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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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06.06.2020 3.884
 
Kapitel 6

Stumm saß ich neben Thorin und beobachtete wie sich die Gefühle, die seine Gedanken in ihm auslösten, in seiner Miene widerspiegelten bis er schließlich mit der Faust ins Wasser schlug und sich abwandte. Frustriert seufzend kehrte er dem Brunnen den Rücken zu, stützte sich hinter sich mit den Händen auf die Kante des steinernen Wasserbeckens. Ich krächzte leise und klickte mit dem Schnabel, sprang auf sein Knie und schob mich in sein Blickfeld als er den Kopf hängen ließ und auf seine Füße starrte.
„Was bedrückt dich“, fragte ich, obwohl ich es bereits ahnte.
„Der Berg“, gab Thorin leise zurück als fürchtete er, belauscht zu werden. „Ich habe erlebt, was Gold mit dem Verstand anstellen und wie es einen zerstören kann. Und ich weiß, wie tödlich das Drachenfeuer ist. Und trotzdem zieht es mich genau dort hin. Zu meinem Königreich und dem Thron, der mein Geburtsrecht ist. Ich bin ein König, verdammt! Und ich schulde es meinem Volk, ihnen ein sicheres Zuhause zu verschaffen. Ohne Bettelei in den Straßen, ohne abschätzige Blicke der Menschen, wenn wir unsere Dienste anbieten und ohne die ewige Ungewissheit, wo es uns als nächstes hin verschlägt. Ohne das Gefühl, nirgendwo hinzugehören und heimatlos durch die Lande zu ziehen.“
Er sah mich an, müde und zerrissen zwischen seiner Pflicht seinem Volk gegenüber, den Erwartungen und Hoffnungen, die er in ihm weckte, und seiner Angst, es gleichgültig von der Entscheidung, den Einsamen Berg zurückzuerobern oder diesem fern zu bleiben, zu enttäuschen. Zwar wusste kaum jemand von seinem Vorhaben und wohin er und seine Landsleute zogen, er war schließlich auch ohne Thron und Krone Durins Erbe und König der Zwerge Erebors. Doch ohne Königreich, das es zu regieren galt, würde ihm abgesehen von seinem Volk keiner als den wahrnehmen, der er war: Thorin Eichenschild, Sohn des Thrain, Sohn des Thror. König unter dem Berge, Herrscher über das Königreich Erebor.

„Ich habe keine Wahl“, bemerkte Thorin schließlich, „und wir haben nur diese eine Gelegenheit, in den Berg zu kommen. Selbst wenn es unser Ende sein wird.“
„Sag so etwas nicht“, tadelte ich ihn, „du hast starke und treue Gefährten bei dir, manche weniger gescheit als andere, aber dennoch alle an deiner Seite und ohne dich oder deine Entscheidungen zu verurteilen. Vielleicht erheben sie Einwände, wenn dein Dickkopf zu starrsinnig wird, aber sie folgen dir dennoch.“
Ein leises Lächeln stahl sich auf Thorins Lippen, aber es war eher der Versuch eines solchen. Dann legte er den Kopf ein wenig schief und seufzte leise. Ich tat es ihm gleich.
„Es ist ungewohnt, deine Stimme zu hören und zu wissen, dass sie zu dir gehört. Aber ich bin froh, nicht mehr Selbstgespräche führen zu müssen oder darauf Acht zu geben, dass mich keiner beobachtet, wenn ich mit einem Vogel rede, um nicht als verrückt zu gelten.“
„Du solltest dennoch darauf Acht geben, denn ich entscheide selbst, an wen ich meine Worte richte. Und es ist nicht jeder Geist offen und wach genug für die gedankliche Kommunikation mit Raben oder anderen Tieren.“
Thorin starrte mich verblüfft an und musterte mich blinzelnd als ihm gewahr wurde, dass ich keins der Worte, die er vernahm, mit dem Schnabel formte. Wie sollte ich das auch anstellen? Nein, ich schickte ihm lediglich meine Gedanken, die ich vorher in seiner Sprache formulieren musste. Ich dachte ebenso wenig in Worten wie sonst ein Tier, sie waren für uns nutzlos und ihren Sinn verstanden wir oft nicht. Ob uns jemand verscheuchen oder anlocken wollte, merkten wir natürlich, doch wir entnahmen Absichten und Gefühle nicht den gesprochenen Worten, sondern der Körperhaltung, der Mimik, Gerüchen und allem, was die Körpersprache unseres Gegenübers hergab. Auch die Stimmlage verriet viel über die Gedanken derer, die sich Worten bedienten, um zu kommunizieren. Doch unter Raben oder anderen Tieren? Nein, wir dachten in Bildern und Gerüchen, Windströmungen und vor allem nach Futterquellen. Während ein Zwerg oder Mensch den Weg mit Straßennamen oder Geschäften beschrieb, würde meine Auskunft wie folgt lauten: Verbranntes-Horn-Gestank, Spitzturm, warme Strömung, Blut, süßer Apfel. Vorsicht vor der Katze!
„Du meinst…ich bin der Einzige, der dich versteht?“
„Nein“, gab ich zurück, „die Elben sind sehr naturverbunden, sie gehen auf die Welten der Tiere um sie herum ein. Vermutlich könnten sie unser Gespräch trotzdem belauschen.“
Thorin murrte, der Gedanke gefiel ihm offenbar überhaupt nicht.
„Ansonsten“, fuhr ich fort und raschelte mit den Flügeln, „hört mich, wem ich in Worte gefasste Gedanken entgegenbringe. Ich verweilte vorhin ein wenig bei Bilbo.“
Ich erzählte ihm vom geteilten Apfel und den Drosseln, die über uns hinweg geflogen waren. Dem zweifelnden Blick des Hobbits als ich ihm die Vogelart nannte. Seinen Versuch, mich anzufassen, den ich mit Entrüstung unterbunden hatte. Thorin gluckste amüsiert.
„Der arme Meister Beutlin muss doch sehr an seinem Verstand gezweifelt haben.“
„Ja, aber er hat offenbar einen wachen Geist“, gestand ich dem Hobbit zu. Thorin brummte zustimmend, strich sacht mit dem Zeigefinger über meine Brust. Ich überlegte, ob ich ihn von Elronds Angebot an mich und den Hobbit unterrichten sollte, entschied mich aber schnell dagegen. Es würde ihn nur unnötig aufregen und den Hobbit noch tiefer in seiner Gunst sinken lassen, obwohl ich ihm nicht verübeln konnte, wenn er in Bruchtal blieb.

„Hast du eigentlich einen Namen“, fragte Thorin plötzlich.
„Die Frage stellst du dir nach hundertsiebenundsechzig Jahren erst“, fragte ich zurück und zwinkerte ihm zu. Wäre ich in der Lage dazu gewesen, hätte ich breit gegrinst.
„Nein“, gab Thorin zu und lachte leise, wirkte beinah verlegen. „Ich habe dir bisher nur kleine Kosenamen gegeben, aber du wirst sicher einen Namen haben, den du mir nie verraten hast. Deine Eltern werden dir sicherlich einen gegeben haben.“
„Das haben sie“, gab ich zurück und streckte mich, schüttelte die Federn aus. Diese langen Unterhaltungen strengten mich unheimlich an, ich war es nicht gewohnt in Westron zu denken und spürte, wie mein Geist zunehmend schläfrig wurde.
„Wie lautet er“, hakte Thorin nach als ich nichts weiter sagte.
„Den wirst du in deiner Sprache nicht aussprechen können“, entgegnete ich.
„Versuchen wir es dennoch“, meinte er zuversichtlich.
„Wie Ihr wünscht, mein König“, neckte ich ihn und nannte ihm meinen Namen. Eine Aneinanderreihung von kehligen und vollen, lauten und leisen Krächzern, ein Schnabelklick. Thorin sah mich weiterhin gespannt an und wartete ab, bis er schließlich verstand und laut auflachte, wie er es sich in Gegenwart seiner Gefolgschaft nie wagen würde. Ich stellte unwillkürlich die Federn auf als es denselben Schauer verursachte wie seine Stimme, wenn er mir etwas zuraunte und er mich zu beruhigen versuchte. Er lachte viel zu selten.
„Nun“, begann er, noch immer glucksend, „du hast Recht. Das kann ich nicht aussprechen.“
„Das hätte mich auch überrascht“, gab ich zurück und zwinkerte erneut, versuchte mir genau einzuprägen, wie sein Lachen die Sorgenfalten an der Stirn durch Lachfalten an den Augen ersetzte. Er wirkte um so viele Jahre jünger, unbeschwerter und glücklicher.
„Wie darf ich dich stattdessen nennen?“
„Ich dachte, Herr oder Herrin geben ihren Haustieren den Namen.“
„Das stimmt, aber du bist kein Haustier. Du bist frei und kannst fliegen, wohin es dir beliebt und wo der Wind dich hinträgt. Du bist eine Freundin, eine Vertraute. Kein abgerichtetes Tier, das mir zu Diensten ist und das ich unterjochen müsste.“
„Dennoch solltest du mir einen geben“, entgegnete ich und hoffte, dass er mir die Verlegenheit und doch große Freude nicht ansah, die mich durchflutete, als er sprach.
„Nun, dann werde ich darüber nachdenken“, sagte Thorin lächelnd ehe wir schweigend beisammen saßen und die Gesellschaft des jeweils anderen schätzten und genossen. Es dauerte nicht lange, ehe er, die Stirn leicht in Falten gelegt, erneut in Gedanken versank.

Ich musterte ihn abschätzend, versuchte aus seiner Miene zu erraten, wohin ihn seine Grübeleien dieses Mal geführt hatten, doch ich fand keine Antwort darauf. Stattdessen plagte mich zunehmend ein Durstgefühl, das danach schrie, meine Aufmerksamkeit von Thorin abzulenken. So wandte ich mich dem Wasser im Brunnen zu und flog mit einem erschrockenen Schrei auf, als ich mich über den Rand beugte. Thorin sprang, alarmiert von meinem Ruf, auf und sah sich angespannt um ehe er mich fragend ansah.
„Was ist? Was hast du gesehen oder gehört?“
Ich antwortete nicht. Stattdessen wagte ich mich vorsichtig erneut an den Rand und lugte unsicher darüber hinweg ins Wasser, ehe ich erneut aufflatterte und aufgeregt krächzte. Thorin trat nun ebenso vorsichtig näher und sah ins Wasser, suchte dort nach dem Grund für mein Verhalten. Doch er fand nichts, sah mich nur skeptisch an.
„Was soll das“, verlangte er zu wissen, „da ist nichts.“
Ich trat erneut an den Rand und zwang mich, nicht auf mein Spiegelbild zu achten, sondern starrte auf das von Thorin, um seine Reaktion zu beobachten. Er starrte auf die Stelle im Wasser, an der sich mein Abbild spiegeln müsste, sah immer wieder von mir zum Wasser und zurück ehe er keuchend zurücktaumelte und mich entgeistert anstarrte.
„Das ist nicht möglich“, brachte er heiser heraus, „du – Wer bist du? Was bist du?“
Ich sah erneut ins Wasser. Große braune Augen sahen mir entgegen, neugierig und doch erschrocken. Lockiges Haar, so schwarz wie mein Gefieder, rahmten das blasse Gesicht ein, das mir entgegensah. Ich legte den Kopf ein wenig schief, mein Spiegelbild ebenso. Ich schlug mit den Flügeln, mein Spiegelbild wedelte mit den Armen. Ich krächzte leise, amüsierte mich der Anblick doch ein wenig. Mein Spiegelbild lachte leise ehe es wieder ernst wurde, als ich mich näher zum Wasser beugte. Sie kam mir wage bekannt vor, als hätte ich sie einmal flüchtig getroffen und suche nach der Erinnerung an diese Begegnung. Warum glaubte ich nur, diese (aus Zwergensicht) junge Frau zu kennen?
„Das ist nicht möglich“, hörte ich Thorin erneut sagen als er neben mich trat und ich seinem Spiegelbild ebenso in die Augen sah wie er meinem. Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ich – Ich sah dich die Eingangshalle durchqueren, auf der Flucht vor dem Drachen. Ich wollte zu dir, dich verteidigen und beschützen. Balin zog mich mit sich nach draußen, als –“
Er atmete stockend ein und aus und schüttelte erneut den Kopf, den Blick gequält abgewandt und offensichtlich mit sich und den Bildern, die diese Erinnerung mit sich brachte, kämpfend. Ich hatte immer noch keine Ahnung, wovon er sprach, denn als der Drache den Berg angriff, war ich noch nicht einmal geschlüpft. Er konnte mich dort nicht gesehen haben.
„Smaugs Feuer breitete sich in der Halle aus“, fuhr Thorin fort, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Ich hörte dich meinen Namen rufen, sah dich die Hand nach mir ausstrecken, ehe … ehe das Feuer dich mir nahm. Noch immer höre ich dich nachts in meinen Träumen nach mir rufen, höre den entsetzlichen, schmerzverzerrten Schrei als das Feuer dich verschlingt. Noch immer sehe ich die Furcht in deinen Augen, das Entsetzen. Und –“
Er brach ab als seine Stimme zunehmend zitterte, der Kloß in seinem Hals deutlich hörbar wurde und ihm schließlich die Kehle zuschnürte. Ich hob den Blick von seinem Spiegelbild, um ihn anzusehen. Ich hatte wahrlich schon viele Gefühlsregungen in seinen Augen gesehen, hatte erlebt, wie er Wut und Zorn nachgegeben hatte und sie verdrängt hatte. Hatte beobachtet, wie er grübelnd und zweifelnd die Stirn in Falten gezogen hatte. Kannte das Zähneknirschen, wenn er mit sich rang, und die Trauer, wenn ihn Erinnerungen plagten. Doch nie hatte ich Tränen in seinen Augen gesehen.
Erschrocken und hilflos folgte mein Blick der einen Träne, der er erlaubte, über seine Wange zu rinnen, ehe er blinzelte, die Augen zusammenkniff, sich vom Brunnen abwandte und um Fassung rang. Es tat mir weh, ihn so leiden zu sehen und noch immer nicht zu verstehen, was diese selbst mir bisher unbekannte Seite an Thorin zum Vorschein gebracht hatte. Er atmete noch immer zitternd und ich hätte schwören können, ein unterdrücktes leises Schluchzen gehört zu haben. Nachdenklich sah ich wieder ins Wasser zu meinem unglaublichen Spiegelbild, beugte mich gerade soweit über den Rand, dass ich nicht fiel. Und bemerkte so nicht, dass Thorin sich an mich heranschlich.

Erst als er hinter mir stand und mich packte, die Flügel an meinen Körper drückte und mich trotz meines Aufschreis und Protests immer näher zum Wasser hielt und es damit zu spät für mich war, ihm zu entkommen, bemerkte ich, dass er sich mir wieder genähert hatte.
„Verzeih mir“, murmelte er. Schmerz und Verzweiflung schwangen in seiner Stimme mit.
„Lass mich los“, schrie ich, „Thorin!“
Ich begegnete dem angstvollen Blick der Frau, deren ebenmäßiges Abbild die Wellen zerstörten, die mein Eintauchen in das Wasser des Brunnens hervorriefen. Als ich gänzlich unter Wasser war und zunehmend panisch versuchte, Thorins festem Griff zu entkommen, breitete sich eine wohlige Wärme in mir aus, der augenblicklich eine Eiseskälte folgte. Ich war unfähig mich zu rühren, spürte nur, dass Thorin mich losließ.
Stille und eine undurchdringliche Dunkelheit umgaben mich.

Prustend tauchte ich aus dem Wasser auf, schlug mit den Flügeln, um aus dem Brunnen und Thorins Reichweite zu gelangen. Doch nichts geschah, ich bewegte mich nicht vom Fleck. Mein Blick kreuzte den von Thorin, der mich fassungslos aus großen Augen und mit offenem Mund anstarrte ehe er keuchend blinzelte. Ein ungläubiges kleines Lächeln spielte um seine Mundwinkel, sonst stand er regungslos neben dem Brunnen. Ich starrte ihn an, sah ihm direkt in die Augen und wollte mich lautstark bei ihm darüber beschweren, dass er offenbar versucht hatte, mich hinterrücks zu ertränken. Doch dann trat erneut etwas in seine Augen, das er bisher sorgsam vor allen verschlossen und verborgen gehalten hatte.
Auch wenn er mir gegenüber stets mehr Gefühle gezeigt hatte als seinen Freunden und Gefolgsleuten gegenüber und er mir den ein oder anderen Blick geschenkt hatte, der die Vertrautheit, Verbundenheit und tiefe Zuneigung widerspiegelte, die er mir gegenüber empfand… Diese Blicke waren nichts im Vergleich zu der tiefen Liebe und Wärme, die jetzt in seinen Augen lag und sie wie Sterne in seinem sonst oft so dunklen Gemüt leuchten ließ.
Ich hatte ihn einen Moment einfach nur verwirrt angestarrt, doch meine Verwirrung stieg ins Unermessliche als ich erneut aus dem Wasser flüchten wollte. Statt mich in die Luft zu erheben, trafen meine Flügel nur mit einem ungewohnten Klatschen auf die Wasseroberfläche. Ein zweiter Versuch brachte dasselbe Ergebnis. Ich drehte den Kopf, um nach der Ursache für meine vergeblichen Bemühungen zu forschen. Und erstarrte.
„Was hast du getan“, brachte ich heiser und mit ungewohnt hoher Stimme hervor während ich ungläubig und mit wachsendem Entsetzen auf meine Vordergliedmaßen starrte. Keine schwarzgefiederten Flügel, sondern blasse Haut über angespannten Muskeln. Keine Schwingen, sondern Hände. Mein Atem wurde hektischer als ich langsam die Hände vor mich hielt und ihr unkontrolliertes Zittern beobachtete. Als ich an dem Körper hinuntersah, der nicht zu mir gehörte, überkam mich Panik. Ich holte japsend Luft, tastete immer wieder an mir auf und ab und hoffte, aus diesem Alptraum zu erwachen.
„Amrâlimê“, sprach Thorin mich heiser an und räusperte sich.
„Was hast du getan“, schrie ich ihn hysterisch an und stutzte als er verlegen den Blick abwendete. Erneut sah ich an, nun ja, mir hinunter und schluckte als mir heiß wurde. Natürlich, ich trug nichts am Leib, war des Federkleides beraubt. Ich kauerte mich zusammen, verwirrt und nackt seinen Blicken ausgeliefert.

„Komm aus dem Wasser“, forderte er mich leise auf, ein Zittern in der Stimme. Ich sah ihn aus dem Augenwinkel an als er den Mantel auszog und an den Schultern hochhielt, um ihn mir um die Schultern zu legen und darin einzuhüllen. Ich sah auf die viel zu langen Beine, die mich nun würden tragen müssen, und versuchte irgendwie aufzustehen. Wie sollte ich das bloß anstellen? Und wie mit ihnen laufen? Die Gelenke schienen an völlig falschen Stellen. Ich versuchte schließlich den Bewegungsablauf zu imitieren, den ich bei Zwergen und Menschen beobachtet hatte, wenn sie sich vom Boden erhoben, und kam schwankend auf die Beine. Allerdings währte mein Triumph nicht lange, denn kaum, dass ich aufrecht stand, gaben sie nach und ich riss erschrocken die Augen auf, als ich zu fallen drohte. Kaum einen Wimpernschlag darauf spürte ich große, starke Hände an meiner Taille.
„Ich halte dich.“
Ich hob den Blick und sah in die blauen Augen, die mich schon so oft in ihren Bann gezogen hatten. Thorin schlang einen Arm um mich und verstärkte den Griff, angelte mit der freien Hand nach seinem Mantel, der auf dem Brunnenrand lag, und hüllte mich darin ein. Ein sanftes, liebevolles Lächeln hatte sich auf seinem Gesicht ausgebreitet als er mir über den Rücken strich und mich schließlich auf seine Arme lud, um mich endlich aus dem Wasser zu tragen. Erschrocken schlang ich die Arme um seinen Hals, was sein Lächeln nur noch verbreiterte. Vorsichtig stellte er mich schließlich auf den Steinboden vor dem Brunnen.

„Hatte ich Euch nicht vor diesem Brunnen gewarnt, Thorin Eichenschild“, erklang Elronds Stimme als er den Platz betrat. „Hatte ich Euch nicht davor gewarnt, hineinzusehen?“
Der Elb warf mir einen Blick zu, ehe sich seine Miene verfinsterte.
„Was habt Ihr getan“, zischte er den Zwerg an, an dessen Brust gelehnt ich noch immer versuchte, das nötige Gleichgewicht zu finden, um auf diesen Beinen stehen zu können.
„Ihr habt sie ihres Körpers beraubt!“
„Das denke ich nicht“, erwiderte Thorin kühl. „Sagtet Ihr nicht, der Brunnen zeigt das wahre Gesicht, durch welchen Zauber es auch versteckt sein mag?“
„Kein solch mächtiger Zauber geht spurlos an einem Lebewesen vorbei. Ihr hattet kein Recht, sie in einen Körper zu bannen, der nicht mehr ihr gehört. Was, glaubt Ihr, richtet Eure Gedankenlosigkeit mit einem Raben an, der –“
„Sie ist kein Rabe“, herrschte Thorin den Elben an. „Welcher makabere Zauber war es, den der Brunnen aufgedeckt hat? Mich ihrer zu berauben, um sie mir als Vogel meines Volkes vor die Füße zu werfen, sieht Eurem Volke ähnlich.“
„Wagt es nicht, mich und mein Volk dieser Magie zu bezichtigen! Es ist kein Zauber, den wir Elben wirken können. Ich bezweifle auch, dass Mithrandir ihn beherrscht. Was mit ihr geschah, vermag ich nicht zu sagen, doch es ist ein uralter Zauber Mittelerdes, der sich ihrer bemächtigt hat. Kaum jemand weiß heute noch um ihn und es existieren kaum Aufzeichnungen oder Berichte. Ich bezweifle auch, dass sie selbst etwas darüber sagen kann. Sie mag einen Teil ihres Wesens behalten haben, doch sie ist nicht die Zwergin, die Ihr kanntet, Thorin Eichenschild. Ihre Erinnerungen sind verwaschen und verworren, wenn sie überhaupt auf sie zurückgreifen kann.“
Der Elb trat näher, sowohl er als auch Thorin hatten einen Großteil der Anspannung und der Wut verloren. Elrond musterte mich, die Stirn nachdenklich in Falten gelegt, ehe er nach meiner Hand griff und mich sanft von Thorin wegzog. Weder er noch ich protestierten. Als mir dies bewusst wurde, sah ich unsicher über die Schulter, doch Thorin sah mich nur stumm an ehe er leicht nickte.
„Kommt“, zog Elrond wieder meine Aufmerksamkeit auf sich, „Ihr seid sicher erschöpft und verwirrt. Lasst mich Euch ein Zimmer und ein Bett geben. Wenn Ihr ausgeruht und gegessen habt, unterhalten wir uns. Euer König wird warten müssen.“
Er warf Thorin einen ernsten Blick zu, den dieser mit einem Zähneknirschen kommentierte, ehe er dem Elbenfürsten leicht zunickte. Er würde warten, bis ich mich erholt hatte.
„Lindir“, rief Elrond einen Elb herbei, der offenbar in der Nähe gestanden hatte und nun aus dem Schatten trat. „Führe unseren Gast zu einem freien Zimmer. Gib ihr Kleidung und etwas zu essen. Es soll ihr an nichts fehlen.“
Lindir verbeugte sich vor seinem Herrn als Zeichen, dass er verstanden hatte, und hielt mir den Arm hin. Sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen, er befolgte lediglich einen Befehl. Noch immer zitternd und unsicher auf den Beinen, die mir nicht ganz gehorchen wollten, ergriff ich seinen Arm und musterte ihn kurz. Überrascht sah ich ihn an.
„Ich kenne Euch“, bemerkte ich und bekam einen ebenso überraschten Blick als Antwort. „Ihr habt mich auf dem Felsen gefunden und hierhergebracht.“

Irritiert sah der Elb mich an und warf einen Blick zu seinem Herrn, sagte jedoch nichts. Stattdessen setzte er sich langsam in Bewegung, um seinen Befehl zu befolgen. Ich stolperte neben ihm her und sah ihn kurz dankbar an, als er nach einem erneuten Beinah-Sturz schließlich den Arm um meine Mitte legte, um mich zu stützen. Hinter uns hatte Thorin einen hastigen Schritt auf uns zu gemacht, seine schweren Stiefel hallten vom Stein wider. Er knurrte missbilligend als der Elb den Abstand zwischen uns verringerte. Um Lindirs Mundwinkel und Augen zuckte für den Bruchteil einer Sekunde ein Ausdruck der Belustigung, kurz darauf sah er wieder so unberührt drein wie zuvor.
Er führte mich ein Stück durch den Flur des nächstgelegenen Hauses und öffnete eine Tür zu unserer Linken, ließ mich in einem Sessel Platz nehmen, zündete ein paar Kerzen an und begann das Zimmer herzurichten. Ich sah mich um, entdeckte ein großes, einladend weich aussehendes Bett, ein kleines, verziertes Schränkchen daneben. Ein Spiegel hing über der Waschschüssel ein Stück zu meiner Rechten. Auf dem Tisch neben mir brannte eine dicke weiße Kerze neben einem kleinen Blumenstrauß in einer gewundenen Steinvase. Ich hörte das Rauschen des Flusses, eine Nachtigall sang in einem der Sträucher.
„Ich habe mich nie dafür bedankt, dass Ihr mich in der Ebene aufgelesen habt“, sprach ich Lindir schließlich an als er gerade das Kissen bezog und aufschüttelte.
„Nein, obwohl ihr einige Gelegenheiten hattet“, gab er ohne jeglichen Vorwurf zurück.
„Verzeiht. Für mich seht ihr Elben alle gleich aus, ebenso wie die meisten Menschen.“
„Aber die Zwerge könnt Ihr unter dem vielen Wildwuchs im Gesicht voneinander unterscheiden“, fragte Lindir spöttisch.
„Nun, zugegeben“, gluckste ich, „auch die würde ich leicht verwechseln, wenn ich nur auf den Anblick ihrer Gesichter angewiesen wäre.“
„Ich wette, Eichenschild würdet ihr überall wiedererkennen. Auch, wenn er kahlgeschoren wäre wie dieser grobschlächtige tätowierte Zwerg, der ständig brummt und motzt.“
„Dwalin“, lachte ich ob der treffenden Beschreibung. „Ihr habt Recht. Thorin würde ich überall wiedererkennen. Er ist schließlich mein König.“
„Er ist ein Zwerg“, kommentierte Lindir mit einer Spur Abfälligkeit in der Stimme. „Ihr nicht. Auch wenn Ihr momentan wie eine seines Volkes aussehen mögt, so seid Ihr doch den Körper des Raben gewohnt, nicht wahr?“
Ich antwortete nicht. Mein Kopf schwirrte von all den Gedanken, die mir kamen und die ich nicht fassen konnte. Dazu das Denken in Worten, auf das ich nun angewiesen sein würde. Und ich hatte keine Ahnung, wer oder was ich eigentlich war. Ich seufzte.
„Verzeiht, wenn ich Euch verletzt habe oder Euch zu nahegetreten bin. Es stand mir nicht zu, Euch darauf anzusprechen“, unterbrach Lindir meine beginnenden Grübeleien. „Benötigt Ihr noch etwas? Ich werde Euch noch einen Tee bringen, der beruhigt die Nerven.“
Ich schüttelte müde den Kopf und stand mich an der Armlehne des Sessels festklammernd auf. Thorins Mantel fest um mich geschlungen trat sich einen wackeligen Schritt auf das Bett zu und lächelte Lindir kurz dankbar an als er an meine Seite trat und mich sicher ans Ziel brachte. Als ich auf dem Bett saß, fiel mein Blick auf ein Gewand in blassem Lindgrün, das neben mir lag. Vorsichtig strich ich mit den Fingerspitzen darüber und war überrascht, wie empfindlich diese waren. Ich hörte das Klicken des Türschlosses und sah auf. Lindir war im Begriff das Zimmer zu verlassen und sah mich fragend an als ich ihn ansprach.
„Ich danke dir“, sagte ich ehrlich lächelnd. Der Elb sah mich einen Moment stumm an, erwiderte mein Lächeln schließlich, verbeugte sich und ging.
Nun musste ich nur noch herausfinden, wie ich diesen ungewohnten, mir noch unheimlichen und ungeliebten Körper in das Gewand hüllen sollte…
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