Build Me Up

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Hawkeye / Clint Barton Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
15.05.2020
30.06.2020
5
22.846
9
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Dieses Kapitel
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30.06.2020 4.424
 
Hey :)
Es tut mir wirklich leid, dass es so lange gedauert hat, aber das Kapitel hat mir wirklich Probleme bereitet. Auch jetzt bin ich nicht zufrieden damit, aber da das als Autor Normalzustand ist, tut das hier nichts zur Sache.
Ein großes Danke an die zwei neuen Sternchen-Verteiler und ein noch viel größeres Danke an taiyo, lilly akuma, G1976, MrsPucey56, chantalbonnie und Butter-Cup, die beim letzten Mal in den Reviews teilweise ganze Romane verfasst haben. Die Story hier ist mein Herzensprojekt und ich kann gar nicht in Worte fassen, wie toll ich es finde, dass ihr alle so mitfiebert <3
Gut, genug geredet, viel Spaß mit Kapitel 5 ^^

PS: Ich weiß wirklich nicht, was es mit meiner Sucht nach diesen Hühnern auf sich hat, aber sie ist da. Tut mir sehr leid, wenn hier jemand was gegen die Tiere hat.




(5) You’re such an idiot


Die nächsten zwei Wochen vergingen so wie Bucky es mittlerweile gewöhnt war: Mit Panikattacken und Alpträumen, manche weniger schlimm und manche einfach unerträglich. Nicht wirklich etwas Neues also. Doch abgesehen von davon, veränderte sich Buckys Leben ziemlich. Er begann, sich wohl zu fühlen – zumindest ein wenig. Nach mehr als 70 Jahren Unwohlsein, war das auch dringend nötig gewesen.

Es gab zwar weiterhin unzählige Momente, in denen es ihm einfach nur scheiße ging und er liebend gerne einschlafen und nie wieder aufwachen würde, doch alles in allem, war er relativ zufrieden. Die Farm gefiel ihm von Tag zu Tag besser und die körperliche Arbeit tat unfassbar gut. Clint schien weiterhin die beste Menschenkenntnis in diesem Universum zu besitzen und ließ Bucky dann in Ruhe, wenn er es brauchte. Er holte ihn auch einige Male erneut aus Panikattacken, doch Bucky versuchte das zu vermeiden. Es ging ihm zwar um Einiges besser, wenn er Hilfe bekam, aber es fühlte sich nicht richtig an, Clint mit seinen Problemen zu belasten, wenn dieser doch eigentlich ebenfalls eine Auszeit machen wollte.

Er versicherte zwar wiederholt, dass es ihm nichts ausmachte, doch Bucky konnte und wollte ihm das nicht abkaufen. Also durchlebte er eine Menge an Attacken in seinem Zimmer oder sonstigen Orten, an denen er allein war und zu denen Clint nicht kam, weil Bucky ihn nicht gerufen hatte. Er war sich sicher, dass Clint jedes Mal bemerkte, wenn er wieder panisch geworden war. Schließlich konnte diese Phase mehrere Stunden anhalten und das hinterließ selbstverständlich Spuren. Doch er war so höflich und sprach Bucky nicht darauf an.

Er sprach ihn allgemein auf so gut wie nichts an und Bucky war ihm dankbar dafür. Er genoss es, sich wohlzufühlen, ohne dabei ständig Fragen beantworten zu müssen. Wenn ein kurzes Gespräch durch Zufall zustande kam, begrüßte er das, aber er wollte ungern, dass es zwanghaft herbeigeführt wurde.

Er verbrachte sehr viel Zeit mit Lesen, so wie auch an diesem Morgen. Clints schlief noch oder hatte sich zumindest nicht aus seinem Zimmer bewegt, sodass Bucky in aller Ruhe auf der Veranda sitzen konnte. Er las weiterhin diese Buchreihe, Harry Potter, die anscheinend ziemlich populär war, jedenfalls hatte Clint da mal etwas angedeutet. Die ersten drei Teile hatte er ziemlich schnell durchgehabt und mit dem vierten verlief es nicht anders. Wenn diese Geschichte wirklich erfolgreich war, würde er sich auf jeden Fall nicht darüber wundern.

Das Lesen entspannte Bucky und half ihm ein wenig, nach einer weiteren Alptraum-geplagten Nacht wieder runter zu kommen. Die Nacht heute war eigentlich ziemlich ruhig verlaufen, er war nur ein oder zwei Mal wach gewesen, dementsprechend ging es ihm auch so ganz gut. Bucky drehte sich auf der Hollywoodschaukel nach hinten, um durch die offenstehende Glastür auf die Uhr in der Küche sehen zu können. Halb elf. Wenn sich dieser Morgen nicht von anderen unterschied, würde es also nicht mehr lang dauern, bis Clint aufwachte.

Eine Idee zuckte durch seinen Kopf, von der Bucky wusste, dass er sie später bereuen würde. Doch Clint war noch nicht wach und würde sich sicher freuen, wenn es schon Essen gab, wenn er aufstand. Vor allem, wenn dieses Essen Rührei beinhaltete. Dass Clint neben Kaffee auch noch süchtig nach Eiern zu sein schien, war in den letzten Tagen ziemlich deutlich geworden. Er kochte normalerweise für sie beide, jedenfalls wenn Bucky auch nach Essen zumute war. Aber Bucky sah keinen Sinn darin, untätig herumzusitzen, wenn er sich stattdessen auch mal ums Frühstück kümmern könnte. Das Kochen an sich, bereitete Bucky keine große Sorge. Er hatte zwar schon lange nichts mehr zubereitet, aber Rührei sollte er noch hinbekommen. Das Problem war, dass Dave heute hier gewesen war, Bucky kurz zugenickt hatte und dann – wie sonst auch – Eier und Milch mitgenommen hatte. Das bedeutete, dass er in den Hühnerstall musste, um an Eier zu kommen.

Bucky wusste, dass er auch etwas Anderes machen könnte oder auf Clint warten könnte, doch er konnte sich selbst einfach nicht von diesem Plan abkriegen. Vielleicht steckte auch ein klein wenig Scham dahinter. Wenn er nicht mal dazu in der Lage war, ein paar Eier zu holen, zu was war er dann überhaupt nützlich?

Also legte er das Buch neben sich und stand auf, womit er der Hollywoodschaukel einen kleinen Stoß gab, sodass diese jetzt leicht vor und zurück schwang. Entschlossen stieg Bucky die wenigen Stufen der Veranda hinunter und ging um das Haus herum in Richtung Hühnerstall. Er hatte bereits einige Male davorgestanden; entweder weil er auf Clint gewartet hatte, der gerade drin war oder weil er die Tiere einfach faszinierend fand. Die meisten Menschen würden Hühner wahrscheinlich nicht als faszinierend bezeichnen, doch Bucky war eben nicht die meisten Menschen. Zum einen hatte er Tiere schon immer gemocht und das schloss auch Hühner mit ein. Doch er war auch jahrelang nicht dazu in der Lage gewesen, Lebewesen als etwas anderes wahrzunehmen, als ein Hindernis, das aus dem Weg geschafft werden musste. Dass er den Tieren jetzt wieder gegenüberstehen und sie wirklich wahrnehmen konnte, war ein wunderbares Gefühl.

Trotzdem war er nie in den Stall gegangen. Das, was er Clint vor zwei Wochen als Begründung gegeben hatte, war die vollkommene Wahrheit gewesen (Bucky war selbst überrascht gewesen, dass er so ehrlich war). Die Angst, dass die Tiere in berührten und dadurch eine Attacke auslösten, war einfach zu groß gewesen. Denn er wollte logischerweise, jede zu vermeidende Panikattacke auch wirklich verhindern. Allerdings hatte er die letzten Tage mehrmals darüber nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass er die ganze Tierkontakt-Sache beizeiten ausprobieren musste. Es war nämlich so, dass Bucky seit seiner Rückkehr kein einziges Tier berührt hatte. Dementsprechend konnte er nicht zu hundert Prozent wissen, ob es dasselbe bei ihm auslösen würde, wie menschliche Berührungen.

Also ging er nach einem letzten kurzen Zögern das Gehege und schloss vorsichtig die Tür hinter sich. Auch wenn das Ganze ja eigentlich eine Art Selbstexperiment sein sollte, hoffte Bucky, dass ihm einfach keines der Tiere zu nah kommen würde. Das würde die Sache ziemlich erleichtern. Zunächst sah es so aus, als hätte er endlich einmal Glück gehabt: Jonathan, der Hahn, saß unbewegt auf dem Dach des Hühnerhauses und zwei der Hennen pickten in einer Ecke des Außengeheges auf der Erde herum. Bucky ging zielstrebig auf den Stall und damit auf die Eier zu, als eine weitere Henne herausgelaufen kam. Sie nahm überhaupt keine Notiz von ihrem Besucher und stolzierte einfach an ihm vorbei, suchte sich aber exakt diesen Moment aus, um ihre Flügel auszubreiten und damit Buckys Bein zu streifen.

Sein Atem stockte in gespannter Erwartung, was nun passieren würde. Für einen winzigen Augenblick hatte Bucky Hoffnung, dass es keinen Effekt auf ihn hatte, dass er einfach weiter auf den Stall zugehen und die Eier holen könnte. Doch natürlich hatte es einen Effekt auf ihn. Es würde ja auch an ein Wunder grenzen, wenn es das Schicksal einmal gut mit ihm meinte.

Die wortwörtlich federleichte Berührung an seinem Bein schien in Windeseile durch seine Adern, Muskeln und Knochen nach oben zu kriechen, durch seinen Magen, bis hin zu seinen Handgelenken, Oberarmen und seinem Kopf. Nur war die Berührung nicht mehr federleicht. Sie hatte sich genauso schnell verändert, wie sie durch Buckys Körper gewandert war. Aus dem bloßen Streifen von Hühnerfedern wurde der klammernde Griff von Metallfesseln, die sich um seine Arme schlangen, um ihn an Ort und Stelle zu halten. Nacken und Kopf waren ebenfalls fixiert und sein Mund schien blockiert zu sein, unfähig auch nur ein Wort zu bilden. Augenblicklich tanzten wieder Bilder vor Buckys Augen, aus Vergangenheiten, in denen er Er selbst war und aus welchen, die er als Winter Soldier verbracht hatte. Er sah Morde, Kämpfe und Explosionen. Er sah den Raum. Den Raum mit dem Stuhl, der Maschine und den Leuten, die für die vergangenen 70 Jahre seines Lebens verantwortlich waren. Den Raum, in dem er die Metallfesseln angelegt bekomme hatte, die er jetzt gerade zu spüren schien und in dem sein Kopf wieder und wieder durch die Hölle geschickt wurde.

Es war nicht das erste Mal, dass er eine Attacke dieser Art erlebte, die ausschließlich durch Berührungen hervorgerufen worden war. Doch etwas war anders, dieses Mal. Denn er wusste, dass es sich um eine Attacke handelte. Und er nahm seine Umgebung noch immer war. Es war, als würden zwei Filme übereinander ablaufen. Bucky durchlebte seine Eindrücke als Winter Soldier, hatte jedoch dennoch eine klare Sicht auf den Hühnerstall vor sich. Das war gut. Oder? Schlecht konnte es jedenfalls nicht sein, wenn er zumindest teilweise bei Verstand blieb.

Doch nur, weil seine Wahrnehmung noch halbwegs intakt war, schien das nicht zu bedeuten, dass diese Attacke schneller endete, als anderen. Seine Muskeln spannten sich so sehr an, dass er das Gefühl hatte, sie könnten reißen. Bucky hatte das Bedürfnis, seine Arme zu heben, um mit den Händen seinen schmerzenden Kopf zu umfassen, die Finger in den Haaren zu vergraben. Doch die imaginären Fesseln an seinen Handgelenken ließen ihm keine Bewegungsfreiheit.

Er wusste, dass da nichts an seinen Händen war, dass er sie einfach heben könnte, aber es wollte nicht funktionieren. Der Horrorfilm vor seinen Augen, seine Vergangenheit, schien mehr Einfluss auf ihn zu haben, als die echte Welt.

Bucky wusste nicht, wie lange er verkrampft dastand, verzweifelt versuchte, seine Aufmerksamkeit stärker auf das Reale zu lenken und immer wieder aufs Neue versagte. Doch nach einer unbekannten Zeit, nahm er eine Bewegung außerhalb des Geheges wahr, etwas, auf das er sich fixieren konnte. Er konzentrierte sich so stark, wie es die Bilder in seinem Kopf zuließen, und erkannte Clint, der kopfschüttelnd, doch mit einem besorgten Blick im Gesicht auf ihn zukam. Er sah aus, als wollte er etwas ganz anderes sagen, doch er begann dennoch ohne Zögern zu sprechen und vor sich hinzubrabbeln, wie er es in den letzten zwei Wochen immer getan hatte, wenn es zu einer derartigen Situation kam. Er erzählte irgendeine anscheinend witzige Geschichte über die Hühner und Laura, während er ebenfalls in das Gehege kam und zum Stall lief, wie Bucky es eigentlich vorgehabt hatte.

Bucky konzentrierte sich auf die Worte, stellte sich die, die in seinem Gehirn ankamen bildlich vor und versuchte an nichts anderes zu denken. Er war noch nicht lange auf der Farm und hatte nur einige seiner Attacken auf diese Weise durchlebt und dennoch fühlte es sich bereits wie eine Routine an. Bucky bekam Panik, Clint redete, Buckys Panik verflog. Sie sprachen nicht darüber, warum es funktionierte und woher Clint wusste, wann er seine Anekdoten rauskramen musste. Bucky hatte sich damit abgefunden, dass es einfach so war. Auch wenn er beizeiten wirklich gerne wissen würde, warum ausgerechnet Clint in der Lage war, ihm zu helfen.

Auch jetzt klappte diese Routine einwandfrei. Bucky spürte wie die Worte immer einfacher in sein Gehirn gelangten und die unguten Dinge, die seinen Kopf ausfüllten, langsam verschwanden. Die Fesseln um seine Gelenke und seinen Kopf lösten sich langsam und er versuchte seine Beine zu bewegen. Als er wieder genug Kontrolle über sie hatte, nickte Clint mit dem Kopf zur Gehege-Tür, bevor er weiter Eier aus dem Stall holte. Bucky ging die wenigen Schritte, öffnete mit zitternden Händen die Tür und trat hindurch. Die Anspannung fiel ein wenig von ihm ab, als er sich wieder umdrehte und die Hühner ansah, die nun durch einen Zaun von ihm getrennt waren. Glücklicherweise hatten sie sich während er Attacke alle von ihm zurückgezogen, sodass es nicht noch verschlimmert worden war.

Jetzt im Nachhinein konnte er gar nicht mehr glauben, dass diese kleinen, unschuldigen Wesen ihn in so einen Zustand versetzten konnten. Es waren doch bloß Tiere. Der Winter Soldier war nicht durch Tiere erschaffen worden, auch wenn man die Menschen, die es gewesen waren, gut und gerne als solche bezeichnen konnte. Tiere hatten Bucky noch nie in irgendeiner Weise Schaden zugefügt. Warum konnte sein zerstörter Geisteszustand das nicht verstehen?

Er betrachtete die Hühner weiterhin, wie sie nun um Clints Beine herumspazierten und teilweise sogar auf seine Arme sprangen, wahrscheinlich in der Hoffnung, Futter zu bekommen. Bucky spürte einen winzigen Anflug von Neid in sich aufkommen. Clint konnte dort einfach stehen, sich von Hühnern bespringen lassen, ohne auch nur den Anflug von Unbehagen zu spüren. Warum konnte es Bucky nicht genauso gehen?

Clint hatte aufgehört zu reden, doch das war nicht weiter schlimm. Bucky hatte sich soweit beruhigt, dass er selbst seinen Mund wieder vernünftig benutzen konnte.

„Danke.“, war das erste, war er herausbrachte, als Clint mit Eiern in den Händen (keiner von beiden hatte an einen Korb gedacht) aus dem Stall kam. Bucky wusste, dass er sich nicht bedanken musste, nicht bedanken sollte. Clint hatte ihn oft genug darauf hingewiesen. Doch es fühlte sich einfach nicht richtig an, die Sache unkommentiert zu lassen. Aber anstatt das Danke abzuwehren oder zu widersprechen, sagte Clint nur: „Du bist so ein Idiot.“

Bucky war überrascht, das war nicht die normale Antwort, die er sonst bekam, doch Clints Stimme klang zu ruhig und sanft, um die Worte wirklich so zu meinen. „Du hattest verdammt großes Glück, dass ich wach war und dich durchs Fenster gesehen hab.“, fuhr er fort. „Warum machst du denn auch so einen Scheiß, ich dachte es war klar, dass die Hühner so etwas auslösen könnten.“ Seine Stimme hatte einen fröhlichen und witzelnden Ton angenommen, doch Bucky erkannte die Sorge und Nervosität in seinen Augen. Er sprach Clint nicht darauf an. Stattdessen meinte er achselzuckend: „Ich weiß selbst nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Keine Ahnung, ich glaube ich hatte einfach Hoffnung, dass es bei den Tieren anders ist als bei Menschen.“

„Und, war es anders?“

Bucky zuckte zusammen bei der Frage. Clint wusste, dass er eine Attacke gehabt hatte und fragte dennoch, ob es anders war. Das hieß, Bucky musste über diese reden. Ein wenig hatte er Clint im Laufe der letzten Wochen zwar bereits erzählt, doch eine genaue Schilderung war nicht dabei gewesen.

„Tut mir leid, ich wollte nicht aufdringlich sein.“, meinte Clint, der das Zucken anscheinend bemerkt hatte. „Du musst natürlich nicht drüber reden.“

Doch Bucky wollte darüber reden. Ein winzig kleiner Teil von ihm, den er noch nicht verstand, wollte unbedingt loswerden, dass sich diese Attacke tatsächliche von anderen unterschieden hatte. „Es war…“, begann er. „…es war irgendwie abgeschwächt. Ich wusste, dass es eine Panikattacke war und konnte alles um mich herum wahrnehmen. Normalerweise sehe ich nicht, was in der…realen…Welt passiert.“ Er verstummte und versuchte herauszufinden, ob er sich gut oder schlecht fühlte, wenn er darüber redete. Bucky entschied sich für ,nicht schlecht‘, doch er wollte die Sache ungern noch mehr vertiefen. Es war Fortschritt genug, dass er überhaupt darüber gesprochen hatte.

Clint neben ihm zeigte eine Weile lang keine Reaktion, dann sagte er: „Das ist gut.“ Sie gingen über die Veranda ins Haus zurück und in die Küche. Während Clint ohne zu Zögern begann, die Eier aufzuschlagen, fuhr er fort: „Mach bitte trotzdem nicht so einen unüberlegten Scheiß. Das war eine Attacke, die man mühelos hätte vermeiden können.“ Clints Tonfall war lässig und klang freundlich, doch sein Kiefer war steif und Bucky konnte die Anspannung in seinen Augen erkennen, während er anscheinend übermäßig interessiert an der Beschaffenheit der Herdplatte war.

„Tut mir leid.“, sagte Bucky leise.

„Hör auf dich zu entschuldigen. Es ist nur…mach sowas einfach nicht mehr, okay? Ich will mich nicht schuldig fühlen.“

Bucky runzelte die Stirn. Was meinte Clint damit? Warum fühlte er sich schuldig? Für einen Moment wollte Bucky nachfragen, doch dann entschied er sich dagegen. Clint schien nicht in der Stimmung dazu zu sein.





***





Ein Schuss. Ein Zweiter. Noch einer.

Insgesamt achtzehn Schüsse hallen von den Wänden des kleinen Raums wider, als der Winter Soldier seine Waffe sinken lässt und sein Werk betrachtet. Achtzehn Menschen, achtzehn Unschuldige, liegen auf dem Boden. Man könnte meinen sie schliefen, wäre da nicht der stetig wachsende, blutrote Fleck in ihrer Brust, bei jedem an exakt derselben Stelle. Der Winter Soldier weiß nicht, warum er in diesem Raum ist, warum diese Menschen hier sind, warum sie sterben mussten. Sein Befehl war es, sie hier, in diesem Raum umzubringen. Diesen Befehl hat er erfüllt. Nichts anderes muss er tun. Er steckt seine Waffe weg und macht sich auf den Weg zur Tür, um diesen Ort zu verlassen. Sein Blick fällt auf einen der Körper neben ihm. Irgendetwas regt sich in ihm. Er kennt das Gesicht des kleinen toten Mädchens, auf das er herunterstarrt, doch er weiß nicht woher. Er sieht sich weiter im Raum um. Auch die anderen Achtzehn Gesichter sagen ihm etwas, doch er kann sie nicht einordnen. Er spürt Verzweiflung in sich aufkommen und für einen Moment wird alles zu viel. Dann fällt sein Blick auf den am weitesten entfernten Körper und auf das dazugehörige Gesicht und plötzlich ist da kein Winter Soldier mehr. Plötzlich ist da nur noch Bucky, der genau weiß, in wessen Gesicht er da sieht. Er kann nicht jedes identifizieren, doch dieses unverkennbare Blond, diesen viel zu dünnen Körper und das viel zu schmale Gesicht erkennt er immer, selbst, wenn alles Leben aus den sonst so entschlossenen Augen gewichen ist. Bucky will lostürmen, will zu Steve rennen, sein Gesicht in die ungleichen Hände nehmen und ihn so lange schütteln, bis er wieder bei Bucky ist, um ihn aus dieser Hölle zu befreien.

Doch es geht nicht.

Bucky kann nicht lostürmen, er kann Steve nicht ins Leben zurückschütteln. Er kann Stevie – und sich selbst nicht helfen. Seine Beine sind gefesselt, seine Hände sind gefesselt und sein Kopf wird zurückgedrückt, damit mit ihm dasselbe getan werden kann. Nicht einmal Schreien ist möglich, sein Mund ist wie blockiert. Bucky versuch sich zu wehren, doch es bringt nichts. Nun kommen auch die Wände immer näher und rotten ihn und die Menschen, die ihm etwas bedeuten, die er getötet hat, immer mehr zusammen, und-



-und Bucky erwachte schweißgebadet aus dem Traum und setzte sich ruckartig auf, während er den Schrei herausließ, der eben noch von der Blockade in seinem Mund aufgehalten worden war. Er strampelte hektisch mit den Beinen, bis sich die Decke endlich löste und seinen Körper freigab. Bucky brauchte in diesem Augenblick so viel Bewegungsfreiheit wie möglich. Hektisch atmend starrte er auf die Wand vor sich und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Er sah sich um und blickte schließlich aus dem Fenster, von dem aus man das mondbeschienende Feld sehen konnte. Moment, Feld? Buckys Gedanken rasten, bis ihm einfiel, wo er sich befand. Augenblicklich verlangsamte sich seine Atmung auf ein fast gesundes Level.

Er war auf Farm, nicht in irgendeinem dunklen Raum, dessen Wände ihn einschlossen.

Er war Bucky Barnes und nur Bucky Barnes und kein willensloser Soldat.

Steve war nicht mehr klein und krank und schon gar nicht tot.

Alles war gut.

Und trotzdem war gar nichts gut. Das Zimmer, dessen Größe eigentlich vollkommen ausreichend war, erschien ihm viel zu klein und die Welt da draußen, das Feld, der Mond, die Freiheit, viel zu weit weg. In einem weiteren Anflug von Panik schwang er die Beine aus dem Bett und stieg so schnell und koordiniert wie es ihm möglich war die Stufen nach unten. Er bog nach links ab ins Wohnzimmer, lief durch den Raum und durch die offene Verandatür. Ein kleiner Bereich im hintersten Winkel seines Bewusstseins wunderte sich über die offene Tür, doch darauf konnte Bucky sich jetzt nicht fokussieren.

Er stütze sich auf das Geländer und ließ den Blick wachsam über das Feld schweifen. Sobald er sichergestellt hatte, dass niemand dort zu sehen war, ließ er die Schultern sinken und atmete die kühle Nachtluft ein. Ein Atemzug, zwei Atemzüge, jeder mit so viel Sauerstoff wie nur möglich gefüllt. Er betrachtete den Mond, der in wenigen Tagen seine volle Größe erreichen würde, und spürte, wie die Anspannung langsam von ihm abfiel. Erst dann erlaubte er sich an den Traum zu denken. Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass er etwas derartiges geträumt hatte. Wirklich nicht. Er konnte nicht einmal sagen, wann er das letzte Mal eine Nacht ohne einen solchen Traum durchlebt hatte.

Man könnte meinen, irgendwann wäre der Körper es leid, immer und immer wieder die gleichen – oder zumindest ähnliche – Bilder in Buckys Kopf zu schicken, um ihn auf möglichst unangenehme Weise aus dem Schlaf zu reißen. Aber natürlich ging es immer weiter so. Alles andere wäre ja auch zu schön um wahr zu sein.

Bucky stütze die Ellenbogen auf dem Geländer ab und ließ seinen Kopf in die Hände sinken. Er vergrub sein Gesicht darin und schloss die Augen, als würde er einfach nur schlafen wollen. Er war nicht müde, dafür hatte ihn die ganze Situation zu sehr aus dem Konzept gebracht. Er war einfach nur erschöpft. So verdammt erschöpft. Mit einem leisen Seufzen massierte er sich die Schläfen, um den Kopfschmerz loszuwerden, der sich schleichend anbahnte.

„Erschreck dich jetzt bitte nicht, aber du bist nicht allein.“, sagte eine vorsichtige Stimme hinter ihm.

Buckys schreckte hoch, wirbelte herum und ging in Angriffsstellung. Auf der großen Hollywoodschaukel unter dem Wohnzimmerfenster saß Clint und sah mindestens genauso fertig aus, wie Bucky sich fühlte. Er ließ die erhobenen Hände sinken und lockerte seine angespannten Glieder, doch sein Herz pochte immer noch wie wild.

„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“, sagte Clint, doch es klang schwach und nicht so lässig wie sonst.

Bucky starrte ihn eine Weile einfach nur an, um sich irgendwie wieder zu beruhigen. Clint starrte zurück, aber nicht auf eine eindringliche Art. Als Bucky das Gefühl hatte, sich einigermaßen wieder im Griff zu haben, setzte er zu einer Frage an-

-und hielt dann inne. Er warf einen Blick auf Clints Ohren, in denen offensichtlich keine Hörgeräte steckten. Er deutete auf seine eigenen Ohren, um Clint seine Frage deutlich zu machen. Dieser zuckte mit den Achseln und meinte: „Wenn du mich ansiehst und nicht gerade in Eminem-Tempo redest, kann ich deine Lippen lesen.“

Bucky hatte keine Ahnung, wer oder was Eminem war, doch er nahm einfach mal an, dass Clint ihm sagen wollte, dass er langsam und deutlich reden sollte. Also tat er es, als er fragte: „Was machst du hier draußen?“ Bucky war schon mehrere Male nach einem Alptraum hier draußen gewesen, doch Clint hatte er dabei nie gesehen, schon gar nicht in so einem Zustand wie jetzt. Seine blonden Haare standen in alle möglichen Richtungen ab, das T-Shirt klebte an seinem Oberkörper und seine sonst so ruhigen Hände zitterten.

„Ich denke, dasselbe wie du.“, murmelte Clint und wandte den Blick ab, um über das Feld zu sehen, wie Bucky es vorhin getan hatte.

Bucky runzelte die Stirn. Kurz fragte er sich, woher Clint wusste, aus welchem Grund er selbst hier war, doch dann wurde ihm klar, dass das wahrscheinlich nicht gerade unauffällig war. Hieß das, das Clint ebenfalls von einem Alptraum aus dem Schlaf gerissen worden war? Die Chance war nicht unbedingt gering, schließlich war er Shield-Agent, und Bucky konnte sich nur allzu gut vorstellen, dass auch das einen Menschen ziemlich mitnehmen konnte. Allerdings wusste er nicht, ob es wirklich zu solchen Alpträumen führte, die einen zittern und schwitzen ließen und dafür sorgten, dass man es in geschlossenen Räumen nicht mehr aushielt. Doch wenn Clint aus dem gleichen Grund wie Bucky hier war, musste es ja so sein.

Bucky kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum, so lange und fest, dass er ein wenig Blut schmeckte und es sein ließ. Sollte er das Thema weiter vertiefen? Clint ausfragen? Das war vielleicht nicht die richtige Entscheidung. Doch Bucky wollte sichergehen, dass der Grund für ihre Anwesenheit wirklich derselbe war. Auch wenn er sich nicht eingestehen wollte, der Gedanke, dass da jemand war, der zumindest ein wenig verstand, was nachts in ihm vorging, löste ein angenehmes Gefühl in ihm aus.

Ein wenig zögerlich winkte er in Clints Richtung, um seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Clints Augen hefteten sich auf seine Lippen und Bucky hakte nach: „Du hattest also einen Alptraum, nachdem dein Zimmer viel zu klein erscheint und du durchdrehen würdest, wenn du drinbleibst?“ Er war selbst überrascht, wie fest seine Stimme klang.

Clints Blick wanderte von seinen Lippen zu seinen Augen und er schien einen Moment zu zögern. Dann antwortete er: „Das war so ziemlich die beste Zusammenfassung, die je jemand gemacht hat.“

Bucky nickte, ohne genau zu wissen warum. Doch Clint schien die verborgene Nachricht, die selbst Bucky nicht verstand zu verstehen, und lächelte. Kein glückliches Lächeln, aber auch kein Trauriges. Irgendetwas, dass perfekt auf dem Mittelweg entlanglief. Bucky erwiderte es nicht, doch er spürte, wie ein weiterer großer Brocken Anspannung, von dem er nicht mal gewusst hatte, dass er noch da war, von ihm abfiel.

Clint knetete seine Hände und rutschte in einer fließenden Bewegung zur Seite, sodass auf der Hollywoodschaukel genug Platz für eine zweite Person war, ohne dass die beiden sich berühren würden. Bucky zögerte einen Augenblick. Es war keine Aufforderung für ihn, sich zu setzen und es schien auch keine wirkliche Erwartung dahinter zu stecken. Clint bot ihm bloß eine Möglichkeit, die er annehmen oder ausschlagen konnte.

Da er ohnehin nicht mehr vorgehabt hatte zu schlafen und Stehen auf die Dauer anstrengender als Sitzen war, ging er auf die Schaukel zu und ließ sich neben Clint nieder. Der Abstand zwischen ihnen war groß genug, dass sie sich auf keinen Fall versehentlich berühren würden, doch er war nicht so groß, wie er sein könnte. Dieser Mann neben ihm, hatte gerade zugegeben, dass er unter der gleichen Art an Alpträumen litt, wie Bucky, da sah er keinen Grund, so viel Abstand wie möglich zwischen sie zu bringen. Sie schwiegen eine Weile und starrten in die Nacht hinaus. Bucky fühlte sich fast wohl dabei und stellte sich darauf ein, dass es so bleiben würde, als Clint plötzlich leise die Stille durchbrach:

„Möchtest du wissen, warum ich dir mit den Attacken helfen kann?“
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