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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
19.06.2021
26
89.764
23
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51 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.05.2021 2.913
 
Liebe Lesende,

es ist ein Wunder geschehen. Neben Uni, Arbeit und Pandemie-Wahnsinn kann ich doch tatsächlich endlich ein neues Kapitel vorweisen.  Wir halten uns noch ein wenig in Seestadt auf, ehe das Ziel der Reise in greifbare Nähe rückt...
Viel Spaß beim Lesen und vielen Dank an die treuen Review-Schreiberlinge!

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Kapitel 25

Ich war auf meiner Suche noch nicht weit gekommen als ich Bard entdeckte und ihn dabei beobachtete, wie er über die Stege, die der Stadt als Fußwege dienten, eilte und den ein oder anderen engen Kanal übersprang. Er war offensichtlich in Eile und seinem Gesichtsausdruck zufolge in besorgte Grübeleien versunken, die seine Schritte auf der Suche nach einer erlösenden Antwort beschleunigten. Mein Blick folgte der Gasse in die Richtung, aus der er gekommen war, doch ich konnte niemanden entdecken, den ich zu finden hoffte. Zu meiner Erleichterung sah ich auch sonst nichts Besorgnis Erregendes, also verfolgte ich interessiert, wohin der Kahnführer wohl eilen mochte. Früher oder später würde er den Weg nach Hause einschlagen und mich so hoffentlich zu Thorin und den anderen führen.

Es dauerte nicht lange bis Bard unter einem Vordach verschwand und mich so, von Neugier und Argwohn gepackt, dazu zwang, einen niedrigeren Aussichtspunkt einzunehmen, um ihn im Auge behalten zu können. Fröhliches Gelächter und schnelle Schritte zu meiner Linken zogen meinen Blick auf sich, doch ich schenkte den spielenden Kindern wenig Beachtung. Trotzdem ließen sie ein mulmiges Gefühl in mir zurück, das ich wie so vieles, was in den letzten Monaten geschehen war, nicht einordnen konnte. Dass ich noch nicht den Verstand verloren hatte, grenzte wohl an ein Wunder, auch wenn ich dann immerhin eine Erklärung für meine zunehmenden seltsamen Erinnerungsfetzen gehabt hätte. Ich hatte mich langsam damit abgefunden, dass die Bilder, die ich sah, nichts anderes sein konnten. Auch, wenn sie mir zuweilen Angst machten, mich jedes Mal verwirrten und die Gegenwart vergessen und schlichtweg nicht wahrnehmen ließen, ließen sie oft ein gewisses wohliges Gefühl in mir zurück. Ein Gefühl der Freude und des Glücks, der Verbundenheit, die Thorin und mein früheres Ich (und ich fand, das klang immer noch genauso absurd) empfunden hatten, ehe Smaug in Erebor gewütet und uns getrennt hatte.
Mit einem Blinzeln wandte ich den Blick von dem kleinen Mädchen mit den hellbraunen Zöpfen und dem blassbraunen, zerschlissenen Rock, der dreckigen hellblauen Bluse und dem offenen, dicken Wollmantel ab, das ich wohl angestarrt hatte und das mich aus großen braunen Augen ansah. Es streckte mir die Hand entgegen und der Geruch nach dem Stück alten Brotes, das es mir entgegenhielt, lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich musterte das Mädchen kurz und wandte mich ihm zu, indem ich mich auf dem Holzpfosten, auf dem ich saß, zu ihm drehte. Mein Blick huschte trotz des Hungers, den ich nun verspürte, immer wieder zum Kahnführer, der unter dem Vordach (vielleicht war es auch ein Verkaufsstand oder ein Teil des Hauses, die Häuser hier waren seltsam gebaut) einen Tisch nach etwas absuchte.
„Na komm! Komm her! Schöner Vogel“, versuchte das Mädchen mich zu locken und wedelte mit dem Stück Brot herum, als wollte es eher Fliegen verscheuchen.
„Ja, schönes Vögelchen! Komm her und friss sie“, rief da ein Junge, packte das Mädchen an den Schultern, stieß es vorwärts in meine Richtung und riss ihm das Brot aus den Fingern. Das Mädchen kreischte erschrocken auf, drehte sich zu dem Jungen um und versuchte an das Brot zu kommen, dass dieser nun hoch über dem Kopf und so außer Reichweite des Mädchens hielt, obwohl es bereits an ihm hochsprang.
„Gib es zurück! Das sag ich Mama“, klagte es und begann schließlich zu weinen und zu schreien als der Junge das Brot einem anderen zuwarf, dabei das Mädchen umrempelte und dieses auf dem Hosenboden landete. Ich beobachtete die Szene, anfangs lediglich am Brot interessiert, mit wachsender Wut. Natürlich war es bei uns Raben nicht anders was den Kampf um Futter anging, aber in der Gemeinschaft sorgten wir doch immerhin so weit füreinander, dass die Jungen, Alten und Kranken zu Futter kamen. Wie oft hatte meine Mutter mich belehrt, dem alten Roac stets einen Krumen abzugehen, um ihm meinen Respekt zu zollen. Ich hatte damals keine Ahnung gehabt, was sie überhaupt meinte und was das bedeuten sollte, doch es lehrte mich, auf meine Familie und Verwandten zu achten und ihnen auch mit Achtung zu begegnen. Eine Lektion, die das Mädchen offenbar immerhin mir, einem Vogel, gegenüber bereits begriffen hatte (vielleicht hoffte sie auch nur auf ein Haustier oder einen Freund), von der die Jungen jedoch offenbar noch nie gehört hatten.

„Thorin…der Herr der Silberquellen…die Prophezeiung“, hörte ich Bard laut überlegen und sah zu ihm. Gerade rechtzeitig, um zu bemerken, wie die Erkenntnis über Thorins Absichten in seine Augen trat und er diese auf den Einsamen Berg richtete, der über dem See thronte. Unser Vorhaben war nun also auch hier nicht mehr geheim und Bard sah nicht aus, als würde er die Zwerge frohen Mutes ziehen lassen und das Leben aller in Esgaroth, ja das Schicksal der Stadt selbst in die Klauen des Drachen legen, für den es ein Leichtes wäre, alles und jeden in Asche zu verwandeln, wenn er erst einmal erwacht war.
„Heulsuse“, riefen da die Jungen im Chor und zeigten lachend auf das weinende Mädchen zu ihren Füßen, das nun vor lauter Wut nicht einmal mehr richtig antworten konnte und nur weiterhin schrie und kreischte. Ein wenig hin und her gerissen zwischen Mitleid für das Mädchen, dem eigenen Hunger und dem Pflichtgefühl Thorin gegenüber, ihn über Bards Erkenntnisse zu informieren und ihn zu warnen, sah ich zwischen dem Mädchen, dem Brot und dem davoneilenden Kahnführer hin und her und verließ schließlich meinen Sitzplatz.
„Oooh jetzt ist er weggeflogen“, bemerkte der eine Junge höhnend.
„Hässliches Krähenvieh“, sagte der andere auf einem Teil des Brotes kauend.
Hatte ich eben noch vorgehabt, die Kinder und das Brot sich selbst zu überlassen und Bard zu folgen, meldeten sich nun mein Stolz und meine Eitelkeit (ich hätte an dieser Stelle gerne meinen Gerechtigkeitssinn genannt, aber das hätte mir wohl niemand geglaubt und hätte auch nicht der Wahrheit entsprochen…). Ich machte Kehrt, stürzte auf den Jungen herab und krächzte ihn erbost an als ich knapp über seinem Kopf an ihm vorbeirauschte. Er duckte sich erschrocken, schrie auf, hob die Hände über den Kopf und ließ das Brot fallen. Selbiges schnappte ich mir und nahm es mit auf das nächste Dach, um dem Jungen von dort die Meinung zu krächzen. Das Mädchen lachte ob des fassungslosen Blickes der beiden Jungen, die sich nun aus dem Staub machten und mir dabei den ein oder anderen verschreckten Blick zuwarfen. Als sie um die nächste Ecke verschwunden waren, tat ich mich an dem bereits etwas harten Brot gütlich und störte mich nicht daran, dass das Mädchen (noch immer auf dem Boden sitzend) mir dabei zusah und was vor einem schönen Vogel, feinem Fressen und doofen Jungen erzählte. Viel Zeit ließ ich mir für die kleine Mahlzeit nicht, denn je länger ich hier verweilte, desto eher würde ich Bard wieder verlieren und die Suche von vorn beginnen müssen. So verschlang ich nur einen kleinen Teil des Brotes, nahm den Rest in den Schnabel und ließ es neben dem Mädchen auf den Steg fallen, krächzte zum Dank und Abschied (es winkte mir begeistert hinterher) und folgte der Gasse, in die Bard verschwunden war.

Suchend sah ich mich um, landete schließlich auf einem Hausdach und schüttelte genervt und ein wenig frustriert das Gefieder aus. Ich hatte wahrlich nicht erwartet, dass es sich als Herausforderung gestalten würde, dem Kahnführer auf den Fersen zu bleiben und ihn nicht im Gewirr der Gassen und Stege zu verlieren. Zu meiner Erleichterung erhaschte ich einen Blick auf ihn, als er eine Wegkreuzung überquerte. So flink, wie er aus der einen Gasse hervortrat, den Steg überquerte und in der gegenüberliegenden Gasse wieder verschwand, hatte ich wohl mehr als nur Glück, die Verfolgung aufnehmen zu können, ehe er wieder spurlos zu verschwinden schien, mich Geräusche und Gerüche ablenkten oder mich ein erneuter Erinnerungsfetzen alles um mich herum ausblenden ließ. So flog ich langsam hinter ihm her, landete hier und da, um ihn zu beobachten und versuchte den Hüpfer zu ignorieren, den mein Herz vor Erleichterung und Glück machte, als ich den vertrauten Geruch wahrnahm, der mir seit einhundertsechsundsiebzig Jahren Sicherheit, Geborgenheit, bedingungsloses Vertrauen und Liebe versprach. Kurz darauf spürte ich einen mir inzwischen ebenso vertrauten Stich, an den ich mich partout nicht gewöhnen und mit dem ich mich nicht abfinden wollte, als sich eine Stimme in meinem Gedächtnis in den Vordergrund meiner Gedanken drängte und die Sorge um Thorins Wohlergehen dem Zweifel an seinen Absichten und unserer Verbindung Platz machte. Ich flog einmal um das Haus herum, sah mich aus Gewohnheit nach möglichen Gefahren um und landete schließlich auf dem Fensterbrett eines offenstehenden Fensters gegenüber der Tür. Mit einem leisten Krächzen schüttelte ich kräftig das Gefieder aus (mir standen noch immer einige Federn ab, ein paar Spinnweben legten noch immer einen gräulich-weißen Film über meine Gestalt), als könnte ich die nagenden Zweifel und die schwelende Wut, die Thranduils Werk waren, ebenso abschütteln wie die kleinen Federn, die ich prompt verlor. Als ob mich die Stressmauser nicht genug Federn kosten würde…

Irritiert sah ich mich in dem Zimmer um und begegnete dem ebenso überraschten Blick eines Mädchens, das offenbar gerade den Tisch fürs Abendessen deckte. Ich musterte die spärlich gedeckte Tafel, suchte mit den Augen erneut das Zimmer ab, doch das Ergebnis blieb dasselbe: Weder Thorin, noch einer der anderen war zu sehen. Und doch müssen sie hier gewesen sein, so sehr konnte mein Geruchssinn mich nicht täuschen. Ein Junge, offenbar Bards Sohn, ging soeben zur Tür, an der sein Vater nun angelangt war.
„Vater, die Zwerge…sie sind fort.“
Der Junge versuchte noch, sich dafür zu entschuldigen, sie nicht aufgehalten zu haben, doch das empfand ich angesichts der Tatsache, dass ich Thorin noch immer nicht gefunden hatte, als nebensächlich. Es war, als wollte ich den Wind ergreifen. Fließendes Wasser zum Stillstand bringen. Vage Gedanken und Erinnerungen, die nur einen Schatten, eine Ahnung ihrer Selbst meinem Bewusstsein zugänglich machten, mit aller Macht klar und deutlich sehen. Gefühle, die ich nicht empfand, zeigen und andere davon überzeugen. Es war, als jagte ich einem Phantom, einem Hirngespinst hinterher, das mir zunehmend zu entgleiten drohte und mich mit der bitteren Wahrheit konfrontierte: Der Thorin, den ich einst kannte und liebte, existierte nicht. Er hatte sich verändert, war kühler, abweisender und launischer geworden (letzteres hatte ich kaum für möglich gehalten). Seine Freunde behandelte er herrischer, nahm ihre Freundschaft und Loyalität offenbar als selbstverständlich hin. Thranduils Argumente, dass Thorin in Kauf nahm, dass ich mein Leben auf einem der Erkundungsflüge ließ, die ich für ihn unternahm, schienen mir immer zutreffender, je näher wir dem Berg kamen. So wie Thorins Verhalten sich änderte, änderten sich auch meine Meinung und Gefühle ihm gegenüber. Und das Misstrauen wuchs unaufhaltsam, bahnte sich wie Unkraut einen Weg durch meine Gedanken und verdrängte all die positiven Eigenschaften, die ich immer in Thorin gesehen hatte. Es erstickte die Gefühle, die ich so lange nicht benennen konnte, weil ich sie einfach nicht verstanden hatte.

Erneut schüttelte ich mich und ermahnte mich selbst, konzentriert zu bleiben und meine Suche fortzusetzen. Erneut waren meine Gedanken abgeschweift, hatte meine Aufmerksamkeit anderen Dingen gegolten als Thorin, sein Aufenthaltsort und sein Wohl. Ich hob den Blick als ich bemerkte, dass das Mädchen mich neugierig musterte.
„Tilda“, sprach ein älteres Mädchen, offensichtlich eine Schwester, diese an und nickte mit dem Kopf zum Tisch, das es mit Brot, ein wenig Käse und Fisch deckte.
„Der Vogel sieht krank aus“, bemerkte Tilda und legte den Kopf schief. „So müde.“
Und das war ich. Müde von der langen Reise. Müde von den Gefahren, denen ich ausgesetzt war. Müde von der ständigen Angst und Sorge um Thorin. Müde von den sich häufenden Streitereien zwischen uns und den Versuchen, ihn an sich selbst zu erinnern. Mit der schrumpfenden Entfernung zum Berg hatte auch ich mich verändert, das spürte ich. Nicht nur, dass mich die Erinnerungen an ein früheres Dasein seit meinem unfreiwilligen Bad in Bruchtal immer häufiger heimsuchten. Auch ich war gereizter, streitsüchtiger und hatte mich bereits das ein oder andere Mal dabei ertappt, dass ich Thorin mit meinen Worten nicht nur daran erinnern wollte, was er mir nur allzu oft über die Pflichten eines Königs erzählt hatte. Ich wollte ihn verletzen, wollte ihn für seine Verfehlungen bestrafen und ihn der Angst aussetzen, die ich in den letzten Monaten beinah täglich verspürt hatte.
„Nun nimm schon! Das ist für dich!“
Erschrocken zuckte ich zusammen und flog auf, bemerkte dann jedoch das Brot und ein Stückchen Fisch, das Tilda mir offenbar auf die Küchenanrichte vor dem Fenster gelegt hatte. Sie lächelte mich aufmunternd an, freute sich offenbar über meinen Besuch. Ich sah mich noch einmal um, schnappte mir den Fisch und schlang ihn hinunter. Nicht mein Leibgericht, schließlich war ich keine Möwe, doch ein willkommener Happen Abwechslung. Mit dem Brot und einem Zwinkern an Tilda verschwand ich auf das Dach gegenüber, um ungestört meinen grummelnden Magen zu beruhigen. Entgegen meiner Gewohnheit verzichtete ich darauf, anschließend mein Gefieder zu putzen.
Es gab Wichtigeres zu tun, schließlich musste ich immer noch Thorin finden. Und trotz meiner Zweifel (und vor allem wegen der Sorge ob Thorins langsam zunehmenden Wandels) sah ich es als meine Pflicht an, ihn so gut es mir möglich war vor Gefahren zu warnen und ihn zu beschützen. Nicht, weil er mich einst gerettet und aufgenommen hatte.
Sondern weil er mich ebenso brauchte wie ich ihn, auch wenn wir das oft nicht sahen.

Ein Poltern und Krachen in einiger Entfernung zu meiner Linken ließ mich aufsehen. Ohne, dass ich Stimmen hörte oder Gerüche wahrnahm, wusste ich, dass es sich nur um die Zwerge handeln konnte. Und so flog ich, ohne darüber nachzudenken oder zu zögern, auf das Haus zu, aus dem der Lärm gekommen war, und entdeckte Ori, der sich noch immer die Ohren zuzuhalten schien und sich unsicher umsah. Zu Recht, bemerkte ich, als ich die herannahenden Wachen sah. Dwalin trat soeben aus der Tür, die Arme voll beladen mit Schwertern und Äxten. Die Zwerge hatten offenbar die Waffenkammer geplündert. Ich landete auf einem Pfosten neben Ori und sah erwartungsvoll zur Tür. Fíli stützte seinen Bruder, der blass und kränklich, offensichtlich mit Schmerzen mehr an ihm hing als dass er lief. Ich musterte Kíli besorgt und vermutete, dass sich die Wunde entzündet hatte.
„Weg hier, bevor –“
Thorin hielt im Satz und der Bewegung inne als seine Augen auf meine trafen. Kurz flackerte Wut in ihnen auf, so dass mir seine Erleichterung nicht mehr ganz so ehrlich erschien. Doch ihr folgte kurz darauf etwas anderes, das ich bei ihm selten sah: Reue. Er wich meinem Blick aus, doch nicht schnell genug, dass mir der Schmerz darin verborgen blieb. Er sah so müde aus, beinah verletzlich. Doch ich hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken oder in seinen Augen nach weiteren Gefühlsregungen zu forschen, denn er schob Fíli und Kíli vor sich her, damit sie sich beeilten, und vergewisserte sich, dass er als Letzter ging.
„Diȃ“, begann Thorin als er an dem Pfosten ankam, auf dem ich saß.
„Es tut mir leid“, unterbrach ich ihn prompt. „Ich hätte meinen Zorn zurückhalten und all das nicht sagen sollen. Du bist ein guter König, das warst du immer.“
„Du hattest Angst. Ich mache dir keinen Vorwurf, weil du mir die Wahrheit gesagt hast.“
Ich musterte ihn einen Moment und war irritiert, ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht zu sehen, während die anderen bereits von den Wachen zurückgedrängt wurden. Thorin schien dem keine Bedeutung beizumessen, es zu ignorieren oder schlichtweg nicht zu bemerken.
„Ich bin froh, dass du zurückgekehrt bist“, sagte er mit dem ihm eigenen Brummen in der Stimme. Sein Lächeln wurde eine winzige Spur breiter als ich die Federn aufstellte und schließlich vom Pfosten auf seine Schulter flog und ihm ein Schnabelklicken schenkte.
„Ich war nie weit weg. Du weißt, dass ich es nicht über mich bringe, dich allein zu lassen. Ich habe dich im Gewirr der Gassen verloren, zugegeben. Aber –“
Weiter kam ich nicht, denn Thorin hob die Hand, legte sie an meine Seite und hielt mich sanft an Ort und Stelle, als er die Wange an meinen anderen Flügel schmiegte und schließlich seine Lippen auf meine Schulter drückte. Eine kurze, aber innige Geste der Verbundenheit. Er warf mir noch einen Blick zu, der eine wohlige Wärme von mir Besitz ergreifen und alle Zweifel und die Wut verschwinden ließ, und zog an meinen Schwingen.

Dann folgte er seinen Freunden, die von den Wachen flankiert durch die Stadt zum Rathaus geführt wurden. Ich blieb, wo ich war. Stolz auf meinen Platz auf Thorins Schulter und erleichtert, ihn endlich gefunden zu haben, auch wenn wir geradewegs in die nächste mehr oder weniger große Katastrophe spazierten. Dass Thorin mir meine Worte bereits verziehen hatte, überraschte mich dennoch (man bedenke nur, wie lange sein Zorn gegenüber Thranduil und somit seine Abneigung gegenüber Elben allgemein bereits anhält) und ich fürchtete, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen worden war.

Trotzdem tat ich, was ich immer tat: Ich behielt die Umgebung, die Wachen und die Stadtbewohner, die sich nun neugierig ebenso am Rathaus einfanden, im Auge. Ich hielt nach weiteren Gefahren Ausschau und war bereit und gewillt, jedem die Augen auszuhacken, der es wagen sollte, Thorin anzugreifen oder auch nur zu nahe zu kommen.
Und doch hoffte ich, dass die Menschen in Esgaroth ihn aufhalten und er den Berg nicht erreichen würde.
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