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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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30.05.2020 3.254
 
Kapitel 5

Langsam flog ich über den Fluss, folgte dem Wasserfall im Sturzflug und sah mich neugierig um, fasziniert von Bruchtals Schönheit. Auch, wenn es das Heim von Elben war, übertraf dieser Ort selbst das Auenland. Thorin gegenüber würde ich es natürlich nie erwähnen, doch mir gefiel der Gedanke, hier im Tal mit seinen großen Bäumen und dem Fluss zu bleiben, weitaus besser als in die Einöde zu einem Berg zu ziehen, nichts als Stein und Fels drum herum und einen Feuer speienden Drachen in Aussicht. Ich zog weiter meine Kreise über das Tal und die Gebäude der Elben, entdeckte Thorin und Elrond, der ein paar Bücher und Schriftrollen trug, auf der Brücke und stieß einen Schrei aus als ich bemerkte, dass sie stehen geblieben waren und mich beobachteten. Sie setzten ihren Weg fort, der Elb schien irgendetwas zu erzählen. Doch das kümmerte mich nicht, war ich doch von der Freude beherrscht, dass ich wieder fliegen konnte. Dass es etwas mit dem Herrn Bruchtals zu tun haben könnte, dessen schlanke Finger mich gefühlte Ewigkeiten in einem festen Griff gefangen hielten, kam mir nicht in den Sinn.

Mein Blick glitt weiter und ich entdeckte Bilbo, der wie ich die Aussicht zu bestaunen schien, auf einem der Balkone. Ich musterte ihn einen Moment und bemerkte, dass ich den Hobbit, der uns nun schon ein paar Monate begleitete, gar nicht kannte. Also landete ich neben ihm auf dem Geländer, krächzte leise zur Begrüßung.
„Hallo“, erwiderte der Hobbit meinen Gruß, sichtlich überrascht über meinen Besuch. Ich krächzte ein wenig vor mich hin, drehte mich um und sah ebenso ins Tal hinab wie Bilbo.
„Es sieht wunderschön aus, oder? Die großen Bäume, deren Blätter leise im Wand rascheln. Das Licht der untergehenden Sonne, das die Baumwipfel in goldenes und rotes Licht taucht. Der gewaltige Fluss, der – wie viele Meter in die Tiefe fällt?“
Er lachte leise als ich den Kopf schief legt und versuchte eine Antwort auf seine Frage zu finden, indem ich den Wasserfall musterte. Doch ich hatte keine Ahnung von Maßangaben, ich maß Entfernungen in Flugstunden, mit oder ohne Regen, verschiedenen Windstärken und -richtungen. Das nützte nun jedoch weder mir noch dem Hobbit etwas.
„Hach“, seufzte er tief und stützte sich auf das Geländer, das Kinn auf den Händen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Bruchtal sehen werde. Ich meine, ich bin ein Hobbit! Und kein unangesehener, möchte ich meinen. Nein, wir Beutlins sind redliche Leute, die keinen Ärger und keine Abenteuer haben. Und doch bin ich hier.“

Ich fragte mich, ob er glaubte, ich könne ihn verstehen, oder ob er der Ansicht war, dass er mir einfach etwas erzählen könnte, um nicht Selbstgespräche führen zu müssen. Vermutlich letzteres, denn wenn selbst der Elb überrascht war, dass ich Westron sprach, hatte ein Hobbit, der sich nur für die Gemütlichkeit seiner Höhle, das übermäßige Essen, Bier und Pfeifenkraut interessierte, wohl erstrecht nie von Carcs Volk gehört. Eine Berührung an meinem Flügel ließ mich erschrocken zurückspringen. Laut schimpfend und mit den Flügeln schlagend machte ich dem Hobbit auch prompt deutlich, was ich davon hielt.
„Entschuldige“, sagte er sogleich und hob abwehrend die Hände, „hab schon verstanden. Du lässt dich ungern anfassen, das Privileg hat wohl nur Thorin, hm? Verzeih, ich wollte dich nicht erschrecken oder verärgern. Und werde es nicht wieder tun.“
Ich musterte ihn einen Moment skeptisch, ließ dann jedoch die Flügel sinken, die ich noch immer erhoben hielt, um größer zu wirken und mich zu verteidigen oder zu flüchten. Ich krächzte noch ein paar Mal tadelnd, setzte mich jedoch schließlich bequem hin und sah stumm mit Bilbo ins Tal hinab. Ab und an seufzte er, folgte einer Biene oder einem Schmetterling mit den Augen und sah mich einen Moment verdattert an, als ich einen solchen aus der Luft schnappte und schnell hinunterschlang.
„Ja, ich weiß, du musst fressen. Aber muss das ausgerechnet der Schmetterling sein, an dem ich mich gerade erfreue? Warte kurz“, fiel ihm plötzlich etwas ein und ich wandte den Kopf, um zu sehen, was er vorhatte. Bilbo war in das Zimmer gehuscht, von dem der Balkon abging, und suchte etwas in seinem Rucksack. Vogelgeschrei und das Rascheln von Flügelschlägen ließen mich aufsehen und lenkten mich so von Bilbo ab, der kurz darauf wieder neben mir erschien und meinem Blick folgte.
„Raben“, fragte er und hob eine Hand über die Augen, um sie gegen die tiefstehende Sonne abzuschirmen und zu erkennen, was meine Aufmerksamkeit erregt hatte.
„Drosseln“, antwortete ich ohne nachzudenken.
„Ah“, gab er nur zurück ehe er stutze und mich skeptisch aus den Augenwinkeln musterte. Er schüttelte leicht den Kopf und blinzelte, räusperte sich leise. Offenbar zweifelte er eher an seinem Verstand als dass er mir die Fähigkeit des Sprechens zutraute.
„Sieh mal“, meinte er schließlich und zeigte mir seinen Fund. Ein kleiner tiefroter Apfel. Ich sah vom Apfel zum Hobbit, der mich angrinste und ein Messer zog. Ich erhob mich und hüpfte prompt ein Stück von ihm weg. Auch, wenn ich nicht glaubte, dass er mich angreifen würde und das Messer lediglich für den Apfel gedacht war, war ich nicht gewillt, mein Leben für einen Happen Obst zu riskieren. Bilbo blinzelte mich fragend an.
„Oh, keine Angst“, sagte er als er verstand, „ich werde dir sicher nichts tun. Thorin würde mich in kleine schnabelgerechte Happen zerteilen und an deine Artgenossen verfüttern.“
Auch wenn er darüber leise lachte, schien ihm ebenso wie mir bewusst, dass seine Vermutung sich durchaus bewahrheiten könnte. Thorin war sicher nicht grausam und erstrecht kein kaltblütiger Mörder, doch eine gewisse Rachsucht war ihm keinesfalls abzusprechen. Je größer der Verlust und der Verrat, desto furchtbarer seine Rache.
Den Hobbit noch einmal musternd trat ich vorsichtig näher, schnappte das mir angebotene Stück Obst und hüpfte eilig wieder aus seiner Reichweite, um es zu verschlingen. Dann sah ich ihn wieder an. Diese Prozedur wiederholte sich einige Male ehe er einen Teil des Apfels kleinschnitt und auf Armeslänge neben sich auf die Brüstung des Balkons legte. Noch immer Bruchtal bewundernd und in einträchtigem Schweigen, das nur durch gelegentliche leise Seufzer des Hobbits gebrochen wurde, aßen wir schließlich den kleinen überreifen und damit schon beinah zu süßen Apfel aus seiner Tasche.

Ich streckte mich schließlich und schüttelte das Gefieder aus, ehe ich es mir bequem machte und meinen Gedanken nachhing. Etwas an diesem Ort faszinierte mich, auch wenn ich nicht beschreiben konnte, was es war. Sicher, die Elben wussten ihre Gebäude zu verzieren und ihre Roben waren aus feineren Stoffen und filigraner bestickt als die der Menschen oder gar Zwerge, doch beides interessierte mich nicht. War es das Rauschen des Wassers unter mir? Das Flüstern des Windes in den Blättern der Bäume? Nein, denn Flüsse und Bäume gab es schließlich nicht nur hier und ich hatte unzählige gesehen und überflogen. Und doch machte dieser Ort etwas mit mir, als läge ein Zauber über ihm, der jeden, der ihn erblickt, gefangen hält. Ich verspürte zunehmend den Wunsch, hier zu verweilen, auch wenn ich keinen Zweifel daran hegte, dass Thorin und die anderen so schnell es ging möglichst viele Meilen zwischen sich und die Elben bringen wollten. Nicht zuletzt, weil Dwalin mit jedem Tag, an dem er nichts als Salat und Gemüse an der Tafel fand, etwas mürrischer wurde und immer wieder etwas an Bruchtal und den hier lebenden Elben auszusetzen hatte. Manchem musste ich mit einem kleinen Schmunzeln zustimmen, anderes schien mir übertrieben und als suche er nach Gründen, Thorin zum Aufbruch zu bewegen. Hinzu kam, dass dieser überaus abergläubische alte Dori hinter jedem Grasbüschel einen gefährlichen Zauber vermutete. Und obwohl ich seinen Aberglauben und die dazu gehörigen Warnungen immer wieder als albern empfand, war ich mir dieses Mal nicht ganz so sicher, ob er nicht vielleicht recht haben könnte und dieser Ort unter irgendeinem Zauber lag, den keiner von uns verstand. Trotzdem hatte mich Bruchtal augenblicklich in seinen Bann gezogen, ebenso wie den Hobbit neben mir, der erschrocken zusammenfuhr als Elrond neben ihn trat und ihn nach wenigen gewechselten Worten willkommen hieß, sollte er die Gemeinschaft der Zwerge verlassen und lieber in Bruchtal bleiben wollen.
„Ihr seid selbstverständlich ebenso willkommen“, fügte er mit einem Lächeln an mich gerichtet hinzu. Ich plusterte mich auf, empört darüber, dass dieser spitzohrige, Bäume ansingende, in Rätseln sprechende Greis im Körper eines Mannes mittleren Alters es wagte, Thorin seinen Meisterdieb abschwatzen zu wollen und mich offenbar für illoyal hielt. Ich schlug erbost mit den Flügeln und schrie ihm entgegen, stieß mich vom Balkongeländer ab und ließ diesen hinterhältigen Elb und den Hobbit zurück.

Als ob ich hier bei den Elben bleiben würde, die stets melancholisch und beherrscht, geradezu emotionslos wirkten! Selbst ihrer Musik fehlte diese besondere gesellige und lebensfrohe Note, die die Zwerge mit sich brachten. Als ob ich Thorin im Stich lassen würde, der mich seit jenem schicksalshaften Tag, an dem er mich von einer Katze verletzt auffand, umsorgte und mir ein Zuhause gegeben hatte. Es bestand nicht aus Stein oder Holz, hatte weder Dach noch Zimmer, Türen oder Fenster. Es war kein Ort, an den ich nach langen Tagen zurückkehrte, um zu ruhen, und an dem ich mich geborgen, beschützt und wohl fühlte. Nein, diese Art eines Zuhauses war es nicht. Es war Thorin selbst, der mir das Gefühl einer Heimat gab und zu dem ich stets zurückkehrte und zurückkehren werde. Es gab nichts in der Welt der Elben oder anderer Völker Mittelerdes, das mir auch nur halb so wertvoll erschien. Um nichts in der Welt würde ich ihn verraten, weder in diesem Leben noch irgendeinem anderen. Wo auch immer er hinging, würde auch ich sein.

Noch immer entrüstet über das Angebot des Elben, so freundlich es auch gewesen sein mag, flog ich zu den Zwergen. Sie waren im sonst stillen Tal nicht zu überhören, ihre Stimmen und ihr fröhliches Gelächter schallte mir bereits von weitem entgegen. Ich landete gerade auf dem Geländer als der Tisch, auf dem Bombur saß, krachend unter ihm zerbarst und der fette Zwerg auf dem Hosenboden landete. Seine Verwandten und Freunde lachten laut und schallend, lagen bald ebenso am Boden. Ich krächzte ein paar Mal, um auf mich aufmerksam zu machen und sah Kíli fragend an als er sich, noch immer glucksend, ein paar Lachtränen aus den Augenwinkeln rieb und einen Zug von seiner Pfeife nahm. Er bemerkte mich und sah mich überrascht an ehe er sich kurz umsah und mit den Schultern zuckte.
„Er ist dort oben“, hörte ich zu meiner Linken und folgte schließlich Dwalins Fingerzeig zu einem der naheliegenden Gebäude. Ich krächzte einen kurzen Dank und setzte meine Suche fort, landete schließlich auf einer der Fensterbänke und spähte vorsichtig ins Innere des dunklen Zimmers, konnte jedoch nichts entdecken.
„Thorin“, fragte ich leise aus Angst, dass er mich erneut von sich stieß oder ich ihn erschreckte. Vielleicht war er auch gar nicht mehr hier und jemand anderes würde an seinem Verstand zweifeln, wenn ein Rabe auf dem Fenstersims nach einem Zwergenkönig fragte.
„Ich bin hier“, kam die ersehnte Antwort. Leise, kaum mehr als ein Flüstern. Er musterte mich skeptisch als wüsste er nicht, wie viel meines Daseins real wäre und welchen Teil er sich einbildete. In all den Jahren war er mir nie so misstrauisch und unsicher gegenübergetreten.

„Wer bist du“, fragte er schließlich. Ich kannte diesen Tonfall, auch wenn er ihn mir gegenüber bisher nie ergriffen hatte. Vorsicht schwang in ihm mit, Distanz und Misstrauen mit einer Prise Ablehnung und Feindseligkeit. Ich starrte ihn an, unfähig etwas zu erwidern oder irgendwie zu reagieren. Unverständnis darüber, wer sein treuer Begleiter überhaupt war. Wut darüber, dass ausgerechnet ein Elb mehr über seinen Raben wusste als er selbst und dieser ihm nie einen Hinweis gegeben hatte, wieviel er tatsächlich von dem verstand, was er ihm anvertraute. Trauer darüber, von seinem engsten Vertrauen verraten worden zu sein und somit einen Freund verloren zu haben, der all seine Geheimnisse kannte.
Was hätte ich auf all diese Emotionen und Gedanken, die ich in Thorins Blick und Körpersprache erkannte, erwidern sollen? Wie hätte ich ihm erklären sollen, dass ich Angst hatte, genau diese Reaktion bei ihm hervorzurufen? Dass ich mir nicht einmal selbst erklären konnte, warum ich die vielen lange Jahre an seiner Seite geblieben war, fernab des Rabenvolkes, das Elrond genannt hatte, und mir allein der Gedanke, von ihm getrennt zu sein, wie ein Todesurteil und Verdammung erschien?
„Seit hundertsiebenundsechzig Jahren bist du an meiner Seite“, begann Thorin ohne mich anzusehen, „ich habe dir nie etwas verschwiegen. Keinen Gedanken, kein Gefühl, keine noch so kleine Idee. Es gibt nichts, das du nicht von mir weißt. Ich hatte keinerlei Geheimnisse vor dir.“
Er atmete tief durch, knirschte sichtlich angespannt mit den Zähnen und ballte die Hände zu Fäusten. Doch er sah mich noch immer nicht an, sein Blick war auf die noch immer lachende und essende Meute der Zwerge gerichtet.
„Und heute muss ich erfahren, dass ich nichts über dich zu wissen scheine. Es kommt mir vor, als wärst du mir völlig fremd und unbekannt. Ich hielt dich für einen einfachen Raben. Schließlich für einen von Carcs Nachkommen, schließlich sind mir, entgegen der Vermutung des Elben, die Raben Erebors keineswegs unbekannt. Ich kannte Roac, Balin war lange mit dessen Vater Carc befreundet. Dass du einer dieser Raben sein könntest, kam mir schon früh in den Sinn. Mir war jedoch nicht bekannt, dass sie so anhänglich sind und sich das Vertrauen und die Freundschaft von Zwergen erschleichen, um sie zu Tode zu erschrecken.“
Ich war während seiner Worte immer mehr in mich zusammengesunken und hatte auf seinen mir zugewandten Rücken gestarrt. Nun, da er sich mir wieder zuwandte, hob ich den Blick und setzte mich ob seiner Miene mit einem leisen unsicheren Krächzen auf. Er bedachte mich mit einem sanften Lächeln, amüsiert über mein schlechtes Gewissen.
„Ich wusste natürlich, dass Carc und Roac die Sprache der Völker Mittelerdes beherrschten. Aber dass du sie lernen würdest“, er schüttelte leise schnaubend den Kopf.
„Ist nicht einfach“, gab ich zurück und schlug leicht mit den Flügeln, „schwierige Denkweise.“
Thorin lachte leise und sah wieder auf das Tal hinab. Eine Weile sprach keiner von uns.

„Warum hast du all die Jahre geschwiegen? Dich nicht zu erkennen gegeben, wenn ich dachte, ich würde eine Stimme hören, die ich nicht einordnen konnte? Mich nicht an deinen Gedanken teilhaben lassen und deine Meinung zu den meinen geäußert?“
„Ich habe Alpträume verjagt“, erwiderte ich, „dir bei Entscheidungen geholfen, wenn sie dich nicht ruhen ließen. Ich habe nachts über dich gewacht. Bist du nie morgens aufgewacht und warst dir einer Sache sicherer als den Abend zuvor?“
Ich legte den Kopf schief als Thorin mich nachdenklich ansah und schließlich Erkenntnis in seine Augen trat. Wie oft hatte ich seinem Gemurmel gelauscht, wenn er im Schlaf sprach und sich den Kopf zerbrach? Wie oft hatte ich ihm daraufhin gesagt, was ich von seinen Ideen und Vorhaben hielt und wie ich über das dachte, was er mir wenige Stunden zuvor anvertraut hatte? Und wie oft war er schließlich mit einem leisen Seufzen in einen ruhigeren Schlaf geglitten und am Morgen überzeugt, das Richtige zu tun?
„Siehst du“, sagte ich schließlich als Thorin eben diese Erkenntnis traf.
„Aber…warum, wenn ich geschlafen habe? Warum hast du es mir nicht ins Gesicht gesagt, so wie du jetzt mit mir sprichst?“
„Ich hatte Angst, du würdest mich fortjagen“, gestand ich, ohne darüber nachzudenken, „und dass ich genau das bei dir sehe und fühle, was du gedacht und gefühlt hast, als Elrond von den Raben sprach und ich nach dir rief. Was du auch jetzt noch denkst und fühlst. Kannst du mir meine Angst verübeln? Ich habe dich nicht hintergangen, Thorin. Das könnte ich nicht.“
„Ich weiß“, sagte er leise und setzt sich auf die Steinbank unter dem Fensterbrett, auf dem ich saß. Unsicher sah ich zu ihm hinunter, denn er hatte noch immer nichts davon erkennen oder verlauten lassen, dass ich an seiner Seite noch willkommen war. Er saß so nah bei mir, dass ich nur einen Flügelschlag zu seiner Schulter gebraucht hätte. Und doch wagte ich es nicht, mich dort niederzulassen. Zu groß war die Angst, er würde mich erneut herunterstoßen und vor mir zurückweichen. Nie hatte mich etwas so sehr verletzt, hatte etwas so tief in meinem Innern so großen Schmerz verursacht wie Thorins Reaktion am Nachmittag.

Die Stimmen von Elrond und Gandalf, die unterhalb des Gebäudes, vor dem Thorin und ich saßen, vorbeigingen, erweckten plötzlich seine Aufmerksamkeit. Er stand auf und schlich näher an die Treppe heran, die ihn vor den Blicken des Elben und des Zauberers verbargen. Einen Moment blieb er stehen und hob den Arm auf Schulterhöhe. Ich zögerte ob der mir angebotenen Einladung, die nicht nur ein Zeichen der Versöhnung war, sondern auch des Vertrauens, das er mir noch immer schenkte. Thorin sah sich kurz nach mir um als ich mich nicht rührte und nickte mir auffordernd zu. Er lächelte leicht als er mich schließlich auf seine Schulter setzte und ich erleichtert den Kopf an seiner Schläfe rieb. Thorin trat um die Ecke und blieb stumm und beinah lautlos hinter Bilbo stehen, der das Gespräch wohl eher zufällig, doch nicht minder interessiert lauschte. Er dreht sich kurz zu Thorin um als er ihn bemerkte, doch mehr als einen kurzen Blick wechselten sie nicht. Elrond und Gandalf sprachen über Erebor und Smaug und eine gesicherte Verteidigung im Osten, wenn es den Zwergen gelang, den Berg zurückzuerobern. Über Thorins Erbe und Thror und Thrain, die dem Gold erlegen waren und darüber den Verstand verloren.
„Könnt Ihr schwören, dass Thorin Eichenschild nicht ebenfalls der Drachenkrankheit erliegt?“
Ich wandte den Kopf, um Thorin anzusehen. Er hatte sich während Elronds Darstellung der Könige Erebors zunehmend vom Gespräch abgewandt, atmete mehrmals tief durch.
„Du bist nicht dein Großvater“, sagte ich leise und grub die Krallen in seine Schulter in der Hoffnung, ihm Mut zu machen. Er fürchtete sich davor, die Hallen Erebors zu betreten. Nicht wegen des Drachens, sondern wegen des Goldes und des Wahnsinns, in den es seinen Großvater Thror getrieben hatte und der schließlich auch seinen Vater befallen hatte. Er hatte erlebt, was ein Übermaß an Gold mit seinen Vorfahren gemacht hatte. Hatte gesehen, wie sie gierig nach immer mehr des glänzenden Metalls geschürft und es angehäuft hatten. Er fürchtete sich davor, sein Dasein nur noch Münzen, Schmuck und Edelsteinen zu widmen und nicht zu bemerken, dass sein Volk ihn brauchte und er seine Freunde verstieß.

„Nein“, stimmte Thorin mir ebenso leise zu als er die Treppe hinter sich gelassen hatte und ziellos einen Fuß vor den anderen setzte, „aber in mir fließt dasselbe Blut.“
„Dasselbe Blut fließt auch in Dís, so wie es in Frerin floss.“
Thorin seufzte tief und entspannte sich wieder, allerdings nicht wegen meiner gut gemeinten Worte. Die Erinnerung an seinen in der Schlacht vor Moria gefallenen Bruder schmerzte ihn, ebenso wie die Erinnerung an seine jüngere Schwester, die ihn bei ihrer letzten Begegnung wütend angeherrscht hatte, dass er ihre Söhne mit zu einem von einem Feuer speienden Drachen bewohnten Berg nehmen wollte. Dís war gerade einmal zehn Jahre alt, als Smaug ihre Heimat zerstörte. Sie konnte nicht verstehen, was Thorin dorthin zurückzog und warum ihn seine Neffen begleiten sollten, die Erebor nie gesehen hatten.

Ich musterte Thorin als er an einem Brunnen stehen blieb und sich über das Gesicht rieb. Obwohl er die letzte Nacht sicher besser geschlafen hatte als die letzten Wochen, wirkte er unglaublich erschöpft. Ich streckte einen Flügel aus, strich so über seinen Hinterkopf und seinen Nacken bis zu seiner Schulter ehe ich mich auf den breiten Brunnenrand setzte. Er sah mich an, lächelte leicht und setzte sich ebenfalls. Mit einer Hand im Wasser spielend betrachtete er nachdenklich sein Spiegelbild.
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