Nemesis

GeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P18 Slash
Hairu Ihei Ken Kaneki Kishou Arima Koori Ui Nimura Furuta Rize Kamishiro
15.05.2020
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15.05.2020 1.872
 
Arima hätte im Kampf gegen Kaneki Ken sterben sollen.
Alles war genau nach Plan gelaufen und es gab seit Monaten nichts, dass er sich mehr herbeisehnte.
Den Freitod zu wählen hatte ihm sehr viel bedeutet.
Einmal, wenigstens einmal wollte er selbst entscheiden.
Aus eigenem Willen handeln und nicht nur wie ferngesteuert Befehle ausführen.
Selbstbestimmt oder gar frei hatte sich Arima nicht einmal dann gefühlt, als er beschloss mit Eto zu kooperieren und der CCG den Rücken zu kehren.
Im Endeffekt hielt immer jemand anderes die Fäden in der Hand. Die treibende Kraft - das war er nie gewesen. Höchstens ein Mittel zum Zweck. Ein nützliches Werkzeug. Nicht mehr und auch nicht weniger.
Aber das war in Ordnung. Er kannte es nicht anders, deshalb hatte es eine lange Zeit auch kaum eine Rolle gespielt. Arima musste schon im frühen Kindesalter lernen, dass er vom Leben nicht mehr zu erwarten hatte. Zumindest wurde er gebraucht und war nicht vollkommen nutzlos.
Er hatte eine Aufgabe und wurde nicht aussortiert.
Es war eine traurige Wahrheit, doch das allein hatte gereicht, um ihn viele Jahre über Wasser zu halten. Doch diese Tatsache änderte dennoch nichts daran, dass er Jahrzehnte dafür missbraucht wurde zu töten. Und ganz egal wie sehr Arima es versucht hatte, er konnte nicht verhindern, dass jedes Mal auch ein Stück seiner Seele zu Grunde ging.
Am Ende war davon vermutlich nur noch ein kläglicher Rest übrig und sicher würde er in der Hölle bis in alle Ewigkeit für seine Sünden büßen müssen. Dieses Schicksal hatte Arima akzeptiert.
Anderes verdiente er nicht. So viele Leben, die durch seine Hand ausgelöscht wurden...
Sein eigenes würde er auch nehmen. Diese Last sollte Kaneki nicht tragen müssen.
Die Ketten, die ihm schon so unendlich lange Zeit die Luft zum Atmen nahmen, würde er selbst sprengen.
Ja, er würde sterben. Stolz und selbstbestimmt. Für einen höheren Zweck.
Bevor er blind wurde oder sein Körper begann wie der eines Toten zu zerfallen, obwohl er noch am Leben war.  Niemand sollte ihn so sehen müssen und niemandem würde mehr entscheiden, was mit ihm passieren sollte.

Und doch lag er nun hier.

In einem Bett, mit einer Infusionsnadel im rechten Handrücken. Sein Kopf fühlte sich unendlich schwer an und seine Augen fielen immer wieder zu, obwohl er sich bemühte, sie offen zu halten.
Schlucken war beinahe unmöglich und sein Hals schmerzte fürchterlich. Wann er das letzte Mal solche Schmerzen gehabt hatte... Daran konnte er sich nicht erinnern.
Konfrontationen mit Ghoulen überstand er ausnahmslos unversehrt. Ernsthaft verletzt war er in seinem ganzen Leben nie gewesen.

Das war falsch. Das alles war ganz falsch.

Arima konnte sich klar und deutlich daran erinnern, wie er sich mit einer Klinge die Kehle durchgeschnitten, sein Blut sich über die weißen Lilien ergossen und er sterbend in Kanekis Armen gelegen hatte.
Er konnte sich sogar an den Ausdruck in dessen Augen erinnern. Verzweifelt und so voller Angst und Schmerz. Arima konnte es sich nicht erklären, aber er hatte, ohne es zu wollen, eine eigenartige Verbindung zu Kaneki aufgebaut. Da war immer eine seltsame Vertrautheit zwischen ihnen gewesen, die Arima bei keinem sonst verspürte. Ob Kaneki in seinen Augen das Gleiche gesehen hatte?
Dies hätte sein Ende sein sollen und doch starrte Arima an die Decke eines ihm unbekannten Raumes. Er war unfähig auch nur ansatzweise den Kopf zu drehen. Auch der Versuch zumindest seine Finger zu krümmen verlief ins Leere.
Er konnte nur nach oben starren. Die Zimmerdecke war weiß und von gleichmäßigen Perforationen übersät, die immer wieder vor Arimas Augen verschwammen.
Es war weder sonderlich kalt noch sonderlich warm. Sein Körper fühlte sich eigenartig taub an, nur durch seinen Hals zog immer wieder dieser brennende Schmerz, als würde jemand in gleichmäßigen Abständen eine glühende Klinge durch sein Fleisch ziehen.
War er vielleicht doch gestorben und dies war nun eine Art Jenseits?
Würde er jetzt gerichtet werden?
War dies bereits seine Strafe?
Aus dem Augenwinkel sah er jedoch rechts von sich einen schmalen Lichtstrahl ins Zimmer fallen.
Es musste wohl ein Fenster geben. War er vielleicht im Krankenhaus? Aber wie? Wer sollte ihn hergebracht haben, bevor er verbluten konnte?
Doch all diese Fragen lösten sich langsam im dichten Nebel auf. Die weiße Decke, die seinen Körper umhüllte, schien wie aus Blei, drückte seinen Brustkorb hinab. Irgendwo piepten Geräte. Sie mussten ganz nahe bei ihm sein, doch der schrille, gleichmäßige Ton hallte dennoch wie aus weiter Ferne.
Die weiße Raufasertapete, die Zimmerdecke und die Decke, unter der er lag – alles schien sämtliche Geräusche zu verschlucken und jeden Gedanken, den Arima fassen wollte.
Sein Bewusstsein begann ihm zu entgleiten und es fehlte ihm der Wille, dagegen anzukämpfen.

"Oh, du bist wach", sagte plötzlich ganz deutlich eine vertraute Stimme mit aufgesetzter Fröhlichkeit - links von ihm, im Schatten des Zimmers, "Wie geht es dir? Hast ja eine ganz schöne Sauerei verursacht, alles in deiner unmittelbaren Nähe war mit deinem Blut durchtränkt. Das kriegt die beste Waschmaschine nicht mehr sauber, dein grauer Trenchcoat ist vollkommen hinüber, weißt du?"
Arima öffnete seine spröden Lippen einen Spalt weit, in der Absicht etwas zu erwidern, von dem er nicht einmal genau wusste was es sein sollte, doch der brennende, scharf-stechende Schmerz wurde nur stärker und kein Ton verließ seine Kehle.
Er konnte nicht sprechen. Mühsam drehte Arima trotz einer erneuten Welle Schmerz leicht den Kopf, sodass er seinen Halbbruder wenigstens in die Augen blicken konnte.
Furuta saß auf einem Stuhl, der in sorgfältigen Abstand zu seinem Bett stand.
Die Beine hatte er locker überschlagen, in den Händen hielt er ein Buch.
Vermutlich saß er bereits seit einer Weile hier. Furuta lächelte unecht, so wie er jeden um sich herum anlächelte. Diesen Gesichtsausdruck hatte er viel zu oft aufgesetzt.
Arima fragte sich, ob es nicht irgendwann anstrengend wurde, dieses falsche Lächeln immerzu aufrechtzuerhalten.
"Hm? Was denn? Du siehst aus, als würdest du etwas sagen wollen", stellte Furuta fest und schüttelte dann belustigt mit dem Kopf. Als wäre er ein Kind, das versuchte, zwei falsche Puzzelteile zusammenzufügen und nicht verstand, weshalb es nicht gelingen wollte.
"Schon vergessen?", harkte Furuta nach und fuhr mit dem Zeigefinger horizontal über seine eigene Kehle.
"Hilft dir das vielleicht auf die Sprünge, ja? Ich meine... Du hast keinen schlechten Job gemacht. Fast alles schön sauber durchtrennt. Aber nur fast. Könnte es sein, dass du vielleicht gezögert hast?"
Furuta schlug das Buch zu und stand auf.
Schleichend wie eine schwarze Katze bewegte er sich auf Arimas Bett zu. Seine Schritte verursachten kein Geräusch auf dem Linoleumboden. Mühelos überbrückte er die Distanz zwischen ihnen.
Blickte auf ihn herab. In seinen dunklen Augen spielte sich eine Art von Triumph wieder, der sich Arimas Verständnis vollständig entzog.
"Der große Arima Kishou, der weiße Shinigami des CCG, das Wunderkind in unseren Reihen und Liebling unseres hochverehrten Vaters, ist daran gescheitert, sich selbst umzubringen. Irgendwie traurig, oder? Muss bitter sein, ausgerechnet daran zu scheitern. Findest du es nicht auch ein wenig respektlos gegenüber denen, die du so gnadenlos niedergemetzelt hast? Du wärst es ihnen schuldig gewesen zu sterben, weißt du?"
Arima blinzelte. Diese Art zu denken kam ihm erschreckend bekannt vor...
Woher bloß? War es am Ende er selber, der bereits solche Gedanken gehabt hatte?
"Du hättest einfach nur noch ein bisschen tiefer schneiden müssen. Dann hätte dir niemand mehr helfen können. Dann wärst du verblutet. Und wenn du dich ein bisschen mit dem Sterben beeilt hättest, wäre auch niemand anderes gestorben bei dem Versuch, dich Kaneki Kens Armen zu entreißen. Sag mal..." Furuta beugte sich näher über ihn, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, "Wie egoistisch bist du eigentlich?"
Furutas Gesicht war plötzlich unscharf geworden, so unscharf, dass Arima seine Mimik kaum erkennen konnte.
Arimas Sehkraft schwankte schon seit Jahren, wurde schlechter, nur um dann wieder um ein Vielfaches besser zu werden - aber mittlerweile wurden die Momente, in denen er seine Umwelt in gestochen scharfen Bildern sah, immer seltener. Nur langsam sickerte die Bedeutung dessen, was ihm Furuta gerade offenbart hatte, in seinen Verstand.
Es waren Menschen gestorben. Seinetwegen.
Aber wozu? Das machte keinen Sinn. Warum sollte jemand sein Leben riskieren, nur um ihn zu retten? Er hatte sich niemals die Mühe gemacht irgendeine Verbindung zu den Menschen um sich herum aufzubauen und versucht, diejenigen auf Abstand zu halten, die ihn aufgrund seiner Arbeit dennoch Tag für Tag umgaben. Nur bei Kaneki war er schwach geworden.
Ihn hatte er zu nahe an sich herangelassen... Aber wann war das überhaupt passiert?
Kaneki... hatte er diese Leute etwa getötet?
Weshalb hatte er ihn nicht einfach dort zum Sterben zurückgelassen?
Er war doch nicht so dumm gewesen zu glauben, dass er allein ihn noch hätte retten können?
Oder hatte sich Kanekis Verzweiflung schlagartig in Form von rücksichtsloser Gewalt entladen?
Wie er es auch drehte und wendete - was passiert war, war seine Schuld.
Furuta schien geduldig auf irgendetwas zu warten, vielleicht auf eine Reaktion seinerseits.
Ein Stirnrunzeln, ein Zucken seiner Hände... Doch Arima starrte nur mit leblosen Augen an seinem Halbbruder vorbei, als wäre er tot.

"Na, wie auch immer... Du hättest dir wirklich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können wieder unter den Lebenden zu weilen. Weißt du, heute ist nämlich ein ganz besonderer Tag."
Ein besonderer Tag? Arima hatte keine Ahnung, wovon er redete.
"Du erinnerst dich sicherlich, an welchem Datum der Sunlit Garden errichtet wurde?“, begann Furuta. Welches Datum…? Arima verstand nicht. Er wusste nicht einmal, was für ein Datum war…
Furuta wartete seine Antwort, die ohnehin nie gekommen wäre, auch nicht ab und klatscht in die Hände. „Richtig! Das ist heute! Ich meine, das ist uns, als wir noch Kinder waren, schließlich oft genug eingebläut worden. Die Washuu sind immerhin so stolz darauf, als hätten sie ein verdammtes Disneyland eröffnet." Furuta lachte kurz freudlos auf.
"Jedenfalls dachte ich, dass heute ein ganz wundervoller Tag wäre, um zu feiern, dass diese Bastarde für uns die Hölle auf Erden gebaut haben. Diese Leistung sollte definitiv ausreichend von mir gewürdigt werden, nicht? Immerhin bin ich bald der neue Leiter der CCG. Und als jemand so wichtiges sollte ich wohl auch besser eine große Abschiedsparty für unseren ehrenwerten Vater organisieren. Dafür ist der heutige Tag schließlich perfekt, findest du nicht? Den Ruhestand hat er sich auch mehr als verdient, muss anstrengend gewesen sein, abertausende von Leben zu zerstören.“
Sunlit Garden…Disneyland…Abschiedsparty… neuer Leiter der CCG…Ruhestand… Aber für die Washuu und für die Kinder des Sunlit Garden gab es doch überhaupt gar keinen Ruhestand...
Die Worte waren für Arima nur schwer zu fassen und wollten irgendwie nicht zusammenpassen.
Es waren einfach zu viele und es fiel ihm so unfassbar schwer überhaupt die Augen offen zu halten. Noch nie hatte Arima sich dermaßen hilflos und ausgeliefert gefühlt.
Erschöpft gab Arima dennoch dem Drang nach seine müden Augen zu schließen.
Er war zwar kaum richtig bei Bewusstsein gewesen, aber allein das Atmen schien ihm bereits eine Menge Kraft zu rauben. Furutas durchdringenden Blick konnte er trotz allem noch auf sich spüren.
"Falls du versuchen willst, doch noch zu sterben, nur zu. Ich werde dich nicht aufhalten, Kishou.
Wenn du mich nun entschuldigen würdest... Ich denke es wird langsam Zeit, alles vorzubereiten."  

Doch Arima hörte seinen Halbbruder bereits nicht mehr.