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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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22.05.2020 2.389
 
Kapitel 4

Der Herr von Bruchtal lächelte leicht, wirkte beinah amüsiert als er an Thorin vorbeiging und eine überdachte Brücke am Rande des Felsens entlangspazierte und so den Wasserfall überquerte. Der leichtfüßige Gang der Elben wirkte im Vergleich zu dem der Zwerge unnatürlich grazil, beinah als würden sie schweben. Ich sah Elrond nach, bemerkte Thorins Blick und schüttelte leicht die Federn auf als er mich nachdenklich ansah. Ich wusste ebenso wenig wie er, was ich von der Andeutung des Elben halten sollte und ob er erwartete, dass Thorin ihm folgte. Noch immer auf dessen Schulter sitzend sah ich mich um als er im Vergleich zum Elbenfürsten, von dem man lediglich ein leises Rascheln der Robe vernahm, das wage an Blätter in einer sanften Brise erinnerte, den Gang entlangpolterte. Die Bewegungen der Zwerge waren schwerfällig, wirkten gegenüber denen der Elben beinah unbeholfen. Und doch kamen sie mir natürlicher vor, kraftvoller und weitaus energischer.
Ich hätte unendlich viele solcher Vergleiche anbringen können, immer und immer wieder, schließlich waren Elben und Zwerge sich in etwa so ähnlich wie – Nun, lassen wir das.

Thorins Schritte hallten auf dem Steinboden der Brücke wieder, die von schmalen weißen, geschlungenen Pfeilern gesäumt war, die das in mehrere kleine Kuppeln unterteilte, kunstvolle Dach trugen. Das Gebäude diesseits des Flusses schloss direkt an die Brücke an. Wie viele Räume es hier gab, wusste ich nicht. Es interessierte mich auch nicht, denn innerhalb eines Gebäudes zu sein war bereits beklemmend genug. Ein Rabe gehörte nicht in ein Haus oder eine Höhle (und auch nicht in die Tiefen eines Berges, wenn wir schon dabei waren). Ich krächzte unbehaglich, trat unsicher auf Thorins Schulter umher bis ich die von ihm ausgehende Wärme an meinem Flügel spürte. Er bewegte kaum merklich den Kopf, strich so mit der Wange über mein Gefieder und hob eine Hand, damit ich mich auf seinen Unterarm setzte. Ich zögerte, musterte den Elb und fixierte einen Moment das nächst gelegene Fenster als das beklemmende Gefühl der Gefangenschaft zunahm.
„Hab keine Angst“, brummte Thorin mir leise zu und ließ mich die Federn aufstellen, „ich werde dich nicht aus den Augen lassen.“
Ich sah ihn prüfend an, starrte in blaue Augen, die mich gefangen hielten. Er nickte mir leicht zu, forderte mich so erneut dazu auf, den Platz zu wechseln, und versicherte mir gleichzeitig, dass ich sicher war und er dafür sorgen würde, dass es auch so blieb. Unter leisem, verhaltenem Gekrächze des Protests und der Unzufriedenheit folgte ich Thorins Aufforderung und sah dem Elb entgegen, auf den Thorin nun zuging. Bevor Elrond jedoch die schlanken Finger um mich legen konnte, warf Thorin ihm einen finsteren Blick zu und trat wieder einen Schritt zurück, um mich aus der Reichweite des Elbenfürsten zu bringen. Der hielt in der Bewegung inne und sah den Zwerg nur fragend an.
„Ich werde nicht tatenlos zusehen, wenn Ihr ihm Leid zufügt. Seid Euch gewiss, dass es das Letzte sein wird, das Ihr tut. Ganz gleich, wie edel Eure Absichten sein mögen und wie groß Eure Gastfreundschaft oder was Ihr Gandalf versprochen habt. Reißt nur eine einzige Feder aus und Ihr werdet dafür bezahlen.“
„Ihr scheint mein Volk nicht zu kennen, Thorin Eichenschild“, entgegnete Elrond mit leicht hochgezogenen Augenbrauen auf die an ihn gerichtete Drohung. Wenn sie ihn beeindruckte, so verstand er es gut, seine Gefühle und Gedanken zu verbergen.
„Ich kenne Euer Volk“, knurrte Thorin, „es hat uns keine Gnade zuteilwerden lassen. Erwartet also nicht, dass ich sie walten lasse.“
Elronds Augenbrauen wanderten noch ein wenig höher seine Stirn hinauf als er hoheitlich auf Thorin hinabsah, der gerade einmal halb so groß war wie er.
„Ihr sprecht von Thranduil, dem Herrn des Waldes jenseits des Nebelgebirges, und dem Überfall des Drachens auf den Einsamen Berg und das Königreich Erebor. Nicht ich war es, der Euch die Unterstützung versagte, die Ihr vom König des Düsterwalds erhofft hattet.“
Sie starrten sich einen Augenblick an ehe Thorin mit den Zähnen knirschte und dem Herrn Bruchtals, wenn auch widerwillig, entgegenkam und ihm den Arm entgegenstreckt. Der Arm, auf dem ich saß und von dem ich mich abstieß, um die Flucht zu ergreifen. Doch Elrond war schnell und schloss die Hände um mich, hielt die Flügel an meinem Körper fest.
„Thorin“, schrie ich und versuchte mich zu befreien. „Thorin!“

Doch es kam keine Hilfe, Thorin rührte sich nicht. Stattdessen starrte er mich an, blinzelte verwirrt und kniff ein paar Mal die Augen zusammen ehe er leicht den Kopf schüttelte.
„Ihr könnt sie hören“, stellte Elrond eher erstaunt fest als dass er fragte.
„Was“, fragte Thorin, noch immer irritiert.
„Thorin“, rief ich erneut um Hilfe und versuchte mich aus den Händen des Elben frei zu strampeln und mit den Flügeln zu schlagen, um zu entkommen.
„Ihr könnt sie hören“, wiederholte der Elb, klang beinah begeistert und musterte mich fasziniert. „So eine Verbindung habe ich noch nie gesehen.“
„Wovon redet Ihr“, stellte Thorin die Frage, die auch ich mir stellte.
„Ihr könnt sie hören“, kam es erneut von Elrond ehe er mich etwas hochhob, als würde das alles erklären. Thorin sah ihn noch immer verständnislos an.
„Das sagtet Ihr bereits, aber wen meint Ihr? Wen, meint Ihr, kann ich hören?“
„Die Sturheit der Zwerge war mir bekannt, von ihrer Begriffsstutzigkeit habe ich bis heute jedoch nicht gehört“, entgegnete Elrond und wirkte trotz der stoischen Miene ungeduldig. In Thorins Augen trat ein gefährliches Blitzen ehe er die Arme vor der Brust verschränkte und auf weitere Erklärungen wartete. Ich hatte meine Versuche, mich zu befreien, inzwischen aufgeben und hoffte, dass der Elb endlich sagte, was er meinte, und mich losließ.
„Euren Raben“, erklärte Elrond schließlich, „sie rief Euren Namen.“
„Sie“, fragte Thorin nach und zog eine Augenbraue hoch.
„Sie“, bestätigte der Elb, „Eurer Rabe ist weiblichen Geschlechts. Habt Ihr nie zuvor ihre Stimme vernommen? Hat sie nie nach Euch gerufen?“
Natürlich hatte ich zuvor etliche Male nach ihm gerufen. In meiner Sprache und Westron, die Thorin und die meisten anderen in Mittelerde verstanden. Doch er schien es nie zu hören oder zu verstehen, vielleicht tat er es auch als Einbildung ab. Ich konnte nie eine Regung in seinem Gesicht entdecken, keine Erkenntnis in seinen Augen sehen, die darauf hindeutete, dass er mich verstand und wusste, dass ich es war, die nach ihm rief.
Ich spürte seinen Blick auf mir, hob den Kopf, um ihn anzusehen. Er starrte mich ungläubig an, sah zu Elrond auf und wieder zu mir. Und schüttelte den Kopf.
„Was für ein Zauber ist das, Elb“, verlangte er zu wissen.
„Ein uralter, dessen Wurzeln tief in der Geschichte unserer Welt liegen. Die sprechenden Raben aus Carcs Geschlecht sind selten geworden, wenn es sie überhaupt noch gibt. Es heißt, Carcs Sohn Roac führe die Raben vom Rabenberg noch immer an. Er muss bereits über ein Jahrhundert über diese Erde fliegen“, sinnierte der Elb. „Carc selbst war bereits einer der wenigen Nachkommen dieser Raben, die mit einem hohen Maß an Intelligenz und einer ungewöhnlich langen Lebensspanne gesegnet sind.“
Während er sprach, hatte er mich auf Höhe seines Gesichts gehoben und mich eingehend gemustert, ein ungläubiges, doch erfreutes Lächeln spielte um seine Mundwinkel.
„Wie lange begleitet sie Euch schon“, wandte Elrond sich an Thorin, der ihn stumm anstarrte und offenbar jedes einzelne Wort des Elben anzweifelte.
„Was kümmert es Euch“, brummte er, strich immer wieder über seinen Bart und sah mich nachdenklich an. Ich krächzte leise, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass Elrond mich noch immer festhielt und strampelte demonstrativ mit den Beinen.
„Wie lange begleitet Ihr ihn schon“, hoffte Elrond nun von mir zu erfahren.
„Lange“, gab ich eine ungenaue, aber ehrliche Antwort. Der Elb lachte leise.
„Ebenso stur wie Ihr, Thorin, Sohn von Thrain, Sohn von Thror.“

Thorin antwortete nicht. Stattdessen starrte er mich fassungslos an und trat keuchend einen Schritt zurück. Er konnte nicht glauben, dass der Rabe, den er einst auf der Suche nach einer Arbeit in einer Schmiede auf der Straße aufgelesen hatte, ihn seit unzähligen Jahren begleitet und ihm ein treuer Freund war und dem er all seine Sorgen, Träume und Gedanken anvertraute, tatsächlich jedes seiner Worte verstand und sie sogar erwidern konnte.
„Thorin“, sprach ich ihn an und hoffte, ihn wie üblich zu beruhigen. Doch er schüttelte nur kurz energisch den Kopf, denn statt des leisen Gekrächzes, das er kannte, hörte er eine Stimme seinen Namen sagen. Eine Stimme, die er zu kennen glaubte.
„Hört auf“, bat er und warf einen Blick zu Elrond, der still wie eine Statue verfolgte, was sich zutrug und jede Regung des Zwergs beobachtete.
„Loslassen“, versuchte ich erneut mich zu befreien, „Thorin!“
„Hört auf“, wiederholte Thorin. Er atmete zitternd tief ein und aus, verzog zunehmend gequält das Gesicht ehe er den Blick abwandte und einen Moment die Augen schloss. Ich spürte die Anspannung, die Wut und die tiefe Trauer, die ihn überkamen. Die Qualen, die er litt und die ich mir nicht erklären konnte. Erneut versuchte ich mich aus den Händen des Elben zu befreien, der mich endlich frei gab, und flog zu Thorin hinüber, um wie gewohnt auf seiner Schulter zu landen. Erschrocken krächzte ich auf und flog auf als er mich energisch von seiner Schulter schob und Abstand zwischen uns brachte.
„Weg von mir“, brüllte er mir entgegen, zitternd vor Anspannung und mit den Zähnen knirschend. Ich trat unsicher an die Kante des Fensterbrettes, auf dem ich nun saß, legte den Kopf etwas schief und sah ihn verständnislos an. Er schüttelte leicht den Kopf.
„Wie lange begleitet sie Euch schon“, wiederholte Elrond, der sich noch immer kaum rührte und uns beobachtete, ruhig seine Frage und sah zwischen Thorin und mir hin und her.
„Ich“, begann Thorin heiser und räusperte sich, „ich hab ihn – ich meine, sie –“ Er atmete ein paar Mal tief durch, sein Blick ruhte auf mir ehe er sich abwandte und ins Tal hinabsah. Und zu erzählen begann. So leise, dass ich mich näher zu ihm beugte, um ihn zu verstehen.
„Ich war noch sehr jung als der Drache kam und mein Volk angriff. Ein junger Zwerg von vierundzwanzig Jahren, der seinem Großvater und Vater nacheiferte. Der in Schlachten ziehen und sein zukünftiges Königreich verteidigen wollte. Ich war nicht unerfahren mit dem Schwert, doch ich denke nicht, dass ich erwähnen muss, wie wenig es einem gegen einen Drachen nutzt. Viele verloren bei seinem Angriff ihr Leben.“ Er holte erneut zitternd Luft, straffte schließlich die Schultern und fuhr fort, als sei es die Geschichte eines anderen.
„Wir verließen den Berg, suchten nach einer Zuflucht und Arbeit. Ich bot meine Dienste als Schmied an und hörte ein klägliches leises Krächzen als es bereits dunkel wurde. Und fand ihn – ich meine, sie vor dem Fenster vor. Schwach und hungrig, die Federn zerzaust und offenbar von einer Katze angegriffen.“
Ich krächzte leise zur Bestätigung, lenkte Thorins Blick auf mich. Er schien ruhiger, weniger aufgewühlt, aber noch immer ungläubig und sich offenbar fragend, warum er dem Elben überhaupt so viel von sich preisgab. Er legte die Stirn in Falten.
„Seitdem begleitet er – begleitet sie mich“, endete er als wäre ihm plötzlich wieder bewusst geworden, mit wem er sich unterhielt und dass er seine Deckung hatte fallen lassen. Elrond schien in Gedanken, musterte Thorin stumm ehe sein Blick auf mir lag.
„Euer Verlust schmerzt Euch noch immer“, stellte er ruhig fest und sah Thorin einen Moment mitleidig an, der ihn skeptisch ansah, denn über seinen größten Verlust hatte er nie mit jemandem gesprochen. Selbst Balin gegenüber hatte er kein Wort verloren. Wenn dieser es wusste, dann sicher nicht aus seinem Mund. Woher also sollte der Elb es wissen?
„Wie viele Jahren waren seit Eurem Aufbruch aus Erebor vergangen, bis Ihr sie fandet?“
„Ein paar wenige Jahre“, antwortete Thorin, „warum fragt Ihr?“
Elrond schüttelt leicht den Kopf, die Stirn in Falten gelegt und offenbar tief in Gedanken. Ich musterte ihn ebenso wie er mich und fragte mich prompt, wie viele der Gestalten, die ich in Bruchtal für Statuen hielt, tatsächlich Elben waren, die wie ihr Herr in diesen Moment wie in Stein gemeißelt stillstanden. Lediglich die Furchen auf seiner Stirn, die sich ab und an ein wenig glätteten, um dann wieder tiefer zu werden, zeigten, dass er keine Statue war.
Thorin musterte den Elb ebenso, abwartend und argwöhnisch. Doch ihn hörte ich atmen, hörte das leise Scharben der Sohle auf dem Stein, wenn er das Gewicht verlagerte, und schließlich ein leises geschnaubtes Seufzen. Ein Zeichen seiner wachsenden Ungeduld, die ich nur zu gut verstand. Ich raschelte mit den Federn, sah mich etwas um und wartete, dass unser Gastgeber endlich wieder sprach und eine weitere unglaubliche Behauptung aufstellte.

Als der Elb jedoch auch auf Thorins höfliches Räuspern nicht weiter reagierte und dieser dazu überging, mich nachdenklich zu mustern, verlor ich die Geduld. Ich schnappte bald nach seinen Fingern, die über mein Gefieder strichen und schlug mit den Flügeln, um ihm mein Missfallen deutlich zu machen. Ich hätte es sicher auch in seiner Sprache äußern können, doch ich hatte Angst, ihn von mir zu stoßen. Schließlich hatte er bei meinen letzten Versuchen, ihn in seiner Sprache anzusprechen, um Fassung gerungen und mich angestarrt als wäre ich aus einem seiner harmloseren Alpträume entsprungen. Einem, der nicht vom Erebor und dem Angriff des Drachen handelte. Wie oft hatte ihn beruhigt, wenn er aus ihnen aufgewacht war? Und doch konnte ich ihm seine Reaktion nicht verübeln, denn wie oft trifft man auf einen Raben oder sonst ein Tier, das sich mit Worten äußern kann?
„Herr Elrond“, sprach Thorin den noch immer grübelnden Elbenfürsten an, „gedenkt Ihr, mich an Euren Gedanken und Überlegungen teilhaben zu lassen? Verzeiht! Uns?“ Er hatte seine Frage mit einem Schmunzeln korrigiert als ich ihn durch ein leises Krächzen an meine Anwesenheit erinnert hatte. Er hatte sie sicher nicht vergessen, doch er war schließlich nicht der Einzige, der auf eine Erklärung des Elben wartete und mehr erfahren wollte.
„Später“, gab dieser zurück, „verzeiht, ich muss Nachforschungen anstellen.“
Thorin und ich sahen uns verdutzt an als Elrond sich plötzlich abwandte und mit wehender Robe den Gang hinunter verschwand. Möge man mir die Gedanken der Elben erklären!
„Sehr aufschlussreich“, war Thorins gebrummter Kommentar ehe er sich ebenfalls abwandte und den Weg zurück über die Brücke einschlug. Ich hatte mich bereits mit einigen kräftigen Flügelschlägen in die Luft erhoben und flog wie üblich voraus zurück zu den Zwergen.
Und hörte so kein Wort von der Warnung, die Elrond, der zurückgeeilt war ehe Thorin das Haus verließ, aussprach.
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