Tigerauge

von A wie Ana
GeschichteDrama, Romanze / P18
Eren Jäger Hanji Zoe Irvin / Erwin Smith Levi Ackermann / Rivaille Mike Zakarius
15.05.2020
30.06.2020
11
82.243
32
Alle Kapitel
54 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
30.06.2020 7.427
 
Guten Tag, meine Lieben!

Frisch und erholt vom Uni-Lifestyle kehre ich zurück und lade voller Tatendrang das elfte Kapitel hoch. Was ich aber als allererstes sagen muss: vielen, vielen Dank für all die tollen Reviews (47), die Favo-Einträge (67) und die Empfehlungen (30)! Wow, ich bin wirklich platt! Hätte ich vorher gewusst, dass diese Geschichte so gut ankommt, hätte ich sie euch nicht drei Jahre lang vorenthalten...xD. Ihr seid echt spitzenmäßig!

Zu dem Kapitel muss ich sagen: das ist tatsächlich eines der wenigen Kapitel, mit dem ich nicht ganz so zufrieden bin. Aber ich bin auch wirklich eine Perfektionistin. Hoffentlich gefällt es euch besser als mir und bitte habt Nachsicht. Es war wirklich anstrengend zu schreiben.

Nun, das war es eigentlich auch schon, also let's go!

A wie Ana



Elf


Es wurde gerade hell, als Eren von der herein scheinenden Sonne geweckt wurde.
Er blinzelte und hielt sich eine Hand vor die Augen, es war viel zu warm und viel zu hell und er bereute es zutiefst, dass er die Rollläden des Schlafzimmerfensters in der vergangenen Nacht nicht ganz hinunter gelassen hatte. Er hatte seltsame Träume gehabt; von fliegenden Schiffen und rosafarbenen Wolken, von goldenen Schätzen und dunklen Höhlen im Meer, deren schwarze Mäuler ihn verschlungen hatten.
Ehrlich gesagt wunderte es ihn, dass er nicht von Levi geträumt hatte, nach den Gedanken, die er gestern den ganzen Tag über gehabt hatte und die ihn immer noch beschämten. Himmel, es wunderte ihn wirklich. Schließlich war er sich gestern, nachdem er in der Nacht zuvor dieses Gespräch mit Hanji gehabt hatte, eigentlich am laufenden Band wie ein sexgeiles Eichhörnchen vorgekommen und er hatte kaum an etwas anderes denken können. Immer, wenn Levi sich bewegt hatte, hatten Erens Augen quasi auf ihm geklebt und einmal hatte er sich beim Wasserholen sogar gebückt und Eren hatte einen wahrlich viel zu guten Blick auf seine Kehrseite erhaschen können, die zwar unter dem Mantel verborgen gewesen war, aber es hatte vollkommen dafür ausgereicht, dass Eren ihm die nächste halbe Stunde nicht einmal in die Augen hatte sehen können.

Er verstand immer noch nicht ganz, was mit ihm eigentlich nicht stimmte.
Denn es war schließlich nur Levi. Levi, von dem er zwar seit ihrem ersten Treffen behaupten konnte, dass er ein attraktiver Mann war, der aber so verflucht unfreundlich und grob war, dass es ihn eigentlich kilometerweit von ihm wegtreiben sollte.
Aber verflucht. Hanji hatte ihm Flausen in den Kopf gesetzt.
Eren war wirklich kein Mensch, der notgeil war. Aber Levi war nun einmal Levi. Und Levi war attraktiv, gut gebaut, soweit er es zumindest hatte sehen können, und noch dazu war er ein absoluter Überlebenskünstler. Himmel. Wie animalisch das klang.

Eren schämte sich augenblicklich. Er stöhnte und zog sich die Decke über den Kopf, aber sie wurde ihm so grob weggerissen, dass er sich einen erschrockenen Laut nicht verkneifen konnte.
Er schlug die Augen auf, drehte sich um und starrte Levi an, der sich bereits geduscht und angezogen hatte und nun vor ihm stand, auf dem Gesicht ein absolut entnervter Ausdruck. Eren klappte der Mund auf und er rieb sich die Augen. Träumte er?
Oh, um Himmels Willen, nein. Levi hatte ihn noch nie geweckt. Diese unliebsame Aufgabe war immer Hanji zugefallen und Himmel, er hatte sich niemals darüber beschwert. Levi sah aus, als würde ihn am liebsten von der Matratze hinunter in die Küche prügeln und wieder zurück. Oder als würde er ihn in all seinen Putzmitteln ertränken wollen.
”Levi” Es war kaum mehr als ein entsetztes Keuchen. Reflexartig zog er an dem einen Zipfel der Decke, der sich noch bei ihm auf dem Bett befand, doch Levi entriss es ihm natürlich mit Leichtigkeit. Stöhnend ließ Eren sich mit dem Gesicht voran ins Kissen fallen und ignorierte das gleißende Licht, als Levi die Rollläden hochzog.
Es war zu früh. Viel zu früh.
Verärgert richtete er sich auf. Himmel, es war bestimmt noch nicht einmal halb sechs. Was zum Teufel.
”Levi”, murmelte er, diesmal lauter, aber Levis Augenbraue zuckte nur nach oben. Er sah so angepisst aus, dass Eren sich am liebsten unter dem Bett verkrochen hätte. Am Morgen war dieser angepisste Gesichtsausdruck noch schwerer zu ertragen.
Eren stöhnte. ”Was soll das”, fragte er grummelnd und wünschte sich einen Moment lang, er wäre einfach niemals aufgewacht.

”Steh auf”, sagte Levi und Eren starrte ihn ein paar Sekunden lang ungläubig an, ehe er sich lustlos zurück in die Laken fallen ließ. Er hatte keinen Nerv für diesen Tag, wenngleich er heute nach draußen gehen würde, gemeinsam mit Levi und Hanji. Aber wenn Levi ihn aufweckte, konnte dieser Tag nur bereits furchtbar beginnen und er würde bestimmt genauso furchtbar weitergehen; sein Schädel dröhnte und jeder Muskel seines Körpers war zum Zerreißen gespannt.
Was die Arbeit auf dem Hof anging, so war Levi wirklich verdammt gnadenlos und absolut akribisch; nachdem sie gestern den halben Tag damit verbracht hatten, Wasser zu holen und schließlich das verfluchte Dach auszubessern, auf dem ein paar Ziegel gefehlt hatten, war Eren so erschöpft gewesen, dass er nicht einmal mehr mit den Hunden über das Gelände hatte gehen können. Er war sogar beim Essen eingeschlafen, aber das hatte Levi natürlich nicht gekümmert. Er hatte ihn noch die gesamte obere Etage putzen lassen, bis elf Uhr abends, ohne auch nur ein bisschen Mitleid zu empfinden.
Von Entspannung hatte Levi scheinbar niemals auch nur ein Wort gehört.
”Balg”, knurrte Levi. ”Steh auf.”
Es klang so angepisst, dass Eren sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Was für ein Umschwung. Er würde nicht behaupten, dass er und Levi sich gestern gut verstanden hatten, eigentlich war es zwischen ihnen wie immer gewesen, nun, abgesehen davon, dass Eren sich ständig vorgestellt hatte, wie er Levi diese störenden Klamotten vom Körper reißen würde, aber er war tatsächlich nicht wütend gewesen. Eren würde nicht sagen, dass Levi entspannt gewesen war.
Aber er hatte davon abgesehen, ihn im Fluss zu ertränken oder vom Dach zu schmeißen, weil er so verflucht unkonzentriert gewesen war. Er verkniff sich ein unwilliges Schnauben. Diese verdammte Hanji. Sie hätte ihm das nicht erzählen dürfen. Dann würde er sich jetzt nicht wie ein notgeiler Teenager fühlen.

”Ich möchte nicht”, nuschelte Eren schließlich in sein Kissen, sah aber nicht auf. ”Ich bin krank.”
Wow. Er hatte keine Ahnung, warum er sich das traute und er bereute es nach nicht einmal einer Sekunde.
Levi schwieg einen Moment lang, ehe er Eren an den Schultern packte und ihn quasi aus dem Bett warf. Eren kam so hart auf dem Boden auf, dass er sich ein schmerzvolles Stöhnen nicht verkneifen konnte. Ungläubig rieb er sich den Ellenbogen, auf den er gefallen war, und starrte Levi an. Der erwiderte seinen Blick so gelassen, als hätte er ihm gerade nur gegen die Stirn geschnipst, ehe er sich umdrehte und aus dem Zimmer ging.
”Ich hab nicht den ganzen verschissenen Tag Zeit”, hörte Eren ihn noch schnauzen. ”Also beweg deinen Arsch oder ich trete ihn nach draußen.”
Eren blieb einen Augenblick lang völlig bewegungslos auf dem Boden sitzen, ehe er sich aufrappelte und schwer seufzte. Himmel, er konnte gut darauf verzichten, dass Levi seine Drohung wahr machte. Leider konnte er sich bildlich vorstellen, wie Levi ihn splitterfasernackt in den Schnee draußen warf, ohne überhaupt eine Miene zu verziehen. Allein bei dem Gedanken wurde ihm speiübel und bitterkalt.
Er schlurfte gähnend zu seinem Kleiderschrank und zog ein paar Klamotten heraus, ehe er sich ins Badezimmer schleppte und die Dusche anstellte. Er wollte fast schreien, weil das Wasser so verflucht kalt war, obwohl er sich eigentlich schon längst daran gewöhnt hatte, aber es war wirklich kaum zu ertragen.
Kurz war er am überlegen, ob er nicht einfach auf eine Dusche verzichten sollte, denn sein kleiner Zeh fror bereits ab, als er ihn nur kurz unter den Strahl hielt, aber dann stieg ihm sein eigener Geruch in die Nase, schwitzig und irgendwie immer noch so, als hätte er gerade eben den Hühnerstall ausgemistet. Er wusste ziemlich genau, was er sich dafür würde anhören müssen. Levi hasste Schmutz und Dreck jeglicher Art, und menschlichen, körpereigenen Dreck wohl am allermeisten. Er hatte Eren schon so oft beinahe ins Badezimmer geprügelt, weil Eren sich nur mit einer Katzenwäsche begnügt hatte und heute legte er es wirklich nicht darauf an. Wirklich nicht.

Eren biss die Zähne zusammen und wagte es, und es war genauso schrecklich wie er es sich vorgestellt hatte; er musste sich einen Aufschrei verkneifen. In Windeseile seifte er sich ein, brauste sich ab und stellte mit tauben Fingern das Wasser ab. Selbst im Bad, das immer kühl war, weil Levi es nicht lassen konnte, durchgehend zu lüften, Schimmel oder so ähnlich, war es wärmer als unter dem eisigen Wasserstrahl, der sich gerade für weniger als zwei Minuten über ihn ergossen hatte.
Sollte er heute in einem Stück von ihrem Ausflug zurückkehren, würde er heiß duschen. Stundenlang. Und es wäre ihm so scheißegal, dass Levi ihn dafür dumm und dämlich beleidigen oder gar schlagen würde. Ehrlich.
Schnell rubbelte er sich ab und schlüpfte in seine Klamotten. Ein wohliges Seufzen ob der plötzlichen Wärme konnte er sich nicht verkneifen. Er hängte sein Handtuch ordentlich, so, wie Levi es ihm eingebläut hatte, an die Stange über dem Ofen und betrachtete sich für einen Augenblick im Spiegel. Eren fand wirklich, dass er erwachsener aussah, reifer. Und eigentlich war er wohl sogar recht gutaussehend, mit den grünen Augen und der kleinen Nase. Wenn er bloß dieses dümmliche Grinsen lassen könnte.
Er schnitt sich selbst eine Fratze, schnappte sich seinen Kram und trat aus dem Bad. Hanji stand ihm gegenüber an die Wand gelehnt, bereits in voller Montur, und sah auf ihre Armbanduhr. Sie grinste, aber Eren verdrehte nur die Augen.
Himmel, Aufweckkommando, oder was? Er war nach dem Aufstehen noch nie so genervt gewesen.
”Hui” Es klang beinahe ungläubig und sie schlug ihm auf die Schulter. ”Rekordzeit, Eren.”
Er warf ihr einen bösen Blick zu, der sie jedoch absolut nicht beirrte. Sie grinste weiterhin und sie stand sogar noch im Flur, als er seine Schlafsachen zurück in sein Zimmer gebracht hatte und zurückkehrte. Er ging an ihr vorbei, Himmel, das hätte echt nicht sein müssen, wenn wenigstens Hanji ihn geweckt hätte, fände er es wohl nicht absolut grausig. Aber besonders angenehm war es nicht, von Levi aus dem Bett gekickt zu werden. Zumal Eren wirklich keinen Wert darauf legte, dass ausgerechnet Levi seine Morgenlatte sah.
Ihm schoss sofort wieder das Blut in die Wangen. Meine Güte, er hatte Levi gestern nicht ansehen können ohne stets und ständig in dreckigen Gedanken zu versinken. Es war wahnsinnig anstrengend gewesen, noch anstrengender als die eigentliche Arbeit, die auf ihn gewartet hatte, kaum waren sie ins Reservat zurückgekehrt.
Er schüttelte den Kopf, um den Gedanken daran zu vertreiben; sein Zustand von gestern durfte sich heute keinesfalls wiederholen, das würde er zu verhindern wissen, auch, wenn er sich dafür einen nackten Jean vorstellen musste. Schlagartig wurde ihm schlecht, aber es erleichterte ihn nur. Verflucht.
Lieber ein nackter Jean als ein nackter Levi.

Mit wackeligen Beinen ging er hinunter in die Küche und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Er war nicht unbedingt müde, aber hellwach war er auch nicht. Er fühlte sich wie gerädert und fragte sich ernsthaft, wie er diesen Tag überstehen sollte.
Sicher, er freute sich darauf, das hatte sich nicht geändert. Aber er war unleugbar erschöpft und ihn grauste es davor, den ganzen Tag durch den Schnee zu stapfen und sich möglicherweise sogar von einem Wilderer anschießen zu lassen. Er erschauderte und schreckte zusammen, als ihm ein Brötchen an die Brust gedrückt wurde. Er hob den Kopf und blinzelte Levi an, der keine Miene verzog, sich nur umdrehte und Hanji ebenfalls eines zuwarf, das sie natürlich fallen ließ. Eren hörte ein angewidertes Schnauben, als sie es vom Boden aufhob und hinein biss.
”Levi”, maulte Hanji unzufrieden und Eren drehte sich zu ihr um; ihr Gesichtsausdruck war absolut entsetzt. ”Da ist ja nicht mal Butter drauf! Was stimmt nicht mit dir? Ein Brötchen ohne Butter, pff.”
”Dann wirst du wenigstens nicht fett”, antwortete Levi, der gerade eine Thermoskanne in einen der Rucksäcke stopfte, ohne sich zu ihr umzudrehen. Hanji schnaubte empört. Er reagierte nicht einmal darauf.
Eren wechselte mit ihr einen Blick und wies mit dem Finger auf sein eigenes Brötchen. ”Falls es dich tröstet: auf meinem ist auch nichts drauf.”
Hilflos grinsend biss er in sein Brötchen, das zwar an sich gut schmeckte, allerdings durchaus besser schmecken würde, hätte Levi sich die Mühe gemacht, auch nur einen Klecks Butter darauf zu klatschen.
”Also, nichts gegen dieses köstliche Brot, aber ein wenig Käse würde sich darauf wirklich gut machen”, sagte er an Levi gewandt, der ihm nur einen absolut genervten Blick zuwarf. Eren blieb das Essen im Halse stecken. Konnte er nicht einmal in seinem Leben seine dumme Klappe halten? Scheinbar legte er es darauf an, von Levi zerstückelt und vergraben zu werden. Oder flachgelegt. Er wandte sich ab, als seine Wangen heiß wurde. Stop. Das musste verflucht nochmal aufhören.

Der Gedanke an Jeans nackten Körper half ein wenig, aber er konnte Levi dennoch nicht ansehen.

Dieser schnaubte abfällig.
”Ich bin aber nicht eure beschissene Hausmutter. Wenn's euch stört, dann steht das nächste Mal früher auf.” Es klang so genervt, dass Eren den Kopf einzog. Hanji hingegen stopfte sich den Rest ihres Brötchens in den Mund und zog den Kleineren kauend in eine Umarmung. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich schlagartig.
”Oh, bist du schlecht drauf, mein Schatz?”, fragte Hanji und drückte ihn an sich. Er befreite sich aus ihrem Griff und stieß sie von sich, mit einem Blick, als hätte sich ein Stinktier dazu entschlossen, sich auf seinem Schoß nieder zu lassen.
”Fick dich”, knallte er ihr so bitterböse ins Gesicht, dass Eren schlucken musste. Hanji allerdings grinste nur breiter und besaß sogar die Unverfrorenheit, ihm kurz durch das Haar zu wuscheln; aber scheinbar merkte sie, dass sie kurz davor war eine Grenze zu überschreiten und brachte vorsichtshalber einen Sicherheitsabstand von einem Meter zwischen sie. Am liebsten hätte Eren gelacht, aber als Levi ihm einen frostigen Blick zuwarf, verkniff er es sich und stopfte sich das Brötchen so hastig in den Mund, dass Levis Gesichtsausdruck pikiert wurde. Er wandte sich ab.
”Ihr seid beide widerwärtig”, knurrte er und ging in den Flur, um sich in seine Kluft zu werfen. Hanji hob die Arme in die Luft und folgte ihm.
”Du liebst uns trotzdem”, trällerte sie, aber Levi erwiderte nichts darauf. Natürlich nicht. Eren hingegen fror mitten in seiner Bewegung ein. Das hatte sie jetzt nicht wirklich gesagt. Oh, um Himmels Willen.
Dieser Tag begann genauso schrecklich, wie er es sich ausgemalt hatte. Levi würde ihn leiden lassen, ihn und Hanji. Aber im Vergleich zu dem Wirbelwind würde Eren es am ganzen Körper spüren. Die Frau war knallhart und ließ sich von dem kleinen Giftzwerg nicht ins Bockshorn jagen. Ganz im Gegensatz zu Eren, der sich kaum traute, in den Flur zu gehen und sich anzuziehen.

Hanji steckte den Kopf ins Wohnzimmer und grinste ihn schelmisch an.
”Eren? Kommst du?” Sie nickte hinter sich und verdrehte die Augen. ”Sonst wird unser Stinkstiefel noch stinkiger.”
”Halt die Schnauze, Shitface”, knurrte Levi und gab Eren damit noch einen Grund mehr, sich nicht von der Stelle zu rühren. Er starrte Hanji entsetzt an, die nur die Schultern hob und wieder im Flur verschwand. Ihm war kotzübel.
”Oi, Balg, wenn du dich jetzt nicht bewegst, tret ich dir in den Arsch.” Levis Stimme ließ absolut keine Kompromisse zu und Eren war noch nie so schnell in Bewegung gekommen. Er warf sich quasi in seine Stiefel und in seinen Mantel, ehe er ins Wohnzimmer griff und den einzigen, übrig gebliebenen Rucksack in den Flur zog, ihn sich auf den Rücken schnallte. Er war so schwer, dass er fast zur Seite kippte und Hanjis Hand, die auf seine Schulter fiel, verbesserte seinen Zustand nicht unbedingt.
Er warf ihr einen absolut nervösen Blick zu, den sie nur grinsend erwiderte, und dann traten sie zu dritt aus dem Haus. Das Wetter war gut, die Sonne schien, aber es war trotzdem so kalt, dass Eren automatisch röchelte. Er war wirklich ein Sommerkind. Und an diese Temperaturen würde er sich einfach nie gewöhnen. Er zog instinktiv seinen Schal ein Stück höher und war froh darüber, dass er sich nicht nur drei Pullover, sondern auch fast alle Socken übergezogen hatte, die er besaß.
Nicht zum ersten Mal dankte er der unbekannten Verkäuferin aus dem Laden in Kaliningrad dafür, dass sie ihn von qualitativ hochwertiger und wetterfester Kleidung überzeugen konnte.
Während Hanji unermüdlich quasselte, bewegten sie sich in die Scheune, um die Gewehre zu holen. Als Levi ihm eines in die Hand drückte, ließ Eren es fast fallen vor Überraschung. Sicher, er hatte es bereits mehrere Male in der Hand gehabt, aber Levi hatte ihm immer deutlich zu verstehen gegeben, dass er ihm, was das anging, immer noch nicht ausreichend vertraute. Wahrscheinlich dachte er wirklich, Eren würde sich das Gehirn wegpusten, sollte er einmal nicht genau hinschauen.

Eren öffnete den Mund und wollte schon etwas sagen, zumindest so etwas wie ein freudig überraschtes ”Oh”, aber Levi hatte sich bereits umgedreht und räumte Munitionspackung um Munitionspackung in seine Tasche. Eren schloss den Mund also wieder und hängte sich das Gewehr um die Schultern, so, wie er es bei Hanji und Levi gesehen hatte.
Hanjis Blick blieb auf ihm hängen, ehe sie grinste.
”Steht dir!” Sie sah Levi an, der sie jedoch nicht im mindesten beachtete, sondern nur damit fortfuhr, Kram in seine Tasche zu packen. Eren warf einen Blick hinein. Thermoskanne, Messer, Munition, etwas, das so aussah wie ein Leuchtfeuer, noch mehr Munition, ein Seil, eines dieser Erste-Hilfe-Köfferchen, die Hanji jeden zweiten Tag doppelt und dreifach überprüfte, eine weiße Dose mit einem abblätternden Schriftzug, den er nicht entziffern konnte, und ein langes Glasrohr, in dem irgendeine Flüssigkeit vor sich hinschwappte, die er beim besten Willen nicht identifizieren konnte.
”Oder, Levi? Wie so ein kleiner Unteroffizier!” Hanji grinste so dämlich, dass Levi ihr nur einen entnervten Blick zuwarf. Dann glitt sein Blick zu Eren und in seinem Gesicht regte sich ungefähr nichts. Eren jedoch hielt unbewusst den Atem an. Levi wandte sich wieder ab und schloss den Waffenschrank, hängte sich das Gewehr um.
”Tch. Eher wie ein Kind an Fasching”, sagte er und Eren hätte ihm am liebsten, trotz allem, den Lauf seines Gewehres ins Gesicht gestoßen.
Himmel. Im Menschenumgang war Levi mindestens genauso scheiße wie Eren im Flirten.

Hanji stöhnte, ehe sie Levi nach draußen folgte.
”Meine Güte” Sie drehte den Kopf und zwinkerte Eren zu. ”In Wahrheit findet er dich heiß. Levi hatte schon immer ein Faible für Soldaten.” Sie grinste so breit, dass Eren lachen musste. Levi schien es allerdings nicht sonderlich witzig zu finden, Himmel, fand der Kerl eigentlich überhaupt irgendetwas witzig, denn er schoss Hanji einen so giftigen Blick zu, dass die Frau strauchelte und beinahe mit dem Gesicht nach unten in den Schnee gefallen wäre, hätte Eren sie nicht am Arm gepackt. Könnten Blicke töten, wäre Hanji sicherlich schon dreimal tot.
”Tch. Hör auf zu quasseln, Vierauge”, schnauzte Levi und schloss das Scheunentor ab, ehe er auf den Wagen zustapfte und ohne viel Federlesens die Autotür aufriss, so grob, dass Eren fast befürchtete, sie würde einfach aus den Angeln fallen. Er warf ihnen einen Blick zu und schnalzte mit der Zunge.
”Seid ihr festgewachsen, oder was? Ich würde gern noch vor Chanuka zurück sein, ihr Pisser.”
Hanji sah Levi strahlend an und Eren selbst musste schlucken. Sie machte ein paar lange Schritte und öffnete das Tor und sie schien absolut euphorisch, während Eren einfach nur immer nervöser wurde. Scheinbar hatte Levi heute nicht die allerbeste Laune und er wollte gar nicht wissen, wie viel schlimmer sie noch werden würde mit Hanji an seiner Seite. Levi sah so wütend aus, dass Eren kurz befürchtete, er würde einen Herzinfarkt kriegen. Er zog die Autotür auf und ließ sich ungefragt auf dem Beifahrersitz fallen.
Levi würdigte ihn nicht eines Blickes, er rammte den Zündschlüssel so heftig ins Schloss, dass Eren einen Moment lang dachte, er würde einfach brechen. Himmel. Es war fast unerträglich neben ihm zu sitzen und er wünschte sich kurz, er hätte sich einfach auf die Rückbank begeben. Es war kaum auszuhalten.
Was genau hatte er an dem Kerl nochmal so toll gefunden? Jetzt fand Eren ihn einfach nur furchteinflößend. Ein falsches Wort und er würde ihm mit Sicherheit den Hals umdrehen.
Levi startete den Wagen und verließ das Gelände und einen Augenblick lang wirkte er so, als wollte er Hanji einfach am Tor stehen lassen und ohne sie fahren, aber er hielt letztendlich doch, allerdings fast zwanzig Meter entfernt und Eren sah Hanji im Seitenspiegel auf sie zu schlendern, ehe sie in das Auto stieg und sich mit einem Schnaufen auf die Rückbank fallen ließ.
”Wie unnötig, Schatzi”, sagte sie freundlich an Levi gewandt, aber er ignorierte sie und Hanji verdrehte die Augen. Jetzt wünschte sich Eren mehr denn je, auf die hintere Sitzbank gestiegen zu sein, denn gerade jetzt fühlte er sich neben Levi einfach nur unwohl. Aber er war auch fürchterlich nervös und wenn ihm jemand diese Aufregung würde nehmen können, dann Hanji, denn darin war sie einfach ein Meister. Hanji schien zu merken, dass er mit jedem Meter, den sie weiter in den Wald hineinfuhren, tiefer in seinen Sitz rutschte, denn nach nicht einmal fünf Minuten fing sie an zu plappern. Und wie sie plapperte.
Sie redete irgendeinen Nonsens, der überhaupt keinen Sinn ergab, oder vielleicht doch, vielleicht war Eren einfach nur zu aufgeregt oder zu beschränkt, um es zu verstehen, und Eren war ihr dankbar dafür. Sein Herz raste und ihm war speiübel.

Levi hingegen schwieg die ganze Zeit. Seine Augen waren stur nach vorne gerichtet und er umklammerte das Lenkrad so fest, dass Eren die Knöchel weiß hervortreten sah. Was auch immer ihn beschäftigte: scheinbar machte es ihn unglaublich wütend. Aber Eren war klug genug, ihn nicht danach zu fragen, denn wahrscheinlich würde Levi ihn ohne zu zögern aus dem Wagen kicken und ihn mitten in der Pampa stehen lassen, ohne irgendwelche Gewissensbisse. Deshalb hielt er den Mund und lauschte lieber Hanjis Erläuterungen über die genetische Weiterentwicklung des Blops.
Sie fuhren eine halbe Ewigkeit. Eren hatte längst keine Orientierung mehr, so weit draußen war er wirklich noch nie gewesen, und er versuchte wirklich, sich seine Umgebung einzuprägen und sich den Weg zu merken. Aber es war absolut unmöglich. Alles sah gleich aus, überall waren Bäume und überall war Schnee. Kurz dachte er, die Lichtung zu sehen, auf der er mit Levi sein Schießtraining absolviert hatte, aber er irrte sich natürlich. Sie waren so weit draußen, dass Eren langsam, aber stetig Angst bekam. Er vertraute Levi und Hanji natürlich, sie würden schon wissen, wie sie wieder zurück zum Reservat kamen, aber er konnte nicht verhindern, dass ihm sein Herz vor Nervosität fast aus dem Mund sprang.
Hanji gab ihr Bestes, ihn abzulenken und er war ihr dankbar dafür, aber wirklich helfen tat es nicht.
Als Levi endlich hielt, war fast eine Stunde vergangen. Eren hatte jede einzelne Minute gezählt und als Levi den Schlüssel abzog und aus dem Wagen sprang, konnte Eren sich erst nicht rühren. Wie festgewachsen saß er auf dem Beifahrersitz und starrte ein paar Sekunden einfach nur nach draußen in den Wald. Sein Herz klopfte so laut, dass er es hören konnte. Hanji drückte ihm liebevoll die Schulter und endlich konnte er sich bewegen; er löste den Gurt und folgte ihr aus dem Wagen.
Auch hier war es unvorstellbar kalt, fast noch kälter als im Reservat, aber es war auch unfassbar ruhig. Eren hatte noch niemals solch eine Stille wahrgenommen. Es war beinahe unheimlich.

Er rückte den Gurt seines Rucksacks gerade, der ihm unangenehm in die Schulter schnitt, und blieb neben Levi stehen, der sich nur kurz umsah, ihm dann einen Blick zuwarf, Himmel, dieses Blau wirkte bei all dem Schnee fast noch eisiger, und sich in Bewegung setzte. Hanji tat es ihm ohne zu zögern gleich und so folgte ihm auch Eren.
Sie schwiegen, aber es war nicht unangenehm. Tatsächlich war Eren so aufgeregt, dass wahrscheinlich eh nur Blödsinn aus seinem Mund gekommen wäre. Hanji ging neben ihm, langsam, während Levi schon längst ein paar Meter Vorsprung hatte. Eren starrte auf sein schwarzes Haar und auf diesen Mantel, wie um sein Herz zu beruhigen und es klappte. Tatsächlich. Es klappte. Zumindest ein bisschen.
Alle paar Meter blieben Hanji und Levi stehen, beäugten die Bäume und den Boden und weil Eren nicht wusste, was er tun sollte, machte er genau dasselbe. Allerdings fiel ihm nichts besonderes daran auf und den beiden anderen scheinbar ebenfalls nicht. Es war nicht einfach, mit Levi Schritt zu halten. Himmel, Eren war nicht unbedingt langsam, aber Levi war ihm einfach voraus. Obwohl er sich zu bemühen schien, nicht aus ihrem Sichtfeld zu verschwinden, und sichtlich damit kämpfen musste, sie nicht einfach stehen zu lassen, gab Eren nach fast dreißig Minuten, in denen er weder einen Tiger noch irgendetwas anderes aufregendes gesehen hatte, auf.
Der Weg durch den Wald war mühselig und anstrengend. Der Schnee reichte ihm fast bis an die Knöchel und überall lagen Steine, über die Eren bereits mehrere Male fast gestolpert war, auch wenn er versucht hatte, das mehr schlecht als recht vor Hanji und Levi zu verbergen. Bereits nach einer halben Stunde krampften seine Muskeln und ihm ging die Puste aus.
Levi hingegen verzog keine Miene und stapfte durch den Wald als würde er tagtäglich nichts anderes tun; Eren schämte sich schon fast dafür, dass er nicht mit ihm mithalten konnte, was er wohl irgendwie auch nicht anders erwartet hatte. Ein paar wenige Male war Eren bereits vor den anderen aufgewacht und er hatte Levi draußen beim Laufen sehen können, noch bevor die Sonne überhaupt richtig aufgegangen war. Eren wusste nicht, was ihn nach draußen in die kühle Morgenluft zog, aber in Momenten wie diesen merkte er, dass es sich wohl lohnen musste.

Nach einer Weile bemerkte er, wie umsichtig Levi und Hanji sich bewegten. Beinahe vorsichtig, als hätten sie Angst, auf irgendetwas zu treten, auf das sie nicht treten sollten und Eren blieb stehen, hielt sich die Seite, die krampfte. Verflucht.
Nach fast zwei Monaten sollte er doch immerhin so etwas wie Kondition aufgebaut haben. Aber er war immer noch ein jämmerlicher Waschlappen.
”Können wir eine kurze Pause machen?”, fragte er laut und sowohl Levi als auch Hanji drehten sich zu ihm um. Hanjis Gesichtsausdruck war besorgt, Levis angepisst. Extrem angepisst. Aber er sagte nichts, er machte nur ein paar Schritte auf ihn zu und ließ seine Tasche fallen, zog die Thermoskanne heraus und drückte sie ihm wortlos in die Hand. Eren zögerte, ehe er sie aufschraubte und einen Schluck trank.
Tee. Natürlich.
Himmel, Vodka wäre ihm jetzt um einiges lieber.
Hanji hatte ihren Rucksack ebenfalls abgestellt und sich darauf niedergelassen. Sie sagte kein Wort, aber ihre Augen glitten wachsam über die Bäume und sie schien angestrengt nachzudenken. Nach ein paar Minuten wandte sie sich an Levi.
”Es ist still hier”, sagte sie und Levi schnaubte. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert, aber Eren konnte das Misstrauen in seinen Augen sehen.
”Zu still”, sagte er schließlich und Eren sah Hanji fragend an. Sie hob die Schultern, trank einen Schluck aus ihrer Flasche.
”Das ist eigentlich Tigerrevier”, meinte sie schließlich und Eren verschluckte sich fast an dem Tee. Hanji musste ihm auf den Rücken klopfen, seine Augen tränten, und er starrte sie ungläubig an. Das war nicht ihr Ernst. Sie spazierten hier seelenruhig herum, während im Dickicht Tiger auf sie lauerten? Sein Herz rutschte ihm noch tiefer in die Hose, falls das überhaupt möglich war. Hanji lächelte, aber es wirkte nicht sonderlich glücklich.
Sie sah sich seinen Moment lang um, ehe sie sich in seine Richtung beugte.
”Es ist nicht so, als würden hier welche herumrennen”, sagte sie leise und in ihren Augen blitzte es besorgt. ”Aber normalerweise finden wir wenigstens Pfotenabdrücke. Oder wir sehen Beutetiere. Dass es hier so ruhig ist, ist nichts Gutes, Eren. Das heißt meistens, dass hier Wilderer waren.” Sie verzog das Gesicht und Erens Hand verkrampfte sich um die Thermoskanne. Ehe er sie zerquetschen konnte, nahm Levi sie ihm aus der Hand. Er zuckte zusammen und sah den Älteren an, der sich aufgerichtet hatte und seinen Blick schweifen ließ.
Er wirkte, ebenso wie Hanji, alles andere als zufrieden.

Ohne ein Wort zu verlieren, griff er in seine Tasche und zog eine Munitionsschachtel heraus, füllte das Gewehr und lud es. Eren starrte ihn an.
Das passierte gerade nicht wirklich, oder? Levi rechnete nicht wirklich damit, dass sie sich verteidigten mussten. Die beiden erlaubten sich gerade einen Scherz mit ihm. Sicher. Das musste es sein. Sein erster Ausflug sollte ihm schließlich für immer im Gedächtnis bleiben. Nur leider konnte er in Levis Gesicht absolut nichts sehen, das seine Hoffnung bestätigte. Er sprang so urplötzlich auf, dass Hanji erschrocken aufkeuchte. Er starrte Levi an.
”Sollten wir dann nicht besser gehen?”, fragte er atemlos und Levi schenkte ihm einen so unfreundlichen Blick, dass er den Mund wieder schloss. Der Kleinere sicherte die Waffe und hängte sie sich wieder über die Schulter, ehe er die Thermoskanne zurück in die Tasche stopfte und sie sich auf den Rücken schwang.
”Tch. Und die Tiger verrecken lassen? Sicher nicht.” Es klang so verächtlich und grimmig, dass Eren fast automatisch den Kopf einzog. Levi meinte es scheinbar absolut ernst. Er beäugte ihn einen Moment lang, ehe er sich abwandte.
”Scheiß dich nicht ein. Keiner verlangt von dir, dass du jemanden umbringst.” Es klang nicht halb so beruhigend, wie es womöglich gemeint war und unwillkürlich spannte sich Eren bei seinen Worten an. Sein Herz raste. Umbringen? Himmel, er konnte nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun geschweige denn einem Menschen! Er hatte sich schon öfter gefragt, ob die Wildhüter in all den Jahren schon einmal in eine Schießerei verwickelt gewesen waren und leider konnte er sich das viel zu gut vorstellen.
Die Wilderer ließen sich, laut dem, was er bereits gehört hatte, ungern davon abhalten, sich die Tiger zu krallen und es waren meist Schmuggler, hochgradige Kriminelle, die sicherlich auch nicht vor Mord und Totschlag zurückschreckten.
Er zuckte zusammen, als Hanji ihm eine Hand auf die Schulter legte.
”Ganz ruhig, Eren”, sagte sie und lächelte sanft. ”Dir passiert nichts. Levi und ich passen auf dich auf. Und es ist wirklich unwahrscheinlich, dass wir heute auf einen Wilderer treffen. Okay?”, fügte sie hinzu, als Eren noch ein wenig blasser wurde. Er nickte zögerlich und sie ließ ihn los, schulterte ihre Tasche.
Sie lächelte ihn an.
”Und jetzt komm. Es gibt noch so viel zu sehen.”


Die nächsten Stunden blieb es ruhig und Eren fühlte sich zwar immer noch angespannt, aber die Angst in seinem Inneren war ein wenig abgeflaut. Hanji hatte sich große Mühe gegeben, ihn abzulenken und es war ihr wirklich gut gelungen; sie hatte ihm erzählt, woran er erkennen konnte, welchem der Tiger dieses Revier gehörte und wann er sich die meiste Zeit hier aufhielt. Es war extrem spannend und interessant, die Abdrücke im Schnee zu verfolgen, denn nach zwei Stunden hatten sie endlich welche gefunden, die frisch genug schienen um sie wahrnehmen zu können, und hin und wieder fand Eren im Geäst ein paar lange, rötliche Haare, die er sorgfältig in einem der Gläser verschloss, die Hanji bei sich trug.
Wie vor zwei Wochen schon blieben Hanji und Eren alle paar Meter stehen, um sich die Maße der Pfotenabdrücke zu notieren und Fotos zu machen und wie vor zwei Wochen fand Eren es wirklich aufregend. Mittlerweile hatte er sich wieder einigermaßen beruhigt, zumindest vermutete er nicht mehr hinter jedem Baum einen Wilderer mit einer Schrotflinte, und er hatte wirklich Spaß.

Hanji brabbelte unaufhörlich vor sich hin, warf mit Fachtermini quasi um sich, aber Eren hörte ihr gerne zu, denn die Frau wusste immerhin wovon sie sprach. Sie erklärte ihm, dass die Wilderer auf dem Schwarzmarkt nur für die Felle fast eine Million Rubel verlangen konnten und sie bei Sammlern sehr begehrt waren; die russische Tigerkatze besaß scheinbar das schönste, dichteste und wärmste Fell ihrer Rasse, und Hanji versank beinahe in einem Monolog über Krolva, dessen Pelz sie damals hatte berühren dürfen, als er unter Betäubung gestanden hatte. Hanji schien auf die Wilderer einen extrem großen Hass entwickelt zu haben, aber Eren konnte es ihr nicht verübeln.
Er verstand, dass Menschen nun einmal Tiere töten mussten, wenn sie Hunger hatten, aber das hatte einfach nur noch etwas mit Geldgier und Prestige zu tun. Die Tiere wurden nicht vollkommen verwertet, tatsächlich nahm man ihnen nur ihr Fell, das Fett und die Knochen, um Medikamente herzustellen oder weil man an irgendeinen abergläubischen, heilenden Schwachsinn glaubte. Dass es Menschen gab, die so etwas taten, und das auch noch bei einer Tierart, die ohnehin schon kurz vor dem Aussterben stand, wollte ihm nicht in den Kopf gehen.
Er verstand es einfach nicht. Der Lebensraum der Tiger war bereits knapp bemessen, weil immer mehr Wälder abgeholzt wurden, aber sie dann auch noch einer Bedrohung wie der der Wilderer auszusetzen, entzog sich seinem Verständnis komplett. Wahrscheinlich würde er sich in die Hose pinkeln vor Angst, sollten sie doch einem dieser Mistkerle begegnen, aber Eren hoffte darauf, dass er trotzdem noch genug Mut aufbringen könnte, um ihm wenigstens die Faust ins Gesicht zu rammen.

Levi hielt sich aus ihren Gesprächen vollkommen heraus. Er war vielmehr damit beschäftigt, die Gegend abzusuchen, hin und wieder einen Haken zu schlagen, zwischen den Bäumen zu verschwinden und nach zwanzig Minuten wieder zurückzukommen, mit einem Gesichtsausdruck, der ungefähr überhaupt rein gar nichts ausdrückte. Manchmal suchte er die Bäume nach Spuren ab, aber die meiste Zeit lief er vor ihnen her, mit wachsamem Blick und zusammengezogenen Brauen.
Eren hatte es bisher nicht gewagt, ihn noch einmal anzusprechen, weil er den Eindruck hatte, er wäre furchtbar wütend, und obwohl er ihn vor ein paar Wochen scheinbar hatte beruhigen können, so wollte sich Eren auf diese Fähigkeit, die er im übrigen immer noch nicht ganz begriff, nicht unbedingt verlassen.
Auch Hanji richtete nicht das Wort an ihn, nur hin und wieder, wenn ihr irgendetwas auffiel, das sie ihm mitteilen wollte, und er nickte dann immer nur, weil er es bereits gesehen hatte.
Inzwischen war es helllichter Tag und die Sonne schien. Die einzelnen Strahlen wurden durch die Blätter der Bäume gebrochen und ließen den Schnee schimmern wie Perlmutt; es war immer noch still um sie herum, aber dann und wann hatte Eren irgendein kleineres Tier ins Dickicht verschwinden sehen und es tröstete ihn ein wenig. Die Stille wirkte irgendwie falsch auf ihn.
Sicher, dass es hier nicht zuging wie im Dschungel war ihm bewusst, aber dass es so ruhig war hatte er dann doch nicht erwartet. Würden sie einfach stehen bleiben und nichts tun, würde er wahrscheinlich das Blut in seinen Adern rauschen hören können und es behagte ihm nicht. Irgendwo und irgendwie hatte er sich an die Stille im Reservat schon gewöhnt, aber das hier war etwas anderes. Es war unwirklich und unheimlich und es schärfte all seine Sinne. Er verstand nun ein wenig, warum Levi ihn nicht schon früher mit nach draußen genommen hatte, schließlich war es hier draußen erstens gefährlich und zweitens musste man die Nerven behalten.
Und ganz augenscheinlich hatte Levi befürchtet, Eren würde komplett durchdrehen.

Womit er leider nicht ganz falsch gelegen hatte.

Er gab sich wirklich Mühe, nicht wie ein hyperaktives Kaninchen zusammen zu zucken, wenn er ein Geräusch hörte, aber Levis wachsamen Augen entging natürlich nichts. Allerdings hatte er bis jetzt davon abgesehen, das Ganze an dieser Stelle abzubrechen, zurück zum Wagen zu gehen und Eren auf dem Gelände versauern zu lassen bis die sechs Monate seiner Zeit hier vorüber waren und Eren war ihm mehr als dankbar dafür. Er hielt nach wie vor an seinem Entschluss fest, sich irgendwie zu beweisen. Es gefiel ihm hier draußen, er mochte es, dass man ihm mittlerweile etwas zutraute und selbst das wirklich schlichte, sehr harte Leben hier hatte es ihm irgendwie angetan.
In Kaliningrad hatte er von allem immer zu viel gehabt.
Zu viele Wünsche, zu viel Unzufriedenheit, zu viele Hoffnungen. Hier waren die Dinge so, wie sie eben waren und wahrlich schwer zu ändern. Eren beschäftigte sich, seit er hier war, unglaublich viel mit sich selbst, was er früher eher nicht getan hatte, denn er hatte sein Leben damit verbracht, irgendwie die Zeit tot zu schlagen, aber hier blieb ihm gar nichts anderes übrig. Wenn er auf dem Gelände arbeitete, schweiften seine Gedanken nicht in sinnlose Richtungen ab und mittlerweile erschien es ihm so, als hätte er niemals etwas anderes getan. Er vermisste Mikasa und Armin wahnsinnig, aber ihm tat das hier gut. Er hätte nicht gedacht, dass es ihm so gefallen würde, wenngleich es auch extrem hart und anstrengend war.
Wahrscheinlich würde er im Vergleich zu seiner Schwester und seinem besten Freund ein wahrer Überlebenskünstler sein, wenn er zurück nach Hause kam, und irgendwie machte ihn das ziemlich stolz.

”Oi, Balg”

Er hob den Kopf und sah Levi an, der ihn missmutig musterte. Er und Hanji waren stehen geblieben und Eren lief fast in die beiden hinein, weil er so in Gedanken versunken gewesen war. Ihm schoss sofort das Blut in den Kopf.
Himmel. Von wegen seine Gedanken schweiften nicht stets und ständig in irgendwelche verwirrenden Richtungen ab.
”Entschuldigung”, murmelte er, aber Levi beachtete ihn gar nicht. Er wies vor sich und Eren folgte seiner Handbewegung. Ihm stockte der Atem.
Vor ihnen war ein riesiges Loch ausgehoben worden, ziemlich sicher von Menschenhand, es war mindestens drei Meter tief und zwei Meter breit, an den Wänden glatt, als wären sie vereist. Darum herum konnte er Stiefelabdrücke im Schnee erkennen, einzelne Stücke Stoff, die er als Reste eines Seils identifizieren konnte. In dem Schlund selbst befand sich nichts, zumindest konnte er auf den ersten Blick nichts erkennen. Aber nach Levis und Hanjis Gesichtsausdrücken zu urteilen, handelte es sich hierbei nicht um irgendein aus Zufall oder Jux und Tollerei gegrabenes Loch.
Er ging ein Stückchen näher heran und beugte sich darüber.
”Das ist ja ewig tief!”, sagte er und konnte nicht umhin, ein wenig beeindruckt zu klingen. Er warf Hanji einen Blick zu und grinste gewinnend, aber sie erwiderte sein Lächeln nicht. Der Ausdruck in ihren Augen war missmutig.
Verwirrt sah er Levi an, der seine Tasche abgestellt hatte und darin herumkramte, schließlich das Seil herauszog und etwas, das aussah wie ein Eispickel, nur kleiner, oder wie eines dieser Dinger, mit denen Kletterer ihre Seile in der Felswand befestigten. Ohne ein Wort zog er zwei, drei feste Knoten in das Seil und trat das Ding so heftig in den Boden, dass Eren kurz zusammenzuckte. Er sagte nichts, er sah ihn nicht einmal an, hängte nur das Seil ein und ließ sich daran in das Loch hinabgleiten.
Eren keuchte erschrocken auf und Hanji musste ihn am Kragen festhalten, damit er nicht hinter ihm her fiel. Sie zog ihn auf die Beine, lächelte leicht, aber es wirkte nicht glücklich.

”Lebendfalle”, erklärte sie knapp und Eren klappte der Mund auf. Er drehte sich wieder um und sah in das Loch, beobachtete Levi dabei, wie er in dem Schlund hin und her lief und fast jeden Zentimeter akribisch absuchte, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihm ein widerliches Insekt vor die Nase gehalten.
Er ging in die Hocke, betrachtete den Boden eindringlich, ehe er den Kopf hob und Hanji ansah.
”Vierauge”
Hanji zögerte nicht. Sie legte ihren Rucksack ab und förderte eines dieser Einmachgläser zutage, ehe sie es ihm zuwarf und Levi fing es auf, natürlich ohne Probleme. Er schraubte es ohne ein Wort auf, griff in den Schnee und ließ ein paar wenige Haare in das Glas rieseln. Eren stand stocksteif da. Er konnte sich nicht rühren. Passierte das gerade wirklich? Er war sich nicht sicher.
Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit. Er brachte kein Wort heraus, er konnte nur da stehen und Levi dabei beobachten, wie er das Glas schloss, es sich in eine Manteltasche stopfte und sich schließlich von Hanji das Maßband geben ließ, sich hinkniete und irgendetwas abmaß, das Eren nicht einmal sehen konnte. Er schluckte und wandte sich an Hanji.
”Heißt das...also...dass hier...” Er brachte den Satz nicht zu Ende. Hanji blinzelte traurig und sie schob sich ihre Brille auf den Kopf, seufzte.
”Ja”, antwortete sie schließlich nach ein paar Sekunden. ”Wir haben schon wieder einen verloren.” Es klang so niedergeschlagen und gleichzeitig so wütend, dass es Eren die Kehle zuschnürte.
Er wandte den Blick von Hanji ab und sah hinunter zu Levi, der sich mittlerweile wieder aufgerichtet hatte und seine Augen noch einmal über den Boden schweifen ließ, ehe er an dem Seil wieder nach oben kletterte, als würde es ihm überhaupt gar keine Schwierigkeiten bereiten. Er drückte Hanji das Glas und das Maßband in die Hand, ohne ein Wort zu verlieren, und er sah so wütend aus, dass Eren ganz automatisch den Kopf einzog. Dabei wusste er, dass dieser Zorn ganz eindeutig nicht auf ihn gerichtet war.

”Schreib’s auf”, sagte Levi und Hanji nickte, rollte das Maßband aus und klemmte es sich unter die Achsel, um sich Notizen zu machen. Eren brachte immer noch kein Wort heraus. Levi warf ihm einen Blick zu. Seine Augen waren so kühl, dass Eren wegsehen musste.
”Tch. Das wolltest du doch, oder” Es klang abfällig. ”Aufregung, die du in der beschissenen Großstadt nicht bekommst.”
Eren wandte den Kopf und sah Levi unverwandt an. Sein Gesicht war absolut unbewegt. Er schüttelte heftig den Kopf und musste schlucken; seine Kehle fühlte sich trocken an und der Kloß darin war kaum zu ertragen.
”Es ist so furchtbar”, presste er heraus und Levi schob die Augenbrauen zusammen, ehe er sich abwandte und die Halterung inklusive Seil aus dem Boden riss, beides wieder ordentlich in seiner Tasche verstaute. Seine Schultern waren so angespannt, dass Eren kurz befürchte, sie würden einfach brechen vor Kraft. Er stand auf, blieb einen Moment lang einfach auf der Stelle stehen, ehe er sich an Hanji wandte.
”Oi, Vierauge, gib die Schaufel her”, befahl er und Hanji nickte hastig, packte ihre Notizen zurück in ihre Tasche und reichte ihm das Werkzeug, das sie über der Schulter trug. Ohne zu zögern machte sich Levi daran, Schnee in die Falle zu schaufeln; er sagte kein Wort und er verzog nicht eine Miene und Eren konnte sich erst nach ein paar Minuten rühren.
Er machte einen wackeligen Schritt auf Levi zu und nahm ihm die Schaufel aus der Hand. Levis Gesichtsausdruck wandelte sich von angepisst zu regungslos. Eren versuchte ein Lächeln, das ihm wirklich kläglich gelang.

”Lass mich das machen”, sagte er und Levi sah ihn noch einen Moment lang unbewegt an, ehe er die Schaufel losließ und sich umdrehte, mit dem Gewehr um die Schultern zwischen den umliegenden Bäumen verschwand. Hanji blickte ihm ein paar Sekunden hinterher, ehe sie Eren ansah.
Ihre Augenbrauen wanderten nach oben.
”Huh”, sagte sie, während Eren sich daran machte, Schnee in das Loch zu schaufeln. Er hasste diese Arbeit, aber er wusste, dass er in diesem Fall wahrscheinlich nicht darum herum kommen würde. Wer wusste schon, wie viele Lebendfallen er in seiner Zeit hier noch sehen würde und ehrlich gesagt wollte er nicht einfach daneben stehen wie ein zu Tode erschrockenes Kaninchen und zusehen, wie Levi und Hanji die ganze Arbeit machten.
Er hatte sich innerhalb eines Wimpernschlages komplett beruhigt, was ihn selbst verwunderte. Hier war einer der Tiger gewesen. Hier waren Wilderer gewesen. Vielleicht waren sie auch noch immer in der Nähe. Aber sein Herz schlug ruhig und kräftig in seiner Brust, während er Schaufel um Schaufel in das Loch kippte. Er wusste, dass es ewig dauern würde, bis er die Falle mit Schnee gefüllt hatte, aber es störte ihn nicht.
Er wollte nicht, dass Levi und Hanji den Eindruck hatten, er würde sich vor Arbeit drücken, nur, weil er gerade nicht wusste, wo ihm der Kopf stand.
”Normalerweise macht er das immer selbst”, sagte Hanji nach einigen Minuten, die sie schweigend verbracht hatten. Sie lächelte. ”Eigentlich mag er es nicht, wenn das jemand anderes macht. Ist wohl etwas persönliches.” Sie beäugte Eren und ließ sich schließlich, mit dem Gewehr im Anschlag, auf ihrer Tasche fallen.
Sie zwinkerte ihm zu.
”Scheint so, als würde er dir langsam, aber sicher anfangen zu vertrauen.”



Wie gesagt, es ist nicht mein Lieblingskapitel. Irgendetwas stört mich daran. Aber eigentlich ist es schon okay. Viel Ereri gab es leider nicht, aber dafür Erens ersten "richtigen" Ausflug nach draußen. Da werden noch einige folgen.
Im nächsten Kapitel kriegt Eren es mit der lieben Eifersucht zu tun. Und er bekommt einen überraschenden, sehr verwirrenden Anblick xD.
Na ja, ich hoffe, es hat euch gefallen und ja, bis zum nächsten Mal hoffentlich.

Liebe Grüße,
Ana
Review schreiben