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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
19.06.2021
26
89.764
23
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24.11.2020 2.966
 
Hallo zusammen!

Hier kommt tatsächlich ein neues Kapitel (ich fürchte, die Prokrastination hat nun auch mich erwischt), das mich von der Uni abhält. Ich schätze, viele von euch haben Thranduil entgegen gefiebert und sind gespannt, was der Elbenkönig sich einfallen lässt, um an die weißen Edelstein zu kommen und wie er eine gewisse Rabendame für seine Zwecke nutzen wird. Hier kommt die Antwort! ;)

Mein Dank gilt wie immer meinen beiden Review-Schreiberinnen, die mich wissen lassen, dass man auch dieser Reise zum Erebor folgen kann.
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Kapitel 21

Gefangen im verdunkelten Käfig, den ich noch immer mit dem Schnabel bearbeitete, als könnte er nach meinen zahlreichen erfolglosen Versuchen zu entkommen doch noch eine Schwachstelle aufweisen, schrie und krächzte ich, spie dem Elbenkönig Beleidigungen entgegen, die er wahrscheinlich gar nicht mehr hören würde. Dem leichten Geschaukel und dem Geräusch einer leise geschlossenen Tür nach zu urteilen war ich in einen Nebenraum gebracht worden. Mein Zetern würde, wenn überhaupt, wohl nur auf taube Ohren stoßen.
„Lass mich sofort hier raus! Aufmachen!“
Ich hielt einen Moment inne als ich glaubte, etwas gehört zu haben. Ich lauschte angestrengt, doch es blieb so still wie zuvor. Vor mich hin murrend und Thranduil und seine Sippschaft verfluchend machte ich mich schließlich daran, mein Gefieder zu säubern und diese widerlichen Spinnweben loszuwerden. Was nützte es auch, mich jetzt heiser zu schreien und all meine Kräfte sinnlos einzusetzen, wenn ich in einem möglichen günstigen Moment schließlich zu schwach war, um zu flüchten?
„Dieser verdammte…wenn ich den in die Krallen kriege…verfluchter Waldelb…Augen aushacken…erst Spinnen und jetzt das…blödes Gesicht zerkratzen…“
Immer wieder schimpfte ich über meine Lage und stellte mir vor, was ich mit diesem hinterlistigen, arroganten (und durchaus gefährlichen) Elbenkönig anstellen würde.
„…und dann fresse ich seine verdammte Leber!“
„Wenn du an deinem Leben und dem der anderen hängst, solltest du vorsichtiger sein, welche Wünsche und Verwünschungen du laut äußerst.“
Ich erstarrte als ich eine mir inzwischen gut bekannte Stimme hörte und blinzelte, um mich an das plötzliche Licht zu gewöhnen als das Tuch ein wenig angehoben wurde.
„Bilbo“, erkannte ich erleichtert, wer vor mir stand. „Hol mich hier raus!“
„Pssst! Nicht so laut, hier sind doch überall Wachen! Ich kann dich nicht einfach rauslassen, ich habe noch keinen Weg hinaus gefunden und du würdest zu sehr auffallen, wenn du hier herumfliegst. Ich habe die Zwerge in den Kerkern gefunden, doch Thorin ist nicht bei ihnen.“
„Thranduil wollte ihn sprechen und mit ihm verhandeln. Ich wurde nicht weit getragen, er muss in der Nähe sein“, überlegte ich laut und sah mich im Raum um. Ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, ein paar Fässer und Krüge verschiedener Größen, ein paar Truhen, zwei Türen, die irgendwo hinführten. Doch für mich, die ich keine Türen öffnen konnte, kein Weg hinaus. Verärgert schüttelte ich das Gefieder auf, in dem noch immer mehr als genug Spinnweben klebten, das mich aber wenigstens für kurze Strecken tragen würde.

Laute Stimmen hinter einer der Türen zogen meine und Bilbos Aufmerksamkeit auf sich und meine Vermutung, dass Thorin und Thranduil bereits aneinandergerieten, bestätigte sich kurz darauf, als Bilbo sich nach einer kurzen Entschuldigung und dem erneuten Abdunkeln des Käfigs auf leisen Sohlen zur Tür schlich und sie geräuschlos öffnete.
„…habt Euch abgewandt! Ihr habt keinerlei Anteil genommen am Leid meines Volkes! An dem Inferno, das uns vernichtet hat! Imrid amrâd ursul!“
„Erzählt mir nichts vom Drachenfeuer! Ich weiß, wie wütend und tödlich es ist.“
Ich fragte mich kurz, woher er das wissen sollte, wenn er die Zwerge in ihrer Not im Stich gelassen hatte, doch was wusste ich schon über die wahrscheinlich tausende von Jahren, die Thranduil bereits in Mittelerde weilte, und welche Schlachten er in längst vergangenen Zeitaltern geschlagen hatte? Welche Verluste er erlitten und welche Wunden davongetragen hatte? Waren diese Feuerschlangen des Nordes, die er nun ansprach, der Grund dafür, warum er Smaug und Erebor ferngeblieben und den Zwergen nicht zu Hilfe geeilt war?
„Ihr seid genau wie er“, verglich der Elb schließlich Thorin mit seinem Großvater. „Bleibt hier, wenn ihr wollt, und verfault. Hundert Jahre sind nur ein Wimpernschlag im Leben eines Elben. Ich habe Geduld, ich kann warten.“
Ich hörte Thorin wütend aufbrüllen und dass er sich offenbar gegen den Griff der Wachen wehrte, die ihn zurück in die Kerker bringen sollten. Entgegen besseren Wissens und Bilbos Warnung stieß ich einen Schrei aus und versuchte erneut aus dem Käfig zu gelangen.
„Diȃ“, rief Thorin nun nach mir. „Lasst mich los! Was habt Ihr mit ihr gemacht?“
„Oh, gar nichts. Sie ist sicher verwahrt, seid Euch dessen gewiss. Sie ist unbedeutend. Ich hatte schon fast vergessen, dass ich noch keinem meiner Wachen aufgetragen habe, Eurem kleinen Haustier etwas Wasser und Futter zukommen zu lassen.“
„Ihr mögt mit mir umgehen und mir antun, was ihr wollt. Doch seid Euch meiner Rache gewiss, solltet Ihr ihr ein Leid zufügen. Dann werden Euch eure Mauern nicht vor mir retten können. Dann werde ich Euren Kopf spalten und das Grinsen aus Eurem Gesicht reißen!“
„Ihr seid schnell mit Euren Drohungen, Thorin Eichenschild. Und offenbar töricht genug zu glauben, sie würden mich einschüchtern oder etwas bewirken. Überdenkt Eure Lage: Ihr seid mein Gefangener, Eure Freunde sitzen in den Verliesen und Euer Rabe in einem Käfig. Ihr aller Leben liegt in meiner Hand und ich kann darüber verfügen, wie es mir gefällt. Ich kann ihnen Wasser und Nahrung verwehren und sie verrotten lassen. Ich kann sie hinrichten, wenn es mir beliebt. Eure Drohungen werden sie nicht retten, ganz im Gegenteil.“

Thorin schwieg daraufhin, auch wenn es ihm angesichts seiner Wut wohl alles andere als leicht fiel, und musste wohl oder übel anerkennen, dass er nicht in der Position war, Drohungen auszusprechen oder weitere Handelsvorschläge abzuschlagen, wenn er die Kerker jemals wieder verlassen und seine Freunde und Verwandten lebend und wohlbehalten wiedersehen wollte. Ich hörte Thranduil amüsiert schnauben.
„Euch liegt viel an dem Raben“, bemerkte er. „Für sein Wohl, um das Ihr Euch solche Gedanken macht, soll gesorgt sein. Es soll ihm an nichts fehlen, wenn Ihr mein Angebot annehmt. Ich lasse Euch frei, wenn Ihr mir die weißen Edelsteine aus reinem Sternenlicht überlasst. Vielleicht habt Ihr tatsächlich das Glück, den Berg zurückgewinnen zu können und zu überleben, ehe der Wahnsinn von Euch Besitz ergreift, so wie er Euren Großvater befiel.“
„Thorin“, sprach ich ihn an, um ihn von der in seiner Brust schwelenden Wut abzulenken. „Egal, was er verlangt oder droht mir anzutun, du darfst dich nicht darauf einlassen!“
„Schweig still“, herrschte Thranduil mich an. Seine Stimme hinterließ in der weiten Halle ein Echo, das ihn mir noch bedrohlicher erscheinen ließ, so dass ich prompt gehorchte.
„Wo ist sie“, hörte ich Thorin fragen. „Ich will sie sehen und mich selbst von ihrem Wohlergeben überzeugen. Ich werde keinem Handel zustimmen, ohne sie gesehen zu haben, und mich Eurem Willen nicht beugen, wenn Ihr auch nur eine Feder fehlt.“
„Ihr meint eine Feder wie diese“, fragte Thranduil, höhnend und sich offenbar an der Wut und der deutlich erkennbaren Schwäche des Zwergenkönigs erfreuend.

Einen kurzen Moment lang, der mir schrecklich lang erschien, herrschte schweigen. Dann hörte ich leise Schritte, ehe ein leichter Ruck durch den Käfig ging und ich offenbar zurück in den Thronsaal gebracht wurde. Ich lauschte angestrengt und krächzte leise als das Tuch angehoben wurde und mich das Licht, das dennoch nicht sonderlich hell, geschweige denn freundlich und einladend wirkte, blendete. Als erstes erkannte ich Thranduil, der nun die Treppen zu seinem Thron heraufgegangen war und dort Platz genommen hatte. Er überragte alle Anwesenden so um gut drei Meter und sah hoheitlich und überheblich auf sie hinunter (was vermutlich der Sinn hinter einem so hochgelegenen Thron war). In seiner Hand hielt er die Feder, die er bei unserem Gespräch vom Boden aufgelesen hatte, und drehte sie gut sichtbar zwischen den Fingern hin und her, um Thorin ununterbrochen zu provozieren und ihm zu verdeutlichen, dass dieser hier machtlos und den Launen des Elben ausgesetzt war. So wie ich und die anderen Zwerge auch.
„Diȃ“, hörte ich zu meiner Linken und wandte den Kopf, krächzte Thorin eine leise Begrüßung entgegen und musterte ihn wie üblich auf der Suche nach möglichen Verletzungen, doch abgesehen von seinem Stolz schien er unversehrt. Er machte ein paar Schritte auf mich zu, doch die Wachen versperrten ihm schnell den Weg.
„Lasst mich durch“, forderte er knurrend.
„Nein“, antwortete Thranduil und klang weitaus gelangweilter als er tatsächlich zu sein schien. Langsam kam er die Stufen wieder hinunter und schritt auf den Käfig und mich zu.
„Ihr wolltet Sie sehen und das habt Ihr. Nun überdenkt mein Angebot und wählt Eure Antwort mit Bedacht. Ich wäre ungern für die Schmerzen eines so edlen Geschöpfes verantwortlich, auch wenn es momentan eher verwahrlost aussieht. So sehr Ihr auch vorgebt, Euch um Euren Raben zu sorgen, spricht sein Äußeres doch dafür, dass Ihr ihn willentlich in Gefahr bringt. Das Gefieder verklebt und zerzaust, eine alte Verletzung am Flügel – von einem Pfeil, nehme ich an – etliche Schrammen…und ein leidendes, schmerzendes Herz, das den Verstand verwirrt. Sie weiß nicht, wo sie hingehört. Kein Wunder, wenn sie Euch vertraut und Ihr sie wiederholt dem Tod entgegenhaltet.“
„Ihr wisst gar nichts über sie“, spie Thorin dem Elbenkönig entgegen. „Nichts über ihr Herz oder das irgendeiner anderen Kreatur. Das Eure ist kalt wie ein Bergsee im Winter. Ihr kümmert Euch um niemanden als Euch selbst, schert Euch nicht um das Wohl anderer. Habt Ihr jemals Liebe erfahren? Seid Ihr überhaupt fähig, selbst Liebe zu empfinden?“
„Liebe“, wiederholte Thranduil als wäre das das einzige Wort, das verstanden hatte. „ihr glaubt, es sei Liebe, die Euch und den Raben verbindet? Das mag auf den Vogel zutreffen, der Euch treu folgt und jegliche Strapazen und Gefahren auf sich nimmt, um an Eurer Seite zu bleiben. Doch auf Euch? Liebt Ihr denn etwas mehr als das Gold Erebors?“
„Wie könnt Ihr es wagen“, begann Thorin, wurde jedoch jäh unterbrochen.
„Wir werden sehen, wie groß Eure Liebe ist, wenn Ihr erst den Berg erreicht. Solltet Ihr ihn erreichen, was ich bezweifle. Ihr seid unbelehrbar, Thorin Eichenschild. Eure Sturheit und Euer Jähzorn werden Euch den Tod bringen, kein Ork, kein Drache und auch ein verfluchtes Gold.“
Thranduil machte eine wegwerfende Handbewegung und ich übte mich erneut in sinnlosem Schimpfen und Zetern als der Käfig wieder verdunkelt und angehoben wurde.

„Nein! NEIN! Diȃ! Was habt Ihr mit Ihr vor?“
„Das hängt von Euch ab“, hörte ich Thranduil antworten. „Willigt ein und der Weg steht Euch und Euren Gefährten, ebenso wie Eurem Raben frei. Ich habe Zeit, doch auch meine Geduld hat Grenzen. Reizt mich nicht unnötig, wenn Ihr nicht wollt, dass sie Federn lässt und Euretwegen Hunger und Durst leiden muss.“
Ich hörte Thorin eine Beleidigung knurren, dann fiel die Tür ins Schloss und die Stille kehrte zurück. Ich vermutete, dass Thranduil Thorin zurück zu den Kerkern bringen ließ und sich nun genüsslich in dem Gefühl der grenzenlosen Überlegenheit suhlte. Er hatte Thorin in der Hand und war sich dessen nicht nur allzu bewusst, sondern nutzte diese Gelegenheit auch offenbar scham- und skrupellos aus. Und mit mir, isoliert von Thorin, der vor Sorge vermutlich verging und vor Wut schäumte, hatte er das wirkungsvollste Druckmittel gegen den Zwergenkönig in der Hand, das er haben konnte, sofern er diesem nicht den Arkenstein präsentieren konnte. Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht als ich begann über Thranduils Worte nachzudenken.

Was würde geschehen, wenn Thorin den Berg erreichte und den Arkenstein fand? War er seinem Großvater doch ähnlicher, als er (und auch ich) immer angenommen hatte? Wenn er der Drachenkrankheit erlag, das Gold ihm den Verstand raubte…was würde dann aus mir? Würde er mich verstoßen, wenn ich versuchte, ihn zur Vernunft zu bringen? Würde er mich ebenso als sein Eigentum ansehen wie die Schätze tief in den Hallen des Berges und mich einsperren? Würde er mich in einem unkontrollierten Wutausbruch erschlagen? Mir die Flügel ausreißen, wenn ich zu flüchten versuchte? Liebte er wirklich nur das Gold und die Edelsteine, sehnte sich nur nach der Krone und interessierte sich nicht für das Wohl seines Volkes? Das seiner Freunde, Verwandten und, in meinem Falle, sofern man dem Ganzen letztlich Glauben schenken konnte, seiner Gemahlin und Königin?
Es stimmte, dass ich mich immer wieder in Gefahr gebracht hatte, um Thorin zu helfen und zu retten. Doch hatte er mich tatsächlich wiederholt willentlich diesen Gefahren ausgesetzt und meinen Tod in Kauf genommen? Berührte ihn mein Schicksal tatsächlich nicht im Geringsten? War ich ihm letztlich völlig gleichgültig?
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mir all die Jahre etwas vorgespielt hatte und mich nur benutzte, um seine eigenen Überlebenschancen zu erhöhen, indem er rechtzeitig vor möglichen Gefahren gewarnt wurde. Und doch hatte er mich in Bruchtal in den Brunnen getaucht, meine Gegenwehr und Proteste ignoriert und allein nach seinem Belieben über mein Dasein und meine körperliche Gestalt verfügt. Egoistisch, auf seinen eigenen Vorteil aus und seine eigenen Ziele verfolgend hatte er mich meiner Freiheit, die er mir immer wieder beteuert hatte, beraubt und mich an den Erdboden gefesselt.

Mir wurde warm und kalt, Wut wechselte sich mit schierer Verzweiflung und einem Gefühl der Einsamkeit und Leere ab. Hatte Thorin mich an diesem Tag verraten? Würde er es wieder tun? Hatte er jedes Mal, wenn er mich vorausschickte, mit meinem Leben gespielt?
Thranduil hatte durchaus Recht was meine Verletzungen betraf, ich hatte den Pfeil keineswegs vergessen. Auch nicht den entsetzten Gesichtsausdruck auf Thorins Gesicht als ich zu ihm zurückflog und schließlich vom Himmel fiel. Den Unwillen, sich von mir zu trennen, als die Warge aufgeholt hatten und letztlich die Erleichterung als Lindir mich nach Bruchtal gebracht hatte. Die Angst, als ich mich an der Klippe zwischen ihn, schwer verletzt und außer Gefecht gesetzt, und den Ork gestellt hatte, der Azog seinen Kopf bringen sollte. Die Freude, mich unversehrt wieder an seiner Seite zu wissen. Das Verständnis, als er akzeptierte, dass ich nicht mehr die Zwergenfrau war, die ich wohl einst gewesen bin, sondern ein Rabe, der (egal in welchem Körper), fliegen musste.
Und auch nicht die Enttäuschung, dass ich eben diese Zwergenfrau nicht mehr war.

Wenn ihm so viel an mir lag, wie er vorgab…gar von Liebe sprach… Warum hatte er nicht in Thranduils Handel eingewilligt? War der Hass in ihm größer als alles, was er für mich und die ihm treu ergebenen Zwerge empfand? War er tatsächlich so selbstsüchtig und stur, dass er unser aller Leben in die kalten Hände des Elbenkönig legte? War ihm die Wahrung seines Stolzes so wichtig, dass er nicht einmal darüber nachdachte, sich den Forderungen Thranduils zu fügen? Dass er eher riskierte, dass wir alle verhungerten und verdursteten? War er sich dessen bewusst, dass Thranduil wusste, dass es ihm keineswegs gleichgültig war, was mit mir geschah?

Oder sollte ich mich tatsächlich so in ihm irren?
In Thorin, den ich seit hundertsiebenundsechzig Jahren folgte und zu kennen glaubte? Den ich länger liebte, als ich mich erinnern konnte? Der nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes der Grund war, warum ich atmete?

Ich sah reflexartig auf als sich eine Tür öffnete, konnte jedoch durch das Tuch nicht sehen, wer eintrat. Der Geruch jedoch war eindeutig. Ich hatte ihn mir bereits fest eingeprägt (erstaunlich, was Angst alles bewirkt) und war daher nicht überrascht als Thranduil selbst das Tuch vom Käfig nahm und mich aus eiskalten blauen Augen musterte. Ich starrte stumm zurück, was hatte ich ihm schon zu sagen?
„Euer Zwergenkönig ist sturer, als ich angenommen hatte“, erklärte er ruhig und wandte sich ab, um das Tuch auf eine der nahen Kisten zu legen. Ich schwieg noch immer.
„Verzeih mir mein Vorgehen, doch auch ich habe Ziele, die ich zu erreichen gedenke.“
„Die Demütigung Thorin Eichenschilds gehört dazu“, fragte ich sarkastisch.
„Sie ist ein netter Nebeneffekt, zugegeben. Doch nein, mein Interesse liegt einzig und allein bei den Steinen aus Sternenlicht. Er weigert sich, wie erwartet.“
„Ich sagte doch, er würde sich auf keinen Handel einlassen.“
„Nicht einmal, um Euch zu schützen. Kein König würde das eigene Wohl über das seines Volkes stellen. Und kein liebender Ehemann das eigene Leben über das seiner Frau. Ich kenne die Geschichten über Euch, Diȃ, die nie gekrönte Königin unter dem Berge.“
Ich wich Thranduils Blick unbehaglich aus, doch er starrte mich weiterhin an.
„Daher werdet Ihr diejenige sein, die Eichenschild umstimmt. Ich werde Euch gemeinsam Eurer Wege ziehen lassen, die anderen furchtbar stinkenden Zwerge könnt Ihr mitnehmen. Ihr sollt wieder mit Eurem König vereint sein, wie Euer Herz es ersehnt. In Euren Einzelteilen, wenn es sein muss. Versagt Ihr, werde ich Eichenschild Stück für Stück mit den Konsequenzen seiner Sturheit konfrontieren. Feder für Feder, Knochen für Knochen.“

Ich schluckte und versuchte den Schock ob dieser grausamen Drohung zu verbergen, doch mir stand bereits der Schnabel offen und mein Herz raste. Das würde er nicht wirklich tun, oder? Auf der Suche nach einem Hinweis, dass er mir nur Angst machen wollte, musterte ich sein Gesicht, auf dem sich nun ein leichtes überlegenes Lächeln ausbreitete.
„Und wie soll ich das anstellen“, wagte ich zu fragen.
„Ich werde Euch zu ihm bringen lassen. In diesem Käfig, Ihr seid noch immer eine Gefangene. Es ist mir egal, wie Ihr ihn überzeugt und was Ihr ihm erzählt. Wenn ihm wirklich etwas an Euch liegt, wird er die richtige Entscheidung treffen. Bis dahin…“
Ich schrie panisch auf als er offenbar in einer fließenden Bewegung den Käfig öffnete, hineingriff und mich im Nacken packte, mir eine Schwungfeder ausriss und den Käfig wieder verschloss. Ich schüttelte mich und sah nun noch zerzauster aus als ohnehin schon.
„…sollte ihm das hier eine Warnung sein.“

Mit einem letzten überheblichen Lächeln verließ er den Raum und überließ mich meiner Angst, den Zweifeln und aussichtslosen Suche nach einer Lösung. Diese eine Feder war nur der Anfang, wenn man Thranduils Worten Glauben schenken konnte. Welchen Preis würden meine Bemühungen um Thorins Leben, Wohl und Glück noch fordern?
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