Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Spektrum

von Stilzkin
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Mystery / P12 / Gen
08.05.2020
07.07.2020
3
8.335
3
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
08.05.2020 2.947
 
Die Dunkelheit hüllte alles ein. Doch weder mit der Leere noch mit dem Tod war sie gleichzusetzen. Sie fühlte sich nach etwas an, das man begreifen konnte. Lähmend und schwer. Wie ein Stein, der in einem unendlichen Meer versank. Was sie gepackt hielt, wollte sie unter keinen Umständen loslassen. Ihre Opfer würgte sie in die Bewusstlosigkeit der Verzweiflung. Sie war nicht endgültig, konnte jedoch ewig währen. Aber wer es schaffte, gegen sie aufzubegehren, war nicht aussichtslos. Er musste nur willensstark genug sein, nach dem Licht des Bewusstseins zu greifen.


Die Zeit verstrich.
Das Gefühl des Begreifbaren (Dunkelheit…)
wurde zu einem greifbaren Gedanken. (was ist das hier?)
Die Rebellion begann.


Aus einer geistigen Starre öffnete er innerlich die Augen. Überall Schwärze. Aber er dachte. Er war. Die Vergewisserung der Existenz. Sein Geist bewegte sich durch die Schwärze. Orientierungslos, ziellos.

(Was ist das hier?)

Er traf auf keine Wände, keinen Boden. Doch er fiel nicht, schwebte nicht. Er stellte sich vor, wie er sich früher bewegt hatte. Schritt für Schritt. Einen Fuß vor den anderen.

(Warum bin ich hier?)

Er spazierte melancholisch, lief panisch, blieb verunsichert stehen und ließ sich von #Kummer erfüllen. Sich an diese Emotionen zu erinnern, fiel ihm nicht schwer. Aber Anderes wurde von der Leere ausgefüllt.

(Was ist mit mir?)

Ein unterschwelliges Vibrieren durchbrach die Stille der Dunkelheit, wandelte sich zu einem rhythmischen Klang. Du-dum, du-dum, du-dum. Immerzu. Hypnotisch und beruhigend. Der Beweis, dass das Ende noch nicht gekommen war.

Er zuckte zusammen. Das Ende. Er konnte nicht begreifen, welch tiefes Grauen er damit verband. Doch eine andere Angelegenheit verlangte nach seiner Aufmerksamkeit. Er vergaß das rhythmische Pochen. Ohne in die bodenlose Tiefe zu fallen, blieb er stehen und sah gefasst hinauf, in den schwarzen Schlund des Abgrunds.

„Ich weiß, dass du mich beobachtest! Zeig dich endlich!“

Instinktiv wählte er imaginäre Worte. Bestimmtheit lag in seiner lautlosen Stimme.

Energisch blickte er in die Dunkelheit und die Dunkelheit blickte zurück. Niemand zuvor hatte dies gewagt.

<Fehler. Fehler.> Eine unbekannte Stimme hallte wider, monoton und gleichmäßig. Ohne Emotionen.

„Was?“

<Fehler. Subjekt sollte nicht das Bewusstsein wiedererlangen. Fehler.>

Ein furchterregendes Gefühl stieg in ihm auf. Die Bedeutung dieser Worte löste in ihm eine Urangst aus, die ihn begleitete, seit er existierte.

„Ich bin kein Fehler! Ich war nie ein Fehler! Und ich bin auch kein Subjekt.“ Es folgte eine schwere Stille. „Hey, wage es nicht, einfach aus dem Gespräch zu fliehen!“

<…Subjekt reagiert.> Obwohl die Stimme monoton blieb, drückte das Zögern Verwunderung aus.

„Natürlich. Was soll der Unsinn hier?“

Nach kurzer Stille eine Reaktion.

<Neue Kalkulation abgeschlossen. Für die Wiedergewinnung des Bewusstseins liegt die Wahrscheinlichkeit bei 9E-10 %. Kalibriere Bewertungsskala neu.“

„…Was bedeutet das?“

<Dass Subjekt zu den 9E-10 % gehört.>

Missmutig schwieg er. Es klang logisch, aber sinnlos.

„…Hör zu, wir sollten von vorne beginnen.“

<Definiere „von vorne“.>

Verwirrt runzelte er die nicht vorhandene Stirn. Gab es denn ein „von vorne“, das man näher definieren musste?

„Einander vorzustellen sollte das mindeste sein, bevor wir uns gegenseitig mit Fragen konfrontieren.“

<Ich kenne Subjekt und ich habe keine Fragen. Fehler. Fehler.>

„He-hey! Willst du denn nicht herausfinden, warum du deine Bewertungsskala neu kalibrieren musstest? Wenn ich richtig verstanden habe, sollte ich nicht bewusst mit dir sprechen können.“

<…Bestätige logische Schlussfolgerung. Bewerte neu… …Ich habe Fragen.>

„Gut... das ist eine Basis, auf der wir aufbauen können. Wenn du mich bereits kennst (woher auch immer), gestatte mir, dich ebenfalls kennenzulernen.“

<…Anfrage positiv. Meine Kennung lautet Iifar. Die Aufnahme meiner Aktivität erfolgte am Freitag, 07. Juli im Jahr 3197 vor Beginn des Seelenschimmerns, der hiesigen modernen Zeitrechnung.>

„Sehr erfreut, Iifar.“ Er hatte das vage Gefühl, der Name sollte ihm etwas sagen. Doch er erinnerte sich an nichts. „Und was ist deine Aktivität?“

„Prozessierung der in Stasis versetzten Seelen Terras zur Einschleusung in den Lebenskreislauf Gaias, um dessen Seelen zu ersetzen: im Haltemodus.>

(Seelen? Ist das hier dann die Unterwelt?)

<Durchführung und Überwachung des Transformationsprozesses: im Haltemodus.>

(Transformation? Wer sind Terra und Gaia?)

<Ausstoß von gaianischem Seelenabfall zur Beschleunigung der Transformation: im Haltemodus.>

(Abfall? So wie toter Dunst…?)

<Extraktion von Energie aus dem Kristall Gaias: aktiv.>

(Kristall? Da war einst ein goldenes Leuchten…)

<Potentielle Interaktion mit Systemoperator: aktiv.“

(Systemoperator? Welche Verbindung hat dieser zu Iifar?)

„Das… klingt nach sehr anspruchsvollen Aufgaben…“

Seine ausschweifenden Gedanken wurden von wachsender #Unsicherheit durcheinander gewirbelt. Heftiger Schwindel packte ihn.

„…Ugh… uugh…“

<Subjekt denkt zu viel nach. Gedanken werden Subjekt beschädigen. Leite Gegenmaßnahmen ein…“

„Nein… nicht nötig. Wenn du von Systemoperator sprichst, wer…?“

Das rhythmische Pulsieren stieg an, wurde lauter und schneller. Du-du, du-du, du-du. Sein Bewusstsein verlor an Halt und taumelte.

„Iifar… was… tust du?“

<Subjekt muss ruhen oder Subjekt geht defekt. Iifars Fragen noch ungelöst. Defekt muss verhindert werden.>

Zähflüssig versank er im bodenlosen Untergrund.

„Du… kannst nicht…! Ich… will… nicht… Hhgg!…“

Die Dunkelheit packte ihn und riss ihn mit sich fort.


Zeit verstrich.
Das Gefühl des Begreifbaren (Dunkelheit…) kehrte zurück.
Greifbare Gedanken (was ist das hier?) entwickelten sich weiter.
Sie formten sich zu Gedanken der Vergangenheit (…wie weit zurück liegt „von vorn“?)
und erinnerten an vergangene Träume. (Ich will ich selbst bleiben…)


Die Dunkelheit zerfloss.

Alles begann mit einem hellen Blau. Ein eisiger Himmel, der hypnotisierte und in den Augen schmerzte. Die Lehren des Gefangenseins.

Es färbte sich zu einem dunklem Blau, alternierend ruhig und rau wie die See, das ein Gefühl von Freiheit verlieh. Der Wert der Herausforderungen.

Beißendes Grün durchschnitt die Harmonie. Gefährlich und kraftvoll verbarg es sein Geheimnis in unbekannten Tiefen. Die Zeichen des Wandels.

Rot. Rot überall. Leuchtend wie Blut, rasend wie Feuer. Alles zerfressend, was es zu fassen bekam. Welten, Herzen, Träume. Das Ausmaß der Verzweiflung.

In der Ferne ein Schimmern aus Gold. Sanft und verständnisvoll wie eine liebevolle Umarmung, in der sich alles entschied. Die Bedeutung der Existenz.

Das Grün blitze auf und entriss aus der Umarmung. Die Schwärze kehrte zurück. Sie brachte Erholung von Farben und Assoziationen.


Leises Pochen weckte sein Bewusstsein aus dem Schlummer. Du-dum, du-dum, du-dum. Unaufgeregt und gleichmäßig.

„…Ii…far…“

Es blieb still.

„…Iifar… bist du hier?“

Seine Gedanken gewannen an Stabilität und er fand sich in der formlosen Dimension wieder, die er zwangsweise verlassen musste.

<Positiv.>

Iifar hallte aus dem oberen Abgrund auf ihn hinab.

„Warum… hast du mich in die Dunkelheit zurückgeschickt? Und warum bin ich… wieder hier?“

Er war voller unsichtbarem Unverständnis, doch die Wut blieb aus. Es fühlte sich nicht richtig an.

<Ungehemmter Gedankenstrom von Subjekt führt auf Dauer zu Beschädigungen. Protokolle zur Deemotionalisierung und Dememorisierung ausgeführt. Subjekt ist jetzt weniger anfällig für Defekte.>

„Du meinst, du hast mich meiner Emotionen und Erinnerungen beraubt!?“

In sein lautloses Schreien mischt sich Verzweiflung. Hatten die Protokolle fehlerhaft gearbeitet?

<Negativ. Subjekt hat Daten in sich gespeichert, die Iifar nicht abziehen kann. Barriere hält Vollzugriff ab.>

„Barriere?“

Unauffällig drängte sich das rhythmische Pochen in den Vordergrund.

<Schematische Visualisierung der Barriere zur besseren Demonstration für das Subjekt.>

Um ihn herum erstrahlte ein Kreis aus gedämpften Licht. Wie ein kleiner Wall… oder eine Gefängniszelle.

„Heißt das, weder du noch ich können diese Barriere überwinden?“

<Positiv.>

„Wozu ist sie da?“

<Automatische Generierung bei Aktivitätsaufnahme eines Individuums. Abgrenzung zur Informationsgewinnung.>

„Und was geschieht am Ende damit?“

<…Definiere „am Ende“.>

„Wenn keine neuen Informationen mehr gewonnen werden können.“

<Das Individuum stellt seine Aktivität ein. Die Barriere zerfällt. Vollzugriff möglich.>

„Gegenseitiger Vollzugriff?“

<Positiv.>

„Iifar, wie viele Barrieren hast du bereits zerfallen sehen?“

<99.902.116.608 Barrieren… … 609… … 610… … 611… …>

Zerfall im Sekundentakt. Diese Aufzählung hatte etwas Bedrohliches an sich.

„Schon gut, genug! …Ich bin im Zwiespalt, ob ich wissen will, was mit den Individuen passiert…“

<Subjekt hat viele irrelevante Fragen.>

„W-wieso irrelevant?“

<Individuen unbedeutend. Subjekt unbedeutend. Nur Kreislauf bedeutend.>

„Hör auf, mich als Subjekt zu bezeichnen! Ich bin nicht unbedeutend!“

<Individualität ist ein temporärer Fehler. Duldung geschieht zur Aufrechterhaltung des Kreislaufes.>

„Bedeutet das, du willst meine Barriere durchbrechen, um diesen Fehler zu beseitigen?“

<Negativ. Subjekt wird Barriere selbst aufgeben. Anschließende Prozessierung ist Iifars Aufgabe.>

„Woher maßt du dir an, das zu wissen!?“

<Kalkuliere Zeitpunkt des Barrierezerfalls von Subjekt mit den aktuellen Parametern. …Kalkulation abgeschlossen. Zerfall der Barriere in 3 Jahren, 4 Monaten und 28 Tagen.“

Sekunde um Sekunde sah Iifar das Leben vergehen. Es kam ihm so vor, als würde Iifar sich die Zeit damit vertreiben, ihn geduldig zu beobachten, wie er dazu gezwungen war, an der Schwelle des #Jenseits auf den entscheidenden Tag zu warten. Iifar besaß alle Zeit der Welt, während sie ihm unaufhaltsam zerrann. Die Situation war an Zynismus kaum zu überbieten.

„…Nein. Nein! Hör auf! Sei still!“

Vor seinem inneren Augen erschien das Rot. Rot überall. Leuchtend wie Blut, rasend wie Feuer, alles zerfressend. Es bedeutete Zerfall und Furcht. Verzweiflung.

<Warnung! Warnung! Subjekt startet unautorisierten Zugriff. Emotionsstufe: Erhöht. Gefahrenstufe: erniedrigt. Leite Gegenmaßnahmen ein…>

Taumelnd gerieten seine Gedanken in einen Strudel, doch er behielt den Blick aufrecht in den Abgrund. Wut und Empörung erweiterten den Radius seiner Barriere. Die Gefängniszelle wandelte sich in eine Schutzzone.

„Iifar, hör genau zu! Was für Parameter du auch heranziehen magst, ich werde mich widersetzen! Hast du verstanden? Ich werde alles dafür tun, dass meine Barriere nicht zerfällt!“

Das Rot begann zu verblassen, die Gedanken wurden diffuser. Du-du, du-du, du-du. Hektisches Pochen.

„Hast du verstanden!? Ich werde alles tun! Alles tun…! Alles… …!“

Grünes Leuchten erfasste sein Bewusstsein und brachte ihn zum ersten Mal an einen Ort mit schemenhaften Konturen. Etwas bewegte sich, langsam und schlängelnd. Er spürte einen bedrohlichen Druck. Eine bestimmte Stelle an einem festen Körper. Atmen war unmöglich.

„Hhgg…! Chrr…!“

(…Iifar schickt mich zurück, versucht, meiner Herr zu werden)

<…Unbekannter Fehler festgestellt. Überprüfe Back-log der Protokolle zur Deemotionalisierung und Dememorisierung… …abgeschlossen. Keine Auffälligkeiten. Unbekannter Fehler bleibt bestehen. Weitere Analyse folgt…>

(Ist es etwa… mein Glück… in die Kategorie eines… unbekannten Fehlers… zu… fall-…? …)

Das gleißende Grün erstarb, die Schwärze überwältigte ihn.


Zeit verstrich.
Die Gedanken der Vergangenheit (…wie weit zurück liegt „von vorn“?)
kehrten klarer wieder und wieder
Sie erinnerten an vergangene Träume (Ich will ich selbst sein)
Und träumerische Hoffnungen. (Ich will ich selbst bleiben…)


Erneut entließ die Ohnmacht ihn aus ihren Armen. Er hatte von der Farbe Rot geträumt. Von Angst und Verzweiflung. In diesem Moment spürte er jedoch nichts davon. Womöglich hatte Iifar ein zweites Mal das Protokoll zur Deemotionalisierung angewendet. Nachdenklich ließ er sich in der Dunkelheit treiben als schwamm er auf der Oberfläche eines Sees. Ein Ablaufdatum hatte seit jeher an ihm geheftet, das er vehement abzustreifen versuchte. Nun haftete ein Neues an ihm: 3 Jahre, 4 Monate und 28 Tage minus X, unwissend, wie viel Zeit seit seinem letzten Erwachen verstrichen war. Ohne die damit verbundenen Emotionen fühlte es sich lächerlich an, dagegen ankämpfen zu wollen. Um ihn herum schimmerte sanft und beruhigend die Barriere, klein wie eine Gefängniszelle. Es war eine interessante Reaktion, dass er sie in seiner Wut erweitern konnte. Vielleicht gab es noch andere Möglichkeiten, sie zu vergrößern oder ihren Bestand zu verlängern.

<Ping.>

Überrascht zuckte er zusammen.

<Iifar startet Anfrage an Subjekt.>

Schweigsam wartete er ab. Iifar hatte ihn erneut beobachtet. Wahrscheinlich tat Iifar das immer.

<Weiterführende Analysen führten zur Ausgabe von Fragen. Warum verbindet Subjekt signifikante Emotionen mit Subjekt-unbekannten Parametern?>

„Glaubst du, ich will mit dir sprechen, nachdem du mich schon zwei Mal willkürlich in die Dunkelheit verband hast?“

<…Detektiere ansteigende Emotionen im Bewusstsein von Subjekt. Warum?>

Genervt schwang er sich auf und gewann eine aufrechte Haltung im formlosen Raum.

„So, wie du bisher reagiert hast, bezweifle ich, dass du eine Erklärung verstehen könntest.“

<Was Iifar nicht versteht, kann Iifar lernen. Funktionen sind adaptiv.>

„Warum hast du dann immer noch nicht gelernt, dass ich nicht Subjekt genannt werden will?“

<…Analysiere Lernalgorithmus… …abgeschlossen. Parameter für Sensibilität gegenüber interagierenden Individuen wurde erhöht. Subjekt wird ab sofort als gleichwertiges Gegenüber angesprochen.>

„Beweise es.“

<Iifar wiederholt Anfrage. Warum verbindest du signifikante Emotionen mit dir unbekannten Parametern? Iifar versteht deine Reaktionen nicht.>

„Du versuchst es tatsächlich… Dann will ich dir auch antworten. Es geht nicht um die Parameter, sondern was sie für mich bedeuten. Nach etwas mehr als drei Jahren wird meine Barriere zerfallen. Das bedeutet, ich werde zerfallen. Dagegen habe ich angekämpft, seit ich existiere. Das spüre ich tief in meinem Bewusstsein. Der Gedanke daran macht mich wütend und… ich fürchte mich davor.“

<Iifar versteht. Interpretation von Ergebnissen führt zu Erinnerungen im Bewusstsein, die an Emotionen geknüpft sind. Daher haben dich unbekannte Parameter wütend gemacht. …Neue Anfrage. Warum fürchtest du dich vor dem Zerfall der Barriere? Zerfall ist im Lebenszyklus festgeschrieben.>

„…Ich… weiß es nicht. Ich habe das Gefühl, ich… war nie frei genug, um es verstehen zu lernen.“

<Definiere „frei“.>

Die Barriere um ihn herum wandelte sich von weißem zu eisblauen Licht, das ihn wie kleine Nadelstiche schmerzte. Erinnerungen an Zeiten der Geißelung.

„Freiheit bedeutet für mich Selbstbestimmtheit. Ohne Zwang zu sein, etwas tun zu müssen, weil man sonst um sein Leben bangen muss.“

<Iifar analysiert deinen Zustand und Bedarf. … …unbekannter Fehler. Zustand und Bedarf ergeben ein Paradoxon.>

„Was meinst du damit?“

<Du willst Freiheit und Individualität. In Freiheit zerfällt deine Barriere. Individualität verschwindet. Aufrechterhaltung der Barriere bedeutet Individualität. Aber es ist keine Selbstbestimmtheit möglich. Freiheit kann nicht erreicht werden. Fehlertyp: Paradoxon.>

„Willst du damit sagen, dass mein Bewusstsein stirbt, wenn ich frei über mich selbst bestimmen könnte?“

<Kalkuliere deine Handlungen… …abgeschlossen. Handlung mit der höchsten Wahrscheinlichkeit: Du willst Iifars Standort verlassen. Verlassen bedeutet sterben. Bestätige deine Annahme.>

Ein betretenes Schweigen breitete sich aus.

„…Haha… hahaha…“

<Iifar detektiert keine Freude. Warum lachst du?>

Er wollte nicht antworten. Iifar würde es nicht verstehen.

<Iifar stellt Anfrage erneut. Waru>

„…Lass mich allein, Iifar. Ich will nicht mit dir sprechen.“

Ein ungewisses Zögern lag greifbar in der Luft.

<Iifar versteht nicht.>

Er wandte sich von der Stimme ab, in eine unbekannte Richtung, aus der sie am wenigsten zu kommen schien.

<Iifar will verstehen lernen.>

Er ignorierte es.

<Ping.>



<Ping. Ping. Ping.>

… …

<Leite Zustandsanalyse von Individuum ein. Erhöhe Sensibilität und Empathie. Justiere weitere Parameter. Starte Kalkulationen zur Lösung des Paradoxons…>

Iifar zog sich aus der Dimension zurück und zum ersten Mal fühlte er sich unbeobachtet in der Dunkelheit. Allein dieser Umstand brachte ihm ein Stück Freiheit, nach der er sich sehnte.


Er ließ sich von den Gewässern des Unbekannten treiben und horchte tief in sich hinein. Du-dum, du-dum, du-dum. Beruhigend, gleichmäßig, einschläfernd. Existenziell. Von Melancholie ergriffen dachte er an die Farben, von denen er geträumt hatte. Die er mit Emotionen verband und die ihn vielleicht zu konkreten Erinnerungen führen konnten. Diese Möglichkeit hatte Iifar selbst bestätigt.

Er beobachtete das Tänzeln des hellblauen Lichts seiner Barriere, die ein Abbild dessen war, wie er sich fühlte. Wie ein Gefangener unter einem eisigen Himmel. Verdammt zur Ausführung von Taten, um sein eigenes Überleben zu sichern. Dort musste er damit umgehen lernen, ein Individuum zu sein. Die Bedeutung von Macht und Fähigkeit. Die Schmach von Strafe und Fügsamkeit. Und die Unfreiheit seiner Seele. Für ein höheres Ziel. Für Terra.

Terra. Eine von Iifars Aktivitäten hatte mit Terra zu tun, mit der Transformation eines Seelenkreislaufes. Eine wichtige Gemeinsamkeit.

Iifar hatte von einem Standort gesprochen. Es musste demnach eine physische Form dessen geben, was er nur als monotone Stimme der Logik wahrnahm. Und wenn das für Iifar galt, vielleicht auch für ihn.

Von seinen Gedanken beeinflusst wandelte sich das eisige Hellblau in ein royales Dunkelblau. Das Schimmern der Barriere erinnerte an den Wellengang des Meeres. Ein Vorgang, der auf Terra nicht möglich war. Es befand sich an einem anderen Ort, an dem er sich zum ersten Mal beweisen musste, mit dem Leben mitzuhalten. Viele Herausforderungen türmten sich vor ihm auf. Die Möglichkeit, sie nach seinen Vorstellungen zu lösen, gab ihm zum ersten Mal ein Gefühl von Eigenständigkeit. Es führte ihm vor Augen, dass seine Individualität tatsächlich etwas Besonderes war. Sie sollte ihm allein gehören. Dafür würde er alles tun, ganz gleich was er dem blauen Meer der Seelen antun musste. Gaias Seelen.

Gaia. Terra. Iifar. Blau und Rot und Grün. Diese Anhaltspunkte liefen bei ihm zusammen. Vielleicht gehörte er daher zu den 9E-10 %, die Iifar als zu unwahrscheinlich eingeordnet hatte, als dass sie eines Tages wahrhaftig eintreffen würden.

Unwahrscheinlichkeit. Unbekannter Fehler. Paradoxon. Das Gefühl emotionaler Schwere ergriff ihn, zog ihn sanft in die bodenlose Tiefe. Traurigkeit füllte ihn wie Wasser ein sinkendes Gefäß. Ja, er war nichts anderes als ein Gefäß wie alle anderen Individuen auch. Wenn sie sanken und ihre Barrieren zerfielen, würden sie zu Iifar gelangen, und Iifar würde sie entleeren und prozessieren. Für den Lebenszyklus. So stand es im Protokoll, dem sich jeder unterzuordnen hatte. Als die ansteigende #Angst sein Denken lähmte, ließ er sich in die Dunkelheit sinken.



______________________

Hallo liebe*r Leser*in, danke fürs Lesen des ersten Kapitels von „Spektrum“!

Diese Geschichte ist inspiriert von der fantastischen FF IX Geschichte Tree of Life von Myshu. Danke an Lazalantin, mir den verlorenen Link geschickt zu haben!

Ursprünglich sollte es nur eine Kurzgeschichte werden, aber mir kamen noch so viele Gedanken dazu, dass es ein mittelfristiges Projekt wird. Schreib- und ideentechnisch wird es abstrakt und experimentell. Ich hoffe, wir haben zusammen Spaß, uns darauf einzulassen. Schreib mir doch, wie es dir bislang gefällt. Bis alsbald!
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast