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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
08.08.2021
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93.292
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Dieses Kapitel
1 Review
 
03.01.2021 2.974
 
Shamukh meine Lieben,

auch, wenn das letzte Kapitel ewig her ist, habe ich euch oder Diȃ keinesfalls vergessen. Aber wie das mit dem Leben so ist: Man nimmt sich etwas vor, und es will einfach nicht so wie man es sich erhofft hat. So habe ich einen Teil der Feiertage doch tatsächlich mit Aufgaben für die Uni zubringen "dürfen", habe versucht mich zu sortieren und gegen den Wahnsinn der Isolation anzukämpfen, mir schließlich doch ein paar Tage Nichtstun gegönnt,...

Doch nun geht es endlich weiter! Mein Dank gilt wieder meinen Review-Schreiberlingen, die mir durch ihre Rückmeldungen versichern, dass hier tatsächlich jemand mitliest und -fiebert. :)

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Kapitel 22

Ich kreischte erschrocken auf als der Käfig plötzlich leicht schaukelte. Das Tuch lag erneut darüber und nahm mir die Sicht auf meine Umgebung, während ich irgendwo hingetragen wurde. Leise, kaum hörbar nahm ich die Schritte des Elben wahr, der mich trug.
„Ihr habt eine Stunde“, vernahm ich Thranduils Stimme. „Stimmt Eichenschild um oder es wird Euch wie angekündigt ergehen. Ich rate Euch, mich nicht zu enttäuschen.“
Kaum hatte der Elbenkönig seine wenigen Worte an mich ausgesprochen, trug man mich weiter. Dem Gefühl nach ging es tiefer in die Erde hinein, Thorin saß offenbar tatsächlich im tiefsten Verlies, das Thranduil zu bieten hatte. Als endlich das Tuch wieder weggenommen wurde, sah ich mich hektisch um und entdeckte Thorin an die hinterste Wand des Kerkers gelehnt auf dem blanken Steinboden sitzen. Unbewaffnet, ohne Rüstung und Mantel, lediglich in eine von den Strapazen der Reise zerschlissenen und am Saum zum Teil zerrissenen Tunika gekleidet, war von dem stolzen, königlichen Zwerg nicht allzu viel zu erkennen. Lediglich die Sturheit und der Zorn in seinem Blick zeugten von seinem Stolz und dem Krieger, der er war. Unerbittlich und entschlossen, sich (schon gar nicht von einem Elbenkönig, den er ohnehin hasste) nicht erpressen zu lassen.

„Thorin“, sprach ich ihn an und lenkte seinen Blick auf mich.
„Diȃ“, bemerkte er, sprang auf und atmete erleichtert aus als eine Last von ihm zu fallen schien. „Durin sei Dank! Geht es dir gut? Hat er dir etwas angetan?“
„Nur ein paar Federn“, versuchte ich ihn zu beruhigen als er mich mit bedrohlich blitzenden Augen musterte. Wenn er bereits erbost war, ehe ich Thranduils Anliegen erneut vortragen konnte, waren meine Chancen, ihn doch noch um unser aller Willen dazu zu bewegen, in den Handel des Elben einzuwilligen, schwindend und damit beängstigend gering.
„Ich bringe ihn um“, knurrte Thorin und schloss die Hand so fest um einen der Gitterstäbe, dass seine Knöchel weiß hervortraten. „Ich hatte ihn gewarnt.“
„Und er hat dich gewarnt“, begann ich meine Rede. „Er wird mich dir in Einzelteilen präsentieren, bis du zustimmst, auch wenn du hier unten sterben und sie deine zu Staub zerfallenen Knochen herauskehren werden. Bis jetzt mag es nur eine Feder gewesen sein, doch die nächste wird folgen bis sich keine mehr trage.“
„Das wird er nicht wagen“, war Thorin sich sicher.
„Was sollte ihn davon abhalten? Deine Drohungen? Sie sind leer und das weißt du. Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen oder seinen Handel auszuschlagen.“
„Ich werde mich diesem Waldlandspitzohr nicht beugen“, brauste er auf.
„Du hast keine Wahl, Thorin“, schrie ich ihm ebenso entgegen und erntete dafür einen leicht verblüfften Blick, ehe seine Miene sich noch verfinsterte.
„Du fürchtest dich vor ihm“, stellte er fest und knirschte mit den Zähnen.
„Ja“, gab ich zu. „Und das solltest du auch. Wir sind in seinem Reich, in seinem Palast, seiner Willkür und seinen Launen ausgesetzt. Was auch immer zwischen euren Völkern –“
„Unseren Völkern“, unterbrach Thorin mich und schnaubte. „Ist es nicht auch dein Volk?“
„Wir haben jetzt keine Zeit für solche Diskussionen! Thranduil gab mir eine Stunde, um dich zu überzeugen. Gib ihm die weißen Edelsteine, nach denen er sich so sehnt, und wir können unserer Wege ziehen. Oder bleibe weiter auf deiner Sturheit sitzen und verdamme uns alle zum Tode. Deine Sippe wird verhungern und verdursten, ebenso wie du. Mir könnte dasselbe Schicksal drohen und ich schätze, das wäre noch der angenehmere Tod.“
Ich stellte das Gefieder auf als ich daran dachte, was Thranduil mir in Aussicht gestellt hatte, und ich war nicht erpicht darauf herauszufinden, ob er mich tatsächlich Feder für Feder und letztlich Knochen für Knochen zurück zu Thorin bringen würde.

„Bitte, Thorin“, appellierte ich an seine Vernunft. „Willige ein! Lass mich nicht in diesem Käfig sterben, fernab der Sonne und jeden Windhauchs, eingesperrt wegen deiner Sturheit.“
„Dieser Elb wird keinen Anteil am Schatz meines Volkes haben“, blieb Thorin stur. „Nicht, solange ich das entscheiden kann.“
„Du kannst es nicht entscheiden, verstehst du denn nicht?! Wir sind Gefangene, unser Leben liegt in seiner Hand. Reiche ihm die Deine und rette uns vor einem langsamen, qualvollen und doch sicheren Tod in seinen Verliesen. Er wird dich zwingen dabei zuzusehen, wie deine Freunde, deine Verwandten, deine Neffen sterben. Du hast keine Wahl.“
„Es gibt immer eine Wahl“, erwiderte Thorin und entfernte sich etwas von der Tür, schritt langsam auf und ab und schien zu überlegen. Ich schüttelte mich und schrie ihm entgegen.
„Verflucht sei dein Stolz, Thorin Eichenschild! Verflucht deine Sturheit! Schätzt du uns so gering, dass du eine alte Fehde mit einem Waldlandelb über unser aller Leben stellst? Liegt dir so wenig an deinen Freunden, die dir treu ergeben sind, dir in jede Gefahr gefolgt und dem Tod entgegengetreten sind? Bist du tatsächlich so egoistisch und rachsüchtig, dass du ein paar Edelsteine nicht für unsere Freiheit eintauschen willst?“
Thorin antwortete nicht, er sah mich lediglich an und ich konnte erkennen, wie sich langsam, aber sicher und mit aller Macht, sein Gewissen meldete. Er wich meinem Blick schließlich aus und seufzte leise, offensichtlich im Zwiespalt ob der richtigen Entscheidung.
„Hast du mich wissentlich all den Gefahren ausgesetzt und nimmst meinen Tod billigend in Kauf? War ich nur ein kleines Opfer, das du bereit warst zu geben, um dein Leben zu retten? Ein kleiner unbedeutender Kundschafter, der dich vor Angriffen und Gefahren warnte, so dass du dich retten konntest, ganz gleich was mir dabei geschehen würde? Hast du mich in den Brunnen getaucht, um dir deinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, ungeachtet meines Protestes und meiner Angst, weil ich in deiner Schuld stand? Glaubst du, du kannst über mich und mein Leben verfügen, als sei ich eine einfache Dienstmagd, die keine andere Wahl hat, wenn sie überleben will?“

Thorin starrte mich an. Verblüfft zunächst, dann irritiert und schließlich bestürzt und verletzt.
„Ist es das, was du denkst“, fragte er leise. „Dass mir nichts an dir liegt und ich in dir nur einen unbedeutenden Vogel sehe, den ich durch jeden beliebigen ersetzen kann, wenn er sein Leben lässt? Dass ich dich opfern würde, um meine Ziele zu erreichen und zu überleben? Habe ich dir in all den Jahren Anlass dazu gegeben, mir solche Vorwürfe zu machen? Habe ich dein Vertrauen derart missbraucht, dich hintergangen und dir das Gefühl gegeben, du würdest mir nicht am Herzen liegen?“
Nun war es an mir, zu schweigen und Thorin lediglich anzusehen. Ich hatte mir diese Fragen in den letzten Tagen, die wir hier nun schon festsaßen, immer wieder gestellt. Auch, wenn ich mich für jede davon schalt und nie gedacht hätte, dass ich einmal an der tiefen Freundschaft zwischen Thorin und mir zweifeln würde, nagten sie an mir wie Ratten an einem harten Stück Brot. Unerbittlich fraßen sie sich langsam in meinen Verstand und durchlöcherten das Band zwischen uns, bis es zu zerreißen drohte und ich mir sicher war, dass sie nicht ganz unberechtigt waren.
„Bin ich dir nicht stets mit Achtung begegnet? War ich nicht dankbar für deine Mühen und Kundschaftungen? Habe ich dich nicht an meinen Gedanken und Mahlzeiten teilhaben lassen? Habe ich dich nicht ebenso vor Gefahren beschützt? Habe ich dir meine Gefühle nicht klar genug offengelegt? Meine Liebe zu dir nicht deutlich genug gezeigt?“
„Natürlich hast du das“, musste ich zugeben und gab unwillkürlich ein Schnabelklicken von mir. Thorin atmete leise aus, offenbar erleichtert. Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe er wieder näher an die Tür trat, eine Hand durch die Gitterstäbe nach mir ausstreckte und mit den Fingerspitzen über mein Gefieder strich. Ich drängte mich dafür ebenso an die Gitterstäbe des Käfigs wie Thorin sich an die des Verlieses. Man hatte mich gerade so am Rande von Thorins Reichweite platziert.

„Dieser berechnende Elb“, knurrte er als er den Arm langsam wieder zurückzog und die Tür musterte als würde sie ihm plötzlich einen Weg nach draußen offenbaren.
„Er ist gerissen, das muss man ihm lassen“, stimmte ich zu. „Und er hat dich wohl wissend in der Hand. Gib ihm keine Gelegenheit, es dir noch anschaulicher zu verdeutlichen.“
Thorin seufzte und schüttelte den Kopf. Er konnte und wollte den Forderungen Thranduils nicht einfach zustimmen, doch unser aller Schicksal in dessen Händen lassen, konnte er mindestens ebenso wenig. Ich krächzte leise.
„Uns läuft die Zeit davon“, erinnerte ich Thorin. „Ich weiß, dass er viel verlangt. Aber ist der Preis höher als das, was uns andernfalls erwarten würde?“
„Darüber könnt ihr später philosophieren, wenn wir hier raus sind“, hörte ich eine vertraute Stimme neben der Gittertür zu Thorins Verlies wispern. Kurz darauf erschien Bilbo wie aus dem Nichts und jagte mir einen Schrecken ein, der mich prompt aufkreischen und mit den Flügeln schlagen ließ. Eine törichte Idee, denn ich riskierte nicht nur, die Wachen auf ihn aufmerksam zu machen. Der Käfig war zudem zu klein für ausladende Flügelschläge, so dass ich mir die Schwingen daran anschlug und der Käfig gefährlich schaukelte.
„Sssshhht“, machte Bilbo und hielt schnell das Geschaukel an. „Sei doch still, hier sind überall Wachen! Dort hinunter, seid leise!“

Während Bilbo Thorin aus dem Verlies befreite und dieser ihm mit einem dankbaren und anerkennenden Nicken eine Hand auf die Schulter legte, polterten die anderen Zwerge so leise sie eben konnten an uns vorbei die Treppe hinunter und in die Tiefen des Palastes hinab. Immer wieder hörte ich Danksagungen und Lobpreisungen ob Bilbos Rettung. Dwalin musterte Thorin kurz als sie sich kameradschaftlich auf die Schultern klopften.
„So seid doch leise“, ermahnte der Hobbit sie und suchte nach dem Schlüssel für meinen Käfig, konnte an dem Schlüsselbund, den er offensichtlich einer Wache abgenommen hatte, jedoch keinen passenden finden. Er sah mich bald bestürzt an.
„Es tut mir leid, Diȃ. Keiner dieser Schlüssel passt zu diesem Schloss. Vielleicht verwahrt Thranduil ihn woanders auf. Ich werde versuchen –“
„Dafür haben wir keine Zeit“, brummte Fíli, der gerade an uns vorbeihuschte und warf mir einen entschlossenen Blick zu. „Sicher haben sie bereits bemerkt, dass wir weg sind.“
„Wir können sie doch nicht hier lassen“, empörte sich Bilbo und wandte sich bereits der Treppe nach oben zu. Thorin packte ihn am Kragen und zog ihn zurück.
„Fíli hat Recht“, erklärte er nur und nickte Dwalin zu, der versuchte, gewaltsam die Tür zu öffnen. Doch offenbar waren die Zwerge nicht die einzigen mit einer einmaligen Schmiedekunst, denn sie bewegte sich kein Stück. Dwalin fluchte, ehe er vorsichtig den Käfig ergriff und ihn langsam auf die Seite kippte. Ich schlug prompt mit den Flügeln und krächzte leise als ich drohte auf die Seite zu fallen
„Verzeih“, flüsterte Dwalin, umfasste zwei der Gitterstäbe und verzog angestrengt das Gesicht als er sie langsam, Stück für Stück auseinanderbog.
„Beeilung“, forderte Thorin als es weiter oben im Palast unruhig wurde. „Geh voran, Bilbo! Führe sie hinaus, wir werden euch folgen!“
Mit diesen Worten schob er den Hobbit zur Treppe und deutete ihm an, weiterzugehen. Die anderen Zwerge ließen ihn vorbei, sahen sich immer wieder über die Schulter nach ihrem König und den Elben um, die ihr Fehlen offensichtlich bemerkt hatten.

„Schneller, Dwalin“, wurde Thorin zunehmend ungeduldig und sah hinauf zu den Rufen der Elben, die die oberen Stockwerke absuchten. Dwalin brummte und zerrte an den Gitterstäben, die Zähne gefletscht, sämtliche Muskeln angespannt und zunehmend rot im Gesicht. Immer wieder hielt er inne, um Luft zu holen, ehe sich die Gitterstäbe ein paar weitere Millimeter voneinander entfernten.
„Da sind sie“, hörte ich einen der Elben rufen. Er stand auf einer Treppe auf der gegenüberliegenden Seite des Palastes und deutete direkt auf Thorin, Dwalin und mich.
„Thorin“, begann Dwalin, wurde jedoch jäh unterbrochen.
„Hol sie da raus“, befahl Thorin und beobachtete mit wachsender Anspannung die Elben, die nun in ihre Richtung stürmten, um die Flüchtigen wieder in ihre Zellen zu sperren. Als Dwalin erneut Luft holte, schob ich zunehmend panisch den Kopf durch die bereits geschaffene Lücke und versuchte, mich hindurch zu winden.
„So warte doch“, versuchte Dwalin mich aufzuhalten. „Du verletzt dich noch.“
„Wir müssen hier raus“, gab ich zurück. „Folge den anderen, Dwalin. Geh!“
„Aber –“, holte er zu einer Erwiderung aus, ehe Thorin ihm meinen Käfig abnahm und seinen Freund zur Treppe stieß. Dwalin sah ihn ungläubig an, wandte sich jedoch unwillig ab als Thorin nickte und folgte den anderen die Treppe hinunter.
„Verzeih meine Zweifel an dir“, bat ich Thorin und schob einen Flügel durch den Spalt.
„Ist schon gut“, befand er, schob die Finger an mir vorbei um die Gitterstäbe und zog sie mühsam ein wenig weiter auseinander. Ich schlug so gut es ging mit den Flügeln, wand mich und strampelte bis auch meine Brust auf der anderen Seite des Metallgefängnisses war.
„Geh“, forderte ich Thorin auf.
„Nicht ohne dich“, gab er zurück, zog noch immer an den Stäben.
„Ich werde dir folgen. Nun geh, die Wachen sind –“
„Bringt sie zurück in ihre Zellen! Fangt Eichenschild wieder ein und bringt mir diesen Raben!“
„Thranduil“, knurrte Thorin voller Zorn und wandte sich zur Treppe, die hinauf führte.
„Thorin“, rief ich und schlug mit den Flügeln als ich endlich frei kam. Ich stieß einen Schrei aus, der Thorin stets eine Warnung gewesen war, und stürzte an ihm vorbei auf das Gesicht des Elben zu, der gerade um die Ecke bog. Hinter mir hörte ich Thorin losrennen und die Treppe hinunterpoltern. Ich hatte dem Elb ein paar tiefe Kratzer zugefügt, die er mit einem wütenden Aufschrei und wildem Gefuchtel der Hände beantwortet hatte. Ehe er mich jedoch zu fassen bekam, war ich in die Höhe gestiegen und schoss nun hinter Thorin her.

„Hier entlang“, hörte ich Bofur rufen, der an einer Wegkreuzung stand und wild gestikulierte, ehe er weiterrannte und Thorin so den Weg hinunter zeigte. Kurz darauf gelangten wir in den Weinkeller, wo ein paar Wachen offenbar sturzbetrunken eingeschlafen waren. Ein paar Fässer waren liegend aufgeschichtet und Bilbo war offenbar damit beschäftigt, die Zwerge davon zu überzeugen, in diese hineinzuklettern.
„Tut, was er sagt“, befahl Thorin und ich fragte mich, ob er überhaupt erfasst hatte, was Bilbo vorhatte. Die Zwerge jedoch gehorchten prompt und ich hätte laut gelacht, wäre unsere Situation nicht so brenzlich gewesen, als kurz darauf aus jedem Fass ein Zwerg herausschaute. Ein Aufschrei ging durch die Meute als Bilbo einen Hebel zog, die Fässer eine so entstandene Rampe hinunterrollten und die Zwerge in ihren Fässern mit einem Platschen ins Wasser eines unterirdischen Flusses fielen. Ich zog über ihnen ein paar Kreise und beobachtete, wie einer nach dem anderen prustend wieder auftauchte.
„Bilbo“, rief ich. „Er ist noch dort oben.“
„Haltet eure Fässer gegenseitig fest und bleibt, wo ihr seid! Wir warten!“
Die Zwerge riefen sich Thorins Befehl immer wieder zu, paddelten gegen den noch leichten Strom an und sahen immer wieder erwartungsvoll zu dem schmalen Spalt, durch den das Licht des Palastes schien, unter dem sie sich nun befanden. Ein erschrockener Schrei, den ich mit einem eben solchen erwiderte, hallte von den Felsen wider als Bilbo an mir vorbei in die Tiefe stürzte und schließlich mit einem lauten Platschen ins Wasser fiel. Gebannt sah ich auf die Stelle, an der der Hobbit die Wasseroberfläche durchbrochen hatte und die nun die typischen kreisförmigen Wellen schlug, und beobachtete erleichtert, wie er prustend auftauchte.
„Gut gemacht, Meister Beutlin“, lobte Thorin ihn und wirkte ebenso erleichtert, wie ich es war. Er zog Bilbo, der nur leicht nickte und noch nicht zu glauben schien, dass er diesen Sturz unbeschadet überstanden hatte, zu einem der Fässer und deutete den anderen an, dem Fluss zu folgen. Langsam folgten die Fässer der Strömung flussabwärts.

„Was siehst du“, fragte Thorin mich, als es vor uns heller wurde, und schickte mich so voraus. Für einen Moment kamen mir wieder Thranduils Worte in den Sinn, denn ungeachtet dessen, was dort vorne auf uns warten würde, forderte Thorin meinen Bericht.
„Licht“, gab ich daher nur knapp von mir. Die Frage ob eines Streits zwischen Thorin und mir seitens Kíli ignorierte ich. Bevor ich jedoch weiter darüber nachdenken konnte, erklang ein Horn, das nur von den Wachen der Elben sein konnte. Prompt packte mich nicht nur das schlechte Gewissen, sondern auch die Angst um Thorin, die ich bei jedem fremden Hornstoß oder Kampfschrei empfand. Natürlich konnte er sich durchaus verteidigen und war erfahren im Umgang mit Waffen, daran zweifelte ich nicht. Trotzdem blieb stets ein mulmiges Gefühl. So flog ich schließlich doch voraus, um zu sehen, was vor uns lag.
„Das Wasser fällt ein kleines Stück, keine zwei Meter. Der Flusslauf nimmt zu, die Strömung ebenso. Die Elben sind euch auf den Fersen, sie strömen aus dem Palast auf den Fluss zu.“
„Verdammt“, knurrte Thorin.
„Mit denen werden wir fertig“, rief Dwalin entschlossen und erntete zustimmende Rufe.
„Nein“, entschied Balin. „Es sind zu viele und wir unbewaffnet. Wir können nichts tun.“
„Diȃ, was siehst du noch?“
„Ein Tor im Wasser. Der Hornstoß war offenbar ein Signal an die Wachen dort, es zu schließen. Euch bleibt nicht viel Zeit! Beeilt euch!“
Ich sah mich nach einer anderen Fluchtmöglichkeit um, doch der Fluss schien mir der schnellste Weg. Vorausgesetzt, die nun zunehmend mit bloßen Händen paddelnden Zwerge passierten es, ehe es sich schloss. Ich stieß einen Warnschrei aus, als ich etwas entdeckte, das mir gefährlicher schien als die uns verfolgenden Elben.
„Orks“, rief ich im selben Moment als Thorin an das direkt vor ihm verschlossene Wassertor gelangte. Die Zwerge saßen, hinter ihnen die Elben, vor ihnen Orks, in der Falle.
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