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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
19.06.2021
26
89.764
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05.04.2021 3.006
 
Meine lieben Lesenden,

vielen lieben Dank für eure Geduld, ich hoffe, ihr findet den Anschluss wieder. Ich habe es tatsächlich doch mal wieder zu einem neuen Kapitel gebracht, die Hausarbeiten für die Uni sind vorerst geschafft, nun erwartet mich immerhin EINE freie Woche, ehe das nächste Semester beginnt. Da musste ich doch schnell noch etwas schreiben, das Diȃ und Thorin voranbringt. Erebor, Smaug und all das Gold stehen in den Startlöchern, um endlich ernsthafte Erwähnung zu finden...
Viel Spaß vorerst in Seestadt und bis bald!

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Kapitel 24

Ich hatte auf einem Häuserdach Platz genommen und beobachtete argwöhnisch den Kahnführer, als er mit einem anderen Mann sprach und schließlich auf die Fässer, in denen die Zwerge und Bilbo saßen, deutete. Leises Gemurmel war vom Kahn her zu hören, offenbar beobachtete einer der Gemeinschaft durch ein Leck im Fass, was vor sich ging, und berichtete den anderen. Ich schüttelte amüsiert die Federn aus und schlug schließlich feixend mit den Flügeln als der Mann, mit dem der Kahnführer gesprochen hatte, Fass um Fass mit Fisch füllte. Eine wahrlich gute Tarnung, auch wenn sie den Gestank so schnell sicher nicht wieder loswurden, und eine noch bessere Geduldsprobe für Thorin und Dwalin, deren Murren und Fluchen ich mir nur zu genau vorstellen konnte. Ich stieß schließlich einen kurzen Krächzer aus, als der Kahn wieder Fahrt aufnahm und das Tor der Seestadt ansteuerte. Ich folgte ihm auf ein weiteres Häuserdach und wachte über die Zwerge und den Hobbit in ihren Fässern, so gut es mir in den verwinkelten Gassen und an einem Stadttor möglich war. Angespannt verfolgte ich das Gespräch zwischen dem Kahnführer und einem etwas gebeugt laufenden, dunkelhaarigen Mann mit krummen Zähnen in einem großen Mund, fettigen dunklen Haaren und offenbar der Ansicht, er hätte als Vertreter des Bürgermeisters irgendeine Autorität inne. Schmierig und erbärmlich, hinterlistig und verschlagen waren die Worte, die mir bei seinem Anblick durch den Kopf schossen und mich ihn argwöhnisch mustern ließen. Ich fürchtete, dass dies nicht die erste Begegnung mit diesem Kerl war und die folgenden für irgendjemanden alles andere als gut ausgehen würden und beschloss daher, ihn im Auge zu behalten und Thorin bei nächster Gelegenheit von meinen Eindrücken zu berichten.

Thorin. Ich schüttelte das Gefieder aus, das sich aufgrund der Wut, die ich noch immer verspürte, aufstellte und ließ den Blick über die Fässer auf dem Kahn schweifen. Die Zwerge waren noch immer unter massenweise Fisch begraben und ich wäre einem Impuls folgend beinah auf einem der Fässer gelandet, um Fisch um Fisch herauszuwerfen, um sie daraus zu befreien. Mir war der Gedanke gekommen, dass toter Fisch nicht nur einen fürchterlichen Gestank mit sich brachte, sondern die Zwerge unter ihm auch ersticken könnten. Ich hielt in der Bewegung inne, die Flügel halb ausgebreitet, als der Mann mit selbst auferlegter Autorität nach einem Fisch griff und den Kahnführer darüber belehrte, dass die Fässer den Papieren zufolge leer sein müssten. Prompt befehligte er, die Fässer in den See zu entleeren. Der weggenommene Fisch entblößte bereits einen Teil von Bomburs Gesicht, so dass er sich mit dem freiliegenden Auge erschrocken umsah. Hektisch überlegte ich, wie ich verhindern konnte, dass dieser Kerl die Zwerge entdeckte, und landete mit lautem Gekrächze und Geschrei auf dem Steg, stolzierte ein wenig hin und hopste her, ehe ich ein Stück süßes Gebäck schnappte und der schimpfenden Bäckerin davonflog. Auch, wenn ich ein Rabe war, hatte ich seit Ewigkeiten nicht von den Menschen gestohlen. Abgesehen davon, dass ich selten in ihrer Gesellschaft war, hatte Thorin mich stets versorgt.
„Die Raben klauen das Brot vor unserer Nase. Die Leute müssen essen!“
Nun, das war nicht ganz die Reaktion, die ich mir erhofft hatte, aber sie lenkte trotzdem von den Zwergen in den Fässern ab und gab dem Kahnführer ein Argument, die Fässer nicht zu leeren. Ganz zum Missfallen des Vertreters des Bürgermeisters, der dem Kahnführer noch eine Warnung zurief, dass bekannt sei, wo er wohne.
„Ist ‘ne kleine Stadt Alfrid. Jeder weiß von jedem, wo er wohnt.“
Ich lenkte meinen Blick wieder auf den Kahnfahrer, der nun das Stadttor passierte, und zurück zu Alfrid, der sich als der gänzlich unsympathische Vertreter herausstellte. Diesen Mann sollte ich wohl im Auge behalten, denn zu trauen war ihm ganz sicher nicht.

Ein wenig entspannter nun, da die Zwerge und Bilbo es in die Seestadt geschafft hatten, beschloss ich, mich ein wenig umzusehen. Eine Stadt lässt sich doch immer noch am besten überblicken, wenn man von oben auf sie herabschaut. Warum sonst zeigen Karten ein Land stets aus der Sicht eines Vogels? Als mir dieser Gedanke kam, drängte sich mir auch prompt die Frage auf, wie Menschen, Zwerge oder Elben, die nicht fliegen können, überhaupt wissen konnten, wie eine Stadt mit all ihren Straßen, Gassen und Winkeln von oben aussah oder wo ein Bach durch einen Wald verlief. Mir musste all die Jahre etwas entgangen sein…
Bevor ich jedoch weiter darüber nachdenken konnte, erreichte ich einen Turm, auf dem etwas stand, das nach Kriegsgerät aussah. Es kam mit wage bekannt vor, doch ich konnte nicht sagen, woher oder wie man dieses seltsame Ding nannte. Es sah aus, als hätte man zwei Bögen über Kreuz gespannt und das Geschoss, das etwa die Größe einer Lanze haben musste, wurde offenbar in der Mitte des Kreuzes eingespannt. Ich war sicher, dass ich so ein Gerät schon einmal gesehen hatte, doch ich konnte mich nicht erinnern, wann und wo. Es war keine Armbrust, erstrecht kein Bogen, doch ähnlich einer Balliste auf dem Turm befestigt. Etwas sagte mir, dass es einst zur Abwehr diente, doch wer sollte eine arme Stadt mitten auf einem See schon angreifen? Ich sah in die Richtung, in die das Schussgerät ausgerichtet war, und begriff, wen es abwehren sollte, als ich den Berg erblickte: Smaug.

„Gold lockt nicht nur die Menschen, Edelsteine nicht nur Elben an. Auch andere werden am Reichtum Erebors teilhaben wollen.“
„Was genau willst du mir damit sagen“, fragte Thorin ein wenig träge, offenbar überhaupt nicht daran interessiert sich mit etwas anderem zu befassen als dem feinen Zopf, den er erst vor wenigen Tagen aus einer meiner unteren Haarpartien gefertigt hatte. Das Geflecht und darin verwobene, seidige, dunkelblaue Band, kaum breiter als die Verschnürung eines Kleides, würden jedem in Erebor zeigen, an wessen Seite ich stand. Auch wenn ich es mit einem gewissen Stolz trug, wurde es stets von den darüberliegenden Haaren verdeckt, denn unsere Verbindung war kaum jemandem bekannt (jedenfalls hofften wir das) und bis Thorin sich um eine Königin an seiner Seite Gedanken machen sollte, würden noch viele Jahre vergehen. Die geflochtenen Strähnen in Thorins Haar waren ebenso unauffällig angebracht wie die meine, doch würden sie, wenn sie jemandem auffielen, lediglich als Haarschmuck gesehen werden und nicht darauf schließen lassen, dass er eine Zwergin nahe genug an sich herangelassen hatte, um ihr zu erlauben, seine Haare zu flechten. Nun, genau genommen hatte er es mir auch nicht erlaubt, aber er hatte lediglich amüsiert den Kopf geschüttelt, als er sie bemerkt hatte und mich beauftragt, etwas Passendes zu schmieden, damit sie sich nicht auflösten.
„Ich spreche von Drachen, Thorin“, versuchte ich seine Aufmerksamkeit auf meine Worte zu lenken und wich seiner Hand aus, um ihm meine Haare zu entziehen. Er seufzte tief.
„Warum machst du dir darüber Gedanken, Amrâlimê? Erebors Mauern sind dick und geschützt, unsere Krieger gut ausgebildet und aufgestellt.“
„Weil ich befürchte, dass wir uns zu sehr in Sicherheit wiegen. Und was ist mit Thal? Dort würde ein Drache zuerst angreifen. Die Menschen sind ungeschützt, wehr- und hilflos.“
„Sie haben Soldaten“, gab Thorin halbherzig zurück. Es schien ihn nicht zu interessieren, dass die Menschen einem Drachenangriff ausgeliefert wären. Vielleicht langweilte ihn das Thema auch, denn er gähnte verhalten und sah mich abwartend an, als könnte ich plötzlich seiner Meinung sein, all meine Sorgen und Befürchtungen vergessen und mich auf, wie er fand, wichtigeres (um nicht zu sagen „ihn“) konzentrieren.
„Sie haben Pfeil und Bogen, Schwerter und Lanzen. Nichts davon kann einem Drachen auch nur einen Kratzer zufügen. Du weißt das, Thorin! Die Menschen in Thal sind unsere Verbündeten, Handelspartner und Freunde, die wir auf dem Markt treffen. Wir können sie nicht wissentlich einem Drachen ausliefern, der durch unsere Gier nach Gold, das wir horten als könnte es uns retten, angelockt wurde!“
„Was erwartest du von mir“, gab Thorin nun ebenso vorwurfsvoll zurück und sah mich zornig an. Seine Stimme wurde eine Spur lauter, sei Tonfall geradezu gebieterisch. „Soll ich Zwerge in Thal stationieren und sie ebenso zum Tode verurteilen, wie du es darstellst?“
„So habe ich das nicht gemeint“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen.
„Versuch nicht, mir Vorschriften zu machen und mir zu sagen, welchen Weg ich einschlagen soll! Welche Wahlen und Entscheidungen ich treffen soll. Das bekomme ich täglich von meinem Vater und Großvater zu hören, mehr als genug. Ich bin Thronerbe, zukünftiger Herrscher über dieses Reich. Ich werde in Diplomatie, Kriegsführung und allem möglichen unterrichtet, bis es mir zum Halse rauskommt. Ich kenne die Schwächen und Stärken der Menschen. Ich weiß, was ein Drache ist und mir ist durchaus bewusst, dass wir von Glück reden können, dass noch keiner vor den Toren stand. Trotzdem werde ich keine Verantwortung für das Leben der Menschen in Thal übernehmen, so gute Handelspartner sie auch sein mögen, wenn wir es sind, die ein Drache angreifen würde.“
Ich spürte seinen Blick auf mir, der sich zunehmend in meine Schläfe bohrte, und sah schweigend auf meine Hände. Es war doch immer wieder erstaunlich (und teilweise beängstigend) wie schnell seine Laune umschlagen konnte. Wie sehr sich Thorin, der den Angelegenheiten eines Königs am liebsten entfliehen würde, von Thorin, der sich als Herrscher sah, unterschied. Wie der Schalk in seinen Augen zu Wut wurde und jeden Widerspruch verbot, so dass ich ob meines Fehlers, ihn belehren zu wollen, nur stumm den Kopf senkte und ihm den Respekt zollte, den er einforderte. Der Respekt, dem Thorin, Sohn des Thrain, Sohn des Thror, Thronerbe Erebors und zukünftigem König gebührte.

„Verzeih“, bat Thorin mich nach einem tiefen Seufzen und nahm meine Hände in seine. „Es war nicht richtig, meine Wut an dir auszulassen. Du hast es sicher sowohl für uns als auch für die Menschen in Thal gut gemeint und ich verstehe deine Angst. Doch wie ich sagte, unsere Tore und Mauern sind gut bewacht und die Menschen sind ebenso bewaffnet.“
Ich nickte leicht als Zeichen, dass ich verstanden hatte, doch beruhigt war ich keineswegs.
„Ich bin des Geredes über Verteidigungen, Handelspartner und was mein Großvater und Vater mir sonst so aufbürden müde. Die Belange des Königs sind nicht für deine Ohren bestimmt, solange du nicht Königin bist. Und selbst dann obliegt vieles mir allein, solange ich es nicht mit dir teilen will. Ich möchte nicht mit dir streiten, im Zorn etwas sagen, das ich bereuen würde, und dich so verletzen. Sprich solche Dinge also nicht mehr an.“
„Bestimmt nicht“, gab ich leise zurück und fragte mich einen Moment, ob ich Thorin doch nicht so gut kannte, wie ich angenommen hatte. Er war in letzter Zeit herrischer geworden. Entschlossener, dem Weg zu folgen, der ihm als Erbe Durins vorherbestimmt wurde. Er war aufbrausender, verschlossener und das schalkhafte Blitzen in seinen Augen, das mich einst in seinen Bann gezogen hatte, war einer zunehmenden Kälte gewichen.
„Sieh mich an“, sprach Thorin mich nun deutlich sanfter an und legte die Hand an mein Kinn, um meinen Kopf zu sich zu drehen. Er musterte mich besorgt, sah mich schließlich müde und reumütig an, ehe er seufzte und die Hand an meine Wange legte.
„Ich werde dafür sorgen, dass die Menschen in Thal eine Windlanze und schwarze Pfeile erhalten. Sie können die Schuppen eines Drachen durchdringen und so hoffentlich Schlimmeres für uns alle verhindern. Ist das in deinem Interesse?“
Ich nickte erneut und sah Thorin mit einem zaghaften Lächeln an, das ihn die Stirn runzeln ließ. Ich erkannte ein Blitzen in seinen Augen, doch es war sicher nicht das, was ich mochte.
„Ich habe dir Angst gemacht“, bemerkte er bestürzt.
„Nein“, gab ich schnell zurück, was seinen Blick noch verfinsterte. „Ein wenig.“
Thorin schloss seufzend die Augen und schüttelt leicht den Kopf, offenbar ungläubig und erschrocken darüber, was seine Reaktion und sein Verhalten bei mir bewirkten. Nun war ich es, die ihn musterte. Er war ein wenig in sich zusammengesunken, knirschte mit den Zähnen und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, ehe er mich wieder ansah.
„Ich habe dir ein Versprechen gegeben, und das nicht leichtfertig oder aus einer Laune heraus. Ich werde dich stets ehren und für deine Sicherheit sorgen, nichts steht mir ferner, als dich zu verletzen oder zu ängstigen. Ich liebe dich, Diȃ, und ich werde es immer tun. Vergib mir, dass ich dich ungerecht behandelte und meine Erschöpfung in Wut ausdrückte.“
„Ist schon gut“, versuchte ich seinen Reueschwur zu unterbrechen.
„Nein, ist es nicht“, entschied Thorin und sah mich entschuldigend an. „Du hast alles verdient, was dir Glück und Freude bringt, aber keinen Ehemann, der dich grob zurechtweist und seine Wut an dir auslässt.“
„Thorin“, unterbrach ich ihn erneut und verdreht die Augen. „Hör auf, in Selbstvorwürfen zu versinken und finde zu deinem Witz und Humor und, was noch wichtiger ist, deinem Lachen und dir selbst zurück. Du kannst mit mir über alles sprechen, was dein Herz bedrückt. Ich bin deine Frau, ich habe dir all das und viel mehr ebenso geschworen. Ich will dich nicht belehren, das steht mir nicht zu und das weiß ich auch. Ich bitte dich lediglich, über meine Worte nachzudenken.“
„Das werde ich“, versprach er und gab mir einen Kuss auf die Stirn als ich meine Hand ebenso an seine Wange gelegt hatte.
„Aber solltest du mich noch einmal so anherrschen oder gar die Beherrschung verlieren, werde ich dich in eigenhändig geschmiedete Ketten legen.“
„Ist das so“, brummte Thorin nun grinsend und zog mich näher zu sich.


Erschrocken schlug ich mit den Flügeln als ich das Gefühl hatte, das Gleichgewicht zu verlieren und vom Turm zu fallen. Was waren das wieder für Bilder gewesen, die ich wie in einem Traum vor mir gesehen hatte? Spielte mein Verstand mir einen grausamen Streich? Oder waren es tatsächlich Erinnerungen, auf die ich unkontrolliert und unerwartet zurückgriff? Ich schüttelte mich, um wieder ins Hier und Jetzt zurückzukommen, und versuchte mich an das zu erinnern, was ich gerade gesehen hatte. Thorin hatte auf einer Lichtung, die ich in ähnlichen seltsamen Bildern bereits häufiger gesehen hatte, im Gras gelegen. Wir hatten uns unterhalten, gar ein wenig gestritten, schätze ich, denn er hatte sich eindeutig von meinen Worten angegriffen gefühlt. Er hatte die Hand an meine Wange gelegt, meine Hände gehalten. Nichts davon erschien mir fremd oder ungewöhnlich, auch wenn ich nicht einmal Hände hatte und nicht wusste, wie es sich anfühlte, wenn er diese hielt. Wie sich seine Hände in meinen oder seine Lippen auf meiner Haut anfühlten. Mehr als dass ich in diesen Bildern, die mir erschienen, offenbar eine Zwergin war, irritierte mich die Tatsache, dass es mir zunehmend selbstverständlich erschien. Vielleicht lag es daran, dass Thorin mich für diese Zwergin hielt. Oder daran, dass ich mich daran gewöhnte, diese Bilder aus den Augen einer Zwergin zu sehen. Oder daran, dass diese Begebenheiten tatsächlich stattgefunden hatten und ich mich lediglich daran erinnerte. An das frühere Leben, die frühere Gestalt, die ich einst hatte und nach der Thorin sich in seinem Schmerz und Verlust so sehr sehnte. Ich hatte den Eindruck, dass diese Bilder (Erinnerungen oder was auch immer sie waren) klarer und deutlicher wurden, mir vertrauter vorkamen und sich zunehmend lückenlos in mein Gedächtnis einfügten, je näher ich dem Berg kam. Unbehaglich sah ich zu diesem hinüber und fragte mich, ob er mich in eine andere Art Wahnsinn als die Drachenkrankheit stürzen könnte. Die Drachenkrankheit…Thorin fürchtete sich davor, ebenso wie Balin befürchtete, nach Thrain und Thror auch Thorin vom Gold besessen durch die Hallen Erebors schreiten zu sehen, blind und taub für alles andere. Dass ich mich ebenso davor fürchtete, Thorin an Gold und Edelsteine zu verlieren, sollten wir denn in den Berg gelangen und Smaug vertreiben oder töten können, wurde mir jedes Mal mit einem eiskalten Schauer und aufgestellten Federn bewusst, wenn ich daran dachte.

Ich schüttelte mich, um den Gedanken wieder loszuwerden, und stieß einen Schrei aus. Ein still und stumm auf einem Turm sitzender Rabe könnte manch einem seltsam erscheinen, also suchte ich mir das Dach eines Hauses als nächsten Beobachtungsposten aus und lauschte ein wenig den Gesprächen der Menschen, die ein paar Lebensmittel, Kleidung und andere Sachen, für die ich keine Verwendung hatte, preisboten.
„Zwerge sind in der Stadt!“
„Habt ihr sie gesehen?“
„Der Herr der Silberquellen kehrt zum Berg zurück!“
‚So viel dazu, sich ungesehen in die Stadt zu schleichen‘, dachte ich und sah mich aufmerksam um. Wachen patrouillierten auf den Stegen, die als Wege dienten, und musterten den ein oder anderen Händler, die sofort verstummten, wenn die Männer in Rüstung und Waffen näherkamen und wichtigtuerisch umherliefe. Solange sie hier herumlungerten, schienen die Zwerge bisher von anderen Wachen unentdeckt geblieben zu sein und irgendwo ein Versteck gefunden zu haben.
„Bard hat sie hergebracht. Sicher haben sie Gold und Juwelen bei sich.“
„Dann ist er bald ein gemachter Mann…“
„Verdient hat er’s! Sorgt für seinesgleichen und die Stadt.“
„Er wär‘ ein bess’rer Bürgermeister!“
„Nicht so laut!“
Ich legte den Kopf ein wenig schief und musterte die Frau, die nun einen alten Mann in zerschlissener Kleidung zurechtwies. Bard, das war wohl der Kahnführer und offenbar beliebt bei seinen Mitbürgern. Er hatte sehr ernst auf mich gewirkt, mürrisch, entschlossen und misstrauisch gegenüber den Zwergen, wie Thorin es gegenüber den Elben war (nun, offensichtlich jedoch nicht so von Hass geprägt). Auf eine gewisse Art und Weise schienen sie gar nicht so unähnlich, auch wenn ich noch nicht wusste, worin genau sie sich ähnelten. Doch darum könnte ich mir auch noch Gedanken machen, wenn ich Bards Haus und somit Thorin und die anderen aufgespürt hatte. In dem Gewirr aus Gassen und Dank meiner plötzlichen Ablenkung durch die Streiche, die mein Verstand mir zu spielen schien, hatte ich sie aus den Augen verloren.
Ich beschloss daher, die Seestadt Haus für Haus abzufliegen und nach ihnen zu suchen.

Schon wieder.
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