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ѕprιɴɢ dαy - αɴ deιɴer ѕeιтe

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Jimin Kim Seokjin OC (Own Character) RM Suga V
15.05.2020
30.03.2021
73
218.463
34
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Dieses Kapitel
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16.05.2020 2.371
 

Teil eins: The kids from yesterday


Kapitel eins - Neuanfang 5.0

„If love and hate are the same words, I love you Seoul“
RM,
Seoul


An jenem Tag war die heiße Luft stickig und roch nach Benzin. Staubkörner, die unter dem Licht der vielen Fahrzeuge, Reklametafeln und Laternen sichtbar wurden, bissen in meinen Augen. Menschenmassen eilten wie ein Ameisenvolk durch die engen Hallen des Flughafens. Ich erinnerte mich, wie sich vor meinen Augen ein Meer aus bunten Neonlichtern erstreckte, die an den Wänden der Halle entlang tanzten.

Seoul war keine Stadt, in die man sich auf den ersten Blick verliebte. Ich habe genug Großstädte in meinem kurzen Leben gesehen, um diesen Vergleich ziehen zu können. Nein, hier musste man auf kleine Details, die sich zwischen den riesigen Wolkenkratzern und Wellen aus dunklen Haarschöpfen versteckten, achten.

Es war das letzte Mal, dass ich meine Familie ins Ausland begleiten musste. Mein letzter Schulwechsel. Mein letzter Wechsel des Freundeskreises. Ein letztes Mal, dass ich mich einer völlig fremden Kultur und Mentalität anpassen musste. All diese letzten Male würden also in Südkorea stattfinden. Ich wollte nicht hier sein. Ich hasste die Hektik, die Seoul verkörperte, jetzt schon. Aber es gab einen Lichtblick. In vier Jahren konnte ich endlich in meine Heimat zurückkehren. Ich sehnte mich so sehr nach Deutschland, obwohl ich noch nie dort gelebt habe. Ich konnte es kaum erwarten, bis diesen Nomadenleben quer über die Weltkarte ein Ende hatte.

Wie gelähmt von den vielen Eindrücken folgte ich meinen Eltern und Sonja über den Flughafenparkplatz bis zu einem großen Van, in dem unser Chauffeur bereits geduldig auf uns wartete. Die Fahrer für uns Diplomaten wurden meistens von der Botschaft eingestellt und waren in der Regel Einheimische, die mit einem Job an der Deutschen Botschaft ihr großes Los gezogen haben. Er stieg aus dem Wagen und begrüßte uns mit einer tiefen Verbeugung.

„Guten Abend, mein Name ist Choi Seojun. Ich bin Ihr Chauffeur für die kommenden vier Jahre.“

Meine Familie hatte einen entscheidenden Vorteil. Vor acht Jahren hatte mein Vater einen Job in Pyeongyang in Nordkorea angenommen, wo ich die ersten vier Schuljahre meines Lebens absolviert hatte. Wir konnten uns alle fast fließend in Koreanisch ausdrücken. Sogar meine Mutter war ziemlich gut, worauf ich unheimlich stolz war, weil sie als mitreisende Ehefrau gar nicht so viel mit den Einheimischen zu tun gehabt hatte.

Wir grüßten freundlich zurück und setzten uns in den Wagen. Ich bemerkte noch, wie mein Kopf direkt auf den Schoß meiner großen Schwester fiel, aber ehe die Koffer alle verstaut waren und wir los rollten, war ich bereits eingeschlafen.

Die Fahrt vom Flughafen Incheon bis zum Hotel hatte mehr als drei Stunden gedauert. Irgendwann war ich durch das dauerhafte Hupen und Bremsen unsanft aus meinem Schlaf gerissen und danach direkt von Sonja, die eingequetscht zwischen Mama und mir auf der Rückbank saß, von ihrem Schoß geschubst worden. Der Verkehr auf den Straßen Seouls war selbst mitten in der Nacht das Schlimmste, was wir jemals erlebt hatten. Ich sah meiner Mutter an, wie sehr sie in diesem Moment bedauerte, dass es von allen Ländern ausgerechnet Südkorea sein musste, wo mein Papa arbeiten wollte.

Anfangs fand ich es spannend, mein Gesicht gegen die Fensterscheibe zu pressen und die vielen Wolkenkratzer und Nachtlichter zu bewundern. Um sich wieder an Hangul zu gewöhnen, spielten Sonja und ich das Spiel, wer schneller die Verkehrsschilder vorlesen konnte. Choi Seojun-ssi lauschte schmunzelnd unseren Stimmen und berichtigte uns bei Fehlern.

Nach einiger Zeit wurde es jedoch wieder ziemlich langweilig und still im Van und ich vertrieb mir die Zeit, indem ich mit meinen alten Freunden aus Neuseeland schrieb, bei denen es gerade morgens war und die sich nach meinem Wohlbefinden nach dem Flug erkundigten. Ich wusste aus Erfahrung, dass wir uns nur noch vier- bis fünfmal schreiben würden, ehe der Kontaktabbruch folgte und wir nie wieder voneinander hören würden. Es tat weh, aber so war es schon immer gewesen. Ich hatte keine Sandkasten- oder Grundschulfreunde.

Schließlich kamen wir in dem Hotel in der Nähe unseres neuen Heims an. Hier würden wir die ersten Nächte verbringen, bis die Container, die unseren gesamten Besitz enthielten, von Neuseeland nach Südkorea geschifft wurden. Nach vierzehn Jahren war ich diese Routine gewöhnt.

Die erste Woche in Seoul verging wie im Flug. Ununterbrochen unternahmen wir Ausflüge zu Tempeln, Wochenmärkten, Einkaufsstraßen und Restaurants. Seoul hatte viele Facetten. Ich begann, diese Hektik der Großstadt auszublenden und verliebte mich in die vielen Kontraste zwischen Tradition und Moderne, den überfüllten Hotspots und den ruhigen Parks, dem historischen Stadtkern und den unzähligen Wolkenkratzern. Meine Liebe zu kulinarischen Experimenten hatte ich von meinem Papa geerbt, also probierten wir uns durch sämtliche koreanische Spezialitäten auf dem Gwangjang-Markt. Einiges kannten wir noch aus Nordkorea, beispielsweise Kimchi, anderes hatte es in Pyeongyang nicht gegeben und war neu für uns, wie Tteokbokki, Reiskuchen in Chilisauce.

Am besten gefallen hatte mir unsere kleine Wandertour an die Spitze von Mt. Namsan, wo sich der N Seoul Tower befand. Wir mussten für Sonja, die bei der Hitze einzugehen drohte, zwar ständig Pausen einlegen, aber das konnte mir meine gute Laune nicht verderben. Dafür war der Ausblick einfach zu magisch gewesen.

„Und, wie sieht’s aus, Schwesterherz? Bereit für das letzte Mal Ausland?“, hatte mich Sonja gefragt, während wir hoch oben über den Dächern Seouls in einem Restaurant im N Seoul Tower saßen und Gimbap, die koreanische Variante von Sushi, aßen.

Ich wollte ihr eine leichtfertige Antwort geben, aber als ich aus dem Augenwinkel bemerkte, wie ernst ihre Gesichtszüge waren, dachte ich länger über meine Worte nach. Im Gegensatz zu mir hat Sonja das ständige Umziehen immer geliebt. Neue Länder, neue Kulturen, neue Bekanntschaften. Sie war dankbar, dass unsere Eltern uns diese Jugend ermöglicht hatten. Wir haben schon so viel von der Welt gesehen, hatten einen ganz anderen Blickwinkel auf Dinge als andere. Ich hatte viel Zeit damit verbracht, Gleichaltrige, die in Deutschland lebten und zur Schule gingen, um das Gefühl von Heimat zu beneiden. Sonja hatte mich inspiriert, auch die guten Aspekte meines Lebens zu betrachten.

„Ich denke schon. Seoul ist eine gute Stadt, um diese Kindheitsweltreise ausklingen zu lassen“, antwortete ich, schief lächelnd, und legte ihr einen Arm um die Schulter. So saßen wir eine Weile schweigend da, bis Sonja sich wieder aufrichtete und mich schief anlächelte.

„Wir gegen den Rest der Welt?“, fragte sie leise und hielt mir ihren kleinen Finger hin.

Ich musste schmunzeln. Das war unser Schwur. Wir hatten ihn damals, als ich sechs war, bevor wir von Argentinien nach Nordkorea gezogen waren, gemacht. Er stand dafür, dass von allen Menschen, die wir in unserem Leben schon kennenlernen durften und die wir wieder verließen, unser Bund unendlich war. Mit Sonja an meiner Seite war mir immer alles möglich erschienen. Ich hatte schon so oft Abschied nehmen müssen, aber sie blieb stets bei mir.

„Wir gegen den Rest der Welt“, nickte ich und hakte meinen kleinen Finger in ihren.

Am Ende dieser abenteuerlichen Woche war es endlich soweit. Wir durften unser neues Heim kennenlernen. Als wir dort ankamen, klappten Sonjas und Mamas Kinnladen nach unten. Choi Seojun-ssi’s Van lenkte auf eine riesige Wohnanlage zu, welche von riesigen Mauern und mehreren Wächtern beschützt wurde. Ein elektrisches Tor schwang auf, nachdem Papa seinen Diplomaten-Pass zeigte, und gab die Sicht auf eine riesige Ansammlung von Hochhäusern mit Glasfassaden, Terrassen und Pool-Landschaften frei. Meine Mutter hatte mir schon vor ein paar Wochen, als wir noch in Wellington in Neuseeland wohnten, Bilder vom Saunabereich im Keller, Fitnessstudio und Pool auf unserer Terrasse gezeigt. Ich sollte an dieser Stelle wohl sagen, dass mir bewusst war, wie verwöhnt und undankbar ich wirkte. Heute wusste ich es besser, aber damals war ich eben nur ein pubertierendes, vierzehnjähriges Mädchen gewesen, das schlecht mit dem vielen Geld zurechtkam, welches das Auswärtige Amt zu repräsentativen Zwecken an seine Diplomaten verschwendete. Richtig gehört. Die Deutsche Botschaft bezahlte uns nicht nur diese fette Luxusbude, sondern auch einen Chauffeur und unsere Privatschulen.

„Willkommen im Château de Versailles“, grummelte ich, als wir uns zum ersten Mal umsahen, und erntete böse Blicke von meinem Papa.

Sonja kicherte. „Ich bin mir sicher, unser Freund Ludwig hatte keine Terrasse mit Pool."

„Nein, aber einen riesigen Garten mit künstlich angelegten Teichen und einer Orangerie, läuft auf’s selbe hinaus“, meinte ich brummend und lugte in den noch leeren Raum hinein, der später mein eigenes Zimmer werden würde.

„Deine Geschichtslehrer wären stolz auf dich“, grätschte Mama in unsere Diskussion, um einen Konflikt zu vermeiden, und schob uns Richtung Wohnküche, um auf die kommende Zeit in Seoul anzustoßen.

Ehe Sonja und ich es uns versahen, hatten wir unsere vier Wände eingerichtet. Schließlich musste ich zugeben, dass unser Apartment das vermutlich schönste Habitat war, das wir jemals bezogen hatten. Man konnte es entweder durch das Treppenhaus oder einen Fahrstuhl, durch den man direkt in unseren Flur gelang, betreten. Jeder hatte ein riesiges Zimmer mit einem begehbaren Kleiderschrank und einem Bad. Unsere Wohnküche war sehr geräumig und hatte eine Glasfassade mit Blick auf unsere große Terrasse, die von einer saftig grünen Hecke umschlossen wurde. Sogar Billard und Tischkicker standen neben vielen Sportgeräten in einem der Zimmer. Am besten aber gefiel mir der Ausblick über Seoul, den man in der einundzwanzigsten Etage eines Wolkenkratzers eben erleben durfte. Die Wohnanlage befand sich direkt am Fluss Hangang und ich liebte es, die Schiffe von meinem Fenster aus zu beobachten.

Auch unsere ersten Treffen und Empfänge mit wichtigen Botschaftsmitgliedern mussten wir in den Ferien hinter uns bringen. Besonders in Erinnerung war mir der Besuch beim Kulturattaché geblieben. Er hatte meine Familie auf ein Willkommensdinner eingeladen und Mama hatte darauf bestanden, dass wir uns alle in Schale warfen. So erreichten wir die Residenz in Choi Seojun-ssi’s Van, aufgehübscht in unseren hochwertigsten Kleidern und Papa in seinem besten Anzug, wurden aber vom Attaché und seiner Familie in Jeans und Shirts begrüßt. Ich konnte mir mein Lachen kaum verkneifen, aber Sonja trat mir auf den Fuß und schüttelte entschieden den Kopf. Ich konnte ihr aber ansehen, wie sehr sie sich zusammenriss und ihr eigentlich genauso nach lachen zumute war. Papa kratzte sich nur verlegen am Kopf; Mama sah aus, als wollte sie uns alle zurück in unser Apartment zerren. Eins traf meine Familie eben immer - den Fettnapf.

„Ich war eigentlich auf ein ungezwungenes und privates Kennenlernen aus, nun fühle ich mich etwas underdressed. Bitte, treten Sie doch ein“, begrüßte uns der Kulturattaché peinlich berührt, was er mit einem Schmunzeln zu überspielen versuchte.

Die Familie hatte einen kleinen siebenjährigen Sohn, der unbedingt mit Sonja und mir Lego bauen wollte, also entfernten wir uns nach dem großen Festmahl, bei dem sogar deutsche Wurstwaren auf dem Tisch lagen, von den Gesprächen der Erwachsenen, um Bausteine zusammenzusetzen. Viele Botschaftsmitglieder nahmen bei ihren Kurzurlauben in der Heimat kiloweise nationale Lebensmittel in ihren Koffern mit, die an ihrem Einsatzort nicht verfügbar waren. Auch die Gepäckstücke meiner Familie waren nach solchen Urlauben immer zur Hälfte mit Wienern, Nürnberger Bratwürsten, Vollkornbrot und Leibnitzer Butterkeksen gefüllt. Wenn man noch nie in seinem eigenen Land gelebt hat, waren das ganz besondere Leckereien.

Dann waren die Sommerferien vorbei und der erste Schultag an der Korean International School stand an. Ich war nicht bereit, an jenem Tag. Aber das war ich nie. Zu groß war die Angst, nicht akzeptiert und gemocht zu werden und allein dastehen zu müssen. Ich war eben nicht Sonja, die mit ihrer Ausstrahlung Fremde wie ein Magnet anzog und alle um sich herum zu ihren Freunden machte. Als wir damals 2007 nach Neuseeland kamen, hatte ich sieben Monate die Pausen allein auf den Schultoiletten verbracht, bevor mich eine Klassenkameradin aus Mitleid angesprochen hatte. Ich besaß nun mal das Talent, Leute bei einer ersten Begegnung durch mein etwas schroffes oder direktes Auftreten zu vergraulen, weil sie mich für respektlos hielten. Ich war nicht schüchtern oder zurückhaltend, sondern schreckte Unbekannte eben damit ab, dass ich kein Blatt vor den Mund nahm.

Im Nachhinein hatte sich herausgestellt, dass meine Sorgen unbegründet waren. Die KIS war eine moderne und große Schule mit einem hübsch angelegten Campus und einem vielfältigen Angebot an Clubs und leckerem Kantinenessen. Ich hatte schon nach wenigen Stunden Valentina Suarez, eine Klassenkameradin von der Spanischen Botschaft, als eine neue Freundin ins Herz geschlossen. Sie war ein lebender Sonnenschein und meine Eigenarten schienen sie nicht in geringster Weise zu stören. Tatsächlich lachte sie einfach nur herzlich, wenn mir mal wieder etwas ziemlich Vorlautes rausrutschte. Wir hingen das gesamte Schuljahr nur zu zweit ab. Am lustigsten waren die Momente, in denen wir auf Spanisch lästerten und uns niemand verstehen konnte; es war schließlich ihre Muttersprache und ich beherrschte sie noch aus unserer Zeit in Argentinien.

Als Teil des Jahrbuch-Clubs fand ich Leute, die sich wie ich selbst für Fotografie interessierten. Ich verbrachte gerne Stunden damit, mit dem Team im Kreis auf Kissen zu sitzen, jeder mit einer heißen Schokolade mit Marshmellows und einem Laptop ausgestattet und still arbeitend, während nur allzu oft der von mir so geliebte Regen gegen die Fensterscheiben trommelte. Meine wahre Leidenschaft aber galt dem Tanzen, wie ich feststellte, als ich dem Contemporary-Dance-Club beitrat. Musik begann, eine wichtige Rolle in meinem Leben zu spielen und ich spürte, wie jeder Stress von mir abfiel, während ich mich zu Liedern bewegte.

Ich gewöhnte mich Schritt für Schritt an Seoul und begann, die Stadt und ihre Leute mit all ihren Eigenarten zu lieben. Tatsächlich hatte ich mich darauf gefreut, so die restlichen Jahre meiner Jugend verbringen zu können. Aber wie hätte ich auch ahnen sollen, dass das zweite Schuljahr meine ganzen Pläne durchkreuzen würde? Woher, in Gottes Namen, hätte ich wissen sollen, dass ein Neuankömmling in unserer Klasse alles verändern würde?

Nein, niemals hätte ich auch nur zu träumen gewagt, welche große Rolle mein zweites Schuljahr in Südkorea für meine gesamte Zukunft spielen würde. Und das alles nur wegen einem kleinen Haufen neuer Personen, die mein Leben ungebetenerweise betraten.

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Die Wohnanlage der Hübners ist fiktiv, befindet sich aber dort, wo in der Realität das Seoul Forest Trimage steht. Ich habe, um euch einen kleinen Überblick zu verschaffen, ein Video mit einer "Roomtour" des Apartments erstellt. Ich bin kein Profi und auch nicht hundertprozentig zufrieden mit dem Ergebnis, aber es erfüllt hoffentlich seinen Zweck. ^-^

Liebe Grüße
Rosenschnee
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