ѕprιɴɢ dαy - αɴ deιɴer ѕeιтe

GeschichteDrama, Romanze / P18
Jimin Kim Seokjin OC (Own Character) RM Suga V
15.05.2020
27.09.2020
46
123.468
17
Alle Kapitel
168 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
16.09.2020 3.003
 
Kapitel vierundvierzig – Wettrennen mit Folgen und Unkraut im Bett

"Und die größten Hoffnungen, die liegen hinter Ängsten.
Haben keine Ohren für was man über uns sagt.
Die werden noch lästern, liegen wir schon im Sarg.
Die Fäden wirken dünn, aber halten wie Stahl,
Doch wie die wirken ist uns [...] egal."
Prinz Pi,
1.40m

 
Die Jungs schauten ganz schön komisch drein, als Yoongi ihnen erklärte, dass er mit mir allein zu der Schiffsschaukel gehen würde – vor allem Jimins Augenbrauen zogen sich quasi zu einem Strich zusammen.
 
„Muss ich das verstehen?“, seufzte Namjoon und lehnte sich sichtlich gereizt in seinem Stuhl zurück. „Das Management hat sich unter diesem Ausflug eine teambildende Maßnahme vorgestellt. Wir sind nicht hier, um in Zweierpärchen aufzubrechen.“
 
„Es ist nur eine Fahrt“, erwiderte Yoongi und klang dabei nicht mal selbst besonders angetan von meiner Idee. Er und ich würden wohl nie beste Freunde werden. Um ehrlich zu sein würde auch ich für Zweisamkeit mit ihm niemals Luftsprünge machen…aber in dieser Situation war mir danach, kurz Abstand von der Gruppe zu nehmen.
 
„Ich komme mit“, verkündete plötzlich Jimin und erhob sich von seinem Stuhl. Während ich ihn überrumpelt anstarrte, schien sich Yoongi neben mir aus Erleichterung ein wenig aufzulockern. Ihm passte es offensichtlich wirklich sehr gut, nicht länger allein mit mir sein zu müssen.
 
So kam es, dass kurze Zeit später auch Jimin zwischen Yoongi und mir in der Schiffsschaukel saß und sich die Seele aus dem Leib schrie, als wir fast senkrecht standen. Der Älteste unseres Trios gab Geräusche von sich, die ich als irgendetwas zwischen einem Brüllen, Lachen und Heulen deuten würde, obwohl ich selbst vermutlich nicht besser klang.
 
„Lasst uns die Arme heben!“, brüllte ich, um den Fahrtwind zu übertönen.
 
„Du hast sie doch nicht mehr alle!“, erwiderte Jimin neben mir mit der gleichen Lautstärke, doch ehe er noch weiter protestieren konnte, hatte ich seine Hand gepackt und nach oben gerissen. Und glaubt mir…so laut habt ihr noch nie jemanden schreien gehört. Ich glaubte kurzzeitig, mein Trommelfell würde platzen.
 
Letztendlich hatte mir dieser kurze Abstecher mit Yoongi und Jimin aber wirklich geholfen. Danach war meine Stimmung wieder viel ausgelassener. Als ich kurze Zeit später dann zwischen Taehyung und Jin im Gyro Drop saß und im freien Fall aus Leibeskräften schrie, waren all die Reibereien längst wieder vergessen – zur Erleichterung aller.
 
Der Besuch im Lotte World nahm somit glücklicherweise nochmal eine gute Wendung. Ich klapperte mit Jungkook und Taehyung alle großen Achterbahnen ab, da der Rest irgendwann keine Lust mehr hatte und sich lieber andere Ecken der riesigen Anlage ansah. Wir wären gerne auch noch für die Parade mit Feuerwerk um 20 Uhr geblieben, aber Choi Seojun-ssi, der bereits am Eingangstor wartete, machte uns einen Strich durch die Rechnung.
 
Als wir spät am Abend wieder am Apartment ankamen, waren alle erschöpft von den vielen Adrenalinschüben, welche die Achterbahnen verursacht hatten. Dennoch bestanden die drei Jüngsten und ich darauf, auf den Fahrstuhl zu verzichten und stattdessen ein Wettrennen durch das Treppenhaus bis zu uns in den 21. Stock zu veranstalten.
 
„Viel Spaß euch“, grinste Hoseok, ehe er mit dem Rest in den Aufzug stieg.
 
„Let’s get it“, rief Jungkook, und eine weitere Aufforderung brauchten wir nicht, um loszusprinten. Der Maknae landete sofort an der Spitze, doch weder Jimin, Taehyung noch ich ließen locker. So jagten wir uns gegenseitig von Etage zu Etage, bis wir alle vor Erschöpfung röchelten – dennoch hielt keiner an. Mein Herz raste und Schmerz pochte gegen meine Hüfte. Die Stufen schienen kein Ende finden zu wollen, und irgendwann wurde mir schwindelig.
 
„Komm schon, Mel“, rief mir Taehyung zu, als ich zurückzufallen drohte. Also nutzte ich meine letzte Willensstärke, um meine Füße zum Weiterlaufen zu zwingen. Schnell hatte ich zumindest zu Jimin wieder aufgeholt und rannte neben ihm.  Er grinste mich von der Seite an und ich erwiderte die ermutigende Geste mit einem bestätigenden Nicken. Also gaben wir für das letzte Stück nochmal Vollgas.
 
Es geschah auf der letzten Treppe, als die Tür unseres Apartments sogar schon in Sichtweite war. Jungkook hatte es fast geschafft, doch auf einer der letzten Stufen rutschte er ab. Mir entfuhr ein entsetzter Schrei, als er hilflos stolperte und fiel.
 
„Kookie!“, brüllte Taehyung, als dieser mit den Knien genau auf die Kante einer Stufe knallte und schmerzerfüllt aufschrie.
 
Ich hastete sofort zu dem Jüngsten und beugte mich über ihn. Sein Gesicht war unnatürlich blass und die Zähne hatte er fest zusammengebissen. Während ich ihn einfach nur geschockt anstarrte, waren Jimin und Taehyung längst an mir vorbeigerannt und klingelten an unserer Haustür, um Hilfe zu holen.
 
Wenige Sekunden später kamen Papa und Namjoon angestürmt, die uns ohne jegliche Umschweife halfen, Jungkook ins Apartment zu befördern. Dort legten wir ihn auf eins der gelben Sofas, wo Mama ihm sofort einen Kühlakku auf die lila-blauen Knie legte.
 
„Sieht nach einer Kontusion aus“, murmelte sie auf Deutsch.
 
„Eine was?!“, fragte ich geschockt und klammerte mich an den nächstbesten Arm. Das klang übel…
 
„Eine Kontusion – eine Prellung“, erläuterte sie mir, und in dem Moment realisierte ich erst, dass ich nach Jimins Unterarm gegriffen hatte.
 
„Was hat sie gesagt?“, fragte er mich jedoch nur, ohne weiter auf den Körperkontakt einzugehen. Noch immer atmete er vom Rennen ziemlich schwer und Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn.
 
Leider kannte ich den koreanischen Begriff für Prellung nicht, also konnte ich nur hilflos mit der Schulter zucken. Dann löste ich mich etwas peinlich berührt von Jimin und ging auf Mamas Aufforderung hin in das Badezimmer meiner Eltern, wo in einem Notfallschränkchen Mullbinden gelagert wurden.
 
Während meine Mutter Jungkook einen Druckverband anlegte, musterte ich sie und fragte mich, was ihr wohl gerade durch den Kopf ging. Sie war von Anfang an nicht begeistert gewesen, so viel Verantwortung für eine siebenköpfige Gruppe zu übernehmen, und nun gab es schon am vierten Tag nach der Ankunft der Jungs einen Verletzten. Hoffentlich würde ihr das alles nicht zu viel werden; in dem Moment hatte ich wirklich Angst, dass sie unsere temporären Mitbewohner wieder vor die Tür setzte.
 
Meine Augen wanderten weiter nach oben und ich wechselte stumme Blicke mit den restlichen Bandmitgliedern, die sogar teilweise schon in Schlafanzügen hier im Wohnzimmer eingetrudelt waren. Bei ihnen war ich mir sicher, was sie gerade dachten: das Tanztraining war für Jungkook in der kommenden Woche auf jeden Fall gelaufen. Was für ein Mist.
 
Mein Vater fuhr kurze Zeit später mit dem Maknae in die Notaufnahme, da andere Praxen an einem Sonntagabend nicht mehr geöffnet hatten. Eigentlich musste man wegen einer Prellung nicht zwangsläufig zum Arzt fahren, jedoch brauchte Jungkook dringend einen ordentlichen Verband und Krücken, damit er morgen in die Schule gehen konnte.
 
Während der Großteil der Jungs sich erschöpft in ihr Zimmer verzog, setzten Taehyung und Jimin sich an unseren Küchentisch, um ihre restlichen Hausaufgaben zu erledigen. Ich beschloss, mich dazuzugesellen, da es mir spaßiger vorkam, als mich allein in mein Zimmer zu verkriechen. Immerhin konnte ich mir nebenbei auch nochmal meinen Biologiehefter für den Test morgen durchlesen.
 
Während Jimin sich konzentriert über das Physikbuch beugte und Aufgabe für Aufgabe abarbeitete, saß Taehyung gelangweilt neben ihm und klemmte sich einen Stift zwischen die gespitzten Lippen und seine Nase. Ich musterte aufmerksam seine Gesichtszüge. Die markanten Augenbrauen. Die dichten Wimpern. Die nussbraunen Augen. Das Muttermal auf seiner Nasenspitze...
 
Oh verdammt. Ich hatte gestarrt. Das realisierte ich aber erst, als meine Mutter uns drei dampfende Tassen auf den Tisch stellte und mir unauffällig auf die Schulter tippte. Taehyung schien jedoch zum Glück überhaupt nichts bemerkt zu haben, denn er bedankte sich unbekümmert bei meiner Mama für den Tee und beugte sich vor, um an dem brühend heißen Getränk zu schnüffeln.
 
Ich wollte gerade mit hochrotem Kopf meinen Blick senken, da nahm ich Notiz davon, dass Jimin mich mit leicht gerunzelter Stirn beobachtete und sich dabei nachdenklich mit seinem Stift gegen die Schläfe tippte. Er hatte mein Starren also definitiv bemerkt. Mist.
 
Ich war froh, als Jungkook – ausgestattet mit Krücken – und mein Papa durch den Fahrstuhl das Apartment endlich wieder betraten. Nachdem ich mich dessen versichert hatte, dass dem Maknae nichts weiter fehlte, nutzte ich ihre Ankunft als Flucht in mein eigenes Zimmer. Schließlich war es inzwischen schon spät, vor allem wollte ich aber der peinlichen Situation zwischen Taehyung, Jimin und mir entfliehen.
 
Ich warf mich seufzend auf mein Bett und presste mein Gesicht ins Kissen. Verdammt, wieso war immer alles so kompliziert? Ich würde mich zukünftig wirklich noch mehr zusammenreißen müssen – solche spontanen Gesichtsanalysen des Ex-Freunds sollte ich lieber sein lassen.
 
***

Als am nächsten Morgen früh um 6 Uhr das nervtötende Geräusch des Weckers durch mein Zimmer hallte, blieb ich unmotiviert für eine Weile liegen und schaffte es nicht einmal, meine Augen richtig zu öffnen. Wahrscheinlich wäre ich einfach wieder eingeschlafen, hätte es nicht wenige Minuten später an meiner Tür geklopft.
 
„Was ist?!“, rief ich auf Deutsch mit schlaftrunkener Stimme und hob leicht den Kopf.
 
Die Klinke wurde heruntergedrückt und Hoseok steckte den Kopf ins Zimmer. Seine Augen waren vor Müdigkeit ganz trüb und seine Haare zerzaust, doch das berühmt-berüchtigte Grinsen schien seine Lippen auch in so frühen Morgenstunden nicht zu verlassen.
 
„Ich denke, das ist das deutsche Wort für »Herein«, oder?“, fragte er strahlend und tapste auf mein Bett zu. „Wassist, wassist, wassist“, trällerte er im Takt seiner Schritte.
 
Das war mir für so eine frühe Uhrzeit zu anstrengend. Ich ließ meinen Kopf wieder ins Kissen fallen und schloss die Augen. Warum musste Hobi denn eigentlich immer so laut sein?
 
Er schien meine Trägheit jedoch als Einladung zu betrachten, zu meinem persönlichen Wecker aus Fleisch und Blut zu werden. Denn im nächsten Moment spürte ich zusätzliches Gewicht, welches mit einer Wucht auf meinen Körper drückte. Meine Augen öffneten sich wieder mit einem Schlag.
 
„Aua! Was soll der Mist?!“, keifte ich und drehte meinen Kopf, um nach oben zu schielen. Er hatte sich tatsächlich auf mich geschmissen und strahlte mich nun über beide Ohren an.
 
„Komm schon, aufstehen! Die Sonne scheint.“
 
„Ja und? Was soll ich machen? Photosynthese? Ich bin doch kein Unkraut!“, brummte ich und rollte mit den Augen, als Hobi herzlichst zu lachen begann. Genervt drückte ich mit meinen Händen gegen seine Oberschenkel, als hätte ich tatsächlich die Kraft, ihn von mir zu schubsen.
 
„Deine Eltern haben mir angeboten, dein Badezimmer zu nutzen, weil die anderen alle besetzt sind. Sie meinten, dass ich dich bei der Gelegenheit auch gleich aus dem Bett schmeißen soll“, erklärte er mir und neigte schief lächelnd den Kopf. Gott, hatte jemand seine Mundwinkel festgetackert?!

Als er endlich von mir abließ und in mein Bad flitzte, setze ich mich langsam auf und rieb mir mit den Handflächen übers Gesicht. Würde ich dieses Weckkonzert jetzt bis zu ihrem Auszug jeden Morgen ertragen müssen? Meine Güte…
 
Die restlichen sechs Jungs schienen glücklicherweise ihre Energiereserven morgens ebenso wie ich noch im Sparmodus zu halten, weswegen sie nicht ganz so hyperaktiv wie Hoseok waren. Das Frühstück verlief dementsprechend ziemlich ruhig – es hingen alle gefühlt im Halbschlaf über ihren Schüsseln mit Cornflakes. Jimin und Taehyung trugen ihre schwarz-rote Schuluniformen; Jungkook eine gelbe, da er auf eine andere Schule ging. Ich war bei diesem Anblick wirklich erleichtert, dass Sonja und ich an der KIS nicht zu so etwas verdonnert wurden. Lediglich den typischen Dresscode, den die Amis ihren Schülern gern aufhalsten, mussten wir ertragen.
 
„Wie kommt eigentlich wer zur Schule?“, brummte ich, als mein Papa sich die Krawatte bindend in die Wohnküche kam. Schließlich befanden sich die Korean International School, die Korean Arts High School und die School of Performing Arts in ganz verschiedenen Ecken der Stadt.
 
„Choi Seojun-ssi fährt Sonja und dich wie gewohnt und zu den regulären Uhrzeiten zur Schule und wieder zurück, über den Rest musst du dir nicht den Kopf zerbrechen. Das haben die Jungs geklärt, richtig?“, erwiderte Papa knapp und erntete allgemeines, aber verhaltenes Nicken der Bandmitglieder. Irgendwie wirkte er heute noch gestresster als sonst…
 
Letztendlich waren es Jin und Yoongi, die mit dem Kleinbus von BigHit und dem blauen Hyundai die drei Jüngsten zu ihren Schulen fuhren. Es war ganz schön umständlich, Jungkook mit den Krücken ins Auto zu bekommen, da der Weg von unserem Apartment bis zum Tor der Wohnanlage doch ein gutes Stückchen war. Namjoon und Hoseok setzten sich schließlich zu meiner Schwester und mir in den Wagen unseres Chauffeurs. Wir würden sie beim Sitz des Managements absetzen, da dieser fast direkt auf dem Weg lag.
 
Während Hobi zwischen Sonja und mir eingequetscht auf der Rückbank saß und fröhlich im Takt der Musik des Radios wippte, hatte sich Namjoon auf dem Beifahrersitz niedergelassen und starrte mal wieder pausenlos auf sein Handy. Ich reckte den Hals, um auf das Display zu starren. Doch ich konnte nur erkennen, dass es sich um irgendeine Nachrichten-Website handeln musste, bevor meine Schwester mir einen warnenden Blick zuwarf, der eindeutig »Hast du einen Todeswunsch?« schrie. Sonja konnte es nicht ausstehen, wenn man ungebeten auf die Handys anderer Leute starrte – ein Widerspruch in sich, wenn man ihre eigene Neugierde bedachte.
 
Der Schultag zog sich hin wie Kaugummi. Meine Laune sank schnell tief nach unten in den Keller und ich verbrachte die Pausen damit, mich allein in irgendwelche leeren Ecken der Bibliothek zu quetschen. In der Mittagspause ging ich gar nicht erst in die Kantine, da ich keine große Lust verspürte, ganz allein an einem Tisch zu sitzen. Valentina und Jihyun schienen sich bestens zu verstehen, wie ich missmutig feststellte, während ich die zwei aus dem Augenwinkel beobachtete. Sie warfen sich während des Matheunterrichts die ganze Zeit kleine Zettelchen hin und her. Nervig.
 
Ein erschreckend großer Teil der Schulgemeinschaft schien inzwischen genau zu wissen, wer Melida Hübner war. Während ich durch die Gänge lief oder Bücher in meinem Spind verstaute, hörte ich die vorbeigehenden Schüler tuscheln.
 
„Ist das nicht die von dem Cover der Schülerzeitung?“
 
„Ja, das muss sie sein. Ich hab gehört, dass sie ihrer besten Freundin den Freund ausgespannt hat.“
 
„Haben die zwei sich deswegen nicht sogar geprügelt?“
 
„Stimmt, ich war dabei. War ‘ne üble Schlägerei, die Blonde hat sogar geblutet.“
 
Ich schlug die Tür meines Spinds mit einem lauten Knall zu und drehte mich mit zusammengepressten Lippen zu den drei Mädels um, die gerade so schamlos über mich lästerten. Es gab so viele Dinge, die ich ihnen gern gesagt hätte, aber in diesem Moment musste ich an mein Gespräch mit Yoongi im Lotte World denken…Ich würde von nun an besser darauf achtgeben, was ich Leuten an den Kopf warf.
 
„Hast du uns was zu sagen?“, fragte eine der drei mit einem viel zu arroganten Blick. Ruhig bleiben, Mel. Ruhig bleiben.
 
Ich spannte den Kiefer an und ballte die Hände zu Fäusten. Mein Puls raste, aber ich würde nicht die Kontrolle verlieren. Auf keinen Fall. Ich quetschte meine Finger so sehr ein, dass meine Knöchel bereits weiß hervortraten.
 
„Vorsicht, Emily, gleich schlägt sie zu“, kicherte ein weiteres Mädchen und tippte ihrer Freundin, die eben gesprochen hatte, belustigt gegen den Arm. Okay, das ging zu weit. Ich öffnete schon den Mund, um etwas zurückzufeuern, als –
 
„Zu Recht“, mischte sich plötzlich eine neue, mir bekannte Stimme ein. Ich drehte überrascht den Kopf. Es war Kenza. „Euer dummes Gelaber verdient Applaus. Mitten ins Gesicht.“
 
Ich grunzte belustigt auf, und ehe dieses gehässige Mädchen-Trio etwas erwidern konnte, hatte Kenza mich weitergezerrt. Seit wann war meine Fotografie-Partnerin so schlagfertig? Ich konnte mir mein Lachen kaum verkneifen.
 
„Der war nicht schlecht“, grinste ich und nickte anerkennend.
 
„Ich hatte eine gute Lehrerin.“ Sie zwinkerte mir zu und schob mich auf den Pausenhof.
 
Wir ließen uns auf einer Bank nieder und schwiegen für einen kurzen Moment. Ich starrte in den milchig-blauen Himmel, in dem gerade ein Flugzeug Wolkenstreifen hinterließ. Diese Rettungsaktion von Kenza kam überraschend…Mein letzter Stand war gewesen, dass sie mich absolut verabscheute. Und nun das.
 
„Du bist suspendiert worden, oder?“, fragte sie schließlich leise und scharrte mit der Spitze ihres Schuhs auf dem Boden.
 
„Ja“, erwiderte ich knapp und zeichnete nachdenklich mit dem Zeigefinger die Naht meiner Jeans nach.
 
„Ich will nicht die komplette Schuld auf mich nehmen, weil du zugestimmt hast, dass das Kussfoto auf das Cover darf, warum auch immer…Jedenfalls–“
 
„Ich hab nicht richtig zugehört. Es war ein Missverständnis.“
 
„Wie dem auch sei. Ich hab’ mitbekommen, welchen Stein ich mit diesem dämlichen Foto ins Rollen gebracht habe, und ich möchte es gern wieder gut machen. Versteh das ja nicht falsch.“ Sie grinste leicht. „Ich kann dich immer noch nicht leiden. Aber ich besitze so etwas wie Schuldgefühle, könnte man sagen.“
 
Ich starrte sie überrascht an. „Ich glaube nicht, dass–“
 
„Das Foto, das auf dem Cover ist, lässt es so wirken, als hättest du den Kuss gewollt. Aber ich habe ja nicht nur einmal auf den Auslöser gedrückt. Die Bilder, auf denen man eindeutig sieht, wie du ihn wegdrückst, habe ich auch noch. Ich kann sie dir geben.“
 
Das war eine Lösung. Die Lösung aller Probleme. Ich hätte Beweise, dass ich Jihyun nie freiwillig geküsst hatte…und wenn Valentina das erfuhr, würde vielleicht wieder alles wie vorher werden! Aber…wollte ich das überhaupt? Wollte ich wieder mit Tini befreundet sein? Sie hatte mich einfach mit dem Magazin geschlagen, ohne mir auch nur eine Chance zu geben, ihr die Wahrheit zu erklären…
 
„Danke, aber ich brauche die Fotos nicht“, sprach mein Mund aus, bevor mein Gehirn diese Entscheidung überhaupt nochmal überdenken konnte.
 
Kenza wirkte wirklich überrascht, nickte dann aber. „Schön. Dann lass ich dich mal wieder in Ruhe. Man sieht sich.“
 
Ich winkte ihr zu und blickte ihr nach, bis sie außer Sichtweite war. Dann atmete ich erschöpft aus. So wirklich sicher war ich mir nicht, ob ich soeben das Richtige getan hatte…
Review schreiben