Perfect Blood

von Nakkita
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
10.05.2020
23.05.2020
3
12.952
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23.05.2020 3.843
 
Da Kasmar mich bittet, ihm bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen, haben wir nun in der Küche endlich einen unbeobachteten Moment zusammen und können uns ungestört unterhalten, während Aurel nebenan im Wohnzimmer auf dem riesigen Flatscreen eine Nachrichtensendung ansieht.
"Du kommst auch aus dem mittleren Stadtring?", wiederhole ich verblüfft und mustere Kasmar fragend.
Ich habe schon mal gehört, dass es Bewohner aus dem Mittelbezirk gibt, die unter bestimmten Auflagen im Stadtkern arbeiten dürfen, aber ich habe noch nie einen solchen Menschen persönlich kennengelernt.
"Ja. Menschen wie wir dürfen hier die Drecksarbeit machen", flüstert Kasmar. "Die Desinfektionstrupps, die die Städte klinisch rein halten, die Haushaltssklaven und Putzkolonnen, die Chauffeure, die Kanalarbeiter, die Müllabfuhr… Alles, womit sich die feinen Goldies die Finger nicht schmutzig machen wollen, wird von unsereins erledigt. Die Jobs werden kaum besser bezahlt als die Jobs in den Mittel- und Außenbezirken, aber man muss schuften bis zum Umfallen. Und es ist nicht leicht, an so eine Stelle ranzukommen. Man darf in der Zeit, in der man hier arbeitet, nicht zwischen den Bezirken hin- und herwechseln. Ich arbeite immer 10 Monate hier, um Geld für meine Familie zu verdienen und 2 Monate lebe ich dann bei meiner Frau und meinen Kindern im Mittelbezirk. Es ist hart, sie so lang nicht sehen zu dürfen…"
Ich erinnere mich an die Drohung, die Aurel ausgesprochen hat: "Könnte Aurel denn wirklich dafür sorgen, dass deine Familie herabgestuft wird und in den Außenbezirk ziehen muss?"
Kasmar lacht bitter auf. "Er ist ein Goldie. Er kann alles machen, was er will."
Sie haben also tatsächlich so viel Macht…
"Hast du Familie?", will Kasmar wissen.
Ich schüttle den Kopf. "Meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Und meine Mutter ist vor 4 Jahren an Garlandia gestorben. Geschwister habe ich keine."
Kasmar nickt verständnisvoll. "Das tut mir leid. Aber das Gute daran ist: Du hast nichts zu verlieren. Aurel kann dir mit nichts drohen."
Doch, denke ich angespannt, er könnte Zach wehtun. Das würde mir das Herz brechen. Aber ich erwähne meinen besten Freund lieber nicht. Kasmar wirkt freundlich, aber ich weiß nicht, ob ich ihm hundertprozentig vertrauen kann. An diesem fremden Ort muss ich vorsichtig agieren.
Anschließend erklärt Kasmar mir die Ordnung in der Küche, er zeigt mir, was in den dutzenden Schränken verstaut ist, die Kochtöpfe und Gewürze, das Alltagsgeschirr, das Gästegeschirr, das Geschirr für edle Anlässe, die Desinfektionsstationen und Hygieneregeln für die Bediensteten.
Als das Bœuf Bourguignon fertiggeschmort ist, öffnet Kasmar eine Schublade, die er mir bisher nicht erklärt hat. Sie ist voller Tablettenschachteln. Er holt einige Blister hervor, mörsert ein halbes Dutzend Pillen und rührt das Pulver unter die Soße.
"Was machst du da?", frage ich vorsichtig.
"Meister Aurels Medikamente. Keine Sorge, du musst dir darüber keine Gedanken machen. Ich bin der Koch des Haushalts, ich kümmere mich darum, ihm seine täglichen Rationen zu verabreichen."
Ich wüsste zu gern, was das für Medikamente sind, aber Kasmars ausweichende Antwort lässt mich ahnen, dass ich darüber nichts erfahren darf.
Bevor wir den Speisesaal betreten, müssen wir uns nochmal fachmännisch an der kleinen Desinfektionsstation die Hände oder besser gesagt die Handschuhe der Schutzanzüge reinigen.
Wozu dieser ganze Aufwand mit der Desinfektion? Die Goldies sind immun gegen das Garland-Virus. Oder halten sie die Leute aus den äußeren Bezirken wirklich für so dreckig und verseucht mit unterschiedlichsten Krankheiten, dass sie kein Risiko eingehen wollen?
Kasmar serviert das Gericht und ruft Aurel herbei, der aus dem Wohnzimmer geschlendert kommt.
"Welchen Wein darf ich Ihnen anbieten, Meister?", fragt Kasmar unterwürfig. Er kann perfekt in die Rolle des folgsamen Dieners wechseln, obwohl er zuvor in der Küche über die Goldies gelästert hat. Für seine Arbeit hat er sich sicherlich ein zweites Gesicht angeeignet, um all das aushalten zu können. Ich bin schon nach einer Stunde mit Aurel fix und fertig. Wie soll ich ein Jahr in dieser Hölle überstehen?
"Den Brunello di Montalcino von 2013", fordert Aurel und setzt sich. Er atmet tief ein und schließt die Augen, als ihm der Duft des köstlich riechenden Schmorgerichts in die Nase steigt. Der Schwung seiner Nase erscheint mir markant und einprägsam, aber vielleicht kommt mir das nur so vor, weil ich in meinem Leben kaum eine entblößte Nasenform gesehen habe.
Kasmar verschwindet kurz, kehrt dann mit einer Weinflasche zurück und schenkt Aurel ein.
Aurel hebt das bauchige Kristallglas an und schwenkt es nachdenklich in der Hand, während sich sein Blick langsam auf mich richtet.
"Als die Trauben dieses Weins in der Toskana an der Rebe reiften, hatten die Menschen keine Ahnung, was ihnen bevorsteht. Ihre kleinen, bedeutungslosen Existenzen kreisten nur um sich selbst. In der hintersten Ecke ihres Bewusstseins gab es nur ein vorsichtiges Stimmchen: Irgendwann in ferner Zukunft könnte wieder ein Krieg kommen, das Klima wird sich wohl verändern, vielleicht werden wir ein paar Ernteausfälle und Hungersnöte haben. Damit werden dann unsere Enkel oder Urenkel zu kämpfen haben, aber wir nicht, nein, wir nicht. Und nun, 40 Jahre später liegt unsere Welt in Trümmern und hier in meiner Wohnung steht eine Ratte, die nicht einmal versteht, wovon ich spreche. Was ich da erzähle, ist so fern von deiner Lebensrealität, als kämen wir aus unterschiedlichen Jahrtausenden. Du hast nicht einmal eine Vorstellung von der Toskana, von Italien, vom Konzept des Auslandes, von Reisen, von Kriegen oder Klimakrisen oder von irgendeiner Form von Freiheit. Früher haben die Menschen zum Freizeitvergnügen fremde Kontinente bereist, Weltmeere überquert und den ganzen Globus umkreist. Und heute hält es der Staat und deine Schule für das größte Privileg, dass du eine innere Stadtgrenze überschreiten darfst. Sie schicken dich her, damit du hier "Freiheit" sehen sollst. Dass ich nicht lache. Es gibt hier für dich nichts zu sehen."
Er leert den Wein in einem einzigen Zug und nimmt dann sein Besteck auf, um sich über das Essen herzumachen. Mit einer Mischung aus Ekel und Faszination beobachte ich ihn beim Essen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals jemanden so frei essen gesehen zu haben. Wenn man bedenkt, wie viele Viren und Bakterien über den Mund übertragen werden, dann ist Essen eigentlich eine ganz schön obszöne Sache… Man schiebt sich Nahrungsmittel in dieses dunkle, nasse Loch, wälzt es mit dem feuchten Zungenlappen hin und her und zermalmt es mit seinen Reißzähnen.
Ich starre auf seine Wange, wo sich die Kiefermuskeln unter der Haut kraftvoll anspannen, während er kaut. Gelegentlich blitzen die schneeweißen, scharfen Eckzähne unter seinen schmalen, rosafarbenen Lippen auf. Mir war nie bewusst, wie viele Dinge unter den Masken vor sich gehen… Meine Mutter hat immer gesagt, die Augen sind der Schlüssel zur Seele. Aber wenn man sein Leben lang nur halbe Gesichter sieht, unterhalb des Nasenrückens abgeschnitten, dann wird man den Anblick zusammenhangloser, immer gleicher, kraftloser Augen überdrüssig.
Mir scheint, aus diesen Wangen und ihren gespannten oder erschlafften Muskeln, diesem Nasenbogen und diesen Lippen kann man viel mehr lesen. Eine ganz neue Welt voller Ausdruckskraft, die mich aber im ersten Moment überfordert.
Es wird lange dauern, bis ich mich an diese nackten Gesichter gewöhnen kann.
Als Aurel satt ist, fährt er sich mit der Zunge über die Lippen, um die letzten Reste der Bratensoße abzuwischen. Eine beiläufige Tat, die mich erschaudern lässt. Zunge, Lippen, Hände – das sind die verbotensten, schmutzigsten Körperteile. Uns wurde in der Schule ständig beigebracht, wie widerlich und dreckig sie sind und dass wir sie von uns selbst und von anderen so fern wie möglich halten sollten. Aber hier im Stadtkern macht sich darüber niemand Gedanken, alles wird offen gezeigt…
Nachdem Kasmar das Geschirr abgeräumt und gespült hat, endet seine Schicht, doch er wirkt unschlüssig. Er wendet sich an Aurel, in einem letzten Versuch, mir zu helfen: "Meister Aurel, soll ich den Jungen mitnehmen und mich um seine Unterbringung kümmern?"
Aurel sitzt auf dem Sofa und schüttelt den Kopf, er hat sich die Flasche Wein unter den Nagel gerissen und gießt sich mittlerweile selbstständig sein Glas ein, füllt es immer wieder aufs Neue. "Die Ratte bleibt noch ein Weilchen bei mir."
"…Sie lassen Jay hier übernachten?", hakt Kasmar skeptisch nach.
"Wo denkst du hin?", spottet Aurel. "Als würde ich solches Ungeziefer über Nacht in meiner Wohnung dulden. Jetzt geh endlich, ich habe genug von dir für heute."
Und so muss sich Kasmar schließlich geschlagen geben. Er wirft mir noch einen langen, mitleidigen Blick zu, ehe er mich zurücklassen muss. Zur Verabschiedung gibt er mir ein Zeichen, er ballt die Hand zur Faust und öffnet sie wieder, ein kleines Winken unter dem Radar.
Als Kasmar hinter der Desinfektionskammer im Aufzug verschwunden ist, bin ich ganz allein mit Aurel und betrachte den Hausherren fragend. Was erwartet mich jetzt? Er hat gesagt, ich darf nicht übernachten, aber er hat auch nicht zugelassen, dass Kasmar sich um meine Unterbringung kümmert. Wo werde ich die Nacht verbringen? Nach all den menschenverachtenden Kommentaren von Aurel habe ich das Gefühl, ich werde diese Nacht vielleicht gar nicht überleben. Es widerstrebt ihm zutiefst, dass ich hier bin. Vielleicht wird er mich einfach verschwinden lassen… Wer würde mich schon vermissen? Aurel hat Kasmar gedroht, er würde seine Familie herabstufen lassen. Jemand mit so großer Macht kann auch einen hilflosen, verwaisten Oberstufenschüler problemlos verschwinden lassen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.
"Komm her zu mir", sagt Aurel und seine Stimme klingt ein wenig ruhiger und gemäßigter, jetzt, da Kasmar fort ist. Er scheint sich endlich zu entspannen, aber ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht für mich ist.
Meine Gliedmaßen fühlen sich eingerostet an, aber ich komme zu ihm, wie er es von mir verlangt. Ich halte drei Meter Abstand zu ihm, stehe verloren vor der Sofalandschaft herum und blicke in seine Augen, wartend auf weitere Anweisungen, wie es wohl von einem guten Diener erwartet wird.
"Hast du jemals einen Perfect Blood mit eigenen Augen gesehen?", fragt Aurel und trinkt einen großen Schluck Wein.
"Nein", antworte ich und meine Stimme ist nur noch ein verängstigtes Flüstern, meine Blicke huschen zwischen all seinen außergewöhnlichen Körpermerkmalen hin und her, die goldenen Augen, die nackten, gepflegten Hände, der Schwung der Lippen…
"Komm näher", fordert Aurel und lockt mich mit seinem Zeigefinger.
Verunsichert rücke ich näher, Zentimeter für Zentimeter. Erst nennt er mich "Ratte", ekelt sich schon vor meinem bloßen Anblick und hält mich für schmutzig, obwohl ich heute gut ein halbes Dutzend Desinfektionsvorgänge durchlaufen habe – und dann will er, dass ich näher herankomme? Das kann nur einer seiner grausamen Scherze sein… Er genießt es, Menschen zu verunsichern, das spüre ich. Und wie soll man sich einem solchen Menschen gegenüber verhalten?
"Weshalb so zaghaft? Bist du nicht hier, um mir ein Diener zu sein? Dann diene mir und tu, was ich dir sage!", grollt er ungeduldig und da wird mir klar, dass er es wirklich ernst meint. Er deutet auf einen Platz neben sich, aber nicht auf dem Sofa, sondern davor. "Knie dort nieder und leg deine Maske ab."
Ich tue, was er sagt. Was soll ich sonst tun? Ich habe keine andere Wahl… Als ich vor dem Sofa kauere, ist mein nacktes, maskenloses Gesicht nur etwa dreißig Zentimeter entfernt von seiner linken Hand, die er gelassen auf dem dunkelgrauen Stoff der Couch abgelegt hat. Ich beobachte die langen Finger mit einer Mischung aus Furcht und Faszination. Finger sind so gefährlich und zugleich so hübsch und beweglich, sie erinnern mich an eine exotische Giftspinne, tödlich und doch wunderschön.
Ich halte den Atem an, als ich mir die verbotene Nähe bewusst mache. Dreißig winzige Zentimeter. In meiner Welt müssten wir mindestens fünf Mal so weit voneinander entfernt sein, um unsere Sicherheit und unser Wohlbefinden zu garantieren.
"Du starrst ohne Unterlass auf meine Hände", murmelt Aurel und hebt die Augenbrauen.
"Es tut mir leid… Der Anblick ist mir fremd…"
"Was denkst du darüber?" Er streichelt mit seiner rechten Hand über seine linke und mir wird mulmig zumute, als ich die Berührung sehe. Hand an Hand, Finger an Finger…
"Sie sind schön", gestehe ich leise.
"Dann solltest du ihnen angemessen huldigen", drängt Aurel und breitet seine linke Hand vor mir aus wie einen Fächer, hält sie ganz nah vor mein Gesicht und wieder wage ich es nicht, zu atmen. Eine Aura von Tod umspannt dieses wohlgeformte Gebilde aus Haut, Fleisch und Knochen…
"Was zierst du dich? Denkst du etwa, meine Hände wären schmutzig?"
"Nein, natürlich nicht, ich… M-meister, was… was wollen Sie von mir? Was soll ich tun?"
"Nimm sie in den Mund", fordert er mit heiserer Stimme und ich traue meinen Ohren kaum.
Entgeistert starre ich ihn an und seine goldenen Augen funkeln mir hypnotisch entgegen.
"Wovor fürchtest du dich? Du bist doch in der "perfekten" Welt gelandet, nicht wahr? So haben sie euch diese kleine Reise in den Stadtkern doch verkauft, hm? Jetzt kannst du endlich all das tun, was die Menschen früher getan haben, als man sich noch nicht um Viren sorgte. Du kannst alles berühren und küssen und ablecken…"
Von Neugier und der Last des Befehls getrieben, neige ich mein Gesicht hinab zu seiner Hand und berühre sie mit geschürzten Lippen, ein keuscher Kuss. Wilde Schauer jagen durch meinen Körper. Berührungen und Küsse, so verboten und verteufelt… Als mich keine göttliche Strafe in Form eines Blitzschlages trifft, spüre ich etwas Merkwürdiges in meinem Inneren, etwas Unaufhaltsames gerät ins Rollen. Eine versiegelte, menschliche Gier, die einst so natürlich war und heute als sündig gilt, wird entfesselt…
Ich nehme den kleinen Finger neugierig in den Mund und ertaste ihn mit meiner Zunge. Er ist so weich… Meine Hände sind ganz rau und abgescheuert von der jahrelangen Behandlung mit minderwertigen Desinfektionsmitteln, aber diese Finger sind zart wie Butter, sie riechen nicht nach Chemie, sondern nach Vanille und sie schmecken süß…
"So ist es gut…", schnurrt Aurel.
Meine Zungenspitze gleitet über den Nagel, diese kleine harte Platte an der Fingerspitze, deren Zweck ich noch nie verstanden habe. Sie fühlt sich glatt und perfekt geformt an, er hat sie poliert und gefeilt. Meine Nägel hingegen sind zersplittert, kurz und matt…
"Stell dir vor, du würdest dich jetzt mit einer Krankheit anstecken. Wäre das nicht eine goldige Ironie?", säuselt er. "Das Garland-Virus kann mir nichts anhaben, aber ich könnte es dennoch an meinen Händen tragen. Und du könntest es in dieser Sekunde von diesen Fingern saugen, die dir so sehr gefallen…"
Ich weiche zurück und werde blass. Für eine Sekunde habe ich mich gehen lassen, aber diese bittere Gewissheit schwebt immer über uns allen: Jede Berührung könnte uns teuer zu stehen kommen. Nur die Goldies nicht.
Aurel lacht amüsiert, als er den erschrockenen Ausdruck auf meinem Gesicht sieht: "Was für eine köstliche Vorstellung, wie das tödliche Virus in dein System sickert und deine jungfräulichen Zellen vergewaltigt, die du dein Leben lang so panisch zu beschützen versucht hast. Ausgerechnet jetzt, da du in deiner perfekten Welt voller Freiheit angekommen bist… Was für eine Schande, nicht wahr?"
Diese Welt ist nicht perfekt, selbst im Stadtkern. Das hat mir Aurel eindrucksvoll bewiesen. Das ist es, was er mir die ganze Zeit mit seinem widerwärtigen Verhalten zeigen will. Aber was will er damit erreichen? Zieht er einfach nur ein krankes Vergnügen daraus, seine Sklaven zu demütigen und zu verspotten?
"Ratte, schau mich an", fordert er kühl und wird wieder ganz ernst. Ich schaue ihn an, schaue in diese goldenen Augen, die ihn so stark von uns und von allen anderen abheben. "Denkst du wirklich, dieser Ort wäre perfekt? Wenn dir jeder Mensch auf der ganzen Welt immer wieder sagt, der Himmel wäre grün, würdest du ihnen irgendwann glauben und ignorieren, was du am Horizont erblickst?"
Voller Selbsthass erinnere ich mich an meine naive Freude über das "Praktikum" im Stadtkern. Jahrelang hat man uns die schillernde Gesellschaft der Goldies als utopischen Köder vor die Nase gehalten, jahrelang hat man die Immunen vergöttert und beneidet. Aber als wir heute morgen an die Grenze gekommen sind und die Frau ohne Prozess und ohne Gnade auf offener Straße erschossen wurde, hat sich alles verändert…
"Nein, der Himmel ist nicht grün. Und diese Welt ist nicht perfekt", presse ich hervor.
"Wie schön. Dann haben wir beide etwas gemeinsam. Wir interessieren uns mehr für die Wahrheit als für die Illusion."
Aurels Antwort überrascht mich. Schließlich genießt er als Goldie hier tatsächlich den Luxus einer perfekten, virenfreien Welt. Was genau passt ihm nicht? Was fehlt ihm? Ich bin wohl noch nicht lange genug hier, um das verstehen zu können.
Während ich mit tausend unausgesprochenen Fragen im Kopf am Boden kauere, desinfiziert Aurel die Hand, die ich mit meinem Mund berührt habe. Er besprüht sie so gründlich, als hätte er ins Becken einer öffentlichen Toilette gefasst.
"Ich rufe dir ein Taxi", sagt Aurel und steht abrupt auf, all die Nähe ist mit einem Schlag fort. Die Distanz gibt mir einerseits ein Gefühl von Sicherheit, doch zugleich kühlt etwas in mir rapide ab, etwas, dessen Glut mir eigentlich gefallen hat. Mit zittrigen Händen setze ich meine Maske wieder auf, doch plötzlich fühlt sie sich eng und unangenehm an, obwohl mir das Gefühl eigentlich so vertraut ist.
"Meine Bediensteten schlafen nicht in dieser Wohnung und sie benutzen hier auch nicht das Badezimmer", kündigt Aurel an, während er eine Nummer in sein Handy eintippt. "Es gibt Baracken für Arbeitskräfte wie dich, da wirst du deine Nächte verbringen."
Mir fehlen die Worte. Ich hatte gerade noch ein Stück seines Körpers im Mund und jetzt dieses abrupte Ende der Nacht? Es kommt so plötzlich, dass ich mich nicht einmal darüber freuen kann. Das harsche Wort "Baracke" löst bei mir gerade auch keine Begeisterungsstürme aus.
"Morgen schicke ich dir einen Chauffeur, er wird dich abholen und dann verbringst du deinen ersten ganzen Tag im Haushalt. Kasmar wird da sein und dich einweisen", erklärt Aurel, nachdem er das Taxi organisiert hat.
Er bringt mich zum Desinfektionsflur, der zum Ausgang führt und mustert mich ein letztes Mal von Kopf bis Fuß, seine goldenen Augen glitzern interessiert. "Du solltest bedenken, dass dein Schutzanzug dünn ist, meine kleine Ratte. Es ist leicht zu sehen, wenn dich etwas erregt."
Peinlich berührt wende ich mich von ihm ab, reiße die Tür der Desinfektionskammer auf und renne zum Aufzug, um dieser unangenehmen Situation endlich zu entkommen. Was ist nur los mit mir? Was macht dieser Mann mit mir?



Die Baracken befinden sich in stillgelegten, mit den Jahren heruntergekommenen Hotels. In den Zimmern, in denen sich einst Reisende einquartiert haben, um die neuartigen Erfahrungen einer fremden Stadt zu genießen, schlafen jetzt die Arbeiter des goldenen Stadtkerns. Hier befindet sich niemand mit goldenen Augen, es sind ausschließlich Arbeiter aus dem Mittelring hier. Wieder muss ich durch zwei Desinfektionskammern gehen, eine am Vordereingang und eine vor dem Zimmer, ehe ich mich endlich schlafen legen kann. Meine Lungen brennen wie Feuer durch den chemischen Dunst der Kammern. Ob ich mich jemals an diese Prozedur gewöhnen kann?
Ich schließe die Augen, doch die aufwühlenden neuen Eindrücke des Tages lassen das nicht zu. Schmerzlich muss ich an den Verlust meines Handys denken. Wenn ich doch nur mit Zach telefonieren könnte… Wir würden uns gemeinsam über die arroganten Goldies lustig machen, sodass meine Furcht vor ihnen schwinden würde. Zach würde mich trösten und mir Mut machen, er würde mir sagen, dass ich mich zusammenreißen muss und er hätte völlig recht damit.
Denn das, was Aurel beim Abendessen gesagt hat, stimmt völlig: Ich habe nichts von der Welt gesehen, mein Horizont ist so schmal, ich habe keine Ahnung von der Realität.
Auch wenn ich hier in der Hölle gelandet bin: Vielleicht ist das eine Erfahrung, die ich einfach machen muss, um zu lernen, um zu wachsen. Genau aus diesem Grund hat uns die Schule doch das Praktikum ermöglicht. Was habe ich erwartet? Ich werde hier hart arbeiten müssen, das ist kein Erholungsurlaub mit Gourmet-Verpflegung, staatlich finanzierten Shoppingtouren und Kulturangeboten.
Ich schäme mich für meine Naivität und heule endlich all die Tränen raus, die ich mir tagsüber nicht erlauben konnte. Alles zieht noch einmal an mir vorbei, die Ladefläche des Militärtransports, die Schreie der Frau, der Klang des Schusses, desinfizierende Dämpfe in meinen Lungen, diese goldenen Augen… Aurel… Gott, wie ich ihn hasse, seine verachtenden Worte, seine Arroganz…
Fassungslos berühre ich meinen geschorenen Kopf und komme mir wirklich vor wie ein Sklave. Er konnte mit meinem Körper machen, was er wollte. Ich kann ihn nicht aufhalten, ich kann nicht einmal bei meiner Schule anrufen, niemand wird mir helfen…
Da ist so viel Zorn und Angst in mir… Aber da ist noch etwas anderes und es ist so viel stärker, es überdeckt alles andere…
Ich schäme mich dafür, aber es ist dunkel, ich bin allein mit mir selbst. Also schiebe ich eine Hand zwischen meine Beine und denke an diese bildschöne Hand, die ich mit meinen Lippen berühren durfte.
In meiner Fantasie hört es nicht da auf, wo es aufgehört hat. Ich nehme jeden Finger in meinen Mund, jeden einzelnen. In meiner Fantasie muss ich keine Angst vor dem Virus haben, also sauge ich noch viel kräftiger daran, umspiele sie mit meiner Zunge, ertaste jedes Stückchen Haut. Und die goldenen Augen beobachten mich dabei, das Kaminfeuer spiegelt sich in ihnen.
Niemand kann einem Gott widerstehen, einem Gott, der sich über die Krankheit erhoben hat, die meine Mutter und Zachs Vater und Millionen und Milliarden Menschen dahingerafft hat.
Er hat den verdorbenen Geist eines verwöhnten Sterblichen, aber durch seinen Körper fließt goldenes, immunes Blut. Alles, was uns tötet, perlt an ihm ab wie Wasser. Während unsere verletzliche Haut sich schwarz verfärbt, sobald wir Garlandia erliegen, bleibt seine Haut für immer rosig und weiß. Er wird nie einen Blumenkranz tragen, er wird nie zu Asche verbrennen.
Und wenn ein Gott einer Ratte die Hand hinstreckt, dann gibt es kein Zögern.
"Aurel", keuche ich und nehme seinen Namen in den Mund, genau wie ich seine Finger in den Mund genommen habe. Es fühlt sich so gut an… Ich stelle mir vor, wie das Virus an ihm abgleitet und durch die feuchte Berührung auf mich übergeht, ich stelle mir vor, wie das Virus meine Zellen vergewaltigt und mit seinem Erbgut vollfüllt, wie die einst lebendigen Zellen zu hirnlosen Sklaven werden, wie sie sich von frischen, neuen Babyviren aufblähen und schließlich zerplatzen, wie die tausend weiteren Viren in die anderen gesunden Zellen eindringen… Es ist so krank und doch regt es mich an.
Ich kann einfach nicht vergessen, wie ich Zach umarmt habe, damals und vor zwei Wochen, ehe ich in diese Hölle aufgebrochen bin.
Ich kann nicht verdrängen, wie das ist, sich mit den Körpern zu umschlingen… Wie schön es ist, einem Menschen nah zu sein. So warm.
Ich würde jeden Preis in Kauf nehmen für eine weitere Berührung.
Was, wenn die Sehnsucht eine schlimmere Krankheit ist als jede Virusinfektion?
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