Ragnars Reisetagebuch - Die Rettungsexpedition

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
OC (Own Character)
10.05.2020
01.08.2020
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01.08.2020 3.222
 
Wieder an der Oberfläche sieht Laila mich mit wildem Blick an. Wo ist das nächste Wasser, ein Strand, irgendwas wohin er in Panik fliehen würde? Ihre Stimme ist rau. Stumm deute ich in eine Richtung. Sie läuft los, ohne sich umzuwenden. Oratio und ich tausche hilflose Blicke. Boraco hätte es nicht rausschaffen können, ohne dass wir ihn gesehen hätten. Ich bin mir sicher, ihn hat der Abgrund ebenso verschlungen. Wurde mit ihm die einzige Möglichkeit verschlungen, die Expedition wie geplant zu Ende zu führen? Eiskalt läuft es mir den Rücken hinab.
Meine Freundin läuft in ihrer Verzweiflung den Strand ab, sucht nach einem Hinweis, dass Boraco sich hier möglicherweise nach seiner Flucht verwandelt hat. In einen Delfin. In das Tier, welches für ihn immer Sicherheit und Freude bedeutet hat. Doch kein Stab, keine Robe, keine Tasche schwappen in den seichten Wellen.

Mein Herz blutet, sie so zu sehen. Vielleicht ist es die irrsinnige Hoffnung, ihn irgendwo zu finden. Vielleicht ist es Feigheit, ihr die Augen für die Wahrheit nicht öffnen zu wollen. Vielleicht ist es Schwäche, ihren Schmerz nicht ertragen zu können. Jedenfalls sage ich, ich werde am nördlichen Strand suchen und trenne mich von meinen Gefährten.
Ich laufe so lange, bis ich mit den Stiefeln in der Brandung stehe. Ich suche die Zwiesprache mit meinem Gott. Doch nur schwer finden meine Worte zu sinnhaften Sätzen zusammen, während ich langsam Schwertgurte, Rüstung, Armschienen und Hemd abstreife. In der Einsamkeit des nordöstlichen Strandes verhallen sie im Wind.

Blutiger Bruder, Dein Wille und Deine Stärke ließen mich ein weiteres Mal über die Widersacher der zwölfgöttlichen Ordnung siegen. Mit inbrünstiger Freude sah ich das Unheiligtum des Rattenkindes zerstört.
Doch der Preis dafür ... war hoch ...


Stöhnend breche ich ab. Kein Mitleid. Erst recht nicht für mich selbst. Stattdessen gestatte ich mir Zorn.

War das Blut Deiner Feinde, in dem ich badete, während ich Deinen Willen vollstreckte nicht genug?
War all das Dämonenfeuer, durch das ich in Deinem Namen ging, NICHT GENUG?!
WAR ALL MEIN BLUT, WELCHES ICH DIR WILLIG OPFERTE, NICHT GENUG!


Während ich kaum merke, dass ich die letzten Worte mit all dem Schmerz herausbrülle, gleitet Al`Siyam mattsilbrig und hungrig über meinen Körper. Neun mal küsst sie mich, durchschneidet sanft die Haut meiner Arme und Brust und hinterlässt grellrote Spuren auf meinen Muskeln. Heiß und klebrig rinnt mein Blut an mir herab. Bebend stehe ich da. Nur der Wind und meine Wut.

Hörst du mich, Drachensohn? Waren meine eigenen Opfer nicht genug?
Oder ist dies der Weg? Sind Verlust und Schmerz der Weg, der mein Herz erkalten lässt, wie Deines, Gnadenloser?
Ist dies Deine Herausforderung an mich?
Dann heiße ich den Schmerz willkommen. Dann ertrage ich den Verlust.
Ich nehme die Herausforderung an!
Hörst Du mich Kor?
Ich werde nicht wanken. Ich werde nicht brechen.


Die letzten Worte flüstere ich in das strahlende Blau des Himmels.

Aber ich werde sie auch nicht aufgeben. Noch nicht.

Das Rauschen der Brandung übertönt kaum das Rauschen meinen Ohren. Ich schließe die Augen. Spüre das Blut über meinen Körper rinnen und Ruhe in mir aufsteigen.
Das Tosen der Brandung wird lauter. Oder höre ich es nur besser, nun da meine Wut langsam abebbt? Blinzelnd blicke ich auf das glitzernde Blau vor mir. Der stete Gleichtakt scheint unterbrochen. Größere Wellen rollen heran. Doch keine Spur einer Sturmfront. Für einen Moment weiche ich zurück. Lege meine Kleidung und Waffen wieder an, damit sie nicht davon gespült werden. Es scheint, als kommen die Wellen mir hinterher. Immer höher türmen sie sich auf. Lecken mit ihrem salzigen Griff nach mir.
Grimmig lächelnd trete ich ihnen entgegen.
Die Nächste umspült meine Waden.
Die Folgende reicht mir bis zum Bauch.
Sie zerrt an mir, als sie sich zurückzieht, um erneut Kraft zu sammeln.
Dann ist sie über mir.
Haushoch überragt sie mich.
Bricht über mir.
Aber sie schleudert mich nicht von den Füßen. Sie hüllt mich ein. Salz brennt mir im Gesicht. Salz brennt in den neun Wunden. Der Schmerz rollt tosend über mich hinweg, wie die Welle. Doch mein Stand ist fest, mein Blick klar. Im Osten sehe ich die Koralle. Sie ankert an einer weiteren Insel. Indem der Schmerz abnimmt, wird meine Sicht wieder normal. Vor mir nur das endlose Meer. Ehrfürchtig senke ich meinen Kopf.
Und gehe grinsend zurück zum Lager. Die Verzweiflung ist weggewaschen. Ich weiß, was zu tun ist. Ich muss mit Sneschana reden. Möglicherweise ist das Beiboot noch da.

Die Norbardin döst im Schatten eines Baumes. Dennoch öffnet sie sofort die braunen Augen, als ich zu ihr trete.
Ich berichte ihr, dass wir keine Spur von Boraco gefunden haben. Dann frage ich sie, warum sie sich so sicher war, dass wir tot sind. Sie erzählt ein weiteres Mal von der riesigen Staubwolke, die aus der Höhle kam und dem lauten Getöse, welches sie mit eigenen Augen beobachtet hat. Ich frage genauer nach und zu meiner Erleichterung sagt sie, dass der Eingang zur Höhle selbst nicht verschüttet wurde. Es brachen einige kleinere Felsbrocken aus der Klippe, aber die Öffnung müsste noch passierbar sein. Gedankenverloren bedanke ich mich mit einem knappen Lächeln. Ihren neugierigen Blick nehme ich kaum wahr.
Ich sehe mich um, finde allerdings nur die beiden anderen Frauen, die versuchen mit dem wenigen Brauchbaren aus den Hütten ein Lager zu bereiten und Aitan, der vom Fischen zurückkommt. Laila hat ihre Suche für den Tag noch nicht beendet.
Jedoch Oratio hockt mit einem Glas Roten und einem dicken Buch auf den Knien auf der Seeseite unserer Hütte. Ich setze mich daneben und der Magier sieht mich fragend an. Ich platze mit der Neuigkeit heraus, dass die Koralle an einer Insel im Osten ankert. Er streicht sich nachdenklich über den geölten Bart. Ich erzähle knapp von meiner Vision. Sein Blick ist interessiert und er nickt zu dem Buch vor ihm. Dort ist auch von einer zweiten Insel im Osten die Rede, sagt er. Ich grinse nur breit. Was steht noch darin, frage ich. Er nimmt einen großen Schluck Wein und will gerade beginnen, als Laila um die Ecke kommt. Schweigend setzt sie sich dazu. Die Augen rot vom Weinen.

Oratio hat sich zunächst genauer mit dem Tagebuch des verrückten Magiers befasst. Allerdings hat sich herausgestellt, dass Melorius von Thanoja wohl nicht so paranoid war, wie wir zunächst dachten.
Mit ruhiger Stimme fasst der Schwarzmagier seine Geschichte zusammen.
Vor mehr als dreißig Jahren studierte Melorius das alte Wissen der Dämonologie. Sein Studium führte ihn durch ganz Südaventurien. Doch auf Maraskan ging ihm das Geld aus. Daher nahm er den Auftrag an, ein Handelsschiff von Boran nach Festum und zurück zu begleiten, für einen fürstlichen Sold.
Die Universität von Al`Anfa bildet Seekriegsmagier aus, erklärt Oratio als er meinen fragenden Blick bemerkt.
Doch, wie wir schon wissen, geriet das Schiff in einen Sturm und strandete hier. Sie hatten ihre Vorräte und fast das gesamte Wasser verloren, daher waren sie zuerst erleichtert. Doch sofort nachdem sie an Land gingen, begannen merkwürdige Dinge zu passieren. Unter anderem verschwand der Steuermann am ersten Abend.
Eine Gruppe von Leuten kam zu ihrem Lager und bat ihnen Hilfe, Essen und Wasser an. Melorius traute ihnen von Anfang an nicht. Das hatten wir schon gelesen. So überspringt Oratio den Teil mit seinen nur allzu wahren dunklen Vorahnungen und Vermutungen über dunkle Rituale und Menschenopfer.
Wir haben mit eigenen Augen gesehen, was dort im Tempel des Rattenkindes vor sich gegangen sein muss.
Jedenfalls kam es zum Kampf und der Dämonologe wusste sich nur noch auf eine Weise zu helfen.
Oratio vergewissert sich unserer Aufmerksamkeit, macht eine dramatische Pause.
Er beschwor mit aller Kraft, die er aufzubringen vermochte, einen siebengehörnten Dämon, der alles menschliche Leben auf der Insel verschlang, außer seinem. Danach blieb er kraftlos und nah des Wahnsinns allein zurück.
Solche Dinge haben seinen Preis, fasst Oratio mit finsterem Blick den Rest zusammen. Er erholte sich nie wieder von diesem Ritual und je schwächer er wurde, desto verrückter wurde er. Am Ende rief ihn die Stimme in die Tiefe.
Die anderen Bücher, habe er bisher nur überflogen, gibt der Magier an. Allerdings ist bereits klar, dass die Aufzeichnungen, die wir hier in der Hütte gefunden haben, ebenso erfunden sind, wie Rinayas Romane.
Melorius Dämon scheint tatsächlich alle getötet zu haben, denn das ist der Punkt, an dem die anderen Berichte aufhören, fährt Oratio fort. Worüber er auch schon gestolpert ist, ist die Tatsache, dass es eine zweite Insel gibt, an der womöglich die Koralle ankert, wie ich ihm berichtet habe.
Laila schaut fragend zwischen uns hin und her. Ich erkläre ihr, dass Kor mir in einer Vision die Position der Koralle im Osten zeigte. Ihre grünen Augen funkeln mich wütend an. Ich halte stand und füge an, dass ich morgen versuchen werde das Beiboot zu bergen. Sie zieht zischend den Atem ein, springt auf und starrt mich an. Ihre Wut trifft mich mitten ins Herz. Dann dreht sie sich um und geht. Ächzend reibe ich mir über den Nacken und lasse sie ziehen. Oratio seufzt leise und wendet sich wieder dem Buch zu. Schweigend starre ich auf den See.



Am nächsten Morgen beim Frühstück will Laila immer noch nichts hören. Sie ist fest davon überzeugt, dass Boraco lebt. Sie ist wütend auf mich, dass ich das Boot bergen will. Und sie stellt die Behauptung auf, dass Boraco, genau wie Melorius, aus der Tiefe wieder zurückkommen kann.
Melorius war wahnsinnig und der Wahrheitsgehalt seiner Beschreibungen fragwürdig, vor allem am Ende des Tagebuchs. Aber sie ist davon überzeugt, dass dort in dem Spalt etwas ist, was sie Limbus nennt, als wäre damit alles erklärt. Dann stapft sie los, den Rest der Insel abzusuchen. Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll, diese Sache mit dem Limbus.
Jetzt will ich erst einmal das Boot finden. Ich frage Sneschana, ob sie mich begleitet. Sie willigt ein, unter der Bedingung ihr zu erzählen, was tatsächlich in der Höhle passiert ist.
Also schildere ich ihr auf dem Weg zum Strand den Tempel und wie er herabgestürzt ist. Sie runzelt ungläubig die Stirn und mustert mich forschend. Den Blick kenne ich von ihr. Beinahe hätte ich gesagt, ich sei nur ein halb so guter Lügner, wie sie meint. Schlussendlich scheint sie mir aber zu glauben.
Wir haben allen unnötigen Ballast im Lager gelassen. Ich habe aus einem Brett ein kleines Floß gebaut, welches ich mitnehme, um die nötige Ausrüstung halbwegs trocken transportieren zu können. Efferd sei Dank ist ebenfalls an diesem Tag die See sanftmütig. Irgendwie haben wir seit Tagen dasselbe frühsommerliche Wetter. Ich denke nur kurz darüber nach, als ich in das kühle Wasser wate.
Es sind etwa drei bis vier Meilen, die wir zurücklegen müssen. Immer wieder schwimmen wir von den Klippen weg, wenn der Sog zu groß wird. Zwischendurch lassen wir uns an geeigneten Stellen herantragen, um auf Vorsprüngen und flachen Felsstücken zu rasten. Doch danach ist es nur umso anstrengender gegen die Wellen wieder hinaus zu schwimmen. Sneschana ist eine gute Schwimmerin, ausdauernd und kräftig sind ihre gleichmäßigen Züge. So kommen wir rasch voran und ohne Probleme gelangen wir zur Höhle.
Gemeinsam balancieren wir das Floß aus. Sneschana hält die Fackeln so darüber, dass es mir mit einigen Mühen gelingt, sie zu entzünden.
Das Beste, was mir Eran hinterlassen hat, ist seine alte Zunderdose. Unzählige Reisen und Schlachtfelder hat sie schon gesehen, ist beulig und abgenutzt, und doch bleibt es in ihrem inneren trocken.
Das Flackern der Fackeln enthüllt den Staub, der noch immer durch die Luft tanzt. Binde dir etwas vor die Nase, fordere ich meine Gefährtin auf und übernehme ihre Fackel. Dann tauschen wir.
Quälend langsam kommen wir ab jetzt weiter, denn wir können nicht riskieren, das Licht zu verlieren. Zudem wagen wir kaum tief zu atmen. Der Staub lässt die Höhle in feinem Nebel erscheinen. Über uns hängen die schroffen Klippen. Unter uns ist das Wasser undurchdringlich. Die Luft ist wesentlich kühler als draußen und lässt uns trotz der Anstrengung frösteln.
Dennoch erreichen wir ohne Zwischenfälle das Ufer am Ende der Höhle. Zu meiner Erleichterung ist das Beiboot unversehrt. Wir klettern mit zittrigen Gliedern an Land und ich frage Sneschana, ob sie in den Abgrund schauen will. Ihre Stimme ist dumpf durch das Tuch, aber sie nickt voller Neugier.
Also führe ich sie langsam zum Rand. Etwa auf der Höhe, auf der die Pilze begannen, gähnt uns die bodenlose Schwärze entgegen. Die Norbardin stößt ein überraschten Laut aus, starrt die Finsternis an. Dann wirft sie einen Stein hinunter. Als er tonlos verschwindet, ist ihr Blick fassungslos. Nun glaubt sie mir tatsächlich.

Trotz alledem muss ich mir auf dem Rückweg, während wir gemächlich rudern, anhören, wir hätten ja Hilfe von der Koralle holen können. Ich frage mich, Hilfe wofür? In die Tiefe zu stürzen? Und von wem? Einem Haufen abergläubischer Seeleute, die schon die Frau mit den roten Haaren als Hexe verbrennen wollten? Diese Bande sollte ich in das Unheiligtum führen? Wofür? Das hätte Boraco auch nicht gerettet. Eher noch mehr Leben gekostet. Dann wirft sie mir vor, ich wäre Baranoir gegenüber respektlos gewesen. Boraco hätte ich ja auch Bericht erstattet. Muss ihr jetzt tatsächlich Loyalität erklären?
Aber was mich am meisten wütend macht ist, dass Sneschana es als einen Fehler hinstellt, den Tempel zerstört zu haben. Es ist nie ein Fehler gegen die Feinde der Zwölfe zu streiten, auch wenn es einen Preis hat. Jederzeit würde ich mein eigenes Blut und mein eigenes Leben geben im Kampf gegen das niederhöllische Gesindel, deren Beschwörer und natürlich auch das Rattenkind und seine Jünger. Grüßt sie nicht immer im Namen Rondras? Wie kann das für sie kein Sieg sein?
Doch ich schweige. Was soll ich auch sagen, wenn sie es von selbst nicht versteht. Ich und meine Freunde sein impulsiv und hätten unüberlegt gehandelt. Wenn sie meint. Doch es fehlt nicht viel und sie bekommt meine Impulsivität zu spüren. Meine Kiefer knirschen und ich konzentriere mich lieber aufs Rudern.

Zurück am Strand waschen wir gemeinsam das Boot aus, um auch den letzten giftigen Staub zu entfernen. Dann schaffen wir es zur Baumgrenze und drehen es um. Anschließend reinigen wir uns gründlich selbst und gehen schweigend zurück zum Lager.

Die nächsten eineinhalb Tage vergehen damit, weiter nach Boraco zu suchen und dem Studium der Tagebücher aus dem Tempel. Laila ist weiterhin sauer auf mich, wegen des Bootes, aber ich verspreche ihr, dass wir zuerst alles absuchen und dann in den Osten aufbrechen. Tatsächlich verschaffen uns die Bücher erstaunliche Einsichten in die Geschichte der Insel.

Als vor über dreißig Jahren ein Handelsschiff in einen Sturm geriet und an der Insel anlandete, war sie noch karg. Kapitän Kasparbald beschreibt, dass sie nach vier Wochen zurück nach Westen aufbrachen. Darüber waren sie heilfroh, da immer wieder merkwürdige Dinge passierten und die Leute zum Fantasieren neigten. Zudem gab es bis auf Blumen kaum etwas Essbares.
Doch ein weiteres Mal hielt der Sturm sie auf und warf sie auf die Insel. Sie waren völlig verzweifelt. Es verschwanden nach und nach weitere Besatzungsmitglieder. Doch auf den vielen Erkundungstouren fanden sie plötzlich Bäume, die Früchte trugen und Gemüse- und Getreidepflanzen, die sie nährten. Sie schworen, dass diese vorher nicht dort wuchsen, waren misstrauisch, aber am Verhungern. Also aßen sie davon.
Einer aus der Mannschaft redete immer wieder vom rechten Weg und spaltete die Gruppe. Am Ende des Logbuchs hatte sich der Konflikt handfest zugespitzt und die Aufzeichnungen brechen ab.

Das zweite, deutlich dickere, Tagebuch ist das Buch des meuternden Matrosen. Sein Name ist Bujanel. Schnell ist uns klar, dass er den Tempel gefunden haben muss. Er beschreibt genau das, was wir sahen. Doch er las das verfluchte, dem Namenlosen geweihte Buch und fiel seinen Lehren anheim. Er sah sich nun als Hohepriester und fing an die Leute zu seinem wahren Glauben zu bekehren. Er wusste durch seinen Gott, dass sie nicht entkommen konnten. So war das zweite Mal, als sie strandeten Feuer für seine Kanonen.
Er wanderte in Neumondnächten durch die Blumen, immun gegen das Gift. Er scharte seine Gläubigen um sich und opferte die Ungläubigen. Er sandte welche aus, die den Sturm umgingen und auf anderen Schiffen zurückkehrten. Unter seiner Leitung blühte die Insel auf. Die Gemeinde wuchs und das Land schenkte ihnen mehr und mehr Nahrung. Mit den neuen Schiffen kamen Hühner und Kaninchen, Vögel und andere Tiere. Bujanel sonnte sich in seinem Glanz. Das Buch strotzt vor Eigenlob und Geltungssucht und dem Irrsinn seines Glaubens.
Nach einer Weile passierte etwas Ungewöhnliches. Ein völlig intaktes Schiff mit bestgenährter und gerüsteter Mannschaft fuhr in die Bucht ein. So erfuhr Bujanel von seinen Nachbarn. Rasch war man sich einig, dass man ein freundschaftliches Verhältnis pflegen möchte. Zwar teilte man nicht denselben Glauben, aber auch die anderen beteten eine finstere Macht im Abgrund an. Und ebenso gab es blutige Überschneidungen in den Ritualen. Danach gab es zweimal im Jahr Treffen zwischen den Gruppen.
Bei seinem ersten Besuch auf der anderen Insel war der Hohepriester beeindruckt von der Siedlung seiner Nachbarn. Sie war besser bebaut, beheimatete mehr Menschen und war bestens organisiert. Doch das einschneidendste Erlebnis war sein Abstieg in die heilige Dunkelheit. Die anderen hatten augenscheinlich eine Möglichkeit, kontrolliert in den Abgrund zu steigen. Ihm als Hohepriester wurde diese Ehre zu Teil. Anschließend trat er erleuchteter und machtvoller als zuvor daraus hervor.
Seine Ideen, die Schiffe anzulocken wurden immer ausgereifter und heimtückischer. Immer mehr Leute sandte er aus, Menschen zu sammeln, um seine Gemeinde gedeihen zu lassen. Doch dann landete das Schiff von Melorius an.
Auch aus dieser Perspektive ist der Konflikt sehr deutlich heraus zu lesen.
Doch Bujanel rechnete, bei aller Macht, die ihm das Rattenkind verlieh, nicht mit dem Wahnsinn des Dämonenbeschwörers. Seine letzte Eintragung ist voller Entsetzen, über das Wesen, den Siebengehörnten, welches sein Werk zerstörte und seine Anhänger abschlachtete.

Ich bin verwirrt über die grimmige Zufriedenheit, die mich erfüllt, dass der verrückte Magier sie alle getötet hat. Obwohl er dabei sein eigenes Leben ebenso verwirkte, bleibt, dass er die Finsternis wählte. Und er tat dies nicht aus dem Wunsch, Gutes zu tun, sondern nur seine eigene Haut zu retten. Er hat den Tod ebenso verdient, wie die Anhänger des Rattenkindes.
Die Ereignisse sind lange her. Möglicherweise ist auf der anderen Insel Ähnliches geschehen. Möglicherweise ist sie aber weiter gewachsen und sie haben aus den Fehlern ihrer Nachbarn gelernt. Wir wissen es nicht. Was uns allerdings bewusst wird, ist der Umstand, dass wir es höchstwahrscheinlich mit einem Anhänger dieses Kultes zu tun haben, der uns mit Absicht auf diese Insel brachte. War er so lange fort? Oder wollte er in Bujanels Fußstapfen treten? Oder wollte derjenige vielleicht auf die Nachbarinsel? Ankert deshalb die Koralle dort? Das sind doch zu viel der Zufälle.

Der Teil mit dem Abstieg in den Abgrund auf der anderen Insel weckt in Laila die Hoffnung, dort zu Boraco gelangen zu können. Tatsächlich findet Oratio Hinweise, dass die Inseln miteinander verbunden sein könnten. Allerdings hat unsere Insel keinen Zugang. Immer wieder diskutieren wir in diesen anderthalb Tagen, wie wahrscheinlich es ist, dass mein Freund lebend dort unten herumirrt. Wo auch immer unten ist. Oratio erzählt irgendwas von Sphären und Limbus und Limbusreisen und von Versteinerung als Schutz vor Schaden und weiteres Magierzeugs. Das ist mir zu hoch.
Aber ich muss ebenso auf die andere Insel. Dort hat der Drachensohn mich hingeschickt. Dort wartet seine Herausforderung auf mich. Da bin ich mir sicher.
Doch im Stillen regt sich auch in mir ein Funke, dass Boraco und damit die Frauen, damit Nedimajida und mein Kind, nicht verloren sind.
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