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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
03.01.2021
22
77.589
20
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Dieses Kapitel
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18.11.2020 3.633
 
Hallo meine Lieben!

Ich bin selbst erschrocken, wie viel Zeit seit dem letzten Kapitel vergangen ist, und entschuldige mich dafür, euch so lange in der Luft hängen gelassen zu haben. Das Studium hält mich mächtig auf Trab, so dass ich froh bin, wenn ich abends noch wach genug bin, um zu schreiben, und meine Gedanken sich nicht mehr um die unzähligen fachlichen Texte drehen. Ich hoffe, dass ich mich demnächst wieder regelmäßiger unserer Reise hier widmen kann und ihr auch weiterhin mitfiebert.

Mein Dank gilt wie immer meinen Reviewern, ich freue mich natürlich über jeden weiteren Kommentar. Nun bleibt mir nur noch, euch viel Spaß beim Lesen zu wünschen. :)

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Kapitel 20

Erleichtert und dankbar beobachtete ich den Angriff der Elben, die selbst beim Schwingen ihrer Schwerter elegant und anmutig wirkten, als würden sie mit der Klinge tanzen statt töten. Immer mehr Elben, hochgewachsen und mit ebenmäßigen Gesichtern, denen wie üblich nicht der winzigste Hinweis auf ihr Alter zu entnehmen war, traten zwischen den Bäumen und dem Geäst hervor, ihre Kleidung in den verschiedensten Braun- und Grüntönen, so dass sie im Wald kaum von diesem zu unterscheiden waren, wenn sie sich still verhielten. Ich fragte mich prompt, wie lange sie uns womöglich schon beobachtet hatten, ehe sie entschieden, einzugreifen und die Spinnen letztlich in die Flucht zu schlagen.
Noch immer angespannt, um die Zwerge besorgt und gegen den Drang ankämpfend, mich immer wieder zu schütteln und mit dem Schnabel durch das Gefieder zu streifen, um diese widerlichen Spinnweben endlich loszuwerden, saß ich auf einer der riesigen Wurzeln eines Baumes, auf der Fíli mich abgesetzt hatte, und verlor alle Erleichterung über das Einschreiten der Elben, als diese nun Bögen und Schwerter auf die Zwerge richteten. Ich stieß einen heiseren Schrei aus und duckte mich bereits, um mich abzustoßen und den Elb, der Thorin am nächsten stand und vor dessen Klinge er zurückgewichen war, einen Moment abzulenken und den Zwergen so einen winzigen, kurzen Vorteil zu verschaffen. Mein Blick kreuzte Thorins, der leicht den Kopf schüttelte und mir so bedeutete, mich zurückzuhalten und zu bleiben, wo ich war. Ich schlug mit den Flügeln, um das Gleichgewicht wiederzufinden, als ich Thorins Befehl (denn eine Bitte war es ganz sicher nicht) Folge leistete und meinen Abflug abbrach, als ich mich bereits abgestoßen hatte. So ließ ich mich wieder auf den Ast fallen und versuchte, nicht von diesem herunterzufallen, denn meine Flügel waren tatsächlich bis zur Unbrauchbarkeit verklebt. Einen kurzen Moment lang hatte ich ein seltsames Déjà-vu, dessen Inhalt mir rückblickend tausendmal lieber gewesen wäre als die misslichen Lagen, denen wir bisher glücklicherweise stets entkommen waren. Doch scheinbar jedes Mal nur, um anschließend in die nächste Katastrophe zu geraten.

„Durchsucht sie“, hörte ich einen der Elben befehligen und sah dabei zu, wie sie den Zwergen die Waffen abnahmen und sie nach weiteren durchsuchten. Ich weiß nicht, warum mir dieser Gedanke kam und noch weniger kann ich erklären, was mich daran so amüsierte, doch als ein Elb vor Fíli trat, verfolgte ich gespannt, wie viele Messer und Dolche der junge Zwerg tatsächlich bei sich trug. Ich war doch immer wieder überrascht, dass er immer noch eins in den Tiefen seines Umhangs fand, das er auf seine Feinde werfen konnte, um sich und seine Freunde zu verteidigen. Gebannt und höchst interessiert sah ich nun zu, wie der Elb ein Messer nach dem anderen entdeckte und an sich nahm: Zwei steckten im Wams auf Brusthöhe, zwei hielt Fíli noch in der Hand, ein weiteres war unter seinem Fellkragen auf Höhe des Schlüsselbeins versteckt, weitere steckten in seinem Gürtel und in den Stiefeln. Dass er sich bei den abenteuerlichen Wettrennen mit den Orks und Wargen und mit Beorn nicht selbst filetiert hatte, grenzte wohl an ein Wunder. Der Elb, scheinbar ebenso verblüfft darüber, wo der Zwerg überall seine Messer und Dolche versteckt hatte, rief mit einem stummen Kopfnicken schließlich einen seiner Kumpanen heran, um ihm die konfiszierten Waffen zu überreichen. Er konnte sie schlicht und einfach nicht alle gleichzeitig halten und dabei den Zwerg weiter durchsuchen.

Ein Elb mit hellblondem Haar, offenbar der Befehlshaber der Kompanie, die die Zwerge umstellt hatte, war aus den Reihen hervor und auf Gloin zu getreten, der sich nun darüber empörte, dass der Elb sein Medaillon an sich nahm und auch noch unhöflich nachfragte, welch scheußliche Kreatur denn auf dem Bild darin abgebildet war.
„Das ist mein kleiner Junge! Gimli!“
Der Elb zog nur skeptisch eine Augenbraue hoch und schien in seiner Ansicht über die Scheußlichkeit des Zwergenkindes bestätigt. Ohne, dass er mir bisher auch nur einen Funken seiner Aufmerksamkeit gespendet hatte, entwickelte ich eine wachsende Abneigung gegen den Blonden, der mit einer an Arroganz grenzenden Überheblichkeit durch den Wald zu stolzieren und alles als seiner nicht weiter würdig zu erachten schien, das nicht zu seinem Volk gehörte. Deutlich, als würde er just in diesem Moment mit mir sprechen, erinnerte ich mich plötzlich an jedes Wort der Warnung, die Lindir mir bei unseren Überlegungen, wo ich die Zwerge wohl finden würde, über diese Elben gegeben hatte:
„Die Elben des Düsterwaldes sind nicht wie wir. Sie sind kriegerischer, weniger an den Geschehnissen Mittelerdes als an denen in ihren eigenen Landen interessiert, distanziert und kühl und ich möchte meinen, dass sie auch weitaus gefährlicher sind. Ihr König Thranduil wird euch kein Festmahl bereiten, wenn er euch überhaupt etwas zu Essen zukommen lässt. Eher lässt er euch in den Kerkern verrotten, fürchte ich. Er ist –“

Unruhe machte sich breit als der blonde Elb etwas rief, das ich nicht gleich verstand. Auch, wenn ich als Rabe durchaus in der Lage war, mit Elben zu kommunizieren (oder die Elben mit mir), muss ich an dieser Stelle anfügen, dass die Elben des Düsterwaldes einen ganz eigenwilligen Akzent oder Dialekt zu haben schienen. Als die Elben jedoch die murrend und, in Anbetracht der Überzahl der Elben und ihrer eigenen Waffen beraubt, sich kaum wehrenden Zwerge abführten, hätte wohl jeder verstanden, welchen Befehl der Blonde gegeben hatte. Ich blieb still sitzen, um nicht auf mich aufmerksam zu machen und möglichst schnell einen Weg zu finden, den Zwergen aus der Gefangenschaft zu verhelfen, was natürlich nur möglich war, wenn ich nicht ebenfalls in den Kerkern oder einem Käfig landete. Doch besagter Elb hatte mich keineswegs vergessen und fixierte mich nun aus stechend blauen Augen, denen ich bald auswich, um mich möglichst unauffällig umzusehen. Das Kopfnicken, mit dem er einen seiner Gefolgsleute in meine Richtung schickte, entging mir jedoch nicht. Der (mehr oder weniger) Angesprochene nickte seinem Befehlshaber knapp zu.

Auf diesen unausgesprochenen Befehl hin geschahen mehrere Dinge gleichzeitig und folgten so schnell aufeinander, dass ich mich vor Schreck und angespanntem Beobachten nicht rühren konnte. Der Elb zog so schnell einen Pfeil aus seinem Köcher und hatte scheinbar im selben Bruchteil einer Sekunde die Sehne gespannt, dass ich die auf mich gerichtete Pfeilspitze erst bemerkte als ich die protestierenden Ausrufe der Zwerge hörte.
„Nein“, brüllte Thorin und versuchte sich von dem ihn bewachenden Elben zu befreien, die ihn festhielten als er bereits einen Schritt zu dem Blonden gemacht hatte.
„Diȃ“, hörte ich Dwalin meinen Namen rufen als er Thorin folgte und sich ebenso wehrte.
„Bei Durin“, entkam es Ori, der nicht zu wissen schien, ob er das Geschehen verfolgen oder sich lieber die Augen zuhalten sollte und unruhig von einem Fuß auf den anderen trat.
Mir entkam ein heiseres Krächzen als der Elb meine hüpfenden Bewegungen entlang der Wurzel ohne auch nur zu blinzeln verfolgte, sein Ziel nie aus den Augen verlierend. Kíli rempelte ihn wütend brüllend an, wurde jedoch genauso schnell von zwei anderen Elben auf die Knie gezwungen. Bofur, Bifur, Bombur, Gloin, Oin, Nori und Dori redeten wild auf die Elben, besonders den Bogenschützen und den Befehlshaber ein, so dass ein unverständliches, lautstarkes Geschrei und wildes Gestikulieren entstand.
„Reißt ihr eine Feder aus und bringe Euch um“, vernahm ich nun von Fíli und bemerkte bei dem kurzen Blick, dem ich ihm zuwarf, dass der Elb neben ihm ihn erneut nach möglicherweise übersehenen Messern durchsuchte. Der blonde Elb hob stumm die Hand, den Blick interessiert von einem Zwerg zum anderen wandernd, und ich hörte einige der Zwerge erleichtert aufatmen. Der Elb hatte den Bogen sinken lassen. Der Blonde ließ den Blick von mir zu Thorin wandern, den er nun abschätzend musterte. Thorin rief schließlich die Zwerge zur Ruhe und starrte den Elb nun ebenso an, Wut und Hass in seinem Blick. Ich erkannte jedoch noch etwas anderes darin: Selbstvorwürfe, weil er eine Schwäche offenbart und sich so verwundbar gezeigt hatte.

„‘Zeig deinen Feinden gegenüber keine Schwäche! Niemals!‘ Er sagt das, als ob er selbst keine hätte. Als ob er nichts und niemanden hätte, für das oder den es sich zu kämpfen und zu sterben lohnte. Sind ihm seine Söhne und seine Tochter nichts wert? Ist ihm Erebor nichts wert? Ist ihm unser Volk, unser Blut nichts wert?“
Wie oft hatte ich ihn bereits darüber schimpfen und philosophieren hören, dass sein Vater ihn nicht nur zu einem gerechten und weisen Herrscher, der sein Volk liebt und beschützt, sondern zugleich auch zu einem herz- und gefühlslosen Krieger erziehen wollte?
„Wie kann ich mein Volk beschützen, wenn ich mich von Drohungen und Kriegen unberührt zeigen soll? Wie soll ich mit Herz und Verstand ein Königreich regieren, wenn ich mein Herz verschließen und verbergen soll? Ich liebe mein Volk und meine Heimat, das kann ich weder leugnen, noch sehe ich, wie das Verhandlungen zu meinem Nachteil gestalten soll. Wenn ich in ihrem Sinne handeln soll, muss ich mich doch, wie mein Vater sagt, von meinem Herzen und meinem Verstand leiten lassen. Aber wie, wenn ich nicht das Leben jedes einzelnen Zwerges schätze? Jeden Stein als gleichwertigen Teil Erebors ansehe?“
„Ich weiß es nicht, Thorin. Aber ich denke nicht, dass er damit gemeint hat, dass du dein Volk und deine Heimat nicht lieben sollst. Ich bin sicher, dass dein Vater dir diese Ratschläge nicht grundlos und ohne gute Absichten gibt. Sicher werden dir seine Worte eines Tages nützlich sein und du, wenn du dich an sie an sich erinnerst, ein guter König.“
Er hatte ratlos die Arme in die Luft geworfen, war die ganze Zeit hin- und hergelaufen, so dass ich zunehmend damit rechnete, dass er einen Trampelpfad hinterließ, und ließ sich nun neben mich ins Gras fallen. Ich hatte in der Zeit, in der er sich in Rage geredet hatte, bis er sich bei seiner Argumentation im Kreis gedreht und teilweise widersprochen hatte, so dass er selbst nicht mehr zu wissen schien, was das eine mit dem anderen zu tun hatte, einen Blumenkranz geflochten. So war es mir bereits einige Male ergangen und ich hatte ihn einfach weitersprechen lassen, bis er sich wieder beruhigt hatte. So auch dieses Mal.
„Ja“, seufzte Thorin und reichte mir3 die letzte der gepflückten Blumen. „Das hoffe ich.“
„Davon bin ich überzeugt“, hatte ich ihm Mut gemacht und ihm schließlich grinsend den Blumenkranz aufgesetzt. „Eure Krone, Thorin, Sohn des Thrain, König unter dem Berge.“
Thorin hatte ein kurzes schnaubendes Lachen von sich gegeben und die Augen verdreht, ungläubig den Kopf darüber geschüttelt, dass ich seine Sorgen und Grübeleien von einem Moment auf den anderen wenigstens für eine kurze Zeit verscheucht hatte, hatte den Blumenkranz abgenommen und einen Moment betrachtet ehe er ihn mir aufgesetzt hatte.
„Habt Dank, Diȃ, Tochter von Thefin, doch ich denke, Euch steht sie besser.“
Er hatte mit einer meiner Haarsträhnen gespielt und den Arm um mich gelegt, um mich sanft zu sich zu ziehen und seine Lippen auf meine zu legen.
„Egal, was für ein König ich werde und was mein Vater über das Verschließen des Herzens sagt: Du wirst die frechste Königin, die Mittelerde je gesehen hat.“
Er hatte den Arm noch immer um meine Schultern gelegt und ehe er mich mit einem mir nur allzu bekannten schalkhaften Blitzen in den Augen ansah.


Verwirrt ob des klaren Bildes dieser Momentaufnahme, die sich vor meinem inneren Auge abgespielt hatte, und überfordert mit dem, was ich gesehen hatte und nicht einordnen konnte, so vertraut mir das alles auch schien, lag mein Blick offenbar schon eine Weile auf Thorin, der mich fragend und besorgt ansah. Ich wusste nicht, ober er mich angesprochen hatte oder der Elb mich etwas gefragt hatte, denn er musterte mich ebenso, ehe er dem Bogenschützen, der eben noch auf mich gezielt hatte, erneut zunickte. Statt den Bogen erneut zu spannen, hängte er sich diesen um und trat auf die Wurzel zu, auf der ich saß. Flink und behände, in regelrecht unheimlicher Geschwindigkeit erklomm er den unteren Teil des Baumes und war bereits neben mir, ehe ich mit meinen mehr spinnwebenweißen als rabenschwarzem Flügeln genügend Abstand gewinnen und flüchten konnte.
Mein Schimpfen, Zetern und Geschrei, meine vergeblichen Versuche doch noch aus seiner Reichweite zu fliegen und ihn mit den Krallen zu erwischen, ignorierte der Elb ohne die Miene zu verziehen. Er griff schließlich nach meinen Flügeln, die er mit hinter dem Rücken festhielt, so dass ich mich nur schwerlich bewegen konnte (und mir wie ein Huhn auf dem Weg zur Schlachtbank vorkam), packte meine Krallen mit der anderen Hand und klemmte mich unter seinen Arm. Dass ich mit dem Schnabel nach ihm hackte und weiterhin versuchte, seinem eisernen Griff zu entkommen, schien er nicht einmal zu bemerken. Er schenkte mir nicht einmal einen kühlen Blick.

Noch immer schreiend und krächzend machte ich meinem Ärger und meiner Empörung über meine Gefangennahme Luft, doch Rettung hatte ich keine zu erwarten. Die Zwerge liefen in einer Reihe den schmalen Pfad entlang, flankiert von bewaffneten Elben.
„Loslassen“, schrie ich den Elb schließlich an, strampelte und zappelte und versuchte mit den Flügeln zu schlagen, doch alle Anstrengung war zwecklos. Der Elb verstärkte nur den Griff um mich und versuchte nun, da ich erneut nach ihm hackte, auch noch meinen Schnabel festzuhalten. Zunehmend panisch schlug ich wild und unkoordiniert mit den Flügeln, doch der Elb hatte mich schneller wieder unter den Arm geklemmt, als dass ich auch nur ansatzweise hätte abheben können. Am Ende meiner Kräfte, den Schnabel offen und regelrecht hechelnd, die Federn durcheinander vom Körper abstehend und um einige erleichtert, gab ich meine Gegenwehr schließlich gezwungenermaßen auf. Mein Herz klopfte schnell und heftig in meiner Brust als wolle es hinausspringen und ich hätte schwören können, dass ich mein eigenes Blut rauschen hören konnte. Erschöpft ließ ich den Blick über die Zwerge vor mir schweifen, sofern ich sie bei all den Windungen, die der Pfad hatte, denn sehen konnte, und begegnete kurz Kílis Blick, der nur wenige Meter vor mir lief.

Ich wollte ihm sagen, dass es mir gut ging und ich lediglich erschöpft war, doch ich wagte es nicht. Zu groß war meine Angst, was diese Elben mit mir und den Zwergen anstellen würden, wenn sie bemerkten, dass ich mich ihnen mitteilen konnte. Und noch weniger wollte ich mir vorstellen, was Thorin bevorstehen würde, wenn sie die Wahrheit über das Band zwischen uns herausfanden. Dass ich ihm mehr bedeutete als ein einfacher Vogel, war dem blonden Befehlshaber bereits aufgefallen (nun, Thorins Reaktion war auch mehr als eindeutig gewesen). Ich konnte nur hoffen, dass uns das nicht zum Verhängnis werden würde.

„Bringt Sie in die Kerker“, befahl der Blonde als wir einen Fluss überquert und durch ein hohes, schmales Tor gelangt waren. Wo genau wir uns hier befanden, kann ich nicht sagen, doch es schien aufgrund des fehlenden Sonnenlichtes unterirdisch. Unwillkürlich stellten sich mir die Federn auf, so dass ich nun vermutlich noch derangierter aussah und von dem stolzen Wesen, das ich nun einmal war, nichts mehr zu erkennen war. Erneut versuchte ich dem Griff des Elben zu entkommen, der mich noch immer zwischen Arm und Rippen eingeklemmt hatte, doch auch dieses Mal hatte ich keinen Erfolg.
„Bring ihn zum König. Den Raben auch“, sprach der Blonde nun auf der Sprache seines Volkes und bedachte mich einen kurzen Moment lang mit einem nachdenklichen Blick, ehe er vorausging. Der Elb, der mich trug, und zwei weitere, die Thorin flankierten, folgten ihm. Der Weg zum König führte über Brücken und gewundene Treppen in hohen, weitläufigen Hallen (oder war es gar eine einzige riesige Halle?), so dass es mir schwer fiel, mir den Weg zum ohnehin gut bewachten Tor zu merken. Und was hätte es auch genützt, wenn ich nicht einmal den Händen des Elben entkommen konnte? Mein Blick glitt immer wieder zu Thorin, abschätzend und besorgt, doch er schien unverletzt. Nun, abgesehen von seinem Stolz, denn den Elben derart ausgeliefert zu sein, noch dazu denen des Düsterwalds und somit dem Elbenkönig, dem neben Smaug und Azog all sein Hass galt, und von dessen Gunst abhängig zu sein, die er sich erst einmal würde erkaufen müssen, stand sicher ganz oben auf der Liste der Dinge, die für ihn eine persönliche Krise und Katastrophe darstellten.

Während die Elben vor mir auf ein Handzeichen des Blonden hin stehen blieben und Thorin festhielten, der mir mit den Augen folgte und seine Sorge hoffentlich vor den Elben verbergen konnte, wenn schon nicht vor mir, wurde ich durch eine weitere Tür hindurch und eine weitere Treppe hinaufgebracht. Mein Herz raste erneut als ich den kleinen Käfig entdeckte, auf den der Elb zusteuerte, und ich mich erneut mit Leibeskräften wehrte.
„Loslassen! Nein! Lass mich hier raus“, schrie ich als er mich in den Käfig schob und diesen bereits verschlossen hatte als ich mich umdrehte, um ihn weiterhin anzuschreien und mit dem Schnabel die Gitterstäbe zu bearbeiten, an denen nicht einmal ein Kratzer zurückblieb.
„Euer Geschrei wird Euch nichts nützen“, hörte ich eine tiefe, seltsam angenehme und zugleich eiskalte Stimme und wandte den Kopf. Ein hochgewachsener, hellblonder Elb in weiter Robe, ein paar tote Zweige (oder waren es Teile eines Geweihs? Was auch immer es war, es sollte wohl eine Krone sein…) auf dem Kopf, kam langsam die Stufen hinauf, die ich zuvor hinaufgebracht wurde. Er blieb vor dem Käfig stehen und musterte mich von oben herab, zog nur leicht seine Augenbraue hoch und wandte sich ab, als wäre ich keine weitere Sekunde seiner Aufmerksamkeit wert. An der Treppe entdeckte ich den ebenfalls hellblonden Elb, der den Angriff auf die Spinnen angeführt hatte, und wusste, ohne dass Namen oder sonst irgendwelche Worte gefallen waren, dass es sich hier um Vater und Sohn handelte. Die Ähnlichkeit in Aussehen, Bewegung und Geruch war unverkennbar. Und ohne, dass ich ihm zuvor je begegnet war und ihn nur aus Erzählungen kannte, wusste ich doch nur allzu gut, wer hier stolz und herablassend auf mich hinabsah und dass seine Worte der Wahrheit entsprachen, denn seine Abneigung gegen Thorin war genauso groß wie die Thorins gegen ihn. Man hatte mich direkt zum König des Düsterwaldes gebracht.

„König Thranduil“, versuchte ich es diplomatisch und hoffte darauf, dass seine Ehre und sein Wesen es ihm nicht erlaubten, einen Vogel in einem Käfig zu halten, in dem er geradeso die Flügel strecken konnte. Doch wenn ich ehrlich war, groß war meine Hoffnung nicht.
„Spart Euch Euer Flehen“, unterbrach er mich bereits. „Ihr werdet diesen Käfig nicht verlassen. Eure Worte dies bezüglich interessieren mich nicht, auch um die Freiheit der Zwerge braucht Ihr mit mir nicht zu feilschen. Ihr seid nur ein Rabe, ein Begleiter der Zwerge. Warum solltet Ihr oder Euer Wohl mich interessieren?“
„Hättet Ihr mich hier eingesperrt und das Wort mit mir gesucht, wenn dem nicht so wäre?“
Thranduil starrte mich einen Moment an, dann zuckte ein kurzes amüsiertes Lächeln über sein Gesicht, doch es verschwand ebenso schnell wieder.
„Nicht nur mit Kampfgeist und Mut, sondern auch mit Intelligenz gesegnet, wie es scheint. Ich habe von Euch gehört, Diȃ, die mit den Zwergen reist, Freundin von Elben, Adlern und Gestaltwandlern, die Orks, Warge und auch sonst jeden angreift, der Thorin Eichenschild zu nahe kommt. Die ihm über die Lande hinweg folgt und ihm die Treue hält.“
Ich versuchte, mir den Stolz, den ich bei den Worten des Elbenkönigs verspürte, nicht anmerken zu lassen und mich gleichgültig zu geben. Eine kleine Stimme in meinem Kopf warnte mich davor, auf Thranduils Worte einzugehen, die er als Köder nutzte, um mir zu schmeicheln und mich zum Reden zu bringen. Er wusste ganz offensichtlich nur allzu gut um den Stolz der Raben.
„Eichenschild ist viel an Euch gelegen, den anderen Zwergen scheinbar ebenso. Sie sollen bei Eurer Gefangennahme protestiert, einer sogar mit dem Tode gedroht haben. Welches Band Euch und Eichenschild verbindet, ist mir ein Rätsel, das ich nur zu gern lösen würde.“
„Er rettete mir einst das Leben, seitdem folge ich ihm“, gab ich die übliche knappe Antwort. Ich war keinesfalls gewillt, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen, dessen war sich Thranduil spätestes nach einem weiteren forschenden Blick auf mich ebenso sicher.
„Ungewöhnlich“, war sein einziger, ironischer Kommentar als er an mir vorbeischritt und den Käfig umrundete wie ein hungriges Raubtier. Er hielt inne als er offenbar etwas am Boden entdeckte, sich bückte und es ohne einen weiteren Blick darauf aufhob.
„Vielleicht ist Euer König eher an einem Austausch interessiert“, sagte er gelangweilt, ließ die Gelegenheit jedoch nicht aus, Thorins geerbten Titel vor Hohn triefend zu verspotten.
“Ich kenne Eichenschilds Ziel. Ich lasse ihn und sein Gefolge gehen, wenn er meinen Bedingungen und einem Handel zustimmt.“
„Er wird sich auf keinen Handel einlassen“, versicherte ich dem Elbenkönig, der mich nun regelrecht mit seinem Blick durchbohrte und schließlich ein leichtes Lächeln zeigte, das mich beunruhigte. Er schien mehr zu wissen als er sagte und listiger als ich dachte. Eine kalte Welle der Angst erfasste mich als er meine Aufmerksamkeit auf das lenkte, was er zwischen den Fingern seiner auf Schulterhöhe erhobenen Hand drehte.

Die rabenschwarze Feder in Thranduils Hand war das Letzte, das ich sah, ehe ein Tuch den Käfig verdunkelte und dieser mit einem leichten Ruck angehoben und offenbart fortgetragen wurde. Ich hoffte, dass Thorin sein Temperament beherrschen würde, doch ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, wie gering die Wahrscheinlichkeit dafür war. Die Worte des Elbenkönigs bestätigten meine böse Vorahnung und schürten die Angst in mir.
„Doch, dich denke, das wird er.“
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