführen, eine Geschichte aufzubauen. Diese Art des Versunkenseins, der Meditation, die man in dieser Art kaum mit etwas anderem vergleichen konnte.

Und dann, als ich mich daran gewöhnt hatte, stand ich eines Abends dort und das Weiß der Tür war nicht mehr leer. Ich begann zu lesen was dort stand und bemerkte plötzlich, einen Stift in der Hand zu haben. Wie ein Lehrer ging ich über das Geschriebene und korrigierte, löschte, schrieb um…und schließlich? Ich schrieb weiter. Ich führte die Geschichte fort…Als ich das bemerkte, ließ ich den Stift sinken und atmete tief durch.
Dieses Mal…, dachte ich, dieses Mal würde es funktionieren.
Zaghaft näherte ich einen Zeigefingerknöchel dem Weiß der Tür, klopfte drei, viermal und rief mit unsicherer Stimme: „Hallo?“
Mein Herz begann zu rasen, als ich Schritte hörte. Konnte das wirklich wahr sein? War es tatsächlich soweit? Mehr als ein Jahr später?
Ich richtete mich vor Aufregung kerzengerade auf, als die Tür aufsprang und ein mir nur allzu bekanntes Gesicht vor mir stand.
„Willkommen zurück“, strahlte mich Lilly an. Mit ihr hatte alles begonnen. Schon immer hatte sie mir zuerst die Tür geöffnet und mich willkommen geheißen, als wäre ich die verlorene Tochter, die zurückkam. Sie würde immer meine liebste sein.
„Ich habe dich so vermisst“, begrüßte ich sie und schloss sie herzlich in die Arme.
„Ich finde nach so langer Zeit, sollte ein Kuss für Lilly drin sein“, meldete sich ein anderer zu Wort.
Ich öffnete lachend die Augen und schob den grinsenden Luca von mir weg.
„In Zeitlupe“, stimmte Bérnard ihm grinsend zu.
„Du hast ja alle mitgebracht!“, freute ich mich und sah Lilly mit vor Rührung tränenden Augen an.
„Natürlich, wir wollten dich alle wiedersehen“, erwiderte sie.
„Also, du kannst wieder schreiben, ja?“, hakte Nina nach, die inzwischen auch bei uns stand und deutete auf die noch gesichtslosen Gestalten am Ende der langen Tafel, welche sie aufgebaut hatten.
Erst jetzt ließ ich meinen Blick schweifen. Der Raum sah aus wie eine Art Konferenzraum. Alles war noch frisch und unsicher, noch keine Umgebung geschaffen, die Handlung noch nicht vollends durchdacht, die Figuren noch nicht mal ausgereift. Ich musste noch eine genaue Vorstellung von ihnen bekommen und sie dann kennenlernen, ehe sich der Raum formte.
„Ja“, antwortete ich Nina. „Ich will dieses Mal aus der Sicht von einem Mann schreiben.“
Pascal und Bérnard verzogen augenblicklich die Gesichter.
„Yes, about that…“, meldete sich Jack zu Wort und lächelte mich väterlich an. „Wir meinen es nicht böse, aber…lass es sein.“
„Was, warum?“, fragte ich enttäuscht. „Der Anfang ist doch total gut gelungen!“
„Ja, aber du wirst zum Stocken kommen“, prophezeite Luca. „Du willst, dass die Leser eine exakte Vorstellung von ihm haben, damit sie seine Mimiken ebenso deuten lernen wie die Protagonistin und das kannst du besser als Außenstehende.“
„Mmh…“, murmelte ich nachdenklich und setzte mich zwischen Lilly und Amélie.
„Also ist die Idee abgehakt? Gut. Dann kommen wir doch mal zur Personenbeschreibung, oder? Wie sieht der Hauptcharakter aus? Ich bin schon ganz gespannt. Und wie heißt er?“, wollte Nina wissen. Sie war quirlig wie immer. Wäre ich nicht so genervt gewesen über ihren Vorschlag, hätte ich sie am liebsten ebenso an mich gedrückt, wie zuvor Lilly.
„Nein!“, widersprach ich und erhob mich wieder. „Nein, die Idee ist ganz und gar nicht abgehakt.“
Trotzig wie ein Kind nahm ich wieder meinen Stift zur Hand und lief zur Tür, um meine Geschichte weiterzuschreiben.

Tagelang klappte das auch super. Doch dann…dann kam ich zum Stocken.
Wie würde es von hier an weiter gehen? Wie würde er handeln? Wie würde ein Mann handeln?
Ich zerbrach mir den Kopf und schlief ein paar Nächte darüber, bis ich schließlich wieder anklopfte. Einmal, zweimal…Mein Herz begann erneut zu rasen. Oh, nein…nein, bitte nicht…Bitte, macht mir jemand auf…
„Was, fällt es dir etwa doch ein bisschen schwerer als gedacht?“, ertönte ein neckisches Lachen von drinnen.
„Oh, mon chèr, sei nicht so und mach ihr auf!“, rief Antoinettes Stimme und im nächsten Moment öffnete sich die Tür wieder.
Noch immer war der Raum ein Konferenzzimmer. Dieses Mal standen Törtchen dort, garantiert von Antoinette gebacken. Meine Lieblingspersonen sahen mich versöhnlich lächelnd an. Luca der mir die Tür geöffnet hatte, legte einen Arm um mich und gab mir einen Kuss in die Haarkrone.
„Gut, dass du zur Vernunft gekommen bist. Setz dich hin“, lobte Bérnard mich und deutete, ganz der Chef, der er war auf den Platz ihm gegenüber.
„Ich habe eine Idee“, kündigte ich an.
„Ich bin gespannt“, murmelte Felix, der vertieft in sein Smartphone war.
„Ich erzähle die Geschichte, aber anders und aus der Sicht von ihr.“
Mein Blick schweifte über die Gesichter der anderen. „Sprich weiter“, ermutigte mich Antoinette.
„Also…“ Ich gab ihnen den groben Grundriss der Handlung und schweifte zwischendrin bei einigen Situationen, die ich schon genauer im Kopf hatte, etwas ab. Vor Begeisterung begann ich dann sogar auf und ab zu laufen, gestikulierte wild und die anderen unterstützten mich durch Einwürfe, Verbesserungsvorschläge und eigenen Einfällen.
„Was hältst du davon…mal ganz verrückt gedacht…“, murmelte Pascal am Ende nachdenklich und raffte sich dann auf, um seine Idee doch selbstbewusster hervorzubringen. „Lass die Geschichte in unserer Stadt stattfinden.“
„Warum sollte ich?“, lachte ich. „Eure Geschichten sind abgeschlossen. Ihr seid glücklich,
da-“
„Lass die Geschichte vor den unseren stattfinden“, schlug Lilly vor und nahm meine Hand in die ihre. Ihre Augen leuchteten. „Du würdest vertraute Orte wieder besuchen. Vielleicht findest du ja sogar jemanden von uns…?“
„Oder jemand von uns findet dich?“, ergänzte Luca und zwinkerte mir zu.
Mein Herz flatterte glücklich. „Also, dann beginne ich mal umzuschreiben, oder?“
„Halt, wie sehen denn die Figuren aus und wie heißen sie?“, holte mich Nina auf den Boden der Tatsachen zurück.
„Oh ja, da war was…“ Ich räusperte mich und deutete auf eine der regungslosen Gestalten am anderen Ende des Tisches. „Das ist Rebekka. Sie ist …“
Während ich sie ausführlich beschrieb nahm die Gestalt eine Form an und als ich endete, saß da die Person vor mir, mit der ich durch deren Geschichte wandern würde. Dabei würde ich durch sie sehen, fühlen, hören und schmecken.
„Hi, Rebekka“, begrüßte ich sie strahlend.
„Ähm…hey…“, erwiderte sie verlegen lächelnd.
„Hallo, Rebekka. Willkommen“, rief Isabèlle grinsend.
Rebekkas Blick wanderte zu ihr hinüber und sie winkte kurz.
„Dann fahren wir mal fort“, seufzte ich und begann die restlichen Figuren, sowie den Ort zu erschaffen, an dem alles beginnen würde.
„Wir sehen uns bald wieder“, flüsterte Lilly in mein Ohr, als ich mich am Ende dort wiederfand, wo alles beginnen würde.
„Bis bald“, erwiderte ich wehmütig lächelnd und drückte sie noch ein letztes Mal, ehe ich mich in eine Ecke setzte und begann zu schreiben.

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Die aus diesem Schreibfluss entstandene Geschichte, kannst du hier gerne mitverfolgen :)

Nicht die Zeit, sondern Liebe
https://www.fanfiktion.de/s/5f89b06b000a5aa8190fa816/1/Nicht-die-Zeit-sondern-Liebe
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