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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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20.06.2020 3.689
 
Kapitel 8

Während die Zwerge bald wieder ihrer üblichen guten Laune nachgingen (selbst Dwalin ließ es ich in einem offensichtlich harmlosen Brunnen gutgehen), versuchte ich immer größere Strecken zu Fuß zurückzulegen, ohne mich an Bäumen, Säulen, Tischen und Stühlen festzuhalten. Thorin würde nicht ewig hier verweilen und wenn man seinen Worten Glauben schenken konnte, würde er nicht warten, bis ich mit ihm Schritt halten konnte. Seit er vor ein paar Stunden abrupt den Tisch verlassen hatte, hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Umso erschrockener und doch mit einem Gefühl der Erleichterung bemerkte ich ihn als ich nach Atem ringend und mit brennenden Muskeln auf einem Stuhl saß, um zu verschnaufen. Unzählige Male war ich nun von Stuhl zu Stuhl, Säule zu Säule und schließlich quer über den Hof gelaufen, um mir wenigstens ein Minimum meiner Freiheit zurück zu erkämpfen.
„Verzeih meinen Ausbruch“, sprach Thorin mich an als wir uns einen Moment stumm angesehen hatten und stieß sich von der Säule ab, an der er mit verschränkten Armen gelehnt und mich beobachtet hatte, um sich zu mir zu setzen.
„Ich verstehe es nicht“, gab ich zu. „Warum hast du versucht, mich in diesem Brunnen zu ertränken? Wovor hatte Elrond dich gewarnt? Und an wen erinnere ich dich so sehr, dass dir, der du stets beherrscht auftrittst und deine Gefühle verbirgst, genau das nicht mehr gelingt? Ich habe dich wüten und lachen gesehen, habe deinen Gedanken und Träumen gelauscht. Ich kenne dich, Thorin Eichenschild, ich kenne dich gut. Doch im Moment scheinst du mir so fremd wie nie zuvor.“
Ich legte den Kopf schief und musterte ihn als er leise seufzend auf seine Füße sah.
„Ich weiß nicht, wessen Abbild das im Wasser war. Ich habe es auch gesehen, doch ich habe keine Ahnung, wer diese Frau ist. Wen du glaubst, hier vor dir zu haben. Ich weiß nur, dass es dich schmerzt, mich anzusehen, und du gleichzeitig nichts lieber tun würdest, als mich nicht aus den Augen zu lassen. Trotzdem hast du nie von einer verlorenen Liebe gesprochen, selbst mir gegenüber nicht. Warum hast du sie so tief in deinem Herzen vergraben, dass du ihr Andenken nicht teilst? Was zerreißt dich so?“
Thorin seufzte erneut und knirschte, offenbar auf der Suche nach einer Antwort und einem Anfang seine Geschichte, mit den Zähnen, sah mich aber nicht einmal an. Ich seufzte schließlich und schüttelte den Kopf über ihn, brummte und fluchte leise und zwang mich wieder auf die Beine. Ich kam keine zwei Schritte weit ehe sich Thorins Hand um mein Handgelenk schloss, mich bestimmt, aber doch sanft, zurück auf den Stuhl zog und wieder freigab. Fragend sah ich ihn als er tief Luft holte und endlich den Blick hob. In ihm tobte ein Sturm, sein Blick zeigte so viele Emotionen gleichzeitig und so schnell wechselnd, dass ich ihn einfach nur anstarrte und wartete.
„Kannst du dich denn wirklich an gar nichts erinnern“, fragte Thorin zum gefühlt tausendsten Mal ohne meine Fragen zu beachten, ein verzweifeltes Flehen in der Stimme.
„Erinnern…woran“, stellte ich eine Gegenfrage. Dass ich keinerlei Erinnerung an irgendetwas von dem hatte, was er bruchstückhaft erzählt hatte, müsste er doch inzwischen begriffen haben. Aber ich, die immer noch nicht wusste, was ihn so aus der Fassung brachte, verstand rein gar nichts mehr an dem Verhalten des Zwerges vor mir.
„Warum machst du es mir nur so schwer“, seufzte Thorin schließlich und wandte den Blick ab, sah irgendwo in die Ferne und knirschte erneut mit den Zähnen.
„Was mache ich dir schwer? Erklär es mir! Thorin, rede endlich mit mir“, forderte ich und griff nach seinen Händen. Er sah eine Weile schweigend darauf ehe er seine Finger um meine schloss und zaghaft mit dem Daumen über meinen Handrücken strich. Die Jahre in der Schmiede und der Umgang mit dem Schwert hatten ihre Spuren hinterlassen, trotzdem kam mir nie eine von ihm ausgehende Berührung so zart vor wie diese. Ich musterte ihn, hoffte in seinem Gesicht eine Antwort auf meine Fragen zu finden. Er schloss einen Moment die Augen und schluckte, atmete erneut tief durch und starrte wieder ins Tal.

„Es gab einst eine Zwergin in den Schmieden Erebors“, begann er endlich zu erzählen. „Sie war äußerst begabt in der Schmiedekunst, ging bei einem der Goldschmiede in die Lehre und erwies sich bald als so talentiert, dass das ganze Königreich von ihren Arbeiten sprach. Ketten, Ringe, Haarschmuck, Spangen…sie war bald in aller Munde. Selbst die Menschen aus Thal fanden großen Gefallen an ihrem Schmuck und kauften regelmäßig am Markstand des Schmieds ihre Waren. Sie war ehrgeizig, fleißig, stets freundlich und mit einem Lächeln auf den Lippen, das jedem das Herz erwärmte. Ihre Ehrlichkeit brachte mich das ein oder andere Mal in Verlegenheit, und doch nahm ich es ihr nie übel.“
Seine Mundwinkel zuckten als er sich offenbar an die ein oder andere solcher Situationen erinnerte. Ich drückte leicht seine Hand, in der noch immer die meine lag, als er nicht weitersprach. Er blinzelte als wären seine Gedanken bis über das Meer abgeschweift.
„Sie liebte ihre Arbeit, die Hitze der Esse, das Geräusch der Feile auf dem Metall, wie sich das flüssige Gold in die Fassungen fügte und deren Form annahm. Sie liebte sie so sehr, dass sie oft alles um sich herum vergaß. Ich kann nicht sagen, wie oft ich sie spät abends, wenn alles sich zur Ruhe legte, noch in der Schmiede beobachtete und sie mich oft über viele Minuten nicht einmal bemerkte.“ Er gluckste, offenbar amüsierte ihn die Erinnerung.
„Hast du sie oft aufgesucht“, fragte ich und konnte nicht verhindern, dass ich vorwurfsvoll klang. Mir missfiel der Gedanke, dass Thorin dieser Zwergin mehr Liebe entgegengebracht hatte als er mir gegenüber zeigte.
„Wir haben uns oft getroffen“, unterbrach er meine Gedanken. „Das erste Mal sah ich sie als ich meine Schwester zum Markt begleitete, sie wollte einen neuen Armreif aussuchen. Wir kamen an der Schmiede vorbei, vor der ein kleiner Tisch mit Waren stand. Während sie mit dem Schmied handelte und einen Armreif nach dem anderen anlegte, zog das leise Klirren, das der Hammer auf dem Amboss hinterließ, meine Aufmerksamkeit auf sich und ich folgte dem Geräusch in die Schmiede. Und da saß sie, den Hammer in der einen Hand, in der anderen die Zange mit dem warmen, biegsamen Metall, das sie bearbeitete. Ihre Wangen gerötet von dem Feuer neben ihr, ihr Blick konzentriert auf ihre Arbeit gerichtet. Sie bemerkte mich gar nicht bis ich hinter ihr stand und sie ansprach.“
Er sah mich schmunzelnd an, strich erneut über meinen Handrücken, als –

„Ihr seid also die Goldschmiedin, von der alle sprechen.“
Ich fuhr herum und erschrak. Nicht nur, dass ich ihn nicht hatte kommen hören und erst bemerkte, als er bereits hinter mir stand und mich ansprach. Es war niemand geringerer als Thorin, Sohn des Thrain, Sohn des Thror, meines Königs. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte ich ihn an und schluckte ehe ich mich besann, regelrecht aufsprang, alles fallen ließ und mich mit hochrotem Kopf vor dem königlichen Besucher verbeugte.
„Seid willkommen, Thorin, Sohn des Thrain, Sohn des Thror. Verzeiht meinen Mangel an Höflichkeit und Ehrerbietung, ich habe Euch nicht kommen hören.“
Er antwortete nicht, brummte nur kurz unbestimmt. Ich hob vorsichtig den Blick und folgte ihm mit den Augen als er sich bückte und den heruntergefallenen Armreif, an dem ich arbeite, aufhob und ihn genauer betrachtete. Hastig sah ich wieder auf den Boden als er sich zu mir umwandte und –


Ich keuchte auf und entzog Thorin meine Hände, blinzelte mehrmals und versuchte die Bilder, die eben vor meinen Augen erschienen, einzuordnen. Was war das für eine Szenerie gewesen? Was war das für ein Ort gewesen? Und warum hatte Thorin plötzlich so viel jünger und unbekümmerter ausgesehen, ohne den ewigen Schatten in seinen Augen?
„Geht es dir gut“, hörte ich ihn besorgt fragen. Ohne zu überlegen nickte ich.
„Ja. Entschuldige, erzähl weiter“, bat ich ihn, verwirrt über das, was eben geschehen war, und versuchte seinen Erzählungen weiterhin zu folgen.
„Sie war so erschrocken über meine Anwesenheit, dass sie den Armreif, an dem sie gearbeitet hatte, sowie den Hammer einfach fallen ließ, aufsprang und sich für ihre Unaufmerksamkeit entschuldigte. Der Armreif, an dem sie arbeitete, war noch lange nicht fertig. Trotzdem konnte man bereits erahnen, wie fein und filigran er einmal sein würde.“

„Eine schöne Arbeit“, hörte ich ihn sagen und verbeugte mich prompt ein wenig tiefer.
„Vielen Dank, Herr. Aber ich lerne noch, er wird sicher kein Meisterwerk oder gehobeneren Ansprüchen genügen“, entgegnete ich, ohne darüber nachzudenken und biss mir auf die Zunge. Er war schließlich kein einfacher Zwerg, sondern der junge Prinz.
„Ihr seid bescheiden“, stellte er fest. Ich wagte erneut einen Blick zu ihm und beobachtete, wie er andere meiner Arbeiten betrachtete.
„Verzeiht, aber ich denke nicht, dass Ihr unter diesen Schmuckstücken etwas Passendes findet.“ Als ob ich wüsste, was er überhaupt sucht. Schweig doch endlich still!
„So“, fragte Thorin und drehte sich zu mir um. „Und was denkt Ihr, was ich suche?“
„Ich, ähm…also… Ver-vergebt mir, Herr. Das war anmaßend.“
„Nein“, gab er mit leiser Belustigung in der Stimme zurück, „Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen, ich schätze eine ehrliche Meinung. Aber wenn Ihr meint, dass diese Arbeiten unpassend sind…welche würdet Ihr mir anpreisen?“
Verdutzt hob ich den Blick und starrte ihn an. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ein leichtes Lächeln auf den Lippen und offenbar amüsiert stand er vor mir. Ich richtete mich unsicher auf bis sich unsere Augen trafen. Strahlend blau, ein schalkhaftes Funkeln darin als sich das Feuer der Esse in ihnen spiegelte. Wortlos deutete ich auf die Arbeiten des Meisters dieser Schmiede. Thorins Blick folgte meinem Fingerzeig, doch er schüttelte den Kopf.
„Ich kenne die Fertigkeiten Eures Meisters. Ich möchte Eure Arbeiten sehen.“


„Himmel, wie sie mich in dem Moment ansah! Eingeschüchtert wie ein Kaninchen vor der Schlange, unfähig sich zu rühren oder gar etwas zu sagen. Aber ihr Blick, ihre Augen…ein dunkles Braun wie umgepflügte Erde nach einem Gewittersturm. Manchmal dachte ich, sie wären sogar schwarz wie ihr Haar, das sie stets in einem kunstvoll geflochtenen Zopf zu bändigen versuchte. Wie oft hatte sie mit mir geschimpft, weil ich ihre Mühen zunichte gemacht hatte, wenn – nun, nicht so wichtig“, winkte er ab und warf mir einen flüchtigen Blick zu. Ich hatte die Stirn in Falten gezogen und fragte mich, ob ich verrückt wurde. Was waren das für Bilder, die ich von einem jüngeren Thorin in einer Schmiede sah? Ich zweifelte zunehmend an meinem Verstand und versuchte, mich auf seine Erzählung zu konzentrieren.
„Sie war so wunderschön“, flüsterte Thorin, schloss einen Moment die Augen als könne er sich so besser an sie erinnern und seufzte ehe er mich ansah. In seinem Blick lag die gleiche schmerzhafte Sehnsucht wie in seiner Stimme.
„So wie du. Ich schwöre dir, du siehst genauso aus wie sie.“
„Aber das kann nicht sein“, brachte ich heiser hervor. Es konnte schließlich auch nicht sein, oder? Es durfte nicht sein. Nicht, wenn Thorin so sehr hoffte, dieser Zwergin gegenüber zu sitzen und mit ihr in Erinnerungen zu schwelgen.
„Ich hielt es auch nicht für möglich, sie in dir wiederzuerkennen. Und doch sitzt du hier…du siehst aus wie sie, sprichst wie sie, hast dieselben dunklen Augen, dasselbe schwarze Haar, dieselbe Stimme. Du bist genauso ehrgeizig, kämpfst um jeden Schritt vorwärts. All die Jahre habe ich die Augen davor verschlossen und dich verkannt, obwohl du die ganze Zeit bei mir warst. Das werde ich mir nie verzeihen.“
Er hatte immer leiser gesprochen, der Schmerz und die Vorwürfe waren in seine Stimme und sein Gesicht zurückgekehrt. Ich griff wieder nach seinen Händen und drückte sie sanft.
„Ich bin nicht sie, Thorin. Ich bin ein Rabe in einem verdammten, falschen Körper. Ich erinnere mich an nichts von dem, was du erzählst“, log ich ihm vermutlich ins Gesicht.
„Aber“, begann er zu widersprechen und sah mich verzweifelt an, „du musst dich erinnern! Weißt du denn nicht mehr, wie wir uns abends aus dem Berg geschlichen haben, um ungestört auf der kleinen Lichtung am Waldrand zu den Sternen aufzublicken? Wir haben uns unzählige Male dort getroffen, die Sonne unter- und wieder aufgehen sehen, Gedanken und Träume geteilt.“ Thorin rückte an die Kante des Stuhls und beugte sich vor, strich mir eine Strähne hinters Ohr und legte sacht die Hand an meine Wange.

„Ziemlich leichtsinnig, des Nachts allein im Wald herumzuspazieren, Eure Hoheit. Es sind zwielichtige Gestalten unterwegs“, grüßte ich ihn grinsend als ich auf die Lichtung trat. Der Vollmond stand bereits hoch am Himmel, die Sonne war längst untergegangen.
„Und Ihr besitzt die Frechheit, Euren König erst warten zu lassen und dann so unangemessen zu begrüßen? In Ketten sollte ich Euch legen lassen“, erwiderte Thorin und kam mir ebenso grinsend entgegen als er mich entdeckt hatte. Ich hatte ihn bereits eine kurze Weile gemustert, wie er beinah regungslos in den Himmel sah und das Mondlicht einen silbernen Schein auf sein Gesicht und sein Haar warf.
„Verzeiht“, setzte ich das Geplänkel fort, „doch Euer Auftrag hielt mich bereits gefangen.“
Er lachte leise, schlang die Arme um meine Mitte, kaum dass er mich erreicht hatte, und zog mich an sich. Ich legte die Hände auf seine Brust und sah ihm einen Moment in die Augen.
„Du siehst müde aus“, bemerkte ich.
„Es war ein langer Tag“, erklärte er schlicht, offenbar nicht gewillt, mehr zu erzählen. „Die Belange meines Großvaters habe ich in den Hallen zurückgelassen, hier draußen zählst einzig du für mich. Es würde dich ohnehin langweilen.“


„Thorin, ich…bitte, quäl dich nicht. Du irrst dich in mir.“
„Im Gegenteil, ich war mir selten einer Sache so sicher.“
„Du bist so unfassbar stur“, rief ich aus und raufte mir die Haare.
„Das habe ich von ihr auch öfter zu hören bekommen.“

„Das…Thorin, das kannst du nicht machen!“
„Ich bin der Prinz Erebors, Thronerbe vom Volke Durins. Natürlich kann ich, wer sollte es mir verbieten“, fragte er, sichtlich amüsiert über meine Reaktion.
„Dein Großvater und dein Vater? Ich bin nur eine einfache Goldschmiedin, wir sollten uns nicht einmal näher kennen, geschweige denn heimlich treffen. Das geht einfach nicht!“
„Liebst du mich“, fragte Thorin ruhig und fing meine Hände ein bevor ich mir vor lauter Haarrauferei eine Glatze bescheren konnte und drückte sie sanft.
„Das weißt du doch“, gab ich zurück, „aber das ändert nichts und macht es nicht einfacher.“
„Doch es ist alles, was zählt und mir wichtig ist.“
„Aber ich habe doch gar keine Ahnung, wie ich mich in Gegenwart des Königs verhalten soll!“
Thorin lachte laut und zog mich in seine Arme als ich mich murrend abwenden wollte.
„Du machst dich über mich lustig“, beschwerte ich mich schließlich.
„Ganz und gar nicht“, erwiderte er. „Mach dir nicht so viele Gedanken. Wir sind noch jung, bis dahin könnte ich bereits König sein. Und dann kannst du dich verhalten, wie du willst und sein, wie du bist. Und wenn du bei Verhandlungen mit den Elben laut über ihre dummen Gesichter lachen musst und sie darüber pikiert die Nasen rümpfen, erlasse ich eben ein Gesetz, das ihnen das in Erebors Hallen verbietet.“
Nun war es an mir laut zu lachen. Thorin grinste breit und strich eine verirrte Strähne hinter mein Ohr, legte den Kopf ein wenig schief und seufzte leise.
„Und dann heißt es, ich hätte einen Krieg provoziert“, dachte ich weiter.
„Musst du eigentlich immer so vernünftig sein?“
„Ich denke nur an mein Volk und deine Sicherheit.“
„Wie eine Königin“, stellte Thorin stolz fest und schüttelte leicht den Kopf. „Und da sagt sie, es wäre ein Ding der Unmöglichkeit.“
„Weil es völlig abwegig ist! Was soll dein Volk von dir denken? Und von mir, wenn –“
„Deine Fürsorge unserem Volk gegenüber in allen Ehren, aber würdest du bitte einmal deine Gedanken zum Schweigen bringen und mit dem Herzen antworten, wenn du mich schon zwingst, dich erneut zu fragen?“
„Du bist so unfassbar stur!“


Ich kniff die Augen zusammen und atmete keuchend ein und aus. Diese Bilder wurden immer realer, die Sequenzen immer länger. Was war nur los mit mir? Wo kamen diese – ja, was eigentlich? Waren es Erinnerungen, die tief in meinem Gedächtnis und Bewusstsein vergraben waren? War ich doch nicht nur ein Rabe? Aber wie sollte ich je etwas anderes gewesen sein? Das war selbst für ein Land voller wunderbarer und fürchterlicher Zauber wie unseres unwahrscheinlich. Und doch…was war mit diesem Brunnen?
„Amrâlimê“, sprach Thorin mich an und musterte mich besorgt als ich mir an den Kopf fasste und die Handballen an die Schläfen drückte. „Geht es dir nicht gut?“
„Ich…ich weiß nicht, ich…es ist alles ein wenig viel auf einmal.“
„Vielleicht solltest du dich hinlegen“, schlug er vor, legte eine Hand auf meine Schulter. Ich nickte leicht, wahrscheinlich hatte er Recht. Langsam stand ich auf und ging ein paar vorsichtige Schritte, Thorins Arm stützend um meine Mitte geschlungen und meine Hand in seiner. Ich lächelte ihm kurz dankbar zu als sich unsere Blicke trafen.

Ich lachte glücklich als er die Arme um mich schlang und mich durch die Luft wirbelte. Er nahm mein Gesicht zwischen seine Hände, strich mit den Daumen über meine geröteten Wangen und sah mich aus strahlenden Augen an. Ich keuchte leise auf als ich die Liebe in seinem Blick sah, die ich für ihn ebenso empfand, und legte die Hände auf seine Schultern. Mein Blick fiel auf den goldenen Raben, dessen Schwingen sich zu einem Ring um meinen Finger wanden und dessen Körper einen Saphir einfasste, der im Mondlicht auf der Lichtung beinah ebenso funkelte wie Thorins Augen. Ein beinah lautloses Lachen zu meiner Rechten lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich und ich wandte ebenso wie Thorin den Kopf, um Balin anzusehen, der uns lächelnd betrachtete ehe er sich leicht verbeugte und die Lichtung verließ, um zum Berg zurückzukehren.
Thorin strich erneut über meine Wangen und lächelte breit als ich ihn wieder ansah. Langsam kam er meinem Gesicht näher bis ich seinen Atem auf meiner Wange spürte. Ganz sacht legte er schließlich seine Lippen auf meine als seine Hände zu meinem Hals glitten.
„Ich kann nicht glauben, dass wir das tatsächlich getan haben“, bemerkte ich flüsternd aus Angst, mich selbst aus diesem Traum zu wecken.
„Ich liebe Euch, zukünftige Königin unter dem Berge.“


„Vorsichtig“, mahnte Thorin als ich stolperte und verstärkte den Griff um meine Mitte.

„Er wandelt durch die Schatzkammern, besessen vom Gold.“
Thorin hatte mir von den Veränderungen berichtet, die er bei seinem Großvater bemerkt hatte. Die Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben, seine Stirn lag ständig in Falten.
„Du weißt, was Gold anrichten kann. Es ist nicht deine Schuld.“
„Nein, ist es nicht. Aber das gleiche Blut fließt in meinen Adern. Was ist, wenn mich die Drachenkrankheit genauso befällt? Wenn ich das Gold über alles stelle…wenn ich dich verletze…das würde ich mir nie verzeihen.“
Ich nahm sein Gesicht zwischen meine Hände und zwang ihn mich anzusehen.
„Du bist nicht dein Großvater, Thorin.“


„Du bist leichenblass“, bemerkte Thorin erschrocken. Ich war stehen geblieben.

„Thorin“, schrie ich immer wieder seinen Namen, meine Stimme ungewohnt schrill. Ein schreckliches Krachen, angsterfülltes Geschrei, ein Rauschen wie ein tosender Sturm.
„Thorin“, schrie ich erneut aus voller Kehle. Das Haupttor zerbarst, herabfallende Felsbrocken wurden zu tödlichen Geschossen, die Erde bebte unter schweren Schritten. Immer wieder loderte Feuer auf, brachte entsetzliche Schreie, die kurz darauf verstummten. Der Geruch von verbranntem Fleisch lag in der Luft, begleitet von unverständlichen, panischen Schreien und dem Wüten des Drachen.
„Diȃ!“
Ich fuhr herum, suchte hektisch nach der vertrauten und doch ungewohnt klingenden Stimme und atmete erleichtert auf als ich ihn oberhalb der Treppe nahe eines der Seitentore entdeckte. Hinter mir erklang das Brüllen des Drachen, gefolgt von weiteren Schreien. Ohne einen Blick über die Schulter zu wagen und in der verzweifelten Hoffnung, dem Feuer zu entkommen, stürzte ich die Treppe hinauf. Immer wieder schob und schickte Thorin Zwerge zum Tor hinaus ehe er sich umwandte. Er eilte mir entgegen, sein Schwert in der Hand, blieb jedoch eine Schrecksekunde wie angewurzelt stehen. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen ehe er losstürmte. Weit kam er nicht, gerade einmal vier Schritte kam er der Treppe näher er ehe Balin ihn packte und zurück zum Tor zerrte.
„Diȃ“, rief er, „lauf! LAUF!“
Ich rannte weiterhin die vielen Stufen hinauf, stolperte und fiel.
„DIȂ!“
Mir lief es trotz der Hitze, die das Drachenfeuer verbreitete, angesichts der Angst in seiner Stimme eiskalt den Rücken hinunter. Ich rappelte mich auf, nahm die Schmerzen meiner aufgeschlagenen Knie gar nicht wahr und hastete weiter die Treppe rauf. Als ich oben ankam, schob Balin einen tobenden Thorin zum Nebentor hinaus, der sich schließlich aus der schiebenden und drängenden Menge befreite und zurück in den Berg rannte.
„Thorin“, rief ich auf dem Weg zum Tor und eilte den breiten Säulengang entlang, der voller fliehender Zwerge war. Ich sah panisch zur Treppe als ein unheilvolles Grollen erklang und ich den Schatten des Drachen nahen sah. Den Blick auf das Tor geheftet rannte ich weiter.
„Diȃ“, hörte ich Thorin meinen Namen rufen und entdeckte ihn neben dem Tor, Balin direkt hinter ihm und auf ihn einredend. Thorin schenkte ihm keine Beachtung, stattdessen versuchte er sich einen Weg durch die nach draußen drängende Menge zu bahnen und zu mir zu gelangen. Das panische Geschrei, das hinter mir erklang, ließ mich alle Hoffnung verlieren. Ich konnte nicht mehr entkommen, eingepfercht zwischen hunderten von Zwergen, die versuchten gleichzeitig durch das Tor zu drängen, war mein Schicksal besiegelt worden. Thorin war stehen geblieben, drei Säulen trennten uns noch voneinander. Das blanke, fassungslose Entsetzen lag in seinem Blick, als er meinem begegnete. All der Lärm, das Geschrei und das Grollen, die donnernden Felsbrocken, die rauschenden Flammen, all das nahm ich nicht mehr wahr. Ich sah einzig Thorin, hörte allein seine Stimme.
„Thorin“, sprach ich ihn ein letztes Mal an.
„Diȃ“, brachte er mit zitternder Stimme hervor, „Amrâlimê.“
„Maralmizu“, verabschiedete ich mich, indem ich ihm sagte, dass ich ihn liebte. Tränen rannen meine Wangen hinunter als sich ein verzweifeltes Schluchzen einen Weg aus meiner Kehle bahnte ehe ich von Schmerz gepeinigt aufschrie als das Feuer mich erfasste. Das letzte, das ich hörte, war Thorin, der ein letztes Mal voller Schmerz meinen Namen schrie.


Meine Beine versagten, als die Welt um mich herum dunkel wurde und verschwand.
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