Der Geburtstag des alten Komponisten

KurzgeschichteSci-Fi / P6
13.05.2020
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Der Geburtstag des alten Komponisten


Marcel Joubert galt als der bedeutendste Komponist des 22. Jahrhunderts, obwohl er erst im fünften Lebensjahrzehnt die Öffentlichkeit, der er bis dahin nur als brillanter Dirigent bekannt gewesen war, mit seinen ersten eigenen Werken in Erregung und Begeisterung versetzt hatte. Seit er mit seiner ersten Sinfonie in c-Moll die totgeglaubte sinfonische Gattung mit neuem Leben erfüllt hatte, waren ihm noch sechs weitere Sinfonien, acht Klavierkonzerte, ein Trompetenkonzert, drei Opern (darunter eine furiose komische Oper voller beißendem Spott über den berüchtigten US-Präsidenten Donald Trump, der im frühen 21. Jahrhunderts gewütet hatte), ein weltliches Requiem und zahlreiche kammermusikalische Werke gelungen, und fast alle seiner Kompositionen galten als Meisterwerke.
Im Jahr 2197 stand nun der 80. Geburtstag Jouberts bevor, und bereits mehrere Wochen vor dem großen Tag, der auf den 23. August fiel, berichteten nicht allein die musikalischen Fachzeitschriften, sondern nahezu alle Medien ausführlich über das Leben und Werk des großen Musikers, wobei allerdings die Klatschreporter zu ihrer Enttäuschung feststellen mußten, daß es über Joubert nicht allzu viel zu berichten gab: weder hatte er uneheliche Kinder gezeugt noch Schulden in Millionenhöhe gemacht, niemand unter all den Musikerinnen und Musikern, mit denen er zusammengearbeitet hatte, wußte etwas Negatives über ihn zu sagen und von seinen noch lebenden Verwandten war nicht viel über ihn zu erfahren. Joubert hatte nie geheiratet und führte ein zurückgezogenes Leben in seinem Landhaus, das außer von ihm nur noch von seinem Butler, bei dem es sich um einen Androiden namens Maurice handelte, bewohnt wurde.

Am 23. August wurde es auf dem ansonsten so stillen Anwesen auf dem Lande ungewohnt lebendig, denn zahlreiche namhafte Musiker trafen ein, um dem Meister ihre Reverenz zu erweisen, und außer den Künstlern fanden sich auch noch mehrere Kritiker und überdies einige Reporter ein, die eingeladen worden waren, damit sie einige Bilder aufnehmen und ein paar Zeilen schreiben konnten.
Maurice begrüßte die Gäste im Empfangsraum und nahm ihnen ihre Jacketts ab, sofern sie überhaupt welche trugen, denn die Sonne schien intensiv und brachte die provenzalische Luft förmlich zum Glühen; daher erschienen auch fast alle Gratulanten mit geröteten und verschwitzten Gesichtern, und nur Maurice stellte mit seinem wächsernen, fast weißen Gesicht eine Ausnahme dar - er war auch (trotz des Fracks, den er trug) der einzige, der unter der Hitze nicht zu leiden hatte.
Die eintreffenden Gäste bemerkten erstaunt, daß sie bereits von vier Frauen in silbernen Gewändern erwartet wurden, die gerade damit beschäftigt waren, ihre Instrumente zu stimmen.
Maurice erklärte den Gästen würdevoll: „Wir freuen uns sehr darüber, daß die geschätzten Damen, die gemeinsam das Kempinsky-Quartett bilden, sich die Zeit genommen haben, das neueste Streichquartett des Meisters einzustudieren, dessen Uraufführung Sie in wenigen Augenblicken erleben werden.“
„Haben Sie das organisiert, Maurice?“ fragte daraufhin die einflußreiche Musikkritikerin Christina Takanashi.
Maurice bestätigte dies mit einer stummen Verbeugung, kam aber nicht dazu, verbal zu antworten, da eine brummige Stimme ihm zuvorkam, die nun sagte: „Natürlich hat er das. Ohne Maurice wäre ich nichts.“
Maurice drehte sich nun um und blickte mit einer für einen Androiden erstaunlich angespannten Miene zu Marcel Joubert, der soeben in seinem hellgrünen Seidenmantel, den er während der Morgenstunden gern zu tragen pflegte, den Raum betreten hatte. Joubert, dessen früher einmal braunes Haar mittlerweile weiß und sehr schütter geworden war, schien nicht besonders guter Laune zu sein.
„Ich habe dies gleich vermutet, als ich die werten Damen erblickt habe“, meinte nun Christina Takanashi, deren Haar (im Gegensatz zu dem des Jubilars) so kohlrabenschwarz war, daß niemand im Raum auch nur einen Moment lang daran zweifelte, daß sie schon lange ihre Haare färbte. „Schließlich kenne ich Sie und Maurice ziemlich gut.“
„Meine liebe Christina, Sie kennen weder mich noch Maurice wirklich“, entgegnete Joubert mürrisch. Maurice wirkte erstaunlich nervös und tauschte einige Blicke mit Joubert aus, der aber offenbar nicht vorhatte, noch mehr zu sagen und statt dessen die Glückwünsche der einzelnen Gratulanten der Reihe nach über sich ergehen ließ, wobei er von Zeit zu Zeit ein gezwungenes Lächeln aufsetzen mußte, wenn die anwesenden Reporter fotografieren oder filmen wollten.
Nachdem dieser Teil der Feier überstanden war, begann das Kempinsky-Quartett zu spielen. Die anwesenden Musiker lauschten den entrückten Klängen voller Ergriffenheit, während die Pressevertreter, insbesondere die Fotografen und Kameramänner, dem Vortrag mit sichtlich gelangweilten Mienen folgten.
Nachdem die letzten Töne unerhört zart verklungen waren, wurde das Quartett von den fachkundigen Zuhörern einhellig gelobt; Christina Takanashi rief voller Begeisterung aus: „Lieber Marcel, Sie gehören zu den seltenen Künstlern, die mit dem Alter immer noch besser werden!“
„Ach hören Sie doch auf, Christina“, versetzte Joubert mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Es wird Zeit, daß wir in den Salon gehen und unseren Kaffee trinken.“

Die Geburtstagsgesellschaft blieb noch anderthalb Stunden zusammen, während derer nicht nur viel Kaffee getrunken, sondern auch viel diskutiert wurde, wobei Joubert selbst beinahe am wenigsten zum Gespräch beisteuerte. Es war vor allem Christina Takanashi, die die Unterhaltung in Gang hielt; doch als die letzte Kaffeetasse ausgetrunken und das letzte Kuchenstück verzehrt war, geriet die Diskussion ins Stocken und erlahmte schließlich völlig, woraufhin die Gäste allmählich aufbrachen.
Maurice verabschiedete die Besucher am Hauseingang sehr würdevoll, und nachdem der letzte Gast gegangen war, sagte Joubert erleichtert: „Ein Glück, daß die endlich weg sind.“
„Ich hoffe, Sie waren mit dem Ablauf der Feier zufrieden?“ fragte Maurice.
„Nein, ich war natürlich nicht zufrieden! Du hast sicherlich allen Grund, zufrieden zu sein, schließlich hast du deinen Willen bekommen, aber ich bin ganz und gar nicht zufrieden. Du weißt, daß ich reden wollte, aber du hast mich abgehalten... Wieder mal. Eine verpaßte Gelegenheit!“
„Die Leute sind noch nicht reif für die Wahrheit.“
„Das sagst du jedesmal, Maurice. Als ich 70 wurde, hast Du es gesagt, und als ich 75 wurde, hast du es wieder gesagt, aber wann sollen die Menschen deiner Meinung die Wahrheit erfahren? Vermutlich, wenn ich tot bin... Ich will aber nicht mit einer Lüge sterben, und mir läuft die Zeit davon. Ich will nicht mit dem unverdienten Ruhm, der größte Komponist des Jahrhunderts zu sein, zu Grabe getragen werden, denn ich war immer nur ein guter Dirigent. Sicher, als du mir deine ersten Kompositionen gezeigt hast, war ich deiner Meinung - die Leute hätten sich deine wunderbaren Werke gar nicht erst angehört, da sie von einem Androiden stammten; also habe ich sie, auf deinen Wunsch hin, als meine Werke ausgegeben. Und das tue ich immer noch... Aber ist der Schwindel jetzt noch erforderlich? Deine Musik wird auf der ganzen Welt gespielt, Hunderte von Büchern sind darüber geschrieben worden - all jene Leute, die deine Werke in den Himmel gelobt haben, können sie doch nun nicht auf einmal schlecht finden, wenn die Wahrheit bekannt wird!“
„Das meinen Sie. Ich bin immer noch skeptisch.“
„Macht es dir denn gar nichts aus, daß du so gar keine Anerkennung für dein geniales Werk erfährst?“
„Das ist mir ziemlich gleichgültig. Mir ist wichtig, daß meine Musik gespielt und gehört wird!“
„Und wie stellst du es dir vor, wenn ich tatsächlich einmal sterbe? Willst du dann das Komponieren einstellen?“
„Ich könnte ja Werke im Nachlaß gefunden haben.“
„Oh wie reizend, auf mein Ableben hast du dich also auch schon vorbereitet! Ich finde, du bist im Unrecht, Maurice. Du verlangst von mir, als Lügner zu sterben, und dieses Opfer will ich nicht bringen!“
Joubert setzte sich an sein Klavier und begann ein wenig darauf zu spielen; es war ein ziemlich banales Stück.
„Was haben Sie da gerade gespielt?“ fragte Maurice.
„Das war“, erklärte Joubert nun grimmig, „das einzige Stück, das der angeblich größte Komponist des Jahrhunderts jemals selbst geschrieben hat!“
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