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Denn Erstens kommt es anders...

von Erzsebet
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Kai Hoffmann OC (Own Character) Pfleger Kristopher "Kris" Haas Prof. Dr. Maria Weber
14.05.2020
25.08.2022
13
28.837
9
Alle Kapitel
33 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
14.05.2020 2.831
 
Einen wunderschönen guten Tag!
Ich möchte euch nun das erste Kapitel meiner Fortsetzung zu "Wenn alles immer einfach wäre..." nicht länger vorenthalten.
Daher freue ich mich sehr euch alle wieder begrüßen und auch neue Leser willkommen heißen zu dürfen!

Es ist zwar noch nicht so lange her, seitdem ich den ersten Teil beendet habe, aber dennoch enthält dieses erste Kapitel auch ein paar Rückblicke auf das, was bisher so passiert ist. Aus diesem Grund ist es auch etwas länger geworden.

Des Weiteren möchte ich euch darauf hinweisen, dass es im Vergleich zum ersten Teil keine täglichen Updates geben wird, sondern durchaus längere Zeit zwischen den einzelnen Kapiteln verstreichen kann. Dies hat den ganz einfachen Grund, dass ich derzeit nicht ganz so regelmäßig zum Schreiben komme. Ich bitte euch deshalb auch von Nachfragen, wann ein neues Kapitel kommt abzusehen, denn ich kann es euch dann selbst noch nicht beantworten, da ich sehr spontan zum Schreiben komme.

Auch bei dieser Geschichte sind wieder mögliche Crossover zu anderen Serien möglich und natürlich gibt es ein Wiedersehen mit Nele, die auch weiterhin die Protagonistin meiner Geschichte sein wird.

Nun bleiben mir eigentlich nur noch zwei Dinge zu sagen:
Viel Spaß beim Lesen und immer her mit den Reviews :)

Alles Liebe
Erzsebet

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“Happy Birthday to me! Happy Birthday to me…”
Mit vom Schlaf belegter Stimme sang ich leise das Geburtstagsständchen, während ich am Küchentisch saß und auf den kleinen Cupcake blickte, der vor mir stand.
Alles Gute zum Geburtstag, Schatz, stand auf einem kleinen Zettel, der neben dem dunklen Cupcake lag. Jeder Außenstehende hätte wahrscheinlich angenommen, dass es der Verfasser eilig gehabt hatte, aber ich hatte die krakelige Schrift meiner Mutter, die sämtliche Klischees einer Arztschrift erfüllte, sofort erkannt.
Ein Stückchen hinter dem Cupcake lag eine kleine, weiße Schachtel, um die jemand eine dunkelrote Schleife gebunden hatte. Vorsichtig griff ich nach der Schatulle und warf einen Blick auf das winzige Schild, auf dem mein Name in einer anderen Schrift stand. Auch diese konnte ich augenblick identifizieren, denn die geschwungenen Linien gehörten zweifelsohne Jan.
Für einen kleinen Moment überlegte ich, ob ich das Geschenk jetzt öffnen, oder doch lieber warten sollte, bis Jan und meine Mutter dabei waren. Es dauerte nicht lange, da siegte die Neugierde und ich löste behutsam die Schleife. Als ich daraufhin die Schatulle öffnete, kam ein silberner Anhänger in der Form eines Ankers zum Vorschein. Augenblicklich erhellte sich mein müdes Gesicht und ich nahm den Anker aus der Geschenkverpackung, um ihn von allen Seiten zu betrachten. Kaum hatte ich den Anhänger einmal umgedreht, stockte ich für einen Augenblick, denn plötzlich stach mir der feine Schriftzug auf der bisher verborgenen Seite des Schmuckstücks ins Auge. In geschwungenen, zarten Linien stand dort mit dem bloßen Auge kaum sichtbar Nele.
Augenblicklich wurde ich von einem warmen, angenehmen Glücksgefühl durchströmt und presste meine Hand um den Anhänger zusammen. Die Liebe für solche, für viele Leute wohl sehr kitschigen Symbole hatte ich eindeutig von meiner Mutter. Aus diesem Grund zierten mein Armband bereits die berühmten Theatermasken Komödie und Tragödie, ein Kompass sowie ein Äskulapstab. Letzteren hatten mir die Kollegen meiner Mutter zum Beginn meines Medizinstudiums geschenkt und obwohl ich das Studium abgebrochen hatte, trug ich den Anhänger auch weiterhin an meinem Armband. Und nun würde sich dieser wunderschöne Anker dazu gesellen.

Genüsslich aß ich schließlich den Cupcake und dachte über den bevorstehenden Tag nach. Obwohl heute mein zweiundzwanzigster Geburtstag war, so war von einer wirklichen Feierlichkeit keine Spur zu sehen. Schon früh am Morgen waren meine Mutter und ihr Ehemann zur Arbeit aufgebrochen und da ich am Tag zuvor noch spät im Theater gewesen war, wo ich seit etwa zwei Monaten jobbte, hatten sie mich nicht wecken wollen. Jedoch waren auch meine anderen bisherigen Geburtstage meist recht unspektakulär gewesen, da meine Mutter sowieso hatte arbeiten müssen und wir uns am Abend dann lediglich etwas bestellt und gemeinsam Filme geschaut hatte. Aus diesem Grund war mein Geburtstag fast ein Tag wie jeder andere. Es gab jedoch einen winzigen Unterschied zu den restlichen Tagen in meinem Leben, wobei die Besonderheit lediglich in einem Telefonat lag, denn seitdem ich alle Brücken zu meinem Vater, dem ehemaligen Oberstabsarzt Dr. Kai Hoffmann abgebrochen hatte, bestand unsere einzige Kommunikation in eben jenen Telefonaten zu meinem und seinem Geburtstag. Meist hatten wir uns dabei auf ein Minimum beschränkt, denn viel hatten wir nicht miteinander zu besprechen, schließlich lebte jeder sein eigenes Leben. Tatsächlich hatte es mich dann eine Menge Überwindung gekostet, um das Gespräch anzunehmen und nicht nur einmal hatte ich gehofft, er würde meinen Geburtstag einfach vergessen. Dabei konnte ich gar nicht einmal behaupten, dass ich tief in meinem Herzen meinen Vater nicht liebte, aber unser Verhältnis war nicht gerade das Musterbeispiel einer Vater-Tochter-Beziehung gewesen. Bereits mit sechs Jahren hatte er mir mein kleines Herz gebrochen, als meine Mutter nach Hamburg versetzt worden war und ich fortan meinen Vater nur noch sehr selten sah, obwohl er mir regelmäßige Besuche versprochen hatte. Über die Jahre waren dann seine Verpflichtungen als Arzt der Bundeswehr, die Auslandseinsätze sowie die daraus resultierende Alkoholsucht hinzugekommen, die unser Verhältnis nur weiter zerrüttet hatten, bis ich mich schließlich fast gänzlich von ihm abgewandt und ihn für alles verantwortlich gemacht hatte, was mich in unserer Beziehung belastete. Bis vor einem halben Jahr hatte ich mir immer wieder eingeredet, mit der Abwesenheit meines Vaters in meinem Leben glücklich zu sein, denn immerhin hatte ich eine liebevolle Mutter und einen Stiefvater, auf den ich mich stets verlassen konnte. Aber mein überraschender Ausflug nach Leipzig, der sich letztlich als längerer Aufenthalt entpuppen sollte, hatte meine gesamte Philosophie auf den Kopf gestellt. Obwohl mein Vater auch weiterhin bedingt durch seine Erfahrungen bei der Bundeswehr sehr verschlossen, distanziert und autoritär war, so hatte der Chefarzt der Sachsenklinik seine auf Eis gelegten Gefühle ein wenig aufgetaut und einen für ihn vollkommen neuen Weg eingeschlagen. Daher bereute ich es mittlerweile auch nicht mehr, damals mit der Cousine meiner Mutter nach Leipzig gefahren zu sein, denn die Reise hatte mich einen zweiten Blick auf meinen Erzeuger werfen lassen. Nach einigen Höhen und Tiefen und der längst überfälligen Ehrlichkeit und Offenheit des Arztes war so aus meinem Erzeuger mein Vater geworden, von dem ich wusste, dass er mich liebte, auch wenn er es nicht immer richtig zeigen konnte.
Wenn ich daher also heute an diesen bevorstehenden Anruf dachte, zog sich mein Magen nicht wie jeher zusammen, sondern vielmehr tanzten in ihm die Hummeln vor Vorfreude.
Ein erheblicher Anteil an unserer neuen, besseren Vater-Tochter-Beziehung kam dabei der empathischen, humorvollen, hartnäckigen und vor allem liebevollen Herzchirurgin zu, die mittlerweile weit mehr als nur eine Kollegin für meinen Vater war. Tatsächlich lebten Dr. Maria Weber und er seit geraumer Zeit zusammen. Wenn sie auch nach all den Monaten noch immer betonten, es sei nur auf Probe, so konnten sie mir nichts vormachen, denn die beiden Ärzte waren eindeutig über beide Ohren ineinander verliebt. Aus diesem Grund wurde ich nicht müde zu betonen, dass Maria wie in Yin und Yang das perfekte Gegenstück zu meinem Vater war - Ihre Leuchtkraft vermochte die Dunkelheit um meinen Vater zu vertreiben. Und während mein Vater in ihr eine bezaubernde Lebensgefährtin gefunden hatte - das Wort durfte ich in der Nähe der beiden jedoch noch nicht verwenden, da sie es langsam angehen lassen wollten - so war Maria für mich zu einer guten Freundin und Vertrauten geworden.

Der Handywecker, den ich mir vorsorglich als Erinnerung gestellt hatte, riss mich aus meinen Gedanken an die rasante Achterbahnfahrt, die ich in Leipzig erlebt hatte. Rasch schluckte ich den restlichen Kaffee hinunter, befestigte den Anker-Anhänger an meinem Armband und hastete in mein Schlafzimmer zurück, wo ich meine Kleidung für den heutigen Tag bereits bereitgelegt hatte. Ich schnappte die Kleidungsstücke, hechtete unter die Dusche und schlüpfte anschließend in die schwarze Jeans und ein schwarzes Shirt. Dabei musste ich schmunzeln, denn der Anblick, der sich mir anschließend bot, erinnerte mich an meine Großmutter, die mich jetzt wahrscheinlich vollkommen verständnislos anblicken würde. “Ach Kindchen, wer ist denn gestorben?”, hätte sie mich dann mit ernster Miene gefragt, bis wir schließlich in Gelächter ausgebrochen wären. Genau für einen Tag hatte ich mit vierzehn Jahren eine Gothik-Phase gehabt, die meine Oma mit einem Kopfschütteln und entsetztem Blick quittiert hatte. Lange hatte diese Phase jedoch nicht gehalten, da ich mich kurz darauf in ein wunderschönes Blumenkleid verliebt hatte, welches mir meine Großmutter mit einem breiten Lächeln geschenkt hatte.
“Tut mir leid, Omi, aber das ist nun einmal meine Arbeitskleidung”, sprach ich entschuldigend zu meinem Spiegelbild, ehe ich mich abwandte, um meine feuchten Haare zu trocknen.
Da ich dank meiner Freundin nun im Theater einen Aushilfsjob als Dresserin hatte, durfte ich nun täglich in möglichst dunklen Kleidern herumlaufen, damit ich mit der dunklen Umgebung hinter der Bühne verschmolz und nicht zufällig vom Publikum entdeckt wurde, wenn ich einmal auf der Seitenbühne stand. Aufgrund meiner Liebe für das Theater bereitete mir diese Arbeit eine Menge Freude, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich sie für den Rest meines Lebens erledigen würde. Tatsächlich sollte der Job nur eine Übergangslösung darstellen, bis ich endlich wusste, was ich nun tun sollte. Ein leichtes Ziehen in meinem Bein erinnerte mich wieder einmal an meinen Traum Polizistin zu werden, dem ich mit der Zusage zu einem Polizeistudium sehr nah gekommen war, aber durch die Verletzung, die ich in Leipzig erlitten hatte, nun abhaken konnte.

Pünktlich verließ ich die Wohnung und schwang mich auf mein Fahrrad. Ich liebte es mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren, eine Leidenschaft, die ich mit meinem durchtrainierten Vater teilte. Besonders an einem schönen Augusttag war es eine Wohltat durch das ausnahmsweise nicht verregnete Hamburg zu radeln und die warme Luft zu genießen. Viele meiner Kollegen am Theater taten es mir gleich und kamen mit dem Fahrrad oder den Öffis zur Arbeit, was jedoch angesichts der hervorragenden Verbindung nicht wirklich verwunderte.
Kräftig trat ich in die Pedale, bis nach einer Weile endlich die Landungsbrücken in Sicht kamen. An einem so wunderschönen Tag wie heute tummelten sich hier die Touristen, die zu einer Hafenrundfahrt aufbrachen, die Fähre in die Richtung des Elbstrandes nahmen oder an den Schiffsanlegern entlang schlenderten und dabei vielleicht auch das Segelschiff Rickmer Rickmers sowie das Museumsschiff Cap San Diego besichtigten.
Geduldig bahnte ich mir meinen Weg durch die Menschen zum Anleger, wo glücklicherweise gerade eine Fähre anlegte, die in Kürze auf die andere Elbseite übersetzen würde. Schnellen Schrittes schob ich mein Fahrrad auf die Fähre und vernahm in just dem Moment das vertraute Signal, welches verkündete, dass die Fahre jeden Augenblick ablegte.
Während der kurzen Überfahrt beobachtete ich die vielen Leute auf dem Schiff, die gebannt die Elbphilharmonie betrachteten und sich wild durcheinander unterhielten.
“Gleich kommen wir zum Theater, Papa! Siehst du, da gehen wir heute Abend hin!”, rief ein kleines Mädchen aufgebracht an ihren Vater gewandt, der jedoch gerade in die entgegengesetzte Richtung blickte und sich erst vom Michel abwandte, als das Mädchen an dessen T-Shirt zupfte.
Mein eigener Blick folgte dem des Mädchens in die Richtung der beiden Theatergebäude, die den sogenannten Musicalboulevard Hamburgs bildeten. In dem Moment legte die Fähre an und ich schob mein Fahrrad auf die Anlegestelle und anschließend den Steg zum Theater hinauf. Ausgerechnet an diesem Tag musste eine Doppelshow sein, weshalb ich bis auf eine Mittagspause am späten Nachmittag meinen gesamten Tag hier verbringen würde.

Kurz vor der Abendvorstellung stahl ich mich in das Vorderhaus des Theaters und sah mich suchend um. Irgendwo mussten sie doch sein. Langsam schlängelte ich mich durch die vielen Besucher, die nun vor dem Theatersaal auf den Einlass warteten, an der Bar anstanden, etwas tranken, oder den Merchandise Stand musterten. Als ich die gegenüberliegende Seite des Foyers erreichte, huschte unwillkürlich ein Grinsen über mein Gesicht, denn dort standen meine Mutter und Jan. Erst als ich direkt neben ihnen stand, bemerkten sie mich und sofort zog mich meine Mutter in eine liebevolle Umarmung. “Jetzt noch einmal persönlich. Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz!”, sagte sie fröhlich und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Auch Jan zog mich in eine Umarmung und gratulierte mir lächelnd.
“Danke!”, erwiderte ich und hob meinen Arm an, sodass die beiden mein Armband sehen konnten. “Vielen Dank! Genau so einen Anhänger wollte ich noch!”
“Ich habe dich eben durchschaut”, flötete meine Mutter und strich mir zärtlich über die Wange.
“Und nach der Vorstellung erwartet dich noch der zweite Teil deines Geschenkes und zwar...meine berüchtigten selbst gemixten Cocktails!”, verkündete Jan strahlend. Ich konnte mir ein Kichern daraufhin nicht verkneifen, denn wenn es etwas gab, was Jan nicht konnte, dann war es das Mixen von Cocktails. “Okay, vielleicht lassen wir lieber die Profis ran”, korrigierte er sich daher schmunzelnd.
Bevor ich darauf etwas entgegnen konnte, lenkte das Klingeln eines Smartphones unsere aller Aufmerksamkeit auf sich. Für einen kleinen Moment glaubte ich, es wäre mein Handy, aber dann erinnerte ich mich daran, dass ich es in der Garderobe hatte liegen gelassen.
“Petersen?”, begrüßte meine Mutter den Anrufer und setzte augenblicklich eine ernste Miene auf. “Danke! Ja, ich werde eine Nacht darüber schlafen!”
Verstohlen huschte der Blick meiner Mutter zu Jan und mir, dann widmete sie sich wieder dem Telefonat. “Wo sagten Sie?”, fragte sie und ich war mir nicht sicher, ob etwas wie Entsetzen in ihrer Stimme lag. “Achso, ja, verstehe. Selbstverständlich bin ich flexibel!”
Fragend sah ich nun zu Jan, der jedoch nur mit den Achseln zuckte. Kurz darauf hatte meine Mutter jedoch bereits das Gespräch beendet und ließ ihr Smartphone in die kleine Handtasche gleiten.
“Sag nichts! Ja, ich habe es stumm geschaltet!”, scherzte sie an mich gewandt, wobei ich das Gefühl nicht los wurde, als war es nur ein schlechter Versuch von dem Telefonat abzulenken.
“Wer war das?”, fragte ich daher neugierig.
“Mein Vorgesetzter”, antwortete meine Mutter knapp und tauschte einen Blick mit Jan.
“Was wollte er?”, ließ ich nicht locker, auch wenn ich nicht wirklich wusste, warum es mir so wichtig war, weiter nachzuhaken.
“Hat dein Vater bereits angerufen?”, versuchte meine Mutter abzulenken und traf damit einen empfindlichen Nerv.
Obwohl ich mir nicht sicher war, ob sie das wirklich interessierte, schüttelte ich traurig den Kopf. Tatsächlich hatte ich den gesamten Tag, bis auf die Zeit der Nachmittagsvorstellung mein Handy eng mit mir geführt und immer wieder einen verstohlenen Blick darauf geworfen, aber der Anruf war ausgeblieben. In dem Moment wurde unsere Unterhaltung durch den ersten Gong beendet, der die Öffnung des Theatersaals ankündigte. “Ich muss wieder nach Hinten”, verkündete ich und huschte davon.

Während der gesamten Vorstellung zerbrach ich mir den Kopf, was der Vorgesetzte meiner Mutter zu ihr gesagt hatte, worüber sie eine Nacht schlafen wollte und weshalb sie mir ausgewichen war. Immer wieder musste ich mich dazu ermahnen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und dabei auch den Gedanken zu verbannen, mein Vater könnte meinen Geburtstag vergessen haben.
Als die Vorstellung, die sich an diesem Abend wie Kaugummi gezogen hatte, endlich vorbei war, verabschiedete ich mich rasch von den Kollegen und eilte vor das Theater, wo Jan und meine Mutter auf mich warteten. In meinem schwarzen Alltagsoutfit wirkte ich neben den beiden, die ein Kleid und einen Anzug trugen, regelrecht underdressed. “Ich habe meine Wechselkleider vergessen”, gestand ich kleinlaut. “Und so kann ich schlecht in einer Bar aufschlagen!”
“Na, dann gehe ich etwas zu Trinken holen und ihr zwei Hübschen macht es euch schon einmal in der Wohnung bequem”, schlug Jan kurzerhand vor.
Da weder meine Mutter noch ich etwas dagegen einzuwenden hatten, trennten wir uns an den Landungsbrücken von Jan und begaben uns auf den Heimweg. Nach einer kurzen Fahrt mit der U-Bahn liefen wir schweigend nebeneinander her. Ausgelaugt von dem anstrengenden Tag schob ich mein Fahrrad über den Bürgersteig. Irgendwann hielt ich es dann nicht mehr aus. “Was wollte dein Vorgesetzter von dir, Mama?”, platzte es aus mir und gespannt lugte ich zu der Frau zu meiner Linken.
Kurz stöhnte sie und zupfte nervös an ihrem Kleid. “Er hat mir nur ein Angebot unterbreitet”, antwortete die Blondine knapp.
“Sollst du etwa wieder versetzt werden?”, fragte ich entsetzt und hatte ein leichtes Déjà-vu, denn bei der letzten Versetzung meiner Mutter hatte ich in gewisser Weise meinen Vater verloren.
“Nein! Es geht nur um ein Projekt…”, sagte sie und beschleunigte dann ihren Schritt, um mir zu signalisieren, dass sie jetzt nicht weiter darüber sprechen wollte. Aus diesem Grund beließ ich es vorerst dabei und trottete wieder schweigend neben ihr her, bis sie plötzlich die Stille brach. “Ist alles in Ordnung bei dir, Nele?”
Überrascht blieb ich stehen und sah sie geradewegs an. “Ja...Wieso fragst du?”
“Du konntest mich noch nie wirklich anlügen, Schatz”, entgegnete meine Mutter mit einem traurigen Lächeln und mit einem Mal wurde mir klar, worauf sie hinaus wollte. Erneut bildete sich ein Kloß in meinem Hals und mein Magen verknotete sich. Musste sie ausgerechnet an meinem Geburtstag ansprechen, dass ich seit Wochen damit spekulierte, möglicherweise für eine Weile zu meinem Vater zu ziehen?
Und in genau diesem Augenblick war ich mir nicht sicher, ob dieser Abend nicht noch zu einem unhappy Birthday werden würde.
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