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Story 1: Dr. Jonas und der Schäfer auf dem Mond

von ifski
KurzgeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12 / Gen
14.05.2020
16.05.2020
5
7.584
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14.05.2020 1.789
 
Dr. Jonas schob die randlose Brille zu Recht. Durch den Spalt zwischen Mundschutz und Nase drang feuchte Atemluft und beschlug das Glas. In abgewetzten Jeans und einem ausgeblichenen Hawaiihemd lag er auf dem Boden und schaute auf ein unscheinbares Objekt. Eine schmutzig graue Ecke ragte aus der lehmigen Erde.
Vorsichtig befreite er mit Pinsel und Schaber das Artefakt aus dem Boden. Schweiß lief ihm über die Stirn, als er endlich den flachen Gegenstand in der Hand hielt. Mit einem alkoholgetränkten Wattestäbchen rieb er über die zerkratzte Oberfläche. Ein schwarzes Display kam zum Vorschein und reflektierte die Strahlen der Mittagssonne.
Er winkte einem Stundenten zu. Der junge Mann positionierte den Sonnenschutz neu und hockte sich neben Dr. Jonas. Gebannt starrte er auf den Fund.
»Was ist es?«, flüsterte der Student.
Der Archäologe schüttelte den Kopf. »Schwer zu sagen.« Der Mundschutz dämpfte die Stimme. »Display aus Saphirglas, die Hülle ist stark korrodiert. Vermutlich ein Produkt aus der iPhone Reihe. Sieht nach der 15`er oder 16`er Serie aus.«
»Woran können Sie das erkennen?«
Dr. Jonas strich über den Rand des Objektes. »Hier sehen Sie. Krümmung und Dicke des Displays. Eindeutig nach 2030 hergestellt. Vermutlich ein oder zwei Jahre vor dem Blitz.«
»Enthält es noch Daten?«, fragte der Student.
»Unwahrscheinlich, bestenfalls Fragmente. In dieser ungeschützten Umgebung wurden alle gespeicherten Informationen sofort gelöscht. Die Zeit im Boden tat ihr übriges.«
Dr. Jonas stand auf und wischte sich die Hände an der staubigen Hose ab. Unter dem Mundschutz kam das Gesicht eines Mittdreißigers zum Vorschein.
»Bring es ins Labor. Vielleicht können wir doch noch einige der Daten rekonstruieren.«
Der Student nickte eifrig und nahm das Artefakt vorsichtig in beide Hände.
Dr. Jonas ließ die Schultern kreisen und lockerte die Arme, er nahm die Brille ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Irgendwann werde ich zu alt für sowas.«
Er stand inmitten eines in Quadrate aufgeteilten Areals. Holzbohlen dienten als Verbindungswege zu den Zelten und Unterständen am Rand der Ausgrabungsstätte. In einigen der abgesteckten Zonen war die Erde bereits abgetragen worden. Wenige Zentimeter unter dem Gras lagen die Überreste einer asphaltierten Fläche. Der ehemals schwarze Belag war rissig und abgestumpft. Nichts wies mehr daraufhin, dass einst Zehntausende von Fahrzeugen pro Tag über ihn hinweg gerollt sind.
Im noch unberührten Teil des Areals ragten die Überreste ausgeblichener Betonpfeiler aus dem Boden. Eine Gruppe Studenten scannte das verrostete Gehäuse einer umgekippten Ladesäule.
Dr. Jonas ging auf eines der Zelte zu. Die hochgerollten Wände verwandelten es in einen offenen Pavillon. Der Boden war mit Holzplatten bedeckt. Regale mit sauber aufgereihten Fundstücken sowie technische Geräte standen am Rand der Fläche und gruppierten sich um den Tisch in der Mitte des improvisierten Labors.
Ein hochgewachsener Mann von circa sechzig Jahren stand im Schatten und beugte sich über den Tisch. Forschend betrachtete er die vor ihm ausgebreitete Displayfolie. Während er mit einer Hand dem Verlauf der abgebildeten Linien folgte, tupfte er sich mit der anderen den Schweiß von der Glatze.
Das Bild auf der Folie zeigte die Ausgrabungsstätte. Dreidimensionale Bodenscans überlagerten die Luftbilder. Unter der dünnen Erddecke zeichneten sich die Überreste einer Straße und mehrerer Fundamente ab.
Dr. Jonas ließ sich in einen der herumstehenden Campingstühle fallen. »Albert,« sprach er den Wissenschaftler an. »Was sagen die Tiefenscans?«
Der Mann sah auf und hob eine Augenbraue. »Solange du auf meiner Ausgrabung herumtreibst, bitte Professor Argo.«
Der junge Archäologe zwinkerte ihm zu. »Kein Problem, Herr Professor.«

»Ja, schon gut.« In Gedanken versunken wandte sich der Professor ab und schlurfte zu einer kastenförmigen Maschine, drückte eine Reihe von Knöpfen und versetzte dem Gerät einen leichten Klaps auf die Seite. Die Ansicht auf der Folie aktualisierte sich.
»Und Herr Professor, wenn Sie schon dabei sind, könnten Sie mir bitte was zu trinken mitbringen?«
»Übertreib’s nicht, Henry«, antwortete der Professor. Mit einem hörbaren Murren öffnete der er die Box, die neben der Maschine stand und nahm eine der Glasflaschen heraus. Er schlurfte zurück und warf sie Dr. Jonas zu. Sein Blick haftete erneut auf dem Display.
»Kellerstrukturen, vermutlich unterirdische Tanks«, murmelte er. »Henry«, wandte sich der Professor an den Archäologen. »Die Scans decken sich mit den Angaben deines Kartenfragments.«
Er wischte über die Folie und die Ansicht wechselte zum digitalisierten Abbild eines alten Stück Papiers.
»ische Snacks, Autowaschanl ...«, las er die nur bruchstückhaft erhaltenen Wörter vor. Neben den Buchstaben zeigte das Fragment eine stark vereinfachte Karte. »Raststätte Lünebu ...«
Henry nahm einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche und nickte.
»Es sieht aus als hätten wir eine Versorgungsstation des früheren Verkehrssystems gefunden. Die Fundobjekte stammen eindeutig aus der Zeit vor dem Blitz.« Professor Argo zoomte aus der Ansicht heraus und verglich das zerknitterte Bild mit den Scans der Umgebung. »Der Lage der Artefakte nach, müssen die Bewohner den Ort fluchtartig verlassen haben.«
Dr. Jonas schmunzelte über die Worte des Professors. »Niemand hat hier je gewohnt.« Sein Gesicht wurde wieder ernst. »Nach dem Blitz waren sie Gestrandete. Sie wollten einfach nur nach Hause.«
Der Professor nickte. »Das Leben blieb stehen, die Geschichte fror ein. Auch nach über einhundert Jahren ist noch immer alles da, wo sie es fallengelassen haben. Ein Glücksfall für die Wissenschaft.«
Henry zog die Stirn in Falten. »Dann vergiss bitte nicht, diesen Menschen zu danken, wenn du mit der Analyse fertig bist. Es könnten deine Urgroßeltern gewesen sein.«
Der Professor sah auf. »Möglich. Mein Großvater war während des Blitzes noch ein Kind. Er hat nie darüber gesprochen. Aber soweit ich mich erinnern kann, hat er es nie fertiggebracht Essen wegzuwerfen. Er meinte einmal zu mir …«
Das Ende des Satzes ging im Dröhnen von Triebwerken unter. Ein Schatten legte sich über das Zelt. Henry sprang auf und lief hinaus, er brüllte gegen den Lärm an und forderte die überraschten Studenten auf, die Funde zu bedecken. Hastig zogen sie flatternde Planen über die freigelegten Quadranten.
Mit aufheulenden Maschinen setzte ein Hubschrauber direkt neben den Zelten der Ausgrabung auf.
Der Archäologe wischte sich den aufgewirbelten Staub aus dem Gesicht. Wütend stapfte er auf den Gleiter zu. Durch die transparente Hülle schaute ihn ein Mann mit kurzgeschorenen Haaren in einem dunkelblauen Anzug entgegen. Die Tür des Cockpits glitt zur Seite.
»Dr. Jonas!«, rief der Mann, ohne auf die Beschwerden des Archäologen zu reagieren. »Ich habe ein Angebot für Sie.«
Henry sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, direkt neben einer Ausgrabung zu landen.«
»Sie werden es Ihrem zukünftigen Sponsor sicher verzeihen können.« Ein selbstgefälliges Lächeln lag im Gesicht des Piloten. Er stieg aus. »Hören Sie mich erst einmal an.«
»Ist es ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann?«
Der Mann im Anzug lachte. »Wo immer sie den Spruch herhaben, er ist gut. Aber ja, Sie können es nicht ablehnen.«
Henry ging zum Zelt zurück. Er nahm seine Wasserflasche und prostete dem Neuankömmling zu. Professor Argo warf dem Anzugträger einen misstrauischen Blick zu, wandte sich ab und wischte den Staub von der Displayfolie.
»Also dann, was wollen Sie?«
Der Pilot trat einen Schritt zur Seite und zeigte auf den zweiten Sitz im Hubschrauber. »Mein Vorgesetzter wünscht Sie alleine zu sprechen.«
»Es lohnt sich«, fügte er hinzu, als der Archäologe zögerte.
Henry stieß sich von der Tischkante ab und ging auf das Flugzeug zu. »Okay, bevor Sie mir noch einen Pferdekopf ins Bett legen.«
Der Mann hob eine Augenbraue. »Wie meinen Sie das?«
»Vergessen Sie’s, Archäologenhumor.«
Henry stieg ein und schnallte sich an. Die Motoren fuhren hoch. Hastig drückten die Studenten wieder die Planen zu Boden. Langsam hob der Hubschrauber ab, kippte nach vorne und beschleunigte.
Henry schaute hinab. Die Ausgrabung wurde zu einem weißen Fleck in der grünen Landschaft. Die seit mehr als einhundert Jahren unbenutzte Straße zeichnete sich als ein schmaler Streifen Büsche und geduckter Bäume in dem sie umgebenden Wald ab.
Nicht weit entfernt stiegen Rauchsäulen aus den Schornsteinen eines kleines Dorfes auf. Um die Ruinen einer mittelalterlichen Kirche drängten sich niedrige Häuser mit moosbewachsenen Dächern.
Der Pilot zeigte auf die primitive Siedlung unweit der Ausgrabung. »Haben Sie hier draußen gar keine Angst vor diesen Wilden?«, fragte er. »Die klauen doch, was sie finden können.«
»Glauben sie nicht alles, was in den Schlagzeilen steht. Wir lassen sie in Ruhe und sie uns. Manchmal handeln wir miteinander.«
Sein Gesprächspartner stieß verächtlich die Luft zwischen den Zähnen aus. »Als wenn diese Leute irgendetwas von Wert hätten. Man sollte sie endlich wieder zivilisieren.«
Henry seufzte. »Damit sie dann in den Slums der Schutzzone dahinvegetieren? Zivilisation ist mehr als das, was sie dafür halten.« Er wollte gerade einen weiteren Kommentar hinzufügen, als es in seinem Ohr knackte.
»Hallo Dr. Jonas«, kam eine Stimme mit englischem Akzent aus dem Kopfhörer.
Henry nickte, obwohl er den Gesprächspartner nicht sehen konnte. »Wer sind Sie und was wollen Sie?«
Ein künstliches klingendes Lachen kam aus dem Lautsprecher. »Sie sind ein schlechter Geschäftsmann, ich hatte mich auf etwas Small Talk gefreut. Aber wenn Sie es abkürzen wollen. Mein Name ist Jack Housten von der USGA und wir haben einen Auftrag für Sie.«
»Tut mir leid, aber ich bin bereits in ein anderes Projekt involviert«, antwortete Henry knapp.
Ein erneutes Lachen. »Ach Sie meinen Ihre kleine Ausgrabung. Ich bin der Meinung, ein talentierter Mann wie Sie, sollte sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen.«
»Und die wären?«
»Geschichte besteht aus den Taten großer Männer!«
»Und die Archäologie versucht herauszufinden, auf wessen Schultern sie standen«, ergänzte Henry den Satz.
Diesmal klang das Lachen sogar echt. »Weise Worte für jemanden, der sein Geld mit Datendiebstahl verdient. Wir wissen doch beide, dass Archäologen heutzutage nichts weiter sind als Leichenfledderer am Copyright der Toten. Jeder alte Song, jeder verschollene Film, alles wird zu Geld gemacht.«
Dr. Jonas nickte unwillkürlich. »In einem Punkt haben Sie recht, jeder wiederentdeckte Datensatz, zahlt meine Rechnungen. Und der Menschheit bringt er etwas ihrer Kultur zurück.«
»Sie sind genauso, wie ich mir Sie vorgestellt habe. Ein unverbesserlicher Idealist. Aber leider doch einer der besten auf Ihrem Gebiet.«
»Wenn ich Ihre Erwartungen erfülle, könnten Sie mir endlich verraten, worum es geht.«
Für einen Moment herrschte Stille in der Verbindung. »Fliegen sie zum Mond«, setzte Mr. Houstens Stimme wieder ein.
Diesmal lachte Henry. »Nein«, antwortete er knapp. »Ich glaube, Sie haben mich doch falsch eingeschätzt.«
Er hörte, wie sein Gesprächspartner tief Luft holte.
»Sie haben die Überreste von Mos Eisley im tunesischen Sperrgebiet gefunden. Ihnen gelang die Wiederherstellung von Scott Pilgrim vs. the World. Sie waren es, der das verschollene Archiv der Nintendo Corporation entdeckte. Wir brauchen jemanden mit Ihren Fähigkeiten!«
»Mag sein, aber ich bin weder Astronaut noch Weltraumtourist.«
»Nein. Sie sind ein Archäologe, der tut, was getan werden muss. Dieser Hubschrauber fliegt Sie direkt nach Hause, Sie finden unser Angebot in Ihrem Postfach.«
Es klickte und das Gespräch war beendet. Der Pilot beschleunigte und legte das Flugzeug in eine enge Kurve. Er nahm Kurs auf die Schutzzone von Neu-Hamburg.
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