Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
19.06.2021
26
89.764
23
Alle Kapitel
51 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
28.02.2021 3.267
 
Kapitel 23

„Nein“, hörte ich Thorin wütend aufbrüllen, ehe er scheinbar an den schweren Eisenstreben rüttelte, die sich jedoch kaum nennenswert bewegten. Stattdessen spülte das Wasser Fass um Fass und damit Zwerg um Zwerg in die tödliche Sackgasse, ließ ein hölzernes Klonk nach dem anderen ertönen, wenn die Fässer einanderschlugen. Einen Bogen schlagend flog ich erneut über die Zwerge, deren aufgeregte Rufe im Rauschen des Flusses und dem Geschrei der Orks unterging, die nun von den Elben attackiert wurden.
„Weiter“, rief ich, „raus aus den Fässern! Die Orks strömen aus dem Wald!“
Die ersten dieser abscheulichen Kreaturen hatten bereits die Mauer gestürmt und die Elben überfallen. Die Zwerge hatten die ein oder andere Waffe auffangen können und verteidigten sich nun so gut es ging, noch immer in den Fässern im Wasser treibend.
„Öffnet das Tor! Auf dem Fluss sind wir schneller“, entschied Thorin, der sich an dem um ihn herrschenden zunehmendem Gemetzel nicht beteiligen konnte, da er ganz vorn am Tor trieb und so immerhin halbwegs vor Angriffen geschützt war. Auch, wenn ich mich um die anderen Zwerge sorgte, war ich darüber erleichterter, als ich zugeben wollte.
„Macht schon“, rief er ungeduldig, als sich niemand aus seinem Fass bequemte.
„Kíli“, hörte ich daraufhin dessen Bruder nach ihm rufen und sah zu dem jungen Zwerg, der aus seinem Fass geklettert war und nun auf die steinerne Mauer sprang, die die Grenze des Königreiches markierte und unter der das Wassertor seine Gefährten gefangen hielt. Er wehrte die Angriffe weiterer Orks ab, kämpfte sich den Weg zu dem großen hölzernen Hebel frei, der das Tor öffnen würde, und streckte bereits die Arme danach aus, als –
„Kíli!“
Ich stieß im selben Moment einen Schrei aus als Kíli in der Bewegung verharrte und ich den langen, schwarzen Pfeil entdeckte, der aus seinem Oberschenkel ragte. Sein Blick war auf den Hebel direkt vor ihm gerichtet als er aufkeuchte. Ungläubig blinzelte er und sah auf das Geschoss hinab, atmete ein paar Mal hektisch ein und aus, doch rührte sich nicht weiter. Es war, als hindere der Pfeil ihn an jeglichen Bewegungen.
„Kíli“, sprach ich ihn an und landete auf der Mauerzinne neben ihm. „Öffne das Tor! Schnell!“
„Ich…“, begann er und stöhnte vor unterdrücktem Schmerz auf. „...kann nicht.“
„Doch, du kannst! Du musst! Bitte! Versuche es!“

Er streckte zitternd die Arme aus, umfasste den Hebel und zuckte zusammen, das Gesicht vor Schmerz verzogen. Ich versuchte, ihm weiterhin Mut zu machen, doch er keuchte immer wieder ob der Anstrengung und lehnte schließlich am Hebel, ohne ihn zu betätigen. Während er versuchte das Tor zu öffnen, schlug ich einem weiteren Ork, der sich über die Mauer schwang, mit wütendem Geschrei die Krallen in die hässliche Visage und hackte ihm ein Auge aus. Er stieß einen schrillen Schrei, beinah ein Quieken aus, und schlug nach mir.
„Kíli“, hörte ich Fíli erneut nach seinem Bruder rufen und bemerkte, dass dieser auf dem Boden lag und sich nun in den Fluss rollte. Er hatte es geschafft, das Wassertor zu öffnen und war anschließend blass, schwitzend und offenbar am Ende seiner Kräfte zusammengesackt. Ich zog mich auf einen Ast zurück, der Ork unter mir krakeelte und hielt sich die schmutzige Hand vor die Augenhöhle, die ich geleert hatte, und aus der das für Orks typische schwarze Blut hervorquoll. Aber das kümmerte mich nicht, meine Sorge galt in diesem Moment einzig Kíli. Er landete glücklicherweise in einem Fass, brach dadurch jedoch den Pfeil ab und schrie schmerzgeplagt auf. Sicher hatte auch die Landung allein ihm genug Schmerzen bereitet, doch nun hing er schwer atmend in dem Fass und ich befürchtete, dass er bei der nächsten stärkeren Strömung oder dem Zusammenprall mit einem der anderen hinausfallen und ertrinken würde. Der Ork indessen taumelte auf der Mauer umher und entdeckte schließlich Dwalin, den er für seine Qual verantwortlich machen wollte. Dwalin jedoch machte mit ihm kurzen Prozess, ehe das Fass, in dem er stand, den anderen durch das nun geöffnete Tor und einige flache Wasserfälle hinunter folgte.

„Flieg voraus“, hörte ich Thorin über das tosende Wasser hinweg brüllen als ich über die Zwerge hinwegflog und immer wieder nachzählte, ob noch alle in ihren Fässern waren.
„Wir treffen uns flussabwärts“, rief er nun. „Sie wissen, wo wir sind, wenn du über uns kreist.“
Ich wollte widersprechen, denn auch wenn Thorin natürlich Recht hatte, stand mit überhaupt nicht der Sinn danach, ihn seinem Schicksal zu überlassen. In einem Fass einem reißenden Flusslauf ausgeliefert während Orks und Elben ihn verfolgten.
„Bleibt so lange es geht in den Fässern“, rief ich zurück, denn das schien mir am sichersten. Als etwas an mir vorbeizischte, das nur ein Pfeil sein konnte, sah ich meine Vermutung nicht nur bestätigt, sondern erkannte auch, dass ich ebenso ein Ziel darstellte wie die Zwerge. Aufgebracht stieß ich Schreie aus und sah mich hektisch flatternd und möglichst im Zickzack fliegend nach dem Schützen um. Ich erkannte einen Ork mit einem Bogen, der kurz darauf durch eins der langen Messer des Elbenprinzen wörtlich den Kopf verlor. Dieser beantwortete meinen Dank mit einem kurzen Nicken und stürzte sich wieder in den Kampf. Als ich schließlich dem Flusslauf folgte und den Zwergen vorausflog, was Angst, Sorge und den Drang, umzukehren, von mir Besitz ergreifen ließ, fragte ich mich einen Moment lang, wie Thranduil wohl auf die Flucht der Zwerge, die einen Orkangriff auf sein Königreich provoziert hatten, und auf die Rettung meinerseits durch seinen Sohn reagieren würde.

Ich war dem Fluss ein gutes Stück gefolgt bis die Strömung nachgelassen hatte und ich einen großen Kahn entdeckte, auf dessen Mast ich Platz nahm, um den Blick flussaufwärts zu richten und auf Thorin zu warten. Ich sorgte mich zunehmend, die Minuten fühlten sich wie Tage an und noch immer kamen weder ein Fass noch etwas anderes, das auf die Zwerge hinwies, in Sicht. Ich streckte bald die Flügel und hoffte, so ein wenig der Anspannung loszuwerden. Ein erneuter Blick flussaufwärts, doch noch immer niemand zu sehen. Um mich abzulenken, ließ ich den Blick schweifen und beobachtete schließlich den großgewachsenen, dunkelhaarigen Mann, der soeben das Tau des Kahns kontrollierte. Offenbar hatte ich den Besitzer des Wasserpferdes entdeckt, auf dem ich Ausschau hielt, und musterte ihn eine Weile abschätzend. Ich hatte natürlich noch immer andere Ansichten als die Menschen, Zwerge und Elben, aber ich möchte behaupten, dass man ihn durchaus als stattlich bezeichnen konnte. Und trotz seines grimmigen Gesichtsausdrucks war er das, was man wohl attraktiv nennen würde (oder in meinem Fall vielleicht auch gerade deswegen, wenn ich genauer darüber nachdachte). Irritiert ob meiner eigenen Gedanken schüttelte ich das Gefieder aus, putzte es oberflächlich und verlor dabei prompt ein paar kleinere Federn. Missmutig beobachtete ich, wie der Wind sie in dem ihm eigenen Spiel tanzen und schließlich zu Boden sinken ließ. Wie viele Federn hatte ich auf dieser Reise bereits verloren? Die Aufregung, Sorge und Angst hatten mich so oft einer Schockmauser ausgesetzt, dass ich befürchtete, bald gar keine Federn mehr am Leib zu tragen. Ein ausgiebiges Bad, bei dem ich lose Federn herausreißen könnte, war demnach das Letzte, was ich gebrauchen konnte, auch wenn es notwendig war. Ich sah ohnehin bereits ziemlich mitgenommen und gerupft aus, die letzten Ereignisse hatten ihre Spuren hinterlassen.

Ich richtete meinen Blick wieder auf den Fluss und verharrte reglos, um ein wenig auszuruhen. Der Kahnführer, der unter mir ab und an hin und her lief, interessierte mich nicht. Auch hatte ich den abschätzenden Blick, den er mir zugeworfen hatte, ignoriert. Eine Bewegung an der Flussbiegung zog bald meine Aufmerksamkeit auf sich und ich krächzte erleichtert, als ich mich aufrichtete und den Kahn hinter mir ließ, um die nähere Umgebung auszukundschaften. Ich musste Thorin in Sicherheit wissen, ehe ich mich davon überzeugen konnte, dass er unverletzt war. Zuerst würde ich jedoch nach Kíli sehen. Die Zwerge paddelten mit den Händen die Fässer ans Ufer, halfen sich gegenseitig heraus und versuchten, ihre durchnässte Kleidung auszuwringen und das Wasser aus ihren Stiefeln zu schütten. Ich ließ den Blick nur kurz über sie schweifen und war heilfroh, alle beisammen vorzufinden. Ein kurzer Schrei, der Thorins Blick in den Himmel schnellen ließ und ihm lediglich sagen sollte, dass ich meiner Aufgabe nachgehen würde, dann folgte ich dem Fluss zurück Richtung Elbenkönigreich. Es dauerte nicht lange, bis ich die Orks entdeckte, die den Zwergen dicht auf den Fersen waren und die so laut und rücksichtslos durch den Wald stürmten und trampelten, dass selbst ein blinder Rabe sie mühelos hätte aufspüren können. Ich schlug einen Bogen und eilte zurück zu den Zwergen, die ein wenig mitgenommen und beratschlagend am felsigen Ufer saßen.
„Bleibt nicht stehen! Die Orks sind euch dicht auf den Fersen“, rief ich ihnen zu.
„Verbindet sein Bein! Ihr habt zwei Minuten“, hörte ich Thorin sagen als er an Kíli vorbeistapfte und landete neben dem jungen Zwerg auf einem Stein. Er verzog schmerzerfüllt das Gesicht als er einen Stofffetzen auf die Wunde in seinem Oberschenkel drückte, die noch immer blutete. Ich musterte ihn besorgt und krächzte leise in dem Versuch, ihm Trost zu spenden. Wie früher, wenn er als Zwergling hingefallen war, sich gestoßen hatte, Fíli ihn beim Wettrennen aus dem Weg geschubst hatte und er dieses verloren hatte.
„Es ist nichts“, versuchte er mir kreidebleich und mit einem missglückten Lächeln weis zu machen. „Nur ein Kratzer. Ein ziemlich tiefer, um genau zu sein. Aber nichts Ernstes.“
Ich sagte nichts, doch als Kíli seufzend den Blick abwandte, wusste ich, dass ich ihn längst durchschaut hatte. Die Wunde war mehr als ziemlich tief und weitaus mehr als ein Kratzer. An Kílis Zustand und der Tatsache gemessen, dass sie immer noch blutete, vermutete ich, dass eine Arterie verletzt war. Wenn sich nicht schnell jemand darum kümmerte, würde er verbluten. Vielleicht würde er auch eine Blutvergiftung davontragen, denn wer weiß schon, was Orks mit ihren Pfeilen vor Gebrauch anstellen. An beides wollte ich nicht denken und war daher umso erleichterter, als Óin sich seiner annahm. Kíli murrte als der beinah taube Zwerg seine Stirn befühlte und ihn auf weitere größere Verletzungen untersuchen wollte.

„Diȃ“, hörte ich eine nur allzu vertraute Stimme meinen Namen rufen und sah auf. Thorin stand am Flussufer, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah mich auffordernd an.
„Es geht mir gut“, versuchte Kíli mir erneut zu versichern, nachdem er vergebens versucht hatte, einen Schmerzensschrei zu unterdrücken als Óin sein Bein abband, um die Blutung zu stoppen. Kíli war erneut der Schweiß ausgebrochen und er atmete flach und hektisch.
„Es ist keine Schande, Schmerz zu zeigen“, erwiderte ich und streckte die Flügel, strich dabei über Kílis Unterarm und erntete ein dankbares Lächeln.
„Diȃ“, rief Thorin mich ungeduldig und mit Nachdruck zu sich.
„Lass ihn nicht warten“, meinte Kíli mit einem Seitenblick zu seinem Onkel. Ohne das Grinsen, das sonst sein Gesicht zierte, wirkte er kaum wie er selbst und es tat mir leid, dass er offensichtlich große Schmerzen hatte, die ihm auch den letzten Schalk nahmen. Mit einem letzten besorgten Blick auf ihn flog ich schließlich zu Thorin hinüber, der sich inzwischen dem Fluss zugewandt hatte und offenbar überlegte, wie sie schneller vorankommen und den See überqueren konnten. Ich nahm auf seiner Schulter Platz und sah ihn forschend an. Er musterte mich kurz, ehe ein erleichtertes Lächeln über sein Gesicht huschte.
„Bekomme ich kein Krächzen“, fragte er als er an meinen Schwingen zog und sah mich fragend an. War er besorgt, dass ich ihm für seine Sturheit grollte? Nun, ich sollte es wohl, schließlich hatte sie uns alle in Gefahr und mir eine Todesdrohung seitens Thranduil eingebracht. Ich sollte ihm grollen, ihn meine Wut über das spüren lassen, was ich seinetwegen ertragen musste. Die Sorge und Angst um mein Wohl und das der anderen. Ich sollte ihm zeigen und sagen, was ich von seinem mangelnden Urteilsvermögen über die Machtverhältnisse zwischen ihm und Thranduil in dessen Königreich hielt. Und ich sollte, und das tat ich tatsächlich, seinen Stolz verfluchen.
„Ich hoffe dir ist bewusst, dass wir ohne Bilbo dem Tode geweiht gewesen wären. Wie konntest du unser aller Leben aufs Spiel setzen, indem du dich König Thranduil widersetzt, seinen Bedingungen widersprochen und sein Angebot, ohne darüber nachzudenken, abgelehnt hast? Hast du plötzlich maßloses Vertrauen in Bilbo und glaubst, er wird dir jedes Mal den Hals retten und deinen Kopf aus der Schlinge ziehen?“
„Diȃ“, begann Thorin, doch ich schlug mit den Flügeln und sie ihm so an den Kopf. Er sah mich empört an als ich mit wütendem Geschrei auf den nächsten Stein flog und ihm die Wut und die Angst, die sich in mir angestaut hatten, in Form von Vorwürfen entgegenschrie.
„Wer glaubst du, wer du bist, dass du den Wert unserer Leben als geringer schätzt als deinen Stolz? Verdammt sei er! Er und deine Sturheit! Du hast mich den Launen Thranduils ausgeliefert! Du hast zugelassen, dass er mich in einen Käfig sperrt, mir die Federn ausreißt, mir Hunger, Durst und einen qualvollen Tod androht…nur, um nicht klein beizugeben. Denkst du denn wirklich, dass Thranduil nicht längst bekannt war was uns verband, ehe er mich zu dir bringen ließ, um dich dazu zu überreden, einzulenken? Er wusste bereits, wer ich war, als er mich in diesen Käfig sperrte. Er wusste von meinem früheren Dasein und was die Vögel und Tiere sich über mich erzählen. Er wusste auch, dass ich deine wohl größte Schwäche bin und du alles daransetzen würdest, mich zu schützen.“

Ich musterte Thorin einen Moment, der mich stumm anstarrte als hätte ich ihn geschlagen. Das hätte ich trotz der nahenden Orks und der Erleichterung, ihn unverletzt zu wissen, auch gerne getan. Ich wollte ihn meine Enttäuschung spüren lassen. Ihm denselben Schmerz zufügen, den sein Handeln und die nagenden Zweifel mir angetan hatten. Die eiskalten Hände der Angst und Verzweiflung, die Leere als ich erkannte, dass Thorin die Wahrung seines Stolzes wichtiger war als die Gemeinschaft, wichtiger als ich. Ich hatte mich wohl all die Jahre, die ich mit ihm verbracht hatte, in ihm getäuscht. War blind gewesen für das, was seine Wesenszüge, die ich stets als ihm eigen angesehen und ihm daher verziehen hatte, anrichten und aus ihm machen könnten. Blind für seine lebensgefährlichen Aufträge und Forderungen und die Tatsache, dass er mich wissentlich immer wieder Gefahren aussetzte, die er so umgehen konnte. Blind wegen des Vertrauens, das ich ihm stets entgegengebracht hatte und der tiefen Liebe, die ich ihm gegenüber empfand.
„Du hast in Kauf genommen, dass er deine Freunde, deine Vettern und deine Neffen hungern und dursten lässt. Du hast das Leben deines Volkes, deiner Familie und gar deiner Gefährtin nicht als Priorität betrachtet, wie ein König es sollte. Stattdessen hältst du an längst vergangenen Tagen und einem alten Groll und Zorn fest, der beinah unser Untergang gewesen wäre. Du hast sie verraten, Thorin.“
„Ich habe getan, was ich für richtig hielt“, knurrte er mir mit blitzenden Augen entgegen, als ihn meine Vorwürfe und Anklagen immer tiefer trafen und er nicht mehr stumm zuhören konnte. Nun, angesichts seines Temperaments war es ein Wunder, dass er es bis dahin tat.
„Du hast getan, was du für dich selbst für richtig hieltst, nicht für die Gemeinschaft.“
Ich plusterte mich zunehmend auf und wollte ihm haltlos entgegenschreien, doch eine leise Stimme in meinem Kopf warnte mich davor, die Orks nicht noch genauer auf unsere Fährte zu locken. So schlug ich nur erbost mit den Flügeln und krächzte ein paar Mal.
„Maße dir nicht an, mich zu belehren und mir zu sagen, wie ich als König zu handeln habe! Dieses Waldlandspitzohr hat sich von meinem Volk abgewandt, als es dringend Hilfe benötigte. Er ist noch immer genauso unehrlich und verschlagen und ich lasse mich nicht erpressen. Die Schätze Erebors gehören uns und kein Elb, ob Bote oder König, hat einen Anspruch auf einen Anteil daran. Und diesem König werde ich sicher nicht geben, was er aus den Hallen des Berges verlangt! Egal, welchen Preis ich dafür zahlen muss.“

Thorin hielt inne und starrte mich ebenso an wie ich ihn. Erschrocken über das, was er gerade gesagt hatte und die Erkenntnis, dass er es in diesem Moment genau so meinte.
„Das meinst du nicht ernst“, brachte ich leise heraus, kaum mehr als ein Flüstern.
Thorin öffnete ein paar Mal den Mund, um etwas zu erwidern, knirschte dann jedoch nur mit den Zähnen und wich meinem Blick beschämt aus.
„Du bist nicht du selbst. Der Thorin Eichenschild, den ich vor vielen Jahren kennen gelernt habe, hätte nie Gold und Edelsteine über das Leben seiner Freunde und Familie gestellt. Wir sind noch so weit vom Berg entfernt, hat er dennoch bereits Einfluss auf dich? Ihr seid ein anderer, Thorin, Sohn des Thrain, und ich hoffe inständig, dass Ihr Euch wiederfindet.“
„Amrálimé“, begann Thorin und trat einen Schritt auf mich zu als ich mich umdrehte. Ich wandte den Kopf und sah ihn an, doch er sagte nichts. Stattdessen sah er mich ebenso stumm an, ungläubig und verwirrt und wenn ich genauer hinsah, hätte ich auch Reue und ein wenig verzweifelte Hilflosigkeit in seinem Blick erkennen können. Doch ich wollte nicht genauer hinsehen, wollte mich nicht im Blau seiner Augen verlieren und keine Ausreden oder Entschuldigungen hören, die er ohnehin nicht hervorbringen würde.
„Ihr habt mich verraten“, sagte ich schließlich und versuchte dabei zu verstecken, welche Gefühle diese ausgesprochene Erkenntnis mit sich brachte. Und zu ignorieren, dass Thorin mich zunehmend flehend ansah und leicht den Kopf schüttelte als könne er nicht glauben, was ich da sagte. Dass ich mich durch die Änderung der an ihn gewandten Anrede auch offiziell von ihm distanzierte, schien ihn mehr zu treffen als all meine Vorwürfe.
„Ihr solltet Euch beeilen, die Orks sind nah“, erinnerte ich ihn noch an die Situation, in der er sich gerade befand. Dann stieß ich mich vom Felsen ab und ließ Thorin allein am Flussufer zurück. Ich spürte, dass er mir hinterher sah. Ich hatte seine schnellen Schritte auf dem felsigen Ufer gehört, als er auf mich zu gehastet war, um mich womöglich aufzuhalten. Und ich hatte das Zittern in seiner Stimme gehört, als er mich dabei angesprochen hatte.

Doch ich hatte ihn ignoriert, war losgeflogen und sah nicht zurück, als ich den Wald ansteuerte. Erst, als ich verborgen im Geäst saß, beobachtete ich aus größtmöglicher Entfernung, wie der Kahnführer auf die Zwerge traf und Balin offenbar mit diesem verhandelte. Als der Kahn mit den Zwergen und Bilbo an Bord ablegte und flussabwärts zum See fuhr, begleitete ich ihn parallel zum Ufer und nahm hier und da auf den Ruinen im See Platz, um zu verfolgen, wohin genau er fuhr und wo die Gemeinschaft ihn verlassen würde.

Auch, wenn ich Thorin nach wie vor grollte und nicht mehr dasselbe blinde Vertrauen in ihn hatte (das würde er sich wohl oder übel erst einmal wieder verdienen müssen), konnte ich ihn nicht verlassen. Es gab zu viel, das uns trotz allem verband. Ich würde dennoch vorerst außer Sicht bleiben und Thorin seinem Gewissen, seinen Gedanken und den Kommentaren seiner Sippschaft über mein Verschwinden und dessen Gründe überlassen.
Er sollte schließlich spüren, was ich gefühlt hatte. Ich wollte ihn dafür büßen (und, zugegeben, auch ein wenig leiden) lassen, ehe ich ihm verzieh und wieder den Platz auf seiner Schulter einnahm, sofern er mir diesen noch zusprach. Ich wusste, dass ich ihn verletzt hatte und ausgesprochen hatte, was er bereits früh von seinem Vater eingebläut bekommen hatte. Und dass ich ihm vorgeworfen hatte, dem keine Beachtung geschenkt und als König bereits versagt zu haben, noch bevor er gekrönt worden war. Thranduil hatte es offenbar geschafft, uns mit seinen in meinem Kopf gesäten Zweifeln zu entzweien.
Ich konnte nur hoffen, dass Thorin mir verzeihen konnte, auch wenn meine Anklagen, die ich wohl diplomatischer hätte formulieren sollen, berechtig waren.
Wenn nicht…daran wollte ich lieber nicht denken.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast