Kussmorde

von Lucy Monk
GeschichteKrimi, Mystery / P16
10.05.2020
23.05.2020
5
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23.05.2020 3.413
 
~ 4. ~

Silke mochte die neue Sekretärin, die seit einigen Tagen im Gerichtsmedizinischen Institut tätig war. Als sie ihr am späten Vormittag ihres ersten Arbeitstages einige Akten von Professor Boerne brachte, stellte sich ihr Silvia sehr freundlich vor, bot ihr das Du an und lud sie darüber hinaus zu einem Kaffee ein, was Silke sehr gerne annahm. Sie verabredeten sich in der Mittagspause, um gemeinsam zur Kantine zu gehen und unterhielten sich dort sehr angeregt miteinander.

Auf diese Weise erfuhr Silke, dass Silvia erst vor drei Monaten von Kanada nach Deutschland  zurückgekehrt war, weil sie sich von ihrem Lebensgefährten getrennt hatte und einen neuen Anfang wagen wollte. In Calgary war sie einige Jahre lang als Sekretärin für eine Firma tätig gewesen, die Software entwickelte und verkaufte und als Systemadministrator Geschäftskunden betreute.

"Das ist aber sehr verschieden von dem, was wir in der Rechtsmedizin tun", meinte Silke, verwundert, dass Frau Johannsen eine Sekretärin aus einem völlig anderen Fachbereich für Boerne gewählt hatte.

"Keine Sorge", antwortete Silvia heiter. "Ich habe schon ein paarmal als Aushilfe in Arztpraxen gearbeitet, weshalb mir die medizinische Nomenklatur vertraut ist. Das muss Frau Johannsen überzeugt haben. Darüber hinaus glaube ich, dass sie Probleme hatte, jemanden zu finden, der bereit war, hier zu arbeiten."

"Tatsächlich?"

"Nun, es ist nicht jedermanns Sache, tagtäglich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert zu werden. Außerdem genießt Professor Boerne nicht gerade den Ruf, ein umgänglicher Mensch zu sein, obwohl Frau Johannsen viel von ihm zu halten scheint."

"Es ist wahr, dass der Chef mitunter sehr schwierig sein kann", gab Silke zu. "Allerdings ist er auch ein Arbeitstier, der von sich und seinen Mitarbeitern viel verlangt. Sein Humor ist allerdings nicht jedermanns Sache."

"Ich denke, dass ich damit klarkomme", erwiderte Silvia. "Arbeitest du schon lange hier, Silke?"

"Ja, einige Jahre. Kann mir gar nicht vorstellen, woanders zu arbeiten."

"Klingt für mich positiv", meinte die Sekretärin. "Ich wäre wirklich froh, längerfristig einen Job zu haben."

"Wenn der Professor zufrieden mit dir ist, spricht im Grunde nichts dagegen", machte Silke ihr Mut.

Silvia nickte und wirkte ziemlich zuversichtlich.

Es stellte sich bald heraus, dass sie überaus tüchtig war und alle Aufgaben, die Boerne ihr übertrug, zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigte. Sie kümmerte sich auch selbständig um viele Kleinigkeiten und Formalitäten, mit denen er sich früher immer herumschlagen musste, und hielt ihm so den Rücken frei, damit er sich um seine eigentliche Aufgabe als Gerichtsmediziner kümmern konnte.

Mal abgesehen von seiner mutmaßlichen Verliebtheit in Frau Johannsen schien er vermutlich deshalb, so glaubte Silke, seit der Einstellung von Frau Dorn die allerbeste Laune zu haben - das hieß, er hatte sie, wenn er sich nicht daran erinnern musste, dass es da diesen merkwürdigen Todesfall im Stadthotel Münster gab, für den bis jetzt niemand eine Erklärung fand. Denn auch die Polizei, sprich: Hauptkommissar Frank Thiel, tappte bei diesem Fall im Dunkeln.

Zwar gelang es Frau Krusenstern, die Identität des Mordopfers schnell festzustellen, aber das brachte die Ermittlungen auch nicht voran. Der Bankier Eduard Püschel aus Frankfurt am Main war nach Münster gekommen, um hier ein großes Immobiliengeschäft abzuschließen. Er war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Eigentlich ein recht biederer Mann, dessen bisheriges Leben auf nichts besonders Aufregendes deutete - abgesehen von jener Nacht, die er anscheinend mit einer Unbekannten verbrachte, die niemand gesehen hatte. Es war für die junge Kommissarin sicherlich eine unangenehme Pflicht gewesen, die Witwe des Herrn Püschel über den Tod ihres Mannes zu informieren. Sie würde heute im Laufe des Tages vorbeikommen, um ihren Gatten zu identifizieren.

"Alberich! Ich habe heute um 15.00 Uhr einen Termin und komme erst morgen wieder", informierte ihr Chef sie. "Sie wissen ja über alles bestens Bescheid, nicht wahr?"

"Natürlich, Herr Professor, Sie können sich auf mich verlassen", erwiderte sie und beobachtete, wie rasch er seinen Arbeitsplatz verließ. Sie seufzte. Natürlich war es unangenehm, den Angehörigen von Mordopfern zu begegnen, aber das gehörte nun einmal zu ihrem Job. Dass Boerne diesen Fall allzu persönlich nahm, weil er sich nicht erklären konnte, aus welchem Grund der Tote kein Blut mehr im Körper besaß, war wirklich sein Problem. Schließlich gehörte es nicht zu den Aufgaben eines Gerichtsmediziners, die Arbeit der Polizei zu tun...



***


Staatsanwältin Klemm flippte beinahe aus, als Thiel ihr den Obduktionsbericht von Boerne persönlich vorbeibrachte und sie den Inhalt desselben rasch überflog.

"Was soll das denn?", regte sie sich auf. "Will Boerne uns verarschen?!"

"Ich glaube nicht, Frau Staatsanwältin. Er legt doch nur die Ergebnisse seiner Untersuchung dar."

"Wie kann das sein, Thiel?!, fauchte sie ihn an. "Die Leiche ist blutleer, ohne dass dafür eine Ursache festgestellt werden kann?!"

"So steht es in Boernes Bericht, dafür kann ich doch nichts", verteidigte er sich in ruhigem Ton, längst mit den temperamentvollen Ausbrüchen von Frau Klemm vertraut. Wahrscheinlich versuchte sie wieder einmal, sich das Rauchen abzugewöhnen.

"Damit kann ich doch unmöglich an die Öffentlichkeit treten!"

"Dann lassen Sie es, Frau Staatsanwältin. Bis jetzt ist dieser Fall einmalig und das Mordopfer war kein Prominenter, so dass sich glücklicherweise bislang niemand besonders dafür interessierte."

"Auch wieder wahr", brummelte sich, obwohl sie mit der Antwort nicht zufrieden schien. "Finden Sie schnellstmöglich heraus, was da passiert ist. Ich will diesen mysteriösen Fall vom Tisch haben!"

"Da sind Sie nicht die Einzige", versicherte er und verließ danach ihr Büro. Dabei stieß er beinahe mit einem jungen Mann zusammen, der einen kleinen Wagen voller Akten durch den Flur schob und diese in die verschiedenen Büros verteilte.

"T'schuldigung", murmelte Thiel.

"Ist ja nichts passiert", meinte der junge Mann und ging weiter seiner Arbeit nach, während der Hauptkommissar in sein eigenes Büro zurückkehrte.

"Chef, Frau Püschel wartet draußen", informierte ihn Nadeshda, als er reinkam.

"Die Frau des Opfers?", fragte er kurz, worauf seine Assistentin nickte.

Thiel ging in den Flur und sah eine brünette Frau Ende 30, die auf einem der Besucherstühle saß und wie ein Häufchen Elend wirkte. Sie tat ihm leid, vor allem, da weder er noch sein Team eine Idee hatten, wo das Motiv für den Mord an ihrem Ehemann liegen konnte und vor allem, WIE man den biederen Mann ermordet hatte. Und dennoch musste er der bedauernswerten Witwe einige Fragen stellen.

"Frau Püschel?", sprach er sie vorsichtig an und sie blickte sofort auf.

"Ja, ich bin Lisa Püschel", bestätigte sie ihm.

"Guten Tag, mein Name ist Frank Thiel. Ich leite die Ermittlungen im Falle Ihres Mannes. Würden Sie bitte in mein Büro kommen?"

Sie nickte, erhob sich und folgte ihm. Nachdem er ihr einen Platz vor seinem Schreibtisch angeboten hatte, setzte sie sich.

"Möchten Sie einen Kaffee?", erkundigte er sich höflich.

"Nein, vielen Dank", antwortete sie. "Bitte, was ist mit meinem Mann passiert?"

"Wir haben ihn am 1. Januar tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden", erklärte Thiel behutsam.

"Wie... wie wurde er... ermordet?"

"Das ist uns allerdings noch ein Rätsel, Frau Püschel."

"Warum denn das?"

"Es gab keine äußeren Verletzungen und auch die Gerichtsmedizin fand weder Spuren von Gift noch eine Überdosierung von Medikamenten, so dass ein Selbstmord ausgeschlossen werden kann", klärte Thiel sie auf.

"Vielleicht erlitt er einen Herzinfarkt?", meinte die Witwe, die immer noch sehr unglücklich aussah. "Mein Mann hat einfach zu viel gearbeitet, sich kaum Freizeit gegönnt. Er hat sich quasi für diese Bank aufgeopfert..."

"Nein, das hätte bestimmt im Obduktionsbericht gestanden."

"Kann ich... kann ich meinen Mann denn nach Frankfurt überführen lassen, damit wir... wir ihn... anständig beerdigen... können?", erkundigte sie sich stockend, nur mit Mühe die Tränen zurückhaltend.

"Ich fürchte, das geht noch nicht, so lange die Todesursache nicht eindeutig geklärt wurde", erwiderte Thiel mitfühlend. "Tut mir sehr leid, Frau Püschel."

"Was soll das heißen?"

"Nun, der Rechtsmediziner, der mit dem Fall ihres verstorbenen Mannes betraut wurde, geht davon aus, dass es sich um Mord handelt. Wir sind also gezwungen, zu ermitteln..."

"Mord?", wiederholte sie tonlos und starrte ihn ungläubig an. "Wer sollte meinen Mann denn ermorden wollen?"

"Genau das versuchen wir herauszufinden", erklärte Thiel. "Tut mir sehr leid, Sie damit belästigen zu müssen, aber ich möchte Ihnen gern ein paar Fragen stellen."

"Ja... ja, natürlich... Sie tun ja nur Ihre Arbeit", stotterte sie, offenbar immer noch irritiert.

"Möchten Sie nicht doch einen Kaffee oder ein Glas Wasser?"

Sie schüttelte den Kopf und murmelte: "Bitte, stellen Sie Ihre Fragen."

"Sie sagten, dass Ihr Mann sich für seinen Job aufopferte. Demnach war er also sehr ehrgeizig?"

"Ja, das stimmt. Eduards Ziel war es, Direktor einer Filiale zu werden. Durch den erfolgreichen Abschluss des letzten Auftrages hatte er gute Chancen, Stellvertreter seines jetzigen Vorgesetzten zu werden... wäre er doch bloß nie nach Münster gefahren, sondern zu Hause geblieben..."

"Ein solch strebsamer, erfolgreicher Mann hatte sicherlich auch Konkurrenten, oder?"

"Bestimmt, aber ich kenne die Kollegen seiner Bank nicht."

"Aha... schade... Fällt Ihnen sonst jemand ein, der etwas gegen ihren Mann gehabt haben könnte?"

"Nein... das heißt...", plötzlich wurde die Witwe sehr nachdenklich.

"Ja... Frau Püschel?"

"Es ist ein wenig peinlich und mein Mann hat es auch immer bestritten, aber... nun, ich glaube, er hatte eine Affäre mit einer seiner Kolleginnen von der Bank. Sie heißt Andrea Rothmeyer, ebenfalls Bankerin, und verheiratet wie er. Womöglich hat ihr Ehemann Wind von dieser Affäre bekommen...?"

Thiel spitzte die Ohren. Das war ja höchst interessant und endlich eine Spur, die zu den Lippenstiftabdrücken auf dem Gesicht des Mordopfers passte.

"Und dieses Ehepaar Rothmeyer wohnt auch in Frankfurt?"

"Ja, ich glaube schon."

"Fällt Ihnen sonst noch jemand ein, der etwas gegen ihren Mann gehabt haben könnte?"

"Nein, Herr Thiel, mein Mann war sehr ruhig und allgemein recht beliebt... er fehlt mir so sehr..."

"Ja, das glaube ich Ihnen gern. Es tut mir sehr leid wegen Ihres Verlustes, Frau Püschel."

"Danke", sagte sie und schluchzte dann ein bisschen.

Thiel ließ sie gewähren, schließlich konnte er sich denken, dass die ganze Situation für die Witwe kaum zu ertragen war - vor allem, als sie davon sprach, dass ihr Mann eine Affäre mit einer Kollegin von der Bank hatte. Wenigstens das war ein Anfang, um mit den Ermittlungen zu beginnen. Er würde gleich Nadeshda damit beauftragen, alles über Frau Rothmeyer und ihren Mann herauszufinden.

"Da wäre noch etwas, um das ich Sie bitten müsste", sprach Thiel die Witwe an, nachdem sie sich wieder etwas beruhigt hatte. "Eine unangenehme Aufgabe, aber leider unumgänglich."

"Sie möchten sicher, dass ich meinen Mann identifiziere", gab Frau Püschel zurück.

"Ja, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen."

"Ich möchte meinen Mann noch einmal sehen."

"Dann kommen Sie, ich fahre Sie in die Gerichtsmedizin."

***


Als Thiel mit Frau Püschel die Leichenhalle betrat, fand er Boernes Assistentin alleine vor.

"Tag, Frau Haller, wo ist denn der Herr Professor?", fragte der Hauptkommissar.

"Er ist ungefähr vor einer Viertelstunde zu einem Termin gefahren", antwortete Silke und kam auf die beiden Besucher zu. Mitfühlend ließ sie ihren Blick zu Frau Püschel gleiten, bevor sie sich wieder an Thiel wandte. "Aber wir brauchen ihn nicht, wenn es darum geht, Herrn Püschel zu identifizieren. Folgen Sie mir bitte!"

Sie führte die Witwe und den Polizeibeamten in einen abgegrenzten Bereich zu einer Bahre und lüftete vorsichtig das Laken vom Gesicht des Toten. Vorsichtig trat Frau Püschel näher und starrte eine Minute später entsetzt darauf.

"Ja... das ist Eduard...", bestätigte sie schaudernd. "Aber was ist das in seinem Gesicht?!"

"Tut mir leid, aber so haben wir Ihren Mann gefunden", erklärte Thiel sanft.

"Es ist widerlich!", schluchzte sie auf und erneut traten ihr Tränen in die Augen. Sie wandte sich an Silke: "Hätten Sie das nicht entfernen können?"

"Nein, Frau Püschel, so leid es mir tut. Es ist verboten, Beweismittel zu entfernen."

"Beweismittel?"

"Wir haben Abstriche von dem Lippenstift genommen und hoffen, DNA-Spuren des möglichen Täters oder der Täterin darauf zu entdecken."

"Ah ja... verstehe..."

"Kommen Sie, setzen Sie sich", meinte Thiel, da die Witwe den Eindruck machte, gleich zusammenbrechen zu müssen. Er schaute sich suchend um und Silke wies ihn auf einen Stuhl außerhalb des Untersuchungsbereichs, wohin er Frau Püschel dann brachte und sie vorsichtig darauf bugsierte. Die Witwe hingegen weinte inzwischen hemmungslos und hielt sich an Thiel fest, was ihm sichtlich unangenehm war. Er warf einen hilfesuchenden Blick zu Silke, die jedoch lediglich die Schultern zuckte und dann das Gesicht des Toten wieder mit dem Laken bedeckte.

In diesem Moment ging die Tür zur Leichenhalle auf und Thiel sah eine ihm unbekannte, bebrillte Frau in einem hellblauen Kostüm und mit rotbraunen Haaren, die eine dickere Mappe unter dem Arm hielt und auf ihn zukam. Sie sah besorgt von ihm zu der Witwe und fragte: "Kann ich Ihnen irgendwie helfen?"

"Und Sie sind?", erkundigte sich Thiel.

"Darf ich vorstellen?", mischte sich Silke jetzt ein und wies auf die ihm unbekannte Frau. "Das ist Frau Silvia Dorn, unsere neue Sekretärin. - Silvia, darf ich dir Hauptkommissar Frank Thiel vorstellen?"

"Nett, Sie kennenzulernen", meinte die Frau, die Silvia Dorn hieß. Dann warf sie erneut einen Blick auf Frau Püschel und ergänzte: "... obwohl die Umstände dafür gerade nicht so günstig sind."

Ehe Thiel darauf antworten konnte, wandte sich Frau Dorn an die Witwe: "Sie sollten sich unbedingt hinlegen, gnädige Frau."

"Eine sehr gute Idee", sagte Thiel, der spürte, dass Frau Püschel nahe einer Ohnmacht war.

"Gibt es hier irgendwo eine Liege, Silke?", wandte sich die Sekretärin an Frau Haller.

"Im Aufenthaltsraum", schlug Boernes Assistentin vor, worauf Frau Dorn nickte.

"Bitte, Herr Thiel, wären Sie so freundlich, der Dame dabei zu helfen, dorthin zu gelangen?", richtete die Sekretärin nun wieder das Wort an ihn. Er nickte, worauf sie bat: "Folgen Sie mir."

Thiel trug die Witwe mehr als dass er sie stützte und war froh, als er sie endlich in den Aufenthaltsraum gebracht hatte, wo Boernes neue Sekretärin ihm half, Frau Püschel auf das Sofa zu legen. Dann setzte sich Frau Dorn neben sie auf einem Stuhl und ergriff ihre Hand, während die Witwe nach wie vor ihren Tränen freien Lauf ließ.

"Was ist denn passiert?", erkundigte sich die Sekretärin mitfühlend und hörte geduldig zu, wie Frau Püschel ihr davon berichtete, dass ihr Mann tot sei und die Polizei davon ausgehe, dass er ermordet worden sei. Dann schilderte sie ihr ausführlich ihren Verdacht, ihr Mann habe heimlich eine Liebesaffäre mit einer Kollegin unterhalten und deren Mann sei ihnen vielleicht auf die Schliche gekommen und hätte ihren Eduard ermordet.

Währenddessen beobachtete Thiel die beiden und musste anerkennen, dass Boernes neue Kraft es tatsächlich sehr gut verstand, auf die Witwe einzugehen. Er war dieser Frau Dorn wirklich dankbar, dass sie rechtzeitig gekommen war und sich jetzt um die Ehefrau des Mordopfers kümmerte. Hoffentlich wusste dieser arrogante Medizinmann zu schätzen, welch eine Perle er in seiner neuen Sekretärin besaß. Beinahe wünschte er, Frau Dorn würde bei ihnen im Kommissariat arbeiten. Sie schien wirklich sehr nett zu sein.

"Aber vielleicht tun Sie Ihrem Mann Unrecht und er hatte wirklich keine Affäre mit seiner Kollegin, so wie er es Ihnen immer versicherte", hörte er in diesem Augenblick gerade die Stimme von Frau Dorn. Nur Frauen verstanden es, in solch einer Weise mit anderen Frauen zu sprechen. Er hätte sich das nicht gewagt.

"Sie sind sehr freundlich", meinte Frau Püschel, die sich allmählich zu beruhigen schien. "Doch mein Eduard war recht gut aussehend und fand Anklang bei der Damenwelt. Ich habe doch bei dem letzten Betriebsausflug seiner Bank bemerkt, mit welchen Blicken diese Andrea ihn angeschaut hat und er hat öfter zurückgeschaut. Zwischen den beiden ist was gelaufen, davon bin ich überzeugt."

"Und dennoch trauern Sie um ihn?"

"Ich... ich... Wissen Sie, mein Eduard war ein guter Mann... und ein guter Vater... er hat nur wegen uns so viele Überstunden gemacht, damit wir ein besseres Leben führen konnten... Diese Andrea hat sich an ihn rangemacht und ihn verführt..."

"Wenn es denn überhaupt wahr ist, dass er Sie betrogen hat. Ich glaube das eigentlich nicht."

"Nein?"

"Nein, wenn es sich um den Toten handelt, den man im Stadthotel Münster gefunden hat. Das ist doch Ihr Mann, nicht wahr?"

Die Witwe blickte fragend zu Thiel und Frau Dorn folgte ihrem Blick, so dass sich der Hauptkommissar gezwungen sah, sofort zu antworten: "Ja, wir haben in dort gefunden."

Boernes Sekretärin wandte sich umgehend an Frau Püschel und fuhr fort: "Ihr Mann sieht sehr nett aus und gar nicht wie jemand, der seine Frau betrügt. Bestimmt war er Ihnen immer treu."

"Danke", erwiderte die Witwe und setzte sich nun langsam auf. Boerne glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können, aber sie lächelte Frau Dorn jetzt an. "Ich weiß es wirklich zu schätzen, wie gut Sie von meinem Mann denken. Ich wünschte, ich könnte das ebenfalls, wären da nicht diese Kuss-Spuren in seinem Gesicht. Das deutet doch auf eine Affäre hin, nicht wahr?"

"Das weiß ich natürlich nicht, Frau Püschel, aber wäre es nicht auch denkbar, dass man diese Spuren erst nach dem Tode Ihres Mannes hinterlassen hat, um den Eindruck zu erwecken, er hätte eine Affäre gehabt?"

Sowohl die Witwe als auch Thiel starrten Boernes Sekretärin jetzt ungläubig an.

"Sie haben völlig recht, Frau Dorn", gab der Hauptkommissar nach einer Weile zu, als er seine Sprache wiedergefunden hatte.

"Dann halten Sie diese Theorie also für wahrscheinlich?", fragte die Witwe und schenkte Thiel einen hoffnungsvollen Blick. Er brachte es nicht über sich, ihr diese Hoffnung zu rauben, auch wenn er selbst davon überzeugt war, dass Eduard Püschel in der Nacht zum 1. Januar Damenbesuch auf seinem Hotelzimmer gehabt hatte. Doch es stand zu befürchten, dass Frau Püschel dann endgültig einen Nervenzusammenbruch erlitt. Es war viel besser, ihr einen gewissen Trost zu bieten.

"Es könnte etwas dran sein", meinte er und nickte.

Mit innerlicher Befriedigung registrierte er, dass Frau Dorn ihm daraufhin ein dankbares Lächeln schenkte. Sie hatte wirklich schöne, dunkle Augen. Wie schade, dass sie sie hinter dieser großen Brille versteckte.

"Dann... dann habe ich... meinem Eduard vielleicht doch Unrecht getan?", murmelte in diesem Augenblick Frau Püschel vor sich hin.

"Sie sollten sich ein wenig ausruhen, Frau Püschel", schlug Boernes Sekretärin ihr vor. "Aber hier in der Gerichtsmedizin ist nicht der richtige Ort. Bestimmt sind Sie hier in einem Hotel abgestiegen, oder?"

"Ja, im Hotel Garni zum Guten Hirten", antwortete die Witwe.

"Ich fahre Sie dorthin", bot Thiel sogleich an.

"Danke, sehr freundlich von Ihnen", gab Frau Püschel zurück und erhob sich. Sie schüttelte Frau Dorn noch einmal die Hand. "Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben. Sie sind der erste Mensch seit langem, der mir dafür Zeit schenkte."

"Nicht der Rede wert, gnädige Frau", versicherte ihr die Sekretärin, löste ihre Hand aus derjenigen der Witwe und reichte sie dem erstaunten Hauptkommissar. "Hat mich wirklich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Thiel. Ich hoffe, wir sehen uns unter angenehmeren Umständen wieder?"

"Wird sich nicht vermeiden lassen", brachte er unbeholfen hervor. "Bin öfter hier, Frau Dorn."

Nachdem sie sich verabschiedet hatten und er Frau Püschel zu seinem Wagen begleitete, verfluchte er sich selbst innerlich dafür, so einen Blödsinn geredet zu haben. Warum hatte er der netten Sekretärin nicht einfach versichert, dass es ihn auch gefreut hatte, sie kennenzulernen? Doch bei Frauen war er seit seiner Scheidung ein richtiger Stoffel. Kein Wunder, dass er immer noch solo durch die Welt lief...