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AC Valhalla - Das Vermächtnis der ersten Klinge

GeschichteAllgemein / P16
05.05.2020
05.05.2020
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Kleine Einleitung
Das nächste Assassin's Creed ist angekündigt: Es wird AC Valhalla heißen und das Setting ist bestätigt: Wikinger, Britannien, neuntes Jahrhundert nach Christus. Es soll mit den beiden vorherigen Teilen eine Trilogie bilden. Die Hauptrolle wird ein Wikinger namens Eivor spielen, ein geschlechtsneutraler Name, da wir wieder die Wahl zwischen einem männlichen und einem weiblichen Spielcharakter haben werden. Da im ersten Trailer aber bisher nur der männliche Eivor zu sehen war, gehe ich für diese Geschichte davon aus, dass dieses mal der männliche Protagonist ofizieller Canon ist.
Überlegungen wo die Verbindung zu den Vorgängern sein könnte, und wie die Handlung anhand bisheriger Ankündigungen der Entwickler aussehen könnte, haben in meinem Kopf die Form einer kleinen Geschichte angenommen in die ich viele meiner Erwartungen, Vermutungen und auch Hoffnungen auf den neuen Teil verpackt und mit meinem bescheidenen historischen Wissen kombiniert habe. Und eine Hommage an einen AC-Charakter der mir sehr ans Herz gewachsen ist. Ich hoffe, es gefällt euch.
Euer Drachenritter

P.S.: Da ich nicht weiß inwieweit der einzelne Leser mit dem historischen Setting vertraut ist habe ich ein paar Begriffe mit Sternchen markiert. Die Erklärung findet ihr ganz am Ende des Textes.



Die Wellen des Flusses umspielten sanft den Rumpf des Bootes, das sich durch seine Wasser schob. Das Plätschern der Strömung vermischte sich mit den Geräuschen der Ruder, die gegen diese Strömung ankämpften zu einer, der Besatzung wohl vertrauten Melodie. Die Männer und auch einige Frauen an Bord dieses Langbootes saßen fast alle auf den Ruderbänken und legten sich in die Riemen um das Boot flussaufwärts zu führen. Nur ein Mann stand vorne an dem, durch einen Drachenkopf verzierten Bug und blickt auf den Horizont hinaus. Ein hoch gewachsener, kräftiger Mann, mit langen blonden Haaren, die er im Nachen zusammengebunden hatte. Sein Gesicht zierte ein fast ebenso langer Bart, der unter dem Kinn zu einem kunstvollen Zopf geflochten war, wie es die Mode bei den Nordmännern war. Gehüllt war er in eine leichte aber stabile Kettenpanzerung die ihm sowohl Schutz als auch Beweglichkeit garantierte. Ein Schwert und mehrere kleine Äxte hingen an seinem Gürtel und eine große Axt war gegen die Reling gelehnt.
„Wie ruhig und friedlich das Land unter der Sonne da liegt“, dachte er. In der Tat war es ein wunderschöner und sonniger Frühlingstag. Mochte man im Süden, im Frankenreich über das britannische Wetter spotten, für jemanden der aus dem hohen Norden kann, wo Schnee und Eis nie schmolzen und die Tage kurz und wolkenverhangen waren, war das hier ein Garten der Vanir* . „Und wie fruchtbar und grün dieses Land ist. Fruchtbar genug um uns alle zu ernähren. Warum wollen sie nicht teilen? Warum bestehen sie darauf, dass das alles nur ihnen gehört? Warum zwingen sie uns, die Räuber zu sein, für die sie uns scheinbar unbedingt halten wollen?“
Die Umrisse von Häusern, in der Ferne kamen näher. Eine Siedlung. Wie der Mann schließlich erkennen konnte, ein Siedlung aus recht stabilen und gut ausgebauten Häusern und Gutshöfen und auch den Turm einer Kirche konnte er erkennen. Offenbar ein wohlhabendes Dorf. Genau das worauf er und seine Leute gehofft hatten. Die Aussicht auf gute Beute. Er hasste es, wenn sie nur ärmliche Siedlungen und Gehöfte vorfanden. Es lohnte sich nicht, diese auszuplündern. Mit der wenigen Beute konnten die Clanbrüder- und Schwestern zuhause nicht viel anfangen und es missfiel ihnen, den Leuten auch noch das letzte Bisschen, was sie zum überleben brauchten, wegzunehmen. Darin lag keine Ehre. Von dem Ärger den es mit sich brachte ganz zu schweigen. Denn mit jedem Überfall wurde die nächste Fahrt auf dieser Route gefährlicher. Und obwohl die Nordmänner keinen Kampf scheuten, musste man die einheimischen Herrscher ja nicht unnötig reizen. Den Preis dafür würde schließlich der ganze Clan zahlen, auch die Frauen, Kinder und Alten. Unschuldige, die nie an einer Viking teilgenommen hatten.
Auch die anderen Wikinger an Bord des Schiffes hatten das Dorf inzwischen ausgemacht und angetrieben von der verlockenden Aussicht ihr Rudertempo erhöht. Nach einer Weile, das Langboot war schon relativ nah, war lautes Glockengeläut zu vernehmen. Ihr Schiff war wohl entdeckt worden.
„Eivor!“, rief einer der Männer warnend, ein Hüne mit langen roten Haaren und dichtem Vollbart, wohl um sicherzustellen dass auch der Mann am Bug bemerkte dass im Dorf Alarm geschlagen wurde.
„Ich höre es, Thorstein. Sie haben uns bemerkt“, erwiderte dieser. „Rudert schneller!“, befahl er.
Die Besatzung gehorchte. Der Mann namens Eivor hob die Finger an die Lippen und pfiff. Damit kam ein Rabe vom Mast herunter geglitten und ließ sich auf Eivors Arm nieder. „Kundschafte voraus, Alfdis und sag mir, was du siehst.“ Der Rabe ließ ein zustimmendes Krächzen ertönen und flog davon, in Richtung des Dorfes.
Eivor sah ihm nach und streckte seine geistigen Sinne nach seinem gefiederten Gefährten aus. Er wusste selbst nicht wie er das konnte, aber er konnte so durch Alfdis’ Augen sehen, was sich mehr als einmal als sehr wertvoll erwiesen hatte. Sein besonderer Bund zu diesem Raben hatte ihm, zusammen mit seinen Fähigkeiten im Kampf den Ruf eingebracht, hoch in Odins Gunst zu stehen und darum hatte der Clan ihn zum Anführer gewählt und er hatte entschieden den Clan fort aus der lebensfeindlichen Heimat ins fruchtbare Britannien zu führen. Wie wohl schon viele Clans und Sippen zuvor hatten auch Eivor und sein Clan sich nur friedlich ansiedeln wollen, doch ihnen war schnell klar gemacht worden, dass sie nicht willkommen waren. Heiden, und Wilde seien sie, mehr Tiere als Menschen. Wenn sie hier überhaupt nur geduldet werden wollten, so hatten Gesandte des örtlichen Herrschers ihnen gesagt, so sollten sie ihre Waffen niederlegen, ihrem König auf Knien den Treueeid leisten und sich zum Christentum bekennen. Eine unvorstellbare Beleidigung. Ein Nordmann beugte vor niemandem das Knie, es sei denn vor den Göttern und jenen die sich deren Gunst erworben hatten. Doch bei allem was man über König Alfred von Wessex gehört hatte, war er davon weit entfernt. Im Gegenteil er beleidigte die Götter, wo er nur konnte. Vor ihm das Knie zu beugen kam nicht in Frage. Und noch viel weniger kam es für Eivor und seine Leute in Frage, die Götter zu verleugnen. Das hätte ihre Siedlungsbestrebungen zum scheitern verurteilt. Die Aesir* hätten ihnen jeglichen Segen entzogen, Thor hätte sie mit Blitz und Donner gestraft, Freyja mit Missernten und Fehlgeburten und Odin hätte für ihre gefallenen Krieger die Tore der Valhalla auf immer verschlossen. Ein solches Leben wäre keines gewesen, das für einen Nordmann lebenswert war. Da wäre es besser gewesen, in der alten Heimat zu bleiben. Doch sein Volk brauchte einen Ort, wo das Leben lebenswert war. Und Eivor hatte beschlossen, dass hier, im Süden Britanniens dieser Ort war, ob es den Sachsen und ihrem König passte oder nicht. Und wenn sie ihr Land und ihren Reichtum nicht teilen wollten, dann würden die Wikinger eben darum kämpfen.
Durch Alfdis’ Augen sah Eivor, wie sich unter ihm Männer sammelten. Die meisten nur leicht bewaffnet. Bauern und Knechte hauptsächlich, aber Eivor wusste, dass auch diese inzwischen gelernt hatten, sich zur Wehr zu setzen. Und niemand kämpfte so verbissen, wie ein Mann der sein Zuhause verteidigte. Eivor verstand das nur zu gut. Er tat selbst nichts anderes. Was ihn jedoch beunruhigte dass auch einige Krieger mit Panzerung und Schilden unter ihnen waren, die die Milizen wohl anleiteten. Das versprach ein guter Kampf zu werden.
Er beendete die Verschmelzung mit seinem Gefährten und rief den anderen zu: „Hauptsächlich Milizen aber auch sächsische Berufssoldaten! Sie werden wohl einen Schildwall bilden und harte Gegenwehr leisten!
Das Langboot erreichte das Ufer und die ersten Krieger sprangen von Bord um es an Land zu ziehen.
„An die Waffen!“, befahl Eivor und ergriff die große Axt vor ihm. Seine Leute machten sich kampfbereit und erhoben sich von den Ruderbänken. Als Eivor überzeugt war, dass das Schiff sicher am Ufer lag hob er die Axt und schrie aus voller Kehle. „Vorwärts!“
Unter lautem Kampfgeschrei sprangen die Krieger von Bord und stürmten auf das Dorf zu.
In der Tat stellte sich ihnen ein Schildwall in den Weg und hinter diesem hatten sich auch einige Bogenschützen postiert. Pfeile hießen die Nordmänner willkommen, doch dank ihrer eigenen Schilde und Helme bremste sie das kaum aus. Sie verstärkten ihr wildes Geschrei noch etwas und warfen sich schließlich mit voller Wucht gegen den Schildwall. Eivor ließ seine Axt aus vollem Lauf gegen einen Schild donnern. Die Wucht des Hiebes brachte den Träger ins Wanken und er ging zu Boden. Doch der Schild hielt und die Axt blieb darin stecken. Das half dem armen Mann jedoch nichts, denn Eivor zog rasch sein Schwert und streckte den Sachsen nieder, bevor er sich aufrappeln konnte. Ein weiter griff ihn jetzt an, doch er parierte den Hieb des sächsischen Beils, konterte seinen Gegner aus und durchbohrte ihn. Eivor riss das Schwert aus dem Leichnam, steckte es ein und zog mit aller Kraft seine Axt wieder aus dem Schild. Gleich darauf eilte er einem seiner Männer zu Hilfe und  fällte dessen Gegner wie einen Baum.
Der Kampf war kurz, denn es dauerte nicht lange, da verließ die Sachsen der Mut. Als eine Schildmaid einen der tatsächlichen Soldaten, der wohl ihr Anführer war, mit ihrem Speer aufspießte, ließen die Verteidiger alle Hoffnung fahren und rannten um ihr Leben. Die Wikinger jubelten und stürmten auf den Dorfplatz. Dieser war verlassen. Eivor hoffte, dass die Frauen und Kinder so schlau gewesen waren, ins Hinterland zu fliehen. Als sie die ersten Häuser durchsuchten, schien sich diese Hoffnung, zu Eivors Erleichterung zu bestätigen. Erst als er und Thorstein die Kirchentür einschlugen und das Gotteshaus betraten schrie ihnen eine Stimme entgegen: „Wagt es nicht das Haus Gottes zu entweihen! Elende Heiden! Diebe! Mörder!“
Vor dem Altar kauerte ein alter Mann im Priestergewand und keifte den beiden Nordmännern allerlei Verwünschungen entgegen. Die ließen sich davon nicht beeinflusse und nahmen eineige wertvoll aussehende Altarbilder an sich.
„Nehmt eure dreckigen Finger weg, ihr gottlosen Bestien!“ rief der alte Mann und stand auf. „Räuber! Tiere! Gott wird euch dafür richten! In der Hölle sollt ihr brennen!“
Eivor schenkte dem Gezeter weiterhin keine Beachtung. Der Glaube der Christen war ihm ohnehin ein einziges Rätsel. Nur ein einziger Gott, der sich dann auch noch in der schwächlichen Gestalt eines Zimmermannssohns offenbarte. Absurd. Und auch verstand er nicht, warum sie immer glaubten, Helheim, das sie nun Hölle nannten wäre voller Feuer. Tatsächlich, so die Priester und Goden war es dort finster und bitter kalt. Das erschien Eivor auch logischer, weil viel schlimmer. Er hatte einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in Kälte und Finsternis verbracht und gelernt, beides zu fürchten und zu verabscheuen. Feuer hingegen brachte er vor allem mit Wärme und Licht in Verbindung. Aber einer der ältesten hatte ihm erzählt der Glaube der Christen käme aus einem Land so weit entfernt dass es im kompletten Gegensatz zu ihrer Heimat stand. Dort sollte angeblich eine unablässig brennende Sonne und ständige Hitze das tägliche Einerlei der Menschen bestimmen. Vielleicht hatten sie deswegen solche Angst vor Feuer. Das wäre immerhin eine Erklärung.
Thorstein schien sich solche Gedanken nicht zu machen. Dazu schien ihm die Tirade des Alten zu sehr auf die Nerven zu gehen. Schließlich hatte er genug und verpasste dem Störenfried einen Fausthieb der ihn zu Boden schickte. Er packte ihn und riss ihm das Kruzifix, dass er an einer Kette um den Hals trug ab. Des Kreuz mit dem gekreuzigten Zimmermann. Dann hielt er dem Priester sein eigenes Amulett vor die Nase, das den Mjöllnir darstellte, den Kriegshammer von Thor. Ein beliebter Halsschmuck bei den Kriegern des Nordens. Er erinnerte sie daran, dass der Gott des Donners und der Tapferkeit stets über sie wachte und sie nichts fürchten mussten, solange sie sich tapfer und ehrenhaft verhielten. „Dein Gott wurde ans Kreuz geschlagen“, knurrte Thorstein den Priester an. „Mein Gott hat einen Hammer. Noch Fragen?“
Eivor entkam ein amüsiertes Schnauben. Das war wieder ein Paradebeispiel für Thorsteins Humor. Der Sachse fand es weniger lustig. „Blasphemische Teufelsbrut! Lass ab von mir!“, kreischte er, doch es klang nun mehr ängstlich als zornig. Thorstein schien es zu reichen, und er zog die Axt aus seinem Gürtel, doch Eivor gebot ihm mit einer schnellen Handbewegung Einhalt. „Lass ihn“, sagte er. „Er steht nur treu zu seinem Glauben, wie wir zu unserem. Was würdest du tun, wenn die Sachsen unsere Tempel plündern würden? Lass ihn ziehen. Die Überlebenden hier werden ihn noch brauchen.“
„Na gut“, seufzte Thorstein, packte den Priester am Kragen, zog ihn auf die Füße, schleifte ihn zur Tür und stieß ihn hinaus. „Verschwinde! Und sei dankbar für dein Leben!“, rief er ihm hinterher.
Nun sahen sich die beiden Nordmänner in aller Ruhe in der Kirche um, doch sie fanden wenig Wertvolles und noch weniger Brauchbares. Thorstein verließ die Kirche rasch, Eivor sah sich noch etwas gründlicher um. Der Raum war dunkel, es gab kaum Fenster, außer den Bänken und ein paar Kerzenleuchtern stand nichts darin, sah man vom Altar ab. Die Tempel der Christen sahen so trist und freudlos aus. Dieser Glaube übte auf Eivor absolut keine Anziehung aus, im Gegenteil. Der Altar war allerdings durchaus kunstvoll, das musste er anerkennen. Die Handwerker der Christen legten sich für ihren Gott ebenso ins Zeug wie die der Wikinger. Dieser seltsame eine Gott schien sie doch irgendwie zu inspirieren und zu ermutigen. Wie und warum auch immer. Er verließ die Kirche und sah sich auf dem Dorfplatz nach einem Haus um, das seine Krieger noch nicht durchsuchten, als er durch den Lärm der plündernden Männer und Frauen hindurch etwas anderes hörte. Hufgetrampel. Lautes Hufgetrampel von mehreren Pferden. Sächsische Reiter vielleicht, die dem Dorf zu Hilfe kamen. Eivor beschloss nachzusehen, um seine Leute im Ernstfall warnen zu können.
Er bewegte sich vorsichtig um die Ecke eines größeren Hauses und blickte in dessen Hinterhof. Tatsächlich brachte dort gerade eine Gruppe von Reitern ihre Pferde zum stehen. Die Reiter trugen Kampfmonturen in den Farben des Königreiches Wessex. Tatsächlich Soldaten von König Alfred. Zehn bis fünfzehn Mann, schätzte Eivor. Doch das Dorf und die plündernde Meute schienen sie nicht zu interessieren. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt einem weiteren Reiter, den sie umstellt hatten. Eine Reiterin, genauer gesagt. Eivor erkannte die Statur einer kräftigen Frau, die definitiv reiten und wohl auch kämpfen konnte. Sie trug eine leichte Lederpanzerung, und ein Schwert an ihrer Hüfte, doch ihr Gesicht war unter einer roten Kapuze verborgen.
Einer der Reiter führte sein Pferd neben sie und riss ihr die Kapuze vom Kopf. Eivor sah sie nur von hinten daher konnte er ihr Gesicht nicht sehen, aber er sah kräftiges braunes Haar, das zu einem Zopf zusammengebunden war der über die linke Schulter einer Trägerin zu reichen schien.
„Tatsächlich!“, rief der Reiter, wohl der Hauptmann der Truppe. „Ein Weibsbild! Du siehst nicht aus, wie eines dieser nordischen Mannweiber, Gott verfluche sie! Warum also trägst du Waffen und sitzt im Sattel wie ein Mann? Willst diesen wilden nacheifern, was? Soweit ist es schon, dass sie unsere Frauen verderben.“
Falls er die Frau damit provozieren wollte gelang ihm das nicht. Sie blieb ganz ruhig und sagte: „Ich bin auf einer gefährlichen Reise und ziehe es vor, auf mich selbst aufzupassen. Wollt Ihr Euch nicht lieber um dieses Dorf kümmern? Es ist voller Wikinger. Das wäre doch eine angemessenere Herausforderung als eine einzelne Reisende.
Sie sprach die Sprache der Angelsachsen, jedoch mit einem markanten und merkwürdigen Akzent, den Eivor noch nie zuvor gehört hatte.
„Vergiss es, Hexe“, entgegnete der Hauptmann. „So einfach kommst du uns nicht davon.“ Er gab seinen Männern ein Zeichen und diese saßen ab und bildeten einen Kreis um ihren Hauptmann um die Frau, den sie immer enger zogen. „Du sagst mir jetzt wo du herkommst, und was du hier zu suchen hast und dann gibst du uns deine Waffen und reitest mit uns zum Earl ist das klar?“ Eivor konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er und seine Kameraden froh waren, eine Ausrede zu haben, sich nicht mit ihm und seinen Kriegern anlegen zu müssen.
„Völlig klar, aber ich denke nicht daran“, entgegnete die Frau und Eivor musste ihr zugestehen dass sie mutig war, angesichts dieser Überzahl. „Ich bin eine freie Frau und reite, wohin es mir beliebt.“
„Das werden wir ja sehen“, fauchte der Hauptmann, der nun offenbar richtig zornig war, riss einem seiner Männer den Speer aus der und stieß ihm dem Pferd der Fremden in die Brust. Das arme Tier versuchte sich aufzubäumen, doch vergebens. Seine Hufe gaben nach und unter Todesqualen stürzte es zu Boden, wobei seine Reiterin aus dem Sattel fiel.
Diese rollte sich geschickt ab und kam so rasch auf die Füße. „Maláka!“ rief sie wütend.
Ein Wort, das Eivor nichts sagte, doch der Zorn in der Stimme der Frau ließ keinen Zweifel daran dass es kein sehr höflicher Ausdruck war. „Wenn du es unbedingt so willst, dann bitte!“ Und sie zog ihr Schwert. Eivor sog scharf die Luft ein. War diese Frau noch mutig, oder schon wahnsinnig. Sie würde keine Chance haben. Doch er täuschte sich. Sie tauchte unter dem Hieb des berittenen Hauptmannes weg, warf sich gegen einen seiner Männer, brachte diesen aus dem Gleichgewicht, schickte seinen Kameraden mit einem schnellen Schwertstreich zu Boden, ließ den ersten folgen sprang dann einen Schritt zurück und stand nun außerhalb des feindlichen Kreises. Die Sachsen wandten sich ihr verwundert und erschrocken zu. „Auf sie!“, schrie der Hauptmann doch auch die Fremde zog mit ihrer linken Hand einen Dolch zusätzlich zu dem Schwert in ihrer rechten und ging ebenfalls zum Angriff über.
Eivor traute seinen Augen nicht. Diese Frau kämpfte, als hätte sie ein ganzes, langes Leben lang nichts anderes gemacht. Stark, schnell und präzise glichen ihre Bewegungen fast schon einem Tanz. Sie schien jedes Manöver und jede Finte ihrer Gegner vorauszusehen und konterte sie aus. Ein Sachse nach dem anderen fiel unter ihren Hieben. Unschlüssig trat Eivor näher, sich fragend ob er der Frau helfen sollte. Schließlich waren ihre Feinde auch seine Feinde und ihre Tapferkeit imponierte ihm. Auf der anderen Seite schien sie seine Hilfe gar nicht zu brauchen und ihr Kampf war ein Schauspiel das ihn geradezu in seinen Bann zog. So blieb er unschlüssig stehen, bis die Fremde ihm die Entscheidung abnahm. Sie bemerkte ihn nämlich nun und rief ihm zu: „He, Nordmann! Ich könnte hier etwas Hilfe gebrauchen!“ Dass sie bei diesem Satz herumwirbelte und einen weiteren Sachsen niederstreckte strafte ihn geradezu lügen aber er löste Eivor aus seiner Starre. Er riss sein eigenes Schwert aus der Scheide und stürzte auf die überraschten Sachsen zu.
Kurz darauf lagen diese alle, inklusive ihres Hauptmanns tot am Boden. „Danke“, sagte die Unbekannte und Eivor hatte endlich Gelegenheit, ihr Gesicht genauer zu betrachten. Sie schenkte ihm ein freundliches Lächeln und in der Tat machte sie den Eindruck einer freundlichen und aufgeschlossenen Person. Die Tönung ihrer Haut war allerdings merkwürdig. Dunkler als die eines üblichen Einwohners Britanniens, geschweige denn die eines Nordmannes. Diese Frau war definitiv keine Einheimische. Vermutlich kam sie von irgendwoher weit im Süden, aus den Ländern an jenem Meer das die Christen aus irgendeinem Grund das Mittlere nannten.
„Nichts zu danken“, erwiderte Eivor abwesend. Immer noch starrte er die Unbekannte fasziniert an. So fremd sah sie aus und eine Kämpferin wie sie würde er wohl kein zweites Mal finden. Würde sie nicht so völlig unnordisch aussehen, er hätte keinen Zweifel daran gehabt, einer Walküre gegenüber zu stehen. Einer der göttlichen Schildmaiden Odins.
Ein Krächzen ließ ihn wieder geistesgegenwärtig werden. Alfdis kam herab geflogen, ließ sich auf einer der Leichen nieder und begann damit, dem Toten das Auge auszupicken.
„Lass das!“, fuhr Eivor ihn an. Mit einem unwilligen „Kraah!“, gehorchte der Rabe und ließ sich stattdessen auf Eivors breiter Schulter nieder.
Der Vogel erweckte das Interesse der fremden Kriegerin. Sie blickte zwischen ihm und seinem menschlichen Gefährten hin und her und fragte schließlich: „Dann seid Ihr Eivor, der Führer dieser Nordmänner?“
„Der bin ich“, antwortete Eivor überrascht. „Wer seid Ihr und woher kennt Ihr mich?“
„Mein Name ist Kassandra“, erwiderte die Fremde. „Mir sind mehrere Geschichten über einen Wikinger zu Ohren gekommen der von Odin mit einem seiner Boten gesegnet wurde. Ich bin ihnen nachgegangen und habe so von Euch gehört. Ich habe nach Euch gesucht, um genau zu sein.“
„Nach mir? Wieso das?“ Eivor war verwirrt.
„Das ist eine lange Geschichte, die zu erzählen die Zeit wohl nicht reicht“, entgegnete sie. „Ihr wollt hier im Süden von Britannien siedeln, ist das richtig?“
„Das ist richtig. Mein Clan hat an der Südküste eine Siedlung gegründet, gegen den Widerstand der sächsischen Herrschaften. Wir hätten friedlich gesiedelt, hätte man es uns gestattet. Aber das hat man nicht, und mein Clan war verzweifelt, daher…“
„Daher habt Ihr entschieden, um Euer Recht zu kämpfen, wie es die Art Eures Volkes ist“, unterbrach ihn Kassandra lächelnd. „Auch da wo ich aufgewachsen bin wurden Tapferkeit und Kampfesmut über alle Maßen geschätzt. Ihr kämpft jedoch einen aussichtslosen Kampf. Alfred von Wessex wird von Tag zu Tag mächtiger, schmiedet geschickte Allianzen, gewinnt immer mehr Verbündete und Vasallen. Wenn er so weitermacht wird er sein Ziel, Bryttenwalda* zu werden bald erreichen und dann wird für Euer Volk hier kein Platz mehr sein. Und für kein anderes, wenn es sich nicht in die Reihen Alfreds Untertanen einreihen will.“
„So seid Ihr eine Feindin Alfreds?“, fragte Eivor.
„Ja und nein“, antworte sie kryptisch. „Ich bin weniger ein Feind Alfreds selbst, als von jenen Männern, die ihn umschwirren. Alfred tut nur, was Könige immer getan haben und auch immer tun werden: Ihr Reich zu erweitern. Würde ich jeden König bekämpfen der ähnliche Ambitionen hat, ich käme zu nichts anderem mehr. Nein, Alfred ist nicht das Problem. Nicht meines und nicht Eures. Das Problem sind die Männer an seinem Hof. Es sind Intriganten darunter, die ein weit verzweigtes Netzwerk gesponnen haben. Nicht nur in Wessex sondern in ganz Britannien. An sämtlichen Herrscherhöfen haben sie ihre Leute und alle arbeiten sie auf dasselbe Ziel hin: Alfreds Ambitionen zu unterstüzten, ihn zum Bryttenwalda zu machen, ganz Britannien unter seiner Herrschaft und der seines Hauses zu vereinen. Was Alfred nicht weiß, ist dass er nur eine Marionette sein würde. Sicher er wäre der prächtige und umjubelte Herrscher aller Angeln und Sachsen aber die Macht hätten andere. Eine kleine Gruppe von Menschen, für die Alfred nur ein Werkzeug ist.“
„Was meint Ihr? Wen meint ihr?“, wollte Eivor nun wissen.
„Eine Gruppe von Verschwörern die auf ein Ziel hinarbeitet: ein vereinigtes Britannien. Vereinigt durch den christlichen Glauben und einen von ihnen bestimmten König. Ein Gott, ein Reich, ein König. Einfachheit. Absolute Ordnung. Sie sind der Meinung, dass nur so wahrer Frieden hergestellt werden kann. Ein edles Ziel, aber sie begreifen nicht, dass der Weg wie sie es erreichen wollen dem Land alles rauben würde, was es lebenswert macht. Die Völkerschaften und Kulturen würden unterdrückt, könnten sich nicht mehr entwickeln und swürden chließlich verkümmern. Es gibt keine Ordnung ohne Chaos. Ihr Wikinger wisst das. Eure Lebensweise erscheint vielen deshalb chaotisch. Eben deshalb seid ihr ein Gewinn für dieses Land. Eben deshalb begrüße ich es, dass ihr hier siedelt. Und es demselben Grund hassen sie es. Hassen sie euch. Ihr fügt euch nicht in ihre Ordnung ein. Ihre Ordnung wurde im Zeichen des Kreuzes errichtet. Dieser Glaube ist der Kitt mit dem sie alles zusammenhalten wollen. Bei euch greift er nicht. Ihr habt eigene Götter und werdet euch nicht ihrem einzigen unterwerfen. Auch das finde ich gut. Mir selbst ist immer noch rätselhaft wie man sich die Vielfalt und die zahlreichen Wunder dieser Welt anschauen und dabei nur an einen Gott glauben kann. Doch diese Männer glauben nicht daran. Sie mögen christliche Predigten zitieren, sich in Mönchskutten kleiden und Kreuze tragen, doch wenn sie überhaupt zu etwas beten, dann zu einer Entität, die sie den Vater des Verstehens nennen. Die christliche Kirche ist für sie nur ein Werkzeug der Kontrolle. Wie dem auch sei: Sie haben einen Rahmen für ihren Frieden geschaffen, aus dem ihr Nordmänner fallt. Das bedroht ihre Pläne und macht euch zur Hoffnung für ganz Britannien.“
„Hoffnung für ganz Britannien?“, wiederholte Eivor entgeistert. „Wie meint Ihr das. Was erwartet Ihr von uns? Oder von mir?“
„Dass Ihr und Euer Clan das Kräfteverhältnis ändert“, erwiderte sie und erklärte dann: „Fast alle Angeln und Sachsen beugen das Knie vor Alfred. Sein letzter wirklicher Gegner ist König Guthrum von Danelag*. Es ist ebenfalls nicht christlich. Es zu zerschlagen ist die letzte Herausforderung für Alfred und seine Puppenspieler. Verhindert, dass ihm das gelingt. Was Euch persönlich angeht: Tut was Ihr ohnehin vorhattet: Kämpft für Euren Clan und untergrabt dabei Alfreds Autorität. Haltet dann die Augen auf, bis sich unsere wahren Feinde aus der Deckung wagen. Dann schaltet sie aus. Und wenn ihr könnt. Helft König Guthrum. Sicher hat der Feind auch an seinem Hof seine Leute die sein Reich schwächen und auf die Annexion vorbereiten wollen. Legt ihnen das Handwerk und sorgt dafür, dass Danelag den Armenn von Wessex standhält, bis Alfred bereit ist, mit Guthrum zu verhandeln. Wenn Ihr es geschickt anstellt, könnt Ihr selbst vielleicht dabei als Vermittler auftreten und so die Zukunft eures Clans sichern. So würde euer Clan gedeihen, Alfred würde den Titel des Brytenwalda erhalten, aber Danelag bliebe unabhängig und Britannien vielfältig und frei. Alle gewinnen, wie ein alter Freund von mir immer zu sagen pflegte.“ Sie lächelte und es wirkte ein wenig wehmütig.
„Aber wer ist dieser Feind, von dem Ihr sprecht? Ihr nennt sie eine Gruppe, aber haben sie einen Namen?“
„Sie sind uralt und wechseln ihren Namen regelmäßig, wie eine Schlange, die sich häutet. Ich bekämpfe sie fast mein ganzes Leben lang. Sie sind alte Feinde meiner Familie und haben sie lange gejagt. Kult des Kosmos, Orden der Ältesten, die Erleuchteten viele Namen, aber dasselbe Ziel: Ein Reich der absoluten Ordnung zu schaffen, aus dem sie das erschaffen können, was sie in ihrer Verblendung für Utopia halten.“
„Wofür?“, fragte der Wikinger dazwischen.
„Utopia. Das ist eine altrömische Bezeichnung für das perfekte Reich, den perfekten Staat, in dem alle in Frieden und Harmonie zusammenleben.“, erklärte sie. „Das Paradies auf Erden. Doch was diese Männer für das Paradies halten, das sie erschaffen wollen, wäre nicht mehr als ein goldener Käfig. Sie haben es mehrmals bereits versucht. Die letzte Marionette mit der sie fast Erfolg gehabt hätten, war der Frankenkönig Karl, inzwischen Karolus Magnus, Karl der Große genannt. Sie haben ihm zur Macht verholfen und ihn ein Riesenreich erobern lassen. Doch im Alter hat er, zugegeben mit etwas Hilfe, erkannt, dass er nur ein vor einen Karren gespanntes Zugpferd ist und hat sein Reich von innen her reformiert, und nicht nur Ordnung sondern auch Bildung und den Austausch von Wissen und Kultur gefördert. Jener Vielfalt die man feiern sollte und die unsere Feinde fürchten. Ihr Plan war somit erneut gescheitert und sie ließen das Frankenreich fallen. Deshalb ist es nun frei von ihrem Einfluss, denn sie hätten nie zugelassen dass es sich einfach in zwei Reiche aufspaltet wie vor einigen Jahren geschehen. Nun versuchen sie es hier, in Britannien erneut, mit Alfred als Zugpferd vor ihrem Karren. Euer Volk würde sich dem ziemlich sicher widersetzen und dafür ausgelöscht werden. Die Angeln und Sachsen würden sich beugen und dann unter der Tyrannei schmachten.“
„Warum erzählt Ihr das ausgerechnet mir. Warum traut Ihr ausgerechnet mir zu, das zu verhindern?“, wollte Eivor wissen.
„Nun zum einen, deswegen“, sagte Kassandra und deute auf den Raben auf seiner Schulter. „Die Leute sagen, Ihr seid von den Göttern gesegnet und ich denke sie haben Recht. Ich hoffe nur, es wird für Euch immer ein Segen bleiben. Ich habe gelernt dass Segen und Fluch oft zwei Seiten einer Münze sind. Ich war auch einmal mit einem gefiederten Gefährten gesegnet. Ein Adler. Er hieß Ikarus. Es ist sehr lange her, dass er von mir ging aber er fehlt mir immer noch.“
„Und konntet Ihr auch durch seine Augen sehen“, fragte Eivor neugierig.
„Ja, das konnte ich“, antwortete sie lächelnd. „Dass Ihr es auch könnt bestätigt meine Vermutung. Ihr seid ähnlich gesegnet, wie ich es war. Das wird wichtig sein, um unsere Feinde ihrer Werkzeuge zu berauben. Sie bedienen sich gerne der Macht von uralten Artefakten, älter als Ihr es für möglich halten würdet. Doch über diese Artefakte wird Euch zweifellos jemand anderes ins Bild setzen, wenn die Zeit gekommen ist, so wie es auch bei mir der Fall war. Des Weiteren hörte ich viel Gutes über Euch. Ihr seid tapfer aber nicht blutrünstig wie es viele Anführer Eures Volkes inzwischen geworden sind. Ihr bekämpft die Sachsen zwar, aber respektiert sie. Ihr respektiert andere Lebensweisen und Glaubensvorstellungen. Das ist eine entscheidende Tugend. Ich hoffe, dass Ihr sie nie verliert.“
Eivor nickte nur. Im fehlten die Worte.
„Das ist alles sehr viel auf einmal ich weiß. Mit der Zeit werdet Ihr es verstehen. Kümmert Euch weiterhin um Euren Clan. Versprecht mir nur, dass was ich Euch anvertraut habe, im Hinterkopf zu behalten und Eure Augen und Ohren offen zu halten. Könnt Ihr das für mich tun.“
Eivor nickt erneut. „Darauf habt Ihr mein Wort, Kassandra“, sagte er.
Sie lächelte ihn breit an. „Sehr gut. Dann gibt es da noch etwas, das ich für Euch habe. Etwas das Euch vielleicht nützlich sein dürfte. Sie wühlte in den Satteltaschen ihres toten Pferdes und holte eine Armschiene hervor. Sie legte sie sich selbst um und vollführte eine Geste mit der Hand, worauf über dem Handgelenk plötzlich eine kleine Klinge aus der Armschiene hervorschnellte. Eivor betrachtete dieses Meisterwerk fasziniert, während Kassandra es von ihrem Arm löste und es dem Wikinger reichte. „Diese Waffe wurde dafür gebaut, Tyrannen zu Fall zu bringen. Vielleicht wird sie das an Eurem Arm wieder tun.“
Dankbar nahm der Nordmann das Meisterstück entgegen. „Ein außergewöhnliches Werkzeug. Wo habt Ihr es her?“, fragte er.
„Es gehörte dem Vater meines Gatten“, antwortete sie. „Und später wohl meinem Sohn. Aber beide sind inzwischen ebenfalls lange fort.“ In den Augen der Kriegerin lag ein trauriger Glanz. Eivor war verwirrt. Die Frau konnte allerhöchstens dreißig Winter gesehen haben. Aber er sie hatte bereits ihren eigenen Sohn überlebt. Entweder war ihr Sohn schon als Kind gestorben, oder sie war älter als sie aussah.
„Ich sehe, es überrascht Euch, dass ich bereits Mutter war“, sagte sie. „Ich war es auch nur sehr kurz. Ich konnte meinen Elpidios nicht aufwachsen sehen, zu seinem eigenen Schutz. Ich sagte Euch bereits, dass meine Familie jenen Leuten die nun Britannien unterjochen wollen schon lange ein Dorn im Auge ist. Sie haben nie aufgehört mich zu jagen. Auch nicht als ich dachte, vor ihnen sicher zu sein. Sie töteten Elpidios’ Vater. Da wusste ich dass er nie sicher sein würde wenn er bei mir blieb. Ich übergab ihn seinem Großvater, um ihn weit weg zu bringen irgendwohin, wo er in Sicherheit aufwachsen konnte. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber diese Klinge fand eines Tages wieder ihren Weg zu mir. Ich habe sie behalten aber nie eingesetzt. Sie ist nicht meine Waffe. Aber sie soll Eure sein, in der Hoffnung dass Ihr auch das Erbe meiner Familie weiter tragt und an unseren Feinden Rache nehmt.“
„Das werde ich“, sagte Eivor, während er sich die Armschiene anlegte, gerührt von Kassandras Offenbarung. Was musste diese Frau alles durchgemacht haben.
„Das freut mich“, sagte Kassandra.
Eivor besah sich die Handwerkskunst und da fiel ihm ein Symbol auf, das in das Metall eingraviert war. „Hat dieses Symbol eine Bedeutung?“, fragte er.
„Ja das hat es“, antwortete Kassandra. „Es ist das Symbol einer Bruderschaft die sich den Kampf gegen Tyrannei und Unterjochung auf die Fahnen geschrieben hat. Die dem Schutz der einfachen Menschen ihr Leben widmen. Sie nennen sich selbst „die Verborgenen“. Ihr werdet wohl nie von ihnen gehört haben. Ihre Heimat liegt weit im Süden, in den heißen, exotischen Ländern, die die Gelehrten der Christen den Orient nennen. Vielleicht wird eines Tages einer von ihnen ihre Sache nach Britannien tragen und die Bruderschaft sich auch hier verbreiten. Bis dahin seid ihr der Träger dieses Symbols der Freiheit.“
„Es ist mir eine Ehre“, sagte Eivor. „Auch ich kämpfe gegen Tyrannei und für die einfachen Menschen. Heute für die einfachen Leute meines Clans und vielleicht eines Tages für alle in ganz Britannien.“
„Das freut und erleichtert mich zu hören. Ich wünsche Euch viel Glück und den stetigen Segen Eurer Götter, Eivor. Doch ich muss nun weiter. Ich habe meine eigene Aufgabe und sie fordert nun wieder meine Aufmerksamkeit. Lebt wohl.“
„Lebt wohl, Kassandra. An welche Götter auch immer Ihr glaubt, ich bete dass sie Euch nie im Stich lassen.“
„Danke. Ich hoffe sehr, Ihr und Euer Clan findet hier eure ersehnte Heimat.  Es ist gut einen Ort zu haben, an den man gehört, den man Zuhause nennen kann. Haltet Euch daran fest und genießt es, wann immer Ihr könnt“, sagte Kassandra lächelnd, auch wenn ihre Stimme am Ende etwas bitter klang. Sie lud ihre Satteltaschen um auf eines der herumlaufenden Pferde, sprang in den Sattel und preschte davon.
Eivor sah ihr nachdenklich nach, als er merkte dass Thorstein neben ihn getreten war.
„Wer war das?“, fragte der Hüne.
„Das ist eine gute Frage, mein Freund“, sagte Eivor versonnen. „Wenn ich diese Frau mit einem Wort beschreiben müsste, dann gibt es nur eines, das dafür in Frage kommt.“ Er lächelte „Eine Walküre.“
Verwundert und verblüfft sah Thorstein seinen Clanführer an.
„Es ist so“, sagte Eivor, fast lachend. „Wenn das keine von Odins Botinnen war, dann ist sie ihnen auf jeden Fall so ähnlich, wie es ein Mensch nur werden kann.“
„Und, hat sie dir auch eine Nachricht vom Allvater überbracht?“, fragte sein Freund, mehr im Scherz.
„Ja, ich denke das kann man so sagen“, antwortete Eivor und betrachtete erneut die verborgene Klinge an seinem Arm.
Erneut sah in Thorstein nur verwundert an, dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Wie auch immer. Wir haben alles mitgenommen was wertvoll oder brauchbar war und es aufs Schiff geladen und die Toten für die Reise in die Valhalla vorbereitet.“
„Sehr gut. Zündet den Scheiterhaufen an und dann weg hier, bevor noch mehr Sachsen hier auftauchen.“
„Welcher Kurs?“, fragte Thorstein.
„Zunächst zurück nach Hause. Unsere Leute warten auf uns und wir haben noch viel zu tun.“
Erneut war Thorstein sichtlich verwundert doch er fragte nicht weiter, sondern eilte los, um den anderen die Befehle des Clanführers zu überbringen.
Kurze Zeit später waren die Wikinger wieder an Bord ihres Langbootes und segelten stromabwärts, in Richtung ihrer neuen Heimstatt. Da Strömung und günstiger Wind sie schnell voran brachten, verzichteten sie auf das rudern.
Eivor stand erneut am Bug und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen. Seine Gedanken kreisten um diese seltsame Begegnung mit der rätselhaften Kassandra. Etwas an ihr war anders, als bei allen anderen Leuten die er je getroffen hatte. Und obwohl sie eine völlig Fremde war, und all das, was sie ihm enthüllt hatte, so unglaublich klang, fühlte er irgendwie eine Verbundenheit mit ihr und er konnte nicht anders, als ihr zu vertrauen.
Wenn sie die Wahrheit gesagt hatte, dann standen ihm und seinem Clan noch viele schwere Prüfungen und Kämpfe bevor, ehe sie hier das friedvolle glückliche Leben führen konnten, das sie sich erhofften. Aber diese Kämpfe hatten eine ganz neue Bedeutung erlangt. Und er selbst Eivor, hatte ein ganz neues Ziel erhalten. Er kämpfte nun nicht mehr gegen die Sachsen für seinen Klan, sondern gegen eine uralte Gruppierung und für ganz Britannien. Er kämpfte nun für die Freiheit. Das Symbol auf seinem Arm legte davon Zeugnis ab.
Eivor betrachtete seine große Axt. Sie war seine eigentliche Waffe, und würde das vermutlich bleiben. Es kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht angemessen war, wenn auch diese seine Hauptwaffe dieses Zeichen trug. Vielleicht sollte er es in das ohnehin noch schmucklose Blatt seiner Axt eingravieren lassen, auf das jeder sehen konnte, wofür er kämpfte. Genauer betrachtet sah der obere Teil des Symbols auch aus wie zwei Äxte deren Stiele sich oben trafen. Ja, dieser Gedanke war sehr reizvoll. So wie auch der, ein Freiheitskämpfer zu sein. Ein Wikinger der für die Freiheit aller Bewohner Britanniens kämpfte. Der ultimative Beweis, dass auch sein Volk einen Beitrag leisten konnte, dass auch für sein Volk hier ein Platz war. Der Weg würde lang und hart werden, das wusste Eivor und er hatte gerade erst begonnen. Aber er und sein Clan, daran hatte er keinene Zweifel, würden sich allen Herausforderungen stellen, mit Mut und Ehre, wie es die Art der Nordmänner. Und mit Mut und Ehre würden sie sie bestehen, was es auch kosten möge. Und sollte es für ihn, oder einige seiner Leute den Tod bedeuten, so würde der Kampf für diese edle Sache ihnen zumindest einen Weg bereiten. Den Weg, den jeder ehrbare Wikinger sein Leben lang suchte: den Weg an dessen Ende die ultimative Belohnung wartete: Ein Platz an Odins Tafel. Der Weg in die Valhalla.



Kleines Fachbegriffslexikon:

Vanir/Vanen: Nordisches Göttergeschlecht: Hautptsächlich Fruchtbarkeits- und Naturgötter
Aesir/ Asen : Das andere und überlegene nordische Göttergeschlecht. Hauptsächlich Kriegsgötter. Die wichtigsten Götter der Wikinger, wie Odin, Thor, Loki, Freya und Baldr stammen aus dem Geschlecht der Aesir
Bryttenwalda: Altenglischer Titel für den Herrscher von ganz Britannien (was zu jener Zeit allerdings hauptsächlich die Länder des heutigen England bezeichnet)
Danelag: Ein von dänischen Wikingern um das Jahr 870 gegründetes Königreich, im Südosten des heutigen England
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