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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
03.01.2021
22
77.589
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16.05.2020 2.445
 
Kapitel 3

Ich wusste nicht, ob Radagast und die Kaninchen den Orks und ihren Wargen entkommen waren, doch ich hoffte es und war zuversichtlich. Er war keineswegs überheblich gewesen, als er seinen Tieren zusprach, den Wargen an Schnelligkeit und Wendigkeit überlegen zu sein. Sie fegten über die Ebene wie der Wind seine Böen sandte, schlugen unvermittelt Haken und änderten abrupt die Richtung, so dass ich mehrmals darum kämpfen musste, nicht den Halt zu verlieren und vom Schlitten zu stürzen. Doch genau so einen Kampf verlor ich, als die Kaninchen erneut unvermittelt stehen blieben, um mit einem einzigen Sprung in die andere Richtung zu rasen. Ich schrie, schlug mit den Flügeln und landete im Gras.
„Nein“, hörte ich Radagast immer wieder verzweifelt rufen, „oh nein, nein, nein!“
Er sah zu mir zurück, doch helfen konnte er mir nicht. Die Warge waren zu nah, zu wenden würde ihn selbst in Gefahr bringen. Aufgeregt stieß ich Schreie aus, schlug hastig mit den Flügeln und entkam so knapp den Reißzähnen eines Wargs, der in die Luft sprang und nach mir schnappte. Mit großer Mühe und Anstrengung, von den Schmerzen in meinem noch nicht ganz verheilten Flügel abgesehen, hielt ich mich in der Luft und versuchte Radagast und die Kaninchen einzuholen, denen die Warge weiterhin folgten.
Ich begann daran zu zweifeln, dass ich Thorin und die anderen je wiedersehen würde, als meine Kräfte nachließen und ich trotz meiner Bemühungen an Höhe verlor. Die Warge und ihre Reiter schienen überall. Hinter mir hörte ich ein Jaulen und fürchterliches Geschrei. Entsetzt beobachtete ich, wie die Warge innehielten, lauschten und heulend in die Richtung rannten, aus der das Jaulen kam. Direkt auf die Zwerge zu.
„Thorin“, schrie ich, um ihn zu warnen. Wissend, dass er mich nicht hören würde. Dass ihn meine Warnung dieses Mal nicht vor dem nahenden Unglück bewahren würde. Ich würde ihm nicht helfen können, das wurde mir zunehmend bewusst und stürzte mich zunehmend in den tiefen Abgrund der Verzweiflung. Trotzdem flog ich mühsam und von Schmerzen geplagt auf ihn zu. Wenn ihm etwas zustieß, würde ich mir nie verzeihen, dass ich nicht bei ihm geblieben war. Auch wenn ich es in der Hoffnung tat, ihn genau dadurch zu retten.

Ich wähnte mein Schicksal besiegelt und meinen Tod unausweichlich, als ich nicht allzu weit zu meiner Linken ein Horn vernahm. Ich wandte mich dem Geräusch zu, erkannte Pferde mit Reitern in schimmernder, filigran gearbeiteter Rüstung und gespannten Bögen. Elben! Erleichtert über diese unerwartete Hilfe steuerte ich den nächsten Felsen an. Meine Kräfte hatten merklich nachgelassen, mein Flug war unkoordiniert und holprig wie der eines Jungvogels, der das erste Mal das Nest verließ. Ich schlug mit der Brust auf den Fels auf, versuchte wieder auf die Füße zu kommen und sah mich um. Die Elben galoppierten noch immer über die Ebene und zwischen den vereinzelten Felsen umher, töteten den Großteil der Warge und Orks. Doch weder Thorin und die Zwerge noch den Hobbit oder den Zauberer konnte ich vom Felsen aus entdecken. Ich kämpfte mich wieder in die Luft, fand eine Luftströmung und ließ mich von ihr höhertragen, um nach ihnen Ausschau zu halten. Doch obwohl ich mehrmals über der Stelle kreiste, an der ich sie verlassen hatte, und ich in einem der Warge und seinem Reiter Pfeile entdeckte, die eindeutig von Zwergen stammten, fand ich keine Spur von ihnen. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.
Immer wieder schrie ich nach Thorin, hoffte auf eine Antwort und darauf, ihn zu entdecken. Doch er blieb verschwunden, ebenso die anderen. Ich blieb allein zurück. Verletzt, schutzlos und verzweifelt.

Ich saß bald wieder auf dem Felsen, hatte mich zusammengekauert und auf das gewartet, was auch immer kommen mochte, und war erschöpft von der Flucht, der Suche und dem Fliegen. Sollte Thorin doch noch irgendwo in der Nähe dieser trostlosen Ebene sein, würde er mich sicher suchen und bald finden. Sollte er denn rechtzeitig erfahren, dass ich nicht mehr bei Radagast war. Sollte Radagast das Wettrennen mit den Wargen überlebt haben, um ihm davon zu berichten.
„Ich werde wegen nichts und niemandem anhalten. Nicht einmal deinetwegen,“ erinnerte ich mich an Thorins Worte. Ich spürte einen Stich in der Brust, als mir klar wurde, dass er auf seinem Weg zum Erebor nicht umdrehen und nach mir suchen würde. Ein Gefühl, das ich nicht kannte und nicht benennen konnte, überkam mich. Ich bekam Angst, als das Gefühl immer stärker wurde, schüttelte mich, um es loszuwerden, doch es blieb. So verharrte ich dort bis die Nacht hereinbrach und wieder dem Tage wich…

„Mellon“, hörte ich eine klare männliche Stimme die Dunkelheit durchschneiden, die mich zu umgeben drohte, und sah auf. Ein Elb hatte sein Pferd vor dem Felsen angehalten und sah mich forschend an. Er hatte langes, dunkles Haar und ein ebenmäßiges Gesicht, das nichts von den vermutlich tausenden von Jahren, die er bereits verlebt hatte, verriet. Seine Rüstung glänzte in der Sonne, so dass ich geblendet blinzelte. Das einzige, das dieses makellose und durchaus faszinierende Bild störte, war das Blut auf der Klinge seines Schwertes, das er in der rechten Hand hielt, und die dunklen Spritzer auf seiner Rüstung und seinem Umhang.
Der Elb senkte den Kopf, nickte mit respektvoll zu. Ich erwiderte die Geste, wandte daraufhin jedoch den Blick von ihm ab. Mir stand nicht der Sinn nach elbischer Gesellschaft.
„Euer Herz ist schwer“, bemerkte er, als ob mir dies nicht bewusst wäre. Ich krächzte leise.
„Ihr sucht die Zwerge“, fuhr er fort und lächelte kaum merklich als ich ihn aufmerksam ansah. „Euer Herr Thorin Eichenschild trägt die gleiche Trauer und den gleichen Schmerz des Verlustes wie Ihr. Der Erbe Durins und seine Gemeinschaft sind Gäste meines Herrn Elrond,“ erklärte er und musterte mich erneut. „Ihr seid sicher erschöpft und hungrig, Schmerzen habt Ihr sicherlich auch. Kommt! Ich werde Euch zu ihm bringen.“
Er hob einen Arm und bot mir so einen Platz an. Ich stand auf, krächzte ihm entgegen und stieß mich vom Felsen ab, um kurz darauf gegen die Rüstung des Elben zu krachen. Ich schimpfte leise über meinen Flügel und meine bedauernswerten Flugkünste, der Elb schien dem jedoch keine Beachtung zu schenken. Oder er war höflich genug, nicht darauf zu reagieren. Sacht trieb er sein Pferd an, um zu seinem Herrn zurückzukehren. Es dauerte nicht lange, ehe ich mich trotz des verhassten Geschaukels im Arm des Elben liegend wiederfand und der Erschöpfung erlag.

Ich erwachte als ich merkte, dass mich jemand bewegte, und entdeckte den Hobbit, der die Hände nach mir ausstreckte und mich vorsichtig festhielt, als der Elb mich seinerseits losließ.
„Ah, zum Glück“, sagte Meister Beutlin, „Thorin ist krank vor Sorge. Er schläft und isst kaum, wandert nur rastlos umher und reagiert auf alles und jeden äußerst gereizt. Ich denke, nun, da du wieder da bist, wird er wieder zu sich zurückfinden.“
Ich zwinkerte ihm zu als er mich breit lächelnd ansah und sah erwartungsvoll in die Richtung, in die er eilte. Den Elb beachtete ich nicht mehr, ich würde ihm später meinen Dank aussprechen, sollte ich ihn finden und wiedererkennen. Nur am Rande nahm ich die gewundenen Pfade und Bögen wahr, die im von Wasserfällen und einem Fluss durchzogenen Tal den Elben eine Heimat boten. Das freundliche Lächeln und den Gruß des Herrn von Bruchtal erwiderte ich nur mit einem kaum hörbaren Krächzen, ohne ihn weiter anzusehen. Ich war zu angespannt, um irgendetwas oder irgendjemand anderem Beachtung zu schenken als dem Ende des Weges, der mich zu Thorin führen sollte.
„Das ist kein Elbenweib“, hörte ich Dwalin an Kíli gerichtet sagen, was alle anderen lachen ließ. Abgesehen von Kíli, der nur schief lächelte und versuchte, seine Verlegenheit zu überspielen. Und abgesehen von Thorin, der abseits des Tisches saß, stumpfsinnig vor sich hinstarrte und immer wieder mit den Fingerspitzen die Feder entlangstrich, die ich kurz bevor sich unsere Wege trennten verloren hatte.
„Ist das“, begann Bofur und richtete sich etwas auf, als er den Hobbit entdeckte.
„Ja“, bestätigte dieser grinsend, „sein Rabe. Thorin!“
Ich erschrak als dieser den Blick hob und zu Meister Beutlin sah. Er sah aus, als würde ihn etwas verzehren und zerreißen, zermürben und regelrecht auffressen. Der Mangel an Schlaf war ihm deutlich anzusehen, ebenso der Schmerz, der den Glanz aus seinen Augen genommen hatte. Er zog für den Bruchteil einer Sekunde die Stirn in Falten und kniff leicht die Augen zusammen als er sah, wer ihn angesprochen hatte. Ich krächzte leise, sprachlos ob des Glückes, dass ich empfand, als er mich in den Händen des Hobbits entdeckte und unsere Blicke sich trafen, und ob des Zustands, in dem er sich befand. Thorin sprang auf, machte ein paar schnelle Schritte in meine Richtung und zögerte, sah mich ungläubig an als würde er seinen Augen nicht trauen. Ich musterte ihn besorgt auf der Suche nach Verletzungen, konnte aber keine entdecken. So schenkte ich ihm das sanfte, leise Krächzen und Klickern, das nur für ihn bestimmt war. Die Erleichterung, die Thorin daraufhin sichtlich überkam, machte mir ein schlechtes Gewissen, ihn über meinen Verbleib und mein Befinden so lange im Ungewissen gelassen zu haben und stattdessen auf diesem Felsen hockend auf irgendetwas zu warten.
Die Gewissheit, dass Meister Beutlin nicht irgendeinen Raben in den Händen hielt, brachte augenblicklich Leben in Thorin. Er kam schnellen Schrittes auf den Hobbit und mich zu, streckte die Hände aus, ein sichtlich erleichtertes und glückliches Lachen im Gesicht. Ich stieß einen Schrei aus, schlug mit den Flügeln und befreite mich aus den Händen des Hobbit. Den Schmerz in meinem Flügel, der auf jede Belastung der Muskeln folgte, ignorierend und kaum fähig, mich in der Luft zu halten, beeilte ich mich, Thorin entgegen zu fliegen. Dass die anderen Zwerge und sogar die anwesenden Elben uns beobachteten, war mir und scheinbar auch Thorin völlig gleichgültig. Es zählte nur der jeweils andere.

„Oh Durin sei Dank“, sagte Thorin heiser als er die Arme um mich schloss. Er hatte mich aus der Luft gegriffen als ich unstet vor ihm herumflatterte, der verletzte Flügel gehorchte mir noch immer nicht. Doch statt mich auf seine Schulter oder seinen Unterarm zu setzen, hatte er mich sanft an seine Brust gedrückt. Ich gab ein paar verlegene und doch zufriedene Krächzer von mir, schnappte wie üblich nach seinen Haaren und der silbernen Perle darin. Er lachte, hob mich vor sein Gesicht und musterte mich lächelnd.
„Ich bin so froh, dich zu sehen. Und wie es scheint unverletzt, wenn man von der älteren Wunde an deinem Flügel absieht“, sprach er ehe sein Blick ernst wurde. Ich legte den Kopf schief, sah ihm fragend in die Augen und klappte einmal den Schnabel auf und zu.
„Ja, was“, wiederholte er meine stumm gestellte Frage, „was ist passiert?“
Ich krächzte drauf los, schrie und versuchte meinem Ärger und der Angst, die ich verspürt hatte, Luft zu machen und mit den Flügeln zu schlagen, doch Thorin hielt mich eisern fest ehe er mich unter den Arm klemmte.
„Beruhige dich! Hör auf, so einen Lärm zu machen! Nun halt doch still!“
Unsere Blicke trafen sich und wir starrten uns einen Moment an. Thorin seufzte und schüttelte leicht den Kopf, setzte sich zu den anderen an den Tisch und setzte mich darauf ab. Seine Frage bereits vergessen sah ich mich nun hungrig um, entdeckte Unmengen an Gemüse und Salat, ein wenig Brot und Kartoffeln. Als ich die ungläubigen Gesichter der Zwerge bemerkte, teilte ich ihren Unmut: Auf der ganzen Tafel gab es nicht ein einziges winziges Stückchen Fleisch. Natürlich kam ich sehr gut mit Gemüse, Früchten und Nüssen zurecht, auch Insekten nahm ich sehr gerne. Doch seit ich in Gesellschaft dieser mürrischen, sturen und doch warmherzigen Zwerge war, hatte ich mich zunehmend an mein abendliches Stück Fleisch gewöhnt, das Thorin mir abgab.
Leise krächzend wandte ich mich an Thorin, sah auf den Teller vor ihm und wieder in sein Gesicht. Er schmunzelte und schob mir den Teller zu, den ich nun inspizierte.
„Ich weiß“, brummte Thorin als ich den Salat Blatt für Blatt durchsucht und umgedreht hatte, „kein Fleisch. Denke nicht, du bist der erste, der das Essen der Elben bemängelt.“
Er nickte leicht nach links und sah zu Dwalin, der die massigen Arme vor der Brust verschränkt hatte und finster in die Gegend starrte. Ori neben ihm sah bestürzt auf seinen Teller voll Salat und erklärte, dass er kein grünes Essen mochte. Mein Blick wanderte weiter zu Bombur, der auch ohne Fleisch alles munter in sich hineinstopfte, was essbar erschien. Die einzigen, die gesittet und dankbar bei Tisch saßen, waren der Zauberer und der Hobbit.
Ich sah wieder zu Thorin, stellte kurz die Federn auf und krächzte leise als ich das amüsierte Grinsen bemerkte, dass er zu verstecken versuchte. Den Kopf leicht schief gelegt fragte ich mich, warum er selbst in bester Gesellschaft stets beherrscht und ernst, ja manchmal geradezu freudlos wirkte, wenn er doch offen lachte, wenn er mit mir allein war.

Ich vergaß meine Grübeleien als er mich an der Brust anstieß und sich erhob, den Arm für mich ausgestreckt. Zurück auf Thorins Schulter, wo ich hingehörte, streckte ich die Flügel und strich so über seinen Nacken und die Schulter. Er lächelte mich kurz an, wandte sich schließlich vom Tisch und den anderen ab und schlenderte stumm einen Pfad entlang.
„Ihr tragt einen wahrlich einzigartigen Raben bei Euch, Thorin Eichenschild.“
Thorin wandte sich um, musterte den dunkelhaarigen Elb vor sich nur kurz und nickte ihm respektvoll zu, aber er ging nicht auf dessen Bemerkung ein.
„Herr Elrond“, grüßte er ihn stattdessen. Dieser kam nun näher, die Augen auf mich gerichtet. Ich hatte keine Angst vor Elben, sie schätzten den Frieden und Tiere jeder Art. Trotzdem war ihre Kampfeskunst keinesfalls zu unterschätzen, wenn auch ganz anders als die der ohnehin kriegerischen und schnell aggressiven Zwerge. Thorin selbst war wegen seines Kampfgeschicks und der Übernahme der Führung des Heeres seines Großvaters während der Schlacht um Moria bekannt. Und er würde mich verteidigen, sollte mir jemand etwas antun wollen. Es gab also keinen Grund für mich, nervös zu werden. Und doch merkte ich, wie ich unter dem Blick des Herrn von Bruchtal unwillkürlich die Federn aufstellte und mich anspannte, um schnellstmöglich wegzufliegen.
Thorin bemerkte meine Reaktion, sah mich kurz aus dem Augenwinkel an und hob die Hand, um Elrond zu signalisieren, dass er nicht näherkommen soll. Der Elb blieb stehen.
„Was wollt ihr“, fragte Thorin leise.
„Einen solchen Raben habe ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Es heißt, sie seien ausgestorben oder hätten Mittelerde verlassen. Sie werden bald als Legende gelten.“
Wenn der Herr Bruchtals den lauernden Unterton in Thorins Stimme bemerkt hatte, ignorierte er ihn. Er sah mich nur weiterhin mit großem Interesse an.
„Was wisst Ihr über die Raben der Zwerge“, brach Thorin das kurze Schweigen und musterte den Elben argwöhnisch. Eine berechtigte Frage, wie ich fand.
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