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Jung, nett - besessen

GeschichteMystery, Übernatürlich / P16 / Gen
12.05.2020
26.02.2021
23
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23.02.2021 1.858
 
Schlimmer hätte Hopes Prognose gar nicht ausfallen können, das stand für mich fest. Doch weiter nachhaken wollte ich genauso wenig, sodass ich beschloss, leise zu bleiben und Hope dabei zu beobachten, wie sie in ihren eigenen Welten abtauchte. Sachte fuhren ihre Fingerspitzen über die Gräser, es wirkte fast, als würde sie ein Zupfinstrument ohne Klänge spielen, doch das war dem Mädchen egal. Mit geschlossenen Augenlidern schnupperte sie an verschieden Blättern, Kräutern und Blüten, die uns umgaben, selbst die paar Steine, die hier und da die Erde zierten, wurden von ihr genauestens unter die Lupe genommen.
Nicht wenige der Objekte, die Hope mit größter Sorgfalt auseinandernahm, wurden anschließend in die kleine Seitentasche ihrer Lederjacke gesteckt, die offen über ihrem Körper hing. "Ich bin fasziniert von diesen Kräften der Natur. Sie gibt uns so wahnsinnig viel und entsprechend versuche ich, sie zu würdigen und zu lieben", summte sie, während sie einen Tannenzweig, den sie vom Boden aufgelesen hatte, über ihre Wangen strich. "Möchtest du auch mal, Chris?". Mit diesen Worten hielt sie den handlichen Zweig vor mein Gesicht und blickte mich aus sanften Augen mit einem geduldigen Lächeln an.
"Wogegen ist das denn?", fragte ich zunächst leicht skeptisch nach, streckte meine Hand aber bereits etwas aus. "Du kannst damit deine Haut reinigen, aber auch deinen Geist. Deine Seele von allen Sorgen und Ängsten befreien, von allem Schmerz, der sie quält", erklärte Hope, bewusst, was sie da sagte, mit keiner Spur an Unsicherheit. Der letzte Punkt überzeugte mich. Ein wenig unbeholfen ließ ich die dunkelgrünen Nadeln über meine Wangen gleiten und roch dabei zeitgleich die unverwechselbaren Düfte der Tanne. Ein wenig wie unser Weihnachtsbaum, nur irgendwie natürlicher, echter und intensiver. Aber nicht nur das überraschte mich positiv. Wie das Mädchen es absolut korrekt genannt hatte, meinte ich, mich danach deutlich entspannter zu fühlen. Eine innere Ruhe überkam mich und ich vergaß all die Dinge, die mich in der letzten Zeit aufgewühlt und belastet hatten.

Hope machte keine Anstalten, sich von diesem Ort wegbewegen zu wollen. Auch wenn der Platz hier doch sehr begrenzt war, stellte ich fest, dass dies überhaupt kein Problem darstellte. So hatte ich mich mit angezogenen Knien auf den primitiven Pfad niedergelassen, um Hope in ihren pathetischen Forschungen zuzusehen, während sie selbst auch kein Problem damit hatte, im hohen Gras zu liegen, das die Brünette wie ein Schutzschild umgab. Von dort aus blickte sie verträumt in die Baumwipfel, durch die einzelne Sonnenstrahlen fielen, die sich inzwischen gegen die graue Wolkenwand durchgesetzt hatten, und lauschte dem schwachen Wind, dessen mildes Rauschen ein unaufdringliches und sehr beruhigendes Geräusch verursachte. Selten hatte ich Hope so tiefenentspannt erlebt, nie im Leben konnte ich glauben, dass sie noch dazu in der Lage wäre, sich wieder in ein wortwörtlich fuchsteufelswildes Mädchen mit übernatürlichen Fähigkeiten zu verwandeln. Die Pentagramme, die während ihrer Anfälle ihre Arme und ihr Gesicht zeichneten, waren nicht mal annähernd zu sehen, keine Brandmale, keine Deformierungen, kein Blut.
Gerade, als ich davon ausging, dass Hope gar eingeschlafen war, erhob ich mich absichtlich so leise wie nur möglich und entfernte mich um ein paar Schritte von ihr, um meine Notdurft hinter einem Busch zu verrichten. Wäre dies neulich für mich noch undenkbar gewesen, gab es in meinem Kopf keinerlei Überwindungsschwierigkeiten mehr dazu, denn in diesem Wald fand ich die Ruhe, die Stille und die Reinheit, die ich zu Hause vor meinem Computer nie hatte finden können. Und all das hatte ich einzig und allein Hope zu verdanken, die mich wie selbstverständlich in ihr Leben aufgenommen hatte. Es war ganz anders als all meine bisherigen Freundschaften, ganz anders als die Mädchen in meiner Klasse. Hope passte einfach in keine Schublade und genau das mochte ich so an ihr. Und wenn ich ganz brutal ehrlich war, so hatten wir beide eigentlich niemanden mehr. Hope hatte nur mich und ich nur sie. Gänsehaut überkam mich bei dieser Feststellung und ich machte, dass ich wieder zu meiner Freundin zurückkehrte.
Als ich mich von dem Busch umdrehte, gefror mir augenblicklich das Blut in den Adern. Der Brombeerstrauch, der den Wegrand zierte und nur wenige Schritte von Hope entfernt seine Früchte trug, wies einen riesigen schwarzen Fleck auf seinen Ästen auf, was eben definitiv noch nicht der Fall war.

Mit einer unbeschreiblichen Panik in mir drehte ich mich zu Hope, die immer noch seelenruhig im Gras döste und von all dem nichts mitbekommen zu haben schien. Wer oder was war hier?
Ein Großteil der Blätter des Strauches wirkte, als hätte man einen Flammenwerfer auf höchste Stufe gestellt und diesen genau auf sie gerichtet, doch kein auffälliger Geruch ging von diesem aus. Der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten: Fußspuren von Schuhsohlen, die weder zu Hope, noch zu mir gehörten. Sie bahnten sich den engen Pfad entlang und endeten direkt vor der im Gras ruhenden Hope.
Mein gesamter Wohlfühlfaktor im Wald war mit einem Mal dahin. Wenn ich daran dachte, dass ein unsichtbares Wesen hier war oder sogar noch hier ist, das kurz davor war, sich Hope zu krallen, dann mussten wir hier weg. Und zwar sofort.
Mein Herzschlag drückte ungemütlich gegen meinen Brustkorb und mein Gehirn hatte keinerlei Kontrolle mehr über meine zittrigen und zeitgleich monotonen Bewegungen. Zu Hope hinunterzusehen ertrug ich kaum, aber ich sah mich gezwungen.
"Hope, Hope, bitte wach auf", probierte ich es auf die sanfte Art und Weise, ohne das Wagnis, sie zu berühren. Erreichen tat ich mein Ziel damit allerdings nicht. Ihr Atem hatte sich stark verlangsamt und nur ihr Bauch hob und senkte sich regelmäßig. "Na komm, du... du kannst nachher weiterschlafen", setzte ich meinen Versuch fort, die Beklemmung, die dabei in mir aufstieg, nahm mich immer mehr ein und ich fühlte mich beobachtet, sodass ich mich nicht traute, mich umzudrehen. Nun hielt ich es nicht mehr aus und griff nach ihrem Handgelenk, an dem ich das Mädchen hochzuziehen versuchte. Ächzend und mit dem Gedanken, jederzeit von meiner Angst und dem Auslöser davon überwältigt zu werden, nahm ich all meine Kräfte zusammen und riss Hope mit einem Ruck in eine halbwegs aufrecht Position, wobei sie die Augen aufriss und laut aufheulte. "Aaaaah!".
"Tut... tut mir leid, Hope", stotterte ich schuldbewusst und befürchtete kurz, ihr eine Zerrung zugezogen zu haben, "aber ich glaube, wir sollten lieber abhauen".
Hope brachte keinen Ton über die Lippen. Ihr Blick wirkte ähnlich verstört wie gestern, als ich sie in meinem Wohnzimmer aufgefunden hatte, bloß hatte sie damals wenigstens noch sprechen können. "Hattest du einen Alptraum?", fragte ich das Mädchen, das Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Auch wenn sie immer noch stumm blieb, war ich mir sicher, gedanklich ein Ja gehört zu haben.
Hope schien nicht nur gelähmt vor Angst, ich vermutete weitaus verheerendere Zustände, die ihr und uns bevorstanden. Doch noch ehe ich Hope stützen und somit aus dem Gras befördern konnte, spürte ich, wie eine unsichtbare Kraft meinen Griff von ihr löste, meine Hand schmerzte und brannte wie Feuer, während sich Hopes starre, hysterische Augen tief in mein Gehirn einbrannten. Beide wurden wir jeweils zurückgeschleudert, sodass sich der Abstand zwischen uns vergrößerte. Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, ehe ich wie ferngesteuert spritzend durch den Fluss rannte und von dort aus weiter über den Weg, den wir gekommen waren, in einem Tempo, das ich mir niemals zugetraut hätte, davonhechtete, war der dunkle, bedrohliche Schatten, der sich über ihr Gesicht gelegt hatte.

In meiner blinden Furcht hatten sich sämtliche Gedanken aus meinem Kopf verabschiedet. Warum musste sowas ausgerechnet hier passieren, an einem Ort, der so vermeintlich sicher schien und Hope in eine totale Ruhe hatte versetzen können?
Was nun dort, wo wir eben noch verweilt hatten, vor sich ging, wollte ich mir gar nicht erst ausmalen. Angetrieben von der Angst, in die grauenvollen Ereignisse dort im Wald mit hinein zu geraten, zischte ich über den allmählich menschlicher wirkenden Waldweg. Meine Schuhe hatten sich bei dem Überqueren des Flusses mit dessen süßlichem Wasser vollgesogen und bei jedem sprintenden Schritt vernahm ich ein kurzes Schmatzen von meinen Füßen aus.
Erst, als es längst zu spät war, gelang es mir, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Einen frustrierten noch dazu. Warum hatte ich Hope wieder im Stich gelassen? Warum war ich so feige, wieder abzuhauen und nur mich selbst in Sicherheit zu bringen? Sollte unsere Freundschaft vielleicht doch nicht sein? Würde es ihr ohne mich nicht ohnehin deutlich besser gehen? War ich eventuell sogar selbst Schuld an ihren ständigen Anfällen?
Nahezu kollabierend erreichte ich eine ländlich gelegene Straße, nachdem ich intuitiv eine vorhin übersehene Abzweigung nahm und ich die Bäume des Waldes hinter mir ließ. In der Gegend wohnte Martin, daran konnte ich mich noch schwach erinnern, sodass ich mir zumindest um meinen Orientierungssinn keinerlei Sorgen mehr machen brauchte.
Wenn ich Hope jedoch helfen wollte, musste ich sofort in den Wald zurück. Doch was, wenn ich mich wieder einmal selbst in Gefahr bringen würde? Langsam wunderte es mich sogar, dass ich überhaupt noch lebte, bei all den Dingen, die mir während Hopes Anfällen schon zugestoßen waren.
Schließlich entschied ich mich, wenn auch nicht unbedingt bereitwillig, den direktesten Weg in die Innenstadt anzutreten und mich dort irgendwie mit einer Waffe gegen die unbekannte feindliche Kraft auszurüsten, auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, wie ein Baseballschläger oder ein Hammer den Teufel vertreiben sollte.

Als wäre ich nicht nervlich schon genug beansprucht, begegnete mir in einer von Kastanien gesäumten Seitenstraße Martin, der offenbar gerade von der Schule nach Hause kam, seine Kumpels liefen lässig hinter ihm her und registrierten mich gleichzeitig. Verdammt, ich konnte nicht mehr ausweichen!
"Na, Bürschchen ohne Freunde, fein geschwänzt?", stichelte Martin, der bei näherer Betrachtung ein Kaugummi im Mund hatte und mir einen herablassenden Blick zuwarf. "Es ging mir nicht so gut", log ich, hoffend, dass sie es hinnehmen und sich verziehen würden. Doch zu früh gefreut.
"Nicht so gut...", wiederholte er bedrohlich ruhig und grinste mich wie ein Pferd an. "Gib' es zu, du bist auf der Jagd nach dem Horror-Mädchen!". Ich brachte nur ein krampfhaftes Räuspern heraus und brauchte einen Moment, um mich an das Ereignis auf der Schule zu erinnern, das sich natürlich unter allen Schülern herumgesprochen hatte. "Ähm... ja... richtig", formulierte ich meine mehr als zögerliche Antwort, die vom Klang her eher einer Frage als einer Aussage nahekam.
"Geil, das sind wir auch", erwiderte Martin, nun versöhnlicher. "Die Stadt hat nach dem Fund des toten Vogels spontan alle Bewohner dazu aufgerufen, sich an der Suche und den Vorbereitungen für ihre Teufelsaustreibung zu beteiligen", fügte nun Robert, einer seiner Freunde, hinzu. "Ich freue mich schon so darauf, diese Schlampe leiden zu sehen, Alter!", trompetete Ben, ein weiteres Mitglied der Clique.
So sehr mir diese Worte auch einen Stoß versetzen, so sehr bemühte ich mich darum, mich zusammenzureißen. "Oh... dann... dann sehen wir uns vielleicht später", überlegte ich und drängte mich endlich an der radikalen Gruppe vorbei, bloß ein hämisches Lachen meiner Mitschüler drang noch an mein Ohr.
In der Innenstadt angekommen verschlug es mir schließlich glatt die Sprache.
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