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Das letzte Stück meines Glückes...

von Lilliam
OneshotDrama, Familie / P12 / Gen
10.05.2020
10.05.2020
1
2.070
 
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Hallo!
Irgendwie brannte es mir in den Fingern, einen Oneshot zu diesem Musical zu schreiben. Es wurde Anfang Mai für drei Tage auf Youtube gestellt, offiziell auf dem Theatercouch Kanal und ich habe mich sofort in das Stück mit der wunderbaren Pia Douwes in der Hauptrolle (naja, es gibt ja nur eine :D) verliebt.
Die Rechte an den Figuren liegen bei Rory Six, Autor, Komponist und Regisseur des Stückes.
Aber jetzt viel Spaß!
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Ich stand vor dem Spiegel und betrachtete mein Spiegelbild.
Zwei Jahre waren seit meiner geschlechtsangleichenden Operation vergangen. Am Anfang war es schon ein seltsames Gefühl gewesen, so ungewohnt. Schließlich hatte ich über ein halbes Jahrhundert (war ich wirklich so alt?) mit diesem Ding zwischen den Beinen verbracht. Ich bereute meine Entscheidung aber keinen einzigen Tag. Ich musste mich eben daran gewöhnen und nach einigen Monaten hatte ich das erste Mal das Gefühl, meinen Körper wirklich schön zu finden.
Ich ging viel selbstbewusster durch mein Leben und wusste genau, wer ich war. Natürlich hatte ich auch schlechte Tage, an denen die Gefühle des Selbsthasses mich beinahe um den Verstand brachten, aber die Menschen in meinem Leben unterstützten mich, und so schien auch in jeder dunkelsten Stunde ein Licht für mich.
Ich war mittlerweile mit David zusammen gezogen und wir hatten zusammen eine kleine Hundedame die wir über alles liebten. Ich war aufgrund meines Jobs oft unterwegs, darum war ich froh, dass David sich so rührselig um das kleine Wesen kümmerte.
Er verstand sich auch gut mit Lukas. Ich war am Anfang sehr nervös gewesen und hatte Angst, dass mein Sohn von meiner neuen Beziehung verunsichert sein könnte. Klar, er war kein Kind mehr dem man erklären müsste, warum die Eltern jetzt neue Partner haben. Aber die ganze Sache mit meinem Outing, der schwierigen Zeit danach und der Angleichung waren für ihn nicht leicht gewesen. Aber ich war so froh, dass er sich nicht von mir abgewendet hatte.
Ich musste lächeln, als ich an das Gespräch zwischen Caro und mir damals dachte. Als sie mir sagte, dass Lukas vorbei kommen würde, und dass er stolz auf mich war, standen mir Tränen in den Augen. Er war zu Beginn etwas unsicher und wusste nicht so recht, wie er mich ansprechen sollte. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass er mich mit meinem Namen ansprach. Er musste mich nicht „Mama“ nennen, ich wusste auch so, dass er mein Sohn war.
Ich entdeckte eine Strähne, die sich gelöst hatte. Mit einer kleinen Haarnadel befestigte ich sie wieder. Ich lächelte mein Spiegelbild an. Heute war ein besonderer Tag für mich.
Heute Morgen hatte mein Handy geklingelt. Ich erkannte die Nummer nicht, deswegen habe ich mich mit meinem Nachnamen gemeldet. Als ein „Hallo...hier ist Elias.“ aus dem Lautsprecher tönte, musste ich mich erst mal setzen. Mein ältester Sohn hat sich heute, nach all den Jahren, tatsächlich bei mir gemeldet. Und er wollte sich mit mir treffen, heute.
Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich besser losgehen sollte, ich wollte schließlich nicht zu spät kommen.
Ich rief Bonny zu mir und nahm sie an die Leine. Elias und ich hatten uns im Park verabredet, nachdem ich ihm von meiner Hündin erzählte.
Mein Handy vibrierte und ich las eine SMS von Caro, sie wünschte mir viel Erfolg und ich sollte ihr schreiben, wenn irgendetwas schief lief. Mir wurde ganz warm ums Herz, dass sie so an mich dachte. Wir waren inzwischen wirklich gut befreundet und als Mutter unserer Kinder hatte sie sowieso einen Platz in meinem Herzen.
Ich verließ mit Bonny die Wohnung.

Es war nicht weit bis zum Park, doch mir kam der Weg ewig lang vor. Ich summte eine Melodie in meinem Kopf, um mich etwas zu beruhigen. Als ich mich dem Treffpunkt näherte, sah ich ihn schon auf der Bank sitzen. Er wirkte versteift und er trommelte mit den Fingern auf seinem Oberschenkel. Er schien mich nicht zu bemerken, als ich auf ihn zuging, deswegen räusperte ich mich kurz, als ich neben der Bank stand.
Sein Blick schnellte zu mir und ich konnte die Anspannung in seinem Gesicht deutlich sehen.
Er mühte sich ein verkrampftes Lächeln ab. „Hallo, ähm...“, er wusste scheinbar nicht wie er mich ansprechen sollte.
Ich lächelte ihn an und zeigte fragend auf den Platz neben ihm. Er nickte leicht und ich setzte mich. „Hallo Elias. Schön dich zu sehen...du kannst mich einfach Helena nennen, wenn du möchtest. So macht Lukas das.“ Ich versuchte ihm meine Nervosität nicht zu sehr zu zeigen und zog Bonny etwas näher zu mir. „Das ist Bonny. Eine sehr niedliche, aber auch manchmal freche Hundedame.“ Ich kraulte sie hinterm Ohr und Elias fing an zu lächeln. Er mochte Hunde schon immer. „Sie sieht schön aus.“, bemerkte er und hielt ihr sein Hand hin, die diese sogleich beschnupperte. Als sie seine Hand begann ab zu schlecken, lachte ich. „Sie mag dich.“, sagte ich und schmunzelte. „Wollen wir ein Stück mit ihr gehen und uns dabei unterhalten?“ Ich ergriff die Initiative, um es ihm etwas leichter zu machen. Er stimmte zu und wir steuerten den Weg Richtung Hundewiese an.
„Ich freue mich wirklich, dass du dich bei mir gemeldet hast, Elias. Wie geht es dir?“
Mein Sohn schob seine Hände in die Hosentaschen und schaute kurz zu mir, ehe er zu seiner Antwort ansetzte.
„Es geht mir gut, mittlerweile. Die letzten Jahre waren schwierig, aber jetzt geht es mir gut.“, murmelte er und ich zog eine Augenbraue hoch. Was meinte er damit? Caro hätte es mir doch sicherlich erzählt, wenn er gravierende Probleme gehabt hätte. Ich wollte ihn aber nicht bedrängen, vielleicht würde er es mir noch erzählen. Ich lächelte. „Das ist schön. Wie läuft es im Job? Und Caro hat mir erzählt, dass du eine Freundin hast?“
Er lockerte seine Schultern etwas und nahm die Hände aus den Taschen. Ich bemerkte, wie seine Gesichtszüge sich langsam etwas entspannten.
„Im Job läuft es ganz gut und ja, habe ich. Sie heißt Lea und wir wohnen seit einem Jahr zusammen. Wie geht es dir denn?“, fragte er mich leise und blickte diesmal etwas länger zu mir. Ich blieb kurz stehen, als Bonny an einem Baum schnupperte und sich zum Pinkeln hinsetzte.
Ich überlegte, wie ich meine Antwort am geschicktesten formulierte und begann ihm dann aus meinem Leben zu erzählen. Von meinem Job, von David und von den Blogartikeln, die ich schrieb.
Wir waren inzwischen an der Hundewiese angekommen, an der ich Bonny von der Leine löste. Sie raste sofort zu einem Stock der in der Nähe lag und kaute genüsslich darauf herum.
Elias und ich setzten uns auf eine Bank und sahen Bonny zu.
„Und wie..wie hast du..also ich meine..“,fing Elias an und kam ins Stottern. „Wie ging das bei dir weiter mit dem trans Ding?“
Ich unterdrückte ein Grinsen und erzählte ihm dann von der Therapie, den Angleichungen und der Gruppe, in der ich aktiv war. Er nickte nur als ich fertig war und sah so aus, als würde er etwas sagen wollen.
„Helena...“, fing er an, „es tut mir leid.“ Ich schluckte und blinzelte ein paar Tränen weg. Ich hielt ihm meine Hand hin, die er zögerlich ergriff. Er atmete tief durch und fuhr dann fort. „Es war damals alles so neu für mich. Ich konnte...ich wollte nicht damit klar kommen.“ Er schluckte kurz und ich merkte wie seine Hand etwas zitterte. Ich wollte ihn so gerne umarmen, doch ich wollte ihn nicht überfordern. Es würde Zeit brauchen, bis wir uns wieder so nah sein könnten, wie früher.
„Ich hatte damals Freunde...die nicht gut für mich waren. Wahrscheinlich waren es gar keine richtigen Freunde, das weiß ich heute. Sie haben mich beeinflusst und in Sachen mit reingezogen...die mir ehrlich gesagt zu peinlich zum Erzählen sind. Keine Angst, nichts Kriminelles.“, sagte er schnell, als er meine aufgerissenen Augen sah. Ich atmete aus.
„Ich habe keinen Kontakt mehr zu ihnen.“
Er presste die Lippen zusammen und schloss kurz seine Augen.
„Ich habe dich wahrscheinlich sehr verletzt damals...es tut mir sehr leid. Ich war so wütend. Doch eigentlich steckte hinter dieser Wut nur Angst. Ich hatte Angst, dich zu verlieren...“, sagte er und schielte zu mir rüber. Wow, seit wann war er nur so reflektiert?
Ich drückte seine Hand und schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Das kann ich verstehen. Weißt du, ich hatte auch Angst. Und ich bin froh, dass wir nun endlich darüber sprechen können.“
In dem Moment kam Bonny zu uns gerannt und brachte Elias ihren Stock. Fragend sah er zu mir rüber. „Sie will, dass du ihn wirfst.“, grinste ich. Er warf den Stock und wendete sich mir wieder zu.
„Ich...habe mich über das Thema informiert. Im Internet. Es gibt da so Foren...und Youtube. Ich glaube ich kann dich verstehen. Ich weiß jetzt, dass du uns nicht verletzen wolltest.“
Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurück halten. Sie liefen über meine Wangen und Elias reichte mir ein Taschentuch.
„Du weißt gar nicht, wie glücklich mich das macht, Elias. Ich hab dich so lieb.“, schluchzte ich und spürte auf einmal den Arm meines Sohnes um mich, der mich in eine Umarmung zog. „Ich hab dich auch lieb. Und ich will dich wieder in meinem Leben haben. Ich hab viel mit Lea gesprochen, sie ist nämlich pansexuell und war selbst mal mit einer trans Frau zusammen.“
Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch, damit hatte ich nun nicht gerechnet.
„Sie hat mir geholfen, das alles zu verarbeiten. Und ich habe eine Therapie gemacht...“, sagte er und pausierte. Eine Therapie, daher also die gesteigerte Selbstreflexion. Ich war stolz, dass er es mir erzählte und sich scheinbar nicht dafür schämte. Schließlich war es auch nichts, wofür man sich zu schämen brauchte.
„Ich will dich in Zukunft an meiner Seite haben...an unserer Seite.“,sagte er und schaute mir in die Augen. Ich freute mich über seine Offenheit und sein Vertrauen, das er mir schenkte.
Er lächelte breit. „Vor allem, da du doch bald Großmutter wirst.“
Ich starrte ihn an und brauchte einen Moment, um die Information zu verarbeiten. Dann schlug ich mir die Hand vor den Mund und riss die Augen auf. „Nein!“, rief ich und meine Tränen flossen erneut.
Er drückte meine Hand und reichte mir ein weiteres Taschentuch. Dankbar nahm ich es an und schnäuzte meine Nase.
„Das ist ja toll! Elias! Ich freue mich so für dich.“, sagte ich und spürte mein Herz hüpfen.Mein Sohn wurde Vater! Ich würde Oma werden!
„Wann ist es soweit? Und weißt Caro es schon?“, fragte ich, woraufhin er den Kopf schüttelte.
„Nein. Du..du bist die erste Person der ich es erzähle.“. Ich strahlte ihn an und strich ihm über die Wange. „Danke.“, flüsterte ich.
„Und Lea ist jetzt im dritten Monat. Es dauert also noch.“, sagte er und ich zog ihn in eine feste Umarmung.
„Ich werde euch unterstützen, soweit ich kann. Ach Elias, ich freue mich dass du es mir erzählt hast.“
„Danke, Helena.“, sagte er gerührt und lehnte seinen Kopf an meine Schulter.
Es war schließlich Bonny, die unsere Umarmung unterbrach, und an mir hoch hüpfte.
Ich lachte auf. „Ich glaube, Bonny will ein Leckerli haben. Und wenn ich mir es so recht überlege...“, mein Magen knurrte laut, „könnte ich auch gut etwas zu Essen vertragen. Wollen wir in das Café um die Ecke und zusammen Kuchen essen? Oder Eis, so wie früher?“
Er stimmte in mein Lachen ein und stimmte zu.
Gemeinsam mit dem Hund gingen wir zu dem Café in der Nähe und setzten uns draußen an einen der Tische. Wir bestellten Kaffee und während Elias die Karte studierte um sich einen Eisbecher auszusuchen, betrachtete ich ihn.
Ich lächelte und schaute verträumt auf meinen ältesten Sohn. Wir hatten es geschafft. Ich hatte ihn wieder in meinem Leben und durfte ein Teil seines werden. Ja, wahrscheinlich würden wir etwas Zeit brauchen um die letzten Jahre hinter uns zu lassen.
Von nun an würde ich nur noch nach vorne sehen und alle Schatten hinter mir lassen. All die Jahre, die ich im Dunkeln und Verborgenen gelebt hatte, heimlich und allein, sie waren Vergangenheit.
Ich hatte lange gewartet, viel verloren, doch die wichtigsten Dinge in meinem Leben hatte ich nun alle wieder. Das letzte Stück meines Glückes war zu mir zurück gekehrt und ich war mir sicher, dass es diesmal für immer bleiben würde. Ich brauchte keine Farbe mehr, um meine Nacht zu erhellen. Denn die Nacht war vorüber und ein neuer Tag war angebrochen.
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