Wenn dein Buch lebendig wird

von Skylostar
GeschichteAllgemein / P12
14.05.2020
24.05.2020
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23.05.2020 3.287
 
„Du wirst von niemandem geliebt. Niemand kann dich leiden. Deine Familie hat es nie verkraftet, dass du jetzt ein Vampir bist. Sie werden froh sein, wenn Kunalia dich tötet."
„Du lügst", entgegnete ich. „Meine Familie würde um mich trauern und sie kommen damit klar, dass ich kein Mensch mehr bin." Herr Voll zog sich aus meinem Kopf zurück und warf mir einen anerkennenden Blick zu. „Sehr schön, Christina. Du weißt, wie du dich zu wehren hast."
„Kein Wunder", lächelte ich. „Die Trihâns existieren ja nur wegen mir."
„In der Tat. Gehen sie so vor? Ich war nicht sicher, ob eine Trihân ihr Opfer damit angreifen würde."
„Es hat gepasst", beruhigte ich ihn. „Eine der Trihâns heißt tatsächlich Lüge. Insofern hat alles gestimmt."
Nun legte sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Dann bin ich ja beruhigt, Christina. Gut, tauschen wir jetzt die Rollen?"
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht", meinte ich und ließ die Arme locker neben meinem Körper hängen.
„Warum sollte es?", wollte Herr Voll von mir wissen.
Ein Lachen drang aus meiner Kehle.
„Sie lassen zu, dass ich Ihre Schwächen herausfinde und Ihre Ängste erfahre. Finden Sie das nicht irgendwie beängstigend?", hakte ich nach.
„Jetzt schon", entgegnete er, doch sein Ton raubte seiner Aussage die Ernsthaftigkeit.
„Dann halten Sie sich bereit", sprach ich und schloss die Augen.
„Von mir aus kann es losgehen", erklang seine Stimme. Alles klar.
Welche Trihân sollte ich jetzt übernehmen? Lüge? Nein. Die hatten wir eben erst gehabt? Tod? Zu heftig. Versuchung? Könnte interessant werden.
„Nein", sagte ich mir. „Das wirst du nicht tun! Damit würdest du zu weit gehen. Möchtest du das etwa?!"
Selbstverständlich nicht. Wobei ...
„Nein!", ermahnte ich mich. „Lass das! Es gehört sich nicht und ist nicht richtig!" Na schön.
„Mir ist noch nie jemand begegnet, der so schöne Augen hat", begann ich den geistigen Kampf.
„Manche finden braune Augen schön, andere blaue, andere grüne und wieder andere bevorzugen lila Augen", konterte Herr Volls Stimme in meinem Kopf.
„Dann sind diese Personen dumm. Wer könnte denn die Schönheit dieser dunkelbraunen Augen leugnen? Hm? Diese Tiefe. Dieser Glanz. Darin könnte ich versinken, wenn du mich lässt", fuhr ich fort.
Als Mensch wäre ich jetzt rot geworden. Dessen war ich mir absolut sicher.
„Das werde ich dich ganz bestimmt nicht. Braune Augen hat so gut wieder Mensch. Sie sind nichts Besonderes", erwiderte er.
„Oh, was hast du denn nur? Hättest du gerne eine andere Augenfarbe? Dafür kann ich nicht sorgen, aber ich wette, dass niemand so glänzendes Haar hat wie du."
„Meine Haare werden ihren Glanz verlieren. Außerdem kenne ich eine Frau, deren Haar viel schöner ist. Warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe?"
„Das werde ich, Schätzchen. Du hast mein Wort. Zunächst jedoch musst du mir versprechen, dass du dich nicht mehr so schlecht siehst. Wäre das ein Angebot?"
„Das Angebot macht Sinn und hört sich nicht schlecht an. Dennoch werde ich es ablehnen. Überheblichkeit schadet nur. Wenn ich nur noch auf mich achte, verliere ich dadurch die anderen Menschen aus den Augen."
„Das macht doch nichts. Die Menschen sind so gestrickt. Da fällt es nicht weiter auf, wenn du dich genauso verhältst. Deswegen brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ein bisschen Egoismus hat noch nie geschadet, findest du nicht?"
Warum war mir ausgerechnet diese Trihân eingefallen? Hätte ich es doch bei Tod belassen.
„Egoismus hilft, das stimmt. Allerdings verdirbt zu viel davon den Charakter und ich würde gerne meinen Charakter beibehalten. Zudem gehöre ich nicht mehr zu den Menschen. Als Vampir empfinde ich es als meine Pflicht, den Menschen zu helfen. Wie soll ich dazu kommen, wenn ich immer nur an mich denke?"
Schnell verließ ich seinen Kopf.
„Nicht schlecht", kommentierte ich. „Genau genommen, dürfte das ausreichen, um die Trihân zu vertreiben."
„Danke, Christina. Du kannst dich echt gut in eine von ihnen hineinversetzen", bemerkte er.
„Dankeschön", entgegnete ich.
„Keine Ursache, Christina. Hast du Hunger?"
Just in diesem Moment spürte ich das wohlbekannte Brennen in meinem Hals. Also nickte ich.
„Dann wollen wir mal jagen, nicht wahr?"
Wieder musste ich lachen und stand auf.
„Haben Sie das schon einmal getan?", forschte ich nach, während wir das Haus verließen.
„Nein und du?"
„Einmal. Direkt nach meiner Verwandlung. In der Nähe von Turhân gibt es einen Wald und dort habe ich ein Reh erlegt."
Herr Voll nickte. „Alles klar. Dann folge ich deiner Anleitung."
„Das wird nicht nötig sein. Sobald Sie ein Tier gerochen haben, werden sich Ihre Instinkte durchsetzen. Sie werden wissen, was zu tun ist."
„Na, dann."
Der Wald lag vor uns. Sofort lauschte ich auf Anzeichen von Tiergeräuschen. Da. Leise Schritte. Meine Nase meldete mir, dass es sich bei dem Tier um einen Hirsch handelte.
„Ok. Haben Sie eines gefunden?", erkundigte ich mich bei ihm.
„Eine Raubkatze und du?"
„Einen Hirsch. Wir treffen uns dann wieder hier, in Ordnung?"
„Zu Befehl, Madam", sprach Herr Voll und salutierte. Ernsthaft?
Dann rannte er auch schon los und ich setzte mich ebenfalls in Bewegung. Meine Nase leitete mich. Wenig später gelangte ich zu einer Lichtung und hielt an. Der Hirsch graste ganz gemütlich. Kein anderes Tier in der Nähe. Sehr gut. Beutekonkurrenz konnte ich nicht ausstehen. Leise näherte ich mich dem Hirsch und dann sprang ich auf seinen Rücken. Das Tier schüttelte sich, bäumte sich auf, doch ich klammerte mich fest. Schnell schlug ich meine Zähne in seinen Hals und trank. Der Hirsch zitterte und versuchte sich zu befreien. Vergebens. Schluck für Schluck trank ich, bis nichts mehr kam. Das tat gut.
Mit meiner rechten Hand wischte ich mir den Mund ab und machte mich auf den Rückweg zum Haus. Schritte. Eine Stimme in meinem Kopf wurde lauter. Sofort rannte ich los. Immer schneller flogen meine Füße über den Boden.
"Christina, wo rennst du denn hin? Bleib doch stehen. Du weißt, dass ich dir nichts tun werde."
Die Stimme kannte ich. Also drosselte ich mein Tempo, bis ich schließlich anhielt. Herr Voll trat neben mich.
„Was sollte das denn?", wollte er von mir wissen.
„Tut mir leid", entschuldigte ich mich. „Ihre Stimme konnte ich erst nicht identifizieren und dann bin ich einfach weggerannt."
„Kein Problem", meinte er und legte eine Hand auf meine Schulter. „Es hat mich nur überrascht, dass du vor mir geflohen bist."
„Verständlich", lächelte ich.
Gemeinsam gingen wir die restlichen Meter zurück zum Haus.
„Morgen findet das Duell statt", hauchte ich.
„Bist du bereit dafür?", hakte er nach und ich hörte ganz deutlich die Sorge aus seinem Unterton heraus.
„Keine Ahnung", erwiderte ich ehrlich. „Sie kann nichts vor mir verbergen, da ich sie erschaffen habe. Trotzdem bin ich mir nicht sicher. Was, wenn sie mehr über mich weiß, als ich dachte? Was dann? Außerdem ... Irgendwie frage ich mich, ob ich sie vernichten könnte. Sterben kann sie nicht, da ich noch lebe, aber das Duell muss ja ein Ende finden."
Herr Voll nickte und öffnete die Haustür.
„Du hast recht, Christina. Mach dir keine Sorgen. Du wirst das Kind schon schaukeln. Wir können nachher gerne noch eine Trainingsrunde einlegen, wenn du das möchtest."
Klang doch nicht schlecht. „Dagegen habe ich nichts. Wenn ich doch nur eine Waffe hätte ... Dann müssten wir nicht nur unseren Körper benutzen."
„Die wichtigste Waffe ist das Herz", erklärte Herr Voll.
„Das war ja zitiert", erkannte ich und hob den Kopf.
Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. „Ja, was dagegen?"
„Natürlich nicht", meinte ich und setzte mich auf den linken Stuhl im Wohnzimmer.
„Fällt dir ein Zitat ein?", erkundigte Herr Voll sich bei mir, nachdem er neben mir Platz genommen hatte.
Mal überlegen.
„Niemand wird mich jemals so lieben können wie du", sprach ich dann.
„Wie kannst du dir so sicher sein?", setzte er das Zitat fort.
„Du bist der Einzige, der versteht, wie ich mich fühle. Der Einzige, der weiß, was in meinem Kopf vor sich geht", führte ich das Zitat weiter.
Herr Voll nickte und sein Blick ruhte auf meinen Augen.
„Was ist denn?", erkundigte ich mich flüsternd und wandte meinen Kopf zu seinem.
Er schüttelte den Kopf. „Nichts, Christina. Entschuldige, bitte."
Seine Gedanken verrieten mir, dass dies überhaupt nicht der Fall war.
„Sie wissen, dass Ihre Gedanken lese, oder?", forschte ich nach und legte die Hände auf meinen Schoß.
„Manchmal vergesse ich es", raunte er. „Es fällt mir schwer, meine Gedanken immer zu kontrollieren. Das kostet Kraft."
„Warum sprechen Sie Ihre Gedanken dann nicht einfach aus?", hakte ich nach.
Er war so nah. Verdammt. Ich musste mich beherrschen. Es war nicht erlaubt. In zwei Jahren schon, aber momentan nicht. Ein Seufzer entwich ihm.
„Damit könnte ich dich verletzen und das will ich nicht", entgegnete er und in der nächsten Sekunde lagen meine Lippen auf seinen.
Kaum hatte ich bemerkt, dass ich einen Fehler begangen hatte, unterbrach ich den Kuss.
„Es ...", setzte ich an, kam jedoch nicht weiter.
Denn nun küsste er mich. Seine Arme hielten meine fest. Der Kuss schien endlos zu dauern.
„Ich liebe dich", wisperte ich, als seine Lippen meine freigaben.
„Ich liebe dich", antwortete er.
Mir wurde schwindelig und ich hätte schwören können, dass mein Herz flattern würde, wenn es noch schlagen würde. Jedoch fiel mir dann wieder die eine Sache ein.
„Wir dürfen nicht", erklärte ich. „Es ist verboten. Tut mir leid, das war ein Fehler. Keine Ahnung, was mich da gepackt hat. Es wird nie wieder vorkommen."
Tränen traten in meine Augen und ich wischte sie hastig weg. Er sollte sie nicht sehen. Leichter gesagt als getan.
„Christina, schon in Ordnung", beruhigte er mich. „Hast du mich nicht verstanden? Ich liebe dich und das meine ich so. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Wirklich. Es ist okay."
Erleichterung überkam mich. „Wir dürfen es trotzdem nicht. Zumindest nicht, bis ich achtzehn bin."
„Das dauert noch zwei Jahre, oder?"
Es wunderte mich nicht, dass er darüber Bescheid wusste.
„Richtig", bestätigte ich.
„Durch den Krieg wird sich sowieso vieles ändern und ich kann mir nicht vorstellen, dass uns irgendjemand anzeigen wird. Sollen wir es nicht versuchen?" In seinen Augen lag keinerlei Belustigung und seine Stimme hatte sich auch nicht so angehört, als würde er einen Scherz machen.
Konnte ich das denn? Mein ganzes Leben lang hatte ich mich an die Gesetze gehalten und jetzt würde ich eines übertreten. Missachten. Allerdings ergaben seine Worte Sinn. Im Krieg würde sich wohl kaum jemand darum kümmern, dass ein Lehrer und ein Schüler eine Beziehung hatten. Wenn wir uns in der Öffentlichkeit nicht zu auffällig verhielten, sollte es zu schaffen sein. Andere Menschen konnten ihn für meinen Vater halten, obwohl wir uns nicht wirklich ähnlich sahen. Das musste jedoch auch nicht sein.
Die Frage, die blieb, war also, ob ich dazu bereit war. Würde ich imstande sein, etwas Illegales zu tun? Mein Herz war sofort bei Ja, doch mein Verstand grübelte noch. Verdammt! Da hatte ich mir so sehr gewünscht, dass er meine Gefühle erwidern würde und dann, als ich es herausfand, musste ich feststellen, dass ich vielleicht zu dieser Beziehung gar nicht fähig war. So etwas konnte auch nur mir passieren.
„Christina?" Seine Stimme brachte mich zurück in die Gegenwart.
Aus seinen Gedanken entnahm ich, dass er es wagen würde. Wegen seiner Liebe zu mir. Mein Entschluss stand fest.
„Wir sollten es probieren", nickte ich und fühlte förmlich, wie er sich entspannte. „Allerdings müssen wir vorsichtig sein, was die Öffentlichkeit angeht."
„Das werden wir", versprach er mir und gab mir einen langen Kuss.
„Das Training", brachte ich zwischen zwei Küssen hervor.
„Gleich", meinte er nur.
„Peter Voll, ich würde jetzt gerne das Training fortfahren", entgegnete ich.
Er unterbrach den Kuss. „Woher kennst du meinen Vornamen?", wollte er wissen.
„Ich höre zu", lautete meine Antwort.
Er zog die Augenbrauen hoch, doch er ging nicht weiter darauf ein. „Fein, Christina. Dann setzen wir das Training fort", gab er nach, woraufhin ich ihm ein echtes Lächeln schenkte.
„Dankeschön. Jetzt wieder körperlich, oder ..."
Ein Klopfen an der Haustür. Blitzschnell stand ich an der Tür und öffnete sie. Kunalia stand dort.
„Hallo, Christina", begrüßte sie mich.
„Kunalia", erwiderte ich den Gruß. „Was gibt es?"
„Du wirst morgen gegen mich antreten. Nur, damit du es nicht vergisst", teilte die Elfe mir mit.
„Alles klar", nickte ich. „Wo findet das Duell statt?"
„Folge der Lautstärke meiner Gedanken. Keine Sorge, ich werde schon einen abgeschiedenen Platz für uns finden."
Ein hämisches Grinsen stahl sich über Kunalias Lippen. So leicht ließ ich mich nicht von ihr provozieren.
„Verstanden, Kunalia. War es das?", erkundigte ich mich, der Höflichkeit willen.
„Das Bett ist noch ganz, oder?", säuselte die Elfe zuckersüß.
„Selbstverständlich", bestätigte ich und benutzte den gleichen Tonfall wie sie.
„Schön. Mehr wollte ich dir nicht sagen. Bis morgen", verabschiedete Kunalia sich.
„Bis dann", hauchte ich und schloss die Tür.
„War das die Elfe?", erkundigte Peter sich, als ich zurück ins Wohnzimmer kam.
„Jap. Sie hat mir mitgeteilt, dass wir uns morgen ein kleines Duell liefern werden. Das habe ich jedoch nicht vergessen", berichtete ich und stellte mich neben die Tür.
„Welch eine Überraschung! Wollte sie noch irgendetwas?"
„Herausfinden, ob wir das Bett kaputt gemacht haben", grinste ich.
„Das haben wir nicht. Gut. Dann steht dem Training ja nichts mehr im Wege, oder?"
„Allerdings, Peter", bestätigte ich und kam näher.
„Machen wir mit dem Geist weiter oder gehen wir jetzt wieder zum Körper über?", wollte er wissen.
„Hm, das ist mir eigentlich egal. Entscheide du."
Er schüttelte den Kopf, doch dann machte er einen Zug, den ich geschickt parierte.
„Deine Gedanken", erinnerte ich ihn.
Peter nickte nur und probierte einen weiteren Schlag, dem ich auswich. So ging es eine Zeit lang hin und her. Zum Glück standen im Wohnzimmer nicht wirklich viele Gegenstände, so dass uns genügend Platz zur Verfügung stand. Peter war in der Offensive, doch er wollte bald in die Defensive wechseln. Da konnte er lange warten. Nach dem gestrigen Kampf wusste ich, dass er gewinnen würde, sobald ich in die Offensive ging. Also würde ich in der Defensive bleiben. Mittlerweile umkreisen wir uns. Die Hände zu Fäusten geballt. Die Blicke fest auf den Gegner gerichtet.
„Wir bräuchten einen Silberpflock", bemerkte Peter nach einer Weile. „Dann können wir den Umgang damit üben. Immerhin sterben Vampire auch dadurch."
Das entsprach der Wahrheit. „Wie sollen wir denn einen bekommen?", forschte ich nach, während ich den Abstand zwischen uns wahrte.
„Wenn wir dafür beten", schlug er vor.
Wow!
„Mir war gar nicht aufgefallen, dass du dich bekehrt hast", meinte ich.
„Tja, dann weißt du ja jetzt Bescheid", grinste er und in diesem Moment änderten sich seine Gedanken.
Pfeilschnell sprang ich zurück und stand kurz darauf hinter ihm.
„Worauf wartest du?", hakte er nach, als er sich wieder zu mir drehte.
„Ein Mensch würde schwächer werden und dann würde ich ihm kurzen Prozess machen", lautete meine Erklärung.
„Tja, nur sind wir beide keine Menschen mehr", gab er zu bedenken.
„In der Tat", sprach ich und meine Faust traf seinen Magen.
Durch den Schmerz reagierte er langsamer und ich setzte nach. Meine Füße erreichten ihr Ziel und er fiel mit dem Rücken voraus auf den Boden.
„Nicht fair", beschwerte er sich, als er wieder aufstand.
Als Antwort streckte ich ihm nur die Zunge raus. Seine Hände packten meine Handgelenke und ich wehrte mich nicht. Abgesehen davon, dass ich es nicht wollte, entnahm ich seinen Gedanken, dass er aufgab. Da landete ich auch schon auf dem Boden.
„Gut gemacht", gratulierte ich ihm. „Du hast deine Gedanken getarnt. Sehr gut. Das musst du dir unbedingt einprägen."
„Dann werde ich das tun", versprach er mir und hielt mir die Hand hin, damit ich auf die Füße kommen konnte.
Lächelnd zog ich mich hoch und umarmte ihn dann. „Das mit der Waffe bekommen wir geregelt", versicherte ich ihm.
„Das war es wohl mit meiner Gedankentarnung", lächelte er. „Wie glaubst du, wirst du Kunalia besiegen? Reicht es, wenn du ihr den Zauberstab abnimmst?"
„Ihr steht noch Dalora zur Verfügung. Jedoch kann sie mit der Sprache nicht so viel bewerkstelligen wie mit ihrer Magie", erklärte ich.
„Denkst du, dass Kunalia dich töten könnte?", wollte Peter auf einmal von mir wissen und ließ mich los.
„Ich habe es in Erwägung gezogen", gab ich zu. „Nur ein Narr würde denken, dass die Elfe nicht das Zeug dazu hätte."
„Von der Magie her ist sie mächtig genug, das stimmt", wisperte Peter. „Du lässt das nicht zu, oder?"
Als ich ihm nicht gleich eine Antwort gab, nahm er meine Hände und schaute mir direkt in die Augen. „Christina, versprichst du mir, dass du es verhindern wirst, wenn du es kannst! Bitte, du musst es mir versprechen."
Ein Seufzer entwich mir. „Es wäre nicht gerecht, wenn ich mein Leben so leicht aufgeben würde. Außerdem brauchen die Menschen mich, wenn sie ..."
Bumm.
„Hast du das gehört?", erkundigte ich mich sofort.
Peter nickte und gemeinsam verließen wir das Haus. An der frischen Luft erklang das Geräusch wieder. Ein Donnern. Ein dumpfer Aufprall.
„Was ist los?", raunte Peter und ich verstand, was er meinte.
Rasch sammelte ich mich und lauschte den Gedanken, die ich empfing.
„Die restlichen zwanzig Länder sind Kosan zur Hilfe geeilt", teilte ich ihm mit.
Wieder das Geräusch. Wo kämpften sie? Welches Land lag in der Nähe von Shêl? Nérien. Die beiden Staaten trennten doch gute zwanzig Kilometer. Wie gut funktionierten unsere Ohren als Vampire?
„Das wird Kunalia wohl kaum auf sich sitzen lassen, oder?", forschte Peter bei mir nach.
„Richtig. Wie genau ihr Gegenschlag aussehen wird, hängt vom Ausgang des Duells ab."
Peter legte einen Arm um meine Schulter. „Du wirst kämpfen und Kunalia wird verlieren. Das weiß ich", prophezeite er mir.
„Sicher?", neckte ich ihn.
„Absolut sicher, Christina. Du kennst Kunalia besser als die Elfe ahnt. Außerdem haben wir gemeinsam geübt. Setze deine Stärken sorgfältig und mit Bedacht ein, dann kannst du gar nicht anders, als zu gewinnen."
Das stimmte. Wenn ich genauso verfahren würde, hätte Kunalia keine Chance. Dennoch nagten Zweifel an mir. Es würde nicht so einfach ablaufen. Nicht in diesem Duell. Nicht, wenn mein Gegner den Namen Kunalia trug. Wie weit würde sie gehen, um mich zu vernichten? So weit wie es nötig war, doch wie weit war das?
„Wirst du dabei sein?", hakte ich nach und drehte mich um, so dass ich in sein Gesicht sehen konnte.
„Möchtest du das?"
„Ja, das würde mir Trost schenken."
„Schätze, damit ist deine Frage geklärt", erwiderte er.
„Allerdings", bestätigte ich. „Sie wird dir nichts tun. Dafür sorge ich. Wozu habe ich den Schutzschild?"
„Stimmt genau, Christina. Deswegen mache ich mir auch keine Sorgen. Eher darum, dass sie dich irgendwie überlistet und du mich dann verlässt." „
Tja, ich kann nicht versprechen, dass ich das nicht werde", entgegnete ich ehrlich. „Du hast mein Wort, dass ich alles tun werde, um dies zu verhindern. Ehrlich."
Erleichterung überkam ihn und er zog mich an sich. Unsere Lippen trafen sich und ich verdrängte alle Gedanken an den Kampf gegen Kunalia morgen. Bis dahin stand uns noch etwas Zeit zur Verfügung und ich würde sie nutzen.