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Träume und Erinnerungen

GeschichteSchmerz/Trost / P16 / Gen
Buttercup Katniss Everdeen Peeta Mellark
08.05.2020
06.04.2021
17
31.852
4
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08.05.2020 1.198
 
Kapitel 1: Der Brief

Jeder Tag kostet mich viel Kraft, auch wenn ich das Gefühl habe nicht wirklich viel zu tun. Nachts falle ich müde in mein Bett und hoffe auf ein wenig Schlaf und Erholung, damit ich den nächsten Tag einigermaßen überstehen kann. Meistens wird diese Hoffnung aber rege durch einen weiteren Alptraum zerstört. All meine Ängste, die ich über den ganzen Tag hinweg versuche zu verdrängen, werden gebündelt, nur damit sie in der Nacht aufblühen können. Aber noch viel schlimmer als die Alpträume sind die Erinnerungen.

Alles, was mich auch nur ansatzweise an meine Schwester erinnert, habe ich aus dem Haus verbannt. Ich habe es in einen großen Koffer gepackt und den Koffer habe ich in die hinterste Ecke des Kellers verstaut; neben den Kohlen, die das Haus den Winter über warmhalten sollen. Es ist ein verlassener und dunkler Ort – der perfekte Platz für meine Erinnerungen.  

Das Haus sieht nun aus wie jedes andere Haus im Dorf der Sieger. Alle schmerzhaften Erinnerungen sind beseitigt worden, aber trotzdem trifft es mich an manchen Tagen so hart, dass ich nichts tun kann außer zu schlafen. Mein Blick für die Welt ist dann mit einem merkwürdigen grauen Ton versehen. Mein einziges Entkommen vor dem grauen Schleier ist es die Augen fest zu schließen. Ich vermeide es grundsätzlich tagsüber zu schlafen, aber manchmal scheine ich keine andere Wahl zu haben, um den Dämonen der Vergangenheit entkommen zu können.

Mir wurden Medikamente geschickt, die meine Stimmung aufhellen sollen. Greasy Sae hat mir die Packung höchstpersönlich überreicht. Gleich versuchte sie mich zu ermutigen einige dieser Dinger einzunehmen.
"Es schadet nicht. Ich habe das alles mit deiner Mutter am Telefon abgesprochen", meinte sie zu mir. Ich habe mir eine halbe Tablette in den Mund geschoben, aber alsbald sich Greasy umdrehte, habe ich die halb-aufgeweichte Pille wieder aus meinem Mund gefischt und auf den Boden fallen lassen. Schon bei der nächsten Gelegenheit habe ich die komplette Packung entsorgt. Nie werde ich mich von so etwas abhängig machen – egal wie schlecht es mir jemals gehen sollte. Über das Telefon hat meine Mutter versucht mir einzureden, dass es mir dadurch besser gehen könnte, aber ich habe ihr kein Wort abgekauft.

An guten Tage sitze ich mit Butterblume auf dem Sofa zusammen. Er liegt zusammengekauert auf einer Decke am Ende des Sofas. Ich traue mich oft nicht eine Bewegung zu machen in der Angst, dass der Kater aufwacht und  dann vor mir weg läuft. Ich beobachte Butterblume gerne und versuche  jegliche Gedanken konsequent auszublenden. Ich merke oft, wie meine Beine steif werden und alles an meinem Körper anfängt zu schmerzen. Dann konzentriere ich mich auf dieses Gefühl.

Butterblume und ich versuchen das Beste aus unserer Zwangsgemeinschaft zu machen. Immerhin ist er manchmal meine einzige Gesellschaft – abgesehen von Greasy Sae, ihrer Enkelin und Peeta, die mich ab und zu hier besuchen. Es ist eine willkommene Abwechslung und ich stecke all meine Kraft in die seltenen Besuche hinein. Ich freue mich auf die Besuche, weil die Unterhaltungen sehr lebendig sind, aber ich mich trotzdem nicht gezwungen fühle daran teilnehmen zu müssen.

Wir essen gemeinsam und Greasy hinterlässt mir oft Suppe oder andere Gerichte in meinem Kühlschrank, die ich dann die nachfolgenden Tage essen kann. Für mich selbst koche ich so gut wie nie. Es lohnt sich nicht. Essen dient nur noch zum Überleben und hat keinerlei andere Bedeutung. Es hält mich so lange am Leben, wie es halt sein muss.

Und sonst habe ich kaum andere Aktivitäten, denen ich nachgehen kann. Mein Fokus liegt auf den paar Dingen, die mir jetzt zur Verfügung stehen. Das reicht auch aus. Fast bin ich mir sicher, dass mich mehr Aktivitäten sogar überfordern würden. Keine Termine, kein Tagesablauf, keine Routine - Ich bin frei von jeglichem Zwang.

Heute kommt  Greasy Sae allein zu mir. Ihre Enkelin ist nicht dabei, aber ich frage sie nicht wieso. Ihr Gesicht wirkt besorgt. Wir unterhalten uns kaum beim Essen und ich frage mich, was wohl passiert sein mag. Sie ist sonst die Einzige von uns Zweien, die überhaupt ein Gespräch anfängt. Nach dem Mittagessen erhalte ich von Greasy einen Brief. Ich bin stark verwundert. Ich bekomme sehr selten Post zugestellt. Mit zittrigen Händen überreicht sie ihn mir. Danach steht sie sofort auf und bringt das Geschirr in die Küche.  Der Brief ist mit dem offiziellen Siegel von Panem versehen. Er stammt vermutlich aus dem neuen Regierungsbezirk. Seufzend lege ich ihn auf den Küchentisch ab. Egal, was in diesem Brief steht, es wird nichts Gutes sein.

„Willst du ihn nicht öffnen?“, fragt Greasy mich mit einem merkwürdigen Nachdruck. Ich zucke mit meinen Schultern. Sie weiß, dass ich ihn niemals öffnen werde, wenn ich es jetzt nicht tue. Und irgendein Gefühl sagt mir, dass sie verpflichtet ist mir den Inhalt des Briefes zu übermitteln.
„Es wird schon nicht so schlimm sein“, fügt sie noch mit einem ermutigenden Lächeln hinzu. Das ist ein Standardspruch von ihr. Ich habe keine andere Wahl und schnappe mir den Umschlag. Schnell reize ich den Umschlag auf, entfalte den Brief und überfliege den Inhalt.

„Da steht nichts Neues drinnen. Sie erklären mich für vollkommen unzurechnungsfähig. Ich solle doch bitte regelmäßig meinen Psychiater kontaktieren. Und …“, ich stocke, weil ich meinen Augen nicht trauen mag. Eine fett gedruckte Zahl rankt inmitten des Briefes.
„Ja?“, hakt Greasy vorsichtig nach.
„Sie überweisen mir monatlich einen Ehrensold für meine außergewöhnlichen Taten.“
„Das ist doch gut“, flüstert Greasy vorsichtig.
„Davon kann ich mir auch nichts mehr kaufen“, meine ich bitter und werfe den Brief wieder auf den Küchentisch zurück.

Greasy macht einen erleichterten Seufzer und ich bin erstaunt über ihre Reaktion. Verwundert schau ich sie an und sie versteht meinen fragenden Blick sofort. Sie erklärt mir: „Der Junge hat leider nicht so gut reagiert. Er hat auch einen so ... unschönen Brief gekriegt.“
„Achso“, sage ich nur. Sie hatte Angst vor meiner Reaktion und dass ich mich wieder komplett verschließen könnte. Aber ich wüsste nicht warum? Es steht nichts Neues in dem Brief und wenn sie meinen, dass Geld mich für all meine Verluste entschädigen kann, dann will ich sie in den Glauben lassen.

„Vielleicht kann man mit dem Geld etwas Sinnvolles tun“, schlägt die ältere Dame vor.
„Bestimmt“, wispere ich. Es ist so viel Geld, dass ich damit die komplette Stadt zweimal aufbauen könnte und trotzdem würde es doch keiner von mir annehmen. Für die Menschen, die nach Distrikt 12 zurückgekehrt sind, bin ich genau das, was in dem Brief steht: verrückt und unzurechnungsfähig.

Mir ist plötzlich gar nicht mehr nach Reden zumute und ich gehe ohne ein weiteres Wort in das Wohnzimmer, und setze mich auf das Sofa. Sofort springt der Kater auf das andere Ende des Sofas und kuschelt sich in die Decke ein. Ich höre, wie Greasy den Rest der Küche aufräumt und sich dann bei mir verabschiedet. Ihre Pflichten hat sie hiermit erfüllt. Ich glaube, dass man sie für ihre Dienste bezahlt, auch wenn sie es abgestritten hat. Freiwillig tut sich das keiner hier mit mir an. Davon bin ich überzeugt. Zurück bleiben nur Butterblume und ich. Ich streichele sanft durch das weiche Fell des Katers und lasse meine Gedanken treiben – an einen Ort weit weg von hier.
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