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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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13.06.2020 3.488
 
Kapitel 7

Ein Klopfen ließ mich aus dem Schlaf schrecken. Ich sah mich verwirrt in dem Raum um, in dem ich mich befand, ehe mein Blick zum Fenster glitt. Die Sonne war bereits aufgegangen und ich hörte Amseln und Meisen vergnügt zwitschern und sich um Futter und Nistplätze streiten. So lange schlief ich sonst nie, für gewöhnlich erwachte ich mit der Sonne, irgendwo auf einem Baum sitzend, streckte mich ausgiebig und begann den Tag mit einer gründlichen Reinigung des Gefieders ehe ich mir Frühstück suchte. Thorin erleichterte meine Suche nur allzu oft, indem er mir etwas von seinem Frühstück abgab.
Thorin…
Wo war er? Und wo war ich? Und –? Irritiert sah ich an mir hinab und keuchte auf, als mich die ernüchternden Tatsachen des gestrigen Abends einholten. Es war also doch kein verrückter Alptraum, wie ich angenommen hatte. Ich hatte tatsächlich diesen ungewohnten, ungewollten und, wie ich fand, hässlichen Körper. Ich spürte, wie die Angst zur Panik heranwuchs und mir die Kehle zuschnürte. Hastig sprang ich aus dem (zugegeben, sehr weichen und gemütlichen) Bett, doch diese ulkigen, langen Beine wollten mich nicht tragen und gaben unter mir nach, so dass ich der Länge nach auf dem Holzboden landete. Den Versuch, wieder aufzustehen, unternahm ich gar nicht erst.

„Geht es Euch gut“, hörte ich eine bekannte Stimme nach einem erneuten Klopfen von der anderen Seite der Tür her fragen. Offenbar hatte man Lindir geschickt, mich zu wecken.
„Hnjhm“, brachte ich hervor und schüttelte über mich selbst den Kopf. Nein, es ging mir nicht gut, aber ich wollte auch nicht, dass ein Elb hereinspazierte und mich hilflos am Boden liegend auffand. Ich hatte keine Ahnung, was mich in diesen Körper gezwungen hatte, und ich war auch nur erpicht darauf, es herauszufinden, damit ich dem Verantwortlichen, sobald er mich wieder in mich selbst zurückverwandelt hatte, die Augen auskratzen konnte.
„Ich werde nun zu Euch reinkommen“, verkündete Lindir und ich sah panisch zur Tür, wollte ihm noch ein Nein entgegenbrüllen, also er auch schon mitten im Zimmer stand und sich kurz umsah ehe er mich zwischen Bett und Fenster auf dem Boden entdeckte.
„Seid Ihr verletzt“, fragte er als er mit wenigen Schritten bei mir angelangt war, meinen Arm ergriff und mich auf dem Bett absetzte. Sein Blick bohrte sich in meinen.
„N-nein“, gab ich leise Auskunft, obwohl ich sicherlich den ein oder anderen Bluterguss bekommen würde, und blinzelte irritiert auf die Stelle, an der eben noch Lindirs Gesicht war. Er hatte sich so plötzlich abgewandt und war an die Truhe am Bettende geeilt, dass meine überforderten Gedanken es kaum wahrgenommen hatten.
„Wascht Euch und zieht das an“, sagt er und legte ein Kleid in blassem Blau und mit feinen Stickereien verziert neben mich auf das Bett, würdigte mich jedoch keines Blickes. Ich sah ihn fragend an ehe ein Windstoß mich frösteln ließ und mir seine Zurückhaltung erklärte: Ich hatte den Kampf gegen das Nachtgewand schnell aufgegeben gehabt und mich stattdessen in Thorins Mantel, der reichlich zerknittert noch immer auf dem Bett lag, und die Bettdecke gehüllt. Und da saß ich nun, völlig unbedeckt und federlos.
Lindir war also keineswegs unhöflich oder abweisend, er besaß lediglich den Anstand, mich nicht zu mustern oder anzustarren. Einen kurzen Moment war ich beinah amüsiert über seinen in die Ferne gerichteten Blick, als er mir den Rücken kehrte und aus dem Fenster sah. Doch diesen kurzen Moment verdrängten meine verworrenen Gedanken sofort wieder. Ich folgte seinem Blick und entdeckte eine Amsel, die über den Fluss flog. Wut, Angst, Verzweiflung und das Gefühl, das absolut nichts an dieser Welt richtig war, beherrschten mich zunehmend. Was war mit mir geschehen? Wer war ich, wenn ich kein Rabe war?
Und was hatte Thorin sich dabei gedacht, mich in diesen Brunnen zu tauchen?

„Worauf wartet Ihr“, riss Lindir mich aus meinen trüben Gedanken und sinnlosen Überlegungen. Er lief durch das Zimmer, den Blick noch immer von mir abgewandt, und füllte eine Schüssel mit Wasser, auf die er schließlich deutete. Neben der Schüssel hatte er Seife und ein Handtuch bereitgelegt ehe er den Raum verlassen und mich allein gelassen hatte. Ich blinzelte und besah mir das Kleid. Hübsch war es zweifellos, doch wie sollte es meine Federn ersetzen? Wie sollte ich diesen Körper dort hineinzwängen?
Mit einem Seufzen fuhr ich mir übers Gesicht und vergrub die Hände in den Haaren, dessen lange Strähnen ich schließlich zwischen den Fingern drehte und musterte. Rabenschwarz, und doch so anders. Vorsichtig und mich an den Bettpfosten klammernd erhob ich mich, kämpfte mich zur Waschschüssel und hielt mich auf dem Weg an allen Möbelstücken fest, die ich zu fassen bekam. Darüber fluchend, dass dieser verdammte Elb (mochte er auch noch so freundlich zu mir sein) die Schüssel am anderen Ende des Zimmers abgestellt hatte, wuchs mein Wille, mich von dieser böswilligen Herausforderung nicht einschüchtern zu lassen und dem Spitzohr keinen Grund für höhnische und herablassende Bemerkungen zu lassen, mit jedem Schritt, den ich unfallfrei zurücklegte. Tatsächlich erreichte ich mein Ziel ohne Stürze und atmete erleichtert aus. Der kurze Weg war für meinen untrainierten und unkoordinierten Körper eine unglaubliche Anstrengung, die sich durch einen Schweißfilm auf der bleichen Haut bemerkbar machte. Ich verzog das Gesicht als ich den Geruch bemerkte, den ich dadurch zunehmend verströmte, und ekelte mich zunehmend vor mir selbst. Ein weiterer Nachteil dieses Körpers: Schweiß. Natürlich roch er bei allen Lebewesen nicht wie eine Blumenwiese im Frühling, doch zu wissen, dass ich selbst so einen Gestank verbreitete… Ich fluchte, schimpfte und brummte missmutig, griff zu dem kleinen Stück lila Seife und roch daran – schlimmer als ich momentan (oder Thorin nachdem er den ganzen Tag in der Schmiede gewesen war, wenn wir mal ehrlich sind) konnte es schließlich kaum werden. Der typische Duft von Lavendel schlug mir entgegen, kaum dass ich die Seife ergriffen hatte. Nicht meine liebste Pflanze, war mir ihr Duft doch einfach zu penetrant und intensiv, doch besser als nichts und vielleicht auch ein Mittel, meine Nerven zu beruhigen.
Ich drehte das Stück ein wenig in meiner Hand, tauchte sie ins Wasser und beobachtete, wie sie Schlieren hinterließ und wie diese herumwirbelten, als ich die Finger der anderen Hand ebenfalls hineintauchte. Einen kurzen Moment lang starrte ich wie gebannt auf meine Hand, von der einzelne Wassertropfen zurück ins Becken fielen. Doch nichts geschah. Keine Federn, keine warmen und kalten Schauer. Sie war einfach nur nass.

Ich hatte das Gefühl, als hätte ich eine große Last auf dem Brustbein, die mir das Atmen erschwerte und die bald in meinen Magen hinabsank, wo sie mir Übelkeit und ein Gefühl der Leere und Verzweiflung bescherte. Wie sollte ich mich jemals in diesem Körper zurechtfinden? Angewiesen auf Beine, die mich nicht trugen, und Gefahren am Boden ausgeliefert, denen ich sonst mit ein paar kräftigen Flügelschlägen entkommen konnte.
In Gedanken versunken begann ich schließlich mich zu waschen, meine Bewegungen langsam und träge, und suchte den Sinn hinter dieser Strafe, die dieses Dasein zweifellos darstellte. Was hatte ich getan, dass Thorin mir diesen Wahnsinn antat? Hatte er überhaupt gewusst, was geschehen würde, als er mich in den Brunnen tauchte? Offenbar, denn er hatte sich bereits entschuldigt, als er mich gepackt hatte. Welche Warnung Elronds hatte er missachtet und warum war dieser so erzürnt darüber?
Mir den Kopf zerbrechend und auf keine einzige meiner Fragen eine Antwort findend, trocknete ich mich schließlich ab und schleppte mich zurück zum Bett, auf dem ich mich niederließ, um durchzuatmen und auszuruhen. Ich stützte mich hinter mir auf die Hände und ließ den Kopf in den Nacken fallen, berührte dabei etwas, das sich nicht nach dem Laken anfühlte, auf dem ich saß. Mein Blick erfasste schließlich Thorins Mantel, der hinter mir lag und den er mir am gestrigen Abend umgelegt hatte, als er mich aus dem verdammten Brunnen getragen hatte, um so mein fehlendes Federkleid kurzzeitig zu ersetzen, das mich sonst bedeckte. Meine Finger fuhren durch den dichten Pelz, in den ich mich unzählige Male geschmiegt hatte, um auf Thorins Schulter zu ruhen, griff schließlich nach dem schweren Kleidungsstück und drückte es an mich, das Gesicht im fellbesetzten Kragen vergraben und tief den vertrauten Geruch einatmend, der an ihm haftete.
Ich hatte keine Ahnung, wen Thorin glaubte im Wasser des Brunnens gesehen zu haben, doch ich war mir sicher, dass ich nicht die Frau war, nach er sich all die Jahre gesehnt hatte und deren Verlust ihm Schuldgefühle und wohl auch ein wenig Selbsthass bereitete. Ich war kein Zwerg, auch kein Mensch oder Elb oder Hobbit. Ich war ein Rabe.

Erneut riss mich ein Klopfen an der Tür aus meinen Grübeleien (etwas, das wohl allen Zwergen und zwergenähnlichen Kreaturen vorbehalten war, denn auch wenn ich selbst viel nachdachte und überlegte, war mir mein Dasein bisher nie so kompliziert, schwierig, anstrengend und hoffnungslos falsch vorgekommen) und ließ mich aufsehen.
„Ja“, bat ich herein und räusperte mich kurz, kam dieses kleine Wort doch sehr gekrächzt über meine Lippen. Welch Ironie, nicht wahr?
„Euer Herr – Ihr seid noch immer im Bett“, unterbrach Lindir seine Ankündigung und zog kurz die Augenbrauen zusammen, missbilligte er mein Stören des Tagesablaufs doch deutlich. Er durchmaß langsam den Raum bis er am Fenster stehen blieb und hinaussah.
„Es ist ungewohnt, zu laufen“, begann ich meine Verteidigung.
„Das glaube ich Euch. Ihr vermisst sicher das Fliegen und die damit verbundene Freiheit. Auch wenn Ihr mir auch in Eurer eigentlichen Gestalt nicht frei erscheint, bedenkt man Eure enge Verbindung zu Eichenschild. Ich denke nicht, dass das natürlich ist.“
Ich funkelte ihn zunehmend erbost an und holte bereits Luft, um ihm mitzuteilen, dass seine Ansichten und Meinungen und Sticheleien nicht erwünscht waren, doch –
„Verzeiht, wenn ich Euch verletzt habe. Eichenschild und seine Belange interessieren mich nicht, doch dass ein Vogel, wenn auch ein Rabe, der oft mit Zwergen in Verbindung steht, so bedingungslos an seiner Seite verweilt und sowohl Ihr als auch er vor Kummer vergehen, wenn das Schicksal euch trennt…dafür finde ich einfach keine befriedigende Erklärung.“
Ich schluckte leicht und wich Lindirs Blick aus, drückte Thorins Mantel fester an meinen Körper und räusperte mich schließlich erneut. Hatte der Elb nicht bemerkt, dass ich noch immer nichts am Leibe trug? Seine Überlegungen würden warten müssen.
„Ich“, begann ich stotternd. „Ich kann nicht…ich meine, ich weiß nicht… Ich habe nie Kleidung getragen. Das einzige Kleid, das ich kenne, ist das meiner Federn.“
Lindir wandte sich um, den Blick auf mein Gesicht geheftet, und nickte leicht als Zeichen, dass er verstanden hatte (ob er seinen Fehler bemerkte und einsah, ließ er sich jedoch nicht anmerken). Er nahm das Kleid, raffte den Saum und trat langsam vor mich. Dank einer kurzen Erklärung, welches Körperteil durch welche Öffnung im Stoff musste, und seiner Hilfe konnte man mich schließlich als gekleidet bezeichnen. Er zog mich auf die Beine, auf denen ich noch immer leicht wankte und nicht einmal ein paar Minuten stehen, geschweige denn allein aufrecht gehen konnte. Lindir zupfte das Kleid herunter und sorgte dafür, dass meine äußere Erscheinung weitaus gesitteter und ordentlicher wirkte als mein aufgewühltes Inneres, in dem noch immer die Gedanken und Gefühle tobten.

„Vorsicht“, rief er aus und schloss fest die Arme um mich als diese verdammten Beine drohten unter mir nachzugeben. Ich hielt mich erschrocken ebenso an ihm fest und starrte ihn an als er mich langsam wieder aufrecht hinstellte, den Griff aber kaum lockerte.
„Danke“, brachte ich leise heraus. Lindir nickte lediglich ein Mal.
„Kommt, Ihr habt sicher Hunger. Vielleicht haben die Zwerge noch etwas vom Frühstück übriggelassen. Nun, Eichenschild sicherlich. Er hat kaum etwas angerührt und nach Eurem Verbleib gefragt. Er erwartet Euch also bereits.“
Er legte den Arm um meine Mitte und zog mich an seine Seite, nahm meine Hand und führte mich so zur Tür, als würde er jeden Tag einen Raben, der sich plötzlich im Körper einer – ja, was eigentlich? Ich war so groß wie ein Zwerg, aber nicht so kräftig und stämmig. Die Statur ähnelte eher der einer Menschenfrau. Und doch hatte Thorin geglaubt, mich zu kennen. Er sprach vom Erebor, vom Feuer, dass er mich (oder wen auch immer er glaubte, in mir zu erkennen) nicht hatte retten können. Er hatte nie von einer Frau an seiner Seite gesprochen. In den ganzen einhundertsechsundsiebzig Jahren war nie auch nur ein einziges Wort über diesen Verlust, die Schmerzen und quälenden Selbstvorwürfe, die diese mit sich brachten, über seine Lippen gekommen. Nie hatte er geklagt oder getrauert.
Ich stolperte einige Male über meine Füße, die in bequemen leichten Schuhen steckten (immerhin die hatte ich allein anziehen können), und war froh und dankbar, dass Lindir mich vor drohenden Stürzen bewahrte und nicht von meiner Seite wich.
„Zu meinem eigenen Wohle würde ich es vorziehen, wenn Ihr allein zur Tafel geht. Eichenschild wird nicht erfreut sein, mich so nach bei Euch zu sehen, und ich kann auf einen wütenden Zwerg, der mir Vorschriften machen will, wahrlich verzichten.“
Ich sah ihn forschend an. Trotz der Abneigung, die er den Zwergen entgegenbrachte, schien ihn die Vorstellung eher zu belustigen denn zu erzürnen.
„Doch wenn Ich mir Eure vorsichtigen Schritte ansehe, von denen kaum einer mehr als ein Stolpern ist, befürchte ich, dass es Eurem Wohle gar nicht zugutekommt, wenn ich Euch loslasse und den Weg allein beschreiten lasse. Wahrscheinlich ist mir Eichenschilds Zorn dann erst recht gewiss.“
Er sah mich belustigt an, versuchte ein Grinsen zu unterdrücken und drückte ermutigend meine Hand als ich zögerte. Nicht, dass ich Angst um Lindir hatte, er wusste sich sicher zu verteidigen. Nein, ich fürchtete das Zusammentreffen mit Thorin und den Gefühlen, die ihn letzte Nacht die Kontrolle hatten verlieren lassen, als ich wieder aus dem Brunnen aufgetaucht war und mich in diesem fremden Körper wiedergefunden hatte.

Vorsichtig und noch immer fest Lindirs Hand haltend, der mich weiterhin stützte und den Arm um meine Hüften geschlungen hatte, betrat ich schließlich den Hof, in dem die Zwerge saßen. Ich hatte sie, wie so oft, bereits von Weitem gehört, denn die meisten waren guter Laune, sangen und lachten. Einzig Thorin und Dwalin, der mit finsterer Miene auf seinen König einredete, und Balin, der den anderen zwar das eine oder andere gutmütige und belustigte Lächeln schenkte, jedoch ebenso wie sein Bruder immer wieder das Wort an Thorin wandte, saßen an einem Ende der Tafel und beteiligten sich nicht an dem Spektakel. Ich schluckte als Thorin aufsah und sich unsere Blicke kreuzten. Ungläubigkeit schlug mir entgegen, doch sie währte nicht lange und wandelte sich in ein warmherziges Lächeln als er aufstand und seine Freunde murrend zurückließ. Ich legte leicht den Kopf schief und musterte ihn, wie es so oft tat. Nur erschien er mir dieses Mal deutlich kleiner und ich musste nicht so weit zu ihm hochsehen oder von einem Baum zu ihm hinunterblicken. Es war wirklich gar nichts mehr, wie es sein sollte, und so konnte ich sein Lächeln auch nicht erwidern.
„Lass sie los“, war das Erste, was ich an diesem Tag von Thorin hörte, als er neben mich trat, den Arm um mich legte und somit Lindirs wegschob ehe er mich regelrecht besitzergreifend an seine Seite zog und dem Elb einen vernichtenden Blick zuwarf. Dieser zog jedoch nur eine Augenbraue hoch und rührte sich nicht, hielt ich doch noch immer seine Hand und war auch nicht gewillt, von meiner sicheren Stütze abzulassen.
„Thorin“, lenkte ich seinen Blick auf mich, „du solltest dich bei Lindir bedanken, statt ihn anzufahren. Nicht du warst derjenige, der mir in diesem furchtbaren Dasein eine Stütze bot.“
Thorin starrte mich an als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen. Fassungslos, sprachlos. Er knirschte mit den Zähnen als sein Stolz gegen die Gebote der Etikette kämpften, nickte Lindir schließlich kurz zu (das mag den meisten als undankbar erscheinen, doch für so einen sturen und stolzen Zwerg, wie Thorin es war, kostete es Überwindung und war ein großes Zugeständnis) und führte mich zum Tisch, als Lindir sich mit einer kleinen Verbeugung verabschiedet hatte. Die anderen Zwerge waren verstummt und hatten das Geschehen verfolgt, taten nun jedoch so, als sei nichts passiert.

Erleichtert darüber, heil am Tisch angekommen zu sein, setzte ich mich und lächelte Balin und Dwalin unsicher an. Letzterer hatte die Arme vor der Brust verschränkt und musterte mich, griff jedoch bald zu der Karaffe zu seiner Linken und meinem Becher, den er gefüllt wieder vor mir abstellte. Sein Blick jedoch blieb so finster wie zuvor. Sein Bruder Balin hingegen starrte mich aus großen Augen an, besann sich jedoch schnell als ich ihn fragend ansah und bedachte mich mit dem ihm eigenen gutmütigen Lächeln und reichte mir nacheinander Brot, eine Schüssel mit Salat und einen Teller voll verschiedener Früchte.
„Danke“, sagte ich und lächelte beide zaghaft an. Während Balin mich überrascht anblinzelte und einen kurzen Blick zu Thorin warf, starrte Dwalin mich argwöhnisch an.
„Ihr wolltet es mir nicht glauben“, kommentierte Thorin die Reaktionen seiner Freunde. „Ich habe euch gesagt, dass sie kein einfacher Rabe ist.“
„Ja, nur das hier definitiv kein Rabe am Tisch sitzt“, brummte Dwalin. „Was soll das, Thorin?“
Ich bemerkte, wie dessen Augen sich für den Bruchteil einer Sekunde verengten ehe er den Blick von mir losriss und Dwalin fest ansah.
„Wenn ich gewusst hätte, was es mit diesem Brunnen auf sich hat, hätte ich ihn schon viel früher aufgesucht. Ich hätte nicht…all die Jahre…“
„Du weißt, dass das nur ein Zauber ist. Thorin, das ist nicht –“
„Ich denke, diese Unterhaltung könnt ihr auch später noch führen. Das arme Ding ist ja völlig durcheinander und verängstigt“, mischte Balin sich ein und erstickte den sich anbahnenden Streit im Keim, indem er Thorin und Dwalin mahnende Blicke zuwarf. Beide lehnten sich auf ihren Stühlen wieder zurück, tauschten noch ein paar trotzige Blicke und schwiegen.
„So“, bemerkte Balin, als hätte er eine große Arbeit erfolgreich abgeschlossen. „Nun denn, lass es dir schmecken und verzeih einem alten Narren, wenn er dir dabei Fragen stellt.“
Er hielt mir den Brotkorb hin, reichte mir dies und jenes und stellte mir die erste Frage.
„Wie ist dein Name?“
„Ist das nicht offensichtlich“, begehrte Dwalin auf, „sieh sie dir doch an, du kennst sie!“
„Dwalin“, rief Thorin seinen Freund mit einem strengen Blick zur Ruhe ehe er mich nachdenklich musterte. Immer wieder sah ich dabei diese tiefe Liebe und verzehrende Sehnsucht in seinen Augen aufflackern, die mir bis vor kurzem unbekannt gewesen war.
„Ich weiß nicht, wen ihr glaubt, in mir zu erkennen. Ich bin keine Zwergin, ich bin ein Rabe. Und meinen Namen werdet ihr nicht aussprechen können.“
„Ja, aber“, begann Balin irritiert, „kannst du dich denn nicht erinnern?“
„Erinnern…woran“, fragte ich nach und sah ihn fragend an.
„An Erebor. An dein Leben im Königreich unter dem Berge, die Schmiede für Schmuckhandwerk, in der du eben dieses Handwerk gelernt hast und für das so talentiert warst, dass die vielen Aufträge, deine Gewissenhaftigkeit und dein Streben nach Perfektion dich um manch eine Nacht gebracht haben und über die du mich sogar das ein oder andere Mal vergessen hast. An die Lichtung, auf der wir uns so oft getroffen haben, dass wir sie als die Unsere ansahen.“
Ich starrte Thorin an, ebenso wie die Zwerge. Er klang verzweifelt, der kurze Einblick in sein Innerstes (das er sicher nicht preisgeben wollte und in einem kurzen Moment der mangelnden Beherrschung doch vor allen präsentiert hatte) ein hoffnungsvolles Flehen an die Erinnerungen, die er hoffte in mir wiederzuerwecken. Doch ich spürte nichts als Schuld und ein an mir nagendes schlechtes Gewissen, dass ich ihn in diese Lage gebracht und ihn dazu verleitet hatte, seine Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen.

„Nein“, sagte ich leise, „ich erinnere mich an nichts als an ein Leben als Rabe.“
Thorin seufzte tief, schloss einen Moment die Augen und versuchte sichtlich die aufwallenden Gefühle zu verdrängen, die drohten von ihm Besitz zu ergreifen. Ehe diese jedoch erneut seiner eisernen Kontrolle entkommen konnten, stand er schwungvoll auf und ging mit schnellen, vom Boden wiederhallenden Schritten eine Treppe hinunter. Wohin sie führte, wusste ich nicht, und ich wäre ihm nur zu gern gefolgt, um ihm Trost zu spenden und seinen Gedanken und Erinnerungen zu lauschen, doch ich fürchtete (abgesehen davon, dass meine Beine mich nicht tragen würden), dass er sie nicht mit mir teilen würde. So blieb ich, wo ich war, und sah ihm traurig hinterher bis er mein Blickfeld verließ.
„Hab ein Nachsehen mit ihm“, bat Balin mich und schenkte mir ein Lächeln, das jedoch kaum über seine Mundwinkel hinausging. „Er hat schrecklich gelitten, als er dich – als er sie im Feuer verlor. Für mich ist die Ähnlichkeit ebenso wenig zu leugnen, doch ich glaube dir, wenn du sagst, dass du dich an nichts davon erinnern kannst. Wer weiß schon, welche Zauber die Elben über diesen Brunnen gewirkt haben…“
Ich sah noch immer in die Richtung, in die Thorin verschwunden war. So sehr ihn meine plötzliche Verwandlung auch gefreut hatte, so sehr schien sie ihn zu verunsichern und ins Unglück zu stürzen. Ich musste unbedingt herausfinden, wen Thorin und Balin in mir zu sehen glaubten, was dieser Brunnen bewirkte und – und daran lag mir, ehrlich gesagt, am meisten – wie ich diesen Körper wieder loswurde.
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