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Battle for the Sun (Sufin)

von ahaa
GeschichteDrama, Angst / P18 / MaleSlash
Dänemark Finnland Island Norwegen Schweden
13.05.2020
09.04.2021
39
86.100
1
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13.05.2020 2.436
 
Kalter Frühling im Jahr 1901, Stockholm, Schweden


Konungariket Sverige, Kingdom of Sweden


Keine Ahnung, woher sie den Anstand nahmen, solch eine zynische Feier wie diese zu veranstalten.

Ich erinnerte mich, wie Josefina die gesamte Rückfahrt zum Schloss über an meinen Arm gelehnt weinte; wir kamen sehr langsam voran, da so viele Menschen uns unbedingt unterwegs grüßen mussten. Meine Hände waren so fest ineinander gelegt, dass meine Knöchel weiß hervortraten, mehr wusste ich nicht, denn als die Nacht anbrach, war ich so betrunken, dass Lukas mich decken musste, als ich mich nach oben begab und in meinem Zimmer verschanzte, wie er mir erzählte. Dieses verließ ich zwei Tage lang nicht, weder um zu essen noch um aufmunternde Worte zu empfangen. Ich gestattete es auch dem König nicht, mir Befehle zu erteilen oder hineinzustürmen. Ich schloss mich ein, versperrte die Tür mit meinem Schrank und anderen Möbelstücken. Josefinas Geschrei war noch bis in die Morgenstunden zu hören. Zebrochenes Glas, Tritte gegen meine Wände, Personen, die mich vom Garten aus durch meine Fenster beobachteten. Meine Wut verbarg ich, bis ich vor Zorn zu brüllen anfing als ich Josefina vor meiner Tür schreien hörte. Ich schlief unruhig und ignorierte sogar Lukas, als dieser mich bat, hineingelassen zu werden.

Meine Frustration ließ ich an mir selbst und meinen Sachen aus. Nun gestattete ich es mir, alle Tränen herauszuweinen, die ich in Zukunft verbergen müsste, und bemühte mich, den krankhaften Drang loszuwerden, einfach wegzurennen und wieder in den Wäldern zu verschwinden. Mein Verstand war nicht in der Lage, von einem Moment auf den anderen so viel zu verarbeiten; niemand begriff, was es hieß, nach Jahrhunderten endlich das zu bekommen, wonach man sich gesehnt hatte, nur damit es einem auf einmal ohne Vorwarnung wieder entrissen wurde. Zwar wusste ich, dass ich nicht ganz vernünftig handelte, aber ein Mal in meinem Leben etwas zu haben, was mir persönlich sehr viel bedeutete und dazu zu stehen, war etwas, wozu ich bereit war.

Mein Zimmer verließ ich schließlich aus eigenem Willen, gebadet und in sauberer Kleidung. Ich versuchte, so zu tun als sei nichts gewesen, und schritt durch die Korridore. Mehrere Leute kamen auf mich zu und fragten, ob es mir gut ging. Nun, mein vollkommen verwüstetes Zimmer war wohl Antwort genug.

Ich ging seelenruhig nach unten, um etwas zu essen, und dann auf mein Arbeitszimmer. In dieses stürmte Josefina hinein und musterte mich. Ihr müdes Gesicht und ihre zerknitterte Kleidung verrieten mir, dass sie während meines langen Anfalls nicht ruhig dagesessen war.

„Guten Morgen, Josefina", murmelte ich, während ich die Post durchsah. Der goldene Ring glänzte an meiner linken Hand, während ich die Wichtigkeit der Briefe prüfte. Die junge Frau stand einfach nur da und ihre Anwesenheit begann mich langsam zu stören. „Wenn du mir nichts zu sagen hast, dann würde ich dich bitten, mich in Ruhe zu lassen, ich muss meine Briefe lesen. Geh bitte Klavier üben."

„Berwald... Liebst du mich?" Ihre hohe Stimme schlug wieder gegen meine Schläfen. Meine linke Hand ballte sich zur Faust und mein Kiefer versteifte sich.

„Nein."

Ich blickte sie über meine Brillengläser hinweg an und sah, wie eine verschwommene Gestalt sich mir näherte und die Tür hinter sich schloss. Sie setzte sich vor dem Schreibtisch hin und lächelte mich an.

„Soll ich dann dafür sorgen, dass du es tust?" Sie begann, ihre Knöpfe zu öffnen. Ich sah zu, verzog aber keine Miene. Etwas am bleichen Ton ihrer Haut erinnerte mich an Tino. Ihre Finger machten mit ihrem Korsett weiter und ließen mich den Büstenhalter sehen. Ohne im Geringsten auf ihr Kleid zu achten, versuchte sie, auf meinen Schreibtisch zu steigen, und als sie bereits kurz davor stand, es zu schaffen, erhob ich mich und begab mich zu meiner Vitrine, um mir ein Glas Wodka einzuschenken. Sie sagte etwas, doch ich hörte nicht hin, denn ich fand es viel interessanter, den kleinen Wald hinter dem Garten zu betrachten, den ich vom Fenster aus sehen konnte.

Dann blickte ich auf die Uhr und als ich ganz plötzlich daraufhin Josefinas Finger auf meinem Rücken spürte, drehte ich mich um und stürmte aus dem Raum, ohne auch nur einen verdammten Brief gelesen zu haben. Auf dem Weg zur Bibliothek begegnete ich Lukas, der erschöpft und nicht gerade wohlauf wirkte. Bestimmt, weil er sein Fieber nicht richtig auskurierte.

„Was fällt dir ein, uns solche Sorgen zu bereiten, du Trottel!?" Seine ungewöhnlich raue Stimme durchdrang den stillen Korridor. Er sah noch kränker aus als früher. Noch bevor ich reagieren konnte, hatte er mich am Arm gepackt und in einen der privaten Lesesäle gezerrt. Er knallte die Tür zu und begann mit einer Predigt. „Ich war fast verrückt vor Sorge, du Idiot, und jetzt kommst du hier an als sei alles in Ordnung! Du musst die Dinge aussprechen, die dich quälen, und nicht so etwas wie vorhin veranstalten!"

„Es geht mir gut, Lukas", murmelte ich. Er schwieg einige Augenblicke lang und setzte sich auf einen antik aussehenden Stuhl, der an einem kleinen Kaffeetischchen stand.

„Nein, tut es nicht. Du sprichst so wie immer, blickst so gelassen und unerschütterlich drein wie immer, aber es geht dir nicht gut, weil es dir in deinem ganzen jämmerlichen Leben nie gutgegangen war. Bis vor Kurzem, als du dich endlich erholtest. Dann hattest du dich mit mir und den anderen unterhalten, mir Frühstück angeboten, gelacht und dich mir anvertraut. Du brauchst uns; bitte, Berwald, setz dich hin und sprich doch mit mir, es kann zwar sein, dass ich dir nichts Hilfreiches sagen können werde, aber wenigstens kann ich dir zuhören. Und außerdem muss ich dir etwas mitteilen." Er holte Luft und wendete seinen Blick ab. „Ich schaffte es, die Genehmigung zu erhalten, mit Emil hierzubleiben, während meine Unabhängigkeit geplant wird. Mathias muss zwar bald wieder abreisen, aber auch er wird noch eigene Zeit bei uns sein. Eigentlich wollte ich, dass du mit mir nach Oslo zurückkehrst, aber da du nun offiziell verheiratet bist... Berwald?"

Lukas fiel schnell auf, dass ich ihm überhaupt nicht zuhörte. Meine Augen waren genauso ausdruckslos wie mein Gesicht. Ich nickte einfach und er beschloss, fortzufahren.

Da mein Bruder mir nur helfen wollte und von Schuldgefühlen gequält wurde, ließ ich mich von ihm schließlich in die Küche der Bediensteten führen, um ein wenig Bier zu trinken.

Und so vergingen mehrere Monate. An den Nachmittagen bekam ich Besuch von der hysterischen Josefina und gestattete es ihr ab und zu, einige Zeit lang bei mir zu bleiben, damit sie aufhörte, mir auf die Nerven zu gehen. Doch kaum war die Dunkelheit angebrochen, verschwand ich spurlos, damit sie mich nicht finden konnte; einige Nächte verbrachte ich sogar im Zimmer eines kürzlich verstorbenen Zimmermädchens. Andere dagegen betrank ich mich bis ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Lukas versuchte jeden Tag, zu mir durchzudringen und begleitete mich überall hin wie ein Leibwächter, da Josefina oft ganz plötzlich und zerzaust auftauchte und von mir Dinge verlangte, die ihn entsetzten. Der König schaffte es schließlich, mich einige Momente lang aufzuhalten und verlangte von mir, meinen ehelichen Pflichten nachzugehen.

Ich glaube, das waren die schweigsamsten Tage meines Lebens.

Dies änderte sich, als eines Morgens ein seltsamer Mann an die Tür meines Arbeitszimmers klopfte. Als ich ihn hereinließ, erschien ein Zimmermädchen und brachte Tee und Kuchen. Der freundliche Herr stellte sich erst vor, als sie wieder gegangen war.

„Geschätzter Herr, mein Name lautet Joseph Bergström und ich bin Ihr Psychiater." Seine behandschuhte Hand streckte sich mir zum Gruß entgegen. Ich runzelte die Stirn und schüttelte sie.

„Ich benötige Ihre Dienste nicht, vielen Dank." Mit diesen Worten kehrte ich an meinen Schreibtisch zurück, um über die letzten Diskussionen des Parlaments zu lesen.

„Oh, machen Sie sich keine Sorgen! Wir werden nicht über Dinge sprechen, die Ihnen nicht behagen. Nein, ich wurde sogar vom König höchstpersönlich gerufen, um Ihnen zu helfen. Er hat mir über Ihr ziemlich anormales Verhalten für einen Mann Ihres Ranges erzählt und macht sich wahrhaftig Sorgen um Ihr Wohlergehen; denn Ihre Gesundheit ist auch die Gesundheit unserer Nation."

„Noch einmal: ich brauche Ihre Dienste nicht. Ich fühle mich kerngesund und führe ein meinen Verpflichtungen angemessenes Leben." Ich nahm einige bereits durchgelesene Papiere und legte sie beiseite, um mich der Tageszeitung zu widmen. Der Mann machte es sich unaufgefordert bequem, nahm eine Tasse Tee und ein Stück Blaubeerkuchen vom Tablett und stellte sie vor mir hin. Tinos Lieblingskuchen.

„Jedoch hatten Sie in letzter Zeit äußerst unangenehme Wut- und Unzuchtsanfälle. Es ist normal, dass Sie sich erschöpft fühlen, und ich möchte Ihnen helfen." Er setzte sich die elegante Porzellantasse an die Lippen und trank seelenruhig. Ich bedachte seine falsche Freundlichkeit mit einem kurzen Blick, sah meine Tasse und meinen Teller an, ließ sie jedoch unberührt.

„Nein, ich fühle mich nicht erschöpft. Und jetzt lassen Sie mich bitte meine Arbeit erledigen, diese Angelegenheiten hier sind wichtig für die Nation." So wie immer wenn ich mich unbehaglich fühlte, warf ich einen Blick auf die Uhr, arbeitete jedoch nicht an meinen Papieren weiter, um nicht unhöflich zu erscheinen. Stille umgab mein bereits schon trostloses Arbeitszimmer, die lediglich vom Klappern des Porzellangeschirrs unterbrochen wurde.

„Wissen Sie, wie sehr Josefina sich um Sie sorgt? Obwohl Sie verheiratet sind, scheinen Sie ihre Gesellschaft nicht zu genießen. Außerdem habe ich erfahren, dass Sie noch nie in ihrem Zimmer geschlafen haben und oft betrunken in irgendeinem Saal aufgefunden werden. Finden Sie nicht, dass ein solches Verhalten Fragen aufwirft? Was bringt Sie denn dazu, Ihre Ehe zu vernachlässigen, obwohl Sie doch ein junges, frisch verheiratetes Paar sind?"

„Über solche Themen werde ich nicht sprechen." Ich fühlte mich unwohl und nahm mir erneut meine Dokumente. In meiner Kehle wurde es eng und ich spürte, dass ich schon wieder einen Schluck brauchte.

„Was ist Ihnen denn so unangenehm? Ihre Ehefrau?"

Dieser verdammte Kerl machte mich verrückt, doch ich musste ruhig bleiben, um ihn von seinen Absichten abzulenken. Um nicht zu antworten, richtete ich meinen Blick erneut auf eine Petition des Fischergremiums von Stockholm. Dieser Mann war wie eine störende Fliege in meinem leeren Leben. Da hatte ich es für einige Tage geschafft, ohne Tino zurechtzukommen, und er kam hier an und riss meine Wunden wieder auf.

„Haben Sie sich vielleicht irgendwann in Ihrem Leben als Frau gefühlt? Es kann sein, dass das der Grund für Ihr Verhalten ist. Wenn das zutrifft, sind Sie leider im falschen Körper geboren worden und folgen Ihren biologischen Trieben wie Ihre Natur es Ihnen vorschreibt. Dann kann ich natürlich verstehen, dass Josefina von Ihnen als Störenfried empfunden wird; denn eine Frau fühlt sich von einer anderen Frau nicht angezogen."

Ich blickte auf und erhob mich. Dann nahm ich meine noch volle Teetasse und knallte sie an die Wand. Mein Kuchenstück, seines, die Dokumente, die ungelesenen Briefe, Bücher und Dekorationen, dies alles warf ich auf den makellos sauberen Teppich. Mit einem Tritt beförderte ich einen mit alten langweiligen Papieren gefüllten Schrank zu Boden. Auch meinen Schreibtisch kippte ich um. Währenddessen war dieser Joseph mehrere Meter zurückgewichen.

„VERSCHWINDEN SIE!" Mein Gebrüll hallte klar und deutlich im Korridor wider. Ich hatte die Beherrschung über mich verloren und bereute es sogleich. Einige Ärzte kamen angerannt und der Höhergestellteste von ihnen nahm sich Joseph vor, da dieser nicht in der Lage gewesen war, mich im Zaum zu halten. Blind vor Wut schnitt ich mich mit dem Brieföffner und befleckte mein Gesicht, als ich mir die Brille abnahm. Ich war bereit, jeden zu schlagen, der sich mir nähern sollte. Ein Arzt versuchte, mich anzusprechen, doch ich schubste ihn weg. Nach einem kurzen Kampf konnte ich schließlich alle hinausscheuchen, die Tür schließen und mich mit dem Rücken an sie lehnen, im Versuch, die Beherrschung wiederzuerlangen. Ich spürte mein Herz in meinen Ohren pochen und es stieg eine Hitze in mir auf, die ich schon lange nicht mehr erlebt hatte. Mein Atem ging stoßweise und ich konnte nicht aufhören zu zittern. Schon wieder hatte ich mich vor der Welt verschlossen. Ich holte eine Flasche Punsch und trank einfach daraus, ohne mich um ein Glas zu scheren, während ich mich in einer Ecke niederließ, um meinen Verstand zu ertränken. Nur selten war mir dabei bewusst, wie sehr ich weinte.

Als ich wieder zu mir kam, schmerzte mir durch die unbequeme Haltung der Rücken. Etwas vom Flascheninhalt war auf mir verschüttet und der späte Abend prangte vom Himmel. Ich rieb mir die Augen und Erinnerungen befielen mich in einer immer höheren Geschwindigkeit. Mit Mühe erhob ich mich aus meiner Ecke, trat über die Alkoholpfützen hinweg und begab mich zur Tür, um diesen Raum zu verlassen. Gut, dass ihn niemand bewachte. Unterwegs hörte ich Klaviermusik von den Korridorwänden widerhallen. Von der offenen Tür des Hauptvestibüls aus sah ich, dass es Josefina war, die mit ihren bereits oft genutzten Partituren des Komponisten von Weber übte, und hielt an, um ihren makellos geraden Rücken zu betrachten, während sie mit einer beinahe schon kühlen Perfektion spielte. Ihr blondes Haar war im Nacken zusammengebunden und ihre Hände glitten flüssig über die Tasten. Ihr Gesicht ließ angesichts der den Klaviersaiten entsprungenen Akkorden keine Regung erahnen, aber ihre Ruhe verlieh ihr Eleganz. Doch dann wurde sie meiner Präsenz bewusst und drehte sich, gehüllt in ihr schwarzes Kleid, zu mir um. Unsere Blicke trafen sich und sie hielt meinem mehrere Augenblicke stand. Kaum war sie jedoch aufgestanden, drehte ich ihr den Rücken zu.

„Berwald!" Ihr hohe, klare Stimme dröhnte durch das Treppenhaus und ließ die Fenstergläser vibrieren. Ich stampfte zornig über die Treppe davon, wobei eine der Bediensteten mir ausweichen musste und das Geschirr, das sie trug, gefährlich auf dem Tablett schwankte. „Bitte! Ich möchte mit dir sprechen!"

„Ich aber nicht mit dir", antwortete ich in Josefinas Richtung. Die Personen, denen ich über den Weg lief, mieden mich als hätte ich eine ansteckende Krankheit; meine Kleidung war unordentlich und auch mein Haar hatte bestimmt auch schon besser ausgesehen. Ich hatte meine Krawatte gelockert und roch stark nach Alkohol; nun würde ich ein Bad nehmen und mich ins Bett legen.

„Berwald, bitte." Josefina packte mich am Arm und ich blickte sie kurz an, um dann brüsk ihre Hand abzuschütteln. Aus ihren Augen liefen Tränen. „Ich möchte doch nur wissen, was ich für dich tun kann. Damit es dir wieder gut geht."

Ich konnte meinen Ohren nicht trauen. Damit es mir wieder gut ging? Also, bitte.

„Bring mir Tino zurück und hör auf, mich zu bedrängen. Lass mich einfach in Ruhe." Mit diesen Worten betrat ich mein Zimmer und knallte ihr die Tür vor der Nase zu, ihr untröstliches Weinen dämpfend.

Und so verliefen meine Tage im Alkoholrausch und Zorn.
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