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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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27.06.2020 3.604
 
Shamukh liebe Leser,

an dieser Stelle möchte ich euch meinen Dank für Klicks, Favoriten-Einträge und Empfehlungen aussprechen.  Ich hatte nicht erwartet, dass einem Raben so viel Aufmerksamkeit geschenkt werden würde und freue mich daher umso mehr, dass mein Ausgleich zum Alltag (der momentan aus einer Bachelor-Arbeit und den üblichen Tücken besteht) so viel Anklang zu finden scheint.

Besonderer Dank gilt meinen fleißigen Review-Schreiberinnen fairness52 und luise schwarzleser (die trotz ihres Namens keineswegs eine Schwarzleserin ist ;) ), auf deren Meinungen ich mich jedes Mal freue.
All die anderen, die die Reise unserer Zwerge und ihrer Begleiter so aufmerksam verfolgen, lade ich hiermit herzlich dazu ein, mir ebenfalls mitzuteilen, was gefällt und was nicht. Ideen und Vermutungen über den weiteren Verlauf sind immer eine Überlegung wert, manch eine findet ihr vielleicht tatsächlich in der Geschichte wieder.

Ich wünsche euch weiterhin viel Spaß und größtes Vergnügen, bleibt gesund und munter!

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Kapitel 9

Ein leises Wimmern entkam meinen Lippen, als ich zu mir kam. Alles fühlte sich seltsam dumpf an, als würde ich mich durch ein Meer von klebrigem, zähflüssigem Honig kämpfen. Geräusche drangen wie von weit entfernt an mein Ohr, wurden jedoch von dem Rauschen darin übertönt. Mühsam blinzelte ich und versuchte etwas zu erkennen, das über blendendes Licht hinausging. Mein Blick fokussierte sich langsam, doch ich rührte mich nicht. Nur meine Augen wanderten langsam und müde von den Knien in meinem Blickfeld hoch zum Gesicht. Thorin saß neben mir, musterte mich besorgt und beugte sich nun zu mir hinunter.
„Amrâlimê“, sprach er mich mit zitternder Stimme an, „hörst du mich?“
„Hmm“, brummte ich heiser und schluckte. Meine Kehle war trocken wie der Sommerwind über einem Feld, das lange keinen Regen gesehen hatte.
„Wie fühlst du dich?“
„Was ist passiert“, fragte ich zurück, räusperte mich und versuchte mich aufzusetzen. Thorin sprang auf, umfasste mein Oberarm und zog mich in eine aufrechtere Position, schüttelte das Kissen etwas auf und ließ mich langsam dagegen sinken. Er musterte mich aufmerksam ehe er die Karaffe auf dem Nachttisch neben mir ergriff, einen Becher mit Wasser füllte und ihn mir langsam an die Lippen setzte, die andere Hand in meinem Nacken, um meinen Kopf zu stützen, der sich gerade viel zu schwer anfühlte.
„Danke“, brachte ich nach ein paar Schlucken hervor und schob schwach seine Hand weg.
„Wie geht es dir“, fragte Thorin erneut nach meinem Befinden, „du bist plötzlich neben mir zusammengebrochen, schweißgebadet und schneeweiß im Gesicht. Was ist passiert?“
„Ich weiß nicht“, gab ich nachdenklich zurück. „Ich habe…Bilder gesehen. Sie schienen so real. Es war, als würde ich durch die Augen jemand anderes sehen, und doch habe ich das Glück und die Angst gespürt, als wären es meine eigenen Gefühle.“
„Du hast Bilder gesehen? Du meinst, du erinnerst dich“, fragte er hoffnungsvoll.
„Ich weiß es nicht“, wiederholte ich und starrte auf einen Punkt auf der Bettdecke, die über mir lag. Ich hatte keine Ahnung, wie ich hierhergekommen war, und es interessierte mich im Augenblick auch nicht. In meinem Kopf schwirrten ganz andere Fragen.

„Die Schmiedin, von der du mir erzählt hast…du meintest, ich sehe ihr ähnlich…“
„Dass du ihr ähnlich siehst, wäre untertrieben“, warf Thorin ein. Ich ignorierte das.
„Du hast sie geliebt. Ich meine, wirklich geliebt. Ihr wart noch viel zu jung und trotzdem konntest du nicht warten, sie zur Frau zu nehmen. Ich glaube, ich will lieber nicht wissen, wie du Balin dazu überreden konntest, euch auf dieser Lichtung zu trauen. Der Ring…ein Rabe aus Gold, die Schwingen schlossen sich um ihren Finger und in seinen Körper war ein Saphir eingefasst. Er war –“
„Woher weißt du das“, unterbrach Thorin mich, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Ich sah ihn an, er war blasser geworden, in seinen Augen spiegelten sich seine Gefühle. Ungläubigkeit, Misstrauen, Schmerz, Sehnsucht und schließlich Erkenntnis.
„Ich habe es gesehen“, wiederholte ich als würde das alles erklären. „Die Lichtung im Mondlicht, das unfassbare Glück, das in deinen Augen lag…und der Schmerz und die Verzweiflung, als sie die Treppe zum Nebentor hinaufrannte und zwischen den anderen Zwergen eingepfercht nicht hinauskonnte. Balin, der hinter dir hereilte. Du hast ihren Namen gerufen, als das Feuer sie verschluckte.“
„Diȃ“, hauchte Thorin und wandte den Blick ab als er zitternd Luft holte.
„Sie ist also der Grund für deine Alpträume. Die Erinnerung an ihren Tod, der Verlust deiner Frau, von der außer Balin niemand wusste. Warum hast du nie ein Wort darüber verloren?“
„Wie hätte ich je darüber sprechen können? Es schmerzt heute noch genauso wie damals. Ich habe sie im Stich gelassen, sie ihrem Schicksal überlassen, sie –“
„Du konntest ihr nicht helfen“, unterbrach ich ihn, „hör auf, dir Vorwürfe zu machen.“
„Das kann ich nicht. Es wird mich nie zur Ruhe kommen lassen, verstehst du das nicht? Ja, wir waren jung…viel zu jung, um an Heirat und eine gemeinsame Zukunft zu denken. Und doch taten wir es. Balin habe ich zur Verschwiegenheit verpflichtet, er hat sich natürlich dagegen gesträubt. Aber ich redete weiter auf ihn ein, bis er schließlich nachgab. Als er uns zusammen sah… Er meinte einmal, er hätte mich nie so glücklich und gelöst erlebt wie in dieser Nacht. Ich hätte stets diesen gewissen Gesichtsausdruck, wenn ich dich gesehen oder an dich gedacht hatte.“
„Mich? Ich bin nicht sie“, versuchte ich Thorin erneut zu verstehen zu geben.
„Das denke ich schon. Du bist ihr Ebenbild, sprichst wie sie und nun scheinen auch deine Erinnerungen zurückzukehren. Ich weiß nicht, welche Zauber hier wirkt, aber du bist es.“
„Ich bin ein Rabe“, brachte ich mit brüchiger Stimme heraus. Warum verstand er nicht? Warum hörte er nicht zu? Warum hatte er mich zu diesem Dasein verdammt?

„Nein“, gab Thorin ruhig zurück und lächelte mich an. Es war ein ehrliches Lächeln, doch keines, das mir gefiel. Er wirkte abwesend, trunken vor Glück und noch etwas anderem, das ich nicht gleich benennen konnte, doch es beunruhigte mich und machte mir Angst.
„Diȃ“, sprach er mich an, stand auf und setzte sich zu mir aufs Bett, „Amrâlimê –“
„Nenn mich nicht so“, bat ich ihn als ich abwehrend meine Hände hob, nach denen er gegriffen hatte, und jeden Muskel anspannte. Ich wich seinem Blick aus, spürte wie der seine auf mir lag ehe er die Hände zurückzog.
„Warum weichst du mir aus? Was habe ich dir getan?“
„Was du –? Ich habe diesen Körper! Du hast versucht, mich in einem Brunnen zu ertränken! Von einem Atemzug zum nächsten war ich kein Rabe mehr, sondern…das“, begehrte ich auf und machte beim letzten Wort eine Geste, die meinem ganzen elenden Dasein galt.
„Ich weiß nicht einmal, wer oder was ich bin, Thorin. Ich kann mich nicht einmal selbständig fortbewegen ohne Gefahr zu laufen, zu stürzen und mich zu verletzen. Ich bin mir selbst fremd, diese Bilder verwirren mich obendrein und deiner Fürsorge und offensichtlichen Zuneigung zum Trotz weiß ich nicht, wie ich mit all dem umgehen soll. Ich habe wahnsinnige Angst, mich zu verlieren und nicht mehr zu wissen, wer ich bin und wo ich hingehöre.“
Hatte sich meine Stimme zuerst schrill überschlagen, als die Angst aus mir sprach, endete mein Ausbruch leise und von Müdigkeit geprägt. Ich zuckte kurz zusammen als Thorin seine Hand auf meine legte, seine Finger darum schloss und sie sanft drückte, doch ich entzog sie ihm nicht. Stattdessen sah ich ihn verzweifelt an und versuchte, die Tränen wegzublinzeln als sich unsere Blicke trafen und ich die Zerrissenheit in seinen Augen sah. Er seufzte, schüttelte leicht den Kopf und zog in einer Geste der Hilflosigkeit die Schultern hoch. Kurz darauf fand ich mich schluchzend in seinen Armen wieder.
„Verzeih mir“, bat er mit belegter Stimme, strich mir über den Kopf und vergrub die Finger in meinem Haar als er mir einen Kuss auf den Scheitel drückte. „Verzeih mir.“

Ich sah auf als es an der Tür klopfte und Thorin mich (merklich widerwillig) losließ. Kurz darauf schwang die Tür auf und unser Gastgeber stand im Raum, kam langsam näher und musterte mich mit einem freundlichen Lächeln.
„Wie fühlt Ihr Euch“, fragte er, ohne Thorin zu beachten. Dieser bedachte den Elb nur mit dem üblichen finsteren Blick, sagte jedoch nichts oder machte auf sich aufmerksam.
„Ich wünschte, ich hätte wirklich passende Worte dafür“, antwortete ich dem Elbenfürsten. „Ich bin müde, schrecklich verwirrt…ich weiß nicht, was mit mir passiert ist. Oder wer ich bin. Ich habe diese Bilder gesehen“, begann ich, doch beendete den Gedanken nicht.
„Woran erinnert Ihr Euch?“ Elrond hatte nun die Stirn in Falten gezogen, die Furchen vertieften sich noch während ich von dem erzählte, was mir als so real erschienen war. Ich warf immer wieder Blicke zu Thorin, der mich stumm anstarrte und schließlich gequält die Augen schloss als ich vom Drachenfeuer und der Flucht aus dem Berg berichtete.
„Der Brunnen, in den Ihr getaucht wurdet“, begann Elrond, ohne näher auf meine Worte einzugehen, und warf Thorin einen missbilligenden Blick zu. „Er hat schon viele Geheimnisse offenbart und Zauber abgewaschen. Als ich Euch das erste Mal sah, war ich überrascht, einen Raben aus Carcs Volk zu erblicken. Doch als ich Eure Gedanken hörte und Ihr Thorin anspracht, vermutete ich noch etwas anderes. Es ist kein Geheimnis, dass die Elben naturliebend sind und mit allerlei Tieren freundschaftliche Bande eingehen, mit ihnen kommunizieren und sie um Gefallen bitten. Unsere Pferde tragen uns nicht, weil wir sie wie die Menschen dazu gezwungen und ausgebildet haben. Sie tragen uns, weil sie ein auf Freundschaft beruhendes Bündnis mit uns eingegangen sind. So verwunderte es mich nicht, dass ich Euren Hilferuf klar und deutlich hören konnte.“

Er legte den Kopf ein wenig schief und sah mich nachdenklich an ehe er sich Thorin zuwandte. Dieser sah den Elb nur abwartend an, gerade freundlich genug, um höfliche Distanzierung nicht in offene Abneigung umschwenken zu lassen.
„Doch als Ihr auf ihren Ausruf derart erschrocken und irritiert reagiert habt und die Farbe aus Eurem Gesicht wich“, sinnierte Elrond, den Blick auf Thorin gerichtet. „Nun, ich habe von einem heute beinah vergessenen Zauber aus einem viel früheren Zeitalter gehört. Selbst damals war er wenig bekannt und ich frage mich wirklich, wie Ihr sie damit belegen konntet.“
„Was“, fragte Thorin empört, wenn auch nicht sonderlich geistreich.
„Beantwortet mir eine Frage oder zwei“, bat Elrond, ohne Thorins Ausruf weitere Beachtung zu schenken. Er fixierte ihn stattdessen mit einem unergründlichen Blick, als würde die Antwort auf seine ungestellten Fragen in den Tiefen der blauen Augen des Zwergenkönigs liegen und ihm sämtliche weiteren Nachforschungen ersparen.
„Nun, dann stellt Eure Fragen“, brummte Thorin und beendete das Schweigen.
„Der Ring, mit dessen Herstellung Ihr sie beauftragt habt, wie sah er aus?“
Ich blinzelte Elrond fragend an, sah von ihm zu Thorin (der ebenso überrascht darüber schien, welche Bewandtnis ein Schmuckstück bei all dem haben sollte) und zurück.
„Er war aus Gold. Mit einem Saphir“, gab Thorin Auskunft. „Ein goldener Rabe, dessen Schwingen den Ring bildeten, mit einem Saphir auf dessen Körper eingefasst.“
„Was geschah damit“, fragte Elrond weiter, offenbar höchst interessiert.
„Er – Es“, setzte Thorin an ehe er schluckte und den Blick senkte. Es fiel ihm sichtlich schwer darüber zu sprechen, noch dazu mit einem Elb. Ich drückte aufmunternd seine Hand als mir bewusst wurde, dass er die meine immer noch hielt. Sein Blick huschte zu mir.
„Er schenkte ihn der Schmiedin, es war ihr Ehering.“
„Der Ring als bindendes Versprechen“, bemerkte Elrond als wäre das des Rätsels Lösung, verzog jedoch keine Miene. „Ihr liebtet die Schmiedin?“
„Nein“, antwortete Thorin leise. Ich starrte ihn fragend an, ließ den Kopf allerdings kurz darauf hängen als mich eine Flut unangenehmer Gefühle überkam: Scham über die eigene Dummheit, der Verrat seiner und meiner Gefühle, Trauer und Wut über seine Unaufrichtigkeit und der Schmerz in der Brust, wenn das eigene Herz zerbrach. Ich stutzte plötzlich, denn…konnte ein Rabe all das fühlen? Für einen Zwerg, der –
„Ich liebe sie noch immer genauso wie damals. Ich hätte ihr jeden Wunsch erfüllt, wäre jedem Traum nachgejagt, den sie mir verraten hat und hätte alles für sie aufgegeben, wenn sie es verlangt hätte. Ich wäre mit ihr fortgegangen, hätte auf die Krone verzichtet und –“
„Das hätte sie nie verlangt“, unterbrach ich ihn leise und hob den Kopf als ich seinen Blick auf mir spürte. Kurz darauf sah ich in mir nur allzu vertraute blaue Augen und schluckte als mir das Herz bis zum Hals schlug und mir warm wurde. Was war das nun wieder für eine Eigenart dieses Körpers, dass jede Faser darin zu Thorin drängte?
„Nein, hätte sie nicht“, stimmte Thorin mir zu, ein leises Lächeln auf den Lippen. Einen Moment sahen wir uns schweigend an, versunken in den Augen des anderen.

„Welches Versprechen gabt Ihr einander, als ihr den Bund der Ehe eingegangen seid,“ holte Elrond uns zurück in die Gegenwart und ich wandte verlegen den Blick von Thorin ab.
„Solltet Ihr so etwas nicht wissen“, stichelte Thorin, doch Elrond ging nicht darauf ein.
„Tatsächlich nichts Außergewöhnliches“, gab ich leise Antwort und versuchte angestrengt mich an das zu erinnern, das ich gesehen hatte. „Jedenfalls glaube ich das.“
„Treue, ewige Liebe und Verbundenheit bis ans Ende eurer Tage“, mutmaßte Elrond und fuhr fort, als Thorin leicht nickte. „Worauf habt Ihr diesen Schwur geleistet?“
„Auf den Ring“, sagte Thorin schlicht, sah den Elb jedoch skeptisch an als dieser nur ein Hmm zur Antwort gab. „Was ist daran so ungewöhnlich? Was soll das alles bedeuten?“
„Wisst Ihr das nicht, Thorin Eichenschild? Als Zwerg sollte Euch die Bedeutung, die dem Saphir zugeschrieben wird, bekannt sein.“
Thorin zog die Stirn in Falten, sagte jedoch nichts und wartete auf die Erklärung des Elben.
„Der Saphir gilt nicht nur als überaus schöner und wertvoller Edelstein. Er ist als Stein der Treue, der Liebe und der Wahrheit bekannt. Manch einer sagt ihm sogar nach, er verleihe Unsterblichkeit. Und auf genau diesen Stein habt Ihr euer Eheversprechen abgelegt. Ein durchaus ehrliches und bis heute andauerndes, wie mir scheint.“
„Und das heißt...was genau“, frage ich, die aus den Ausführungen des Elben keineswegs schlauer wurde. Wenn möglich, verwirrte es mich tatsächlich nur noch mehr. Elrond wandte sich mir zu, erneut ein freundliches Lächeln im Gesicht.
„Es bedeutet, dass ihr euer Versprechen an einen Edelstein gebunden habt, der für all das steht, was ihr einander geben wolltet. Der Saphir ist ein mächtiger Stein, dieser besondere nun wohl sogar wertvoller als alle Schätze im Königreich Erebor zusammen.“
„Und was hat das damit zu tun, dass sie ein Rabe war und nun keiner mehr ist? Wie soll sie denn als Rabe gelebt haben und nun hier als die sitzen, die sie vorher war?“
„Der Saphir verleiht Unsterblichkeit“, begriff ich plötzlich und starrte Thorin an.
„Das ist Unfug“, befand er und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ist es das“, stellte Elrond seine Aussage in Frage.
„Ihr wollt mir wirklich weismachen, dass unser Eheversprechen sozusagen in einen Edelstein gemeißelt ist und uns deshalb Untersterblichkeit verleiht?“
„Nun, nicht ganz“, korrigierte der Elb, „denn Eure Gemahlin starb im Feuer. Ihre Seele hingegen gab einem Raben aus Carcs Volk das Leben. Diese Raben haben ohnehin eine ungewöhnlich lange Lebensspanne, sie wird also auch dieses Leben an eurer Seite bleiben.“
„Dieses Leben“, wagte ich kaum nachzufragen.
„Ihr wart es, die den Ring trug. Euer Leben ist mit Eurem Versprechen verbunden. Solange Thorin Eichenschild nicht der Tod ereilt, werdet Ihr an seine Seite zurückkehren. Als Rabe, wie die Fassung des Saphirs es vorgab.“

Ich starrte Elrond an, das konnte er schließlich kaum ernst meinen. Ich wartete, hoffte, betete regelrecht, dass er in Gelächter ausbrach. Doch er blieb ruhig stehen und wartete ab. Mein Blick glitt unsicher zu Thorin, der bereits seit einer Weile mit den Zähnen knirschte und offenbar in Gedanken versunken war. Ich sah schließlich auf meine Hände.
„Und das soll ich Euch glauben“, fragte Thorin gefährlich ruhig, sodass ich prompt mich erneut anspannte. Ich kannte diesen Tonfall nur allzu gut, er bedeutete nichts Gutes.
„Das liegt ganz bei Euch“, gab Elrond ruhig zurück. „Der Brunnen hat Euch lediglich die Wahrheit gezeigt, die hinter der Macht des Edelsteins lag. Er wird Euer Versprechen nicht aufheben, doch Ihr solltet es bei Euren Entscheidungen bedenken.“
Mit diesen Worten und einem kurzen respektvollen Nicken verschwand er zur Tür hinaus. Ich starrte noch eine unschätzbare Weile auf die Maserungen und eingeschnitzten Muster im Holz, unfähig auf das eben Erfahrene zu reagieren.

Ein tiefes Seufzen zu meiner Rechten ließ mich den Blick von der Tür nehmen und ihn auf Thorin richten, der sich übers Gesicht rieb und ungläubig den Kopf schüttelte.
„Ich bin“, versuchte ich zu begreifen und zusammen zu fassen, was ich eben gehört hatte und seufzte tief. „Ich bin eine Zwergin, deine…Gemahlin…unsterblich durch ein Versprechen auf einen Saphir und wiedergeboren als Rabe, weil der Ehering, den zu mir gabst und der  besagten Saphir einfasste, diese Form besaß. Unsere Gelübde und Gefühle sind an dieses Versprechen gebunden.“
„Das würde immerhin erklären, warum du auch als Rabe nicht von meiner Seite weichst und ich mir keine andere Frau an meiner Seite vorstellen kann oder je gewünscht habe. Du warst schließlich immer noch…irgendwie da…bei mir…“
„Und das werde ich, wenn man dem Ganzen Glauben schenken kann, auch weiterhin sein.“
„Hoffentlich finde ich die nächste Rabengestalt, in der du dich verbirgst, bevor es irgendeine streunende Katze tut,“ kehrte allmählich Thorins Humor zurück.
„Selbst wenn nicht, werde ich einen Weg zu dir finden.“
Ich beugte mich etwas vor, legte eine Hand auf seinen Arm und beobachtete, wie unsere Finger umeinander spielten ehe er sie miteinander verschränkte. Ich hob den Blick, um ihn anzusehen. Er hatte das Spiel unserer Hände ebenso verfolgt, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Als unsere Blicke sich trafen, schlug mein Herz mit aller Kraft gegen meine Rippen, als wollte es zerspringen. Ich konnte nicht verhindern, dass ich Thorins Lächeln erwiderte, und rührte mich nicht als er mit den Fingerspitzen über meine Wange strich. Plötzlich wich das Lächeln der Traurigkeit als ihn seine Selbstvorwürfe einholten.

„Als ich von der ewigen Liebe und dem Ende unserer Tage sprach, hatte ich mir nie vorstellen können, dass du dazu verdammt sein würdest, dieses Versprechen in Rabengestalt zu erfüllen. Verzeih mir, dass ich dich ins Unglück gestürzt habe.“
„Das hast du nicht“, versuchte ihn erneut zu überzeugen, „ich bin froh um jeden Moment, den ich so an deiner Seite verbringen darf und durfte. Um jeden Tag, der uns auf diese Weise geschenkt wurde. Jedes Abenteuer, jedwede Höhen und Tiefen, die wir gemeinsamen überstanden haben. Ich bin dankbar für jeden deiner Gedanken, jedes deiner Worte und jeden Blick, der mir galt. Für jedes neckende Ziehen an meinen Schwingen und jede geduldete Revanche“, antwortete ich ehrlich und deute das uns eigene Spiel an, indem ich mit den Fingerspitzen über eine der silbernen Perlen in seinem Haar strich. Er lachte leise, fing meine Hand ein und hauchte einen Kuss auf meinen Handrücken.

„Du hast sie geschmiedet“, gab Thorin zurück, ohne auf meine Geständnisse einzugehen. „Du hast mir einst diese Strähnen geflochten, als wir uns heimlich trafen. Es brauchte nur wenige Augenblicke, in denen ich in einem Moment der Unaufmerksamkeit die Augen schloss, den Kopf in deinem Schoß gebettet, und deinem Schalk ausgeliefert war. Ich weiß noch, wie du über mein verdutztes Gesicht gelacht und dich den Abend darauf beklagt hast, dass dein Werk sich bereits wieder aufgelöst hatte. Du hast sie immer wieder geflochten und schließlich mit den Perlen verhindert, dass sie sich erneut lösten. Nun, im Lauf der Jahre habe ich sie einige Male lösen und neu flechten müssen, wie du oft genug beobachtet hast. Wie auch immer…der Unterricht im Schwertkampf nahm leider keine Rücksicht auf deine Flechtkunst, auch nicht auf unsere Verabredungen. Ich weiß nicht, wie oft ich einfach neben dir einschlief, während du mir Geschichten erzähltest, von deinem Tag berichtetest oder mir Sternbilder erklärtest, und ich habe noch immer ein schlechtes Gewissen deswegen. Du hast mir nie den leisesten Vorwurf gemacht, dass –“
„Natürlich nicht“, unterbrach ich ihn amüsiert glucksend. „Ich wusste schließlich, wie Kräfte zehrend und erbarmungslos man dich den Umgang mit dem Schwert lehrte. Du hast dich oft genug beklagt und mir die größten Blutergüsse gezeigt, um dich anschließend von mir umsorgen zu lassen und in meinem Mitleid zu baden.“
„In deinem Mitleid zu baden“, wiederholte Thorin ungläubig und lachte. „Wir wissen doch beide, wie viel Mitleid du wirklich mit mir armem, zerschundenen Zwergenprinzen hattest.“
„Gar keins“, gab ich grinsend zu und lachte ebenso als Thorin brummend sein Missfallen darüber äußerte. Das Zucken seiner Mundwinkel verriet ihn jedoch.
„Trotzdem hast du eine Salbe angesetzt und meine Prellungen versorgt.“
„Natürlich“, gab ich zurück und lächelte ihn an als er erneut über meine Wange strich. „Ich habe auch nächtelang über dich gewacht, wenn du auf der Lichtung eingeschlafen warst.“
„Und tagelang, wenn ich in den letzten hundertsiebenundsechzig Jahren durch die Lande ziehend kein Obdach gefunden hatte. Weitere Nächte, wenn sie von Alpträumen geplagt waren und mich die Erinnerungen nicht ruhen ließen“, ergänzte Thorin leise als er meinem Gesicht mit seinem näher kam. Ich schluckte, denn ich ahnte, was er vorhatte, wusste aber nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Nie war er mir in so offensichtlicher Absicht nahegekommen. Jedenfalls nicht, dass ich mich hätte erinnern können…
„Ich würde weitere hundertsiebenundsechzig Jahre über deinen Schlaf wachen, wenn es uns vergönnt ist. Ob am Tage oder in der Nacht“, gab ich ebenso leise zurück. Ich hielt den Atem an als Thorins Hand sich vorsichtig in meinen Nacken schob.

„Amrâlimê“, sprach er mich an, kaum mehr als ein Flüstern. Sein Gesicht in kaum nennenswertem Abstand zu meinem konnte ich seinem Atem auf meiner Wange spüren.
„Uzbad undu 'Urd“, erwiderte ich ebenso leise. König unter dem Berge.
Ein kurzes Grinsen erschien auf seinem Gesicht ehe er den Abstand zwischen uns noch verringerte und seine Lippen sacht auf meine trafen.
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