Ragnars Reisetagebuch - Die Rettungsexpedition

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
OC (Own Character)
10.05.2020
17.08.2020
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19.07.2020 3.325
 
Sanft weckt mich das Rauschen der Brandung. Der feine Sand ist weich, aber noch kühl von der Nacht. Meine Glieder sind steif von der Kälte, die von meinen klammen Kleidern ausgeht. Ich schlage die Augen auf und sehe mich um. Ich liege an einem Strand. Links von mir schiebt sich orange die Praiosscheibe den Himmel hinauf. Ansonsten nur Sand und Meer. Ich bin verwirrt. War ich nicht gerade noch in meiner Koje? Hektisch taste ich mich ab, schaue mich genauer um. Hinter mir liegt meine Tasche. Ich trage meine Waffen. Dennoch bin ich völlig allein hier. Wo ist hier? Hat man mich von Bord geschmissen? Aber wer zieht einen vorher vollständig an, inklusive der Waffen, packt einem eine Tasche und wirft einen dann über Bord? Das macht doch keinen Sinn.
Als ich aufstehe, sehe ich eine Spur im feuchten Sand, die zu meinem Schlafplatz führt. Von einem einzelnen Mann. Mir selbst.
Verflucht! Was ist passiert? Ich kann mich nicht erinnern. Mein Kopf fühlt sich ganz wattig an. Dazu habe ich schrecklichen Durst. Als ich einen Schluck aus dem Wasserschlauch nehme, grimmt mein Magen protestierend auf. Hunger! Ich durchsuche die Tasche. Sie ist perfekt gepackt, aber keine Vorräte. Also nichts zu Essen. Ich folge meiner eigenen Spur weg vom Strand. Erstaunlicherweise fühlen sich meine Knochen nicht so an, als hätte ich Boraco gestern über die ganze Insel geschleppt. Ich muss wohl besser im Training sein, als ich dachte. Nördlich von mir sind Hügel. Dort werde ich mir einen Überblick verschaffen.

Als ich wenig später meinen Blick schweifen lasse, bin ich mir sicher auf der verfluchten Insel zu sein. Nur so weit im Süden war ich vorher nie. Vor mir liegt die runde Bucht, die ich aus der Luft gesehen habe. Nordöstlich davon das Dorf am See. Acht bis zehn Meilen Marsch bis zum Schiff. Falls es noch da ist. Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl, was das betrifft. Wenn sie mich betäubt und am Strand abgeladen haben, was haben sie dann mit meinen Freunden gemacht?
Auf dem Weg komme ich durch eine große Obstplantage, die mir mein Frühstück liefert. Natürlich im Laufen, um keine Zeit zu verlieren. Aber so sehr ich mich auch beeile, schon aus der Ferne ist klar: Die Koralle liegt nicht mehr vor Anker.
Was bei allen Niederhöllen ist passiert? Warum erinnere ich mich nicht?

Ich laufe gedankenverloren den Strand entlang, als unverhofft Laila aus dem Wald auf mich zu gerannt kommt. Ihr Haar leuchtet wie ein Signalfeuer. Sie winkt zudem jemandem in meinem Rücken zu. Etwa eineinhalb Meilen südlich, kommt eine weitere Gestalt auf uns zu, in seinem ihm eigenen Tempo, Oratio.
Auch meine Gefährten können sich an nichts erinnern. Laila wurde in einem der Wracks am Riff wach. Sie muss dorthin geschwommen sein, was dagegen spricht betäubt worden zu sein. Oratio wurde in einer kleinen Hütte im Westen wach. Wir rätseln, was mit uns passiert ist. Ob man uns vergiftet hat und ausgesetzt oder etwas auf der Koralle vorgefallen ist, an das wir uns nicht erinnern können, aus welchen Gründen auch immer. Wir sind uns noch nicht einmal sicher, ob nicht mehr als eine Nacht vergangen ist.
Laila schaut verzweifelt drein, als sie sich das letzte Gespräch mit Boraco in Erinnerung ruft. Am Abend kam er zu sich und sie erzählte ihm, dass sie mit Baranoir verhandelt habe, den Schatz zu bergen vor dem Aufbruch zum Festland. Er wünschte ihr eine gute Nacht und ging ebenfalls zu Baranoir, um mit ihm zu sprechen.
Er hat uns hier zurückgelassen, sagt sie mit finsterer Miene. Ich widerspreche ihr halbherzig. Ich weiß, dass Boraco sie liebt, wie könnte er dies nicht und er würde ihr niemals schaden. Davon bin ich überzeugt. Doch der entscheidende Satz kommt nicht über meine Lippen. Ich bin nicht nur ein Idiot, sondern auch ein Arsch.
Innerlich verfluche ich dieses dreckige Stück Land im Nirgendwo und schlage vor, zur Küste zu gehen, wo wir den Schatz vermuten. Möglicherweise liegt dort die Koralle und es gibt eine logische Erklärung. Einen entscheidenden Hinweis auf das Versteck des Schatzes, hatten wir auf den Karten des Magiers gefunden.

Nachdem wir festgestellt haben, dass die Koralle auch an der Westküste nicht vor Anker liegt und wir die Höhlen unter unseren Füßen nur mit einem Boot erreichen können, da die Steilklippen einfach zu hoch sind, legen wir frustriert eine Rast ein.
Unterwegs haben wir zwei Hühner gefangen, die wir nun über dem Feuer grillen. Laila möchte wissen, ob wir verzaubert wurden und bearbeitet Oratio eine Analyse durchzuführen. Er lässt sich gern bitten, habe ich den Eindruck. Dennoch, mit einigen großen Gesten und hochtrabenden Worten begibt sich der Schwarzmagier an die Arbeit. Zuvor ermahnt er Laila, unbedingt still zu sitzen. Es ist so lustig. Sie hält kaum zwei Wimpernschläge aus. Vielleicht liegt es aber auch an den Grimassen, die ich hinter Oratios Rücken schneide.
Als er fertig ist, ist seine Miene unergründlich. Doch die Augen leuchten vor Neugier. Er beginnt Laila auszufragen, ob ihr hin und wieder komische Dinge passieren. Wir brechen gemeinsam in schallendes Gelächter aus. Doch der Magier lächelt nur wissend und enthüllt, sie habe eine geringe magische Begabung. Laila lacht ihn erneut aus und widerspricht, er hätte Ampaha oder die Magie in den Zauberringen von Thomeg gesehen. Aber Oratio besteht auf seiner Meinung. Ungläubig schüttelt Laila den Kopf. Das hätte doch schon vorher mal jemand bemerkt, sagt sie kleinlauter. Oratio zuckt selbstzufrieden mit den Schultern und beißt kommentarlos in den Hähnchenschenkel.
Nachdenklich starrt meine Freundin ins Feuer. Dann hellt sich ihr Blick auf und sie fragt aufgeregt, ob Oratio ihr dann das Zaubern beibringt. Woraufhin die beiden ans Verhandeln kommen, wie kostspielig eine solche Unterweisung ist. Zum Vergleich möchte Laila wissen, was eine Ausbildung von mir im Schwertkampf kosten würde. Ich grinse nur und erwidere, wenn wir wirklich hier festsitzen, darf sie mich gern anders bezahlen als mit Gold. Oratio erstickt fast an seiner Birne vor Lachen.
Doch eigentlich ist nichts lustig an unserer Situation. Wir wissen nicht, was passiert ist, wo die Koralle und unser Expeditionsführer sind und auch nicht, ob wir jemals wieder von hier wegkommen.

Zum Abend richten wir uns im Dorf in einer der gut erhaltenen Hütten ein. Mittlerweile ist der Galgenhumor trübsinnigen Schweigen gewichen. Oratio hält die erste Wache und ich sinke in einen unruhigen Schlaf.

Panisches Schreien lässt mich aufspringen. Laila rappelt sich ebenso auf. Gemeinsam sprinten wir nach draußen. Dort steht eine versteinerte Sneschana, die sich in ihrer Starre an ihre Augen fasst. Dahinter schält sich ein schwarzer Schatten aus dem Dunkel. Oratio trägt ein Siegergrinsen. Laila redet beruhigend auf die Agha ein und verspricht ihr, dass ihr Zustand nicht allzu lange andauern wird.
Das Warten ist beinahe unerträglich. Wie schon am Morgen auf dem Weg zum Ankerplatz der Koralle, habe ich ein schlechtes Gefühl. So als liege etwas unter der Oberfläche, im Dunkel meiner Erinnerung. Möglicherweise kann Sneschana Licht in genau dieses Dunkel bringen.
Erstaunlicherweise ist sie nicht sauer, dass sie verzaubert wurde. Ihre erste Frage, als sie sich wieder bewegen kann und sich ungläubig davon überzeugt hat, dass wir es wirklich sind, ist, wie wir überlebt haben. Ungeduldig drängen wir sie, uns zu erzählen, was passiert ist.
Sie berichtet, dass die Koralle am Morgen, nachdem sie uns mit Boraco geholfen hat, an die Westküste gesegelt ist. Das war gestern. Geschockt wird uns klar, dass uns ein ganzer Tag fehlt. Sie berichtet weiter, dass der Kapitän hat nicht erklärt, was er dort will, aber sie sah uns zu, wie wir zu viert in eine Höhle gerudert sind. Laila, Boraco, Oratio und ich. Laila ist wie elektrisiert, dass Boraco bei uns war. Doch die Gewissheit, dass er uns nicht ausgesetzt hat, lässt für einen Moment Schuldgefühle aufblitzen. Sneschana sagt, es verging eine ganze Zeit. Dann gab es plötzlich ein ohrenbetäubendes Krachen, Teile der Steilküste brachen weg und die Höhle stürzte ein.
Ich höre das donnernde Bersten der Felsen. Und Schreie. Verzweiflung darin. Was bei den Niederhöllen ... ?
Sneschana redet weiter. Ihr Gesicht ist finster dabei. Mit dem Einsturz kam eine Wolke von Schutt und Staub auf das Schiff zu und von einem Moment auf den anderen brach das totale Chaos aus. Die Matrosen drehten durch, waren völlig von Sinnen. Die vierköpfige Reisegruppe kämpfte sich an Deck, verletzte den Kapitän und einige Matrosen, die auch zu den Waffen griffen. Und sie übernahmen das Schiff. Helna wurde ebenfalls verwundet. Aitan und Sneschana brachten Oyana und Rinaya in Sicherheit und flohen zur Insel. Sie hatten, wegen der Erzählungen von vergifteter Luft, Tücher vor das Gesicht gebunden. Die meuternde Gruppe im Übrigen ebenso. Gerettet, aber die Koralle außer Sicht, errichteten sie behelfsmäßig am Strand ein Lager. Dort blieben sie, in der Hoffnung das Schiff komme zurück. Heute Abend sah sie dann die Rauchsäule unseres Ofens und während Aitan bei den Frauen blieb, machte sie sich auf den Weg hierher. Die Dinge auf der Koralle sind völlig aus dem Ruder gelaufen, schließt sie ihre Erzählung ab.
Ich starre sie an und aus dem Nichts rollt die Erinnerung wie eine Flutwelle über mich hinweg.

Ich sortierte meine überanstrengten Knochen aus der Koje und ging ausgehungert zum Frühstück. Selbstverständlich ließ ich mir nichts anmerken. Gemeinsam mit Oratio und Boraco frühstückte ich und mein Freund bedankte sich, dass ich ihn zum Schiff getragen habe. Ein wenig ungläubig sah er trotzdem aus. Ich grinste und erwiderte, dass ich ihn ja schlecht auf der Insel zurücklassen konnte. Im gleichen Atemzug unterdrückte ich ein Stöhnen, als mein Rücken, beim Umwenden zu Laila, schmerzvoll protestierte.
Boraco erzählte uns, dass er sich mit Baranoir geeinigt hatte und wir den Abstecher zur Höhle machen würden, dann aber endlich in Richtung Festland aufbrechen. Wir haben schon genug Zeit verloren, sagte er und erinnerte an unsere eigentliche Mission. Als wenn er mich daran erinnern musste.
Leise platschten die Ruder in die, dank Efferd, ruhige See unterhalb der Steilküste. Die Koralle ankerte in ihrem Schatten und das Beiboot brachte uns sicher in eine große Höhle. Von hier unten sah man noch weitere kleinere und größere Höhlen im beinahe brüchig wirkenden Fels. Doch bei dieser war auf der Karte des Magiers ein Kreuz eingezeichnet.
Lailas Gwen Petryl erreichte nicht einmal ansatzweise den Rand der Höhle. Und Oratios Fackel war nur ein winziger Funke in der immer dunkler werdenden Finsternis. Ich ruderte mit gemessenen Schlägen vorwärts, tief unter die Insel, bis Oratio rief, dass er ein Ufer sehen könne. Der Eingang war nur noch ein schwacher Schimmer auf dem Wasser. Tatsächlich war genug Platz an dem Ufer, um das Boot an Land zu ziehen.
Wir folgten einem breiten Gang sacht bergan, der vor uns immer heller wurde. Aus sich heraus leuchtende Ranken und Pilze, wuchsen hier im rissigen Fels. Je weiter wir gingen, desto zahlreicher wurden sie.
Oratio löschte sein Licht, während Laila grübelnd die Pflanzen betrachtete. Auch Boraco schien ihretwegen besorgt. Meine Freundin seufzte, eigentlich dürften sie nicht leuchten, aber sie glaube, es seien Rattenpilze. Die Magier nickten zustimmend und banden sich Tücher um die Nase. Wenn sie, wie die anderen Pflanzen auf der Insel ihr Gift durch die Luft verteilen, sollten wir das nicht einatmen, riet Oratio. Ich tat es ihnen gleich und zog ebenso Handschuhe an. Leise knirschte das Leder, als ich in Erwartung von wehrhafteren namenlosen Kreaturen, die Fäuste ballte.
Umsichtig, nicht auf einen der Pilze zu treten, gingen wir weiter und fanden uns vor einem Gebäude wieder. Fünf große Stufen führten zu einem mit fünf Säulen getragenen Vordach. Das Ganze sah bestens erhalten und mit großer Kunstfertigkeit erbaut aus. Die giftigen Ranken kletterten an den Wänden entlang, eine lebendig wirkende Zierde.
Als wir näher herantraten, erkannten wir, dass die großen Stufen durch kleinere ergänzt wurden. Dreizehn an der Zahl schritten wir herauf und standen vor einem Portal. Ein Zeichen prangte auf dessen Flügeln. Purpurn auf dem makellosen Stein. Das Zeichen des Namenlosen.
Leise begann es in mir zu glimmen. Schier hoffte ich darauf, im Inneren dieses Unheiligtums auf einen ganzen Haufen verblendete Ketzer zu treffen, denen ich meine Klinge in ihre schwarzen Herzen würde rammen können.

Doch der unheilige Tempel war verlassen, bis auf die leuchtenden Pilze, die ihm einen unheimlich rötlichen Schimmer verliehen. Wir sahen uns gründlich um. Es gab eine große Andachtshalle, wobei sich in mir alles sträubte, sie als solche zu benennen. Sie hatte einen verschlossenen Zugang vom Flur und einen aus den Gemächern des Hohepriesters. Gibt es das Wort Hoheketzer?
Jedenfalls war dieses Zimmer mit prächtigsten Möbeln aus dunkel geöltem Mohagoni ausgestattet. Ein gigantisches Himmelbett mit geschnitzten Pfosten nahm einen Großteil ein. Ein Meer aus purpurner Seide rundete die goldenen Blutauffangschalen unter den ebenso goldenen Ketten ab. Bitter stieg mir die Galle hoch, als ich braune Krusten in den Schalen sah.
Zudem besaß der ehemalige Bewohner eine Vorliebe für die Malerei. Vermutlich teilte ich seine Begeisterung für aufwendige Darstellungen von Folter und Vergewaltigung mit detailreichen, vor Schmerz und Qual verzerrten, Gesichtern in Öl nicht, denn ehe ich mich versah, machte meine Klinge aus der Kunst den Haufen Müll, der er war.
Das Feuer in meinem Inneren wurde weiter angefacht.
Vom Wartebereich mit drei Feuerschalen gelangte man in ein Verlies oder eine Folterkammer. Selbst jetzt, wo keinerlei Spuren menschlichen Lebens zu finden war, drang einem der Geruch von Angst, Unrat und Tod in die Nase.
Es gab zudem einen Gemeinschaftsraum mit einer Kochstelle, verschiednen Liegen, Tischen und Bänken und einer Wendeltreppe. Sie führte nach oben zu einem weiteren Zugang an der Inseloberfläche und in einen dunklen Abgrund. War dies der dunkle Abgrund, von dem der verrückte Magier gesprochen hatte? War er hier hinab gestiegen? Zumindest schien er sich bei den Menschenopfern nicht geirrt zu haben. Aber im Tagebuch der Gemeinschaft war kein Wort über einen Tempel.
Der Abgrund jedenfalls war wirklich unheimlich. Die Treppe endete auf einer Plattform in der totalen Leere. Ein dreizehnzackiger Stern war in die freischwebende Fläche eingearbeitet. Diente er der Beschwörung? Von was oder wem? Über uns erkannte man den Fußboden des Tempels, mit einer mondförmigen Aussparung auf Höhe der Andachtshalle, aus der ein rötlicher Schimmer drang.
Ansonsten nichts. Grenzenlose, schwarze Leere.
Wir sahen uns die Andachtshalle genauer an. An einem Ende stand eine Statue. Eine sich aus dem Dunkel erhebende Gestalt wuchs aus einer handbreit dicken Steinplatte hervor, die außer an der Wand, frei über dem Abgrund schwebte. Dieses Halbrund wurde ebenso halbrund, etwa einen Schritt breit, bodenlos umgeben, bevor der Fußboden des Tempels wieder begann.
Davor thronte ein T-förmiger Altar, auf dem ein Skelett angekettet war. Selbst seine Knochen waren stumme Zeugen seiner Folter. Unzählige Kerben und Risse zierten die bleichen Gebeine.
Ich glühte innerlich. Lodernd forderte der Zorn, diese unheilige Stätte dem Erdboden gleich zu machen.
Und es schien nicht nur mir so zu gehen. Während ich mich daran machte aus dem Gemeinschaftsraum und Schlafgemach Kleinholz zu machen und es zu hübschen Scheiterhaufen zusammenzutragen, zerwühlten meine Gefährten die Schränke und warfen alles auf die Haufen, was gut brennen würde. Wir planten, auf dem Weg nach draußen, alles anzuzünden.
Irgendwann fand ich mich neben Oratio wieder, der grimmig die Statue musterte. Er erklärte, er wolle die Platte, so weit er konnte, zerstören und dann brauche er mich, um sie umzureißen.
Mein Herz schlug schneller vor Freude, dass wir das Abbild des Namenlosen in den Abgrund stürzen würden. In die Finsternis, aus der er sich erheben wollte.
Boraco stand am anderen Ende der Halle und versuchte verzweifelt, ein Buch in einer Feuerschale zu verbrennen. Bereits auf den ersten Blick sah ich, dass es ein besonderes Buch sein musste. Vermutlich war es dem Rattenkind geweiht, wenn es nicht sofort in Flammen aufging. Die Schale glühte bereits glutrot. Wortlos reichte ich meinem Freund meinen randvollen Flachmann. Dankbar übergoss er die Seiten und warf weitere Pergamente und Holzstücke, die er von meinen Scheiterhaufen gesammelt hatte, darauf.
Dann stand ich wieder neben Oratio. Ein zufriednes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er hatte tatsächlich mit seiner Magie einen Keil in die Platte geschlagen. Die Statue stand nun am Ende dieser Platte, die nur noch von einem winzigen Stück Fels gehalten wurde. Auch auf mein Gesicht stahl sich ein Grinsen. Das war zu schaffen.
Gemeinsam mit Laila schlangen wir ein Seil um den Kopf der Statue und positionieren uns hinter dem Alter, damit wir uns dagegen stemmen konnten. Boraco kokelte weiter, dünner Rauch erfüllte inzwischen die Halle.
Laila und Oratio nahmen sich ein Ende des Seiles, ich das andere. Was zwar die Platte zum Knirschen brachte und sich bröckelnd Steine lösten, aber fast darin endete, dass ich die beiden in den Abgrund zog. Also ergriff ich beide Enden, schlang sie mir zweimal um die Handgelenke und hatte auf jeder Seite einen Helfer. Das Seil zog sich immer fester zu, aber es schnitt nicht ein, dank der Armschienen.
Ächzend vor Anstrengung rief ich den Gnadenlosen an, während Muskeln und Seil gleichermaßen zu bersten schienen.


Drachensohn, gib mir die Kraft, das Rattenkind in Deinem Namen zurück in den Abgrund zu stoßen, wo es hingehört.

Jäh erklang das laute Knirschen und hallte von den Wänden wieder. Das Seil gab nach. Geschickt rollte ich mich ab und stand augenblicklich bei meinen Gefährten, die ungläubig der Statue hinterherschauten. Lautlos hatte die endlose Leere sie bereits verschluckt.
Ich genoss den Triumph, wie er gleißend durch mich hindurch schoß. Bis jäh ein Beben durch den Fels rollte. Gefolgt von ohrenbetäubendem Krachen.
Der Tempel brach zusammen!
Von der Decke regneten von einem Moment auf den anderen Trümmer. Zeitgleich zerplatzen überall die Pilze. Ich drehte mich zu Boraco um, rief seinen Namen, aber im Gesteinsregen und Getose konnte ich ihn weder sehen noch hören. Laila schrie neben mir nach Ihrem Geliebten. Gemeinsam rannten wir los. Doch wir wurden nach wenigen Schritten jäh gestoppt, als der Boden vor uns wegbrach. Der rückwärtige Teil der Halle war von hier aus nicht mehr zu erreichen.
Die andere Tür, erinnerte sich Laila. Wir eilten in den Flur, öffneten die Tür mit einem gefundenen Schlüssel, doch es war bereits zu spät.
Während um uns herum das Unheiligtum Stück für Stück weiter in die schwarze Leere stürzte, starrten wir auf die glimmende Feuerschale. Doch dort wo Boraco gestanden hatte, gähnte uns nur der Abgrund entgegen. Immer schneller fraß dieser sich in unsere Richtung, befeuert durch die Trümmer von oben. Die Luft war geschwängert von Staub und den zerplatzenden Pilzen. Ich umfasste Lailas Hüfte und folgte, mit meiner wild kämpfenden Freundin im Arm, Oratio über die Wendeltreppe nach oben. Die Tücher waren längst verrutscht. Tief atmeten wir die vergiftete Luft ein. Die Welt verschwamm auf dem Weg nach draußen. Die Gedanken zerfaserten zu sinnlosen Fragmenten. Tierische Instinkt ließ uns nur fliehen.


Was dann passiert ist, ist weiter im Nebel verborgen. Jedenfalls muss ich so lange umhergeirrt sein, bis ich heute Morgen am Strand aufwachte. Die Erkenntnisse der Erinnerung lassen mich atemlos zurück. Ich sehe in Lailas kalkweißes Gesicht. Auch sie erinnert sich. Mühsam verbirgt sie ihre zitternden Hände, während ihr Tränen über die Wangen laufen.
Sneschana kombiniert sofort, traut sich aber kaum, die Frage nach Boraco zu Ende zu stellen. Ich schüttele nur stumm den Kopf. Der Schock sitzt tief. Wir können nicht darüber reden. Nicht jetzt, mitten in der Nacht, wo wir nichts ausrichten können. Die anderen legen sich hin. Ich setze mich vor die Hütte. Es ist eh Zeit für meine Wache. Doch Schlaf finde ich nicht.

Früh am Morgen macht sich Sneschana auf den Weg die anderen zu holen. In stummen Einverständnis bereiten wir uns vor, nach dem Frühstück den Eingang zu der Wendeltreppe zu finden. Wir müssen mit eigenen Augen sehen, was unsere getrübte Erinnerung uns eingegeben hat.

Tatsächlich finden wir nach kurzem Suchen den Eingang. Staub und Dreck haben sich gelegt. Die Wendeltreppe sieht noch einigermaßen stabil aus. Befestigt im Fels über unseren Köpfen scheint sie nicht mit dem Tempel in den Abgrund gerissen worden zu sein.
Langsam steigen wir ins Dunkel. Oratio lässt eine leuchtende Kugel um uns herum fliegen. Doch es gibt nichts, was sie hätte beleuchten können, außer uns und die Treppe.
So weit das Auge reicht nur Leere.
Als hätte es nie einen Tempel gegeben.
Ein großartiger Sieg für die zwölfgöttliche Ordnung.
Aber zu welchem Preis.
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