Perfect Blood

von Nakkita
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
10.05.2020
05.06.2020
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10.05.2020 4.832
 
Wir leben in Wellen.
Wenn die Wellen brechen und die Kurve abflacht, tanzen wir auf den Straßen, treffen uns mit Freunden, besuchen die Schulen und Universitäten, dürfen arbeiten gehen und uns die Taschen mit Geld füllen, um endlich wieder einzukaufen.
Aber wenn die Welle wieder aufsteigt und ihren Höhepunkt erreicht, patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten auf den leeren Straßen, dann sperren wir uns zuhause ein und warten in Einsamkeit und Verzweiflung auf bessere Zeiten.
Ich war ein Jahr alt, als alles begann. Ich kann mich nicht an eine Zeit vor diesen zwei regierenden, wechselnden Zuständen erinnern.
Mama hat mir mal erzählt, früher haben Wetter und Politik das Leben der Menschen beherrscht. Früher haben Menschen langfristige Pläne geschmiedet. Sie haben sich überlegt, was sie nächste Woche, nächsten Monat oder sogar nächstes Jahr machen wollen. Heute richten wir unser Leben vollständig nach der Garland-Kurve aus und wir leben von Tag zu Tag, nehmen alles eben so, wie es kommt.
Die Älteren schimpfen viel über diese Umstände. Sie erinnern sich voller Melancholie an die angeblich so tolle Zeit vor dem Auftreten des Garland-Virus. Ich kann dazu nichts sagen, schließlich habe ich diese Zeit nicht erlebt. Aber eines weiß ich: Wir haben es noch gut, im Vergleich zu den Leuten am äußeren Stadtrand.
Ihr Leben ist deutlich extremer als unseres. Man kann sagen, sie genießen größere Freiheit, weil es bei ihnen keine Einschränkungen gibt. Aber zugleich gibt es dort auch keinerlei Sicherheit. Ihr Gesundheitssystem ist vor langer Zeit zusammengebrochen, sie haben keine Masken, kein Desinfektionsmittel, keine Ausgangsbeschränkungen oder Richtlinien für Gastronomie, Freizeitangebote und Geschäfte. Leben und Sterben hängt dort so nah zusammen. Am einen Tag hast du dich noch auf dem Schwarzmarkt ausgetobt, bist mit Freunden durch die engen, dicht besiedelten Gassen getollt, hast dir in einer kleinen Suppenküche den Bauch vollgeschlagen und hast auf einem Garagenkonzert die Nacht durchgetanzt und am nächsten Morgen wachst du mit schwarzen Flecken an den Händen oder Beinen auf und weißt, dass dein letztes Stündlein geschlagen hat. Du wirst keinen Platz in den überfüllten Krankenhäusern bekommen, die Mauerwächter werden dich nicht in den mittleren Stadtring lassen, damit du angemessene, menschenwürdige medizinische Versorgung erhalten kannst. Deine Familie wird dich panisch in deinem Schlafzimmer einsperren, wird deine Tür mit Brettern zunageln und vor der Pforte um dich weinen. Und da stirbst du dann am Garlandia-Fieber, das dir deine Organe zu Brei kocht und dich Blut würgen lässt. Ganz allein.
Die Bürger des mittleren Stadtrings sind neidisch auf die Bewohner des idyllischen, virenfreien Stadtkerns, aber wir sollten uns stattdessen glücklich schätzen, dass wir nicht im äußeren Bezirk leben müssen.
Wenn Zach nicht da draußen leben würde, dann würde ich es niemals wagen, die Grenze zu überschreiten.
Heute bin ich besonders nervös und aufgekratzt, aus mehreren Gründen. Ich habe Zach heute so viel zu erzählen und zugleich wird dieser Besuch wohl ein Abschied für lange Zeit…
Der übliche Weg zum äußeren Stadtring, der löchrige Zaun im Willow-Park, wird heute leider von bewaffneten Ringwächtern überwacht. Seufzend mache ich kehrt und hole mein Smartphone aus der Tasche. Ich rufe im Darknet die Seite RingEscape auf, mein wichtigstes Werkzeug für meine zahlreichen Besuchen bei Zach. Bei RingEscape tragen die User alle Lücken in der strengen Überwachung der Stadtgrenzen ein, die Daten werden ständig aktualisiert. Auch die Ringwächter beim Willow-Park wurden schon eingetragen. Mist, hätte ich lieber schon vor meinem Aufbruch die Seite geprüft, dann hätte ich mir den unnötigen Weg hierher sparen können. Aber ich habe Glück: Nur wenige hundert Meter entfernt ist in dieser Nacht anscheinend die alte U-Bahn-Station Godgrace nicht abgesperrt worden. Und tatsächlich, als ich dort ankomme, ist weder der Zugang abgeriegelt, noch stehen Ringwächter herum. Perfekt!
Ich blicke mich ein paar mal um und betrete dann die verlassene Station. Als die Stadt vor 15 Jahren in drei Bezirke, den äußeren, mittleren und inneren Stadtring unterteilt wurde, musste natürlich das U-Bahn-System grundlegend angepasst werden. Viele Stationen wurden geschlossen, die unterirdischen Tunnel wurden verschüttet oder verriegelt. Doch trotz aller Bemühungen der Regierung liegt unter der Erde immer noch der Schlüssel zu einer relativ unkomplizierten Reise von Stadtbezirk zu Stadtbezirk.
Es gibt so viele Familien, Freunde und Liebende, die durch die Errichtung der Mauern und Zäune voneinander getrennt wurden und es wird immer Menschen geben, die sich von nichts und niemandem aufhalten lassen, um ihre Liebsten zu besuchen.
Immer wieder werden die versiegelten Tunnel der U-Bahn von Unbekannten freigeräumt oder aufgebrochen, um die Grenze zu überschreiten. Egal, wie oft die Regierung es auch versucht, sie bleiben niemals lange verschlossen. Und es gibt nicht genug Ringwächter, um alle Stationen und löchrigen Stellen der Absperrung zu überwachen.
Auch unten treffe ich keine Wächter an. Ich steige hinunter auf die verlassenen Gleise und schlendere durch den Tunnel. Als ich Zach zum ersten Mal auf diesem Weg besucht habe, habe ich mir fast in die Hosen gemacht vor Angst. Die Dunkelheit, die Ratten… Aber heute macht es mir nichts mehr aus. Entspannt aktiviere ich die Leuchtfunktion meines Handys und blicke an die Wände. Ein paar meiner Lieblingsgraffitis wurden wohl von Ringwächtern übersprüht, aber es sind auch neue Wandmalereien hinzugekommen.
Vor einem bleibe ich ehrfürchtig stehen: Ein kleines Mädchen mit pechschwarzen Händen und einem üppigen Blumenkranz im Haar.
Das Garland-Virus hat unter dem Mikroskop eine Form, die einem Blumenkranz ähnelt. Seit ich mich erinnern kann, wird dieses grauenvolle Virus mit der beinahe lächerlich schönen, harmonischen Form eines bunten Blumenkranzes verbunden. Eine tödliche Krankheit und ein Blumenkranz – wie passt das denn nur zusammen? Aber vielleicht wollen die Kranken gerade deshalb ein Symbol der Schönheit tragen, das ihnen ihre Würde zurückgibt. Verstorbene Opfer des Virus werden vor der Einäscherung mit einem Blumenkranz geschmückt. Vielleicht sollen die zarten, farbenfrohen Blüten von den abstoßenden, schwarz verfärbten Extremitäten der Opfer ablenken.
Ich reiße mich vom Anblick des gekränzten Mädchens los und laufe weiter, ich wage noch einen Blick auf RingEscape.
Wie üblich sind heute viele Lücken zwischen dem äußeren und mittleren Stadtbezirk aufgezeichnet, doch heute ist eine der wenigen Nächte, die auch eine Lücke zwischen dem mittleren Stadtring und dem Stadtkern aufweist. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter beim Gedanken an einen illegalen, grenzüberschreitenden Besuch im Stadtkern. Ein Übertritt zwischen dem mittleren und äußeren Stadtring ist bereits verboten und wird mit harten Strafen geahndet, aber wenn sich ein Außenstehender unerlaubt in den Stadtkern begibt, steht darauf die Todesstrafe, ohne Umschweife. Wie viele Menschen werden heute ihr Leben verlieren, beim Versuch, in den goldenen, geheiligten Stadtkern einzudringen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben ohne das Garland-Virus?
Ich schüttle den Gedanken rasch ab und beschleunige meine Schritte. Im Laufen wechsle ich meine gute FFP5-Maske gegen einen einfachen Stoffmundschutz aus. Zwar senkt das meinen Schutz vor der Krankheit im Außenbezirk, andererseits hätte ich mit einer FFP5-Maske da draußen vermutlich ganz andere Probleme. Bestimmt würden mich Räuber auf der Straße erstechen, um an dieses kostbare Objekt zu kommen. Auf dem Schwarzmarkt ist sie im Außenbezirk sicher viele tausende Dollar wert.
Ich habe mal drei FFP5-Masken aus der Schule gestohlen, um Zach und seinen Freunden welche mitzubringen, doch als ich sie ihnen aufgeregt zeigte, senkten sie nur bedrückt die Köpfe.
"Wir können die nicht tragen, Jay", erklärte Zach. "Mit diesen Dingern können wir uns nicht draußen blicken lassen. Sowas kann sich nur ein Schwarzmarktkönig anziehen, der sich einige Bodyguards leisten kann."
Da begriff ich, dass es mir niemals möglich sein würde, den Jungs da draußen wirklich zu helfen. Allein würde ich die Zustände da draußen niemals verbessern können. Ich bringe ihnen zwar oft Essen mit und manchmal auch ein paar Flaschen Desinfektionsmittel, die sie zuhause gut verstecken können, aber jedes Mal, wenn sie sich hinauswagen, schweben sie wieder in Lebensgefahr und ich kann nichts dagegen tun.
Ich hasse die Stoffmasken. Als ich klein war, war die Versorgung mit guten Masken noch schwierig und wenn ich Präsenzunterricht an der Schule hatte, musste ich die Stofffetzen vor dem Mund tragen. Ich kann mit diesen Dingern kaum atmen, nach fünf Minuten fühle ich mich schon unangenehm beklemmt und meine Oberlippe beginnt zu schwitzen. Ich fühle die Feuchtigkeit meines Atems im Stoff, ich fühle mich ekelhaft.
Im Tunnel kommt mir ein Mann entgegen, wir halten Abstand und nicken uns stumm zu. Er steigt auf in den mittleren Stadtbezirk, geht in die bessere Welt, um irgendwo Essen aus dem Müll zu holen oder Desinfektionsmittel zu stehlen. Und ich steige hinunter in das Moloch des äußeren Bezirks, um meinen Freund zu besuchen.
Ich sehe Licht am Ende des Tunnels und entsteige am Ende meiner Reise der stillgelegten U-Bahn-Station Darkbelt. Der Ausgang ist verriegelt, aber ich steige problemlos über den niedrigen Zaun und springe hinunter. Mit einer verschlüsselten Chatnachricht lasse ich Zach wissen, dass ich sicher angekommen bin und er schickt mir einen Daumen hoch. Er wartet am üblichen Treffpunkt.
Meine Schritte werden noch schneller, ich komme richtig ins Joggen. Ich kann es kaum erwarten, Zach all die Neuigkeiten zu berichten und zugleich wird mir das Herz ganz schwer dabei… Ich werde ihn so sehr vermissen.
Er ist mein einziger richtiger Freund auf der Welt. In der Grundschule und in den ersten Jahren auf der weiterführenden Schule waren wir unzertrennlich, er war mein bester Kumpel. Bis seine ganze Familie runtergestuft wurde und in den Außenbezirk ziehen musste. Das ist die Strafe, die einen erwartet, wenn man beim Übertritt vom mittleren in den äußeren Stadtring erwischt wird.
Zachs Onkel lebte bei der Errichtung der Mauern im Außenbezirk, so wurde die Familie einst voneinander getrennt. Zachs Mutter ist niemals über die Grenze gegangen, obwohl sie ihren Bruder so sehr vermisst hat. Bis zu diesem einen Tag, als er ihr mitteilte, dass seine Tochter an Garlandia erkrankt war. Da hielt Mily es nicht mehr aus. Sie ist Ärztin und konnte es nicht mit ihrem Eid vereinbaren, ihre Nichte einfach im Außenbezirk sterben zu lassen. Sie schlich sich über die Grenze und versorgte ihre Nichte mit Medikamenten, die sie von ihrer Arbeitsstelle entwendet hatte. Milys Nichte überlebte, doch Mily wurde bei der Rückkehr von Ringwächtern abgefangen und mit einer bitteren Strafe belegt. Zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Mann musste sie das schöne, sichere Leben im mittleren Stadtbezirk aufgeben und in den äußeren Ring ziehen. Die Regierung sagt, wer seine Gesundheit und somit die Gesundheit der gesicherten Bezirke gefährdet und riskiert, neue Virus-Mutationen in die inneren Bezirke zu schleppen, muss mit der Konsequenz leben, selbst in einer Welt ohne Schutz vor dem Virus zu leben.
Ich war am Boden zerstört, als ich von Zach getrennt wurde. Wir telefonierten und schrieben uns jeden Tag, aber es war trotzdem nicht dasselbe. Ich wollte mit ihm spielen, mit ihm die Welt erkunden, ihm nah sein. Ich wollte seine echte Stimme hören, nicht diese verzerrte Version aus dem Lautsprecher. Ich wollte ihn richtig ansehen, seine grünen Augen, seine helle Haut, seine dunkelblonden Locken, und nicht diesen Pixelbrei auf meinem Bildschirm.
Meine Mutter drängte mich, mit anderen Kindern Freundschaft zu schließen und Zach zu vergessen, aber die anderen Kinder machten sich ständig über die dreckigen, verlausten, verseuchten Asozialen in den Außenbezirken lustig und das machte mich so wütend, dass ich kein Wort mehr mit ihnen wechseln wollte.
Obwohl meine Sehnsucht nach Zach riesig war, hatte ich dennoch große Angst, dass meiner Familie dasselbe passieren würde wie seiner, wenn ich den Grenzübertritt wagen würde. Ich hätte es nicht ertragen, wenn Mama meinetwegen in den Außenbezirk hätte ziehen müssen. Aber als Mama krank wurde und starb, hatte ich nichts mehr zu verlieren. Und da wuchs meine Sehnsucht nach Zach noch mehr, denn er hatte inzwischen da draußen seinen Vater an das Virus verloren und wir konnten einander dadurch noch besser verstehen und trösten. Und als ich älter wurde und viele meiner Klassenkameraden regelmäßig als Mutprobe in die äußeren Bezirke wanderten, fand auch ich endlich auch den Mut, Zach wiederzusehen.
Als ich mich das erste Mal hinüber wagte, haben wir etwas Verrücktes gemacht, etwas, das wir danach nie wieder gemacht haben, weil es einfach viel zu gefährlich ist: Wir haben uns umarmt.
Er stand vor mir, ich hatte ihn seit Jahren nicht in natura gesehen und da brach es einfach aus mir heraus, ich packte ihn und klammerte mich an ihn, ich wollte ihn nie wieder verlieren. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich einen Menschen berührt habe, abgesehen von meiner Mutter. Die erste Umarmung seit Jahren. Es hat sich ganz unglaublich angefühlt.
Aber wie gesagt, das haben wir nur einmal getan und wir haben nie mehr darüber gesprochen. Es war ein spontaner Gefühlsausbruch, ein einmaliger Fehler, der zum Glück keine Konsequenzen für uns hatte, niemand hat sich angesteckt.
Heute werden wir uns deutlich vernünftiger begrüßen, so viel ist klar.
Ich finde Zach bei XinYin in der hintersten Ecke, wie üblich. Wir klatschen uns mit den Schuhen ab und setzen uns, der Kellner schwirrt rasch heran und gibt uns zwei Karten.
"Zweimal Bowl 5", bestellt Zach gleich ohne große Umwege. Wir essen hier immer dasselbe, die vegetarische Variante der japanischen Nudelsuppe. Das ist das einzige, wo man sichergehen kann, dass kein Rattenfleisch drin ist.
"Gut hergekommen?", fragt Zach und ich erzähle ein bisschen. Ich erzähle sogar von dem Graffiti, auch wenn ich immer noch nicht weiß, wie ich mich dabei fühle. Eigentlich bin ich ein stiller Mensch, im Unterricht melde ich mich nie, ich rede nur das Nötigste mit meinen Mitbewohnern und Betreuern im Wohnheim für verwaiste Jugendliche. Aber mit Zach ist es irgendwie anders. Ich habe das Gefühl, ihm alles erzählen zu können, all meine Gedanken ungefiltert wiedergeben zu können. Ich glaube, es ist ein großes Geschenk, so jemanden in seinem Leben zu haben. Deswegen nehme ich alle Gefahren auf mich, um ihn hier besuchen zu können.
"Ich glaube, ich kenne den Typen, der das gemalt hat", sagt Zach und lächelt. "Das war sicher Ion29. Der ist auf Social Media, der hat neulich so ein Foto gepostet."
Er zeigt mir den Account dieses Straßenkünstlers und tatsächlich ist da ein Foto des Blumenkranz-Mädchens.
"Es ist sehr schön und farbenfroh, aber die Darstellung ist doch ein bisschen …"
"Abgedroschen", sagen wir zeitgleich und lachen.
Der Kellner bringt uns unser Essen und stellt eine verdreckte, milchige Plexiglasscheibe zwischen uns auf, damit wir ohne Mundschutz essen können.
Ich rümpfe die Nase und betrachte die Trennscheibe. Sie ist so schmutzig und mit fettigen Fingerabdrücken übersät, dass ich Zach kaum mehr erkennen kann. Da frage ich mich, was mehr mit Keimen und Viren belastet ist: Diese Scheibe oder Zachs Atem.
"Jetzt rück mal mit der Sprache raus", drängt Zach und ich sehe ihn zwinkern. "Du hast doch was erzählt, von wegen, du hast große Neuigkeiten oder was auch immer. Hat dein Mathe-Lehrer Garlandia gekriegt oder so?"
Ein derber Scherz, den wohl nur jemand aus dem Außenbezirk bringen kann. Ich grinse und schüttle den Kopf.
"Besser!", sage ich und im gleichen Moment schäme ich mich dafür. Ist es wirklich "besser"? Schließlich werde ich Zach lange nicht mehr sehen können. Und ich werde etwas Großartiges erleben, während er hier weiterhin in der verseuchten Hölle schmoren darf, ohne Aussicht auf Besserung. Auf einmal fühle ich mich schäbig wegen meiner Freude. Trotzdem, ich muss Zach ja irgendwie erklären, wo ich die nächsten 12 Monate sein werde.
"Die Regierung hat ein neues Programm entwickelt. Alle Schüler der Oberstufe dürfen für ein Jahr im Stadtkern leben und die Gesellschaft dort kennenlernen!"
Zach lässt vor Schreck die Essstäbchen fallen. "Was, ehrlich?", fragt er zögerlich. Ich kann an seiner Stimme hören, dass er hofft, dass es ein Scherz ist.
"Ja. Es geht schon in zwei Wochen los…"
"Dann werden wir uns ein Jahr lang nicht sehen?"
"Ich… Ja, leider…", presse ich hervor.
"Okay…" Zach atmet tief durch und gibt sich dann Mühe, sich für mich zu freuen. "Aber das ist ja eine tolle Möglichkeit für dich! Ein Jahr lang Luxus. Du musst mir unbedingt alles erzählen!"
"Klar, das mache ich! Ich erzähle dir jedes Detail", verspreche ich rasch.
"Was du da wohl alles sehen wirst…", rätselt Zach und wir malen uns zusammen eine Traumwelt aus: Schimmernde, goldgelbe Statuen, freie Parks, noble Geschäfte, ganzjährig geöffnete Restaurants und Cafés, prunkvolle Kino- und Theatersäle ohne Abstandsbegrenzung, nackte Münder, Hände, Nasen und die goldenen Augen der Perfect Bloods, überall.
"Hast du jemals einen echten Perfect Blood gesehen?", fragt Zach.
Ich schüttle den Kopf. "Nur im Fernsehen."
Der Stadtkern wird ausschließlich von Perfect Bloods bevölkert. Das ist das 1% der Menschheit, das eine Immunität gegen das Garland-Virus entwickelt hat. Die speziellen Antikörper haben ihre Augen golden gefärbt – und man munkelt, ihr Blut ist ebenfalls gefärbt wie flüssiges Gold. Weil sie vor der Krankheit sicher sind, führen sie ein Leben wie vor 17 Jahren, bevor das Virus all die Annehmlichkeiten des städtischen Lebens aufgefressen hat. Die perfekte Gesellschaft, so nennen es die meisten. Eine Utopie, direkt in der Mitte unserer geplagten Stadt.
"Ich werde einem Haushalt zugewiesen und arbeite dann dort als Diener", erkläre ich.
"Du dienst einem Perfect Blood?" Zach hebt die Augenbrauen. "Als hätten die nicht eh schon alles, was sie brauchen. Eigentlich sollte man die Schüler in den Außenbezirk schicken, damit die mal was fürs Leben lernen und sehen, was hier abgeht."
Seine Bemerkung trübt meine Freude ein bisschen und ich fühle mich wieder egoistisch für meine Aufregung über mein Jahr in der perfekten Welt des Stadtkerns, aber zugleich muss ich ihm da ein bisschen zustimmen. Eigentlich sollte unser Bewusstsein für das Leid außerhalb unserer Stadtmauer geschärft werden, statt dass wir die Schönheit einer Utopie vor Augen geführt bekommen, die nur 1% von uns jemals genießen wird. Ich persönlich kenne niemanden, der Antikörper entwickelt hat und in den Stadtkern aufsteigen durfte. Für die meisten von uns wird das wohl immer ein Traum bleiben.
Trotzdem: Ich erhalte wenigstens die Chance, ein Jahr in Sicherheit und Wohlstand zu leben. Ich sollte mich glücklich schätzen.
Nachdem wir gegessen haben, setzen wir unseren Stoffmundschutz wieder auf und gehen zu Zach nach Hause.
Dumpf erinnere mich an das Haus, in dem Zach und seine Eltern damals im mittleren Stadtring gelebt haben. Das war eine hübsche, kleine Villa in bester Lage, Zachs Vater arbeitete bei der Bank, seine Mutter im Krankenhaus. Sie waren angesehene, wohlhabende Leute. Und ein einziger Tag hat für diese Familie alles verändert…
Viele machen Mily Vorwürfe für das, was sie getan hat, sowohl ihre alten Freunde und Bekannten im mittleren Stadtring als auch ihr neues Umfeld im Außenbezirk. Schließlich hat sie ihre Familie mit ihrer Entscheidung zu einem Leben in den Slums verdammt. Aber ich finde, sie war mutig und hat richtig gehandelt. Ich bewundere sie.
Jetzt lebt Zach mit seiner Mama in einer kleinen Wellblechhütte, zusammen mit Onkel Yeric und seiner Tochter Lin.
Auch wenn mich die beengte Situation und das Infektionsrisiko einschüchtern sollte, genieße ich die Gesellschaft dieser Familie. Irgendjemand hat immer Gäste da, es ist wie ein brummender, niemals stillstehender Bienenstock hier.
Yeric macht ein Nickerchen auf dem Sofa, Zach und ich sitzen daneben am Couchtisch und spielen ein Brettspiel, im Nebenzimmer, das nur durch einen Vorhang abgetrennt ist, unterhält sich Lin mit ihren Freundinnen und Mily kocht gerade das Abendessen und kotzt sich am Telefon bei einer Freundin über die vergangene, stressige Schicht im Krankenhaus aus.
Auch im Außenbezirk ist Mily als Ärztin tätig, aber die überfüllten, überlasteten Krankenhäuser lassen ihr kaum Raum für eine professionelle, erfüllende Tätigkeit. Außerdem wird man im Außenbezirk für diesen Job nicht verehrt, sondern verachtet. Die meisten Leute halten sie für eine wandelnde Virenschleuder und meiden sie wie die Pest. Daher hatte es auch Zach nicht leicht, im Außenbezirk Freundschaften zu schließen. Vielleicht sind wir unserer alten Sandkastenfreundschaft deshalb so treu geblieben. Wir haben beide keine Chance gehabt, einen anderen Anschluss zu finden.
"Hier, ihr Süßen", sagt Mily schließlich und stellt uns zwei dampfende Teller mit Gulasch-Eintopf hin. "Ich habe endlich mal wieder gutes Fleisch auf dem Schwarzmarkt bekommen."
"Wir haben schon gegessen. Kannst du Lin und ihren Freundinnen anbieten", winkt Zach ab und Mily ruft Lin herbei.
Die Mädels setzen sich neben uns, gackern und essen. Sie reden über eine bevorstehende Party.
"Ihr geht ins House of Jade?", fragt Zach verächtlich. "Das ist doch die reinste Virenschleuder!"
Lin verdreht die Augen. "Jeder Club ist die reinste Virenschleuder. Aber irgendwie muss man doch mal Dampf ablassen und sich amüsieren."
"Wovon musst du denn bitte Dampf ablassen?", murrt Zach. "Du arbeitest doch nichts."
"Ich würde arbeiten, wenn ich könnte!", wehrt Lin sich. "Hier gibt's eben keine Jobs."
"Man müsste schon mal auf die Suche gehen, bevor man solche Behauptungen aufstellt. Ich hab schließlich auch eine Arbeit gefunden."
"Job nennst du das? Du bist doch bloß ein kleiner Schwarzmarkt-Schmuggler."
"Halt die Klappe! Mama hätte dich damals echt verrecken lassen sollen, das wäre besser für uns alle gewesen", faucht Zach gereizt.
Seit Lin in die Pubertät gekommen ist, verstehen sich die beiden überhaupt nicht mehr. Dass sie auf so engem Raum zusammenleben müssen, macht die Sache natürlich nicht besser. Zach hegt einen bitteren Groll gegen Lin, da sie der Grund ist, weshalb seine Familie aus dem mittleren Stadtring verstoßen wurde. Lin kann eigentlich nichts dafür, schließlich hat sie sich damals nicht ausgesucht, an Garlandia zu erkranken. Andererseits zeigt sie sich auch nicht gerade dankbar und macht Mily oft das Leben schwer, indem sie sich nicht an die Regeln hält und ihre Gesundheit leichtfertig aufs Spiel setzt, obwohl sie es eigentlich besser wissen sollte. Menschen wie Lin nennt man hier draußen Destros. Sie führen einen hemmungslosen, riskanten Lebensstil. Ihnen ist Spaß am wichtigsten. Erstaunlich viele Destros wie Lin haben schon einmal an Garlandia gelitten. Diese direkte Konfrontation mit dem Tod hat bei ihnen wohl den Drang ausgelöst, das Leben in vollen Zügen zu genießen, auch wenn sie es dadurch drastisch verkürzen.
Destros gehen oft an beengte Orte wie Clubs und Konzerte, wo kein Mindestabstand eingehalten werden kann. Die Extremsten unter ihnen tragen nicht einmal Stoffmasken und Handschuhe. Zum Glück sind Lin und ihre Freunde nicht ganz so verrückt. Mit ihrer Schutzausrüstung verlassen sie schließlich die Hütte und stürzen sich ins Nachtleben. Bei ihrer Verabschiedung lässt Lin explizit Zach außen vor.
"Das war ganz schön hart", murmle ich und auch Mily kommt mit zornesrotem Kopf auf Zach zu.
"Wie kannst du so etwas Schreckliches zu Lin sagen?", keucht sie mit Tränen in den Augen. Die meisten Vorwürfe macht Mily sich selbst. Sie hasst sich dafür, dass sie ihrem Sohn dieses Schicksal angetan hat.
"Es tut mir leid", flüstert Zach. Er lässt seinen Zorn zwar manchmal an Lin aus, aber seiner Mutter hat er nie irgendwelche Vorwürfe gemacht und er weiß genau, wie sehr sie sich seit Jahren mit ihrer Entscheidung quält, jeden einzelnen Tag.
"Entschuldige dich bitte später bei ihr", fordert Mily leise und wirkt plötzlich sehr erschöpft. Sie geht ins Schlafzimmer, um sich von ihrer Krankenhausschicht zu erholen. Kaum ist sie verschwunden, erwacht langsam Onkel Yeric und erhebt sich gähnend vom Sofa.
"Ach, hallo Jay! Na, wie geht es dir?"
"Ganz okay. Wir sind im Mittelbezirk wieder im Lockdown Stufe 4", erzähle ich. "Bald steht Lockdown Stufe 5 an, also totale Ausgangssperre, Arbeitsverbot und so weiter."
Eigentlich habe ich viel mehr zu erzählen, aber es ist mir unangenehm, Onkel Yeric von meinem Jahr im Stadtkern zu erzählen. Yeric ist normalerweise ein gelassener, lieber Mensch, aber er verachtet die Perfect Bloods und wenn man ihn auf dem falschen Fuß erwischt, kann er stundenlang Hasstiraden gegen den Stadtkern und seine versnobten, goldäugigen Bewohner halten.
Aber zu meinem Unglück schaltet Zach sich ein, vermutlich will er mich ein bisschen ärgern: "Der gute Jay verbringt bald ein Jahr im Goldie-Land. Er wird einem Goldie dienen. Cool, oder?"
Ich sehe, wie sich Yerics dunkle, warme Augen mit Zorn füllen und wie die Falten auf seiner Stirn und zwischen seinen Augen zu kritischen Furchen werden. "Was soll das denn?", fragt er mit dröhnender Stimme. "Ist das wahr, Jay?"
"J-ja… Äh… D-die Regierung will… will uns zeigen, wie die perfekte Gesellschaft aussieht und was wir erreichen könnten, wenn wir alle uns an die Regeln halten und –"
"Das ist ja wohl die Höhe! Mit diesem verlogenen Idealbild wollen die euch ködern?", ereifert er sich. "Was für ein Schwachsinn! Die perfekte Gesellschaft, dass ich nicht lache! Der Stadtkern ist vollgepackt mit Heuchlern, Betrügern und Mördern! Seit 15 Jahren hat man es nicht geschafft, den mittleren Stadtring virenfrei zu halten, das wird niemals gelingen. Und dennoch stellt es die Regierung so hin, als müssten sich die Bewohner nur an die Regeln halten, dann wäre eine "Utopie" wie im Stadtkern möglich. Das ist eine einzige Lüge, um die Massen folgsam zu halten. Wenn die Goldies nur die Hälfte ihrer medizinischen Ressourcen abgeben würden, dann könnten wir alle in Gesundheit und Sicherheit leben!"
Ich starre Zach wütend an, während Yeric mit einem Vortrag über die Ungerechtigkeit des Drei-Ringe-Systems anfängt. Wir kennen den mittlerweile schon auswendig.
Ja, ich weiß, dass die Welt unfair ist. Das war sie aber schon immer, auch zu deinen Jugendzeiten, Onkel Yeric, also lass es gut sein, verdammt!
"Langsam musst du wohl los, sonst beginnt die nächste Schicht bei den Ringwächtern und vielleicht ist der U-Bahn-Zugang dann bewacht…", murmelt Zach mit einem Blick auf sein altes Handy mit dem zerbrochenen Display und heute fällt dieser Zeitpunkt besonders schwer.
"Ich begleite dich", schlägt Zach vor, als wir uns unschlüssig ansehen und uns nicht voneinander trennen können. "Schließlich sehen wir uns jetzt lange nicht mehr… Da sollten wir noch jede Sekunde nutzen."
Wir erheben uns, Zach verlässt vor mir die Hütte, doch Yeric hält mich unerwartet zurück, indem er meinen Namen ruft.
Ich halte inne und drehe mich zu ihm um.
"Jay, wenn du bei den Goldies bist… Dann achte genau darauf, wer sie sind. Achte darauf, was sie tun. Und achte auf ihre Furcht. Dann wirst du die Wahrheit erkennen."
Ich lächle und nicke, auch wenn ich den Eindruck habe, dass er heute nur wirres Zeug redet. Zach hat mir erzählt, er trinkt in letzter Zeit immer öfter einen über den Durst und der schwarzgebrannte Schnaps macht ihn wirr im Kopf. Aber seine Augen wirken so erschreckend klar und ernst…
Trotzdem, für diese merkwürdige Warnung habe ich gerade keinen Kopf.
Zusammen mit Zach wandere ich durch die vollen, neonbeleuchteten Straßen dieser wirren, verrückten Welt, die sich an keine Regeln hält. Menschen trinken in Bars aus schlecht gespülten Gläsern, Jugendliche stehen vor Untergrundclubs an, bis hinaus auf die Straße, mit keinerlei Abstand. Von den Balkonen schallt Musik und die Menschen tanzen in den Gassen, Seite an Seite. Das pralle Leben, parallel neben dem drohenden Tod in jeder Ecke.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Diese Welt wird mir fehlen. Und Zach wird mir fehlen.
Wir haben heute unseren letzten Tag genau so verbracht, wie wir ihn immer verbracht haben. Was essen, zocken, lachen, quatschen, abhängen. Wir haben versucht, den Abschied auszublenden, aber jetzt ist die Zeit gekommen.
Zach und ich stehen einander gegenüber, vor der Darkbelt-Station.
"Ach, scheiß drauf", sagt er, als wir uns ansehen und uns immer noch nicht lösen können. "Ich begleite dich ein Stück durch den Tunnel!"
Ehe ich ihn aufhalten kann, kraxelt er über den Zaun und ich lache leise in mich hinein. Wenn sich Zach was in den Kopf gesetzt hat, kann man ihm das nicht austreiben.
Wir schlendern gemeinsam durch den Tunnel und halten schließlich beim Bild des Streetart-Künstlers an. Verblüfft stellen wir fest, dass es sich verändert hat. Neben dem Mädchen mit dem Blumenkranz ist skizzenhaft ein Goldie aufgesprüht, sein Körper besteht nur aus schwarzen Linien, aber in seinem Gesicht sind die charakteristischen goldenen Augen klar zu erkennen. Obwohl Gold eine so warme, prächtige Farbe ist, sehen diese goldenen Augen irgendwie kalt und grausam aus, wie die feurigen Augen eines heimtückischen Monsters.
Unter dem Gesamtwerk steht ein Schriftzug: "Wir sind nicht golden, aber trotzdem wertvoll."
Eines ist klar: Der Künstler scheint Onkel Yerics Meinung zu sein, was die Goldies und den Stadtkern angeht.
Wir blicken das Bild schweigend an und wissen, dass wir uns jetzt voneinander trennen müssen.
"Jay…", murmelt Zach und starrt mich an.
Und dann geschieht es: Wir umarmen uns wieder, so wie damals, als ich ihn zum ersten Mal hier besuchte.
Es erscheint mir irgendwie passend. Und diesmal fühle ich gar keine Reue dabei.
Das Mädchen und der Goldie beobachten uns dabei und mir laufen Tränen über die Wangen.
"Bis bald, mein Freund", sage ich und es ist ein Versprechen.
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