Funktionsstörung

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18 Slash
Gestaltwandler
10.05.2020
23.05.2020
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23.05.2020 4.770
 
β Schmerz

„Gibt es denn wirklich keinen Anhaltspunkt?“ fragte sie nun schon das mindestens fünfte Mal, obwohl Herr Kodas Assistentin auch das fünfte Mal den Kopf vehement schüttelte. Die Assistentin, die kaum älter als achtzehn sein konnte, warf Lester einen mitfühlenden Blick zu und strich sich eine ihrer violetten Strähnen hinter das Ohr.

Das Mädchen war zierlich und arbeitete schon seit drei Jahren für Herr Koda. Frau Ille war als jüngste Absolventin der Akademie in die Geschichte Empyreums eingegangen und hatte sich ausgerechnet für den muffigen Keller der unangenehmsten Okys-Außenstelle entschieden. Ihre großen Augen lagen hinter ebenso großen Brillengläsern und schimmerten dunkelblau.

„Tut mir leid, Teamleiterin Lester, aber wir können anhand der Blutspritzer kein Motiv und auch keine Koordinaten herleiten. Sollten Sie jedoch Anhaltspunkte haben, dann müssen Sie mit dem Einsatzleiter zur Rettung des Soldaten Vidar sprechen. Herr Uri ist momentan nur sehr ausgelastet, es dauert also ein Weilchen, bis er Ihnen eine Antwort schickt“, erwiderte Frau Ille unnatürlich fröhlich.

Lester hätte ihr am liebsten das Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, aber dadurch erledigte sich die Arbeit der Beschauer auch nicht schneller. Gerade wollte sie auf dem Absatz kehrt machen, da öffnete sich hinter ihr die schwere Edelstahltür und Herr Koda trat ein. In seinen Händen trug er einerseits einen dicken Stapel irgendwelcher Aufbewahrungsbeutel für Beweismaterial, und andererseits eine dampfende Tasse Kaffee.

Er war ein komischer Kauz, aber dass er in der sterilen Umgebung der Beschauungstische auch nur irgendein Lebensmittel zu sich nehmen konnte, ließ Lesters Mund beinahe offenstehen. Sie kratzte sich am kahlgeschorenen Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Arbeitet hier auch mal irgendjemand?“ schnauzte sie ungehalten.

„Rund um die Uhr, Verehrteste. Es ginge sogar noch schneller, würden wir nicht ständig unterbrochen werden. Aber ich verstehe Ihre Situation, schließlich bin ich kein Unmensch. Möchten Sie auch einen Kaffee? Dann beantworte ich alle Ihre Fragen nach bestem Wissen und Gewissen“, erwiderte Koda seelenruhig und warf seinen Stapel Beutel auf einen Tisch an der Wand, sodass ein lautes Klatschen entstand.

„Herr Koda, uns läuft die Zeit davon. Vidar ist seit fast vierundzwanzig Stunden wie vom Erdboden verschluckt und wir wissen nicht das Geringste – nur dass er verschwunden ist!“ erwiderte sie immer noch aufgeregt und gestikulierte wild. Unbeeindruckt nahm Koda einen Schluck von seinem Kaffee und stellte die Tasse auf den Tisch zu den Beuteln, wo sie überschwappte und ihren Inhalt über sie vergoss.

„Unfassbar“, zischte Lester und stemmte die Hände in die Hüften. Herr Koda dagegen zuckte desinteressiert die Achseln und lehnte sich mit dem Steißbein gegen die Tischkante hinter sich, um die Arme nun auf seinem zerknitterten Hemd zu verschränken. „Warum sind Sie so verbissen bei der Sache, Frau Lester? Kennen Sie Herrn Vidar gut? Wenn er ein Freund von Ihnen ist, dann möchte ich mich natürlich für meine Grobheit entschuldigen.“

Lester seufzte, dann schüttelte sie den Kopf.

„Ich kenne Vidar nicht. Genau genommen habe ich gestern das erste Mal seinen Namen gehört. Es ist nur… Ein Mann verschwindet, während mein Team nur eine Etage über ihm eine Begutachtung durchgeführt hat. Waren wir zu blind, um den Reißer zu bemerken, der ihn verschleppt hat?“ raunte sie mit ein paar Unterbrechungen.

Sie fühlte sich wie eine Verräterin, wie eine unfähige Dilettantin. Würde sie von einem Reißer verschleppt, dann kümmerte sich hoffentlich jemand Fähigeres um die Suche nach ihr. Oder zumindest jemand, der einen gigantischen Reißer in seiner gefiederten Form bemerken würde. Es war unmöglich, dass er sich an ihnen vorbeigeschlichen hatte.

Und doch wusste niemand, wohin Vidar verschwunden sein könnte. Menschen verschwanden nicht ohne Grund. Es blieben immer Spuren zurück, sobald ein Reißer einen Menschen auslöschte. Immer. Es war Herr Kodas Aufgabe, diese Spuren in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen, um den Angreifer zu identifizieren.

„Sie haben Schuldgefühle, Frau Lester. Das ist eine Eigenschaft, die Sie sich als Soldatin unbedingt abgewöhnen sollten“, schnatterte Frau Ille so breit grinsend, dass ihre Augen beinahe geschlossen wirkten. Zu allem Überfluss setzte sie auch noch ein Glucksen hinterher, das Lesters Puls in die Höhe schnellen ließ.

In diesem Keller arbeiteten tatsächlich nur Verrückte.

„Sie haben also keine Informationen für mich?“ blaffte Lester absichtlich etwas gemeiner und ließ den Blick zwischen den beiden hin und her schweifen. Beide schüttelten sie den Kopf, setzten sich aber in Bewegung, um ihrer Arbeit nachzugehen. Mehr konnte auch Lester nicht von ihnen verlangen. Jetzt musste sie das nur noch Aaron beibringen.

Seufzend verließ sie den weiß gefliesten Keller in der Okys-Außenstelle im Osten des Ys-Bezirks. Das Gebäude hatte lediglich drei Stockwerke, in denen ausschließlich praktische Laborforschung an den Überresten der Reißer und Beschauungen durchgeführt wurden. Die Grundfläche des Gebäudes entsprach etwa zweitausend Quadratmetern.

Alle drei Etagen zusammen zählten also sechstausend Quadratmeter voller teurer Gerätschaften und Menschen in weißen Kitteln. Sowohl innen als auch außen dominierte die Farbe Weiß. Selbst die wenigen Grünflächen, die das Gebäude umringten, waren mit Pflanzen bestückt, die im Frühling weiß blühten. Auf der Frontseite leuchtete vierundzwanzig Stunden lang das große Wappen des Okys – eine weiße Schwertlilie, hinter der sich ein Schwert und ein Speer kreuzten.

Lester benutzte den Fahrstuhl, um sich ins Erdgeschoss bringen zu lassen. An der Empfangstheke sorgte sie dafür, dass ihr Verlassen des Gebäudes ordnungsgemäß aufgenommen wurde. Eine automatische Tür machte ihr den Weg frei, sodass sie in die kalte Abendluft treten konnte. Sie atmete einmal bewusst ein und sah in den grauen Himmel.

Bald sollte es das erste Mal schneien.

Schweigend stapfte sie zu ihrem Dienstwagen und lenkte ihn zur Okys-Zentrale, die im Herzen Empyreums, im Avalon, lag. Die Stadt war sauber, trotz dass etwa siebzig Millionen Menschen hier lebten – zumindest offiziell. Wie viele davon ein geheimes Doppelleben als Reißer führten, vermochte niemand zu sagen.

Empyreum war vor sechshundert Jahren von Pionieren gegründet worden, die diese Welt als ihre Heimat auserkoren hatten. In den Geschichtsbüchern gab es Fotografien von der Landschaft, die hier zuvor dominiert hatte. Ein Verfahren namens GeoDesign hatte die Bevölkerung dieser Gegend überhaupt erst möglich gemacht.

Reißer hatte es hier schon damals gegeben. Sie hatten sich bemüht, sich den zivilisierten Regeln der Menschen anzupassen, nachdem sie die Erlaubnis erhielten, sich in Menschen verwandeln zu dürfen. Ein Zugeständnis, das Lester ihnen nicht gemacht hätte. Zwar kannte sie den Anblick eines Reißers nur von Bildern, aber es war klar, dass den Biestern nicht getraut werden sollte.

Die meisten von ihnen entwickelten eine Flügelspannweite von mindestens zweieinhalb Metern, der bisher gemessene Rekord lag bei knappen fünf Metern. Ein Alpha, wie sich herausgestellt hatte. Die Pioniere hatten beobachtet, dass Reißer in Rotten zusammenlebten. Es gab verschiedene Familienverbände, die sich sogar zusammengetan hatten. Angeblich lebten davon noch welche im Urwald, der Empyreum umgab. Diese Gegend, die sie Iskien nannten, durfte ein Mensch nicht betreten.

Es gab immer einen Alpha, der die Rotte anführte und die Zügel in der Hand behielt. Dieses Verhalten war im Laufe der Jahre verlorengegangen, seit sich die Reißer wenigstens optisch den Menschen angepasst hatten. Mittlerweile taten sie sogar recht erfolgreich so, als wären sie Menschen. Das war das größte Problem an der Sache.

Hätten die Menschen ihnen nicht beibringen wollen, sich wie Menschen zu verhalten, dann würden sie jetzt nicht von Organisationen wie Kitsune aus dem Nichts bedroht werden können. Lester schnaufte einmal und schüttelte den Kopf, während sie den Verkehr um sich herum rudimentär im Blick behielt.

Nach etwa zehn Minuten Fahrt kam sie vor der Okys-Zentrale an, wo sie dem Wagen das selbständige Parken überließ. Ein Luxus, den es nur auf dem Zentralgelände gab, denn dort galten etwas andere Regeln als in der Öffentlichkeit.

Das Gebäude sah sehr viel eindrucksvoller aus als die Außenstelle, in der Herr Koda sein Dasein fristen musste. Die Zentrale besaß die Form eines sechsseitigen Prismas. Blicksichere Glasfronten ließen die Zentrale im Sonnenlicht glänzen. Umringt wurde das Gebäude von einer Treppe, die von allen Seiten von der Straße auf das Gebäude zu führte, und ein paar wenigen Grünflächen, auf denen ausschließlich Schwertlilien gepflanzt wurden.

Die Front der Zentrale wurde ebenfalls vom Okys-Wappen geziert. Ihr Blick blieb am Wappen hängen und Lester verlangsamte ihre Schritte Richtung Haupteingang. In den letzten Stunden hatte sie den Eindruck gehabt, dass sich niemand so richtig für das Verschwinden von Vidar interessierte. In der Zentrale war der Fall nicht mit 1er-Priorität versehen worden.

Sie fragte sich, ob das Verschwinden ohne Herr Kodas gründliche Arbeit überhaupt aufgefallen wäre. Man hätte ihn einfach für tot erklärt und dann vergessen. Dann tauchte das Bild des aufgelösten Kollegen aus der Digitalen Überwachung vor ihrem geistigen Auge auf. Sie kannte Aaron noch nicht lange und hatte erst vor einem halben Jahr das erste Mal mit ihm gearbeitet, um einen möglichen Verdächtigen durch die Stadt zu verfolgen.

Schnell schob sie den Gedanken zur Seite und betrat die Zentrale, um die zahlreichen Sicherheitsschleusen zu passieren. Das Innere des Gebäudes fiel ebenfalls durch die weiße Farbgebung auf und sie spürte die Anspannung mit jedem Meter, den sie hinter sich brachte, exponentiell anwachsen.

Lester stieg in den Fahrstuhl und nannte die fünfte Etage als Ziel. Der relativ kurze Weg dauerte dank ständig ein- und aussteigender Mitarbeiter geschlagene zehn Minuten, bis sie sich schlussendlich durch acht Menschen hindurchzwängen musste, um in den überfüllten Flur der Überwachungszentrale zu gelangen.

Zähneknirschend zog sie ihre Jacke zurecht und ging zielstrebig durch das Großraumbüro zu Aarons akkuratem Schreibtischplatz. Er war relativ klein und seine dunklen Haare standen wirr in alle Richtungen ab. Herr Aaron trug seine Krawatte meistens gelockert über einem weißen Hemd, dessen oberster Knopf geöffnet war.

Seine Nase war etwas knubbelig, ansonsten war er der unauffälligste Mensch, dem Lester jemals begegnet war. Würde sie ihn für eine Fahndung beschreiben, dann könnte sie lediglich die natürlichen Vorkommnisse an einem Menschen aufzählen – zwei Augen, zwei Ohren, dunkle Haare, etwas kleiner als der Durchschnitt.

Das war’s.

Aaron tippte gerade wie wild auf seiner virtuellen Tastatur herum und zuckte heftig zusammen, als sie sich mit einem Räuspern bemerkbar machte. Lester erhaschte nur einen kurzen Blick auf seinen Holobildschirm, den er absichtlich etwas verkleinert haben musste. Offensichtlich verbarg er etwas vor den Augen seiner Kollegen und Vorgesetzten.

„Was tust du da?“ fragte sie leise, um ihn nicht aus Versehen zu verraten. Sie musterte sein blasses Gesicht und fand, dass ihre Diskretion nur fair war. Er sah überarbeitet aus. „Nichts“, log er wenig überzeugend und ließ den Holobildschirm vollständig verschwinden, um sich übertrieben gerade hinzusetzen und sich zu ihr zu drehen.

„Du suchst ihn auf eigene Faust, hab‘ ich Recht?“ wollte sie noch leiser wissen und beugte sich zu ihm nach vorne. Aaron schüttelte vehement den Kopf, sodass seine wirren Strähnen noch etwas mehr durcheinandergerieten. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, sodass seine Knöchel weiß hervortraten. Gefährlich war er allerdings nicht.

„Es tut mir leid, Aaron“, brachte sie nach einer kurzen Pause geknickt hervor und seine Schultern sackten nach vorne. „Herr Koda hat noch keine neuen Erkenntnisse. Wenn ich dort noch einmal auftauche, dann drehen die mir den Hals um. Ich habe keine Berechtigung irgendwelche Fragen zu diesem Fall zu stellen“, erklärte sie missmutig.

Man hatte sie nicht mit der Ermittlung beauftragt, obwohl sie die erste am Fundort gewesen war. Nicht immer ging alles seinen rechten Gang. Vermutlich sollte dieser Fall nicht an die große Glocke gehängt werden, aber das könnte sie sich auch nur einbilden. Schließlich war das Okys eine durch und durch transparente Behörde.

„Weiß man wirklich gar nichts?“ hakte Aaron mit brüchiger Stimme nach und Lester nickte schweigend. „Scheiße“, spuckte er stimmlos aus und legte seinen Kopf in seine Handfläche. Aus einem merkwürdigen Impuls heraus ging sie vor ihm in die Hocke und streckte eine Hand nach seiner aus.

„Hey, hör zu. Ich werde nicht aufhören nach ihm zu suchen. Das solltest du auch nicht. Er ist noch irgendwo da draußen“, behauptete sie, ohne auch nur einen einzigen Beweis dafür zu haben. Außerdem könnte es eine dreiste Lüge sein, nur um ihn zu beruhigen. Was, wenn ihr bald offiziell untersagt wurde, nach Vidar zu suchen?

„Ich muss ihn finden, verstehst du? Er ist mein bester Freund“, schluchzte Aaron und hob den Kopf. Eine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel. Lester versuchte es zu unterdrücken, doch der Anblick brach ihr beinahe das Herz. Nicht jeder Mensch hatte den Luxus, jemand anderen seinen besten Freund zu nennen.

Schon gar nicht seit Kindertagen.

Aaron hatte einmal während des gemeinsamen Auftrags von seinem besten Freund erzählt und stolz erwähnt, dass sie sich seit zwanzig Jahren kannten. Aaron war gerade einmal achtundzwanzig Jahre alt und doch hatte er eine Bekanntschaft, die länger anhielt als die Hälfte seines Lebens. Lester konnte nicht anders, sie beneidete ihn ein bisschen darum.

„Herr Uri wird ihn finden. Das verspreche ich dir.“ Noch während sie diesen Satz aussprach, ärgerte sie sich maßlos darüber. Das war tatsächlich etwas, das sie nicht einhalten konnte. Würden sie überhaupt etwas von Vidars Überresten finden, dann würde seine Hoffnung zersplittern – und es wäre ihre Schuld.

***

Sein Dasein bestand nur aus Schmerzen und Dunkelheit. Das Atmen fiel ihm schwer und er konnte seine Augen nicht öffnen. Vidar fand nur mühsam zurück in sein Bewusstsein und hob den Kopf, der bis gerade reglos auf seiner Brust gelegen haben musste. Sein Nacken schmerzte, als er das Kinn hob und sich zu strecken versuchte.

Vidar konnte sich nicht bewegen. Panik flammte in ihm auf und er wollte aufspringen, um zu fliehen, doch seine Beine und seine Arme ließen sich nicht bewegen. Er rüttelte an seinen Fesseln und versuchte sich zu orientieren. Rasselnd atmete er durch den Mund, denn der Geruch seiner Umgebung widerte ihn an.

Konzentrier dich!

Bewusst spürte er seinen Körper und bemerkte, dass er auf einem Stuhl saß. Seine Hände waren auf seinem Rücken an der Stuhllehne festgebunden, seine Füße steckten ebenfalls in Fesseln, die wiederum an den Stuhlbeinen befestigt worden waren. Auf seinen Augen lag ein Stück Stoff – deshalb war es hier so dunkel.

Außerdem trug er scheinbar nur noch seine Hose und sein Shirt. Die schwere Ausrüstung und die Schuhe hatte man ihm abgenommen. Er versuchte etwas zu hören, einen Anhaltspunkt zu erhaschen, der ihm verriet, wo er sich aufhalten könnte, doch war es genau so still wie zuvor im stickigen Keller von Akroter Enterprises.

Stille und Dunkelheit.

Dunkelheit und Stille.

Dann ein Geräusch. Ein sanftes Klacken, dann noch eins. Das waren Absätze von Schuhen. Hohe Schuhe oder flache? Vidar drehte die rechte Gesichtshälfte nach vorne, um besser hören zu können. Sein linkes Ohr war immer noch angeschlagen, seit der laute Knall durch das ComNet gegangen war. Kurz bevor Ito und er-

Ito!

Erschrocken richtete Vidar sich auf und es zuckten Erinnerungen durch sein Bewusstsein, die ihm die Galle die Speiseröhre nach oben trieben. Er erinnerte sich daran, wie Ito vor seinen Augen zerfleischt und dann geköpft worden war. Wie er den Rücken des Reißers gesehen hatte, während der die letzten Reste von Yuri und Akkon herunterwürgte…

Vidar presste die Lippen aufeinander und sein Kopf zuckte hin und her, während die Schritte noch etwas näherkamen. Ein unaufdringliches Parfum drang in seine Nase, es hatte eine blumige Note. Vermutlich stand da gerade eine Frau neben ihm. War sie der Reißer, der ihn hergebracht hatte? Vidar wusste nicht, ob sich weibliche von männlichen Reißern in ihrer monströsen Gestalt unterschieden. Zwar hatte er alle relevanten Informationen in den Seminaren und Weiterbildungen gewissenhaft notiert, aber auf eine Situation wie diese hatte man ihn nicht vorbereitet.

„Du bist wach, wie schön“, sagte die Frau leise und ihre Stimme drang direkt in sein Ohr. Ihr seichter Atem fuhr über seinen Nacken und schickte eine Gänsehaut über seinen Körper. Er fühlte sich schutzlos. Vidar saß buchstäblich in der Falle, denn seine Entführerin könnte sich in jedem Moment in ein blutrünstiges Ungeheuer verwandeln.

Die Frau entfernte sich von ihm und eine Tür wurde geöffnet. Das Scharnier quietschte unangenehm laut und es näherten sich weitere Schritte, dieses Mal in deutlich weicheren Schuhen. Eine männliche Stimme hallte nun durch den Raum, sie war dunkel und bestimmt. „Herzlich willkommen, Herr Vidar. Ich muss mich gleich zu Beginn bei Ihnen entschuldigen, eigentlich hatten wir es auf einen x-beliebigen Teamleiter abgesehen, aber nun sitzen Sie hier. Manchmal wäre es tatsächlich besser, wenn man alles selbst erledigt, doch das Drama über unachtsame Untergebene kennen Sie sicher aus erster Hand.“

„Was wollen Sie von mir?“ hauchte Vidar und ärgerte sich darüber, dass er seiner Stimme keinen harscheren Klang verleihen konnte. Er gab es nur ungern zu, aber er fürchtete sich vor diesen Wesen. Vor allem fürchtete er sich, weil sie ihn leben gelassen hatten. Es musste einen Grund dafür geben und seine Fantasie drohte jetzt schon mit ihm durchzugehen.

Der Mann näherte sich ihm und blieb sehr nah vor ihm stehen – Vidar konnte nun auch ihn riechen, allerdings strömte der Fremde einen recht neutralen Eigengeruch aus. Höchstwahrscheinlich fiel er unter Menschen überhaupt gar nicht auf. Schweißperlen bildeten sich auf Vidars Stirn und sein Atem ging unregelmäßig.

„Sie haben Angst vor mir“, stellte der Mann nüchtern fest und bewegte sich erneut. Als er sprach, kam seine Stimme von unten. Er hockte nun vor Vidar und blickte vermutlich zu ihm hoch. „Eigentlich möchte ich nicht, dass Sie mich fürchten. Man hat es Ihnen aber eingebläut, als würde Ihr Leben davon abhängen. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich mag Menschen. Sie mögen uns auch, solange wir aussehen wie sie, uns kleiden wie sie, dasselbe essen wie sie. Meine Vorfahren haben sich einer fehlgeleiteten Ideologie und dem Rassenwahn der Menschen gebeugt, sich sogar optisch angepasst, damit sich die utopische Gesellschaft der Pioniere nicht beleidigt fühlen musste, sobald sie einen von uns zu Gesicht bekam. Und jetzt sitzen Sie hier, Herr Vidar, und müssen den Schlamassel ganz allein ausbaden.“

Trotz bäumte sich in ihm auf.

„Ich bin nicht allein. Das Okys-“, begann Vidar entschlossen, doch wurde er sofort unterbrochen, indem der Mann laut schnaufend aufstand und ihm über den Mund fuhr. „Das Okys interessiert sich einen Scheiß für Sie! Was glauben Sie, warum Sie schon so lange in meiner Gewalt sind? Wenn die wollten, hätten die Sie längst gefunden. Es muss schon ein scheiß Wunder passieren, damit Ihnen geholfen wird. Beantworten Sie meine Fragen, dann ist es schnell vorbei. Sie haben zwar keine höhere Sicherheitsfreigabe, aber vielleicht kennen Sie ja jemanden, der für Ihre derzeitige Position geeigneter ist.“

„Von mir erfahren Sie gar nichts!“ rief Vidar in einem Anflug von unangebrachtem Selbstbewusstsein und schon traf ihn der erste Faustschlag ohne Vorwarnung mitten ins Gesicht. Ein zweiter Schlag folgte und er hörte seine eigene Nase brechen. Ein dritter Schlag, ein vierter und er spuckte ein abgebrochenes Stück Zahn auf seinen Schoß.

Der Geschmack von Blut füllte seinen gesamten Mund, der Geruch penetrierte seine Nase. Ein metallisches Geräusch ließ ihn trotz der Schmerzen aufschrecken – das Schnappen einer Zange war zu hören. „Nun gut, dann eben auf die harte Tour, Mensch“, zischte derselbe Mann angewidert und stellte sich hinter Vidar, um die Zange unter den Fingernagel seines rechten Daumens zu pressen.

Mit unglaublicher Kraft wurde sein Daumennagel mit nur einem Ruck aus dem Finger herausgezogen. Vidar biss sich erst auf die Unterlippe, bis er dort aufgrund der scharfen Kante seines abgebrochenen Schneidezahns eine Fleischwunde erzeugt hatte, dann begann er hemmungslos zu schreien, bis seine Stimme versagte.

„Lauter, lauter! Vielleicht kommt dein heißgeliebtes Okys dann endlich! Du sitzt seit fast dreißig Stunden hier und wir haben noch keinen einzigen von euch Heuchlern in der Nähe gesehen“, rief nun der Mann. Seine Stimmlage hatte sich verändert, er klang wütend, ungehalten und sehr rau. So ähnlich hatte sich die Stimme seines Entführers als Reißer angehört.

Verwandelte er sich gerade?

„Das ist eine Lüge!“ hielt Vidar dagegen, obwohl er das gar nicht wissen konnte. Vielmehr war es ein Gedanke, an dem er sich festklammerte, um nicht aufzugeben. Der Schmerz in seiner Hand ließ ihn immer wieder ans Okys denken, als ob dadurch eine Meldung über das ComNet versendet werden könnte. Er dachte an Aaron und an sein Team.

Aaron

„Also ich frage dich jetzt etwas und du antwortest wahrheitsgemäß. Mehr verlange ich nicht. Dann lasse ich dich in Ruhe, versprochen“, behauptete der Fremde wieder sehr nah vor Vidars schweißbedecktem Gesicht. „Wer ist für die Ermittlungen zur Schwarzen Harpyie zuständig und wo kann ich ihn finden?“

„Es gibt keine Ermittlungen zur Schwarzen Harpyie“, erwiderte Vidar sofort.

„Es gibt keine Ermittlungen zur Schwarzen Harpyie?“ wiederholte der Mann spöttisch und stieß danach ein verwundertes „Hm“ aus. „Und ich dachte, ihr würdet euch die Finger nach dieser Abscheulichkeit lecken. Ihr Menschen seid doch so fasziniert von Absurditäten und grotesken Leichenfledderern.“

„Das ist nur ein Gerücht, niemand glaubt an ihre Existenz“, erklärte Vidar mit zittriger Stimme. Er versuchte tief einzuatmen, doch das Blut verstopfte mittlerweile seine Nasenlöcher. Die Atemzüge durch den Mund verursachten ein Stechen in der offenen Wunde in seiner Lippe.

„Scheißdreck“, hauchte der Mann entspannt und schritt wieder um Vidar herum, wo er die Zange mehrmals schnappen ließ. „Du verrätst mir jetzt, wer für die Ermittlungen zuständig ist. Deine Finger sollten dir doch was wert sein. Ich glaube dir nämlich nicht.“

Vidar schrie so lange, bis er keinen Ton mehr herausbekam. In der Zwischenzeit wurden ihm weitere sieben Fingernägel gezogen. Der Mann hatte mit gespielter Erschöpfung die Zange auf eine Metallplatte geworfen und war mit den Worten „Wir machen später weiter“ verschwunden. Auch die Frau war gegangen – jetzt war Vidar allein mit sich und seinen Schmerzen.

Irgendwann hörte er Geschrei und Lärm vor der Tür seiner Zelle. Eine Explosion erschütterte das gesamte Gebäude und wieder wurde er panisch. Was geschah da draußen? War etwa das Okys angerückt?

„Ich bin hier!“ schrie er, obwohl sein ausgetrockneter Hals schmerzte. „Ich bin hier! Helft mir!“ brüllte er aus voller Kehle, doch der Kampf wurde fortgeführt. Draußen hörte er das Gekreisch fliegender Reißer, die sich vom Gebäude entfernten. Vor der Tür ertönte ebenfalls ein Kreischen, dann ein Gurgeln und zuletzt der dumpfe Knall eines toten Körpers, der zu Boden fiel.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis er aufgrund einer Berührung heftig zusammenzuckte und um sich zu treten versuchte. „Ssssccchhh“, drang nur gedämpft zu ihm, während behandschuhte Finger sanft über seine rechte Wange Richtung Ohr streiften. Die Augenbinde wurde gelöst und Vidar riss die Lider auf, nur um eine angsteinflößende Fratze zu blicken.

Das starre Gesicht einer Maske, die einer schwarzen Harpyie glich, war genau vor ihm. Der Schnabel glänzte im Mondlicht, das dürftig durch das schmutzige Fenster hinter Vidar einfiel. Die Statur und Größe der Harpyie deuteten nicht auf einen Reißer hin, sondern auf einen Menschen. Oder auch einen Reißer in menschlicher Gestalt… Die Gestalt trug zwei Schwerter bei sich, deren Klingen beide mit Blut befleckt waren.

Vidars Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Er bekam kaum Luft und steigerte sich in die Panikattacke, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Sein letzter Gedanke kreiste um die Schwarze Harpyie, der er nun schutzlos ausgeliefert war…

***

Belial wusch seine Hände gewissenhaft in einem alten Waschbecken, über dem doch tatsächlich noch ein Spiegel hing. Zwar war die Oberfläche beschmutzt, doch reichte es, um sich selbst zu erkennen. Er sah aus wie einer dieser Menschen – das widerte ihn am meisten an. Er schnappte sich das Handtuch, das ihm ehrfürchtig von Kain entgegengehalten wurde.

Nun ja. Weniger Ehrfurcht, dafür mehr echte Angst.

„Was hast du mir da mitgebracht, Missgeburt? Ich sollte dich gleich in Stücke reißen, nur Ärger machst du mir“, fauchte Belial und holte aus, um Kains Gesicht mit scharfen Klauen zu beschädigen. Er hatte sich ausgerechnet das Aussehen eines rebellischen Studenten gegeben, das trieb Belial regelmäßig zur Weißglut.

„Es war dunkel da unten im Flur“, beteuerte Kain etwas weinerlich, da holte Belial noch einmal aus, doch duckte Kain sich unter seiner Pranke hindurch, nur um von Elemiah gepackt und in die nächste Ecke geschleudert zu werden. Die Augen unter der ausdruckslosen Theatermaske verfärbten sich vollständig schwarz und der Mantel Elemiahs wurde von seinen jäh auftauchenden Flügeln gelüftet.

„Beruhige dich, wir müssen uns konzentrieren“, schnauzte Belial und Elemiah ließ von seinem Vorhaben ab, doch nicht ohne Kain einen festen Tritt in die Magengegend zu verpassen. Dieser Wurm würde ihn eines Tages noch alles kosten, was er sich erarbeitet hatte. Kitsune funktionierte nicht, wenn sie ein faules Ei mitzuschleppen hatten.

„Sag das deinem Schläger, Boss!“ schnauzte Kain würgend am Boden und kassierte einen weiteren Tritt in den Bauch. Elemiah ließ endlich von Kain ab und ging zurück auf seinen Posten, um schweigend die Arme vor der breiten Brust zu verschränken. Das schätzte Belial am meisten an ihm – seit sie sich vor achtzig Jahren das erste Mal begegnet waren, hatte Elemiah noch kein einziges Wort verloren.

Im Gegensatz zu Kain, der die Klappe gar nicht zu bekam.

„Jungs, Jungs, bitte“, schnarrte Celaeno genervt und überschlug die Beine. Sie saß auf einem alten Drehstuhl und rauchte eine Zigarette. Ihr glattes schwarzes Haar fiel bis auf ihr Steißbein, doch wenn sie es zu einem Knoten band, würde man das nicht erahnen können. Ihre menschliche Gestalt wurde von den meisten als ‚hübsch‘ bezeichnet.

Belial musste einen Würgereiz unterdrücken. „Was machen wir jetzt, Belial? Er ist nur ein einfacher Soldat. Ihm würden sie als letztes mitteilen, wenn sich irgendjemand dazu herablassen würde, nach der Schwarzen Harpyie zu fahnden. Wenn wir ihn nicht als Spion einsetzen wollen, dann sehe ich keinen Grund, ihn weiter zu behalten“, führte sie aus und aschte ihre Kippe ab.

„Und ganz ehrlich – einen weiteren Spion beim Okys brauchen wir nicht. Davon haben wir wahrlich genug“, setzte sie augenrollend hinterher. Anfangs hatte sie sich nur schwerlich davon überzeugen lassen, dass die Zusammenarbeit mit Menschen an manchen Stellen unabdingbar war. Es war beinahe unmöglich, einen getarnten Reißer dort einzuschleusen, denn spätestens die Bluttests würden den Versuch auffliegen lassen.

„Deinen Handlangern ist nicht aufgefallen, dass es keine Ermittlungen zur Harpyie gibt? Leitest du ihnen überhaupt Aufträge weiter oder frisst du dich lediglich an ihnen satt, wenn dir langweilig wird?“ mahnte Belial absichtlich herablassend, denn er wusste, dass Celaeno sich darüber am meisten ärgerte und etwas mitteilsamer wurde.

Man musste jeden zu packen wissen.

Das Manöver zeigte sofortige Wirkung. Celaeno erhob sich, warf den Zigarettenstummel achtlos auf Kain und ging auf Belial zu. Das Geräusch ihrer lächerlichen Stöckelschuhe ließ ihn freudlos auflachen – alles an ihr sah falsch und aufgesetzt aus. Wenn man sie für künstlich hielte, dann wäre das keine Überraschung.

Die Wut schien sie allerdings vergessen zu lassen, dass sie in ihrer kleineren Menschengestalt vor ihm stand. Ihre Augen verschwanden hinter tiefer Schwärze und ihre Zähne wurden spitz. Weibliche Reißer hatten ihren ganz eigenen Charme, waren sie doch beinahe maßlos aggressiv und häufig größer als die meisten männlichen Exemplare.

Sie waren liebevolle Mütter, aufmerksame Jägerinnen und fürsorgliche Kümmerer, aber man sollte nicht für ihre Wut verantwortlich sein. Sonst war man tot.

„Meine Spione sind alle nur kleine Lichter beim Okys, wie du sicher weißt. Warum fragst du nicht deine Freunde, ob sie uns weiterhelfen?“ fauchte sie ungehalten und stieß ein schepperndes Knurren aus, das Belial dazu veranlasste, sich nicht zu schnell zu bewegen. Celaeno unterstützte das Vorhaben Kitsunes, doch sie war auch eine Egoistin.

„Das-“, setzte Belial an, doch wurde er von einem lauten Kreischen unterbrochen. Sie alle blickten gleichzeitig in dieselbe Richtung, während ein zweites Brüllen durch das Gebäude hallte. Belial hatte mindestens fünfzehn Reißer an potenziellen Eingängen zum Gebäude platziert, die eigentlich Alarm schlagen sollten, sobald sich etwas tat.

Bevor einer von ihnen reagieren konnte, fuhr eine Erschütterung durch die Wände, den Boden und schließlich durch ihre Körper. Eine Explosion übertönte das Gekreische der fliehenden Wachleute, die sich aus den Fenstern in die Nachtluft schwangen, um ins obere Stockwerk zu fliegen, in dem sich Belial und die anderen aufhielten.

Als erste steckte Ruha ihren gefiederten Kopf durch das Fenster, das sie mit dem Schnabel zersplittern ließ. „Sie ist hier!“ schnarrte sie und wartete, bis Belial auf ihren Rücken geklettert war. Celaeno folgte ihm und gemeinsam stiegen sie in die kalte Luft, während Elemiah eigenständig davonflog. Belial drehte den Kopf zurück zum Gebäude.

Elemiah war allein geflohen, Kain versuchte gerade aus dem Fenster zu klettern, doch wurde er plötzlich zurück ins Innere gezerrt. Jemand trat an das Fenster und Belial sah zwei Schwertklingen im Mondlicht blitzen. Da stand sie – die Schwarze Harpyie. Das letzte, das Belial erkennen konnte, bevor Ruha sie außer Sichtweite getragen hatte, war Kains verfrühter Tod.

Der Kopf des rebellischen Studenten wurde vom verwandelten Reißerkörper getrennt, dann waren sie zu weit weg. Um Kain tat es Belial nicht besonders leid, doch er spürte das erste Mal seit langer Zeit wieder etwas, das man als Nervosität bezeichnen könnte. Bisher hatte es niemand mit einem ausgewachsenen Reißer aufnehmen können, nicht einmal, wenn dieser in seiner menschlichen Tarngestalt kämpfte.

Niemand, bis auf die Schwarze Harpyie – woher auch immer sie kam und wem auch immer sie sich verpflichtet fühlte. Es war an der Zeit, dass ihr anonymer Informant beim Okys mehr Details rausrückte. Wenigstens wusste Belial jetzt, wie dieser Bastard aussah. Beim nächsten Mal würde er sich nicht überraschen lassen.
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