Auf Den Letzten Blick

von Lizza
GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
16.05.2020
24.05.2020
5
16.185
19
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
23.05.2020 3.149
 
Vielen Dank für die neuen Sternchen.

Ich kann nicht einschätzen, ob euch die Geschichte gefällt, da mir schlichtweg die Rückmeldungen fehlen  - aber ich hoffe es. Mir hatte es viel Spaß gemacht, die Story zu schreiben, das weiß ich noch.


LG
_______________________________________________________________________________________________



~4~


Die Luft ist feucht und stickig zugleich, als wir uns einen Weg durch die Menschengrüppchen bahnen. Ich falle etwas zurück und greife nach Jakes Hand, als er sich umblickt und sie mir reicht.

Es fühlt sich seltsam an, mit jemand anderem als Sebastian Händchen zu halten. Und überraschenderweise nicht schlecht. Jakes Hand ist groß und umfasst meine vollständig. Ich fühle mich nicht länger verloren in dieser Masse der lachenden und plaudernden Menschen.

Wir schaffen es, bis auf den Sandabschnitt vorzudringen, und lassen uns dort auf einer freien Fläche nieder.

»Ich hole uns etwas zu trinken.« Jake muss sich zu meinem Ohr vorbeugen, damit ich ihn verstehen kann. Sein warmer Atem trifft auf meine Haut und hinterlässt dort ein Kribbeln.

Während er sich erneut in das Gewusel wagt, bleibe ich sitzen und schaue mich um. Falls Sebastian heute wirklich hier ist, wird es schwer, ihn zwischen all den anderen Anwesenden ausfindig zu machen. Die Nervosität in meinem Magen formt sich zu einem schweren Klumpen.

Was mache ich hier bloß?, frage ich mich immer wieder, und atme erleichtert aus, als Jake endlich zurückkehrt und meine Zweifel zumindest für den Moment vertreibt.

»Was ist das?«, frage ich und nippe zögerlich an dem Getränk, das er mir mitgebracht hat.

»Laut der Bedienung an der Bar der Renner bei den Frauen.«

Der Geschmack von Melone und Alkohol trifft auf meinen Gaumen.

»Möchtest du lieber etwas anderes?«, fragt Jake nach. Er selbst hält eine Cola in der Hand.

»Und dich noch einmal in die Höhle der hungrigen Löwinnen schicken?« Ich schüttele den Kopf. »Nein, schon okay. Es schmeckt gut.« Und vor allem ist da ein ordentlicher Schuss Alkohol drin, der hoffentlich meine Nerven beruhigen wird.

Jake lächelt und macht es sich bequemer, indem er die Beine ausstreckt und sich auf einem Ellbogen abstützt. »Und, hast du deinen Macker schon entdeckt?«

Ich blicke mich wieder um. »Bisher nicht. Vermutlich taucht er gar nicht mehr auf.« Ich habe zwar Sebastian nicht ausmachen können, aber dafür bemerke ich immer mehr Frauen, die zu meinem Begleiter schauen.

Ich kann es ihnen nicht verübeln. Jake sieht toll aus, obwohl er einfach nur ein schlichtes weißes T-Shirt und eine dunkle Jeans trägt. Beides betont seine große, athletische Statur. Einige Menschen sind eben mit diesem gewissen Etwas gesegnet, das sie aus der Menge herausstechen lässt. Sie müssen nicht viel dafür tun, um aufzufallen.

»Sag mal, wie fühlt es sich an?«, richte ich an Jake. »Was für ein Gefühl ist es, du zu sein?«

Er hebt überrascht eine Augenbraue. »Was meinst du damit?«

Ich komme mir bereits blöd vor, das gefragt zu haben, aber es interessiert mich wirklich. »Du hast ja selbst gesagt, dass du dir deiner Wirkung auf andere bewusst bist. Wie fühlt es sich an, durch die Gegend zu laufen und dabei von fast jeder Frau angestarrt zu werden? Stehst du morgens auf und denkst: Ich bin der Geilste. Ist das schon zur Gewohnheit geworden oder erstaunt dich das immer noch?«

»Tja ... keine Ahnung. Also, ich stehe morgens nicht vor dem Spiegel und werfe mir Küsschen darin zu.«

Diese Vorstellung bringt mich zum Lachen. Aber ja, sie passt nicht zu Jake. Er kommt überhaupt nicht arrogant oder selbstverliebt rüber, lediglich selbstbewusst.

»Es hat schon seine Vorteile«, fährt er im nächsten Moment fort, wobei sein Gesichtsausdruck etwas ernster wird. »Aber ich werde auch ständig in irgendwelche Schubladen gesteckt. Jake, der Aufreißer, das unsensible Arschloch. Der Schönling, der sonst nichts drauf hat. Manchmal nervt das, aber ich nehme es einfach hin.« Er zuckt mit einer Schulter.

Ich schabe mit den Zähnen über die Unterlippe, weil sich mein schlechtes Gewissen meldet. »Jetzt fühle ich mich mies.«

»Wieso? Weil du ähnlich über mich denkst?« Er mildert seine Worte mit einem Lächeln ab.

»Gedacht habe«, korrigiere ich ihn. »Ja, ich wusste kaum etwas über dich, und da bieten sich gewisse Schubladen an. Aber, um mich zu verteidigen - ich wurde eines Besseren belehrt. Du bist ...«

»Was?«, hakt er nach, als ich nicht weiterrede, weil ich nicht weiß, wie ich meine Gedanken richtig verpacken soll.

»Nett«, sage ich schließlich.

»Wow.« Jake lehnt sich lachend zurück. »Tritt ruhig weiter nach, Evy.«

»Nein, du bist wirklich total nett.« Ich greife nach seinem Unterarm. »Du könntest auch ein arroganter Mistkerl sein, und man würde dich trotzdem anbeten, aber das bist du nicht. Du bist nett und hast tolle Ziele im Leben, für die ich dich total bewundere ... und ich höre jetzt auf zu reden.« Mit erhitzten Wangen widme ich mich meinem Getränk. Wieso gebe ich bloß so viel Mist von mir?

Plötzlich rückt Jake ganz nah an meine Seite, und sein angenehmer Duft umweht mich. »Danke«, sagt er leise, und in seiner Stimme höre ich noch die Belustigung. »Du bist auch nett, Evy.«

Ich bohre meinen Ellbogen leicht in seinen Oberarm, weil er mich aufzieht. Doch als ich noch etwas darauf erwidern möchte, erscheint Sebastian in meinem Blickfeld. Mein Herz macht einen Hüpfer - nur, um mir im nächsten Moment in den Magen zu rutschen. Eine Frau, die ich nicht kenne, stellt sich an seine Seite und lässt eine Hand in die Gesäßtasche seiner Hose gleiten. Sie sagt ihm etwas ins Ohr und presst sich dabei ziemlich vertraut an ihn.

Ich habe keine Ahnung, was in diesem Moment in mir vorgeht. Mein Körper ist erstarrt, und dabei würde ich am liebsten aufspringen und weglaufen. Ich kann mich nicht rühren, starre bloß nach vorne zu dem Menschen, der mir innerhalb kürzester Zeit das Herz gleich zweimal gebrochen hat. Jede Hoffnung, doch noch mit Sebastian eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, zerbröselt vor meinen Augen zu Staub.

»Scheiße«, vernehme ich Jakes Stimme neben meinem Ohr. Er berührt mich an der Taille und haucht endlich etwas Leben in meinen Körper.

»Jetzt weiß ich es«, flüstere ich vor mich hin. »Jetzt weiß ich, dass er eine andere hat.«

»Evy -«

»Ich bin so eine Idiotin«, fahre ich ihm ins Wort und lache kurz auf. »Während ich mir den Kopf darüber zerbreche, wie ich ihn zurückbekommen kann, tauscht er mich gegen eine schlecht gefärbte Rothaarige aus.« Ich rappele mich hastig auf und quetsche mich durch die Massen zu einer der Bars, wo ich mir einen weiteren angesagten Drink bestelle.

Jake taucht an meiner Seite auf, und ich kann kaum den Blick, mit dem er mich bedenkt, ertragen. Ich möchte kein Mitleid! Ich will, dass er mit mir zusammen trinkt und über Sebastian schimpft. Oder mich küsst und Sebastian damit vergessen lässt. Nur nicht dieses Mitleid ...

»Du wirst dich jetzt betrinken?«, fragt er schließlich.

»Nur so viel, bis ich genug Mut angesammelt habe, um zu ihm rüber zu gehen und ihm ins Gesicht zu sagen, was ich von ihm halte.« In mir hat sich so viel Schmerz gestaucht, dass ich unbedingt etwas davon loswerden muss, weil ich sonst daran ersticke.

»Evy.«

Als Jakes Finger sanft auf mein Kinn treffen, ist es zu viel für mich. Mich überkommt der Drang, irgendetwas zu tun, nur nicht hier verharren und in meiner Verzweiflung ertrinken. Ich stürze den neuen Cocktail in wenigen Zügen herunter, huste kurz und marschiere rüber zu Sebastian. Mit jedem Schritt bohrt sich der Stachel in meiner Brust tiefer hinein, zerreißt die Schichten meines Körpers und trifft auf mein Herz. Ich sehe den Mann, den ich so lange als Teil meines Lebens erachtet habe, neben einer anderen Frau stehen, sie auf intime und vertraute Weise berühren. Wie kann das sein? Wie kann er so schnell das bei einer anderen gefunden haben, was doch wir zusammen hatten?

Als ich vor ihm stehen bleibe, ist mein Kopf wie leergefegt. Sebastian sieht mich mit aufgerissenen Augen an, und ich kann nicht erkennen, was er in diesem bedeutenden Moment denkt. Fühlt er sich ertappt? Tut es ihm leid, dass ich es so erfahren musste? Hat er Angst, dass ich ihm jetzt eine Szene mache?

»Hallo, Seb«, sage ich schließlich und erkenne meine Stimme kaum wieder. So hohl und leblos.

Die Frau an seiner Seite runzelt die Stirn, wahrscheinlich, weil ich ihn so vertraut anspreche.

»Evelyn ...«

»So stellst du dir also deine Freiheit vor?« Ich schaue zu seiner ... Freundin? Ihr Blick wird kühl, und sie drückt die Brust raus, als würde sie mich herausfordern wollen, etwas zu sagen.

»Evy, bitte mach jetzt nicht Großes draus.«

»Nichts Großes draus machen? Also war das, was wir zusammen hatten, nicht von Bedeutung?« Ich kann kaum begreifen, was ich da höre. Fast vier Jahre - und das soll nichts Großes gewesen sein?

»So habe ich das nicht gemeint«, entgegnet Sebastian und blickt kurz zur Seite, bevor er mich wieder ansieht. »Wir reden in Ruhe darüber ... nicht hier.«

»Du willst noch mit ihr reden?«, ertönt da die Stimme seiner Neuen. Ich nehme mit einem Hauch Zufriedenheit wahr, dass sie etwas zu hoch und somit quietschig klingt. Nervig. »Wozu willst du mit ihr reden? Du hast dich von ihr getrennt, was habt ihr noch zu bereden?«

Sie weiß über Sebastian und mich Bescheid?

»Jill«, setzt er an, aber sie unterbricht ihn, indem sie sich wieder an mich wendet.

»Du solltest akzeptieren, dass es vorbei ist, Mädchen. Er hat keinen Bedarf mehr an deiner langweiligen Gesellschaft. Das musste er jahrelang ertragen und hat genug davon. Also, gib dir nicht weiter die Blöße und verschwinde. Bye, bye!« Sie winkt mich mit einem gemeinen Lächeln von sich weg. Wenn es nach ihr geht, bin ich also entlassen.

In mir toben die wildesten Gefühle - ich bin beschämt, enttäuscht, traurig, wütend ... Doch im letzten Moment kann ich mich davon abhalten, nach einem Getränk zu greifen und es den beiden ins Gesicht zu schütten. Weil sie es nicht verdient haben, dass ich mich wegen ihnen vor allen Anwesenden blamiere. Nicht noch mehr. Es reicht schon, dass die Leute in unserer direkten Nähe mitbekommen haben, was sich hier ereignet hat.

Als ich eine Spur von Bedauern in Sebastians Blick erkenne, drehe ich mich um und gehe schnell zum Ausgang des Clubs. Ich muss raus, bevor ich in Tränen ausbreche! Während ich unzählige Menschen anrempele, murmele ich flüchtige Entschuldigungen, und erreiche schließlich das mit Stroh abgedeckte Tor. Gerade rechtzeitig, denn im nächsten Moment entkommt mir ein lautes Schluchzen.

»Komm mal her.« Ich habe nicht gemerkt, dass Jake die ganze Zeit hinter mir war, aber jetzt zieht er mich in seine Arme und hält mich fest, während ich ihm das leuchtend weiße T-Shirt vollheule.

»Ich bin so dumm«, sage ich immer und immer wieder. »So naiv und blöd.«

Jake erwidert nichts, und ich bin ihm dankbar dafür. Es wäre egal, was er jetzt sagen würde, ich bin gefangen in meiner Spirale aus Selbsthass und Selbstmitleid.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich an seiner Brust schluchze, aber irgendwann versiegen die Tränen und ein unschöner Schluckauf nistet sich in meinem Hals ein. Ich merke, dass wir wohl irgendwie zu Jakes Wagen gelangt sein müssen, denn er öffnet mir die Tür und drückt meinen Kopf sanft nach unten, damit ich mich beim Einsteigen nicht stoße.

»Was ... denkst du über mich?«, frage ich, nachdem wir ein paar Minuten schweigend gefahren sind. Wieso auch immer ich jetzt diese Frage stelle ... Vielleicht möchte ich ja von ihm noch einmal bestätigt haben, dass ich ein Dummkopf bin, weil ich meinem Ex nachgerannt bin. Um mich noch ein wenig mehr zu foltern.

»Ich denke, dass er ein Idiot ist.«

Seine Antwort treibt mir wieder Tränen in die Augen.

»Scheiße, habe ich was Falsches gesagt?«, stößt er sofort aus und schaut immer wieder zu mir.

Ich schüttele schnell den Kopf und zwing mich, endlich mit dem Weinen aufzuhören. »Ich fühle mich so verarscht«, flüstere ich, weil ich Angst habe, erneut zu schluchzen, wenn ich lauter rede. »Aber ich bin selbst schuld, oder?«

»Woran bist du schuld? Er hat dir etwas von Freiheit erzählt und sich gleichzeitig eine Neue gesucht. Warum sollst du schuld daran sein?«

»Sie ...« Ich hole tief Luft und habe Mühe, die nächsten Worte auszusprechen. »Sie meinte, er hätte meine langweilige Gesellschaft jahrelang ertragen müssen und keinen Bedarf mehr daran gehabt. Wenn ich nicht so langweilig gewesen wäre -«

»Oh nein, Evy«, unterbricht mich Jake. »Scheiße, der Typ ist einfach nur ein Arschloch und sein neues Weib wahrscheinlich ein Miststück. Lass dir doch nicht so einen Scheiß einreden.«

»Aber irgendwas muss ihn ja an mir gestört haben, sonst hätte er mich nicht gegen sie eingetauscht!«, halte ich dagegen und hasse mich sofort dafür, dass ich mir tatsächlich auch noch diesen Schuh anziehe.

»Keine Ahnung, was ihn gestört hat. Vielleicht ist er einfach nur ein Wichser. Aber das ist nicht länger dein Problem, oder?«

Ich antworte nichts darauf, sondern drehe mich zur Seite und schlinge die Arme um mich. Ich sollte es nicht tun. Verdammt, ich weiß, dass es dämlich ist, aber ich kann diesen Gedanken einfach nicht ausradieren.

Bin ich langweilig? Hat Sebastian mich verlassen und sich eine andere gesucht, weil er mich öde fand? Warum? Wir haben nicht jeden Tag Abenteuer erlebt, das stimmt, aber ich habe bei allem mitgemacht, was er tun wollte, und fand unsere Beziehung nie langweilig oder festgefahren.

»Ich schwör's dir, ich kann hören, was in deinem Kopf vorgeht«, bemerkt Jake nach kurzer Zeit.

»Dann hör nicht hin!«, brumme ich. Es ist nicht fair, meine bescheidene Laune an ihm auszulassen. Er wollte mir helfen und kann nichts für meine Probleme. »Lass mich einfach irgendwo raus ...«

»Klar. Ich schmeiße dich um zehn Uhr abends einfach aus meinem Wagen.«

Die nächsten Minuten schweigen wir uns an, und ich bitte ihn schließlich, das Radio anzumachen, weil meine Gedanken mich verrücktmachen.

»Das Radio ist kaputt«, teilt Jake mir daraufhin mit. »Hat vorhin den Geist aufgegeben.«

Ich seufze und drehe mich wieder so, dass ich ihn ansehen kann. »Tut mir leid, dass ich dich eben angezickt habe. Du bist der Letzte, an dem ich meine miese Laune auslassen sollte.«

»Schon okay. Wenn es dir hilft, kannst du mich ruhig beschimpfen«, entgegnet er mit einem Lächeln.

»Nein, das hilft mir nicht.«

»Was würde dir denn jetzt helfen?«

»Keine Ahnung. Ich möchte mich wie eine Dramaqueen ins Bett schmeißen, die Decke über den Kopf ziehen und ganz hässlich ins Kissen weinen. Dein Shirt reicht mir nicht.«

Er lacht leise.

»Findest du mein Leid etwa witzig, Jake?«, hake ich nach und unterdrücke ein Lächeln, weil sein Lachen ansteckend auf mich wirkt. Selbst in meiner beschissenen Situation.

»Ja, total. Ich liebe es, wenn Frauen sich die Seele aus dem Leib weinen, und komme mir dabei überhaupt nicht fehl am Platz oder hilflos vor.«

»So einer bist du also. Ich wusste es gleich.«

Er sieht mich an, und ich erwidere diesmal das Lächeln. Etwas von dem Druck in meiner Brust lässt nach.

»Im Ernst«, setzt er dann wieder an. »Ich hab heute nichts mehr vor. Worauf hast du Lust? Dich betrinken? Seine Bude anzünden? Bin dabei.«

»Auf nichts«, erwidere ich traurig. Ich rechne ihm hoch an, dass er mich aufzuheitern versucht, aber ich habe für heute genug. »Wahrscheinlich würde jede andere Frau Freudensprünge machen, wenn sie so ein Angebot von dir bekäme, aber ich bin einfach nur fix und fertig. Und wenn ich mir vorstelle, gleich noch Claire und Lu erzählen zu müssen, was passiert ist, möchte ich mich im Fluss ertränken. Hilfst du mir auch dabei?«

»Frauen im Fluss zu ertränken ist nicht so mein Ding. Aber wenn du keine Lust hast, deinen Freundinnen von diesem Abend zu erzählen, dann tu's einfach nicht.«

»Im Männeruniversum ist so etwas auch nicht schwer. Wenn ihr nicht über eure Probleme reden wollt, klopft ihr euch bloß auf die Schulter, und damit ist alles gesagt. Aber die beiden werden sehen, dass ich geweint habe, und so lange um mich rum schleichen, bis ich es nicht mehr aushalte und ihnen die ganze hässliche Wahrheit vor die Füße spucke.«

»Woher willst du wissen, dass ich mit meinen Kumpels nicht stundenlang über meine Gefühle rede?«, entgegnet Jake.

Ich schenke ihm ein müdes Lächeln. »Tust du das?«

»Zugegeben, eher selten. Aber das liegt nur daran, dass ich keine habe. So erzählt man es sich zumindest.«

»Oh, du armer, missverstandener Herzensbrecher. Soll ich über das Aua auf deiner schwarzen Seele pusten?«

Er lacht, und erstaunlicherweise löst sich der Knoten in meiner Brust noch mehr. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, und auch dafür, dass er vorhin für mich da war.

Wir halten vor dem Haus, in dem sich meine WG befindet, und ich schaue hoch zum Küchenfenster.

»Soll ich mit raufkommen?«, bietet Jake an. »Ich könnte mein T-Shirt ausziehen, dann ist zumindest Lu abgelenkt und beschäftigt sich nicht mit deinen verheulten Augen«

»Was ist das überhaupt zwischen euch?«, hake ich schmunzelnd nach.

»Wir lieben uns. Merkt man das etwa nicht?«

»Hattet ihr ... naja, schon mal was miteinander?« Ich kann ihm nicht in die Augen sehen bei dieser Frage - wieso auch immer.

»Bin ich lebensmüde?«, entgegnet er und tippt sich an die Stirn. »Lu würde mich lebendig verspeisen. Ich mag es zwar, wenn es auch mal wilder zugeht, aber vor ihr habe ich Angst. Außerdem hat mir Claire eingetrichtert, niemals etwas mit ihren Freundinnen anzufangen.«

»Aber du wolltest mit mir vor Sebastian rummachen«, wende ich ein und bin verwirrt, weil der Gedanke daran eine eindeutige Reaktion in meiner Körpermitte auslöst. Mir wurde vor nicht einmal einer halben Stunde zum zum zweiten Mal von meinem Exfreund das Herz gebrochen und dann erregt es mich, mir vorzustellen, mit Jake rumzumachen? Ich bin wirklich durch!

»Ich kann mich noch gut erinnern, dass es eure Idee gewesen ist, deinem Ex etwas vorzuspielen. Von wollen meinerseits war nie die Rede.«

Autsch. Na klar, als wäre Jake scharf drauf, etwas mit mir zu starten!

Er runzelt die Stirn. »Das klang jetzt ziemlich mies«, fährt er im nächsten Moment fort. »Sorry, das sollte nicht so rüberkommen ...«

»Schon okay«, unterbreche ich ihn und schnalle mich ab. »Das Ganze hat sich ja jetzt sowieso erledigt.« Ich sollte mich nicht so verletzt von seinen Worten fühlen, denn immerhin ging es hierbei nie um etwas anderes als mein Vorhaben, Sebastian bewusst zu machen, dass er mich noch will. Aber mal ehrlich - es verletzt mich total! Es kratzt noch weiter an meinem Ego, das bereits von Sebastian und seiner Neuen zu Boden befördert worden ist.

Ich schneide Jakes nächsten Worte ab, indem ich die Tür hinter mir zuschlage und noch einmal durch das geschlossene Fenster winke. »Tschüss«, forme ich mit den Lippen und ringe mir ein möglichst ungezwungenes Lächeln ab.

Jake lächelt nicht. Er sieht mich mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck an und nickt schließlich zum Abschied.

Vor der Wohnungstür bleibe ich noch einmal stehen und reibe über meine Wangen. Die meisten Spuren meiner verlaufenen Wimperntusche habe ich bereits während der Fahrt beseitigt, aber wenn ich der Inquisition noch bis mindestens morgen entkommen möchte, darf absolut nichts darauf deuten, dass ich geheult habe. Vielleicht habe ich ja Glück und weder Claire noch Lu schauen allzu genau hin.