Auf Den Letzten Blick

von Lizza
GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
16.05.2020
02.07.2020
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30.06.2020 3.952
 
Ich habe wirklich Bammel vor dem, was ihr zu diesem Kapitel sagen könntet ...
Daher bringe ich es jetzt einfach schnell hinter mich!

Viel ... äh ... Spaß?

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~19~


Ich rufe mehrmals auf Jakes Handy an und hinterlasse Nachrichten auf seiner Mailbox, bevor ich schließlich nach unten gehe, um nachzusehen, ob sein Wagen noch in der Einfahrt steht.

Tut er nicht. Also ist Jake weggefahren ... und hat mich hier zurückgelassen. Natürlich verstehe ich, dass er aufgebracht war, nachdem sein Vater so etwas zu ihm gesagt hat - aber wieso stößt er mich nun weg? Wieso lässt er mich allein bei den Menschen, die ihn so verletzt haben?

»Evy.« Hinter mir taucht Mary auf und bleibt neben mir stehen. Ich spüre ihren Blick auf meiner Wange, als würde er sich dort hineinbrennen. »Ist er weggefahren?«

»Ja«, erwidere ich tonlos. Ich kann immer noch nicht fassen, dass Jake mich tatsächlich allein zurückgelassen hat.

»In ein paar Stunden kommt er bestimmt wieder zurück. Früher ist er auch immer zu Claire gefahren, wenn er sich mit unserem Dad gestritten hatte. Spätestens am nächsten Tag war er wieder da.«

Ich spüre, dass sich ein schmerzender Kloß in meinem Hals bildet, und schlucke schwer.

»Dad liebt ihn, weißt du?«, fährt sie fort und seufzt hörbar. »Aber er fühlt sich in seinem Stolz verletzt und ist so verdammt stur. Die Firma, die bereits unser Urgroßvater aus dem Boden gestampft hat, ist sein ganzer Stolz. In seiner Vorstellung waren seine beiden Söhne immer an seiner Seite und haben dieses Vermächtnis weitergeführt. Als Jake es dann ablehnte, mit ihm und Aidan zu arbeiten, war das ein harter Schlag für ihn.«

»Und deshalb muss er seinen Sohn nun für immer dafür bestrafen?«, entgegne ich mit einem Kopfschütteln. »Das ist grausam. Und es ist falsch.«

»Ich weiß. Wir leiden alle darunter. Seit Jake gegangen ist und sich kaum noch bei uns gemeldet hat, herrscht hier eine immerwährende Traurigkeit, auch wenn wir stets versuchen, die Normalität zu wahren. Mom hat so oft geweint. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich ihr Schluchzen gehört habe. Jake war ihr absoluter Liebling, musst du wissen. Und glaub mir, früher fand ich es gar nicht toll, dass sie ihn so bevorzugt hat, aber eigentlich war ich ganz genauso, wenn es um ihn ging. Er war mein kleiner Bruder, den ich vor der Welt beschützen wollte, und dann wurde er groß und hat sich schützend vor mich gestellt. Seine soziale Ader war schon immer sehr stark ausgeprägt, und es hat mich eigentlich nicht sehr überrascht, als ich erfuhr, dass er fortgehen und studieren wollte, um Lehrer zu werden. Natürlich war ich traurig, und wie Aidan habe auch ich ihn ein wenig um diesen Mut beneidet. Aber mit der Zeit habe ich ihm verziehen, uns hier zurückgelassen zu haben. Ich kann ihm nur nicht verzeihen, dass er Mom das Herz gebrochen hat und uns ständig zurückweist.«

Ich drehe den Kopf in ihre Richtung und sehe die Verzweiflung in ihren Augen. »Versucht ihr denn überhaupt, euch ihm richtig zu nähern? Oder erwartet ihr, dass Jake einfach alles vergisst und so mit euch umgeht, als wäre nie etwas passiert? Denn das wird er nicht. Wir ... ähm ... sind noch nicht lange zusammen, aber selbst ich sehe, wie tief er verletzt ist. Das wird nicht heilen, bloß weil ihr euch alle paar Monate seht. Und erst recht nicht, wenn er dann jedes Mal solche Worte von seinem Dad zu hören bekommt.«

Mary leckt sich über die Lippen und nickt langsam. »Mom versucht wirklich alles, damit wir wieder vernünftig miteinander reden und umgehen können, aber Dads Sturkopf ist ihr da im Weg. Sie streiten sich so oft deswegen, aber kommen nicht voran. Wir wissen einfach nicht, was wir tun sollen, um den Frieden wiederherzustellen.«

Ihre Hoffnungslosigkeit legt sich auch über mich. Das alles hier ist wirklich verfahren, und ich habe keine Ahnung, was ich sagen oder tun könnte, um ihnen irgendwie helfen zu können.

»Ihr ... müsst mit eurem Vater reden«, murmele ich schließlich. »Immer und immer wieder, auch wenn ihr denkt, dass es nichts bringt. Er muss begreifen, dass er Jake verletzt und weiter von euch wegtreibt, wenn er ihm nicht endlich verzeihen kann, dass er gegangen ist. Und falls euer Vater sich weiterhin querstellt, dann müsst ihr eben allein versuchen, euch mit Jake zu versöhnen. Ruft ihn an, entschuldigt euch. So oft, bis er euch wirklich vergeben kann. Ich bin mir sicher, dass ihr ihm schrecklich fehlt. Vielleicht könnt ihr ja das nächste Mal ihn besuchen kommen, euch ansehen, wo und wie er arbeitet. Es wird sich lohnen, das verspreche ich dir. Wenn du ihn einmal mit den Kindern zusammen siehst ... Es ist eine Gabe. Ich kann mir Jake in keinem anderen Beruf vorstellen.«

Einen Moment stehen wir schweigsam nebeneinander, dann spüre ich plötzlich Marys Arme, die sich um mich schließen.

»Ich bin froh, dass er dich hat, Evy. Wir haben geglaubt, dass er nie von Claire loskommt, aber er mag dich wirklich, das hat man gesehen. Vielleicht wird es Dad doch noch irgendwann umstimmen, wenn er weiß, dass sein Sohn wirklich glücklich ist und nicht nur jemandem nachrennt, der seine Gefühle nicht erwidert und ihn stattdessen warm hält und ausnutzt.«

Ihre Worte treffen mich unvorbereitet und so hart, dass ich mich darüber wundere, nicht getroffen umzukippen. Ich erstarre und brauche einen Moment, um den Inhalt zu begreifen.

Jake und Claire. Die Freundschaft, die ich immer so bewundert habe, weil sie bewies, dass Mann und Frau einfach nur befreundet sein können. Jake hat gesagt, dass Claire für ihn wie eine Schwester ist, aber wenn ich Marys Worte richtig verstehe, dann soll er wohl mehr für Claire empfinden.

Sie lässt mich los, und ihre Stirn runzelt sich leicht, als sie mich nun ansieht. »Oh, sorry, das hätte ich nicht sagen sollen. Ich habe nicht nachgedacht ... Aber Jake hat erzählt, dass du eine Freundin von Claire bist, und ich dachte, du wüsstest Bescheid darüber, dass er in sie -«

»Ja, ich ... ich weiß es«, unterbreche ich sie schnell, damit sie die Worte nicht ausspricht. Auf keinen Fall möchte ich diese Worte laut ausgesprochen hören.

»Ähm, okay, gut. Ich bin jedenfalls wirklich froh, dass er dich hat. Ich mochte Claire nie wirklich, weil sie seine Gefühle ausgenutzt und ihn an der kurzen Leine gehalten hat. Das war einfach nicht fair. Ihr dagegen passt super zusammen. Er braucht jemanden, der ihn so wertschätzt, wie du es tust.« Sie streicht mir über den Arm, dreht sich um und geht zurück ins Haus.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich draußen stehe und in die Dunkelheit starre, während in meinem Kopf das reinste Chaos herrscht.

Jake ist Claire nachgerannt? Hat er vielleicht gar nicht seine Träume verfolgt, sondern ist ihr gefolgt, als sie weggezogen ist, um zu studieren? Er war in sie verliebt. Oder ... ist er es immer noch?

Plötzlich ergibt so vieles einen Sinn, was ich vorher gar nicht richtig begriffen habe. Dass er nie lange bei einer Frau bleibt und sich durch die Gegend vögelt. Ich bin vielleicht eine Ausnahme, aber er hat sich erst auf meinen Vorschlag eingelassen, als es zwischen Claire und David ernster wurde. Und vielleicht hat er mich zur Ablenkung benutzt, so wie ich ihn, um über Sebastian hinwegzukommen. Wir haben uns gegenseitig benutzt, als wir besonders verletzlich waren. Ich habe meinen Freund nach vier gemeinsamen Jahren verloren, und Jake musste mit ansehen, wie seine beste Freundin, für die er Gefühle hat, sich in einen anderen Mann verliebte.

Ich bekomme so heftige Bauchschmerzen, dass ich mich auf die unterste Stufe der Treppe setzen und meine Arme um mich schlingen muss, damit ich es aushalten kann. In meinem Hals ist so ein großer Kloß, dass ich beinahe keine Luft bekomme, aber ich atme mit aller Macht an dem Schmerz vorbei und kämpfe gegen die aufsteigenden Tränen an.

Selbst schuld!, meldet sich eine fiese Stimme in meinem Kopf. Ich hätte mich nicht sofort nach der Trennung von Sebastian an den nächsten Typen klammern sollen, bloß weil ich nicht alleine sein wollte und er nett zu mir war. Ich hätte, verdammt noch mal, daraus lernen müssen, dass man sich im Leben auf nichts und niemanden verlassen kann! Früher oder später wird man sowieso enttäuscht, egal wie sehr man hofft, dass es nicht passiert. Ich habe es doch von klein auf mitbekommen ... Jedes Mal, wenn ich dachte, dass meine Mutter es endlich geschafft hatte, clean zu werden, kam der nächste Absturz und die Enttäuschung. Dann fand ich Sebastian, und vier Jahre mit ihm hatten mich in eine trügerische Sicherheit gewogen, bis er mich für seine Karriere und eine andere verließ. Doch scheinbar war auch das nicht genug, um mich endlich davon zu überzeugen, was Sache ist. Nein, ich verschenkte mein Herz gleich an den nächsten Kerl. Und was passiert? Es wird zerquetscht. Denn genauso fühlt es sich an, wenn ich daran denke, dass die letzten Wochen mit Jake eine einzige Lüge waren. Eine Wunschvorstellung, in die wir beide uns geflüchtet haben, um unsere Herzen zu heilen. Notdürftig zusammenzuflicken, indem wir uns gegenseitig etwas vorgemacht haben. Wahrscheinlich bin ich gar nicht richtig verliebt in ihn. Gott, ich will nicht in ihn verliebt sein, dann schaffe ich es vielleicht, nicht vollkommen zu zerbrechen ...

Als Scheinwerfer in der Ferne auftauchen und auf das Haus zusteuern, halte ich den Schmerz in mir kaum noch aus. Meine Augen brennen wie verrückt, weil ich die Tränen mit aller Macht unterdrücke, und ich kann kaum noch atmen, weil es in meinem Hals so eng ist.

Jakes Wagen hält an derselben Stelle wie heute Nachmittag, als wir hier angekommen sind. Er steigt aus und kommt auf mich zu, und ich schaffe es nur mit letzter Kraft, ein Schluchzen zu unterdrücken.

»Hey.« Er setzt sich neben mich und sieht mich an.

Mittlerweile ist er mir so vertraut, dass ich ihn wahrscheinlich blind und überall wiedererkennen würde ... aber eigentlich kenne ich ihn überhaupt nicht, oder? Ich hatte keine Ahnung, dass sein Herz Claire gehört. Ich dachte, er würde es irgendwann mir schenken.

»Was ist los?«, fragt er und runzelt die Stirn.

Ich schlucke hart und hoffe, dass meine Stimme mir noch gehorcht. »Das ... ist zu viel für mich«, äußere ich flüsternd. »Tut mir leid, ich dachte, ich kann das durchziehen, aber ... es geht nicht.« Ich zucke hilflos mit den Achseln.

Jake nickt langsam und streicht mir das Haar hinter ein Ohr. Gott, ich bin kurz davor, völlig die Fassung zu verlieren!

»Du musst dich deswegen nicht schuldig fühlen, Evy. Ich hätte dich nicht mit reinziehen sollen. Wir fahren gleich morgen früh zurück.«

Weil ich mir sicher bin, dass ich kein Wort mehr herausbringen werde, nicke ich bloß. Aber ich habe auch keine Ahnung, wie ich die Nacht überstehen soll. Wie ich mich zu Jake ins Bett legen soll, während in meinem Kopf die ganze Zeit Claires Name schrill gebrüllt wird.

Als wir schließlich oben in seinem alten Zimmer sind, ziehe ich mich schnell um und schlüpfe unter die Decke. Nur einen Moment später spüre ich Jake an meinem Rücken und presse fest die Lippen aufeinander, um nicht laut loszuschreien.

Ich könnte ihn auf das, was Mary gesagt hat, ansprechen und eine Erklärung fordern, aber ich tue es nicht. Weil ich nicht kann. Weil ich es nicht ertragen würde, aus seinem Mund zu hören, was Claire ihm bedeutet. Und welche Rolle ich in diesem Stück spiele. Ich weiß es bereits und es zerreißt mich regelrecht.

Den Kampf gegen meine Tränen verliere ich, aber zumindest gelingt es mir, still vor mich hin zu weinen und Jake nicht zu verraten, dass ich mich in Gedanken bereits von ihm verabschiede.



Jake küsst die empfindliche Stelle hinter meinem Ohr. Das ist das erste, was ich merke, als ich am nächsten Morgen wach werde. Mein Körper reagiert ganz instinktiv auf seine zärtliche Berührung und die Wärme, die von ihm ausgeht. Es zieht tief in meinem Bauch, und am liebsten würde ich mich umdrehen und alles, was geschehen ist, in seinen Armen vergessen. Den Schmerz und diese schreckliche Leere, die sich in mir ausgebreitet hat. Aber ich kann nicht. Ich bin mehr wert, als bloß der Ersatz für jemanden zu sein, den er nicht haben kann.

Ich erlaube mir noch einen Moment, dieses unglaubliche Gefühl seiner Nähe in mir aufzunehmen, dann winde ich mich aus Jakes Umarmung und stehe auf. Ohne ihn anzusehen - das könnte ich jetzt unmöglich verkraften -, nehme ich meine Sachen aus meinem Koffer und gehe zur Tür. Dort bleibe ich stehen und richte noch ein paar Worte an ihn: »Wir sollten wenigstens noch zum Frühstück bleiben, bevor wir wieder fahren.«

»Evy -«

Ich schneide ihm das Wort ab, indem ich hinausschlüpfe und schnell nach nebenan ins Badezimmer verschwinde.

Der Blick in den Spiegel verrät mir, dass diese Nacht nicht nur in meinem Inneren Spuren hinterlassen hat. Ich wasche mir das Gesicht und tue etwas, was ich normalerweise niemals tun würde: Ich suche in den fremden Schubladen der Kommode nach Schminke und bediene mich an ihr, sobald ich sie gefunden habe.

Als ich fertig angezogen und geschminkt das Bad wieder verlasse, pralle ich beinahe gegen Jake, der vor der Tür gewartet hat. Er mustert mich mit einem unerbittlichen Starren, und plötzlich bin ich so wütend auf ihn, dass ich die Hände zu Fäusten balle.

Wieso hat er ausgerechnet mich gewählt, um seine unerwiderten Gefühle für Claire eine Weile zu vergessen? Warum hat er mir mit seinem liebevollen und aufmerksamen Verhalten vermittelt, dass ich ihm wichtig bin und er mehr für mich empfinden würde, wenn sein Herz ihr gehört? Er hat doch mitbekommen, wie sehr ich unter der Trennung von Sebastian gelitten habe. Wie konnte er nur so grausam sein!

»Evy, sag mir, was mit dir los ist«, bittet er mich nun eindringlich.

»Ich bin einfach nur fertig.« Als ich an ihm vorbeigehen möchte, hält er mich an der Hand fest.

»Hat mein Vater etwas zu dir gesagt? Oder jemand anderes?«

»Niemand hat irgendetwas gesagt«, erwidere ich möglichst ruhig. Seine Nähe schlägt weitere Wunden in mein bereits ziemlich mitgenommenes Herz. Ich ertrage es einfach nicht mehr ... seinen Geruch, seinen Anblick. Diesen fürchterlichen Schmerz, weil ich weiß, dass es vorbei ist und ich niemals bekommen werde, was ich mir so sehr wünsche.

»Warum bist du dann so?«

Ich weiß, dass er keine Ruhe geben wird, also nehme ich die erstbeste Ausrede, die mir einfällt. »Ich möchte einfach nicht in dieses Familiendrama hineingezogen werden, Jake. Ich dachte wirklich, ich könnte das hier ... aber ich habe mich geirrt.« Ich weiche seinem Blick aus, weil ich spüre, dass mir schon wieder Tränen in die Augen schießen. »Tut mir leid. Können wir ... Lass uns einfach fahren, okay?«

Obwohl ich noch am Frühstück teilnehmen wollte, bringe ich es einfach nicht fertig, noch länger so zu tun, als wären Jake und ich glücklich verliebt. Deshalb ignoriere ich mein schlechtes Gewissen, weil ich so zum Aufbruch dränge und ihn und seine Familie der Möglichkeit beraube, vielleicht doch noch vernünftig miteinander reden zu können, und bin erleichtert, als wir uns kurz darauf verabschiedet haben und im Wagen sitzen.

Ich drehe mich weg von Jake und schaue auf mein Handy, als ich ihm mitteile, dass er mich bitte nach Austin fahren soll. Vorhin habe ich noch im Internet nach einer Möglichkeit gesucht, wie ich mit dem Zug nach Hause fahren könnte, und eine gute Verbindung gefunden.

»Warum soll ich dich nach Austin fahren?«, fragt Jake verwirrt. »Scheiße, Evy, was ist denn los mit dir? Ist es, weil ich gestern weggefahren bin? Ich weiß, ich hätte dich nicht zurücklassen dürfen, aber ich war völlig durch den Wind und musste kurz klarkommen. Es tut mir leid.«

Ich schließe die Augen und atme tief durch. »Fahr mich einfach nach Austin ... bitte.«

»Evy, ich verstehe dich gerade nicht.«

Mit einer Hand wische ich die Tränen von meinen Wangen.

»Bitte rede mit mir. Was ist denn los?«

Er klingt so besorgt, und ich ersticke fast an meinem Kummer und Schmerz.

»Das mit uns ... Es war doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt«, bringe ich leise hervor und sehe ihn weiterhin nicht an. Es geht nicht, dann breche ich komplett zusammen. »Ich wollte einfach nur etwas Trost, nachdem Sebastian mich abserviert hat, mehr nicht. Der Besuch bei deinen Eltern hat mir bloß gezeigt, dass es schon zu intensiv geworden ist. Nach meiner gescheiterten Beziehung mit Sebastian bin ich einfach noch nicht bereit dafür, mich wieder an einen Typen zu binden. Es tut mir leid, Jake. Ich ... ich brauche einfach Abstand. Das mit uns funktioniert nicht.«

Gott, wie können sich Worte nur so bitter anfühlen und einem ins Fleisch schneiden, als würde man auf Scherben kauen? Ich schlinge die Arme noch fester um mich und starre aus dem Fenster.

Jake erwidert nichts darauf. Er sagt überhaupt nichts mehr, bis wir irgendwann die Grenze zu Austin passieren. Dann erst fragt er, wohin genau ich möchte.

Sobald wir am Bahnhof angekommen sind, steigt er aus und geht um den Wagen herum. Ich habe keine Ahnung, wie ich es schaffe, nicht einzuknicken, aber ich folge ihm, nehme meine Tasche entgegen und verabschiede mich.

Jake hält mich am Handgelenk fest, als ich davongehen möchte. »Ich glaube dir das nicht. Alles, was zwischen uns passiert ist, war nicht einfach nur Trost. Wenn es dir zu schnell geht, verstehe ich das, aber gib uns nicht gleich auf. Rede mit mir.«

Ich kann nicht darüber reden. Ich kann kaum noch klar denken, also schüttele ich lediglich den Kopf und entwinde meine Hand aus seinem Griff. Dann lasse ich ihn stehen und laufe zum Eingang.

Hinter mir höre ich ihn noch meinen Namen rufen, doch ich drehe mich nicht um und gehe weiter, Schritt für Schritt, bis ich in dem großen Gebäude des Bahnhofs verschwinde.




Es ist ruhig in der Wohnung, als ich sie einen Tag später betrete. Müde und emotional völlig ausgelaugt lege ich mich ins Bett und ziehe die Decke über den Kopf. Meine Tränen wollen einfach nicht enden, obwohl ich weiß, dass ich mich endlich zusammenreißen muss, wenn ich nicht möchte, dass meine Freundinnen erfahren, was passiert ist. Verdammt, ich darf nicht wieder zu demselben Wrack mutieren, zu dem bereits Sebastian mich vor ein paar Monaten gemacht hatte! Jake und ich waren ja nicht mal wirklich zusammen. Wir haben bloß herumgemacht, und ich habe mich dann in etwas verrannt.

Blöd gelaufen, aber das Leben geht weiter. Ich komme darüber hinweg, und dieser heftige Schmerz, der meinen ganzen Körper erfasst hat, ist völlig übertrieben. Auch dieses Geheule. Gott, ich bin so eine Dramaqueen!

Aber was zum Teufel soll ich dagegen tun? Ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, wenn ich mir begreiflich mache, dass Jake nicht zu mir gehört. Ich habe mich noch nie so am Ende gefühlt.

Erschrocken zucke ich zusammen, als ich den Schlüssel und dann die Wohnungstür höre. Angespannt halte ich den Atem an, bis auch die Tür zu meinem Zimmer langsam aufgeschoben wird.

»Evy?«

Es ist bloß Lu. Gott sei Dank!

Ich gebe vor, fest zu schlafen, und reagiere nicht, in der Hoffnung, sie würde dann wieder gehen, um mich nicht zu wecken. Doch im nächsten Moment spüre ich, dass sie sich neben mich auf die Bettkante setzt.

»Evy, geht es dir gut?«

Ich presse die Lippen fest aufeinander und schlucke krampfhaft an dem Kloß in meinem Hals herum, damit meine Stimme sich möglichst normal anhört, wenn ich antworte.

»Jake hat mich angerufen und gefragt, ob du schon zu Hause angekommen bist.« Nach einer kurzen Pause fährt sie fort: »Was ist passiert?«

»Es lief nicht gut«, bringe ich mühsam hervor, und meine Stimme verrät sofort, dass ich geheult habe. Scheiße!

»Okay. Möchtest du darüber reden?«

»Nein.«

Eine weitere Pause entsteht, diesmal länger.

Bitte, bitte, geh einfach!, flehe ich stumm.

»Möchtest du mir erzählen, wie lange das zwischen euch schon läuft?«

Ich reiße erschrocken die Augen auf und spüre, wie mein Herz lospoltert. »W... was?«

»Komm schon, so langsam fühle ich mich verarscht. Zwischen dir und Jake läuft etwas, spar dir deine schlechten Ausflüchte.«

Langsam schiebe ich die Decke von mir und sehe sie schuldbewusst an. »Wie ... hast du es herausgefunden?« Mir läuft es kalt den Rücken runter, als mich der Gedanke trifft, dass Claire womöglich auch längst Bescheid weiß.

»Ihr seid in den letzten Wochen anders miteinander umgegangen. Sehr vertraut. Und er hat dich angesehen, wie ich den Sänger von Rammstein ansehen würde, wenn der nackt vor mir stünde. Jetzt liegst du hier und heulst dir die Augen aus, während er mich anruft und so klingt, als hätte jemand seinen Welpen überfahren.«

Mir entschlüpft ein Lachen, das in ein Schluchzen übergeht. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und weine wieder los.

Lu legt eine Hand auf meinen Rücken und streicht drüber. »Oh Mann, dieser Idiot ... Was hat er gemacht?«

»Nichts«, erwidere ich.

»Klar. Und warum liegst du hier im Bett und heulst? Wird das jetzt zu einem neuen Hobby von dir?«

Ich schüttele den Kopf. Auf keinen Fall werde ich Jakes Gefühle für Claire vor Lu offenbaren. Das ist ganz allein seine Sache ... und Claires. Bestimmt weiß sie, was ihr bester Freund fühlt. Kann es wirklich sein, wie Mary es angemerkt hat, und Claire hält Jake an der kurzen Leine? Aber warum? Und was würde sie tun, wenn sie von uns wüsste?

»Okay, du möchtest nicht darüber reden«, spricht Lu in meine Gedanken hinein.

»Es ist vorbei. Wir ... hatten ein wenig Spaß zusammen, aber ich habe es beendet, weil es zu eng wurde. Ich möchte keine richtige Beziehung, nicht jetzt«, tische ich nun auch ihr meine Ausrede auf. Und vielleicht werde ich ja mit der Zeit selbst daran glauben, wenn ich es mir nur oft genug sage, anstatt Jake zu vermissen, als hätte mir jemand einen Körperteil abgetrennt.

Lu mustert mich einen Augenblick und nickt dann. »Das verstehe ich. Aber du magst ihn trotzdem und bist deshalb traurig«, überlegt sie laut.

»Ja, er ist auch zu einem guten Freund geworden.« Und das stimmt. Bei Jake und mir hat es nicht nur auf der körperlichen Ebene wahnsinnig geknistert, wir haben auch viel zusammen gelacht und konnten super miteinander reden ... nur nicht über seine Gefühle für Claire. Darüber hat er nicht mit mir gesprochen.

Ein Ansturm von neuen Tränen droht, als ich darüber nachdenke. Ich halte sie mit aller Macht zurück und presse meine Ballen gegen die geschlossenen Augen. »Ähm ... bitte sag Claire nichts davon. Ich meine, falls sie es noch nicht selbst herausgefunden hat«, murmele ich leise.

»Sie ist zu verknallt, um etwas um sich herum zu bemerken«, entgegnet Lu und wischt mir über die Wange. »Ich werde ihr nichts sagen. Das ist ganz allein deine Entscheidung.«

»Danke.« Ich umarme sie und halte mich eine Weile an ihr fest, froh darüber, dass sie diese Nähe zulässt und mir auch Trost spendet. Dann lasse ich sie wieder los und krieche zurück unter meine Decke.

»Du solltest trotzdem darüber nachdenken, irgendwann mit Claire über dich und Jake zu reden. Ich denke nicht, dass sie dich dafür verurteilen würde. Vielleicht wird sie etwas sauer sein, weil ihr euch heimlich getroffen habt, aber sie ist nie lange auf jemanden wütend, das weißt du doch. Und sie verdient es, die Wahrheit zu erfahren.«

Lu mag ja recht haben, allerdings weiß sie auch nichts von Jakes Gefühlen für Claire. Ich habe keine Ahnung, wie ich meiner Freundin jemals wieder in die Augen sehen soll, ohne sie für etwas zu hassen, wofür sie im Grunde nichts kann. Denn dieses irrationale Gefühl empfinde ich im Moment so stark, dass es mir Angst macht.

Ein paar Sekunden vergehen, bevor ich höre, wie Lu aufsteht und mein Zimmer verlässt. An der Tür teilt sie mir noch einmal mit, dass ich jederzeit zu ihr kommen kann, wenn ich jemanden zum Reden brauche. Dann bin ich wieder allein.

Nicht ganz. Dieses unerträglich schwere Gefühl des Verlusts hat mich unter sich begraben. Ich heule, bis mein Gesicht überall spannt und die Erschöpfung mich in einen unruhigen Schlaf befördert.