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Glauben

OneshotSchmerz/Trost / P6
06.05.2020
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Ich bin Christ. Und ich dachte ich schreib mal wieder darüber. Ich weiß nur noch nicht ganz, worüber. Oder wie. Aber es wird auf jeden Fall um den Glauben gehen. Und Corona. Vielleicht. Wir werden sehen. Wenn beides nicht deine so dein Bier ist, ich kann dir mein Avenger Fic empfehlen. Oder andere, wundervoll geschriebene Dinge auf dieser Seite.

Also ja. Hmh. Wo fangen wir an. Ich lese gerade die Bibel. Von Anfang bis zum Ende. Wortwörtlich. Und ich bin jetzt beim ersten Thessalonicher. Die Frage könnte jetzt sein, wieso mache ich das? Die einfache Antwort ist, ich war in China, ich hatte keine Bücher dabei außer meiner Bibel und nun, ich habe die Gelegenheit beim Schopf ergriffen. Das war vor etwa einem Jahr. Ich brauche ziemlich lange, um ehrlich zu sein. Und manche Stellen sind etwas zäher als andere. Und ich muss ehrlich sagen, ich fühle auch nicht immer die absolute Präsenz Gottes. Aber, wieso hab ich überhaupt meine Bibel mit nach China geschleppt? Nun, dafür müssen wir etwas weiter zurück gehen.

Ich bin christlich aufgewachsen. Zuerst in einer katholischen Kirche, später in einer freikirchlichen Pfingstgemeinde (? ich bin mir nicht ganz sicher wie ich das genau beschreiben soll). Ich bin zu den Pfadfindern gegangen, ich habe viel gebetet, glaube ich zumindest. Und ich hatte eine ziemliche Krise in meinen Teenagerjahren. Und ich habe mich entschieden, weiter zu glauben. Aber wie mache ich das? Was muss ich überhaupt machen? Also ja, die Bibel. Die Idee habe ich von einem Freund bekommen. Er hat auch die Bibel gelesen, auch mit der Intention: Was steht da eigentlich drin. Und ja, da steht viel drin.
Und was habe ich gelernt? Habe ich überhaupt was gelernt? Denn was könnte ich denn schon lernen, immerhin bin ich wortwörtlich mit dem ganzen Zeug aufgewachsen. Nun, zum einen bin ich vergesslich. Und zum anderen, ist nun mal vieles verkürzt. Du schnappst dir nicht die Schlachter um deine Kinder ins Bett zu bringen. Und ich hatte ein paar Fragen an die Bibel. Die Alltäglichen. Was steht da denn drin, was könnte ich daraus rausziehen, lande ich in der Hölle, wie ging nochmal das eine Wunder, komme ich in die Hölle. Ihr kennt das bestimmt.

Ja, Hölle wurde zweimal genannt. Ich hatte und habe eine etwas … komplizierte Beziehung damit? Können wir das so ausdrücken? Die Sache ist die, aus irgendeinem Grund habe ich irgendwann eine Obsession über dieses Thema entwickelt. Wieso fragt ihr euch jetzt bestimmt? Das ist ein wenig kompliziert, es hat was mit meinen Teenagerkrisen zu tun, mit einer etwas ungesunden Situation in der ich zum Teil aufgewachsen bin und nun, vielleicht weil ich Dinge gerne überdenke. Irgendwann habe ich die Theorie entwickelt, dass ich nicht in die Box passe, in die ich passen muss. Nun, diese Theorie ist hinfällig. Lest Römer. Der ganze Brief schreit dir eigentlich „Nimm die blöde Gnade an und lass dich endlich retten“ in sehr schönen Worten entgegen. Und wieso habe ich gedacht, dass ich nicht in die Box passe? Nun, das hatte auch zum Teil damit zu tun, dass ich nie ganz manche Sachen verstanden habe. Oder erfahren. Ich hab mal in „Wieso nicht in Leuchtbuchstaben“ darüber geschrieben, die Sachen mit dem Zungengebet. Die verkürzte Erklärung ist: Wenn du mit dem Heiligen Geist erfüllt wirst, hast du die Möglichkeit in fremden Sprachen zu beten. Und ich war in einer Gemeinde, in der das sehr normal war. Und ich habe es nicht hinbekommen. Ich habe diese Gabe immer noch nicht. Und ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass es eben DIE Gabe wäre. Klar ist Geduld gut. Klar ist Nächstenliebe gut. Aber der Draht zu Gott, der wird dir erlauben in Zungen zu reden. Und das traurige ist, das wurde mir nicht mal richtig beigebracht. Niemand hat mich versucht im Taufbecken zu ertränken weil ich das nicht konnte. Aber ich hatte diesen Neid, irgendwo tief in meinem Herzen. Vielleicht auch viel mit Angst vermixt. Es fällt mir schwer, bestimmte Dinge auf bestimmte Zeitperioden festzupinnen, aber ich weiß, dass ich das besonders Gefühlt hatte, als ich 16/17 war. Und es ist sowieso schon ziemlich blöd 16 zu sein, wenn sich manchmal die Welt anfühlt als würde sie dich gerne ersticken wollen. Und ich habe gelogen. Ich habe keine Ahnung wie alt ich war, 9? 10? und wir waren in der Kinderstunde und hatten das Sprachengebet und ich habe so getan als könnte ich es.  

Wenn euch einen Tipp geben könntet. Macht das nicht wie ich. Nehmt nicht Dinge einfach so an. Und lasst euch keine Angst machen. Glaubt nie aus Angst. Denn das ist giftig. Und ich kämpfe noch heute damit. Ich verfalle manchmal in Muster zurück, die ich eigentlich loswerden wollte. Aber ich habe keine Lust mir den Glauben wegnehmen zu lassen.

Aber um auf das Sprachengebet zurückzukommen. Hätte ich nur damals die Bibel gelesen. Denn das hätte geholfen. Es hätte mir gesagt: Mach dir keine Sorgen. Die Früchte des Glaubens sind vielfältig. Und hör endlich auf dich zu vergleiche, dass führt zu nichts, am wenigsten zu deinem Heil. Die Frage ist, hätte ich mir damit mein Teenage-Angst ersparen können oder hätte ich einfach was anders gefunden? Aber immerhin kann ich jetzt meinem Teenager-Ich die Schulter tätscheln und mir selbst ein Taschentuch reichen. Ja, ich habe viele Tränen vergossen.

Bin ich also aus meinem Kokon gekrochen und flattere jetzt mit meinen Engelsflügeln in die himmlischen Gefilde? Ich würde es eher als einen Riss bezeichnen. Ich habe einen Riss. Und kann jetzt ein wenig rauslinsen. Hab ich alles geklärt? Nein. Deshalb die Metapher mit dem Kokon. Ich bin nicht fertig. Und ich werde vielleicht nie ganz fertig werden. Das ist ja die Sache. Ich werde mich verändern und die Welt wird sich verändern und vielleicht taucht morgen das Tier vorbei, was unpraktisch wäre, aber ich meine, was weiß ich schon? (Das Gott mich liebt. Dass ich das nicht vergessen sollte. Und das Jesus für mich gestorben ist.)

Und dann kam Corona. Ich muss sagen, mir geht es prima. Mir ist noch nicht die Decke auf den Kopf gefallen, ich liege nicht den ganzen Tag im Bett und habe keine Energie aber ich habe auch Privilegien, die andere Leute nicht haben. Ich hab recht viel Platz weil ich nach Hause gegangen sind. Ich hab 3 kleine Cousinen, die mich lange Zeit beschäftigt haben, und ich hab jetzt die Uni, die von mir Ergebnisse erwartet. Das Wetter ist gut. Und ich habe Hoffnung. Und ja, natürlich schlag ich die Brücke wieder zum Glauben zurück, ich habe bestimmt schon 1000 Zeichen darüber geschrieben, ich höre jetzt doch nicht damit auf!  Die Situation ist bescheuert und es ist seltsam, so, so seltsam, weil man nichts sehen kann. Und deshalb hat es so etwas vages. Aber ja, ich bin optimistisch. Und ich fühle mich sicher. Und das ist schön.

Was will ich euch damit sagen? Die Sache ist, ich weiß es nicht. Wir hatten heute Hauskreis und da wurde gesagt, dass Beispiele immer gut ankommen. Helfen können. Im Schlimmsten Fall fandest du das ein vielleicht ganz gut geschriebenes, aber im allgemeinen eher in die Schublade des Vergessens zu stecken. Das ist okay. Vielleicht denkst du dir auch, huh, nice. Das ist auch super.
Es ist jetzt fünf vor zwölf. Ich bin fertig. Ich hab es gemacht, und vielleicht ist es gut und vielleicht auch nicht. Ich wünsche euch alle eine gute Nacht, und hoffentlich bleiben wir alle gesund.
LG Anemonenfisch
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