5 Jahre danach

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
12.05.2020
25.05.2020
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23.05.2020 1.341
 
Unruhig wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Die Matratze wirkt noch unbequemer als die letzten Nächte und meine Gedanken drehen sich nur um Till und meinen missglückten Entschuldigungsversuch von gestern. Ich ziehe meine Hand aus dem dicken Schlafsack hervor und greife zu dem Handy neben meinem Kopf. Der Bildschirm leuchtet mir hell ins Gesicht und ich reibe mir die müden Augen. Kurz nach sieben Uhr. Mir entkommt daraufhin ein leichter Seufzer, der anscheinend Nele leicht aus ihrem Schlaf holt, denn ich bemerke wie sie sich unruhig auf ihren Bauch dreht. „Martha? Du bist schon wach?“ „Ja, ich konnte die ganze Nacht nicht wirklich schlafen“, antworte ich ihr und gähne einmal. „Immer noch wegen Till? Du wolltest dich doch bei ihm entschuldigen.“ Nele wirft mir einen fragenden Blick zu, während sie sich aus dem violetten Schlafsack kämpft. „Hab ich ja auch! Aber er hat mir gar nicht erst zugehört“, meine ich und ein erneuter Seufzer entkommt mir. „Wo ist denn die Martha geblieben, die ich kenne? Die gibt nicht so schnell auf. Geh heute nochmal auf ihn zu, nach der Nacht hat sich die Lage doch sicher etwas entspannt.“ Ich stimme ihr nickend zu, ziehe mich schnell an und mache mich auf dem Weg zum Frühstück. Ausgerechnet heute bin ich auch noch mit Moritz zum Vorbereiten eingeteilt. Und genau dieser begrüßt mich jetzt auch mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht und schiebt sich ein Stück Apfel in den Mund den er für den Obstsalat kleinschneidet. Schweigend helfe ich ihm, während ich im Hintergrund Rike und Rosa betrachte, die verzweifelt nach ihren Badeanzügen zu suchen scheinen. Als Till gar nicht erst zum Essen erscheint, beginne ich mir wieder schreckliche Vorwürfe zu machen. Nele hat Recht. Ich muss meine Chance nutzen und ihn heute an unserem Strandtag nochmal auf unseren Streit ansprechen. Direkt nach dem Zähneputzen geht es auch schon los und nervös folge ich den anderen als letzte durch das kurze Waldstück. Unruhig spiele ich mit meinen Fingern der rechten Hand. Was, wenn er wieder abblockt? Was, wenn er meine Entschuldigung ablehnt? „Martha, kommst du gleich mit uns ins Meer?“, ruft mir Sibel zu, die schon Knöcheltief im Atlantik steht. Ich stelle noch kurz meine kleine Badetasche ab und keine fünf Sekunden später spüre ich das kühle Salzwasser um meinen Körper gleiten. Nach der kurzen Erfrischung nehme ich meine beste Freundin an die Hand und gehe auf den Strand zu. Leicht stupst sie mich mit ihrem Ellenbogen an. „Komm, geh einen Schritt auf ihn zu. Leg dich neben ihn. Er wirkt echt traurig, ich hab ihn so noch nie erlebt.“ Nele sieht mich auffordernd an. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und lege mein Badetuch neben ihn, genieße die Sonne die mir ins Gesicht strahlt und auch Tills Nähe, selbst wenn die Stimmung zwischen uns definitiv entspannter sein könnte. Man merkt einfach die Anspannung, die uns beide umgibt, als wären wir in einer Glaskugel gefangen, die wegen dem steigenden Druck zu platzen droht. Cäcilia greift sich neben uns noch eine letzte mitgebrachte Erdbeere und verschwindet zu den anderen ins Wasser. Nur noch Till, Nele, Hermann und ich liegen nun im warmen Sand. Mein Blick gleitet zu Nele auf meiner rechten Seite. Ich sehe sie bittend an. Die Blondhaarige versteht sofort, steht auf und schnappt sich den Ping-Pong-Ball und die zwei Schläger. „Spielst du mit mir ne Runde, Hermann?“ Dieser dreht sich auf die Seite, betrachtet Nele kurz skeptisch, stimmt dann aber zu. Die beiden entfernen sich schließlich auch von uns. Jetzt war ich alleine mit Till. Die Nervosität steigt, das Herz klopft mir bis zum Hals. Ich spüre meinen rasenden Puls, schließe deshalb kurz meine Augen und atme tief aus. Gerade als ich meinen Mund öffnen will, merke ich einen Schatten vor meinem Gesicht. Till ist aufgestanden und meint nur leise: „Ich geh spazieren.“ Überfordert blicke ich ihm nach, als er sich mit schleppenden Schritten entfernt. Soll ich ihm jetzt nachgehen? Oder soll ich ihn einfach erst später darauf ansprechen? Ich entscheide mich für das erste, aufschieben bringt jetzt auch nichts. Seufzend laufe ich dem Sportler hinterher. „Hey Till, jetzt warte doch mal!“ Ich bekomme sein Handgelenk zu greifen und dadurch ist es mir möglich ihn zum Stehen zu bringen. „Lass mich halt endlich mal in Ruhe Martha!“ „Nein ich lass dich jetzt sicher nicht schon wieder gehen! Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, dann kannst du mir vielleicht...“ „Martha, man! Du hast mich gestern echt verletzt!“, unterbricht mich Till wütend. Seine laute Stimme bringt mich aus der Fassung, aber nachdem ich begreife, was er da gerade gesagt hat, werde ich wieder ruhiger und mein Schuldgefühl breitet sich weiter aus. „Entschuldigung. Es tut mir wirklich leid, ich meins ernst. Du kennst mich doch, wenn ich mich angegriffen fühle, handle ich total impulsiv, sage Dinge die ich nicht ernst meine. Du weißt doch, dass es gelogen wäre, wenn ich jetzt sagen würde, dass du mir nichts bedeutest. Deine ewige Angeberei gestern hat mich einfach genervt, aber es war falsch von mir, was ich gesagt habe. Und ich habe wirklich nichts davon ernst gemeint. Man Till, ich hätte aber auch echt nicht gedacht, dass ich dich damit so verletze.“ Es tut gut, all das endlich auszusprechen. Ich bemerke, dass meine Hand noch immer sein Handgelenk fest umschließt, lasse sie vorsichtig nach unten gleiten, sodass sie auf seinem warmen, breiten Handrücken aufliegt. „Martha du kannst dir gar nicht vorstellen wie viel du mir bedeutest.“ Sein Blick streift kurz unsere Hände und landet dann auf dem Sand vor seinen Füßen. „Es macht mich einfach traurig, dass immer wenn wir uns gerade etwas annähern, sofort wieder zu streiten anfangen.“ Die ganze Situation scheint ihn wirklich sehr mitzunehmen. Und was ich dann tue, fühlt sich einfach nur gut an. Es fühlt sich an, als wäre es die einzig richtige Reaktion auf seine Worte. Vorsichtig mach ich einen Schritt nach vorne, umschließe seinen Hals mit meinen Armen und lege meinen Kopf auf seine Schulter, ziehe ihn in eine feste Umarmung. „Lass uns die Vergangenheit vergessen, es ist doch völlig egal, was früher war. Lass es uns ändern, besser machen. Besser als früher. Lass uns die Gegenwart genießen und uns auf die Zukunft freuen.“ Vorsichtig und sanft flüstere ich ihm diese Worte zu. Jede dieser Silben meine ich komplett ernst und das scheint auch er zu spüren, denn ich merke, wie er meinen Körper etwas fester an sich drückt. Ich löse mich aus der Umarmung uns sehe in seine blaugrünen Augen. Er grinst mich an. Ich grinse zurück. Ein einfacher Moment, der perfekter nicht sein könnte. Auf dem Weg zurück zu unseren ehemaligen Mitschülern zeichnet sich ein sanftes Lächeln auf meinem Gesicht ab. Ich fühle mich federleicht, das Gewicht, dass ich seit gestern auf meinen Schultern trug, ist abgefallen und ich kann mich jetzt nur auf unseren restlichen Tag am Strand freuen. Ich sehe noch Leni bei unseren Taschen sitzen, die total in Gedanken schwärmend zu Cäcilia starrt. Diese steht lachend im Wasser und unterhält sich mit Jona. „Leni? Kommst du mit ins Meer zu deiner heißen Freundin?“ Ich zwinkere ihr zu und sie läuft sofort schnellen Schrittes auf den klaren Ozean zu, nachdem sie mir ein Lächeln schenkt. „Die zwei hängen wirklich noch genauso aufeinander, wie vor fünf Jahren“, meint Till neben mir lachend und wirft sich in die nächste große Welle. Ich betrachte die beiden Mädchen noch kurze Zeit, sehe wie Cäcilia liebevoll durch Lenis Haare streicht und ihr einen sanften Kuss gibt. Ich freue mich wirklich riesig für sie, es scheint ja wirklich super zu laufen. Mein Blick schweift wieder ab zu Viktor, der gerade von einem breit grinsenden Till nassgespritzt wird. Er wirkt so befreit und glücklich und das ist es, was mich glücklich macht. Leise nähere ich mich den beiden, schleiche mich von hinten an Till heran und drücke ihn in einem unbemerkten Moment mit dem Kopf unterwasser. Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen, als er nach Luft japsend wieder an die Oberfläche kommt. In seiner Nähe fühle ich mich einfach so unbeschwert, so geborgen, so sicher.