Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wien 2014

OneshotFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Berlin / Andrés Palermo / Martín
06.05.2020
06.05.2020
1
7.028
9
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
06.05.2020 7.028
 
„Martín, wir haben ein Problem.“
Der Ingenieur sah von seinen Gleichungen auf. Sein ganzes Notizbuch war voll davon, er hatte sie in seiner komplett unleserlichen Kurzschrift verfasst, die Andrés manchmal besser lesen konnte als er selbst.

Er versuchte sich zu konzentrieren, aber es wollte ihm nicht so ganz gelingen. Schon seit Tagen war er hypersensibel für Andrés Gefühlsregungen. Wie immer, wenn der mal wieder eine Scheidung hinter sich hatte, war sein Temperament unstet, während dieser Zeit neigte er zu ziemlichen Gefühlsausbrüchen. Mehr als einmal hatte er Martín mitten in der Nacht geweckt, weil er jemanden brauchte, an dem er seine Emotionen auslassen konnte. Das konnte von spätnächtlichem Tanzen (was Martín überhaupt nicht störte), bis hin zu gewaltigen Wutausbrüchen reichen (in denen Martín schon ein paar Mal Geschirrsplitter abgekriegt hatte). Was auch immer jetzt passieren würde, es würde irgendwo auf diesem Spektrum anzusiedeln sein.

Er legte die Stahlfeder beiseite und sah zu Andrés, der sich gerade auf dem Sekretär, an dem Martín saß, aufstützte und auf ihn herunterblickte. Er klappte das Buch zu, hatte aber die Feder noch zwischen den Seiten liegen:
„Was ist denn passiert?“
„Der Opernball ist morgen und ich habe keine Begleitung.“, Andrés hatte schon vor etwa zwei Wochen, direkt nach seiner Scheidung, eine elegante Altbauwohnung im sechsten Wiener Gemeindebezirk bezogen. Seine Vermieterin war eine intelligente, aber offenherzige Architektin, die es offenbar genoss, endlich einen stilvollen, höflichen Mieter zu haben. Sie war eine Freundin einer Journalistin, die im Organisationsteam für den Ball saß. Von ihr hatten sie und ihr Mann Karten bekommen.

Sie hatte damit aber nicht viel anfangen können und so waren sie schlussendlich bei Andrés gelandet, der sie mit Kusshand angenommen hatte.

„Ich hätte noch warten sollen, bevor ich mich scheiden lasse.“, offenbar war er verärgert.
Nein, du hast sowieso viel zu lange damit gewartet, dachte Martín bei sich, sagte aber:
„Brauchst du das denn unbedingt?“
„Machst du Scherze? Martín sieh mich an: Meinst du das ernst?“, so und das war jetzt der Kipppunkt von verärgert zu wütend.
Martín verspannte sich, verschränkte die Arme und lehnte sich zurück, aber ohne Wegzusehen. Er ahnte schon, dass Andrés kurz vor einem Ausbruch stand und wollte ihn nicht unnötig provozieren. Aus Erfahrung wusste er schon, dass Wegsehen einem Angriffssignal gleichkam.
„Meinst du das verdammt noch mal ernst?“

Andrés beugte sich immer weiter über den Tisch, bis er nur ein winziges Stück vor Martíns Gesicht zu Stehen kam. Er hatte dieses Wolfsgrinsen aufgesetzt, ihm jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken jagte, aber nicht die Art von Schauer, die er normalerweise in Andrés Nähe verspürte. Er hatte das Bedürfnis seinen schwarzen Rollkragen beiseite zu ziehen, um besser Luft zu bekommen.

Momentan war sein Gegenüber ein zähnefletschender Wolf, der mit ihm spielte, um herauszufinden, ob er in fressen sollte oder nicht.
Aber offenbar schien er nicht genug Hunger zu haben, denn Andrés zog sich zurück und ließ sich gereizt in den Lehnstuhl fallen. Martín erlaubte sich erst jetzt wieder zu entspannen.

„Normalerweise wäre ich überaus erfreut über eine Gelegenheit, meine Enttäuschung durch einen kleinen One-night-stand ein wenig zu lindern, aber das hier ist zu wichtig, für solcherlei Vergnügen.“
„Misst du dem Ball so eine Bedeutung zu?“
„Es ist einfach gegen jede Etikette.“, Andrés klang fast pikiert: „Außerdem ich hab dir doch erzählt, dass das Planungsteam die große Schwachstelle ist. Vor allem der Generalplaner. Willhelm Holzbauer, heißt er. Für Franco hat er die Bank geplant und dann hat er einen Lehrstuhl für Architektur hier an der der Akademie für angewandte Kunst angenommen. Er wird morgen da sein, wahrscheinlich mit einer viel zu jungen Studentin.“
„Und was heißt das für uns?“, Martín stützte die Ellenbogen der verschränkten Arme auf dem Tisch auf und beugte sich vor: „Wenn er weg ist, dann brechen wir ihn sein Büro ein, stehlen die Blaupausen und die Sache ist erledigt. Ich sehe kein Problem.“
„Wenn das so leicht wäre. Holzbauer ist vielleicht alt, aber kein Idiot. Ich hab mich in seinem Büro schon umgesehen, der Tresor lässt sich nicht einfach aufschweißen oder sprengen, zumindest nicht, ohne zu viel Aufmerksamkeit zu erzeugen.“
„Gut, dann suchen wir einen Studenten, der kriegt den Code raus, und wir machen das alles unauffällig.“
„Richtiger Gedanke, falsche Ausführung. Der Mann vögelt seine Studenten, er verrät ihnen aber deshalb trotzdem keine Geheimnisse. Selbst wenn, würde es nicht viel bringen. Der Code ist siebenstellig und ändert sich bei jedem Öffnen.“
„Du meinst, wir haben ein TAC-System vor uns?“
Andrés nickte missmutig.
„Puta mierda!“, fluchte Martín: „Es gibt einen Pager, an den der Code geschickte wird, oder? Und lass mich raten, den schleppt er ständig mit sich herum?“
„Ja, und genau dafür hätte ich Dominique gebraucht.“

Dominique war Andrés neueste Ex-Frau, sie hatte sich als Trickbetrügerin verdingt. Und sie war eine exzellente Taschendiebin gewesen. Nur hatte sie mehr als klar gemacht, dass Andrés sich ins Knie ficken konnte. Wenn es einen Taschendieb ist, den du brauchst, dann könntest du auch mit mir gehen, Martín wusste, dass er nichts von seinen alten Talenten verlernt hatte. Er hatte seine Finger immer warm und geschmeidig gehalten.

Andrés stützte das Kinn auf die Hand:
„Die Gelegenheit ist ideal. Mehr als das. Sie ist einmalig!“
„Du könntest es über die Studentin versuchen.“, schlug Martín vor: „Seine Begleitung.“
„Morgen ist sogar für mich zu kurzfristig. Außerdem hab ich von Frauen momentan genug. Dass ich das mal sagen würde.“

Martín fiel nichts mehr ein, was man tun könnte. Ein Ball war wirklich die perfekte Gelegenheit für Taschendiebstahl, eine riesige Menschenmenge, die alle auch noch ähnlich gekleidet waren, kaum Videoüberwachung und mehr als genug Ablenkung. Andrés hatte recht: Eine einmalige Gelegenheit.
Er hörte den Spanier schnauben und aufstehen. Die Wohnung war nicht wahnsinnig groß, wahrscheinlich würde Andrés die nächsten Stunden damit zubringen von Raum zu Raum zu tigern, bis er sich immer noch schlecht gelaunt zum Abendessen fertig machte.

Martín seufzte, warf noch einen Blick auf seine unfertige Arbeit, die er sowieso nicht fertigbekommen hätte.
„Andrés,“, er hörte dessen Schritte im Vorzimmer: „wie wäre es mit einem Spaziergang?“
„Willst du mich aufheitern? Es funktioniert nicht.“
„Komm schon. Das Wetter ist gut und es wird ja auch nicht besser, wenn du hier noch stundenlang herumgrübelst. Außerdem muss ich den Kopf frei kriegen, bevor ich noch verrückt werde.“
Andrés gab ein grummelndes Geräusch von sich, aber als Martín ins Vorzimmer trat, zog er gerade seine Straßenschuhe an. Der Argentinier griff nach seiner Lederjacke, innerlich darauf vorbereitet, dass es draußen doch recht kühl werden würde. Selbst wenn es ein außergewöhnlich warmer Februar war, es war immer noch Winter in Wien.



Er hatte recht behalten. Die Sonne schien zwar strahlend am blauen Himmel, aber der Wind pfiff scharf durch die Gassen. Martín trug sowieso schon Handschuhe, hatte aber die Hände tief in den Taschen vergraben. Zum Glück war sein Rollkragenpullover schön warm.

Andrés Laune hatte sich deutlich gehoben, seit sie losgegangen waren.
Ihr Weg hatte sie über die Mariahilfer Straße, zwischen den beiden Museen über den Maria-Theresien-Platz und schließlich auf den Ring geführt.

Die letzten braunen Blätter wurden vom Wind in den Ästen von den Bäumen geschüttelt.
Martín war erst seit ein paar Tagen in der Stadt, er wohnte bei Andrés als Gast und hatte die meiste Zeit damit entweder mit Arbeit oder mit den Launen des Spaniers zugebracht. Er hatte noch nicht wirklich Zeit gehabt, sich die Stadt in ihrer ganzen Schönheit anzusehen.
Und schön, das war sie in der Tat. Die ganzes alten Häuser, die dieses imperiale Gefühl ausstrahlten, als wäre das hier immer noch die Hauptstadt eines Weltreiches. Die Palais und Parks, die alten Straßenbahnen, die klingelnd auf ihren Schienen dahinzogen, die Fiaker, die ganze, breite Ringstraße, die dafür gebaut worden war, darüber zu flanieren.
Wenn das Wetter besser gewesen wäre, er wäre hierhergezogen und nicht nach Palermo.

Andrés ging direkt neben ihm, ihre Oberarme kamen dauernd aneinander an. Aber das störte keinen von ihnen. Persönlicher Raum war ein Fremdwort für sie beide. Andrés berührte ihn ständig, am Arm, an den Schultern, am Hals, an der Seite, manchmal sogar im Gesicht.
Martín störte das nicht, ganz im Gegenteil. Er selbst traute sich nicht, dasselbe mit Andrés zu machen, in erster Linie, weil er Angst hatte, zu weit zu gehen und dann diese kleinen kostbaren Berührungen zu verlieren.

Er sah seinen Atemwölkchen hinterher. Sie gingen gerade an der Oper vorbei. Für den Ball morgen waren schon die Aufbauarbeiten, auch außerhalb des Gebäudes, in vollem Gange. Gerade wurde ein riesiger roter Teppich von mehreren Bühnenarbeitern in schwarzen Jacken ausgerollt.
„Martín, weißt du was ich mir schon die ganze Zeit denke?“, Andrés sah an der geschmückten Fassade empor.
„Dass es doch kälter ist, als erwartet? Ja, da hast du verdammt recht.“, Martín fuhr sich demonstrativ über die Arme.
„Nein, du ziehst dich einfach immer zu kalt an.“
„Tja, ich hab eben meine Ästhetik.“
„Ja, wer schön sein will muss leiden. Aber davon mal komplett abgesehen: Es gibt eigentlich eine ganz einfache Lösung für mein Problem.“
„Die da wäre? Du springst über deinen Schatten und gehst allein?“
„Nein, ich hab doch schon klar gemacht, dass ich einen solchen Etikettenbruch nicht zulassen werde. Es hat mir aber keiner angeschafft, dass ich mit einer weiblichen Begleitung gehen muss.“
„Du meinst also…“
„Du bist meine Begleitung.“, Martín spürte wie er plötzlich, sehr, sehr rot wurde und hoffte, dass Andrés es auf die Kälte schieben würde. Ihm war plötzlich auch nicht mehr kalt, sondern viel mehr viel zu heiß.
„Ich… ich bin deine Begleitung. Morgen. Beim Ball.“, brachte er stotternd heraus.
Bei jedem Wort wurde ihm noch ein Stück heißer und mehr Blut schoss ihm in die Wangen. Allein die Vorstellung… Sie gehörte, mit vielen anderen, wesentlich weniger Keuschen, zu den Bilder, von denen er zuweilen (oft, sehr oft, sehr, sehr oft) träumte.

Er wandte das Gesicht ab, weil man die Röte ganz sicher nicht mehr auf die Kälte schieben konnte.
Andrés grinste sein Wolfsgrinsen, während er langsam weiterschlenderte:
„Eine wirklich reizvolle Idee, eigentlich.“, er ließ die Schultern kreisen, eine Geste, die bei ihm immer Vorfreude anzeigte: „Das kann großartig werden. In all den Jahren hab ich dich noch nie in Ballgarderobe gesehen.“, er lachte leise bei der Vorstellung.
„Aber… Ich kann… Ich hab keine. Ich hab keine Ballgarderobe.“, es konnte doch nicht sein, dass er nicht einen geraden Satz herausbekam, sobald Andrés auch nur einen Schritt auf ihn zu machte. Was tat er denn da? Normalerweise hatte er doch seine Gefühle auch im Griff. Er zwang sich Andrés wieder anzusehen, in der Hoffnung, dass er nicht mehr glühte.
„Oh, Martín, schau doch nicht so verzweifelt.“, mahnte der scherzhaft: „Wir sind in Wien. Es gibt hier mehr als ein Geschäft für solche Sachen. Komm, das beste ist hier ganz in der Nähe.“, der Spanier schien von der Idee wirklich begeistert zu sein, denn er zog ihn direkt in die nächste Quergasse.
„Aber…“
„Kein Aber.“, fuhr ihm Andrés über den Mund: „Du kommst mit. Schon allein, weil es für den Plan nötig ist. Also hör auf dich zu zieren. Du tanzt doch sonst auch so gerne. Und außerdem kann ich mir vorstellen, dass dir ein Smoking verdammt gut steht.“

Martín wollte eigentlich sofort ja sagen, wollte sich bei Andrés unterhaken und ihm einen Kuss auf die Wange drücken, aber die Zwänge und Sperren, denen er sich unterworfen hatte, diese Dinge zwangen sein Begehren wieder in die Schranken. Er hatte sich diese Ketten selbst angelegt, um zu bewahren, was er hatte.
Er versuchte mit Andrés großen Schritten mitzuhalten, damit er wenigstens noch ein bisschen Würde behalten konnte und nicht einfach mitgeschleift wurde.
Ihm fiel noch ein Weg ein, wie sich aus der Sache herausreden könnte:
„Wir können ja drum pokern.“
„Martín, das brauchst du gar nicht erst versuchen. Wir wissen beide, dass du immer gewinnst. Verdammte Mathematik. Was zierst du dich überhaupt so? Du führst dich doch sonst nicht so auf.“
„Ich bin nur absolut nicht vorbereitet. Außerdem war ich noch nie auf einem Ball…“
„Dann wird es sowieso höchste Zeit. Aber es wird dir gefallen. Ein ganzer Abend, nur fürs Tratschen und Tanzen gedacht ist.“

Martín hatte sich wieder einigermaßen im Griff, seine erste Panik war abgeklungen. Er hatte eigentlich völlig überreagiert und wenn er jetzt darüber nachdachte, war ja eigentlich nichts Schlimmes passiert. Ganz im Gegenteil, das hier war doch mehr als erfreulich.
Wenn er sich zusammenreißen konnte, wenn Andrés mit ihm mitten in der Nacht im Dunkeln Slow-Dance tanzte, dann sollte doch ein feierlicher Abend kein Problem sein. Er entspannte sich und brachte sogar ein Lächeln zu Stande.

Stattdessen kam ihm eine neue Frage in den Sinn: Wohin gingen sie eigentlich?
Andrés schien es ganz genau zu wissen, denn er blieb einfach vor einer völlig normalen Tür stehen und drückte sie entschlossen auf. Das einzige, was darauf hinwies, dass das hier nicht einfach ein komplett normales Haus war, war das auf Hochglanz polierte Messingschild unter den Klingelschildern.
Es verkündete, hier läge das Atelier der k. und k. Herrenschneiders Engelbert Adler, gegründet 1873.



„Na dann, darf ich bitten?“, Andrés bot ihm in einer halb-ironischen Geste den Arm an. Martín hatte beschlossen sich auf dieses Spiel vollkommen einzulassen. Ohne zu zögern stieg er auf das Angebot ein und legte ihm die Hand auf den Unterarm. Andrés lachte leise, ließ ihn aber gewähren. Wie gesagt, persönlicher Raum war nie etwas für sie beide gewesen.

Weil es nicht anders hätte sein können, trug Andrés unter dem offenen Mantel einen richtigen Frack. Martín fand, dass er verdammt gut darin aussah. Auch wenn er vielleicht nicht wirklich objektiv war, konnte niemand leugnen, dass der taillierte schmale Schnitt seine hochgewachsene, dünne Figur hervorragend zur Geltung brachte. Auf Zylinder und Gehstock hatte er verzichtet, nicht aber auf ein Paar weißer Glacé-Handschuhe und einen weißen Seidenschal.
Martín kam sich fast underdressed vor, obwohl er einen maßgeschneiderten Smoking trug. Der Schneider hatte ganze Arbeit geleistet und selbst bei einem Eilauftrag, wie diesem hier, gewissenhaft und in bester Qualität gearbeitet. Sein erstes, und wahrscheinlich auch einziges Stück Haute-Couture.

Vor der Oper hatte sich eine dichte Journalistenmeute breit gemacht. Immer wenn eine Limousine vorfuhr, klickten die Auslöser der Kameras und wenn dann noch jemand Bekanntes ausstieg, ging ein wahres Gewitter aus Blitzlichtern los.
Andrés und Martín zogen nicht sofort die Aufmerksamkeit auf sich, erst als den Fotografen auffiel, dass da zwei Männer Arm in Arm herumspazierten, verschob sich das allgemeine Interesse. Getuschel machte sich breit, das große Rätselraten ging los. Wenn jemand so gepflegt und routiniert den roten Teppich herunterspaziert kam, dann auch noch mit so auffälliger Begleitung - Das musste noch schon fast jemand sein, den man kannte.

Martín war die Blicke gewöhnt. Es war nicht so, dass er ständig mit irgendwelchen Männern umherflanierte, im Gegenteil bei jedem anderen als Andrés war ihm die Vorstellung ein wahrer Gräuel. Aber er hatte sich noch nie Mühe gemacht seine Exzentrik zu verbergen. Sie war sein sorgsam geputztes Fell, an dem die unzähligen Beleidigungen, die er sich schon hatte anhören müssen, einfach abprallten. Da waren die neugierigen Blicke von einem Haufen Fremder mit Fotoapparaten nichts.
Er sah zu Andrés, der sein charmantes, aber leicht spöttisches Grinsen aufgesetzt hatte, mit dem er die meisten Fremden bedachte, die er als dümmer als ihn selbst einschätzte. Also alle Fremden. Martín kannte nur einen Menschen, dem Andrés beim ersten Treffen nicht diesen Gesichtsausdruck geschenkt hatte. Es gab wenige Dinge, die ihn so stolz machten, wie der Umstand, dass er diese Person war.
Martín lächelte geradezu blöde, während er jeden Zentimeter von Andrés Viertelprofil mit den Augen abtastete. Sein scharf geschnittenes Gesicht, von dem er sowieso schon jeden Flecken kannte, die weißen Zähne, die zwischen seinen Lippen hervorblitzten. Die fast schwarzen Augen, die sich mit ihrem charakteristischen, amüsierten Funkeln umsahen. Ich will ihn küssen. Jetzt.

Stopp.

Das war der Deal, denn er mit sich selbst abgeschlossen hatte. Er erlaubte sich diesen Abend in vollen Zügen zu genießen, aber sobald er sich erwischte, wie er drauf und dran war, die magischen Grenzen zu übertreten, musste er sich selbst sofort wieder zwei Schritte zurückschubsen. Es fühlte sich an, als würde er sich selbst ein Rasiermesser über den Arm ziehen.

Zu seinem Glück betraten sie in diesem Moment in den Akadengang vor dem Eingang der Oper. Das Getuschel wurde gedämpft und der Geruch von teurem, exquisitem Parfum wehte aus dem Inneren des Gebäudes heran.
„Na dann,“, Andrés schenkte ihm ein vorfreudiges Grinsen. „Bereit für die Schlacht?“
„Ist ja nicht so, als hätte ich jetzt noch eine Wahl.“
Der Spanier zog amüsiert die Luft ein:
„Tja, noch einmal stürmt, liebe Freunde, noch einmal.“
„Das letzte Mal als du Shakespeare zitierst hast, hat das mit mir in einem jemetischen Gefängnis geendet.“
„Keine Sorge, hier sind die Gefängnisse viel netter, habe ich mir sagen lassen.“
Andrés lachte wieder kehlig über seinen Volltreffer, bevor er Martín mit sich zog.

Der Geruch draußen war nur ein Vorgeschmack auf die Atmosphäre, die ihnen hinter der Tür mit einem Schwall entgegenkam.
Eine Unmenge an elegant gekleideten Menschen stand plaudernd im Foyer herum, trank Champagner und wartete an den Garderoben, um die Mäntel loszuwerden. Martín erkannte ein paar von ihnen, Gesichter aus Nachrichten und Zeitungen, aber die meisten Leute sagten ihm nichts.
Andrés beugte sich das Stück zu ihm hinunter und flüsterte ihm ungefragt Kleinigkeiten über die anderen Gäste zu, während er ihn geschmeidig durch die Menge führte:
„Der Mann dort drüben, das ist der Außenminister, Sebastian Kurz, er wird als nächster Bundeskanzler gehandelt.“
„Was soll das Blondchen neben ihm? Soll sie etwa sein Alibi sein?“
„Die ganze Stadt weiß es schon, aber er tritt für die Konservativen an. Wenn die rauskriegen würden, dass er seinen Stabschef vögelt, was wäre das für ein Skandal.“
„Der Kerl neben ihm, das ist sein Stabschef?“, er maß ihn mit Blicken und hob anerkennend die Augenbraune: „Nicht ganz ohne Reize. Wenn auch ein bisschen bieder.“

Andrés machte ein kleines, irgendwie verärgert klingendes Geräusch und setzte seine kleinen Society-Rundgang in Richtung des Garderobentresens fort. Schauspieler, Politiker, Models, Regisseure, Geschäftsleute, ein Streichelzoo von allem was Rang und Namen hatte.
Martín spürte noch mehr Blicke über sich streifen, weniger offensichtlich als draußen, aber für einen Menschen mit so feinem Gespür, trotzdem deutlich zu spüren. Es störte ihn nicht, schließlich betrachtete er die anderen Gäste genauso, wie sie ihn. Wahrscheinlich sah er sogar wesentlich mehr, als sie. Der kurze Moment an der Kippe, als er sich brutal hatte zurückreißen müssen, war ihm noch in Erinnerung, aber er verblasste. Es gefiel ihm hier einfach zu gut, um sich lange damit aufzuhalten. Das Ambiente war auf eine so außergewöhnliche Art und Wese besonders, so prunkvoll, so elegant, so glanzvoll, so aufgeladen mit all seiner Geschichte. Martín beschloss diese Stadt, trotz des miesen Wetters, zu mögen.  

„Dein Mantel.“, Andrés riss ihn aus seinen Gedanken.
Martín merkte erst jetzt, dass er sich regelrecht an Andrés Seite geschmiegt hatte. Er nutzte die Gelegenheit ein bisschen Abstand zwischen sie zu bringen, als er seine Hand wegnehmen musste, um aus seinem Mantel zu schlüpfen. Er hoffte einfach nur, dass Andrés so sehr in der Betrachtung der Menschen um sie herum beschäftigt gewesen war, um seinen kleinen Ausrutscher zu bemerken.
Er schien ausnahmsweise einmal Glück zu haben, denn der Spanier steckte die Garderobenmarken in die Innentasche, legte ihm den Arm um die Taille und schob ihn durchs Foyer auf die große Freitreppe zu, auf der immer mehr Paare und Gruppen in Richtung des Ballsaals strebten.



Der Saal war atemberaubend, mehr als das. In fünf Rängen türmten sich Logen und Galerien bis zur strahlenden Decke hinauf. Der goldverzierte Stuck an der Decke und den Logen glänzte im Licht der riesigen Kronleuchter und der zahllosen kleineren Lampen. Über die Sitzreihen des Parterres waren zahllose Quadratmeter an hellem Parkettboden montiert worden, auf dem sich jetzt, vor der Eröffnung, noch nicht viel tummelte.
Überall waren Blumengestecke, die speziell für diesen einen Abend von hunderten Floristen angefertigt wurden.

Martín vergaß für einen Augenblick, dass das hier ein Ball war und dass er eigentlich beruflich hier war und dass Andrés (Nein, Andrés hatte er nicht vergessen. Er konnte nicht.) Er drehte sich langsam im Kreis, den Kopf in den Nacken gelegt und den Mund staunend geöffnet. In seinen Augen spiegelten sich das Glitzern des Goldes und der Lampen als tausende funkelnden Sterne.

Andrés ließ ihn gewähren. Martín war so ziemlich die beste Manifestation von seiner eigenen Faszination, die er beim ersten Betreten des Saals verspürt hatte.
Er lächelte, warm und voll, wenn auch nur für einen Augenblick. Der Argentinier sah ihn mit leicht entrückten Augen an und verzog den Mund zu einem atemlosen Lächeln. Andrés grinste beinahe schon triumphierend zurück:
„Du wolltest nicht mitkommen.“
„Ja, und ich lache mich gerade innerlich selbst aus.“
„Tja, das hat diese Stadt so an sich. Komm, die Eröffnung ist in einer halben Stunde. Gerade genug Zeit, um sich einen Champagner zu besorgen.“

Martín ließ sich mitziehen, alle Sinne weit geöffnet um die Unmengen an Eindrücken aufzusaugen. Die Ränge füllten sich zusehends mit der eleganten Menge aus dem Foyer, sie schwebten durch die Gänge, gehüllt in einen unsichtbaren Mantel aus Glamour. Die Menschen, wie Motten, zwischen Geflüster, Champagner und Sternen.
Andrés zeigte es nicht so offensichtlich, aber dasselbe Gefühl pulsierte auch durch seinen Kopf. Diese Veranstaltung vereinte so ziemlich alle Dinge, die er schätzte. Pracht und Geschmack, Eleganz und Geschichtsträchtigkeit. Die Aussicht auf eine kleine kriminelle Intervention, um das alles ein bisschen prickelnd zu machen. Und dazu auch noch vorzügliche Gesellschaft.

Wenn er schon daran dachte, wo war Martín eigentlich hin?
„Du wolltest doch Champagner.“
Er drehte sich um. Der Argentinier hielt ihm ein schlankes Glas entgegen. Andrés nahm es entgegen und in einer einzigen flüssigen Bewegung seines Arms hatte er Martíns Hand wieder eingefangen.



„Weißt du, wo Holzbauer sitzt?“, sie waren zurück im großen Ballsaal und Martín hatte seine Faszination wieder genug im Griff, um sich auf den eigentlichen Grund seiner Anwesenheit zu konzentrieren. Sein Blick glitt über die Logen, auf der Suche nach einem älteren Herrn in auffällig junger Begleitung.
„Nein. Aber ich hab schon eine Idee, wie wir ihn finden. Aber vorher…“, ein Gong ertönte.
Das Geraschel der Kleider und das Getratsche bekam plötzlich eine Richtung, durch alle Eingänge kamen immer mehr Gäste geströmt und suchten sich Plätze, möglichst nahe an der Tanzfläche. Sie hatten schon einen günstigen Platz gefunden, von dem sie das ganze Parkett überblicken konnten.
Wieder ertönte der Gong, diesmal zwei Schläge direkt hintereinander, als wollte man die Leute ein bisschen zur Eile treiben.
Es wurde immer ruhiger, die Gespräche wurden nur noch geflüstert geführt, bis sie ganz verstummten. Martín spürte die feierliche Spannung, die sich langsam aufbaute.

Ein Mann im Frack und einem Taktstock in der Hand trat vor das Orchester, verbeugte sich einmal in Richtung des Saals, bevor er beide Arme hob, eine Kunstpause ließ und mit einem Schwung den Musikern das Signal zum Auftakt gab. Martín hörte Andrés neben sich die flotte Melodie mitsummen.
Die Türen zur Tanzfläche wurden von den Zeremonienmeistern geöffnet. Zwei Reihen von Paaren kamen, perfekt zur Musik choreografiert, herein, insgesamt wohl 180 Leute. Es gab niemanden, der die Anweisung gab, die Debütantinnen und Debütanten mussten das hier bis ins kleinste Detail geprobt haben.
Jede Drehung, jeder Schritt, jeder Knicks saß perfekt, fügte sich nahtlos ein in die Musik. Alles verwirbelte sich zu einem Gesamtkunstwerk, aus Tanz und Musik, aus funkelnden Lichtern und den glitzernden Kristallen, auf den Diademen und Kleidern der Debütantinnen. Es gefiel Martín von Anfang an. Sein mathematisch arbeitendes Gehirn erfreute sich an der Ordnung und der Symmetrie, aus schwarz und weiß, am rhythmischen Klackern der Tanzschuhe.

Er fand es schade, als das Licht gedimmt wurde, um einer Sopranistin Raum für eine Arie zu bieten. Andrés mochte die Oper als Kunstform, das wusste er, aber mehr konnte er ihr auch nicht abgewinnen. Es juckte ihm schon in den Beinen endlich auch tanzen zu können.

Zum Glück ging das Licht wieder an und die Musik wechselte von der vorigen Polonaise, zu einem ganz eindeutigen Dreiviertel-Takt. Man regelrecht hören, wie alle Köpfe im Raum gleichzeitig herumfuhren.

Ein kleiner, kahler Mann mit einer rot-weiß-roten Schärpe unter dem Frack tauchte neben dem Dirigenten auf. Er ließ sich ein Mikrofon reichen, nickte dem Orchester zu, lächelte breit in die Runde und hob einladend den Arm:
„Seit mittlerweile 70 Jahren ist der Wiener Opernball der unangefochtene Höhepunkt der weltweiten Ballsession. Und so ist es mir eine besondere Ehre, ihn dieses Jahr eröffnen zu dürfen. Und jetzt: Alles Walzer!“
Die Klänge des Donauwalzers hoben an.

Es war das Signal, auf das alle gewartet hatten. Alles was Beine hatte und auch nur ein bisschen Taktgefühl ihm Leib, strömte aufs Parkett. Martín sah erwartungsvoll zu Andrés, der ihm schon längst einladend die Hand entgegenhielt. Er nahm sie nur zu gerne an.
Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass sie miteinander tanzten, und Martín hatte es schon immer überaus genossen. Aber noch nie hatte ihn eine solche Woge von Euphorie überflutet. Er fühlte sich berauscht und taumelnd, dabei hatte er kaum etwas getrunken. Andrés führte natürlich, wie er es immer tat und Martín ließ sich einfach mitdrehen. Seine Füße folgten von ganz allein und mühelos dem Schrittmuster. Es war ja auch nicht so schwer.

„Also, pass auf.“
„Hm?“, Martín sah den Spanier an, als wäre er gerade aus einem schönen Traum erwacht. Seine Augen waren halb-geschlossen und er lächelte verträumt.
„Holzbauer ist fast siebzig, Halb-Glatze, die restlichen Haare lang und gewellt.“, erklärte Andrés ruhig: „Er trägt eine Brille, schwarzes Gestell und dicke Gläser.“
Martín musste den Kopf schütteln, um wieder komplett da sein zu können. Er musste sich konzentrieren, verdammt noch mal. Sie waren hier um zu arbeiten.
Er zwang seinen Blick von Andrés weg, über dessen Schultern auf die anderen Ballgäste.
„Ich sehe drei Männer, auf die die Beschreibung ungefähr passt.“, halbe Drehung.
„Der im Frack ist es nicht. Zu schlank.“, Andrés hatte mit einem Blick die drei Männer überflogen und drehte sie wieder herum.
„Dann bleiben noch zwei. Nein, drei. Den hab ich vorher nicht gesehen.“
„Alle drei passen?“, halbe Drehung, jetzt konnte Andrés sich die Lage selbst ansehen: „Der in der Mitte. Smoking, gepunktete Fliege.“, halbe Drehung.
„Sein Mädel ist wirklich viel zu jung.“, stellte Martín fest. Halbe Drehung.
„Aber sie hält ihn auch auf Abstand. Ich kümmere mich um sie.“, meinte Andrés. Halbe Drehung.
„Ach, betrügst du mich etwa?“, es war ein Scherz, aber Martín verspürte trotzdem einen schweren Stich in der Brust, als er das sagte. Halbe Drehung.
„Na, Eifersucht steht dir nicht. Konzentrier dich lieber auf die rechte Innentasche.“, halbe Drehung.
„Linke Innentasche.“, korrigierte Martín nach einem schnellen Blick. Halbe Drehung.
Andrés grinste, als hätte er den Fehler absichtlich gemacht. Es würde zu ihm passen.
Der Donauwalzer klang aus, die meisten Paare gingen zurück zu ihren Plätzen. Das Orchester hörte aber nicht auf, sondern spielte weiter, diesmal einen langsamen Walzer.

Der Spanier bahnte sich seinen Weg durch die sich lichtende Menge, auf den leicht schnaufenden Holzbauer zu.
„Gestatten Sie?“, Andrés hielt der jungen Dame galant die Hand hin. Sein Deutsch war fehlerfrei, aber stark akzentuiert. Martín wusste, dass seine Aussprache deutlich besser war, sagte aber trotzdem nichts.
Der Architekt lächelte gezwungen und nickte:
„Natürlich.“
Die Dame schien nicht sehr unglücklich darüber sein, den Tanzpartner zu wechseln. Martín schon. Andrés ließ sie einfach stehen.

Holzbauer schüttelte den Kopf:
„Versteh einer die Frauen. Oder die Männer.“
„Perdon?“, er hatte sehr wohl verstanden, wollte aber dieses Ass möglichst lange im Ärmel behalten.  
„Ihr Partner scheint breit gefächerte Interessen zu haben. Tja, da bleibt uns nur die Rolle des tragisch Verliebten, nicht wahr?“, er schien gar nicht auf die Idee zu kommen Englisch zu sprechen.
Trotzdem nickte Martín verstehend. Seine Augen trugen einen melancholischen Ausdruck in sich, als sie Andrés durch den Saal folgten.
„Kommen Sie, ich lade sie auf einen Schampus ein.“
Es brauchte ein bisschen Mühe, um sich von dem Anblick loszueisen, aber Martín rief sich streng zur Ordnung. Die Arbeit.
„Oh, Danke.“
„Keine Ursache. Ich kenne die Liebe und den Kummer, den sie manchmal in sich trägt.“

Sie ließen den großen Saal und die Musik hinter sich. Martín fiel es sofort leichter sich zu konzentrieren. Aus antrainiertem Reflex wanderte sein Blick über die leicht ausgebeulten Innentaschen. Ja, die linke.
Er musste nur noch einen Vorwand finden, Holzbauer zu Nahe zu kommen.
„Woher kommen Sie? Mexiko? Sie sehen nicht so aus.“
„Äh, nein, aus Argentinia.“, es machte ihm beinahe schon Spaß den Idioten zu geben.
„Argentinien? Ich hatte einmal ein paar Studenten aus Cordoba und Rosario. Sie sind woher genau?“
„Aus Buenos Aires.“
„Eine tolle Stadt. Großartige Architektur. Und eine gute Universität.“
Martín nickte in vager Zustimmung:
„Entschuldigung, Ihre - como se dice? - “, er deutete sich selbst auf die schwarze Fliege: „verrutscht.“
„Das passiert mir ständig, ich binde sie immer zu locker. Würden Sie vielleicht?“, er blieb stehen und hielt Martín den Hals hin. Der zog routiniert die Fliege mit einer Hand fest, während sein Zeige- und Mittelfinger federleicht in die Innentasche glitten. Der Pager steckte in einer weichen Silikonhülle, deren Oberfläche sich ein bisschen wie menschliche Haut anfühlte. Es war beinahe schon zu leicht.

„Bitte sehr.“, er ließ das kleine Gerät in der Hosentasche verschwinden.
„Danke, sehr verbunden. Sie haben das schon öfter gemacht? Was machen Sie eigentlich beruflich?“, der Architekt schien sich seiner Neugierde nicht zu schämen.
„Ich bin Architekt.“
„Ein Kollege, hab ich mir’s doch fast gedacht. Na dann“, er nahm einem vorbeieilenden Kellner zwei Gläser ab: „Auf die Architektur und die tragische Liebe. Mögen sie beide niemals enden.“
„Salud.“, Martín trank den Inhalt des Glases in einem Satz herunter.

„Da seid ihr also abgeblieben.“, Andrés Stimme klang sonor und amüsiert wie immer. Mit der Studentin am Arm kam er den Gang entlanggeschlendert. Er löste sich von ihr, deutete eine Verbeugung an und küsste ihr die Hand:
„Es reizendender Tanz.“, er wandte sich an Holzbauer: „Sie haben wirklich Glück mit ihrer Begleitung. Und danke, dass sie sich so aufopferungsvoll um meine Begleitung gekümmert haben. Nicht, dass er noch auf Ideen kommt.“
Martín warf ihm einen bösen Blick zu, der einfach nur mit einem Wolfsgrinsen beantwortet wurde.
„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite.“, Holzbauer legte seiner Begleitung besitzergreifend den Arm um die Taille. Ihm lag offensichtlich nicht viel an der einer Fortführung des Gesprächs.



„Ein Handkuss? Ernsthaft?“, Martín versuchte den Schmerz, den er bei dem Anblick verspürt hatte, nicht durchklingen zu lassen. Es gelang ihm erstaunlich gut. Schließlich hatte er schon viermal lächelnd danebengestanden und so getan als wäre er glücklich, als Andrés jemand anderen geheiratet hatte.
„Man pflegt hier eben noch gehobene Umgangsformen. Wie weit ist der Plan gediegen?“
Martín zog triumphierend den Pager aus der Tasche:
„Alles erledigt.“
Martín grinste stolz, als Andrés den Pager anerkennend entgegennahm:
„Immer noch derselbe kleine Taschendieb.“
Man könnte es als Tadel auffassen, aber Martín wusste es war wohl das größte Lob, das er jemals von Andrés bekommen hatte. Und wie einem dressierten Hund, dem sein Besitzer den Kopf getätschelt hatte, reichte dieser kurze Satz aus, um sein Herz noch ein Stück fester an Andrés zu binden. So fest, dass es ihn umbringen würde, wenn der sich nur einen Zentimeter von ihm wegbewegte.
„Damit wäre der professionelle Teil des Abends erledigt.“, der Spanier lächelte ihn fast schon herausfordernd an: „Jetzt können wir uns den angenehmen Dingen des Lebens zuwenden.“



Vielleicht hatte er mit diesem Punkt ein wenig zu sehr übertrieben. Martín hatte noch nie eine Gelegenheit ausgelassen sich mit teurem Alkohol die Kante zu geben. Er war nicht wirklich betrunken, nicht ernsthaft. Nur ein wenig angeheitert. Vielleicht mehr als ein wenig.
„Martín, wir sollten zu Fuß nach Hause gehen. Ein bisschen frische Luft kann dir nicht schaden.“
„Was auch immer du vorschlägst.“, er lächelte breit. Sie hatten die Oper schon verlassen, aber er war immer noch bei Andrés untergehakt. Einerseits weil er sich nicht mehr ganz sicher auf den Füßen fühlte, andererseits (ja, das war der eigentliche Grund) er wollte ganz einfach nicht. Es war viel zu schön, um damit aufzuhören. Und solange Andrés nichts dagegen sagte, sah er keinen Grund, es zu lassen.

Die Nacht war sternenklar und schneidend kalt, aber Martín fühlte sich so berauscht, was nicht nur am Alkohol lag, dass ihn die Kälte nicht störte. Was zum großen Teil daran lag, dass er so eng an Andrés geschmiegt war, dass er dessen Körperwärme sogar durch ihre beiden Mäntel hindurch spüren konnte.
Der Spanier schien immer in sich zu ruhen, felsenfest, in perfekter Balance. Selbst seine Gerade-Geschieden-Stimmungsschwankungen waren nur oberflächlich, nur die Wellen eines eigentlich stillen, tiefen geheimnisvollen Ozeans. Das genaue Gegenteil von Martín, der von Tag zu Tag lebte, ein Wesen des Hier-und-Jetzt, immer den Augenblick auskostend, in ständiger Ungewissheit und Angst, dass im nächsten alles schon vorbei sein könnte. Andrés war ein Wolf, ganz oben in der Nahrungskette, der seine Umwelt formen und bestimmen konnte, der sich keinem Gesetz unterwarf, außer dem, das er sich selbst gegeben hatte.

Wenn das stimmte, was war dann Martín?

Ein Hase? Nein, dafür war er nicht schwach und sein Leben nicht ängstlich genug. Er kannte seinen Wert, er wusste, dass viele Menschen Angst vor ihm hatten. Seine Intelligenz, seine Skrupellosigkeit, seine schiere Unberechenbarkeit, die er die meiste Zeit ungehemmt spielen ließ. Er war gefährlich. Ihm fiel plötzlich ein, was er war: Er war ein Fuchs.

„Du hast wohl doch mehr erwischt, als du dachtest. Was brabbelst du da?“
Martín hatte es nicht gemerkt, aber er hatte seine letzten Gedankengänge halblaut ausgesprochen. Ihm wurde heiß bei dem Gedanken, dass Andrés mitgekriegt haben könnte, was er sagte.
„Nein, ich bin nur müde.“, murmelte er: „Ich vertrag einiges, kennst mich doch.“
„Ich weiß, dass du, was das betrifft, ganz gerne übertreibst.“
„Du übertreibst.“, gab Martín wenig kreativ zurück.
So unkreativ, dass es Andrés sogar ein Lächeln entlockte:
„Du bist vor allem ein Sturschädel. Komm, stell dich mal ein bisschen gerader hin, du schläfst ja schon im Stehen ein.“
Er folgte den Anweisungen, natürlich tat er das. Wie er es immer tat. Er straffte die Schultern und drückte den Rücken durch und hob den Kopf. Andrés Profil zeichnete sich beinahe schon hyperrealistisch präzise gegen das weiße Licht der Straßenlaternen ab. Seine Atemwolken schimmerten silbern, wie durchscheinende Seidenschleier.

In diesem Moment war er fast schon überirdisch schön. Martín starrte ihn an, als hätte er so etwas noch nie gesehen. Und er hatte noch nie. Er erinnerte sich an jedes einzelne Mal, als er Andrés gesehen hatte. In seinem Gedächtnis waren Unmengen an Portraits, eine Galerie in der jedes Bild, immer nur denselben Menschen zeigte. Deshalb war er sich sicher, ihn noch nie so gesehen zu haben.
Martín lehnte sich zu ihm, kam seinem Gesicht immer näher… Gerade in letzter Sekunde zogen die Ketten um sein Verlangen wieder zu. Nein, er durfte nicht. Auch wenn er es so sehr wollte, er durfte nicht, um keinen Preis.

Sie gingen die Mariahilfer Straße hinauf, vorbei an geschlossenen Geschäften und dunklen Auslagen. Es war keine Menschenseele unterwegs, sie waren völlig allein. Es würde niemand sehen. Als würde es darum gehen.
Er trottete schweigend weiter, das Herz klopfte ihm bis zu Hals hinauf. Sie bogen in die Gasse mit Andrés Wohnung ein. Das Stiegenhaus war dunkel und nicht viel wärmer als draußen. Martín merkte erst als er die abgetretenen Stufen hinaufstieg, wie er müde war. Wie müde und berauscht.

Eine Kombination, die die Ketten schneller lockerten, als sonst. Und schon als Andrés ihn losließ, um die Schlüssel aus seinem Mantel zu suchen, lehnte er sich mit dem Rücken an die Tür und sah ihm ins Gesicht.
Andrés trat neben ihn, eher vor ihn, damit er zum Schlüsselloch kam. Hätte er jetzt den Kopf gehoben, er hätte sich Nase an Nase mit Andrés wiedergefunden.
Er hielt die Luft an, das Klacken des Schlosses klang viel zu laut in seinen Ohren. Die Tür schwang nach innen auf, er stolperte ungewarnt nach hinten und landete beinahe unsanft auf dem Rücken.

Der einzige Grund, warum er nicht fiel, war Andrés Hände, die seine packten, bevor er auf dem Boden des Vorzimmers aufschlagen konnte.
Für einen Augenblick hing er hilflos in der Luft, dann zog Andrés ihn mit einem Ruck wieder in die Aufrechte. Nicht nur das, er hatte so viel Schwung, dass er diesmal nah vorne stolperte. Nur dass dort Andrés stand.
Er prallte gegen dessen Brust, und bevor er irgendetwas tun konnte, spürte er seine Hände die ihn immer noch festhielten. Martín hob im Schreck den Kopf. Andrés Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt. Wieder hielt er die Luft an.

„Ach, Martín.“, Andrés lächelte, man konnte es sogar im Schummerlicht noch sehen. Seine geweiteten Pupillen und dunklen Iriden verschmolzen zu einem einzigen, spiegelnden, schwarzen Punkt im Weiß seiner Augen. Wie Raubtieraugen: „Für wie dumm hältst du mich?“
Der Argentinier schluckte hart. Er war wie erstarrt. An seinem Nacken spürte er den kühlen Luftzug, der von der offenen Tür herrührte.
„Glaubst du wirklich, ich würde das alles nicht bemerken? Wie du mich ansiehst? Wie du die ansiehst, die die ich ansehe? Glaubst du, ich würde deinen Herzschlag nicht spüren, wenn du den ganzen Abend deine Hand auf meinem Arm hast? Wie lange schleppst du das schon mit dir herum? Seit ich dich in Sizilien besucht habe? Das wären vier Jahre. Oder noch länger?“
„Was schleppe ich herum?“, Martíns Stimme war erstickt, er kämpfte gegen die Tränen.

Andrés wusste es. Natürlich wusste er es. Andrés wusste alles über ihn. Er spürte den Boden unter sich immer schneller wegrutschten, sein ganzes Leben bis zurück zu seinem fünfzehnten Lebensjahr, in dem er Andrés kennengelernt hatte.  

Sein Kiefer begann zu beben, er spürte heiße Tränen, die ihm gegen seinen Willen in die Augen stiegen. Ein leises Schluchzen blieb ihm in der Kehle stecken und drohte ihn zu ersticken.
„Martín.“, Andrés strich mit dem Daumen über Martíns Handrücken: „Hör auf. Hör auf mich anzulügen.“
Die Tränen rannen ihm über die Wangen. Es war vorbei. Alles war vorbei. Andrés schenkte ihm ein breites Lächeln. Martín spürte sein Herz unter diesem Lächeln brechen.
„Tz, tz, tz, Tränen? Du weißt ja noch nicht einmal, was ich dir sagen werden.“
Es war genug.

Martín stieß ihn weg, stolperte ein paar Schritte zurück, bevor er sich fing. Sein Gesicht war tränenüberströmt und er machte sich keinerlei Mühe mehr, sie zurückzuhalten:
„Ich weiß nicht was du sagen wirst!? Was wird das wohl sein, hä!?“, Martín schrie, das Gesicht tränennass: „Ich habe vier Mal zugesehen, wie du Frauen geheiratet hast, die nicht einmal halb so lange gekannt hast wie mich! Ich habe jedes einzelne Mal danebengestanden und für dich gelächelt, weil ich nicht wollte, dass du meinen Schmerz siehst. Ich weiß, dass du mich nicht liebst. Nicht so, wie ich dich liebe. Weil ich für dich nicht mehr bin, als ein gezähmtes Tierchen, das unterhaltsam herumspringt, wenn man es hinter den Ohren krault. Jetzt wirst du mir sagen, dass du solche Gefühle nicht gebrauchen kannst. Nicht bei jemanden, mit dem du ernsthaft arbeiten willst. Du verstößt mich. Und weil ich dich liebe, werde ich dir gehorchen. Also, los, mach schon! Gib mir den Rest! Mach schon! Sag’s mir!“

Schluchzer würgten ihn ab, er fing an zu taumeln und zu schwanken, die Mischung aus Tränen, Düsternis und zu wenig Sauerstoff ließ seine Sicht verschwimmen.
Plötzlich spürte er Andrés warme Hände an seinen Wangen. Die Berührung war sanft und beinahe schon fürsorglich. Martíns Herz schien mit einem Ruck zerfetzt zu werden. Das konnte Andrés ihm nicht antun.

Er hätte einfach gehen können, Himmel, am liebsten wäre es Martín gewesen, wenn er ihn angeschrien oder geschlagen hätte. Aber diese Gnade schien ihm nicht gewährt zu werden. Andrés strich ihm mit dem Daumen über die Wangenknochen:
„Glaubst du das wirklich? Dass ich das sage?“, er zwang Martín ganz vorsichtig ihm ins Gesicht zu sehen: „Wenn du das glaubst, dann sollte ich besser gar nichts mehr sagen.“

Martíns Herz setzte für einen Moment aus, als er plötzlich fremde Lippen auf seinen spürte. Er fing an zu zittern, als sein Gehirn in völliger Überforderung durchdrehte und es nicht fertig brachte einen sinnvollen Befehl an seinen Körper zu senden. Dann brach sich mit einem Mal Ordnung ihren Weg durch das Chaos.
Ein einziger Gedanke, der strahlend und rein alles überstrahlte: Andrés küsste ihn.

Martíns Realitätssinn war außer Kraft gesetzt, er konnte nicht mehr unterscheiden, was er sich einbildete und was wirklich von seinen verrücktspielenden Sinnen übermittelt wurde.
Er wusste nur noch, dass er eine Sache wollte. Das was er immer schon gewollt hatte.

Fast schon verzweifelt zog er den Spanier noch enger an sich, legte ihm die Hand in den Nacken, während er die andere in seinen Mantelkragen gekrallt hatte.
Der Kuss wurde immer intensiver und wilder, immer begieriger und hungriger. Martín wollte mehr, Andrés hatte ihm schon die Unterlippe blutig gebissen, sie bekamen beide kaum genug Luft, aber er wollte noch viel, viel mehr.
Und Andrés schien ähnliches zu denken, denn Martíns Mantel inklusive seines Jacketts landeten auf dem Boden. Martín hielt plötzlich inne.

„Andrés, warte.“, keuchte er atemlos.
„Fällst du in Ohnmacht?“, Andrés grinste, aber auch seine Brust hob und senkte sich mit seinem schweren Atem.
„Ich hab Angst.“
„Was?“
„Ich hab Angst, alles kaputt zu machen.“, Martín sah verschämt zu Boden.
„Ach, Martín.“, Andrés legte seine Hände auf seine Wangen: „Du bist so niedlich. Wenn es dir Angst macht, dann machen wir es nicht. Oder wir machen es später. Ich hab in meinem Leben schon zu Viele gute Dinge zerstört. Und das hier ist viel zu wichtig, um es zu riskieren.“

Martín sah zu ihm hoch. Seine Augen, die sonst spöttisch und gefährlich funkelten, sahen ihn einfach nur liebevoll an. Sein Lächeln war breit und ehrlich, fürsorglich und vertrauensvoll.
Er zog Andrés in eine klammernde Umarmung, vergrub sein Gesicht an Andrés Halsbeuge und wisperte:
„Danke. Einfach nur Danke.“
„Natürlich. Komm, es ist schon spät. Gehen wir ins Bett.“
Andrés stahl sich noch einen flüchtigen Kuss, legte ihm den Arm um die Taille und bugsierte sie zu seinem Schlafzimmer. Mit einer beiläufigen Geste warf er die Tür zu.

Martín kuschelte sich an Andrés. Er sog seinen einzigartigen Duft ein und schloss die Augen. Er spürte eine Hand, die Muster in sein Haar zeichnete und fing buchstäblich zu schnurren an. Andrés Brust vibrierte, als er tonlos lachte:
„Ein kleines Kätzchen. Ich dachte, ich hätte einen Fuchs.“
Natürlich hatte er das vorher gehört. Er hob den Kopf und sah zu Andrés auf:
„Andrés?“
„Ja?“
„Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr.“
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast