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Verräter

von Musketeer
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Aramis Athos Captain Treville D'Artagnan König Ludwig XIII. Porthos
10.05.2020
19.05.2020
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10.05.2020 1.576
 
Aramis lag ruhig auf seinem provisorischen Bett. Eine Pritsche, ein kleines Kissen und eine Decke, die bei diesen Temperaturen jedoch wenig Wärme spendete. Um ihn herum viele seiner Kameraden, die dasselbe Schicksal teilten. Es war Ende Oktober, die Tage und Nächte wurden um einiges kühler und es wurde alles schwerwiegender.
Er atmete tief durch und sah die kleine Wolke, die sich durch seinen Atem bildete, aufsteigen. Dann starrte er wieder an die Decke des Zeltes. Wie fast jeden Abend, seit den letzten vier Jahren. Seine Gedanken drehten sich im Kreis und er kam nicht in den Schlaf, obwohl sein ganzer Körper völlig überarbeitet war und nach der wohlverdienten Ruhe schrie. Doch immer kämpfte er sich durch die Nacht, entweder mit seinen Gedanken oder vermehrt auf dem Schlachtfeld. Es war Krieg ausgebrochen zwischen Frankreich und Spanien. Und Aramis war mittendrin. Er strich sich mit beiden Händen über das Gesicht und versuchte erneut die Augen zu schließen, aber wieder sah er die wütenden und enttäuschten Gesichter seiner Freunde. Sofort schlug Aramis die Augen auf und blickte an die allzu bekannte Zeltdecke.
Alles war still, nur von draußen hörte er leise die Nachtwachen miteinander sprechen. Er überlegte zu ihnen zu gehen, um sich abzulenken, dadurch eventuell müder zu werden, aber den Gedanken lies er schnell verstreichen. Aramis wollte so wenig Kontakt wie möglich mit diesen Menschen. Es war schlimm genug, dass er bei ihnen war, sich ihnen angeschlossen hatte, er musste nicht noch auf gute Freundschaft machen. Und so verhielt er sich seit den ganzen Jahren. Er tat nur was er musste und ansonsten bevorzugte es Aramis alleine zu sein. Er ging unter anderem durch die Wälder, hielt dabei sein Kreuz fest umschlossen und sprach Gebete. Er dachte an seine Freunde und an seine Zeit in Paris. Wie sehr er es vermisste. An der Front war alles anders und da, wo er sich aufhielt, sowieso.
Aramis versuchte erneut die Augen zu schließen, sein Gefühl lies ihn vermuten, dass er nur noch wenige Stunden Zeit für Schlaf hatte, bevor es dämmerte und er aufstehen musste. Diesmal probierte er mit aller Macht die Bilder zu verdrängen und in das Dunkle, wonach sich sein Körper sehnte, einzutauchen. Und er schaffte es tatsächlich.

Lange konnte Aramis nicht geschlafen haben, als er den lauten Knall hörte und vernahm, wie seine Kameraden von ihren jeweiligen Betten sprangen, wild Aufgaben und Befehle herumschrienund ihre Waffen anlegten, um kurz darauf aus dem Zelt zu stürmen. Aramis brauchte einen kurzen Moment, um wahrzunehmen was passiert war, als ihm ein Vorbeilaufender seine Pistolen und sein Schwert auf sein Bett schmiss. Dann allerdings verstand er. Sein Lager wurde angegriffen.
Schnell sprang er von seiner Pritsche auf, warf sich seine Klamotten über, legte seinen Waffengürtel an und rannte aus dem Zelt. Draußen schlug ihm das Chaos entgegen. Von überall hörte er Schüsse, den Knall von Bomben, das Klirren der aufeinander treffenden Degen und die hilflosen Schreie Verwundeter und Sterbender. Für einen kurzen Moment blieb er stehen und betrachtete das Unheil, was vor ihm stattfand. Er blickte sich um und versuchte irgendwie eine Strategie zu überlegen, als er vernahm, wie jemand an ihm vorbeilief, auf den Rücken schlug und schrie „¡venga!¡nos necesitan!". Daraufhin ließ Aramis jegliche Überlegungen verstreichen und begann in Richtung des Schlachtfeldes zu laufen. Auf dem Weg dorthin wurde er jedoch langsamer, bis er einige Meter vor der befeindeten Meute stehenblieb. Er sah, was er in der ganzen Zeit nie sehen wollte. Hatte jeden Tag gebetet, um diesen Anblick zu umgehen. Und doch waren seine Gebete ungehört geblieben. Seine Gedanken drehten sich wie ein Karussell, sein Kopf rotierte und drohte zu zerplatzen. Seine Gefühle waren ein einziges Durcheinander und sein Herz stand kurz vorm zerbersten.
Plötzlich hörte er, wie sich vor ihm ein Schuss löste und spürte die Kugel haarscharf an ihm vorbei fliegen. Innerhalb einer Sekunde war Aramis in einem inneren Tunnel. Er rannte los und mit zwei Degen-hieben verwundete er den Mann, welcher vorher versucht hatte, ihm das Leben zu nehmen. Gekonnt versuchte er zu übersehen, wen er dort außer Gefecht gesetzt hatte. Aus dem Augenwinkel sah er trotzdem das Wappen, welches seine rechte Schulter zierte. Aramis zerbrach erneut ein bisschen mehr, doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Er drehte sich weg und setzte seinen Fokus auf seine Gegner. Er versuchte alles, was in seiner Macht stand, keinen zu töten, alles in ihm schrie es nicht zu tun, aber manchmal war es unmöglich und jedes Mal starb Aramis ein Stückweit mit.

Während des ganzen Kampfes war er immer wieder bemüht, der Konfrontation mit drei gewissen Personen zu entkommen. Er beobachtete sie, so gut es eben in diesem Ausmaß ging, aus dem Augenwinkel und hoffte, sie würden ihn nicht sehen, ihn zwischen all den Menschen nicht wahrnehmen. Doch die Zahlen der Kämpfer nahm ab, verwundet oder getötet, lagen sie vermehrt auf dem eiskalten Boden. Trotz allem war Aramis gewillt, ihnen nicht zu nahe zu kommen. Er wollte ihnen den Anblick seinerseits ersparen und ihm somit die Qualen der Gesichtsausdrücke, die ihn seit vier Jahren vor dem einschlafen verfolgten. Jedoch schien das schier unmöglich. Genauso wie die Tatsache unentdeckt zu bleiben und gegen seine Freunde, wenn er sie überhaupt noch so nennen durfte, zu kämpfen. Er wollte weglaufen, einfach alles fallen lassen und das Weite suchen, aber er wusste, wie das enden würde. Stattdessen hob er erneut seinen Degen und verletzte seinen Gegenüber an der Hüfte.
Die Sekunden vergingen wie Minuten, die Minuten wie Stunden. Trotz der kalten Jahreszeit war Aramis nass geschwitzt. Eine kleine Hoffnung wurde in ihm erweckt, eine Hoffnung, die ihn an Fieber oder ähnlichem Sterben lies. Momentan wäre er das nämlich lieber, tot, als diese Qualen, die er gerade durchlebte, weiter aushalten zu müssen.
In einem unachtsamen Moment knallte Aramis mit jemanden Rücken an Rücken zusammen. Sofort drehte er sich herum und zielte seine Waffe, die er wenige Augenblicke vorher nochmal laden konnte, auf ihn. Er schaute selber zuerst auf eine Pistole, jedoch lies ihn das weniger erschauern, als die Tatsache, wer sie in den Händen hielt. Diese Haltung, diese Anmut, diese Sicherheit, diese Überlegenheit, gepaart mit dem Wappen der Fleur de Lis am rechten Arm, das Wappen des Königs und seiner Garde, den Musketieren. Jenes Wappen, welches auch seinen Arm lange Zeit zierte. Aramis wusste sofort, wer ihm dort gegenüber stand, ohne auch nur in sein Gesicht gesehen zu haben. Dennoch hob er langsam seinen Blick und er behielt recht. Er sah geradewegs in die Augen von Athos. Und die Gesichtsausdrücke, die ihm vorm schlafen gehen verfolgten, waren in der Realität so verdammt viel schlimmer. Während sich in Aramis alles überschlug, konnte auch Athos offensichtlich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Der sonst so klar-denkende, fokussierte und gefühlskalte Mann, verlor innerhalb kurzer Zeit die Fassung. Als würde um ihnen herum kein Krieg toben, schauten sich die beiden Männer in die Augen, keiner im Begriff irgendeine Handlung zu tätigen. Sie waren zu sehr mit ihren Gefühlen beschäftigt.
Nachdem Athos seinen Gegenüber letztendlich tatsächlich für seinen ehemaligen Kameraden erkannt hat, brachte er nur ein verletztes und sogleich wütendes „Aramis?" heraus. Dieser konnte nichts sagen und war innerlich dankbar, als erneut ein lauter Knall einer Bombe fiel. Diesen brauchte er, um sich zu sammeln und wieder in seine Rolle, die er seit all den Jahren spielte, zu finden. Er wollte diesen nächsten Schritt nicht tun, aber er wusste, dass er es musste. Es gab zu viele Zeugen auf diesem Schlachtfeld. Sein Blick schien starr, doch in seinen Augen sah Athos etwas entschuldigendes. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, löste sich von Aramis Pistole ein Schuss und die Kugel schoss an Athos Arm vorbei, so nah aber, dass sie ihn traf. Ein gut gesetzter Streifschuss, der ihn zu Boden fallen lies. Er hielt sich die Stelle und merkte, wie sie brannte und das Blut versuchte, sich seinen Weg heraus zu bahnen. Während er sich versuchte zu drehen und dabei hochblickte, konnte er Aramis nirgendwo mehr finden. Athos ließ sich auf den Rücken fallen und kniff die Augen zusammen. Nicht nur vor Schmerz, sondern weil er nicht wahrhaben wollte, was gerade passiert war. Vor ihm stand wahrhaftig Aramis. Er, von dem er dachte, er wäre in einem Kloster in Douai und würde dort als Mönch leben. Und nun war der auf dem Schlachtfeld in Lille und kämpfte im Krieg von Frankreich und Spanien. Für Spanien. Gegen seine Landsmänner oder sollte er besser sagen, ehemaligen Landsmänner.
„Athos!!" hörte er eine vertraute Stimme rufen und er öffnete einen Spalt die Augen. Kurze Geräusche aufeinanderprallender Degen und einen Moment später sah er das Gesicht von d'Artagnan über sich. „Komm, du musst aufstehen, los!" wies er ihn an und half ihm aufzustehen. Athos lies es zu, wankte kurz, als er in der Senkrechten war und begann daraufhin, seinen Stand zu verfestigen. Doch in seinem Kopf war nichts verfestigt, dort herrschte komplette Planlosigkeit und vorallem Leere. Nachdem er sich nicht in Bewegung setzte und seine Augen wild umher wanderten, merkte d'Artagnan, dass Athos, zumindest gedanklich, nicht mehr bei ihm war. Er fing an ihn zu schütteln, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen, als wieder eine Bombe fiel und ohrenbetäubenden Lärm verursachte. „Verdammt Athos, dafür haben wir keine Zeit, komm!" versuchte er eindringlich und die Worte schienen anzukommen. Sein Blick richtete sich zu seinem Freund und er nickte. Die Schmerzen in seinem Arm, sowie die in seinem Herzen, versuchte er zu ignorieren und begann erneut anzugreifen. Dennoch weiterhin auf der Suche nach Aramis.
 
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