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Ragnars Reisetagebuch - Die Rettungsexpedition

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
OC (Own Character)
10.05.2020
27.11.2020
15
41.688
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10.05.2020 1.828
 
Am Morgen des 5. Ingerimm 1010 BF ist Boraco zurück. Er ist mit mir und dem Stand der Vorbereitungen zufrieden. Aber die Neuigkeit, dass Laila mit einem fremden Magier reist, ohne uns zu sagen, wo sie ist, lässt eine steile Falte auf seiner Stirn entstehen. Unser Schiff nach Festum geht übermorgen, also ist noch Zeit. Sie müsste spätestens morgen zurück sein, sage ich. Er scheucht mich verärgert hinaus. Ich kümmere mich um meine üblichen Pflichten.

Kurz bevor die Villa Laila ihre Tore öffnet, kehrt meine Freundin, verstaubt, dreckig, aber unversehrt, von ihrer Reise zurück. Sie erwartet offenbar einen Wutausbruch, aber ich drücke sie einfach nur erleichtert in meine Arme. Laila tritt einen Schritt zur Seite und gibt den Blick frei auf ihre Begleitung, den fremden Magier. Darf ich dir meinen Freund Oratio vorstellen, lächelt sie.
Vor mir steht ein eher schmal gebauter Südländer, der knapp einen Kopf kleiner ist als ich. Dennoch ist sein Kinn stolz erhoben und seine braunen Augen mustern mich neugierig. Seine Haare sind, ebenso wie sein kunstvoller Kinnbart, schwarz. Er trägt robuste Reisekleidung, an der einzig die roten Echsenlederstiefel auffällig sind. Ein schwarzer mit Kupfer beschlagener Magierstab ruht in seiner Rechten. Seine Finger zieren unzählige Ringe und um seinen Hals liegt ein, zu dem Protz unpassendes, schlichtes Amulett, welches einen Enterhaken zeigt. Grob geschätzt ist er Ende zwanzig. Er nickt mir mit einem seichten Lächeln zu, als Laila mir auf die Schulter klopft und mich vorstellt.
Ich wende meinen Blick von dem Mann ab und sage ihr, dass Boraco oben auf sie wartet. Sie rauscht davon. Ich schaue wieder auf den völlig entspannten Magier neben mir. Laila hat ihn als einen Freund vorgestellt, also bringe ich ihn zu einem unserer Gästezimmer. Er bedankt sich höflich und schlendert kurz darauf in unser Hammam.

Laila bittet Oratio beim Abendessen an unseren Tisch. Er trägt jetzt statt der staubigen Reisekleidung eine bequem geschnittene, seidene Robe. Das Ding sieht aus wie der Bademantel, den Melek seit seinem Besuch im Palast so gern trägt. Sein Haar und der frisch gestutzte Bart glänzen ölig im Schein der Laternen. Interessiert blickt er unseren Mädchen hinterher und scheint bereits seine Wahl für den Abend zu treffen. Boraco hat eine herrschaftliche Miene aufgesetzt und stellt sich mit seinem gesamten Titel vor, den ich bisher noch nie gehört habe. Irgendwas mit Adeptus und wandelbarem Tuzak. Oratio zählt einen ellenlangen Titel seiner Schule auf und fasst es am Ende zusammen in Universität von Al`Anfa. Die beiden mustern sich gegenseitig abschätzend. Kurz frage ich mich, ob sie sich jeden Moment mit Feuerbällen beschießen. Laila hat das aufladen der Luft ebenso bemerkt und quasselt fröhlich los. Ein wenig über die zukünftige Expedition, ein paar Geschichten von der letzten. Aber sie schafft es nicht, die verkrampfte Stimmung zu lösen. Ich versuche, ihr beizustehen, erkundige mich nach Oratios vorherigen Reisen, aber ernte nur ein: „Geht-dich-nichts-an“. Also lasse ich es bleiben.
Meine Freunde und ich beschließen, dass wir heute Nacht das Landhaus von unseren kürzlich verschiedenen Feinden bis auf die Grundmauern abbrennen. Als Laila und Melek, kurz nach dem Verschwinden von Nedimajida dort waren, spukte es. Ich schäme mich etwas, denn ich erinnere mich nicht, dass sie es mir erzählt haben. Ich war wirklich zu sehr mit mir selbst beschäftigt.
Als ich umgezogen, voll gerüstet und bewaffnet die Treppe wieder hinunter komme, macht Oratio das erste Mal den Eindruck, dass er an irgendetwas anderem interessiert ist, als Wein und Weibern. Als er mich fragt, was wir vorhaben, bekommt er dieselbe schnodderige Antwort, die ich bekommen habe. Er lacht amüsiert auf und nimmt noch einen Schluck Wein. Ich warte vor der Tür auf meine Freunde.
Wenig verwunderlich gibt Laila bekannt, dass ihr alter Freund uns begleitet. Sie lobt ihn in den höchsten Tönen, seine Fertigkeiten in der Magie und seine feste Moral im Dienste der Zwölfe, trotz des finsteren Auftretens. Boraco rollt mit den Augen und fügt sich in ihren Wunsch. Und ich demnach ebenso. Man kann Laila auch schlecht etwas abschlagen.

Wir laufen durch das abendlich bunt erleuchtete Khunchom zum Landsitz. Dort holen wir Pferde und reiten durch den Garten, abseits der Straßen, zu dem einsamen Haus. Ich beobachte aufmerksam die Umgebung, aber wir sind augenscheinlich allein. Laila gibt derweil eine kurze Zusammenfassung für Oratio zum Besten: wessen Haus es ist, welchen Verbrechen sie sich schuldig gemacht haben und wie sie ihr Ende gefunden haben. Allerdings bleibt sie vage und verrät nichts über die anderen Verwicklungen. Aber sie scheint ihm zu vertrauen, denn so was kann man kaum jedem erzählen.
Unbemerkt gelangen wir an den Pfad zum Haus. Das Madamal ist beinahe voll und erhellt die Nacht. Ich deute den anderen zu warten und sehe mich in der Umgebung des Hains genau um, bevor wir uns weiter nähern.
Nachdem ich mir sicher bin, dass wir allein sind, schleichen wir gemeinsam auf die Lichtung. Durch die zum Teil geöffneten Läden, dringt Licht hinaus. Trotzdem huschen wir weiter. Boraco sieht auf der Rückseite nach und ich vorn. Laila und Oratio folgen mir und spähen ebenfalls durch die Fenster. Der große Salon ist noch immer ausgebrannt und leer, dennoch flackert ein Feuer im Kamin. Kurz hatte ich den Eindruck, als wären sogar Schritte zu hören. Doch es ist niemand zu sehen.
Wir nähern uns der Tür. Boraco kommt von der anderen Seite, doch er tritt auf eine knarzende Diele der Veranda. Genervt über sich selbst rollt er mit den Augen und drückt mir einen langen Schlauch mit einer Flüssigkeit in die Hand. Er flüstert mir zu, ich solle das im Erdgeschoß verteilen und er übernimmt den Keller. Ich nicke, öffne die Tür zu dem verfluchten Haus und wende mich direkt rechts in den kleinen Salon, während Laila und Boraco die Treppe zum Keller hinunter eilen. Oratio bleibt im Flur. Rasch verteile ich etwas von der Flüssigkeit im eh schon ausgebrannten Zimmer. Allerdings kleckere ich ein paar Tropfen auf meine Stiefel. Als ich zur Küche husche, sehe ich den Al`Anfaner auf der zerstörten Treppe stehen und fasziniert nach oben starren. Ich raune ihm zu, dass oben ein Feuerdämon haust, und eile weiter. Kaum habe ich in der nur vom Madamal erhellten Küche angefangen das Zeug auszugießen, beginnt der von Laila angekündigte Spuk.
Früher hätte mich das zu Tode erschreckt, mich Zeichen gegen das Böse machen und an meinen Talisman greifen lassen, aber die Ereignisse der letzten Monde haben meinen Geist demgegenüber gefestigt.
Die Tür schlägt zu, die angekokelten Küchenmesser tanzen in der Luft und schießen auf mich zu, als würden sie geworfen. Eins nach dem anderen. Ich kann ihnen knapp ausweichen. Doch eines zieht mir über den Arm und ein zweites an der Wange entlang. Warm tropft mein Blut aus dem Bart. Ich bringe den steinernen Arbeitstisch zwischen mich und die Messer und arbeite weiter. Just als sie sich erneut klappernd in die Luft erheben und das Erste bereits auf mich zugeflogen kommt, fallen sie leblos hinunter. Die Küchentür lässt sich ebenfalls wieder öffnen und so gieße ich die Flüssigkeit im Esszimmer aus und betrete den vom Kaminfeuer erhellten Salon. Ein lautes Krachen aus dem Flur lässt mich aufblicken. Oratio steht in einer Ecke des Zimmers. Vor ihm auf dem Boden ist ein in den fettigen Ruß gezeichnetes Pentagramm. Er holt aus seinem Beutel ein Glas und eine Flasche Rotwein. Ich stocke einen Moment, versuche, die Situation zu erfassen.
Hat er da etwas beschworen, oder war das Zeichen schon vorher da? Hat sich Laila geirrt und ist er auch nicht besser, als die anderen Schwarzmagier, die wir bisher getroffen haben? Sollte ich ihm am besten jetzt sofort den Kopf abschlagen, bevor er weitere Probleme macht? Doch ich ignoriere meine Bedenken, denn zum einen sind meine Freunde in Gefahr und zum anderen vertraue ich auf Lailas Menschenkenntnis.
Ich stürme auf ihn zu, drücke ihm den Schlauch in die Hand und frage ihn, ohne eine Antwort abzuwarten, was bei allen Niederhöllen er da macht. Rasch an ihm vorbei in den Flur. Dort pralle ich beinahe mit Laila zusammen, die aus dem Keller gestürmt kommt und einen Schatten verfolgt. Den übernehme ich, sage ich und sie eilt zurück in den Keller, um dort Boraco zu helfen. Ich verfolge, den zweiten Zahnstocher ziehend, den Schatten durch Küche und Speisezimmer bis in den Salon. Es fährt über die Fenster und Wände und dort wo er sie berührt, wachsen augenblicklich schwarze Ranken und versperren den Ausweg nach draußen.
Oratio steht noch immer in der Ecke und leert gerade sein Glas, den Schlauch ungenutzt in der Hand. Ich konzentriere mich auf das Wesen und greife es an. Die Seeschlangenklingen fahren durch den Schatten hindurch. Ich weiß nicht, ob es verletzt wird oder nicht. Es ist noch weniger greifbar als die Schattendämonen auf dem Sargasso, wie aus Nebel gemacht. Dennoch lasse ich nicht ab. Laila kommt in den Salon gerannt, Boracos Schlauch mit der brennbaren Flüssigkeit über der Schulter. Der Schatten greift in das Kaminfeuer und beginnt Laila und Oratio mit glühenden Holzstücken zu bewerfen. Laila ruft, dass Boraco gesagt hat, wir sollen uns in Sicherheit bringen, denn er schafft uns einen Ausweg. Erneut wirft das Wesen Kohlestücke, doch es verfehlt die beiden. Oratios Faulheit hat doch etwas Gutes, sie verhindert, dass der Salon in Flammen steht. Allerdings hat Laila ihren Beutel fallen gelassen und das Vieh hält darauf zu. Blitzschnell sprinte ich dorthin und bekomme ihn vorher zu fassen. Jäh erklingt ein lautes Krachen an der Vordertür und wir rennen gemeinsam in die Richtung. Ein riesiges Loch klafft dort, wo gerade noch die Tür und die schwarzen Ranken waren. Auf der Stelle schlüpfen wir durch das sich bereits schließende Tor ins Freie. Ich werfe den Schlauch in den Flur. Oratio dreht sich um und formt murmelnd einen Feuerball. Unwillkürlich trete ich zurück. Dröhnend explodiert das Gleißen und augenblicklich steht das verfluchte Haus in Flammen. Grell hebt es sich vom Nachthimmel ab.
Wir sehen nach den Pferden und Boraco. Nackt kommt er aus dem Dunkel. Ich frage mich, in was er sich verwandelt hat, dass er so riesiges Loch in die Wand gerissen hat. Ich glaube, ich will es nicht wissen. Eine Weile schauen wir andächtig dem gefräßigen Feuer zu. Es fühlt sich so gut an, nun auch den Rest dieser elenden Geschichte auszumerzen.

Wir übernachten im Landsitz, der zur Zeit von Oremo und Orelia bewohnt wird. Beide schlafen aber bereits. Nur eine kleine Schar verschlafener Diener bringt uns etwas zu essen, was Starkes zu trinken und bereitet für mich und Oratio je ein Zimmer. Ich bemerke, wie der Magier Laila immer wieder abschätzend ansieht, so als würde er sein Bild von ihr an diese Umgebung und die Ereignisse anpassen.
Ich schlafe in meinem angestammten Gästezimmer. Bei geöffneten Läden liege ich im Bett und kann mich, obwohl es Monde her ist, an jede Einzelheit der Nacht mit Nedimajida in eben diesem Bett erinnern. Von dem Moment, wo sie mir ihre Hand auf meine nackte Brust legte und mich herausfordernd ansah, bis zu dem Moment, als wir Stunden später erschöpft in den zerwühlten Laken nebeneinanderlagen. Lächelnd schlafe ich ein.
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