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Perfect Blood

von Nakkita
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
10.05.2020
05.06.2020
4
16.755
19
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
14.05.2020 4.277
 
Ich habe von goldenen Augen geträumt. Sie haben mich angestarrt, so durchdringend. Diese Blicke sind in mich hineingefahren wie Nadelstiche. Sie haben mich durchwühlt. Schweißgebadet bin ich davon aufgewacht und obwohl ich acht Stunden geschlafen habe, kommt es mir vor, als hätte ich gerade mal zwei Stunden Schlaf in den Knochen.
Heute ist es so weit. Mein neues Leben beginnt. Mein neues, ganz anderes Leben, das nur auf ein kümmerliches Jahr begrenzt ist. Aber es ist zumindest ein Jahr im Paradies.
Ich versuche mich zu freuen, auch wenn mir die Knie schlottern vor Aufregung und Angst.
Ich verlasse die Wohnung und halte meinen Passierschein in meinen zittrigen Händen wie einen Schatz. "Behördliche Erlaubnis zum Verlassen des Wohnbereichs. Grund: Programm 072 – 12-monatiges Praktikum im Bezirk 01. Zeitraum: 01.06.2052-01.06.2053. Bei Fragen wenden Sie sich an Behördenstelle 03402."
Zunächst sammeln sich die Oberstufenklassen an der Schule, wo wir eine letzte Einweisung vor unserer Ausreise erhalten werden. Dort in der Aula angekommen, spüre ich sofort die Aufbruchsstimmung, die in der Luft hängt. Das Gemurmel meiner Mitschüler ist voller Hoffnung, aber auch voller Angst und Abschiedsschmerz. Viele haben Tränen in den Augen, sie mussten sich heute morgen schweren Herzens für ein Jahr von ihren Familien und Freunden verabschieden.
Die Rektorin der Schule stellt sich vor uns hinter ihr Pult und erklärt, wie der heutige Tag ablaufen wird: "Guten Morgen, liebe Schülerinnen und Schüler der Oberstufen. Im Rahmen des Programms 072 beginnt heute euer einjähriges Praktikum im Stadtkern. In 45 Minuten holt uns eine Militäreskorte ab, die uns sicher über die Stadtgrenze in den Stadtkern transportiert. Jedem von euch wird ein Haushalt zugewiesen, wo ihr als Angestellte arbeiten werdet. Sollte es vor Ort Probleme geben, könnt ihr euch natürlich jederzeit an die Schule wenden. Allerdings gebe ich euch zu bedenken, dass dieses Praktikum eine einmalige Chance darstellt, die ihr nicht leichtfertig verspielen solltet."
Ich schlucke schwer. Das ist ein eindeutiger Wink mit dem Zaunpfahl, dass wir im Stadtkern keinesfalls Probleme machen dürfen und jeder Anweisung der Perfect Bloods gehorchen sollen, andernfalls können wir ganz schnell wieder ausgewiesen werden.
"Eure Tests der letzten Wochen waren alle negativ, ihr werdet aber auch jetzt vor der Ausreise nochmal auf das Garland-Virus getestet, um sicher zu gehen. Sobald wir über der Grenze sind, werdet ihr in eine Desinfektionskammer gebracht und vollständig entseucht. Danach erhaltet ihr einen speziellen Schutzanzug aus sterilem Material und eine FFP6-Schutzmaske. Damit könnt ihr dann euren Dienst in eurem zugewiesenen Haushalt antreten."
Ich kann ein leises, frustriertes Stöhnen nicht unterdrücken, als ich das höre. Ich dachte, die Zeiten von Schutzkleidung und Masken wäre im sicheren Stadtkern vorbei…
Als die Tests gemacht werden, erweist sich einer von uns als positiv. Als die Rektorin ihm das Ergebnis mitteilt, bricht für ihn eine Welt zusammen.
"Wieso!? Was ist so schlimm daran, dass ich's habe? Ich hab keine schwarz verfärbten Hände oder Füße, sehen Sie? Ich habe keine Symptome und die Goldies sind doch sowieso alle immun gegen die Krankheit! Ich wollte doch nur einmal im Leben sehen, wie es im Stadtkern ist, bitte…! Bitte, verdammt!!"
Aber es hilft alles nichts. Ein Krankenwagen transportiert ihn ab und kurz darauf kommen auch unsere Militärwägen.
Die Reise ist deutlich weniger komfortabel als ich gehofft hatte. Wie Vieh werden wir auf den Ladeflächen zusammengepfercht, es gibt keine Sitzbänke, keine Gurte, nichts. Wir sitzen einfach nur am Boden, versuchen irgendwie Abstand zueinander zu halten und nicht von der Fläche zu stürzen, als die Transporter losfahren und über die Schlaglöcher der maroden Straßen donnern.
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und meine Freude wandelt sich allmählich zu einem unguten, galligen Gefühl in meiner Magengegend. Wenn ich doch jetzt nur mit Zach sprechen könnte… Obwohl er nichts von meinem Praktikum hält, würde er mich trotzdem trösten und aufbauen und mir versprechen, dass im Stadtkern alles gut und wunderbar für mich laufen wird, das weiß ich. So ein guter Kerl ist er.
Wie soll ich nur ein Jahr ohne ihn leben?
Um zum Grenzübergang zu kommen, fahren die Militärtransporter über die Autobahn, die heutzutage keiner mehr benutzt. Früher konnte man über diese breiten Straßen fahren, um in andere Städte oder gar in andere Länder zu gelangen, aber heutzutage ist schon der Übergang zwischen zwei Stadtbezirken beinahe undenkbar.
Mama hat mir mal erzählt, früher waren diese Straßen so voll, dass es sogar sogenannte Staus gab. Doch heute fahren wir allein als einziges Fahrzeug über die vierspurige Bahn, bis zum Checkpoint, der mit einem Schlagbaum und einem halben Dutzend Soldaten gesichert ist.
Die zwei Transporter vor uns erhalten grünes Licht und dürfen passieren, doch vor uns wird die Schranke runtergeknallt und die Soldaten sammeln sich vor dem abrupt anhaltenden Fahrzeug.
"Keiner bewegt sich da oben auf der Ladefläche!", brüllt einer der vollmaskierten Soldaten und hält uns den Lauf seines Maschinengewehrs vors Gesicht.
Ich sterbe fast vor Angst. Was ist los? Ist doch jemand von uns positiv? Hat irgendjemand einen Fehler gemacht? Wissen sie, dass ich Zach besucht habe, wissen sie, dass ich illegal die Grenze übertreten habe? Angstschweiß durchtränkt meine Kleidung und ich kann meine Furcht kaum verbergen.
Aber die Kontrolle hat nichts mit mir oder meinen Klassenkameraden zu tun. Die Soldaten brüllen neben dem Wagen irgendjemanden an, ich höre ein Rascheln, höre überstürzte Schritte und dann wird jemand gepackt und auf den Boden geworfen.
"Was ist los?"
"Die hat sich unten am Wagen festgehalten. Wollte illegal über die Grenze!", klärt ein Soldat seinen Vorgesetzten auf.
"Bitte…", winselt eine leise, verängstigte Stimme. "Bitte, haben Sie Gnade… Ich… Ich muss Medizin für meine Tochter beschaffen! Sie braucht die Antikörper-Therapie… Bitte, helfen Sie mir!"
Ein Schuss erklingt und ich kann einen Aufschrei nur unterdrücken, indem ich mir die Hände vor den Mund schlage. Ein Mädchen neben mir auf der Tragfläche fängt an zu weinen, einige Schüler halten sich die Ohren zu.
Wir alle kennen die Strafe für den unerlaubten Grenzübertritt. Wir alle wissen, dass solche Szenen sich jeden Tag an der Grenze ereignen. Aber trotzdem… Es selbst zu erleben ist etwas anderes als diese dumpfe, ferne Gewissheit.
Die Schranke wird angehoben, der Transporter fährt weiter. Einige neugierige Klassenkameraden riskieren einen Blick vom Rand der Ladefläche nach hinten und murmeln leise "Krass…", als sie das erblicken, was von der mutigen Frau übrig ist, die ihr Leben für ihre Tochter riskiert hat.
Ich will mir gar nicht ausmalen, was sie da sehen und senke das Gesicht auf die angezogenen Knie, doch das hässliche Geräusch des Schusses und des zusammensackenden Körpers hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt.



Die Desinfektionskammer besteht aus einem großen Zelt voll mit medizinischem Personal, die unsere Reinigung rigoros überwachen. Wir müssen zuerst unsere Kleidung und unsere persönlichen Gegenstände abgeben. Es gibt zwar einen Sichtschutz, sodass meine Klassenkameraden mich nicht nackt sehen, aber das Personal betrachtet mich mit Adleraugen.
Ich lege meine Sachen in die dafür vorgesehene Box und trete dann nackt in die kleine Kabine, die den ganzen Körper von Kopf bis Fuß mit einer desinfizierenden Lösung einnebelt. Kurz bevor ich das Gefühl habe, zu ersticken, gibt mir einer der Mitarbeiter der Station ein Zeichen, dass ich aus dem Nebel und der Kammer heraustreten darf. Danach geben sie mir ein Exemplar der Schutzanzüge, die die Rektorin schon erwähnt hat. Er ist schneeweiß, hauteng und glänzt wie Latex. So ein Ding habe ich noch nie gesehen, sowas haben wir im mittleren Stadtbezirk nicht. Ein Mitarbeiter erklärt mir, dass sich diese speziellen Schutzanzüge regelmäßig selbst desinfizieren. Anscheinend bestehen sie aus einem viren-, bakterien- und keimabweisendem Material.
Danach geben sie mir die dazugehörige Maske mit der Schutzstufe FFP6. Ich wusste nicht einmal, dass diese Stufe existiert. Die Maske ist leicht, sitzt wie angegossen und ermöglicht freie Atmung. Passend zum Anzug ist sie schneeweiß.
Ich werfe einen Blick zurück und muss mitansehen, wie die Box mit meinem Koffer, meiner Kleidung und meinem Handy versiegelt und weggestellt wird.
"W-warten Sie! Was ist mit meinen Sachen?", frage ich panisch. Mein Handy…! Mein einziger Kontakt zu Zach!
"Die erhalten Sie in einem Jahr nach dem Praktikum zurück", sagt der Mitarbeiter und macht eine wedelnde Handbewegung, ich soll das Zelt verlassen und den weiteren Ablauf nicht verzögern.
"A-aber dass uns die Handys abgenommen werden, davon war nie die Rede!", widerspreche ich.
"Verlassen Sie jetzt das Zelt, alles weitere wird sich fügen, keine Sorge." Die Stimme des Mitarbeiters wird immer grollender und ich gebe mich geschlagen. Niedergeschmettert trotte ich aus der Desinfektionskammer.
Jetzt ist jegliche Freude auf das Leben im Stadtkern verdorben. Wenn ich nicht mit Zach telefonieren darf, mit wem soll ich dann diese Freude überhaupt teilen? Wem soll ich all meine Erlebnisse erzählen?
"Jay Velvet?", schnauzt mich jemand an, sobald ich aus dem Zelt getreten bin. Die Stimme gehört einem Mann, der genau meine Kluft trägt: Den latexartigen Schutzanzug und die FFP6-Schutzmaske. Er steht neben einem Auto.
"Ja, das bin ich", antworte ich skeptisch.
"Ich bringe Sie zu Ihrem Arbeitgeber", erklärt der Mann und öffnet die hintere Wagentür.
Ich steige ein und betrachte mich selbst im Rückspiegel. Mein Anblick mit der futuristischen Maske und dem weißen Anzug verunsichert mich zutiefst. Meine Ankunft in der goldenen Welt ist ganz anders abgelaufen, als ich es mir ausgemalt habe. Die erschossene Grenzgängerin, der Verlust meines Kontaktes zu Zach, die vollständige Verhüllung…
Da, wo zuvor große Freude und positive Aufregung war, ist jetzt nur noch ein großes Loch und der Wunsch, auf schnellstem Wege umzukehren. Aber ich sitze jetzt allein in einem Auto, ohne Handy, getrennt von meinen Klassenkameraden und meinen Lehrern. Ich bin mutterseelenallein in dieser neuen, fremden Welt.
Ich kann nur beten, dass die Perfect Bloods, denen ich dienen soll, mich freundlich in ihrem Haushalt empfangen werden und mir den Einstieg in diese fremdartige Gesellschaft erleichtern.
Aber nach allem, was geschehen ist, ist meine Hoffnung darauf gering.
Selbst als wir durch die Straßen des Stadtkerns fahren, flößt mir der Blick aus dem Fenster eher Ehrfurcht als Freude ein. Ich sehe herrliche, gepflegte Grünflächen, Parks mit freien Spielplätzen, auf denen Kinder uneingeschränkt herumtoben. Pärchen und Freundesgruppen bummeln durch die Straßen, halten keinen Abstand, tragen keine Masken, keine Handschuhe. Wir huschen vorbei an hunderten Geschäften und Restaurants in kleinen und großen Gebäuden, sie tragen unterschiedliche Namen und Logos, überall hängen Reklametafeln mit schönen Menschen, alles ist so bunt. Es erscheint mir so unwirklich, dass ich den Anblick kaum verarbeiten kann. Rasch fixiere ich meine Augen auf den Boden und lasse den Blick dort, um nicht von all den fremden Reizen überflutet zu werden.
Mama hat mir erzählt, früher gab es jede Menge Geschäfte, die alle gegeneinander konkurriert haben und sich immer neue Dinge einfallen ließen, um Kunden zu gewinnen. Als das Virus und die Ausgangssperren kamen, konnten sich nur die größten Läden halten und viele Unternehmen mussten verstaatlicht werden, um überleben zu können. Heute gibt es für jedes menschliche Grundbedürfnis nur einen Laden im mittleren Stadtbezirk. Mama hat mir erzählt, früher gab es allein für Kleidung hunderte unterschiedliche Geschäfte, sie konnte mir aus dem Kopf problemlos ein Dutzend aufsagen und ich kenne all die unterschiedlich gestalteten Etiketten aus ihren alten, abgetragenen Klamotten. Ich selbst habe in meinem Leben nur einen einzigen Bekleidungsladen gesehen: The Clothes Shop, wo alles gleich und langweilig aussieht. Sogar die Klamotten vom Schwarzmarkt im Außenbezirk sind cooler, weil dort die handwerklich begabten Bewohner die Kleidungsstücke aufpeppen, um einen höheren Preis zu erzielen.
Mein Kopf fühlt sich eingeschnürt an und ich kann keine Sekunde länger hinausblicken. Ich kann nicht einmal im Ansatz verstehen, wie dieses Leben funktionieren soll. Muss man hier in jeden Laden gehen, ehe man eine Kaufentscheidung trifft? Geht man in jedes Geschäft und vergleicht die Waren, die man dort vorfindet? So viele Möglichkeiten… Das muss einen doch überfordern.
"Wir sind da", sagt der Chauffeur und ich blicke wieder auf.
Das Auto hat vor einem riesigen Wohnhaus angehalten, das so viele Stockwerke hat, dass ich das Ende des turmartigen Gebäudes nicht erblicken kann. Die Front hat ab dem ersten Stockwerk deckenhohe, hochglanzpolierte Fenster, die mir entgegenglitzern wie Diamanten. So leben sie also, die Goldies. Und im Außenbezirk verschanzt man sich in dürftig zusammengebastelten Wellblechhütten. Irgendwie kann ich Onkel Yeric in diesem Moment verstehen, auch wenn ich sein Geschimpfe über die Goldies immer für übertrieben gehalten habe.
Wir parken überdacht in einer Reihe wunderschöner, sündhaft teuer aussehender Autos in allen möglichen Farben. Im mittleren Bezirk können sich nur die reichsten Leute Autos leisten und meistens sehen diese dann trotzdem aus wie rollende Schrotthaufen.
Der Chauffeur führt mich in das Wohnhaus und steckt mich in einen Aufzug. Die Tür schließt sich, ohne dass er Anstalten macht, zu mir reinzukommen. Panisch schiebe ich meinen Arm zwischen die sich schließenden Türen und starre den Mann verzweifelt an. "Kommen Sie denn nicht mit?"
"Da gehe ich nicht freiwillig rein. Viel Glück, Junge. 15. Stock", sagt der Chauffeur kühl und lässt mich allein zurück.
Ich ziehe hilflos die Hand zurück, die Tür schließt sich und ich drücke mit wild schlagendem Herzen auf den Knopf mit der Zahl 15. Insgesamt gibt es 32 Stockwerke, wie mir die Knöpfe verraten.
Doch als ich im fünfzehnten Stock ankomme, öffnet sich die Tür nicht. Stattdessen erklingt eine metallische Computerstimme über mir: "Identifizieren Sie sich."
Ich blicke mich panisch um und habe keine Ahnung, was ich sagen soll. Während ich noch mit den Worten ringe, erklingt ein schrilles Signal und die Computerstimme wiederholt sich: "Identifizieren Sie sich."
Obwohl die Stimme gleich ist, hört sie sich beim zweiten Mal aggressiver an.
"I-ich bin Jay Velvet! Ich bin der Praktikant aus dem mittleren Stadtring. E-es geht um das Programm 072…"
Allmählich gehen mir die Erklärungen aus und ich fühle mich ganz merkwürdig, wie in einem surrealen Traum. Was mache ich hier überhaupt? Erst jetzt wird mir klar, wie lächerlich das alles ist. Ich gehöre nicht hierher.
Aber dann öffnet sich die Tür und ich nehme meinen Mut zusammen, um die Wohnung meines künftigen Arbeitgebers zu betreten.
"Hallo?", rufe ich. Da ist niemand. Ich sehe nicht einmal die Wohnung, alles ist verborgen hinter einer länglichen Kammer in der Mitte des Flurs, direkt vor mir, unumgänglich. Ihre Wände sind durchsichtig und aus harten Kunststoffplatten gefertigt. Vielleicht ist das moderne Kunst?
Ich trete näher an das glasige Objekt heran und mir bleibt nichts anderes übrig, als die Tür des Kastens zu öffnen, um durch die Kammer zu laufen. Diesen kastenförmigen, versiegelten Gang muss man wohl erst durchschreiten, ehe man die Wohnung betreten kann. Kaum fällt die Tür hinter mir ins Schloss, höre ich ein saugendes Geräusch und als ich mich umdrehe und am Griff rüttle, kann ich nicht mehr raus, der Weg zurück zum Aufzug ist verschlossen.
Ich schlucke schwer und drehe mich um. Jetzt gibt es nur noch einen Weg: Vorwärts.
Ich schreite durch die Kammer und als ich bei der Hälfte angekommen bin, verstehe ich, was das für ein Raum ist. Er füllt sich mit Nebelschwaden. Ich stehe in einer Desinfektionskammer. Ich versuche, mich trotz der beengten Situation zu entspannen. Das kenne ich ja schon von der Desinfektionsstation kurz nach der Grenze. Aber diesmal ist es anders. Die Lösung, die ich einatme, ist viel aggressiver und auf einmal scheint jeglicher Sauerstoff völlig aus dem Raum zu verschwinden. Ich kriege keine Luft mehr, meine Lungen füllen sich mit dem giftigen, brennenden Nebel. Ich renne mit letzter Kraft zum Ende der Kammer und rüttle dort an der Tür, doch sie ist verschlossen, genau wie die Tür auf der anderen Seite.
"Hilfe!!", will ich schreien, aber da kommt nur ein heiserer Ton aus meiner Kehle. Ich schlage mit den Handflächen gegen die Scheibe und sinke zu Boden. Ich ersticke…!
Durch den Nebel erkenne ich schemenhaft eine Gestalt, die sich nähert. Ich sehe lange Beine und als ich den Blick weiter hebe, erkenne ich nackte Hände, direkt vor meinem Gesicht, nur durch das Plexiglas von mir getrennt.
Wie ein Blitz trifft mich der Anblick. Ich kann mich kaum erinnern, wie die Hände anderer Menschen aussehen. Ich habe nie eine andere Hand berührt als meine eigene, außer die Hand meiner Mutter. Die Haut ist rosig, die Nägel sind gepflegt und kurz geschnitten. Die Finger sehen weich aus…
Es ist ein verbotener Anblick… Sie sind doch Krankheitsüberträger, Keimschleudern, Todbringer. Aber sie sind so schön…
Mein Blick hebt sich weiter, meine Lippen formen einen schwachen Hilferuf. Sterne blitzen vor meinen Augen, während ich langsam das Bewusstsein verliere. Und aus den Sternen werden Bälle aus purem Gold. Seine Augen… Die Augen eines Perfect Bloods. Er starrt mich nieder und seine entblößten Mundwinkel zucken angewidert nach unten.
Kurz bevor ich das Bewusstsein in der luftleeren Kammer verliere, öffnet sich die Schleuse endlich, die Tür klappt auf und ich schnappe panisch nach Luft, krieche voran, um aus dem Nebel herauszukommen.
"Nun, wie ist deine Einschätzung?", dröhnt eine finstere Stimme über mir. "Reicht das, um eine elende Ratte aus den Slums zu entseuchen?"
Ich will antworten, aber ich kann nur husten, das Gift muss erst aus meinen Lungen entweichen. Es brennt so sehr…
"Steh auf!", knurrt die Stimme über mir.
Keuchend rapple ich mich auf und versuche, mich zusammenzureißen. Verdammt, das ist mein erster Tag bei meinem neuen Arbeitgeber, ich muss einen guten Eindruck hinterlassen. Die Sache mit der Desinfektionskammer – das ist sicher etwas ganz Alltägliches und meine Reaktion ist völlig übertrieben, ich muss mich einfach daran gewöhnen.
"Es tut mir leid, Sir, das alles ist neu für mich. Bitte, helfen Sie mir, mich zurechtzufinden…", hauche ich eingeschüchtert und wage es kaum, ihn direkt anzusehen. Seine ganze Gestalt ohne Maske und Handschuhe wirkt so… so unanständig und nackt.
"Ich helfe dir, deinen Weg zurück in dein Rattenloch zu finden!", droht er mir und ich sehe, wie seine nackten Hände einen Teleskopstock aus seiner Gürtelhalterung ziehen. Mit einer geschickten Bewegung entfaltet er die Waffe und holt damit aus, instinktiv weiche ich zurück und mein erschrockener Blick heftet sich an sein Gesicht. Die unnatürlichen, goldenen Augen ziehen mich in einen unangenehmen Bann, der mich erstarren lässt, obwohl ich lieber flüchten sollte.
"Meister Aurel", schaltet sich eine Stimme vom anderen Ende des Zimmers ein und der Angesprochene hält inne. "Der Rat hat gefordert, dass Sie den Jungen für ein Jahr beherbergen."
Ich blicke in Richtung der Stimme und sehe einen Mann, der wie ich in einem weißen Schutzanzug steckt. Anscheinend noch ein Angestellter des Hauses.
"Zu welchem Zweck?", faucht der Hausherr, dessen Name offenbar Aurel lautet.
"Die Jugend des mittleren Stadtrings soll die Vorzüge des Stadtkerns kennenlernen, um anschließend ein vorbildliches Leben nach den Hygienerichtlinien zu führen", erklärt der Diener.
"Wer weiß, was dieses Tier mir für Krankheiten ins Haus schleppt?!"
"Verzeihung", ergreife ich vorsichtig wieder das Wort. "Ich… Ich wurde bei meiner Einreise eingehend desinfiziert und wurde mit der Schutzkleidung ausgestattet. Und jetzt wurde ich nochmal desinfiziert… Sollte das nicht genügen?"
Dass er immun gegen Garlandia ist und sich gar nicht so aufführen sollte, will ich lieber nicht erwähnen, schließlich wirkt er schon zornig genug.
"Eine gewaschene Ratte bleibt trotz allem eine Ratte", erwidert Aurel kühl. Seine Wut scheint ein wenig abgeklungen zu sein, aber sein Ton gefällt mir trotzdem noch lange nicht. "Es hat schon einen Grund, weshalb wir Ungeziefer wie euch für gewöhnlich nicht in den Stadtkern lassen."
"Meister Aurel, der Rat hat entschieden, dass –", mischt sich der andere Diener wieder ein, nur um harsch von Aurel unterbrochen zu werden.
"Ja, ich weiß, Kasmar. Und jetzt halt endlich den Mund! Mir ist bewusst, dass ich keine Wahl habe."
Obwohl mich seine Ablehnung erschüttert, so kann ich doch nicht anders, als gebannt auf seine Lippen zu starren. Es ist so lange her, dass ich nackte Lippen beim Sprechen betrachtet habe. Ich kenne nur den Anblick einer Stoffmaske, die sich vom Atem des Sprechers sanft aufbläht, wie ein Schiffssegel bei leichtem Wind. Aber ich habe ganz vergessen, wie formbar diese rosigen Mundbögen sind. Wie sie sich winden und gewaltsam aufreißen… Und die blendend weißen Zähne dahinter, die verbotene Zunge…
Mir laufen merkwürdige Schauer über den Rücken.
"Nun gut." Aurel klappt seinen Schlagstock zusammen und steckt ihn zurück in seine Gürtelhalterung, dann breitet er die Arme aus, fast wie eine Einladung. "Dann nehme ich diesen Sklaven hiermit an. Amüsieren wir uns also."
Er schlendert durch das riesige, hallenartige Wohnzimmer und setzt sich auf die ausladende, anthrazitfarbene Sofalandschaft, auf der 20 Personen ohne Weiteres Platz finden würden. Er denkt kurz nach und schnippt dann mit den Fingern.
"Kasmar, scher der Ratte diese unsäglichen, schwarzen Schafslocken vom Schädel und verbrenn die Haare im Ofen. Ich will nicht wissen, wie viele Läuse sich darin tummeln."
Aurel spricht von mir, als würde er keinerlei Unterschied zwischen dem mittleren und äußeren Stadtring machen. Alles was von außerhalb des Stadtkerns kommt, ist Abschaum für ihn.
"Sir, ich denke nicht, dass das notwendig sein wird", ergreift Kasmar für mich Partei, während mir vor Entsetzen die Worte fehlen. "Uns wurde versichert, dass sich die Diener gesundheitlich im besten Zustand befinden und –"
"Kasmar, wenn du mir heute noch einmal widersprichst, lasse ich deine ganze Mittelring-Sippe in den Außenbezirk versetzen, hast du das verstanden?", keift er ungeduldig und Kasmar wird vor Angst ganz starr, das kann ich selbst auf die Distanz erkennen.
Es tut mir unendlich leid, dass er so behandelt wird, obwohl er mich nur beschützen wollte… Ich hoffe, wir finden bald eine Gelegenheit, unter vier Augen miteinander zu sprechen. Ich ahne jetzt schon, dass ich an diesem Ort einen Verbündeten brauchen werde.
Mit einer erschöpft wirkenden Handgeste winkt Kasmar mich zu sich und will mich in ein Nebenzimmer führen, aber wieder wird er von Aurel unterbrochen:
"Lass keine Körperstelle aus. Ich will alles glatt haben. Pack die Haare in einen luftdichten Beutel und wirf sie dann hier in den Kamin. Und anschließend desinfizierst du das Bad von oben bis unten."
Kasmar drängt mich ins Bad, ich setze mich an den Rand der großen Wanne und er nimmt einen elektrischen Rasierer zur Hand, um mir eine Glatze zu scheren.
Als er fertig ist, drückt er mir den Rasierer in die Hand und ich sehe das Mitleid in seinen friedlichen Augen. "Es tut mir so leid", flüstert er mir zu. "Willst du den Rest selbst machen?"
"J-ja… Danke", erwidere ich leise. Damit ermöglicht mir mein neuer Kollege wenigstens noch ein Stückchen Würde.
Ich schlüpfe aus dem Schutzanzug, stelle mich nackt in die Wanne und rasiere meinen restlichen Körper, bis ich babyglatt bin.
Als ich wieder angezogen bin, fegt Kasmar die Haare zusammen und packt sie in einen Beutel, wie befohlen.
Ich trete aus dem Badezimmer und Aurels Blick durchdringt mich wie eine lange, spitze Nadel.
"Zieh den Anzug aus. Zeig mir, wie du aussiehst."
Ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wange und versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Als ich mich vor ihm ausziehe, fühle ich mich von purer Scham überwältigt. In meiner unter Schutzkleidungen versteckten Welt ist schon der Anblick einer nackten Hand ein Skandal und die Abbildung oder Zurschaustellung eines gänzlich entblößten Körpers wurde schon lange verboten. Körper sind in Zeiten des Garland-Virus nur noch Überträger und Todbringer, sie sind schmutzig und unantastbar, sie sollten mit Ekel und Vorsicht behandelt werden. So habe ich mich nie einem Menschen gezeigt, ich dachte, ich würde niemals so angesehen werden.
Aurel sieht aus wie ein makelloser Sonnengott mit seinen blonden Haaren und den goldenen Augen, aber es gibt nichts Göttliches oder Gnadenvolles an ihm. Er zwingt mich, so etwas zu tun… Dabei geht es ihm gar nicht um Hygiene oder Ansteckungsgefahr. Er will mich doch einfach nur demütigen und mir zeigen, wie sehr ihn meine Gesellschaft anwidert.
Er erhebt sich vom Sofa und kommt auf mich zu, seine nackten Finger zücken wieder den Schlagstock. Er setzt mir die Spitze des Stabs an die Schulter und fährt damit über meine Haut, hinab über die Arme, zurück zur Schulter, über die Brust, den Bauch. Seine goldenen Augen schimmern voller Konzentration dabei. Als er die Stabspitze in meine Brustwarze bohrt, grinst er hämisch.
Unter meiner Haut explodieren tausend empfindsame Nervenzellen und rebellieren unter der ungewohnten Behandlung. Eine fremde Berührung, ganz real und gezielt, auch wenn sie nicht von fremder Haut stammt.
Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, aber ich spüre, wie sich meine Wangen röten, während meine frischgeschorene Schädeldecke zu kribbeln beginnt, als hätte man mir einen Stromstoß versetzt.
"Du hast eine Stelle vergessen, Ratte", murmelt Aurel und schlägt mir mit dem Stock kraftvoll gegen die Brust, sodass mir die Spucke wegbleibt. Ich blicke schmerzerfüllt an mir herab, da ist nur noch ein einzelnes Haar. Dieser kleinliche Bastard…!
Ich trotte zurück ins Badezimmer und entferne es mit einer Pinzette, die Kasmar mir hilfsbereit anbietet.
Ich präsentiere mich erneut und endlich ist Aurel zufrieden: "Du kannst dich wieder anziehen."
Er setzt sich zurück auf sein Sofa und grinst, während Kasmar den Kamin anschürt und meine Haare im Feuer verbrennt.
"Deine Läusenester geben gutes Brennmaterial ab", lobt Aurel spöttisch und schlägt die Beine übereinander. "Mal sehen, wozu du mir noch nützlich sein kannst."
Ich stehe mit meinem kahlrasierten Kopf da wie ein zerrupftes, misshandeltes Tier und jegliche Freude über meinen einjährigen Aufenthalt im goldenen Stadtkern ist zu Asche zerfallen. Jetzt bleibt mir nur noch eines: Ich muss tapfer sein und überleben.
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