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2020 05 10: Memories of water [by littlejolie]

OneshotMystery, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Gray Fullbuster
10.05.2020
10.05.2020
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10.05.2020 2.152
 
Tag der Veröffentlichung: 10.05.2020
Zitat: „Es gibt Momente im Leben, die man niemals vergisst.“ (Ao Haru Hida)
Titel der Geschichte: Memories of water
Autor: littlejolie
Hauptcharaktere: Gray Fullbuster
Nebencharaktere: Mika Fullbuster, Juvia Loxar
Kommentar des Autors: So ganz kann ich den Inhalt dieses Oneshots selbst nicht beschreiben. Etwas melancholisch. Etwas experimentell. Und ein wenig von de la Motte Fouqué - vielleicht habe ich mich auch für Fairy Tail entschieden, weil mich Juvia einfach viel zu sehr an Undine erinnert. Das Einzige, das ich aber beim Schreiben wirklich im Hinterkopf hatte, war - wie wertvoll es ist, eine Mutter zu haben, die sich um einen sorgt. Nun denn: Ich hoffe, ihr habt einen schönen Muttertag!


Memories of water

An Tagen, an denen die Sonne hoch über ihrem Zenit stand und die gesamte Stadt mit ihren Strahlen bedeckte, fühlte sich Gray frei. Er streckte die Arme weit von sich, als würde er wie ein Vogel jeden Moment zu fliegen beginnen, und rannte über das Kopfsteinpflaster des Brückentragwerks. Unter ihm rauschte das Wasser. Gray war glücklich. Für einen Moment.

Am gegenüberliegenden Ende der Brücke stand seine Mutter und hatte den Blick auf den Fluss gerichtet, die Hände lagen sicher auf dem lackierten Gelände. Früher wehte das lange Haare seiner Mutter ruhig im Wind. Nun bedeckte ein dünnes Tuch die kahle Kopfhaut, sodass nur noch die Wellen die Bewegung der Luft nachahmen konnten.

Gray erinnerte sich gut an jenen Tag im Mai, an dem sie das erste Mal den Fluss besucht hatten. Trotz dass es ein paar Jahre zurücklag und seine Mutter in der Zwischenzeit mehrmals ihre Haare verlor, vermeinte er noch immer zu glauben, es wäre erst gestern gewesen.

Es hatte damals am frühen Morgen geregnet und so war die Luft von Petrichor erfüllt, als Mika Fullbuster mit einem Regenschirm vom Arzttermin nach Hause kam. Sie musste vermutlich geweint haben, denn ihre Augen schienen angeschwollen. Gray war dies allerdings nur nebenläufig aufgefallen. Er hatte sich zu sehr darüber gefreut, dass seine Mutter so plötzlich weg wollte - raus aus ihrem Haus, einfach an einen anderen Ort. Und so saß er die ganze Zeit über freudig auf dem Beifahrersitz, bis sie endlich auf einem Parkplatz unweit Oak Towns hielten. Das Rauschen des Wassers hieß Gray willkommen, sobald er die Autotür geöffnet hatte. Er begann zu rennen, so weit ihn seine müden Beine zu tragen vermochten.

Seitdem waren sie zu der hölzernen Brücke mit dem gepflasterten Tagwerk gefahren, wann immer seine Mutter mit roten Augen von einem Arztbesuch nach Hause kam.

Gray rannte noch schneller. Er wollte seiner Mutter zeigen, wie sehr sich die Zeit, die er von einem Ufer zum anderen benötigte, im Vergleich zu den vorherigen Jahren verkürzt hatte. Auch wenn der Anblick der kahlen Frau am Brückengeländer stets gleich blieb, so konnte er wenigstens dies ändern. Gray lachte ausgelassen, als er seine Mutter erreichte. „Hast du gesehen, wie schnell ich gerannt bin? Hast du? So schnell war ich noch nie!“

Doch statt mit lobender Worte empfing sie ihn kopfschüttelnd, belehrendes Blickes. „Ach, was soll ich nur mit dir machen! Gray, zieh dich doch nicht immer so aus. Du wirst dir noch eine Erkältung holen“, tadelte ihn seine Mutter. Sie zupfte an dem T-Shirt, das ihm beim Rennen versehentlich hochgerutscht war und zog dieses soweit herunter, dass es nun wieder seinen Bauch bedeckte. Gray ließ es nur missmutig über sich ergehen.

Dann strich sie ihm behutsam durch die dunklen Haare und richtete den Blick wieder auf die fließenden Wasserbewegungen. Eine Zeit lang standen die Beiden schweigend nebeneinander; beobachteten den Lauf des Flusses. Gray versuchte nach kleinen Fischen zu suchen, doch sein Kopf reichte kaum über das Geländer, sodass er zwischen den Metallstangen hindurch sehen musste.

„Weißt du, Gray“, begann seine Mutter leise und unterbrach so die Stille, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte, „Wann immer du dich einsam fühlst, sieh ins Wasser.“ Sie deutete auf eine Stelle, an der sich ein schwacher Strudel, der vorbeitreibende Zweige einsog, gebildet hatte.

„Wieso sollte ich mich denn einsam fühlen? Ich hab doch dich!“, rief er laut und griff nach ihrer Hand, die kraftlos am Körper hinunter hing.

Mika lächelte, auch wenn es die Trübsinnigkeit in ihren Augen nicht erreichte. Sie wirkte erschöpft und die dunklen Augenringe waren so präsent, dass sie jegliche Mimik zu überdecken schienen. Es war das letzte Mal, dass seine Mutter lächelte - selbst wenn es nicht aufrichtig war. Gray konnte es nicht deuten. Er war zu jung dafür.

„Im Wasser findest du deine Erinnerungen“, fuhr sie fort, ehe sie die Kraft, länger ihre Mundwinkel nach oben zu ziehen, verließ, „Du musst nur genau hinsehen.“

Zu diesem Zeitpunkt verstand Gray die Worte seiner Mutter nicht. Er hatte angestrengt und mit zusammengekniffenen Augen jegliche Besonderheiten im Flusslauf zu erkennen versucht.

Als er plötzlich blaues Haar und weiße Haut direkte unter der Wasseroberfläche sah, schrie er auf: „Mama! Mama! Da ist ein Mädchen! Direkt im Wasser.“ Dunkle Augen, die die Tiefe des Wasser in sich trugen, musterten ihn aufmerksam, sogar neugierig. An manchen Stellen ging das Porzellan ihrer Haut in dunkle Schuppen über. Ein paar Mal blinzelte das Mädchen, dann winkte sie Gray und verschwand zwischen den Wellenkämmen so schnell, wie sie aufgetaucht war.

Gray starrte ihr entsetzt hinterher. Er war sich sicher, dass auch seine Mutter dies gesehen haben musste. So zupfte er an ihren Ärmeln, aber sie ging nicht darauf ein; schüttelte seine Hand jedes Mal von Neuem ab. „Mama, da war ein Mädchen! Wirklich“, versuchte er es erneut, aber seiner Mutter winkte es wie ein kindliches Hirngespinst ab.

„Ach Gray“, wieder schenkte sie ihm das Lächeln, das er nicht deuten konnte, „Es gibt Momente im Leben, die man niemals vergisst. Sie bleiben immer bei dir.“

Gray fragte sich, ob seine Mutter die Worte, die er gerade eben sagte, verstanden hatte oder er diese schlichtweg so undeutlich ausgesprochen haben musste, dass sie es nicht zur Kenntnis nehmen konnte. Hatte sie ihn nur nicht gehört?

Aber bevor er noch etwas entgegnen konnte, zog sie ihn fest in ihre Arme. Seine Mutter umarmte ihn lange - viel zu lange, als dass es sonst gewöhnlich war. Dieses Mal wehrte sich Gray nicht, obwohl er gerne weiter nach dem Mädchen in den Wellenkämmen gesucht hätte. Er atmete ihren Geruch nach Desinfektionsmittel und Rosenparfum ein.

Gray wusste nicht, wie lange sie so in der Umarmung verharrten, aber als die ersten Regentropfen auf ihren Schulterblättern landeten, löste sich seine Mutter von ihm. „Komm, lass uns zum Auto gehen!“

Eine Wochen später begann ein Frühjahrsregen, der das Flussbett anschwellen und über das Ufer hinaustreten ließ. Zwei Wochen später verstarb seine Mutter im Krankenbett des naheliegenden Hospitals. Seitdem begleitete Gray der Regen.

xXx


Gray hasste den Regen. Er wusste nicht genau weshalb, aber es schien ihm, als würde nichts Gutes an Tagen geschehen, an denen es regnete - als würde sich dann der Nebel, der sich über seine Erinnerungen gelegt hatte, ein Stück lichten.

Eines Tages im Mai, kaum dass er das 10. Lebensjahr erreichte, wachte er auf und befand sich mit einem Mal in einer undurchdringlichen Hülle des Vergessens. Gray rannte und rannte, doch der Nebel aus verlorenen Momenten wollte nicht weichen. Er fand schlichtweg keinen Ausweg und so begleitete ihn die Suche nach den Erinnerungen, die ihm entglitten waren, sein Leben lang wie ein Schatten - an manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Dass seine Mutter kurz zuvor verstorben war, wusste er. Wie sie aussah, wie sie lachte und in welcher Weise sie ihn umarmte hingegen nicht.

Nur an die hölzerne Brücke mit dem gepflasterten Tagwerk konnte sich Gray erinnern. Kaum war er alt genug ein Auto selbstständig zu fahren, suchte er lange nach ihr, verfuhr sich einige Male und kehrte oftmals nur mit dem Anhaltspunkt Oak Town erfolglos zurück.

Doch nun stand vor eben jener Brücke. Am einst grell lackierten Geländer blätterte die Farbe ab und ein viereckiges Schild sowie gelb-schwarz-gestreiftes Absperrband wiesen auf ein Betreten auf eigene Gefahr hin. Gray fror. Seine Kleidung war vollkommen durchnässt. Selbst heute musste es regnen.

Sein menschlicher Verstand warnte ihn davor, auch nur einen Schritt auf die Oberfläche der Brücke zu setzen. Die Tragpfeiler erweckten keinesfalls den vertrauenswürdigen Eindruck, dass sie wie einst jegliche Belastung aushielten. Doch eine andere Stimme sagte Gray, dass er kurz vor dem Ausweg aus der kondensierten Leere stand. Eine weibliche Stimme. Er hob das Absperrband an und kletterte unter diesem hindurch.

Das Geländer wackelte - nicht viel aber ausreichend genug, dass es Gray erkennen konnte. Er schob es töricht auf den Wind, der etwas stärker geworden war und trat näher heran. Ein vertrautes Gefühl kam in ihm auf, das einem Déjà-vu ähnelte, aber sich in kleinen Details selbst widersprach - ganz so als wäre er schon einmal hier gewesen, hatte damals aber nicht den genau gleichen Anblick gesehen. Gray betrachtete die Wellenkämme, die unter dem Regen auf und ab schlugen. Sein Gewicht lehnte gegen das verrostete Gelände, ohne dass er es wirklich für voll nahm. Es knarzte. Dann brach es.

Mit einem dumpfen Aufschlag traf Gray auf die Wasseroberfläche. Er verlor jegliche Orientierung. Panisch bewegte er die Arme auf und ab; versuchte gegen die Strömung anzukämpfen, die ihn zunehmend in die Richtung des Flussuntergrunds zog. Gray schaffte es nicht Halt an einem Felsen zu finden, auch wenn er sich mehrmals bemühte, nach einem dieser zu greifen. Er spürte das Wasser in seinen Lungenflügel und die Kälte auf der Haut.

Es wurde still. Gray hörte auf sich länger zu bewegen; trieb starr im Wasser. Die Kälte verschwand allmählich, stattdessen empfing ihn eine wohlige Wärme, die er seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte. Wie eine mütterliche Umarmung. Gray vernahm den Geruch von Rosenparfum, trotz dass sich seine Nasennebenhöhlen mit Wasser füllten.

Ein schwaches Licht breitete sich vor seinen Augenlidern aus und mit ihm die Erinnerungen eines vergangenen Lebens. Gray sah sich und seine Mutter auf der Brücke über dem Fluss. Ihr müdes Lächeln und die ersten Regentropfen, die das folgende Hochwasser ankündigten. Gray erinnerte sich daran, wie sich seine Mutter zu ihm hinunter beugte und ihn umarmte. Seine Hände auf ihren schmalen Schulterblättern. Er erkannte all die Farben, die der Nebel verdeckt hatte.

Die Wärme nahm nun gänzlich seinen Körper ein. Selbst das Herz vergaß die Leere, in der es sich zuvor befand. Gray öffnete seine Augen. Er blickte in das Gesicht des Mädchens mit den blauen Haarsträhnen. Für einen Moment sahen sie einander nur an. Und mit einem Mal atmete Gray wieder. Es fiel ihm schwer. Er verschluckte sich und musste das Wasser schmerzhaft aus seinen Lungenflügeln pressen, aber er atmete. Erst jetzt realisierte er, dass sie sich am Ufer unter den Brückenpfeilern befinden mussten.

Langsam hob das Mädchen seinen Kopf an und stützte ihn damit er besser Luft bekam. Ihre Hand war so kalt wie das Wasser, in das er gefallen war. Gray schreckte bei der Berührung zusammen.

Das Mädchen lächelte. „Es gibt Momente im Leben, die man niemals vergisst. Sie sind im Wasser verborgen“, flüsterte sie und bettete seinen Kopf zurück auf das nasse Gras, das an den Ufern des Flusses wuchs. Das Mädchen aus dem Wasser sah noch immer so aus wie in den kurzen Momenten, in denen er sie als Kind gesehen hatte. Gray konnte nicht die Augen von ihr lassen. Sie war schön in einer Weise, die keinem Menschen glich.

Er richtete sich langsam auf, stützte sich zuerst auf seinen Ellenbogen ab, ehe er seinen Oberkörper und dessen Gewicht nach vorn lehnte. Gray wollte sie berühren, doch als er nach ihr griff, verschwamm seine Sicht. Er griff ins Leere und stürzte kraftlos zu Boden. Die Grashalme klebten an seinen Wangen sowie der Oberlippe. Als sich Gray langsam wieder erhob und aufstand, war das Mädchen weg. Nur die Abdrücke auf der nassen Erde zeugten davon, dass sie keinem Hirngespinst entstammte.

Gray suchte vergeblich nach ihr, lief sogar beide Ufer des Fluss auf und ab entlang, doch finden konnte er sie nicht. Zurück blieb lediglich das Gefühl ihrer Berührung auf seiner Haut. Es war hoffnungslos. Der Regen nahm ihm zusätzlich die Sicht und ließ ihn bis aufs Mark frieren. Er würde sicherlich die nächsten Tage fiebrig im Bett liegen.

Nach einer Zeit kehrte Gray zu der Stelle unter den Brückenpfeilern, an der sie ihn aus dem Wasser gezogen und abgelegt hatte, zurück. Dort, wo sich das Mädchen niedergekniet hatte, war eine kleine Pfütze entstanden. Gray beugte sich darüber. Er sah seine eigenen dunklen Augen und die kantigen Züge seines Gesichtes; starrte sich selbst direkt an.

Nun begriff Gray die Bedeutung der Worte seiner Mutter. Die Erinnerungen lagen tatsächlich im Wasser verborgen: Im Spiegelbild auf dessen Oberfläche.

Und dann hörte es auf zu regnen.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Eine wirklich schöne Geschichte, die perfekt zum Zitat gepasst hat.
Fairy Tail kenne ich nicht (und werde ich wahrscheinlich auch nie), dennoch konnte ich der Geschichte sehr gut folgen.
Ich wünsche euch allen einen schönen Muttertag. <3

Eure lula-chan
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