Verluste und Gewinne-Fortsetzung

von MaggyMay
KurzgeschichteAllgemein / P12
Dr. Marc Lindner Dr. Noah Mattes Dr. Theresa Koshka
13.05.2020
25.05.2020
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23.05.2020 905
 
„Herz? Was ist denn mit deinem Herzen?“ Noah verstand gar nichts mehr. Marc ignorierte seine Frage. „Haben Sie ein Handy dabei? Rufen Sie irgendwen in der Klinik an und sagen Sie Bescheid, dass wir hier drin feststecken und einen Notfall haben.“ Theresa ließ sich an der Wand herabsinken. Marc kniete sich vor sie und redete beruhigend auf sie ein. Dass er sich selbst alles andere als wohl fühlte, hier im Fahrstuhl festzustecken, ignorierte er so gut es ging. „Hey, ganz ruhig, schau mich an. Konzentrier dich auf deine Atmung. Ganz langsam ein- und ausatmen.“ Theresa fixierte ihn, versuchte seine Anweisungen so gut es ging zu befolgen. Marc tastete nach ihrer Hand, ergriff sie und streichelte sie sanft. Theresa seufzte leise, bemühte sich, an schöne Momente in ihrem Leben zu denken. Das Bild ihrer Oma kam ihr in den Sinn, wurde aber schnell abgelöst von Erinnerungen, die sie mit dem Mann verband, der gerade vor ihr kniete und sie allein durch seine Anwesenheit beruhigte: Abende zu zweit, eine Pizza, die sie nicht mochte, ein rotes Bett, ein rotes Kleid. Unzählige Küsse, unendlich viele Zärtlichkeiten. Sie konzentrierte sich auf die Hand auf ihrer und spürte, wie ihr Herz sich langsam etwas beruhigte. Noch immer sah Marc sie aus einer Mischung aus Besorgnis um sie und eigener Angst an.

Im Hintergrund hörte sie Noah sprechen. „Ja, Lindner, Koshka und ich. Genau, im Fahrstuhl. Was ist denn los? Brennt es?“ Er hörte einige Momente zu, nickte dann und legte nach einer kurzen Verabschiedung auf. Erwartungsvoll sahen Theresa und Marc ihn an. „Sie wissen nicht, woher der Alarm kommt. Rauchentwicklung gibt es keine, aber die Fahrstühle sind automatisch blockiert. Die Techniker sind informiert.“ Marc stöhnte leise auf. Jetzt wo es Theresa wieder etwas besser ging, kroch die eigene Angst langsam, aber sicher in ihm hoch. „Wie lange?“, fragte er tonlos. Noah zuckte mit den Schultern. „Konnten sie nicht sagen. Aber sie wissen jetzt, wo wir sind. Und solange es nicht wirklich brennt, ist doch alles gut.“ Marc schloss die Augen. „Gut“ würde er definitiv anders definieren. Fahrstuhlfahren machte ihm zwar per se nichts mehr aus, aber zu wissen, hier auf unbestimmte Zeit eingesperrt zu sein, war eine Erfahrung, die er trotz seines Therapieerfolgs nicht unbedingt hatte machen wollen. „Was ist hier überhaupt los?“ Die ganze Sache war ihm mehr als suspekt. Theresas Herz spielte wohl verrückt und Lindner schien auch irgendein Problem zu haben. Niemand antwortete. „Marc, geht es dir gut?“ Jetzt war es Theresa, die ihn besorgt musterte. Er nickte leicht und lächelte sie tapfer an. „Mach dir keine Sorgen. Ich komm schon klar. Bleib einfach ruhig und achte auf dein Herz.“ Sie gab sich die größte Mühe, ihre Atmung weiter zu kontrollieren. Dennoch sorgte sie sich um ihn.

Dass er den Kampf um Theresa verloren hatte, war Mattes mittlerweile mehr als klar. Dieses kurze Intermezzo hatte ihm mal wieder vor Augen geführt, wie nah die beiden sich standen und wie gut sie sich kannten. Theresa hatte ihm gegenüber nie erwähnt, dass sie offenbar Herzprobleme hatte. Etwas, was man durchaus voneinander wissen sollte. Wieder ein Argument dafür, dass sie ihn nie so richtig in ihr Leben gelassen hatte. Darauf, dass sein Kontrahent hier schlappzumachen drohte, hatte er trotzdem so gar keine Lust. Er wählte die Nummer noch einmal. „Marc, was ist los mit dir?“, fragte Theresa ihn leise. „Klaustrophobie“, gab er gepresst zurück. Ihre Augen weiteten sich. Er versuchte sie trotzdem zu beruhigen. „Ist schon viel besser als früher. Da wäre ich gar nicht erst in den Fahrstuhl gestiegen. Ich schaffe das schon.“ Sie rückte etwas näher und strich ihm leicht über den Arm. „Ich bin da.“, versicherte sie ihm leise. Obwohl es ihnen beiden alles andere als gut in der Situation ging, merkten sie dennoch gerade jetzt, wie viel Kraft sie sich auch ohne viele Worte gegenseitig geben konnten.

„Die Techniker sind schon im Haus“, informierte Noah seine Kollegen. Er gab es auf, wissen zu wollen, was genau hier los war. Er würde es ja doch nicht erfahren, die beiden schienen außer sich gegenseitig nichts mehr wahrzunehmen. Er lehnte sich an die Wand des Aufzugs und musterte Marc und Theresa, die auf dem Boden kauerten und sich an der Hand hielten. Der Anblick schmerzte ihn. „Könntet ihr euch vielleicht noch ein bisschen zurückhalten bis wir hier raus sind?“ Zu den Neuigkeiten, die er in den letzten Minuten hatte verdauen müssen, kam der penetrante Piepton des Feuermelders, der ihm langsam aber sicher auf die Nerven ging. Theresa sah ihn böse an und wollte gerade ansetzen, ihn anzugiften, Marc unterbrach sie jedoch sofort, indem er den Kopf schüttelte und seine Hand zurückzog. Er konnte seinen Kollegen verstehen. Wusste er doch, wie es sich anfühlte, seine Liebste mit einem anderen Mann sehen zu müssen. Außerdem hatte er keine Ahnung, was überhaupt zwischen den beiden vorgefallen war. Jetzt aber galt es erst einmal, die verbleibende Zeit in diesem Fahrstuhl zu überstehen. Danach konnten sie noch immer Beziehungsprobleme wälzen. „Alles okay?“, fragte er sein Gegenüber. Theresa lächelte ihn an. „Geht schon wieder.“ Die letzten Momente hatten ihr gezeigt, wie wertvoll es war, Marc in ihrem Leben zu haben. Und dass dies wahrscheinlich ihre letzte Chance auf ein gemeinsames Glück war. Diese Erkenntnis erleichterte sie ungemein, was sich auch positiv auf ihr Herz auswirkte. „Trotzdem kommst du gleich erst mal mit ans EKG.“, antwortete er streng. Ergeben nickte sie. „Jawohl, Doktor Lindner.“ Sie wusste, dass sie gegen seine Vehemenz keine Chance hatte.
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